Eigentlich sollte sie in wenigen Tagen nach Hogwarts aufbrechen, im Hogwartsexpress sitzen mit
ihren besten Freunden Ron und Harry an ihrer Seite und sich auf den Beginn ihres siebten und letzten
Jahres an der Schule für Hexerei und Zauberei freuen. Sie sollte voller Vorfreude die Ankunft in
ihrem magischen zweiten Zuhause kaum noch abwarten können. Sie als Jahrgangsbeste und
strebsamste Schüler der ganzen Schule hatte nie Probleme dem Unterricht zu folgen und obwohl zu
Beginn ihrer Schullaufbahn noch als Streberin und Besserwisserin verspottet, wuchs ihre Beliebtheit
unter den Gryffindors im Laufe der Jahre hinweg stetig. Hogwarts- ein zauberhafter Ort voller
Freundschaft und Abenteuer…
„Nein", ein lauter Schrei entfuhr Hermine Granger. Sie durfte nicht an Hogwarts denken- sie musste
stark bleiben. Sie hatte sich selbst verpflichtet Harry, dem Auserwählten und ihrem besten Freund,
bei seiner Mission zur Seite zu stehen. Selbstlos und kühn wie ein wahrer Gryffindor, für das größere
Wohl wie Dumbledore es wohl gewollt hätte.
Tränen liefe Hermine über die Wangen und tropften lautlos auf ihren College Sweater. Es war nicht
leicht immer selbstlos zu sein und somit ihren Gryffindor Idealen von Tapferkeit und Edelmut
nachzukommen. Manchmal wäre es so viel leichter egoistisch und eigennützig zu handeln. Doch sie
hatte sich bereits entschlossen Harry und Ron auf der Jagd nach Horkruxen zu begleiten und eine
Rückkehr nach Hogwarts war damit ausgeschlossen. Warum also in bittersüßen Erinnerungen
schwelgen und sich ausmalen wie schön ihr siebtes Hogwartsjahr hätte werden können? Hermine
hatte schon alles genauestens vorausgeplant. Sie hatte die Erinnerung ihrer Eltern mit einem
Vergessenszauber gelöscht , sie nach Australien auswandern lassen, und sich ein magisches Zelt für
ihre gemeinsame große Reise besorgt. Doch auch die Gedanken an ihre Eltern ließen Tränen in
Hermines rehbraune Augen steigen. Um sie vor den Klauen Voldemords und dessen Todessern zu
schützen gab es keinen anderen Weg als Mutter und Vater aus England zu schaffen, so weit weg wie
nur möglich und die Erinnerung an die Tochter auszulöschen. Der Gedanke ihre Eltern vielleicht nie
wieder zu sehen lies Hermine erneut in Tränen ausbrechen und sie konnte ein lautes Schluchzen
kaum mehr zurückhalten.
Genau in diesem Moment geht die Türe auf. Harry und Ron betreten das Zimmer im Fuchsbau. „Hey
Hermine wir haben dich schon überall gesucht, das Abendessen…" „Hermine? Alles in Ordnung?" ,
unterbricht Harry Rons Geschwafel vom Essen. Hermine die auf Rons Bett mit dem Rücken zur Tür
gesessen hatte, wischt sich schnell die Tränen aus ihrem blassen Gesicht und dreht sich langsam zu
ihren beiden besten Freunden um. Beide beäugen sie mit besorgten Mienen, doch Hermine
erwiderte in einem neutralen Ton, dass es ihr gut gehe, ein kühles Lächeln umspielt ihre Mundwinkel
und das Gesicht eine perfekte Maske. Diese Maske trug Hermine bereits seit geraumer Zeit immer
häufiger um ihre Gefühle erfolgreich von Außenstehenden zu verbergen, auch vor ihren engsten
Freunden. Ihre kühle Mimik war gut einstudiert. Obwohl sie sich deshalb schuldig fühlte und ein
unangenehmes Gefühl in der Magengrube verspürte, ist sie dennoch der Meinung, dass sie mit ihrem
Kummer am besten alleine zurechtkommt, zurechtkommen muss und dass ihre private Gefühlswelt
nur für sie selbst bestimmt ist. Hat nicht jeder Mensch ein Recht auf seine Geheimnisse? „Du musst
stark bleiben, keine Schwäche zeigen, Harry hat eine viel größere Bürde zu tragen als du selbst also
reiß dich gefälligst zusammen Granger!" schießt es Hermine durch den Kopf. Ron, von Hermines
aufgesetzten Lächelns überzeugt, beginnt erneut: „Mum hat mich geschickt um dir zu sagen, dass es
bald Abendessen gibt und ich soll fragen ob du nicht noch mit Ginny den Tisch decken helfen
willst." „Achso ja natürlich. Wir sehen uns dann gleich beim Essen" und mit diesen Worten erhebt
sich Hermine elegant vom Bett und rauscht so schnell wie möglich aus dem Zimmer Richtung Küche.
„Ron hast du nicht auch das Gefühl, dass mit Hermine in letzter Zeit etwas nicht stimmt?", fragt
Harry mit unsicherem Tonfall. „Nö wieso. Sie hat doch gesagt, dass es ihr gut geht und außerdem hat
sie doch sogar gelächelt", meint Ron unbekümmert. „Jaa schon aber das war doch irgendwie recht
merkwürdig und ich weiß auch nicht so genau…" Harry überlegt kurz „Es war doch unecht, nicht
unsere Hermine eher naja wie eine Puppe." „Eine hübsche Puppe…" murmelt Ron geistesabwesend.
„Was?" „Ach nichts", Ron läuft puterrot an „Vielleicht macht sie sich einfach sorgen wegen Du-
Weißt-Schon-Wem das ist doch eigentlich normal", meint Ron schließlich immer noch etwas rot im
Gesicht. „Ja du hast wahrscheinlich recht aber sie verhält sich schon eine ganze Weile so. Und wir
sind doch ihre Freunde also kann sie doch mit uns reden. Ich denke ich sprech das einfach mal nach
dem Essen an" meint Harry. „ Ja oke ist wahrscheinlich keine schlechte Idee, apropos Essen glaubst
du es ist schon soweit ich bin nämlich am verhungern.." meint Ron und deutet auf seinen
knurrenden Magen.
In der Küche decken Ginny und Hermine unter den wachsamen Augen Mrs. Weasleys den Tisch,
während sie sich alle beide genervt über die Arroganz Fleur Delacoures ausließen, die vor wenigen
Tagen mit ihrem Verlobten Bill abgereist war. Mrs. Weasley ignoriert das abfällige Gerede über ihre
zukünftige Schwiegertochter gekonnt mit wohlwollendem Schweigen und wendet sich wieder dem
Kochen zu. Hermine die über die Wochen die sie im Fuchsbau verbracht hatte, sich enger mit Ginny
angefreundet hatte, kicherte gerade über den nachgeäfften französischen Akzent Fleurs, als .der
Rest der Weasleys und Harry in der Küche zum Essen eintreffen. „Die sind doch nur
neidisch" murmelt Ron einem amüsierten Harry zu. „Nein wir sind auf keinen Fall neidisch auf
Madame Arrogance und außerdem Ronald lass es lieber vorzugeben du wüsstest über die tiefere
Gefühlswelt von Frauen Bescheid, das wird doch nur peinlich für dich." Gibt Hermine entnervt mit
vor Sarkasmus gerade zu strotzender Stimme zurück. Ron öffnet schon empört den Mund und will zu
einer wütenden Erwiderung ansetzen doch wird prompt von einer übellaunigen Mrs. Weasley
abgewürgt. „Benimm dich gefälligst bei Tisch, Ronald Weasley. Gastfreundschaft wird in diesem Haus
großgeschrieben. Das hat dir dein Vater wohl lange genug beigebracht." Dieser kann sich nur über
die Ungerechtigkeit seiner parteiischen Mutter wundern und ignoriert die triumphierenden Blicke
Hermines und seiner Schwester. „Vielleicht ist sie doch wieder die Alte", denkt sich ein
schmunzelnder Harry.
Nach dem Abendessen verdrücken sich Ginny und Hermine in deren Zimmer, denn Ginny möchte
unbedingt noch ein paar Frisuren aus der Zeitschrift Hexenwoche an Hermines Haaren ausprobieren.
„Hermine deine langen Haare sind einfach genau das richtige für solche Frisuren" meint Ginny
munter während sie das Magazin studiert „du kannst von Glück reden dass sie nicht mehr so
aussehen wie früher. Das Vogelnest in deinen ersten Hogwartsjahren war schon grenzwertig", lacht
Ginny. „Hm danke, denke ich", antwortet Hermine etwas irritiert über das weniger charmante
Kompliment. Hermine betrachtet sich geistesabwesend im Spiegel, gerade als Ginny beginnt gekonnt
an ihren Haaren rum zu zupfen. Ihr Äußeres hatte sich über die Jahre hinweg wirklich verändert. Ihre
schokoladenbraunen Haare gingen ihr nun bis zu Taille zu den Spitzen hin elegant gewellt, nicht mehr
das buschigen, zerzausten Haar aus ihrer Kindheit, das Gesicht immer noch mit der hellern, zarten
Pfirsichhaut, die ihre feinen Gesichtszüge betonen. Doch die hohen Wangenknochen wurden im
Laufe der Jahre immer prominenter, ihre wohlgeformten rosigen Lippen wurden voller, die Wimpern
dunkler. Ihre Figur blieb zierlich, feingliedrig und grazil. Doch auch die Veränderungen in ihrem
Inneren waren kaum zu verleugnen und wohl noch gravierender. Der Zwischenfall im Ministerium für
Zauberei in ihrem fünften Jahr, die Rückkehr Voldemords und die Trennung von ihren Eltern hatten
sie abgestumpft, abgehärtet. Sie war nicht mehr unbekümmert und jegliche kindliche Naivität war
ihr genommen worden. Die Angst und Besorgnis haben sie kühler, berechnender und distanzierter
werden lassen und doch war sie im Inneren geplagt von Traurigkeit und Einsamkeit. „Den Menschen
kann man nicht vertrauen!" Oh ja die traumatischen Ereignisse in jüngster Vergangenheit hatten
Hermine Granger sehr gewandelt.
Ginny bemerkte wohl die Veränderung Hermines Gesichtsausdruckes und meinte entschuldigend
„Oh Hermine ich wollte dich wirklich nicht beleidigen, du musst doch wissen dass du hüb…".
„Es ist schon gut Ginny mir ist nur gerade etwas eingefallen. I..Ich muss jetzt sowieso noch etwas mit
Ron und Harry besprechen." Damit lies Hermine eine etwas verdatterte Ginny in ihrem Zimmer
zurück.
Tatsächlich war es eigentlich keine schlechte Idee mit den beiden den Verlauf ihrer Jagd nach den
Horkruxen zu besprechen. Sie könnte Harry und Ron über das magisch vergrößerte Zelt informieren
und außerdem wollte sie noch unbedingt einen selbsterfundenen Zauber anwenden um ihre Reise
so bequem wie möglich zu machen. Bei Rons Zimmer angelangt, klopfte sie vorsichtig an die Tür und
fand ihre beiden besten Freunde faul auf den Fußboden sitzend und wie es aussah über Quidditch
diskutierend. „Hermine, da bist du ja. Ich wollte eigentlich schon nach dem Essen etwas mit dir
besprechen", begann Harry eindringlich. Hermine hob überrascht eine ihrer dunklen Augenbrauen,
setzte sich aber wortlos auf eins der Betten. „Ähm also ich und Ron fanden dich heute Abend etwas
bedrückt und distanziert…" Ron warf Harry einen empörten Blick zu. „Naja gut ich empfand das so…
die Rückkehr Voldemords hat uns alle belastet und wenn du darüber reden möchtest…". „Nein danke
Harry mir geht es gut und ich habe mi auch beiden etwas Wichtigeres zu besprechen. Es geht um
Dumbledores Auftrag", unterbracht Hermine Harry mit eisigem Tonfall. Warum hatte sie sich nur in
einen ihrer raren Momenten der Schwäche von ihren Freunden ertappen lassen? Sie wollte nicht
über das reden was sie aufgegeben hatte Hogwarts, ihre Eltern, ihr gesamtes altes Leben. Sie wollte
nicht mehr weinen, sich verletzlich fühlen und sie wollte genauso wenig ihre Gefühlswelt preisgeben.
Sie hatten den Auftrag Dumbledores die Horkruxe zu vernichten und dieses Ziel galt es nun zu
erfüllen. „Also für unsere Reise hab ich uns ein magisches Zelt besorgt, ähnlich wie das bei der
Quidditch Meisterschaft und zusätzlich hab ich mir überlegt eine Tasche mit grundlosen Boden zu
hexen. Damit können wir problemlos reisen und alle wichtigen Gegenstände transportieren. Den
Zauberspruch hab ich mir selbst ausgedacht und ich bin mir sicher, dass es funktionieren müsste.
Habt ihr irgendwo eine Tasche übrig? Am besten ich versuch mich sofort an diesem Zauber und ihr
sammelt schon mal alles was ihr mitnehmen wollt" „Hermine du bist ein Genie", meinte Ron
grinsend und warf ihr eine einfache Tasche zu. Hermine schenkte ihm ein halbherziges Lächeln und
hob ihren Zauberstab. „Excipere totum mundum" rief sie mit einem komplizierten Schlenker ihres
Zauberstabes. Doch plötzlich prallte der Zauber von der Tasche ab, wurde zurückgeschleudert und
traf Hermine mitten in der Brust. Das einzige was Hermine noch sah war das entsetzte Gesicht Harrys
bevor alles in Dunkelheit versank.
