Kapitel 3 - Eine schwere Bürde
Die Hexen verabschiedeten sich und Amelia machte sich auf den Weg durch die Winkelgasse.
Sie ging in eine Apotheke und besorgte sich ihre Zaubertrankzutaten. Doch da gab es noch mehr. Viele widerliche und faszinierende Dinge. Schwarze Käferaugen, Hippocampus-Schuppen und Krähenbeine waren nur einige davon.
Danach suchte sie sich einen geeigneten Kessel und erstand auch noch eine schöne handliche Waage dazu. Als sie an einem Laden vorbeikam, in dem es alles Mögliche an Schmuck und Flitterkram gab konnte sie einfach nicht widerstehen und ging hinein. Sie hatte nie Schmuck besessen und nun hatte sie Geld. Ein bisschen davon konnte sie sicher für sich selbst ausgeben.
Der Laden war gefüllt mit jungen Hexen, die miteinander lachten und Amelia mischte sich unter sie. Sie fand eine wunderschöne Kette, bei der sie hart wiederstehen musste sie zu kaufen. Sie wollte nicht so viel Geld ausgeben, auch wenn sie genug hatte. Schließlich kaufte sie eine Haarspange um ihr widerspenstiges schwarzes Haar zu bändigen und nach einiger Überwindung ließ sie sich Ohrringe stechen. Das hatte sie schon immer gewollt. Nun funkelten kleine grüne Steinchen in Ihren Ohren. Sie hatten die gleiche Farbe wie ihre Augen.
Danach suchte sie einen Laden Namens Flourish & Blotts auf um ihre Schulbücher zu kaufen. Doch es war kein einfacher Buchladen, sondern ein aufregender. Manche Bücher waren so groß wie Gehwegplatten und in Leder gebunden, andere, in Seide gebundene, waren so klein wie Briefmarken. Auf vielen waren merkwürdige Symbole zu sehen und es gab sogar welche die ganz leer waren. Dort gab es Bücher von Tausend knifflige Zauberrätsel über Heilers Helferlein bis hin zu Hexen für Verhexte.
Neben Ihren Schulbüchern kaufte sie noch ein anderes Werk. Aufstieg und Niedergang der dunklen Künste. Der Buchhändler hatte sie verdutzt angeschaut, als sie nach einem Buch gefragt hatte in dem die Potters erwähnt wurden, aber er hatte sie nicht erkannt. Anscheinend hatte der Wirt des Tropfenden Kessels ein Gespür dafür gehabt. Doch es sollte noch mehr Menschen geben, die sie sofort erkannten. Als nächstes ging sie in den Zauberstabladen. Auf ihren Zauberstab war sie am meisten gespannt.
Als sie eintrat, läutete irgendwo weiter hinten im Laden eine helle Glocke. Der ganze Laden war von oben bis unten mit vielen tausend kleiner Schachteln vollgestellt.
„Guten Tag", sagte eine sanfte Stimme und Amelia fuhr zusammen. Sie hatte den alten Mann gar nicht bemerkt. Er hatte blasse Augen, die die Dunkelheit im Laden wie leuchtende Monde zu durchdringen schienen.
„Hallo", sagte Amelia und brachte ein klägliches Lächeln zustande. Der Mann kam ihr irgendwie komisch vor.
„Ich habe mir gedacht, dass Sie bald vorbei kommen würden. Amelia Potter.", stellte der Mann fest.
„Sie sind Ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie selbst hier gewesen war, um ihren ersten Zauberstab zu kaufen. Zehn einviertel Zoll lang, geschmeidig, aus Weidenholz gefertigt. Hübscher Stab für bezaubernde Arbeit."
Mr. Ollivander trat näher und Amelia wünschte sich, er würde einmal blinzeln, damit sie sich nicht zu sehr vor diesen silbernen Augen gruselte.
„Ihr Vater hingegen wählte lieber einen Stab aus Mahagoni. Elf Zoll. Elastisch. Ein wenig mehr Kraft und hervorragend geeignet für Verwandlungen. Nun ja, nicht ihr Vater wählte den Stab, eher wählte der Stab ihn. Der Zauberstab wählt die Hexe, Miss Potter."
Der alte Mann kam noch einen Schritt näher und berührte die blitzförmige Narbe auf Amelias Stirn. Sie wich unwillkürlich zurück.
„Und dies ist das Werk von dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Mächtiger Stab, sehr mächtig und in den falschen Händen. Ich muss zugeben, dass ich selbst den Zauberstab verkauft habe, der dies hier angerichtet hat. Wenn ich gewusst hätte was dieser Stab noch alles anstellen würde…"
Er schien einen Moment in die Ferne zu schauen, dann riss er sich wieder zusammen und wandte seine hellen Augen wieder Amelia zu.
„Also Miss Potter, welche Hand ist Ihre Zauberhand?"
„Ich bin Rechtshänderin.", sagt Amelia und bewegte ihre rechte Hand.
„Strecken sie den Arm aus. Genauso."
Mit einem Maßband, welches er aus der Tasche zog, begann er Amelia zu vermessen. Von der Schulter bis zu den Fingerspitzen, dann vom Handgelenk bis zum Ellenbogen und von Ohr zu Ohr. Während er maß, begann er zu erklären: „Jeder Zauberstab von Ollivander hat einen Kern aus einem mächtigen Zauberstoff, Miss Potter. Wir benutzen Einhornhaare, Schwanzfedern von Phönixen und Herzfasern von Drachen. Keine zwei Ollivanderstäbe sind gleich. So wie auch kein Drache, Phönix oder Einhorn gleich ist. Natürlich werden sie mit ihrem eigenen Zauberstab immer bessere Leistungen erzielen, als mit Stäben anderer Hexen oder Zauberer."
Amelia bemerkte fasziniert, wie das Maßband, welches gerade den Abstand zwischen ihren Nasenlöchern maß, dies von ganz alleine tat, während Mr. Ollivander Schachteln zu holen begann.
„Das wird reichen", sagte er und das Maßband schnurrte zusammen.
„Nun gut, Miss Potter. Probieren Sie diesen Stab. Buchenholz und Einhornhaar. Neun Zoll. Handlich und biegsam. Nehmen Sie ihn und schwingen Sie ihn ein wenig durch die Luft."
Amelia schwang den Stab und kam sich dabei ein bisschen albern vor, doch Mr. Ollivander entriss ihn ihr sofort wieder.
„Eibe und Phönixfeder. Sieben Zoll. Peitscht so richtig. Versuchen Sie's!"
Doch auch dieser Stab war nichts für sie, genauso wenig wie der aus Eibenholz mit Einhornhaar. Amelia wusste nicht worauf Mr. Ollivander eigentlich wartete, doch umso höher der Stapel mit abgelegten Zauberstäben wurde, umso glücklicher schien der Zauberer zu werden.
„Sie sind eine richtig schwere Kundin was? Aber keine Sorge wir finden schon noch den richtigen Zauberstab für Sie. Ich frage mich, ja, warum eigentlich nicht. Eine ungewöhnliche Verbindung. Stechpalme und Phönixfeder, elf Zoll, handlich und geschmeidig."
Amelia ergriff den Stab und unter ihren Fingern schien dieser zum Leben zu erwachen. Er wurde warm und als Amelia ihn durch die Luft fahren ließ, hinterließ er eine Spur aus goldenen und roten Funken.
Mr. Ollivander rief: „Sehr gut. Gut, gut, gut… Doch wie seltsam, recht seltsam…"
Amelia betrachtete ihren Zauberstab glücklich. „Was ist denn so seltsam, Mr. Ollivander?"
„Sie müssen wissen, Miss Potter, dass ich mich noch an jeden Zauberstab erinnere den ich jemals verkauft habe, an jeden. Und es ist nun mal so, dass der Phönix, dessen Schwanzfeder in diesem Zauberstab steckt noch eine Feder besaß, nur eine noch. Es ist seltsam, dass Sie nun für diesen Zauberstab gedacht zu sein scheinen, wo doch sein Bruder, Ihnen diese Narbe beigebracht hat."
Amelias Magen verkrampfte sich und sie sah in Mr. Ollivanders blasse Augen.
„Dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Wirklich merkwürdig. Doch wie ich bereits sagte, der Zauberstab wählt sich die Hexe. Mit einem können wir sicher sein. Wir haben Großartiges von Ihnen zu erwarten, Miss Potter. Schließlich hat auch Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf Großartiges vollbracht. Schreckliches zwar, aber Großartiges."
Amelia berührte Ihre Narbe auf der Stirn. Einen Moment versuchte sie das unangenehme Gefühl in der Magengegend zu ergründen und dann schluckte sie es herunter.
„Bitte, Mr. Ollivander, ich möchte nicht, dass jemand davon erfährt. Behalten Sie das für sich", verlange Amelia und sah ihn bittend an. Sie wollte nicht, dass die Leute von dieser Verbindung erfuhren, dass sie den gleichen Zauberstab hatte wie der Mörder ihrer Eltern.
Mr. Ollivander sah sie überrascht an. „Wie Sie möchten Miss Potter. Aber ich bin gespannt zu sehen was Sie in dieser Welt tun werden. Ich werde noch von Ihnen hören, dessen bin ich mir sicher."
Amelia nickte und bezahlte sieben Galleonen für ihren Zauberstab. Schnell verdrängte sie das unangenehme Gefühl, das der Besuch bei dem Zauberstabhersteller bei ihr hinterlassen hatte und als sie weiterschlenderteentdeckte sie von weitem Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten.
Selbstsicher betrat sie den Laden. Es fühlte sich gut an selbstständig einzukaufen. Nicht, dass sie nicht schon immer selbstständig gewesen war, schließlich hatte sie niemanden, auf den sie sich verlassen konnte, doch nun fühlte es sich zum ersten Mal gut an.
Kaum hatte sie den Laden betreten kam eine kleine stämmige Hexe auf sie zu, die in einen blasslila Umhang gekleidet war. Sie lächelte sie freundlich an. „Auch Hogwarts meine Liebe?", fragte sie.
Amelia nickte. „Aber ich hätte auch gerne ein neues Kleid", rutschte es ihr heraus.
Madam Malkins musterte sie und schnalzte abfällig mit der Zunge, als sie ihre abgenutzten Sachen sah. „Da können wir sicher was tun."
Sie stellte Amelia auf einen Schemel und nahm ihre Maße.
Das Geschäft war ganz anders, als andere Kleidungsläden die Amelia aus der Muggelwelt kannte. Überall waren Stoffe um Stoffe aufgeschichtet, doch fertige Kleidung war nur selten zu sehen.
„Blau meine liebe?", fragte Madam Malkins und hielt ihr einen schönen blauen Stoff hin. Amelia fuhr mit den Fingern ehrfürchtig darüber und nickte. Sie hatte noch nie so schöne Stoffe gesehen. Bis jetzt hatten all ihre Sachen aus Dudleys abgetragenen Dingen bestanden.
Sofort begann sich aus dem Stoff ein Rock zu formen. Genauso wie sie es sich vorgestellt hatte.
„Woher wissen Sie was mir gefällt?", fragte Amelia verdutzt. Madam Malkins lachte.
„Magie meine Liebe. Denken sie nur ganz fest daran wie ihr Kleid aussehen soll"
Amelia kam mit einen schönen dunkelblauen Kleid aus der Umkleidekabine und besah sich im Spiegel. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Madam Malkins hatte währenddessen einen anderen Jungen bedient. Er hatte weißblondes Haar und stand auf einem Anprobeschemel.
„Alles zu Deiner Zufriedenheit?", fragte die Ladenbesitzerin. Dabei fiel ihr Blick auf Amelias Stirn und sie entdeckte die blitzförmige Narbe. Sie schien einen Moment zu stocken.
„Amelia Potter?!", rief sie plötzlich aufgeregt. „Warum haben Sie denn nichts gesagt, was für eine Ehre Sie kennen zu lernen!"
Die Hexe schien unbedingt ihre Hand schütteln zu müssen und Amelia war es etwas unangenehm. Der Junge auf dem Schemel blickte interessiert auf.
Als Amelia die Hand endlich abgeschüttelt hatte, versuchte sie möglichst schnell das Thema zu wechseln. „Ähm.. Ja. Das Kleid ist wirklich sehr schön", stotterte sie etwas verlegen. Sie hatte kein Interesse daran, jetzt wieder so viel Trubel um sich zu haben wie im Tropfenden Kessel.
Madam Malkins war völlig aus dem Häuschen und brachte ihr noch viel mehr Sachen zum Anprobieren bis sie endlich dazu kam ihre Hogwarts Uniform anzupassen. Sie stellte sich auf den Schemel neben den Jungen mit den weißblonden Haaren. Dieser sah sie neugierig an.
„Bist du wirklich Amelia Potter?", fragte er aufgeregt.
„Ja", antwortete sie nur. Langsam wurde ihr diese Bekanntheit lästig.
„Meine Eltern haben mir viel über dich erzählt. Du kommst sicher nach Slytherin.", sagte er und sah sie mit leuchtenden Augen an. „Die mächtigsten Magier in der Geschichte waren Slytherins."
Amelia wusste nicht wirklich, was er meinte, deshalb verlegte sie sich darauf nur zu nicken.
„Mit wem bist du denn in die Winkelgasse gekommen? Meine Eltern sind drüben und kaufen meine Zaubertrankzutaten."
„Du bist aber nicht gerade feinfühlig", erwiderte sie. So direkt auf ihre toten Eltern angesprochen zu werden fand sie schon etwas unsensibel. Er schien schließlich zu wissen wer sie war.
„Tschuldigung", sagte er mit etwas zerknirschten Gesichtsausdruck. „Ich wollte dich nicht verletzten.
Amelia lächelte. „Ne, schon okay. Eine Professorin von Hogwarts hat mich abgeholt. Wir treffen uns wieder wenn ich alles besorgt habe."
„Bist du nicht mit deinen Pflegeeltern hier?"
„Nein, ich mag sie nicht sonderlich. Sie sind Muggel", erwiderte Amelia und verzog angewidert das Gesicht, als sie an die Dursleys dachte. Das neue Wort, Muggel, klang gut wenn man es aussprach.
„Muggel? Das muss schlimm sein?", sagte der Junge und sah sie mitleidig an.
„Ich hasse sie, ich freue mich schon, endlich nach Hogwarts zu kommen", erzählte Amelia freimütig.
„So junger Mann, Sie sind fertig", sagte Madam Malkins und der Junge sprang vom Schemel.
„Endlich."
„Warte", sagte Amelia. „Wie heißt du eigentlich?"
„Draco, Draco Malfoy", sagte der Junge und grinste sie an.
Als Amelia Madam Malkins Laden verließ, war sie über und über bepackt mit Taschen. Doch faszinierender Weise war keine Tasche so schwer wie sie wirklich aussah.
Amelia sah sich ihre Liste an. Eigentlich hatte sie alles bis auf… Ihre Augen huschten zu einer der untersten Zeilen. Ein Haustier. Sie brauchte zwar keines, aber es wäre noch nett ein Wesen zu haben, das sie vielleicht mochte.
Sie fand einen Laden namens Magische Menagerie. Im Schaufenster saß in einem Glasterrarium ein Wurf violetter Kröten und als sie den Laden betrat, sprang sie von der Seite ein großes katzenähnliches Wesen an. Es hatte ein platt gedrücktes Gesicht und sah auch so nicht sonderlich hübsch aus.
Überall in dem Laden waren ungewöhnliche Tiere zu finden und Amelia konnte gar nicht genug schauen. Sie ging ein Stückchen weiter rein. An der Ladentheke bemerkte sie eine alte gebeugte Frau mit einer schwarzen Hornbrille. Sie beriet gerade eine junge Hexe, die einen bunten Vogel im Käfig bei sich trug.
„Hey, Mädchen du da komm her, losss dreh dich um. Umsssehen!", hörte Amelia von der Seite eine Stimme rufen und eine andere ähnlich klingende sagte, „Jaja, sssei noch unfreundlicher dann dreht sssie sich sicher um. Musssst du immer so schreien." Eine dritte fügte hinzu: „Jetzt eine dicke sssaftige Ratte wäre toll." „Ruhe", sagten die anderen beiden im Chor.
Amelia drehte sich verwirrt um und folgte den streitenden Stimmen in den hinteren Teil des Ladens. Dort entdeckte sie eine orange-schwarze Schlange, die zu ihrer Überraschung drei Köpfe hatte. Der linke Kopf sagte. „Immer müsssst ihr meine Pläne boykottieren? Ich will hier doch nur rausss." Der mittlere Kopf hatte sich diesem zugewandt und sagte mit einer zischenden Stimme: „Deine Pläne funktionieren doch ssssowiesssso nie, sonst wären wir gar nicht hier herein geraten."
Nur der rechte Kopf war Amelia zugewandt. „Da kommst ssssie."
Fasziniert ließ sich Amelia vor dem Terrarium nieder. Die dreiköpfige Schlange hatte ihr alle drei Köpfe zugewandt und sie zischelten im Chor „Lossss, kauf unsssssss." Während sie ihre Köpfe synchron bewegte.
„Wahnsinn", hauchte Amelia. Die Schlange war zwar nicht sonderlich groß im Vergleich zu der Boa Constrictor die sie auf ihren Cousin losgelassen hatte, aber diese orange-schwarze Färbung und die sechs paar Augen die sie anstarrten sahen einfach außergewöhnlich aus.
„SSSie wird unsss kaufen!", sagte der linke Kopf. „Bestimmt nicht wegen dir", erwiderte der mittlere während der rechte etwas verträumt hinzufügte: „Sie versteht uns."
„Ihr seid zu ulkig.", sagte Amelia und grinste. Wenn eine Schlange bedröppelt schauen konnte, dann waren es jetzt der mittlere und der linke Kopf.
„Du kannsssst und Versssstehen?", fragte der Linke verwundert und musterte sie skeptisch. „Sssie kann unssss nicht nur verssssstehen, ssssie sssspricht auch noch unssssere Sssprache, Idiot", erwiderte der mittlere Kopf ungehalten.
„Warum sollte ich euch nicht verstehen können?", fragte Amelia.
„Du sssprichst Ssschlangensssprache", sagte der rechte Kopf verträumt. „Du bissst etwasss besssonderesss."
„Kann ich Ihnen helfen?", fragte plötzlich eine Stimme hinter Ihr.
Die Hexe mit der schwarzen Brille war zu ihr gekommen und musterte sie nun ausgiebig.
„Was ist das für eine Schlange?", fragte Amelia und deutete auf die dreiköpfige Schlange im Terrarium neben ihr.
„Eine Runespoor, eine seltene Schlange aus West Afrika, genauer gesagt aus Burkina Faso."
„Sie ist wirklich schön und sie kann sogar sprechen.", sagte Amelia und wandte sich wieder der Schlange zu. Die war bestimmt teuer.
„Sprechen? Nein, Mädchen. Sie kann leider nicht sprechen. Es heißt die drei Köpfe streiten sich die ganze Zeit untereinander, weil sie alle unterschiedliche Einstellungen haben. Manchmal verbünden sich zwei Köpfe und beißen den Dritten ab."
„Wirklich?", fragte Amelia verdutzt. „Ich kann sie wunderbar verstehen."
Die Hexe sah sie erschrocken an. „Bist du ein Parselmund?", hauchte sie und wurde blass.
„Was ist ein Parselmund?", fragte Amelia verwundert.
„Jemand der mit Schlangen sprechen kann, eine sehr seltene Fähigkeit", erklärte die Hexe ihr und rückte ihre Brille wieder hoch auf die Nase, um Amelia ängstlich zu mustern.
„Ja, ich habe mich schon früher mit einer Schlange unterhalten", sagte Amelia und nickte verstehend. Sie fand nichts Schlechtes daran, mit Schlangen sprechen zu können.
Sie wandte sich wieder der Runespoor zu, die sie aus allen drei Köpfen gespannt ansah.
„Kauf unssss", zischten die drei Köpfe einheitlich im Chor.
„Glauben Sie…", begann Amelia, „dass ich auch eine Schlange als Haustier mit nach Hogwarts nehmen darf?"
„Da müssen sie ihre Eltern fragen. Hogwarts erlaubt alle Haustiere, solange sie nicht gefährlich sind."
„Ich habe keine Eltern, die ich fragen kann. Glauben Sie, dass ich diese da, mit nach Hogwarts nehmen kann?", fragte sie präzise und deutete auf die Runespoor.
„Runespoore sind nicht gefährlich. Sie sehen nur so aus. Sollten sie tatsächlich ein Parselmund sein, muss es sicher interessant sein ihr zuzuhören. Ich habe schon Berichte gelesen, dass manche Paselmünder eine Runespoor hatten."
„Kauf unssss", zischten die drei Köpfe noch einmal und sie sahen so bettelnd aus, dass Amelia einfach nicht widerstehen konnte.
„Ich kaufe sie."
Die ältere Dame erklärte ihr noch allerlei Sachen, die sie zu beachten hatte. Zum Beispiel, dass sie darauf achten sollte, dass sich zwei Köpfe nicht gegen einen dritten verbünden, um diesen abzureißen und das Muggel bei dieser Schlange nur einen Kopf sehen würden, anstatt Drei.
Mit ihrer neuen Runespoor und einem kleinen Käfig mit quiekenden Mäusen als Nahrung verließ sie die Magische Menagerie wieder. Die Schlange war in ihrem magischen Terrarium, das Amelia für sie gekauft hatte, zufrieden eingedöst.
Amelia machte sich schnell auf den Weg in den Tropfenden Kessel sie war schon etwas zu spät und die Taschen, obwohl nicht schwer, waren jetzt mit dem Terrarium doch etwas sperrig.
Als sie den Pub erreichte war der Eingang durch das Steintor geöffnet und sie entdeckte Professor McGonagall, die sich mit einem alten Zauberer unterhielt.
„Er ist sicher in Hogwarts, Mr. Flamel. Machen Sie sich keine Gedanken.", hörte sie Professor McGonagall sagen.
Der alte Zauberer entgegnete etwas und ging in den Tropfenden Kessel.
„Da sind Sie ja, Miss Potter", begrüße die Professorin Amelia.
„Kommen Sie, setzten Sie sich. Sie müssen ganz erschöpft sein. Haben Sie alles bekommen?"
„Ja Professor McGonagall", sagte Amelia und folgte ihrer Professorin in den Pub. Von dem alten Zauberer war nichts mehr zu sehn.
Professor McGonagall ging mit ihr ihre Einkaufsliste durch, damit sie auch ja nichts vergessen hatte. Als sie die Runespoor sah erschrak sie etwas.
„Die Verkäuferin meinte sie sei nicht gefährlich.", verteidigte Amelia ihr neues Haustier.
„Und sie hat mich so angebettelt sie mitzunehmen. Ich konnte einfach nicht anders. Ich darf sie doch nach Hogwarts mitnehmen, oder?", fragte sie Professor McGonagall und sah sie flehentlich an.
„Warum ausgerechnet eine Schlange?", fragte Professor McGonagall und betrachtete die schlafende Runespoor nachdenklich.
„Naja", begann Amelia, „ich kann mit Schlangen sprechen und sie war so lustig."
Professor McGonagall sah sie erschrocken an.
„Sie können mit Schlangen sprechen?", ihre Stimme klang erstickt. Amelia nickte verunsichert. Ob sie etwas Falsches gesagt hatte? Auch die Verkäuferin war so komisch gewesen als sie es gehört hatte.
„Salazar Slytherin konnte mit Schlangen sprechen", sagte Professor McGonagall. „Er war einer der vier Gründer von Hogwarts.
„Slytherin, diesen Namen habe ich heute schon mal gehört.", sagte Amelia und dachte an den Jungen, Draco Malfoy, den sie bei Madam Malkins getroffen hatte.
„Das kann gut sein Miss Potter. Hogwarts hat vier Häuser, jeweils benannt nach einem der vier Gründer. Gryffindor, Rawenclaw, Hufflepuff und Slytherin. Jeder Schüler in Hogwarts kommt in eines der Häuser mit dessen Mitgliedern er zusammen wohnt, bis die Schule beendet ist."
Amelia nickte verstehend. „Ich freue mich schon so auf Hogwarts, ich kann es kaum erwarten."
Professor McGonagall nickte ihr zu.
„Und was Ihr neues Haustier anbelangt, nehmen Sie es mit, aber jagen Sie Ihren Schulkameraden keine Angst ein. Können wir uns darauf einigen?"
„Natürlich, ich werde ihr sagen, dass sie ganz brav sein soll."
Professor McGonagall schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Eine Schlange", flüsterte sie zu sich selbst.
Sie aßen etwas zu Abend und Professor McGonagall erklärte ihr all die hundert Fragen, die ihr zu allem was sie sah in den Kopf schossen. Als sie fertig gegessen hatten, holte Professor McGonagall etwas aus ihrem Umhang.
„Da heute Ihr Geburtstag ist und Sie von Ihren Verwandten bestimmt nichts bekommen werden, habe ich mir erlaubt Ihnen ein kleines Geburtstagsgeschenk zu kaufen.
Sie überreichte Amelia ein in buntes Geschenkpapier eingepacktes Päckchen.
Amelia hatte noch nie ein richtiges Geburtstagsgeschenk bekommen. Tränen traten ihr in die Augen und sie musste sich beherrschen nicht zu weinen.
„Danke", sagte sie mit erstickter Stimme.
„Machen Sie es schon auf," ermutigte sie Professor McGonagall milde lächelnd.
Vorsichtig entfernte Amelia das Geschenkpapier und zum Vorschein kam ein Buch. Geschichte Hogwarts stand darauf. Ein echtes Geschenk.
„Danke Professor.", sagte Amelia und fiel ihrer verdutzen Professorin um den Hals.
„Gerne doch." Die Professorin klang gerührt.
Professor McGonagall brachte sie zurück zum Ligusterweg und bevor sie sich verabschiedete reichte sie ihr noch einen Umschlag.
„Darin befindet sich Ihre Zugfahrkarte. Der Hogwarts Express fährt am 1. September vom Gleis Neundreivietel los. Sie finden den Eingang direkt zwischen der Absperrung zwischen Gleis neun und zehn."
Amelia ging zur Tür der Dursleys und als sie sich umdrehte um sich nochmals zu verabschieden war Professor McGonagall bereits verschwunden.
Der letzte Monat bei den Dursleys war nicht sonderlich lustig, aber auch nicht so schlimm wie sie erwartet hatte. Nachdem sie Dudley gedroht hatte, ihn in einen Frosch zu verwandeln sobald sie aus Hogwarts zurück war, ließ er sie so ziemlich in Ruhe. Auch Tante Petunia und Onkel Vernon sagten nichts, aber sie nahmen sie auch nicht wirklich wahr. Die Stimmung im ganzen Haus schien an einem Tiefpunkt angelangt.
Amelia verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer und las ihre Schulbücher. Manchmal holte sie sogar ihren Zauberstab hervor und versuchte sich an dem einen oder anderen Zauber. Ein paar einfache gelangen sogar.
Ihre Schlange nannte sie Eristik. Aufgrund der sich dauernd streitenden Köpfe, fand sie den Namen recht passend. Es war ein dauernder Disput.
Sie war schon eine Woche wieder zurück im Ligusterweg, als sie eines Morgens zum Frühstück kam. Alle Dursleys waren schwarz gekleidet, als würden sie auf eine Trauerfeier gehen. Als Amelia fragte was denn geschehen sei, antwortete zu ihrer Überraschung Dudley.
Er sah richtig unglücklich aus. Wenn Amelia darüber nachdachte, sah er schon seit sie zurückgekommen war unglücklich aus.
„Gordon ist tot."
„Was?", fragte Amelia und wurde bleich.
„Die Polizei glaubt, dass er ausgerutscht ist und sich dabei den Kopf aufgeschlagen hat. Man hat ihn erst am nächsten Morgen gefunden. Er ist nicht mehr aufgewacht. Vor zwei Tagen ist er gestorben", sagte Dudley tonlos und klang dabei völlig am Boden zerstört. So kannte sie ihn gar nicht.
„Wann?", fragte Amelia mit zittriger Stimme.
„Vor zwei Wochen."
Vor zwei Wochen… Amelia glaube jeden Moment ohnmächtig zu werden. Sie hatte es, nach allem was geschehen war, völlig verdrängt. Vor zwei Wochen da war doch… Sie erinnerte sich wie Gordon nach ihr gegrapscht hatte und… wie sie jetzt wusste… Magie. Ihr wurde schlecht.
Ihr Magen begann zu rebellieren und sie brauchte all ihre Selbstbeherrschung um sich nicht sofort zu übergeben.
Nun sah auch Tante Petunia sie an. Einen Moment hatte Amelia sogar das Gefühl, sie sah besorgt aus.
„Dudley. Es.. Es tut mir leid.", presse sie hervor. Tränen liefen ihr aus den Augen. Abrupt stand sie auf und lief nach oben.
Die Dursleys sahen ihr verwundert hinterher.
Oben angekommen schloss sich Amelia im Bad ein und erbrach sich. Sie blieb im Bad, bis die Dursleys schon lange weg waren und weinte.
Als sie in ihr Zimmer zurückging, setzte sie sich vor das Terrarium und fischte sich eine quiekende Maus aus dem Käfig.
Eristik sah auf und alle drei Köpfe wandten sich gierig dem zappelnden Geschöpf zu. Amelia ließ sie noch einen Moment zappeln, dann ließ die Maus fallen und beobachtete wie sich alle drei Köpfe gleichzeitig auf das Tier stürzten.
„Ich bin eine Mörderin", sagte sie mit tonloser Stimme und sah zu, wie ihre Runespoor die Maus verschlang.
Amelia schlief schlecht die restlichen Ferien. Sie hatte überlegt sich der Polizei zu stellen, aber seit sie von dem Internationalen Statut zur Geheimhaltung der Magie in Geschichte der Zauberei gelesen hatte, fand sie diese Idee nicht mehr so gut. Keiner durfte jemals davon erfahren. Es musste ihr Geheimnis bleiben, wenn sie jemals ein glückliches Leben haben wollte.
So vergrub sie das Wissen tief in sich. Tiefer als jedes andere Gefühl. Sie würde nie wieder davon sprechen. Nie wieder daran denken und es mit allem was sie hatte geheim halten.
Ihr Blick richtete sich auf den endlosen Sternenhimmel über ihrem Zimmerfenster. Sie würde Leben und Glücklich sein. Niemand würde sich dem in den Weg stellen. Sie brauchte es nur wollen, schließlich war sie eine Hexe.
Kurz vor dem ersten September rang Amelia Onkel Vernon das Versprechen ab, sie nach Kings Cross zu fahren und es schien eine unendliche Last von ihr abzufallen, als sie die Dursleys endlich hinter sich gelassen hatte und mit ihren Schulsachen in Richtung der Zuggleise ging.
Nachwort:
Es ist die erste wirkliche Veränderung zu den Büchern eingetreten und ich habe mir mehrmals überlegt, ob ich so drastisch sein soll, jemanden zu töten, selbst wenn er in den Büchern nur am Rande erwähnt wird. Aber wenn ich ehrlich bin, mir liegen düstere Charaktere einfach mehr und ich wollte Amelia nicht ohne Grund verändern. Es ist mir wichtig, dass charakterliche Veränderungen aller Akteure logisch bleiben. Deshalb habe ich Amelia eine Last aufgebürdet, zu viel für ein Mädchen von elf Jahren, aber sie war bis jetzt immer allein und es ist nicht ihre Art um Hilfe zu bitten, so wie Harry nie um Hilfe gebeten hat. Auch er wollte alle Probleme allein lösen. Darin gleichen sie sich.
