Kapitel 9 – Drachenplage

Die ersten warmen Tage des Jahres begannen und heute war es so warm, dass sie es nicht mehr in den Kerkern aushielt. Draco war im Zauberschach-Club und Daphne hing zusammen mit Blaise bei den Drittklässlern am See ab.

Amelia hatte solche Kopfschmerzen, dass nicht mal ihre Meditationsübungen halfen. Also beschloss sie das zu tun, was sie immer tat, wenn sie frische Kraft brauchte. Sie besuchte Hagrid. Das half ihr einen freien Kopf zu bekommen.

Sie klopfte an Hagrids Tür.

„Wer da?", kam es von drinnen.

„Ich bin es, Amelia", rief sie. Die Vorhänge waren alle zugezogen und als Hagrid die Tür einen Spalt öffnete, stieg ihr der Geruch von Verbranntem in die Nase.

„Was machst du da?", fragte sie verwirrt und versuche an ihm vorbei ins Innere der Hütte zu schauen.

„Nichts, nichts", sagte Hagrid schnell und verdeckte ihr mit seiner massigen Gestalt den Blick.

Plötzlich hörte sie hinter ihm etwas knacken.

Hagrid wandte sich nach hinten um und stieß einen Freudenschrei aus. Sofort eilte er zum Tisch.

Amelia folgte ihm neugierig und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Auf dem Tisch lag ein Ei. Ein seltsames schwarzes Ei mit tiefen Rissen. Etwas bewegte sich in seinem Inneren und das komische Knacken von vorhin war erneut zu hören.

„Was ist das Hagrid?", fragte Amelia atemlos.

„Das", sagte er stolz, „ist ein Norwegischer Stachelbuckel. Naja, zumindest wird er mal einer. Schau mal gleich schlüpft er."

Und tatsächlich mit einem lauten Splittern riss das Ei auf. Ein Drachenbaby steckte sein Köpfchen daraus hervor.

Es schüttelte sich und die Schale platzte vollends auf. Es hatte winzige verschrumpelte Flügelchen und eine lange Schnauze.

„Wie süß", quiekte Amelia.

Es nieste und aus seiner Schnauze flogen ein paar Funken.

„Ist es nicht schön?", murmelte Hagrid. Mit seiner ausgestreckten Hand tätschelte er den Kopf des Drachenbabys. Es bleckte seine scharfen Zähnchen. Hagrid gluckste nur vergnügt.

„Sag mal Hagrid, sind Drachen nicht eigentlich verboten? Woher hast du ihn?", fragte Amelia stutzig.

„Hab ihn im Pub gewonnen, beim Kartenspiel. Schau mal er spreizt seine Flügel. Fein machst du das."

Hagrid war ganz vernarrt in den Drachen und Amelia war vollauf begeistert. Sie hatte noch nie einen echten Drachen gesehen, geschweige denn geglaubt bald einem zu begegnen.

Allerdings stellte sich die Aufzucht eines Drachenbabys als weitaus komplizierter heraus als Anfangs gedacht. Nach nicht mal drei Tagen war das Drachenbaby, Hagrid hatte beschlossen ihn Norbert zu nennen, um das Dreifache gewachsen. Und nicht nur, dass es innerhalb von ein paar Wochen so groß wie Hagrids Hütte sein würde, Drachenzucht war auch höchst illegal und wenn sie Hagrid erwischen würden, würde er sicher seine Arbeit verlieren.

Amelia mochte Hagrid. Die Hütte des Wildhüters war für sie zu einem Rückzugsort geworden, wann immer sie glaubte alles würde ihr über den Kopf wachsen, hatte sie hier eine Zuflucht gefunden. Sie mochte Hagrid. Auch wenn er nicht besonders schlau war, so hatte er doch eine freundliche herzliche Art die Amelias Seele erreichte. Ein Mensch wie er war etwas Besonderes.

Bestimmt ein Dutzend Mal hatte sie Hagrid zu überreden versucht Norbert einfach freizulassen. Doch dieser ließ sich nicht davon abbringen. Er vernachlässigte schon seine Pflichten als Wildhüter. Amelia tat es weh ihren Freund so verzweifelt zu sehen. Er wusste zwar, dass er Norbert nicht behalten konnte, aber loslassen konnte er ihn auch nicht.

Gedankenverloren saß Amelia in einer dunklen Ecke des Slytherin Gemeinschaftsraumes sie hatte eine Ausgabe von Hexen für Verhexte vor sich aufgeschlagen, konnte sich aber kaum auf den Text konzentrieren.

„Warum liest du das eigentlich?", durchbrach eine Stimme ihre Grübeleien. Amelia schrak hoch und vor Schreck rutschte das Buch auf den Boden.

„Draco, du bist es", sagte sie und bückte sich, um ihre Lektüre wieder an sich zu nehmen

„Was willst du?"

„Sind wir etwa schreckhaft heute?", lachte Draco, klopfte dann aber auf das Buch, das sie vor sich hingelegt hatte.

Mit breitem Grinsen setzte er sich neben sie. „Warum du das liest, wollte ich wissen. Solltest du nicht lieber für die Prüfungen lernen?", er schielte auf den Buchdeckel „Hexen für Verhexte, bist du paranoid?"

Mit einem undefinierbaren Blick musterte sie Draco. Konnte sie ihm vertrauen? Vielleicht… Wünschenswert… Er hatte ihr mehr Vertrauen entgegen gebracht als alle anderen. Ein Versuch war es wert, beschloss sie.

Umständlich strich sie über den Buchdeckel und Legte es gerade vor sich. Nachdenklich musterte sie es, bevor sie sich an Draco wandte.

„Eigentlich nicht, aber-" kurz zögerte sie „jemand hat versucht mich umzubringen", scharf musterte Amelia ihn damit sie auch bloß keine Reaktion übersehen konnte.

„Jemand hat versucht dich umzubringen?", wiederholte Draco erschrocken und Amelia bemerkte seine Überraschung. „Wann?"

„Du warst doch dabei, in indirekter weise hast du mir sogar das Leben gerettet.", sagte Amelia.

„Wann? Nicht das ich mich daran erinnern könnte."

„Kannst du dich nicht mehr an diese eine Kräuterkundestunde erinnern? Die mit der Wanderzyklone die uns angegriffen hat?"

„Ja schon, aber das war doch ein Unfall. Jemand hat sich einen üblen Scherz erlaubt", sagte Draco und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Nein, war es nicht. Denn es gab etwas, was du nicht mitbekommen hast. Ich wurde mit einem Schweigezauber belegt, bevor du mich gefunden hast. Als du mich angesprochen hast, muss er von mir abgefallen sein. Ich habe recherchiert und herausgefunden, dass es Zauber gibt die ihre Wirkung verlieren, sobald der Verhexte angesprochen wird. Das heißt, was immer damals verhindert wurde und wir können davon ausgehen dass es mein Tod sein kann, war Absicht. Jemand hat den Zauber auf mich gesprochen", sagte Amelia gefasst und sah, wie Draco blass wurde.

„Wie- Wie lange weißt du das schon?", fragte Draco mit erstickter Stimme.

„Mir war sofort klar, dass etwas nicht stimmte, welche Pflanze behindert schon dein Sprechvermögen.", erwiderte Amelia kühl.

„Hast du eine Vermutung wer es war?"

„Nein, keine. Wer sollte mich hier auf Hogwarts schon tot sehen wollen?", sagte Amelia und seufzte.

Draco überlegte einen Moment. Er schien etwas sagen zu wollen, hielt dann jedoch Inne und fragte: „Glaubst du, es hat etwas mit dem Stein der Weisen zu tun? Glaubst du Snape könnte dahinterstecken?"

Heftig schüttelte Amelia den Kopf. „Nein, ich glaube nicht, dass Snape etwas damit zu tun hat. Er mag mich, ich weiß nicht genau warum, aber ich habe die Vermutung, dass mehr dahintersteckt. Von ihm geht keine Gefahr für mich aus."

„Bist du dir sicher? Er…" Doch Draco unterbrach sich selbst und sah sie weiterhin misstrauisch an. „Du solltest ihm nicht zu sehr vertrauen. Das könnte noch übel für dich ausgehen."

„Was weißt du über ihn, dass ich nicht weiß?", fragte sie scharf. Doch Draco schüttelte abwehrend der Kopf. Sie hatte das Gefühl, als hätte er schon mehr gesagt als er wollte.

„Ich habe schon die ganze letzte Zeit mit einem weiteren Angriff gerechnet, doch es ist nichts passiert und Anhaltspunkte über den Täter habe ich auch nicht."

„Was wenn es ein ehemaliger Todesser war? Der sich an dir rächen will. Du warst schließlich die letzten Jahre nicht auffindbar", schlug Draco vor.

„Todesser? Waren das nicht die Anhänger des dunklen Lords?", fragte Amelia und versuchte sich an das Kapitel in Aufstieg und Fall der Dunklen Künste zu erinnern.

Draco nickte nur.

„Ja, es wäre immerhin Möglichkeit", sagte Amelia, die noch gar nicht in diese Richtung gedacht hatte. „Aber warum hat er es nur einmal versucht? Ich laufe ständig allein in der Schule rum." Gedankenverloren lehnte sich Amelia zurück. Ob das möglich wäre? Ob Voldemort ihr selbst noch nach seinem Tod oder Verschwinden das Leben schwer machen würde? Am liebsten hätte sie diese ganze Sache abgehakt. Aber die essenzielle Frage war eigentlich: Lebt Lord Voldemort noch?

Mit einem Seufzer setzte sich Amelia wieder aufrecht hin und warf einen nachdenklichen Blick auf das Buch.

„Es wird sich zeigen. Bis dahin kann ich nur vorbereitet sein.", sagte sie

Einen Moment zögerte sie noch dann wandte sie sich wieder an Draco.

„Wo würdest du versuchen ein auffälliges Haustier loszuwerden?"

Draco sah sie verständnislos an. „Hast du dich mit Eristik gestritten?"

„Ach Unsinn", erwiderte Amelia ärgerlich. Als würde sie jemals ihren Eristik loswerden wollen.

„Naja, ich würde es wahrscheinlich im verbotenen Wald aussetzen", sagte Draco und zuckte mit den Schultern.

Amelia schlug sich mit der Hand gegen die Stirn

„Oh natürlich!", rief sie. „Wie konnte mir das nicht einfallen."

Draco schien nun neugierig geworden sein, denn er drängte: „Los, erzähl schon."

Amelia hatte schon eine abwehrende Bemerkung auf den Lippen, die Draco sicher bis zum morgigen Tag verscheuchen würde, doch sie schluckte sie wieder runter. Eigentlich wollte sie nicht allein in den Verbotenen Wald. Draco war zwar ein Feigling. Aber wenn sie ging, würde er sich schämen zu kneifen.

Sie bedeutete Draco näher zu rücken und beugte sich ganz nah an ihn heran.

„Ich muss einen Drachen loswerden", flüsterte sie ihm ins Ohr.

Draco sah sie fassungslos an.

„Einen Drachen?", hauchte er etwas blass zurück.

„Naja, ich muss ihn erst stehlen und dann in den Verbotenen Wald bringen. Hilfst du mir?", ihre Stimme klang fast ein bisschen bettelnd.

Draco wollte gerade etwas erwidern, als ein lautes Johlen sie unterbrach.

„Woohoo", johlte Blaise. Er war gerade mit Daphne in den Gemeinschaftsraum gekommen.

„Seid ihr nicht etwas zu jung dafür?", fragte Josal McCain der ältere Stiefbruder von Blaise, der hinter den Erstklässlern stand.

Amelia lief rot an, als sie bemerkte wie nah sie bei Draco saß und flüsterte etwas das verdächtig nach „Vollidiot" klang.

„Kümmere dich lieber um deine Sachen", schnarrte Draco kalt zurück, rückte jedoch ein Stück von ihr ab. Die drei Slytherins begannen zu lachen.

Draco gab Amelia ein Zeichen und schnell verschwanden sie aus dem Gemeinschaftsraum.

„Solche Idioten", sagte Draco und lehnte sich gegen die Kerkermauer. Wechselte allerdings schnell das Thema: „Wem willst du den Drachen klauen?"

Amelia war dankbar dafür.

„Du musst mir versprechen, dass du es keinem erzählst. Versprich es mir", sagte Amelia.

Draco verdrehte die Augen, doch Amelia beharrt darauf, bis Draco ihr das Versprechen gab. Danach erzählte sie ihm von Hagrid und Norbert.

„Was hast du denn mit dem Trampel zu tun?", fragte Draco daraufhin.

Amelia presste missbilligend die Lippen zusammen. Sie mochte Hagrid.

„Er kann uns noch nützlich sein, Draco. Man sollte es sich nicht gleich mit allen verscherzen. Ich will ihm helfen, auch wenn er es nicht gut finden wird", sagte Amelia um Verständnis ringend.

„Was haben wir davon?"

„Du musst mir nicht helfen, wenn du nicht willst, dann mache ich es halt alleine", erwiderte sie trotzig. Sie hatte keine guten Argumente. Amelia wollte schon weggehen, doch Draco hielt sie am Arm fest.

„Das habe ich nicht gesagt", sagte er.

Amelia sah ihn flehentlich an. „Bitte Draco, ich habe Angst allein."

Draco machte ein undefinierbares Geräusch und schlug sich die Hand vors Gesicht, als könne er nicht glauben was er gleich tat.

„Okay, in Ordnung."

Am nächsten Morgen stand Amelia früh auf und fütterte Eristik der es sich vor dem Kamin im Gemeinschaftsraum gemütlich gemacht hatte. Er schlief oft vor dem Kamin, da es dort kuschelig warm war und Eristik sich sowieso immer über die Kälte in den Verliesen beschwerte.

Amelia gähnte, während sie sich in einen der Sessel fallen ließ und wandte sich ihrer Sternenkarte zu, um die Monde des Jupiters zu wiederholen.

Langsam füllte sich der Raum mit Leben. Auf dem Sofa nebenan versuchte Pucey, McCain aufzuwecken der schon den ganzen Morgen dort lag und mucksmäuschenstill vor sich hin schlummerte. Amelia ärgerte sich noch immer, über seinen Kommentar am gestrigen Abend.

Mit Erleichterung bemerkte Amelia wie Draco aus dem Jungenschlafsaal kam, so konnte sie endlich diesen langweiligen Mondnamen entkommen. Wen interessierte es schon ob Saturn nun sechzig oder einundsechzig Monde hatte und ob sie nun Pandora, Hyperion, Kiviuq oder Kloschüssel hießen.

Zusammen mit Daphne, Draco und den Anhängseln, auch genannt Vincent und Gregory, ging sie zum Frühstück und hätte sich am liebsten in ihren Frühstückscornflakes ertränkt, als sie Pansy Monde aufzählen hörte. Diesmal gehörten sie allerdings zum Uranus, der es nur auf schlappe vierundzwanzig Monde brachte. Zum Glück für sie.

Eilig hasteten Draco und Amelia nach dem Unterricht durch die Kerker in den Slytherin Gemeinschaftsraum. Sie mussten Vincent und Gregory abhängen.

Endlich vor der Wand angekommen keuchte Draco „Familientradition" und Amelia rannte schnurstracks in ihren Schlafsaal, um den Tarnumhang zu holen.

„Vielleicht sollten wir noch mal in die Bibliothek gehen, um nachzuschauen ob wir noch irgendwas beachten müssen. Ich habe kein gutes Gefühl dabei. Wir hätten uns wenigstens vorbereiten sollen", sagte Draco noch immer in der Hoffnung, Amelia von ihrem waghalsigen Plan abzubringen. Er hatte sie schon in Zaubertränke genervt und in Verwandlung und nicht zu vergessen in Geschichte der Zauberei.

„Jeden Tag den wir warten, wird Norbert schwerer. Gib ihm noch ein paar Tage und er ist so groß wie ich.", erwiderte Amelia ungehalten. Draco gab ein unwilliges Brummen von sich.

Der Gemeinschaftsraum war fürchterlich überfüllt und nichts war von der Lernstimmung zu spüren die die letzten Wochen geherrscht hatte. Irgendetwas schien alle in Aufruhr versetzt zu haben, doch die beiden kümmerten sich nicht darum, sondern versuchten nur, sich irgendwie an Vincent und Gregory vorbeizuschmuggeln, was nicht sonderlich schwer viel.

„Hast du dir schon überlegt, wie wir Hagrid aus dem Verkehr ziehen?", gab Draco zu bedenken.

Amelia stutzte einen Moment. Darüber hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht.

Draco interpretierte Amelias schweigen richtig.

„Zum Glück denke ich mit, denn im Gegensatz zu dir habe ich mich darum gekümmert", sagte Draco vorwurfsvoll. „Du willst immer gleich mit dem Kopf durch die Wand."

„Hat bis jetzt doch auch wunderbar funktioniert. Also, was hast du dir ausgedach.", lächelte sie ihn unschuldig an.

Draco kramte etwas aus seinem Umhang hervor und hielt Amelia eine kleine Phiole mit einer klaren Flüssigkeit vor die Nase.

„Du hast Snape den Trank der lebenden Toten geklaut?", fragte Amelia ungläubig, die so etwas niemals von dem Slytherin erwartet hätte.

Heute als sie zu Zaubertränke gegangen waren, hatte Professor Snape ihnen den Trank der lebenden Toten gezeigt, den eine sechste Klasse gebraut hatte und ihnen daran erklärt wie viel schief gehen konnte. Lediglich an einem Trank hatte er nicht herumgekrittelt und wie Amelia nun feststellte, hatte Draco etwas davon mitgehen lassen.

„Kann es sein, dass du deshalb beinah deinen Trank hast anbrennen lassen?", fragte Amelia diabolisch grinsend. „Das passiert dir doch sonst nicht."

„Hey, das ist ungerecht. Da helfe ich dir schon wieder besseren Wissens und du weißt es noch immer nicht zu würdigen."

„Natürlich weiß ich es zu würdigen. Du bist einfach ein Genie. Ich hätte selbst auf die Idee kommen können den Schlaftrank mitzunehmen", lobte sie ihn enthusiastisch.

„Weißt du Amelia, manchmal wünsche ich mir so begabt zu sein wie du. Dann wäre alles einfacher. Vater wird sauer sein, wenn ich schlechter bin als das Schlammblut und die ist eine fürchterliche Streberin." Draco sah richtig niedergeschlagen aus.

Amelia presste die Lippen zusammen. Am liebsten hätte sie Draco gesagt, dass sie nicht begabt war, dass sie ganz normal war, aber das war etwas was niemals jemand erfahren durfte. Es lief gerade viel zu gut. Sie wurde akzeptiert und bewundert.

Kurz vor der Sperrstunde erreichten sie das Eingangsportal und schlichen sich unter dem Tarnumhang aus dem Schloss. Sie hofften inständig, dass ihr Fehlen nicht auffallen würde. Draco, der ein Stück größer war als Amelia spähte ins Innere von Hagrids Hütte und entdeckt den Wildhüter auf der blauen, mittlerweile halbverbrannten Kuscheldecke, wie er seinem Babydrachen ein Schlaflied sang.

„Das ist wirklich ein Drache", flüsterte Draco erschrocken.

„Das habe ich dir doch gesagt.", belehrte ihn Amelia und musste über seinen geschockten Gesichtsausdruck kichern.

„Und wie flößen wir ihm nun den Trank ein?", fragte Draco unsicher.

Amelia drängelte sich neben ihn und zog sich etwas am Fensterbrett hoch, um ins Innere schielen zu können.

„Steht da nicht irgendwo eine Tasse oder so was? Er war schließlich nicht beim Essen in der Großen Halle", angestrengt spähte sie ins Innere.

„Ja, da steht was. Aber wie sollen wir da drankommen?

„Hagrid ist so beschäftigt, lass sie einfach rüber schweben", schlug Amelia vor.

„Mach du das", sagte Draco sofort.

„Nein, ich bin viel zu klein, ich sehe sie nicht richtig. Du hast mich doch auch aus Peeves Falle befreit, das klappt schon."

„Du hast dich befreit, ich habe dich nur aufgefangen.", erwiderte Draco.

Amelia sah ihn scharf an, doch Draco schien sich geschlagen zu geben.

„Na gut, ich versuche es"

Amelia tippte gegen das Fenster und flüsterte „Alohomora." Leise knarrend schob sich der Riegel zurück und sie konnten das Fenster einen Spalt breit öffnen.

Neben ihr atmete Draco einmal tief ein und flüsterte: „Wingardium Leviosa."

Unendlich langsam schwebte die Teetasse ein paar Millimeter über den Tisch in ihre Richtung, bis sie sich wieder darauf absetzte. Noch viel zu weit von ihnen entfernt.

Amelia sah wie Draco unter dem Tarnumhang die Lippen zusammen presste und es noch einmal versuchte. Diesmal schaffte er es, die Tasse den kurzen Weg vom Tisch bis zur Fensterbank zu schweben. Draco öffnete mit zitternden Fingern das Fläschchen mit dem Trank.

„Denk daran, nur einen Tropfen. Er soll müde werden, aber nicht sofort einschlafen", sagte Amelia

Draco nickte angestrengt und Amelia glaubte man müsse das leichte Schlagen von Glas auf Keramik bis in die Hütte hören.

Doch nichts rührte sich. Hagrid sang nur weiter sein Lied von Old Mother Hubbard mit seiner absolut unmusikalischen Stimme.

Nervös beobachtete Amelia wie Draco die Tasse wieder zurückfliegen ließ, denn gerade hatte sich Hagrid erhoben und tätschelte seinem Drachen noch mal über den Rücken, wo sich langsam die ersten scharfen pechschwarzen Zacken herausbildeten. Gerade noch rechtzeitig kam die Tasse zum stehen und Amelia und Draco atmeten synchron aus.

„Is' da wer?", hörten sie Hagrids Stimme aus dem Inneren der Hütte.

Panisch sahen sie sich an, blieben jedoch unbeweglich stehen.

„Ach ne, hab nur das Fenster offen gelassen, werd schon tattrig", hörten sie Hagrids Stimme von drinnen und sein Knarren verriet ihnen, das das Fenster wieder geschlossen wurde.

Erleichtert ließen sich die beiden ins Gras sinken. Natürlich mit etwas Abstand zur Hütte. Jetzt mussten sie warten bis Hagrid eingeschlafen war.

„Das war knapp", flüsterte Draco erleichtert.

„Ja, und wie", stimmte Amelia zu und sie grinsten einander verstohlen an.

Gemeinsam sahen sie hoch in den dunklen Sternenhimmel und Amelia kamen unwillkürlich die Namen für die Monde des Mars in den Sinn. Irgendwie fand sie es traurig, dass zwei so kleine Punkte am Himmel mit Schrecken und Furcht assoziiert wurden.

„Amelia?", fragte Draco nach einer Weile.

„Hm?"

„Nimmst du eigentlich an Beltane teil?"

„Beltane?", fragte Amelia und kam sich mal wieder einmal unglaublich dumm vor. Das kam noch viel zu oft vor, wenn Draco etwas aus der Zauberwelt erzählte.

„Das ist ein Fest der Zauberer. Aber nur noch sehr wenige feiern es, sogar von den Reinblütern. Ich durfte bis jetzt auch noch nicht teilnehmen. Meine Eltern haben gesagt erst wenn ich in Hogwarts bin", erklärte Draco mit entrückter Stimme. „Sie sagen es sei etwas ganz Besonderes, nicht so wie Weihnachten oder Ostern. Es wird immer am ersten Vollmond nach der Frühjahrstagundnachtgleiche abgehalten, also in drei Tagen."
Amelia konnte Dracos Lächeln nur erahnen, denn sein Gesicht lag im Schatten des Tarnumhangs und war kaum zu erkennen, obwohl sie so nah nebeneinander saßen.

„Willst du mich denn dabei haben?", fragte Amelia vorsichtig. Vielleicht wollte Draco nicht wirklich, dass ein Halbblut wie sie, an diesem Zauberfest teilnahm, andererseits warum hätte er sie sonst gefragt.

„Gerne. Ehrlich gesagt habe ich ein wenig Angst alleine hinzugehen", gestand Draco zögerlich.

Amelia lächelte in sich hinein. Es tat gut zu hören, dass sie nicht die einzige war die vor Sachen Angst hatte.

„Ich komme gerne mit. Danke, dass du gefragt hast."

Nach über einer halben Stunde erlosch endlich das Licht in Hagrids Hütte und die beiden Slytherins wagten es näher zu schleichen. Amelia drückte ihr Ohr gegen die Tür und hörte ein lautes Schnarchen aus dem Inneren. Hagrid war wohl schon in tiefen Schlaf verfallen.

Amelia zog ihren Zauberstab und öffnete die Tür mit einem Zauberspruch. Leise schlichen sie hinein, was nicht so einfach war, da sie sich den Tarnumhang teilen mussten. In der Hütte war es stockdunkel, nur die Glut im Kamin und ein Streifen Mondlicht, der zwischen den Gardinen herein fiel, spendeten spärliches Licht.

Sie gingen zu Norbert hinüber und Amelia ließ den Drachen in ein zur Tragetasche umfunktioniertes Tuch fliegen das Draco hielt.

Zusammen schlichen sie wieder nach draußen und machten einen kurzen Halt an der Eingangstür, wo Amelia das Türschloss zum Schmelzen brachte, so als hätte Norbert es zerstört.

Erleichtert der Hütte entkommen zu sein und den schwersten Teil ihres Plans hinter sich zu haben, liefen sie etwas schneller auf den Verbotenen Wald zu.

„Dann lass ihn uns ablegen und zurück in den Gemeinschaftsraum", sagte Draco.

„Wir müssen schon ein Stück rein, sonst findet Hagrid Norbert sofort", widersprach Amelia und steuerte direkt zwischen die Bäume.

Sie liefen eine Weile immer tiefer in den Wald, wobei sie stetig zögerlicher wurden. Der Wald war gewaltig, riesige uralte Bäume erhoben sich auf beiden Seiten und von überall schienen die unterschiedlichsten Geräusche an ihre Ohren zu dringen.

„Hey, Draco, schau mal", sagte Amelia und deutete auf etwas auf dem Boden. „Was das wohl sein mag?"

Draco beugte sich vor und untersuchte etwas silbrig Glänzendes auf dem Boden, wie eine Pfütze flüssigen Silbers. Amelia nahm einen kleinen Ast vom Boden und tauchte ihn in das silbrige Zeug. Etwas davon blieb am Stock haften.

„Sieht aus wie eine Zaubertrankzutat", sagte Draco. „Vielleicht Harz von einem besonderen Baum? Lass uns lieber weiter gehen, Amelia. Mir ist der Wald unheimlich."

„Mir auch", gestand sie.

Zwei Schritte weiter stolperte Amelia über einen Ast. Draco fing sie auf, dabei fiel jedoch das Bündel, das Amelia getragen hatte auf den Boden.

Die beiden Slytherins sahen sich einen Moment erschrocken an, dann hörten sie ein Knistern und als sie hinsahen erkannten sie, dass die Tragetasche in Flammen aufgegangen war. Ein kleiner schwarzer Drache glühte sie aus zwei orangeroten Augen förmlich an.

„Nichts wie weg hier!", rief Draco, packte Amelia am Arm und rannte mit ihr los. Irgendwohin, Hauptsache weit weg von dem wütenden Drachenbaby. Sie stolperten über Wurzeln und lose Äste, bis sie irgendwann schwer keuchend innehielten.

„Glaubst du", keuchte Amelia und lehnte sich schwer atmend gegen einen Baum, „wir haben ihn abgehängt?"

„Keine", keuchte Draco ebenfalls, „Ahnung. Aber lass uns eine Pause machen, ich kann nicht mehr."

Schwer atmend sanken die beiden Slytherins auf den Waldboden, um wieder zu Atem zu kommen.

„Okay, und wo lang jetzt?", fragte Amelia die sich als erstes erholt hatte.

„Woher soll ich das Wissen?", erwiderte Draco.

„Na ja, du hast mich schließlich mitgezogen."

Einen Moment sahen sich die Beiden ratlos an und stöhnten resigniert auf. „Sag bloß nicht", fing Amelia an, „wir haben uns verlaufen!", beendete Draco den Satz.

Nachwort:

Beltane, ich gebe es zu, ich habe es erfunden (nicht ganz aber in der HP Welt). Aber ganz ehrlich? Ich fand es immer unlogisch das Hexen und Zauberer Weihnachten feiern. Weihnachten ist ein christliches Fest und ich kann mir Hexen und Zauber irgendwie nicht Christlich vorstellen. Ostern wird zwar erwähnt aber auch nicht wirklich gefeiert. Deshalb fragte ich mich was ist mit den alten keltischen Festen? Den Festen die als Hexenfeste verschrien sind. Deshalb hier meine Version. Beltane wäre Harry niemals aufgefallen, weil er stets fern von allen reinblütigen Traditionen war. Deshalb fühle ich mich jetzt nicht schuldig es rein zu erfinden.