„Er war in einem Land der Finsternis, wo man die Tage, oder was man anderswo auf der Welt so nannte, wohl vergessen konnte; und jeden, der hierher kam, konnte man auch vergessen."

Der Turm von Cirith Ungol – Die Wiederkehr des Königs, J.R.R. Tolkien


Das Klagelied der Krähe

~12. bis 14. März 1421 nach Auenland Rechnung~

Teil III


„Was geschieht hier, Sam? Was passiert mit ihm?" rief Rosie panisch. Hilflos musste sie mit ansehen, wie ihr Mann mit dem wild um sich schlagenden bewusstlosen Hobbit auf dem Bett rang. Frodo versuchte sich aus Sams hartem Griff um seine Schultern zu befreien, doch der jüngere Hobbit ließ es nicht zu.

„Ich fürchte er erlebt alles, was auf Cirith Ungol geschah, noch einmal", sagte Sam leise und um Atem ringend. Trotz seines geschwächten Zustands kämpfte Frodo mit entschlossener Stärke gegen ihn an.

„Warum wacht er nicht auf?"

„Ich weiß es nicht, Rosie." Sam seufzte und bemühte sich darauf zu achten, dass Frodo sich nicht selbst verletzte. „Ich war nicht bei ihm und als ich endlich dort hinkam, war es bereits zu spät." Sam unterbrach sich und wandte seinen Blick von seiner Frau ab, noch immer beschämt ob der Wahrheit, die er zugeben musste. „Ich dachte er sei tot, als ich ihn damals in Kankras Höhle fand. Aber er war es nicht und die Orks haben ihn in ihre schmutzigen Finger bekommen. Ich weiß nicht, was sie mit ihm in ihrem Turm angestellt haben. Er hat nie…" Mitten im Satz brach er ab, als Frodo plötzlich aufhörte gegen ihn anzukämpfen und er starr und bewusstlos in seines Freundes Armen lag. Hinter geschlossenen Lidern bewegten sich seine Augen unruhig hin und her. „Er hat Fieber", flüsterte Sam. Er sah seine Frau an und mit feuchten Augen flehte er sie um Hilfe an.


Das breite Grinsen auf Shagrats Lippen verzerrt sein Gesicht zu einer noch abscheulicheren Fratze, während er sich an den gepeinigten Schreien seines Opfers labt.

„Lass dir das eine Lehre sein. Das passiert einem, der sich den Wünschen des Dunklen Herrn nicht unterwirft."

Blind vor Schmerz ringt der Halbling um Atem. Erschöpfung und Angst lassen Tränen seine Wangen hinab rinnen. Er will etwas sagen, aber das Gefühl, als müsste er ersticken, beraubt ihn seiner Stimme.

„Bring ihn zum quietschen, Shagrat", grinst Gorbag. Er steht neben seinem Vorgesetzten, beide ein gutes Stück von ihrem hilflosen Opfer entfernt. „Nur töten darfst du ihn nicht."

„Da steckt noch zu viel Leben drin. Der wird uns schon nicht verrecken. Zumindest nicht allzu bald", sagt Shagrat. Er geht auf den gefesselten Halbling zu. Der Ork lässt die Peitsche zu Boden fallen und umklammert das kleine Gesicht grob mit der Faust. „Das muss natürlich nicht so bleiben. Zwischen Leben und Tod gibt es viele Schwellen und ich kann dich über jede einzelne schicken. Hart schlägt der Ork die aschfahle Wange und ohne die kleinste Regung von Mitgefühl, presst er seine schmutzige Hand fest auf den brennenden Einstich, den der Stachel der Spinne hinterlassen hat. „Sprich – oder willst du meinen Riemen wieder zu spüren bekommen?"

„Ich habe nicht, wonach euer Meister sucht", keucht der Halbling schwach. „Wenn ihr ihn noch nicht gefunden habt, dann ist er verloren. Es gibt noch andere da draußen, die den Ring eures Herrn begehren."

„Er lügt", stellt Gorbag fest und hebt die Peitsche auf. „Erlaub mir ihm noch ein wenig mehr von unserer zuvorkommenden Behandlung angedeihen zu lassen."

„Ich hoffe du willst mir damit nicht zu verstehen geben, dass du die Sache effektiver über die Bühne bringen könntest als ich", knurrt Shagrat und lässt schließlich von dem kleinen schmerzverzerrten Gesicht ab.

„Nein, natürlich nicht. Aber ich würde gerne selber ein bisschen Spaß haben, ehe wir unsere kleine Befragung hier unterbrechen müssen", sagt Gorbag. Nur einen Augenblick später geht Shagrat einige Schritte zurück. Der Halbling versucht sich umzudrehen, um zu sehen, was vor sich geht. Hinter ihm steht ein deutlich kleinerer Ork und hält eine Peitsche in seiner schmutzigen Hand. Ein grausames Grinsen breitet sich über sein Gesicht, als er die Peitsche auf dem Boden schnalzen lässt. Das Geräusch entlockt ihm ein heiseres Lachen und der Anblick von Angst in blauen Augen, spornt ihn nur umso mehr an.

Ein weiterer Peitschenknall auf dem Steinboden lässt den Halbling erzittern.

„Jetzt mach schon", grunzt Shagrat und rollt genervt seine schwarzen Augen. „Der Dunkle Herr will Ergebnisse und zwar bald!"

Sein kleines Herz schlägt heftig gegen seinen blutunterlaufenen Brustkorb und ein schmerzerfüllter Schrei hallt durch den trübe beleuchteten Raum, als die Peitsche seine Seite trifft. Unsäglicher Schmerz durchflutet den Halbling und raubt ihm den Atem. Brennend und stechend breitet er sich durch seinen gesamten Körper aus und Sterne tanzen hinter fest geschlossenen Lidern in schwindelerregender Geschwindigkeit.

„Ein letztes Mal wird die kleine Ratte schon nicht gleich umbringen."

Das Übelkeit erregende Knallen der Peitsche ist erneut zu hören; der Schmerz diesmal schlimmer als zuvor. Für einen kleinen gnadenvollen Augenblick scheint die malträtierte Haut taub und warm läuft das Blut aus dem Riss, den die Peitsche hinterlassen hat.

Noch ein Knall.

Und noch einer.

Der Schmerz ist zu überwältigend, um aufmerksam zu bleiben. Um bei Bewusstsein zu bleiben.

„Das hast du ja großartig hinbekommen, du Idiot!" Shagrats wütender Schrei ist das letzte, was er hört, bevor ihn samtene Dunkelheit umgibt.


Ein kläglicher Schrei hallte durch Beutelsends lange Flure. Es war ein Schrei so laut, dass sogar die Vögel im Garten panisch von ihren Nestern ausstoben.

Frodo krümmte sich vor Schmerzen auf dem Bett, während Sam neben ihm saß und seine Hand hielt. Es war das einzige, was er tun konnte – seinen Freund wissen zu lassen, dass er nicht allein war.

„Schhh… Herr Frodo", wisperte Sam und versuchte den anderen Hobbit zu beruhigen. Tränen füllten seine Augen, als er den älteren Hobbit neben sich beobachtete. Zu seiner Überraschung entzog Frodo ihm seine Hand und rollte sich auf dem Bett zusammen. Mit den Knien an die Brust gezogen, schlang er seine Arme um sich, so als wollte er sich in Sicherheit bringen vor einer Gefahr, die nur er in seinen fiebrigen Albträumen sehen konnte.

Rosie kam mit einer Schüssel kalten Wassers ins Zimmer. Ein paar saubere Tücher hingen von ihrem Unterarm und sie setzte die Schüssel auf dem Nachttisch ab. Ohne ein Wort tauchte sie eines der Tücher in das kalte Wasser, wrang es aus und legte es auf Frodos glühende Stirn. Sie nahm die Hand ihres Mannes in ihre und legte sie auf das feuchte Tuch, sodass es nicht verrutschen konnte.

„Ich habe Angst, Rosie", flüsterte Sam und sah zu ihr hinauf.

„Ich weiß, mein Schatz. Aber er ist nicht allein. Er war nie allein. Er hatte immer dich, um auf ihn acht zu geben."


Ein brennender Schmerz in seiner Seite vertreibt die tröstende Taubheit süßer Bewusstlosigkeit. Langsam streckt der kalte Ort seine Klauen nach ihm aus; das trübe Licht erneuert die Angst vor seinen Peinigern, während sich seine Augen ohne sein Zutun öffneten. Nichts vermag die fernen Befehle tief unten im Trum verstummen zu lassen. Er versucht seine Umgebung zu ergründen. Die dunklen Steinmauern umgeben ihn noch immer und ihr Anblick beraubt ihn der kleinen Hoffnung, nur in einem nicht enden wollenden Albtraum gefangen zu sein. Die Orks sind verschwunden, aber ihre Peitsche haben sie zurück gelassen – als Warnung, dass sein Frieden nur von kurzer Dauer sein wird.

Ein Geräusch, das nicht in die Mauern seines Gefängnisses gehören will, zieht all seine Aufmerksamkeit auf sich. Schnell dreht er seinen Kopf und zum ersten Mal entdeckt er einen schmalen Spalt zwischen dicken Steinblöcken. Kalter Wind weht in den Raum und lässt ihn erzittern, als er auf die offene Wunde in seiner Seite trifft. Eine kleine Blutlache hat sich auf dem Boden unter ihm angesammelt. Das Blut fließt kaum mehr, aber hat eine hellrote Spur auf seinem Bauch zurückgelassen.

Zuerst sieht er nur einen schwarzen Schatten, der unaufhörlich von einem Bein auf das andere zu hüpfen scheint. Nur einen Atemzug später breitet der Schatten seine Flügel aus und fliegt in das Gefängnis des Turms von Cirith Ungol. Er landet auf einem Tisch in der anderen Ecke des Raumes, wo die Kleider, das Kettenhemd und die Schwertscheide des Halblings liegen. Der Vogel pickt an dem glitzernden Mithril, versucht es aufzuheben, lässt es fallen. Seine Flügel breiten sich aus und mit starken Schlägen erhebt er sich in die stickige Luft und fliegt auf die auf dem Boden liegende Gestalt zu. Ängstlich zieht der Halbling den Kopf ein und drückt sich gegen die kalte Steinmauer in einem schwachen und nutzlosen Versuch sich vor dem schwarzen Vogel in Sicherheit zu bringen.

Die Krähe landet direkt vor ihm auf dem besudelten Boden, legt den Kopf schief und betrachtet den Halbling neugierig aus schwarzen Augen. Sie bewegt sich nicht. Während sich ihr Blick in seine trüben, blauen Augen bohrt, erfüllt den Halbling ein seltsames Gefühl. Angst weicht einem unerklärlichen inneren Frieden, der mit jeder Sekunde, die vergeht, stärker wird. Der große Vogel hüpft ein wenig näher an den Halbling heran, vorsichtig darauf bedacht, die dunkle Blutlache auf dem kalten Boden nicht zu berühren. Mit dem Schnabel zupft sie an den Fesseln, die seine Hände und Füße binden; sie zerrt und versucht sie ein wenig zu lockern. Die Knoten sind zu stramm und schon bald muss sie ihr Vorhaben aufgeben.

Eine Weile lang sitzt sie nur da ohne sich zu regen. Minuten werden zu Stunden, in denen ein Gefühl des Friedens von dem Halbling Besitz ergreift, wie er es viele Jahre lang nicht mehr gespürt hat.

„Deine Zeit ist noch nicht gekommen, Frodo aus dem Auenland." Die Stimme ist kaum zu hören und dennoch da. Ängstlich hebt er seinen Kopf von dem kalten Steinboden und starrt den Vogel vor ihm mit einer Mischung aus Angst und Neugier in seinem schweren Herzen an.

„Bist du das, die mit mir spricht?" verlangt der Halbling zu wissen. Für einen Augenblick kommt er sich ziemlich verrückt vor mit einem Vogel zu sprechen. „Bist du eine der Crebain? Bist du hergekommen um mich in Saurons Auftrag auszuspionieren?" Seine Stimme bricht noch während er spricht.

„Nicht alle Krähen haben sich der Dunkelheit verschrieben", spricht die Stimme erneut. Wieder legt der Vogel den Kopf schief. „Einige von uns sind Wächter und gehören nicht zu den Augen des Feindes."

„Wächter?"

„Die von uns, die Radagast in seiner Fürsorge hatte, haben die Grenze zwischen den Welten überschritten. Und somit sind wir in der Lage, verlorene Seelen zu begleiten und zu schützen. Manchmal gehen wir mit ihnen in das Reich der Toten, doch ebenso oft wachen wir über Seelen, bis sie nicht länger in Gefahr sind."

„Also steht mein Todesdatum schon fest?" fragt der Halbling.

„Es steht seit langer Zeit fest. Aber verzweifle nicht; es ist nicht heute."

„Ich habe versagt und bin in des Feindes Hände gefallen. Ich bin verloren…" Tränen steigen in seinen Augen auf, als ihn die Endgültigkeit seiner Situation zu überwältigen droht.

„Nicht jeder Verirrte verliert sich"*, wispert die Stimme. Der Halbling blickt auf und direkt in die Augen des schwarzen Vogels. „Du erinnerst dich an diese Worte, wie ich sehe. Ruh' dich aus, Frodo, Drogos Sohn. Hilfe ist bereits auf dem Weg und obschon auf deinem Weg noch viel Leid und viele Gefahren auf dich warten, verliere nie die Hoffnung. Das Böse hat noch nicht gesiegt. Also lass es nicht dein Herz übermannen."

Die Krähe kommt näher an den reglosen Halbling auf dem Boden heran. Er starrt ihre schwarz schimmernden Federn an und ihm ist, als sei die tröstende Wärme und das Licht der Sonne in ihnen gefangen und strahlten ihn an. Im trüben Licht zieht ein Funkeln seinen Blick auf sich und erst jetzt entdecken seine müden Augen eine kleine Phiole, die an des Vogels Bein gebunden wurde. Eine klare Flüssigkeit funkelt und schimmert in ihr und der Halbling erinnert sich.

„Ich hab das schon einmal gesehen… hab es schon einmal gekostet", keucht er schwach und schließt die Augen. Lange Zeit hängt Stille im Raum wie ein samtener Vorhang und die Stimme schweigt.

„Meine Reise war lang und ich fürchtete schon es sei zu spät. Andere von hohem Rang und von großer Weisheit, angesammelt durch das Sterben der Jahre, dachten, dass ich am Ende meines Weges nur den Tod finden würde. Doch du bist hier, du, der du den Ring und unser aller Hoffnung mit dir trägst. Wenig kann ich für dich tun, denn ich kann dich nicht aus diesem Gefängnis befreien. Öffne deine Augen Frodo und trinke dieses elbische Gebräu, das dir ein wenig Kraft für deine weitere Reise schenken wird."

„Meine Reise ist an ihr Ende gekommen, meine Aufgabe ist misslungen. Ich habe den Ring nicht mehr." Seine Worte sind nur mehr ein Flüstern und Scham droht ihm den Rest seines Willens zu rauben.

„Es ist nicht alles verloren, Frodo. Wähle das Leben, ich flehe dich an. Obwohl ich dir nicht versprechen kann, dass hellere Tage als diese in deiner Zukunft warten, so ist doch noch ein klein wenig Hoffnung da. Du musst sie nur in deinem Herzen finden." Der Halbling öffnet die Augen und sieht etwas, das er bis zu diesem Tag für nicht möglich gehalten hatte. Eine Träne rinnt an der schwarzen Wange der Krähe hinab. „Große Schuld begleitet die meiner Art auf ihren Flügen. Nimm das wenige, das ich dir geben kann und finde etwas von deiner Stärke wieder."

Seine letzten Kräfte bemühend befreit der Halbling den Vogel von seiner Last. Der Korken gleitet mit Leichtigkeit aus dem Hals der Phiole, als er sie öffnet und schließlich mit schwachen, zitternden Händen an seine trockenen Lippen führt. Das Brennen in seinem Hals lässt sofort nach, als das Minruvor seine Kehle hinab fließt; der Blutfluss an seiner Seite versiegt endgültig und die Wunde, die die Peitsche der Orks hinterlassen hat, beginnt sich zu schließen.

„Schlaf, wenn du kannst. Ruh' dich aus. Ich muss fort von hier, ehe mich die Augen des Feindes und die meiner Art entdecken." Ein Moment der Stille folgt. „Möge der Segen aller, die in Mittelerde leben, dir folgen und dich schützen bis an deiner Tage Ende. Es gibt keinen unter den Lebenden, der dies mehr verdient als du, Frodo, Drogos Sohn."

Die letzten Worte der Krähe verhallen langsam in die Stille und der große schwarze Vogel bleibt an seiner Seite, bis ihm die Augen zu schwer werden, um dem Drang nach Schlaf noch länger zu widerstehen. Die Worte seines toten Freundes bleiben in seinen Gedanken und brennen sich in seine Seele ein, während sich sein Bewusstsein unaufhaltsam trübt. „Nicht jeder Verirrte verliert sich…" flüstert Gandalf und schon bald ist die Dunkelheit um ihn herum nicht mehr.


Die goldenen Strahlen der frühen Morgensonne tauchten den Raum in ein warmes Licht. Frodo regte sich auf seinem Bett, als die warmen Strahlen ihn an der Nase kitzelten. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen und langsam öffneten sich seine Augen. Ein Gähnen unterdrückend, streckte er sich und fuhr erschrocken auf, als er mit seiner Hand gegen etwas Weiches direkt neben ihm stieß.

„Aua", jaulte eine vertraute Stimme neben ihm auf. Sam erwachte aus einem unruhigen Schlaf.

„Sam?" Frodo sah verdutzt seinen Freund an und schüttelte den Kopf. „Was machst du in meinem Bett? Ist Rosie am Ende doch noch wütend auf dich gewesen?" fragte er mit einem amüsierten Blick in den Augen.

„Warum sollte Rosie wütend auf mich sein?" wunderte sich Sam. Er rieb sich die Nase an der Stelle, wo Frodo ihn aus Versehen getroffen hatte.

„Weil du gestern Abend so spät nach Hause gekommen bist? Darüber hast du dir doch Sorgen gemacht. Erinnerst du dich nicht?" sprach Frodo das für ihn Offensichtliche aus.

„Bitte um Verzeihung, Herr Frodo, aber das war schon vor zwei Tagen." Sam sah ihn ernst an. „Erinnerst du dich nicht, was gestern geschehen ist?"

„Wovon sprichst du, Sam?" Frodo war sichtlich irritiert.

„Du bist wieder krank geworden, Herr Frodo", erklärte Sam. Er sah, wie alle Farbe aus Frodos Gesicht wich. „Du hast viel geträumt, glaub ich und manchmal hast du so unverständliches Zeug vor dich hingemurmelt von einem Shagrat und einem Gorbag und irgend so einem Vogel…" Sam hob eine Augenbraue. Seine Verwirrung ob der Ereignisse des vergangenen Tages war ihm noch immer deutlich anzusehen. „Ich weiß ja nicht, was es mit all dem auf sich hatte, aber du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt, meiner armen Rosie und mir."

„Es tut mir so leid, Sam. Aber ich erinnere mich an nichts. Alles, an was ich mich erinnere, ist ein feuchtfröhlicher Abend mit dir, Merry und Pippin im Grünen Drachen."

„Ist vielleicht auch besser so. Es ist nicht gut, wenn man sich zu viele Gedanken um die Vergangenheit macht. Zumindest hat das mein alter Ohm immer gesagt."

„Und damit hatte er auch vollkommen Recht." Frodo lächelte seinen Freund an.

„Ich bin froh, dass es dir besser geht, Herr Frodo. Aber ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich mal nach meiner Rosie sehe. Sie ist doch schwanger und ich mach mir um sie auch Sorgen." Sam stand auf, aber wartete noch auf irgendeine Form der Zustimmung von Frodo.

„Geh schon, Sam. Kümmere dich um deine Rosie. Dieser alte Hobbit hier kann schon für sich selber sorgen", sagte Frodo und nickte seinem Freund aufmunternd zu.

„Das Frühstück wird fertig sein, wenn du mit deinen ganzen morgendlichen … Geschäften fertig bist", strahlte Sam und eilte aus dem Schlafzimmer. Frodo seufzte erleichtert auf.

Offenbar konnte er seinen Freund doch noch immer zum Narren halten. Er hasste es Sam anzulügen, aber einige Dinge blieben besser unausgesprochen. Solche Dinge wie die Albträume der Nacht zuvor, an die er sich nur allzu deutlich erinnerte.


*~ 1421 nach Auenland Rechnung ~*

„Narben sind die Wörter im Buch unseres Lebens. Sie erzählen die Geschichten unseres Versagens und unserer Erfolge, von unseren Hoffnungen und Sorgen. Sie sind die Fäden, die uns an die Vergangenheit knüpfen und uns an Dinge erinnern, die wir der Vergessenheit preisgeben wollen; ebenso halten sie an dem fest, was wir lieben. Sie sind es, die uns ausmachen und uns entblößen, die uns aller Masken berauben, in denen wir Trost finden. Geheimnisse lassen sie bedeutungslos werden und wir sind der Gnade unserer Richter hilflos ausgeliefert.

Manche Wunden sind jedoch zu tief, um jemals wirklich zu heilen. An der Oberfläche hinterlassen sie nichts als eine kleine Narbe. Doch darunter fließt das Blut noch immer und der Schmerz, den die Wunde einst verursachte, bleibt der gleiche. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die, die wir lieben, verstehen, was die Vergangenheit aus uns gemacht hat und das Leid, mit dem sie uns zurückgelassen hat. Und dann, wenn der Schmerz schließlich unerträglich wird und der Wille durchzuhalten uns verlässt, werden wir anderen Schmerzen zufügen, wenn Worte, die wir fürchten, über unsere Lippen kommen. Ich muss gehen, werden wir zu ihnen sagen und die Schuld noch größerer Trauer auf uns nehmen."

Frodo legte den Federkiel beiseite und las noch einmal seine Worte auf dem Pergament.

„Es tut mir so leid, Sam", flüsterte er und kämpfte gegen die Tränen an, die in seinen Augen brannten. „Aber ich kann so nicht weiterleben. Ich muss gehen." Der Klang leisen Weinens drang aus Sams und Rosies Schlafzimmer ein paar Türen weiter den Flur hinunter. „Die kleine Elanor", sagte er mit einem Lächeln. „Welche Schönheit ihr innewohnt. Sie wird dir durch deine Trauer helfen." Frodo faltete das Pergament zweimal und steckte es in einen Umschlag, den er verschloss und versiegelte. Er schrieb Sams Namen darauf und versteckte ihn unter einem Stapel loser Pergamente auf seinem Schreibtisch. Sein Blick fiel auf Bilbos Buch. „Bald ist die Geschichte zu Ende erzählt und ich werde fort sein. Ich will nicht länger der Grund für deine Zerrissenheit sein – zwischen deiner Liebe zu mir und deiner Familie stehen. Sie verdienen deine ganze Liebe und einen heilen Mann und Vater."

„Mit wem redest du da, Herr Frodo?" fragte Sam. Seine Stimme riss Frodo aus seinen Gedanken.

„Wie geht es deiner schönen Tochter und ihrer Mutter, mein lieber Sam?" Frodo ignorierte Sams Frage und stand hastig von seinem Stuhl auf.

„Alles ist gut und so wie es sein soll."

„Gut, Sam. Ich bin froh das zu hören." Bald wirst du heil** sein. Ich verspreche es dir.


* Streicher – Die Gefährten, J.R.R. Tolkien

** „heil" bezieht sich in diesem Fall auf den griechischen Wortstamm des Wortes und ist im Sinne von „ganz" zu verstehen