Kapitel 10 – Der Dunkle Lord

Sie hatten sich Verlaufen und keine Ahnung mehr wo sie waren.

Schließlich entschlossen sie sich, einfach in die Richtung, aus der sie gekommen waren zurückzulaufen. Wenn sie Norbert noch mal begegnen sollten, dann würden sie sich eben wehren müssen.

„Hey, hast du das gehört?", flüsterte Draco unbehaglich. Amelia nickte. Auch sie hatte es vernommen. Ein ganz leises Rascheln, als würde ein Umhang über den Waldboden schleifen.

Ängstlich schlichen sie weiter und der Wald schien von Schritt zu Schritt bedrohlicher zu werden. Amelia hatte schon lange ihren Zauberstab angezündet und auch Draco hielt mittlerweile einen leuchtenden Zauberstab in der Hand.

Plötzlich blieb Amelia wie erstarrt stehen, sodass Draco fast gegen sie gestolpert wäre.

„Was ist?", zischte er. Doch Amelia hob nur ihre zitternde Hand und zeigte nach vorne. Nun konnte es auch Draco erkennen. Vor ihnen lag ein toter Hirsch. Und aus ihm heraus, wurden Stücke gerissen. Die einen Moment in der Luft schwebten und dann verschwanden. Mal größere, mal kleinere manchmal mehrere auf einmal manchmal nur eines.

In Amelias Innerem bildete sich ein Klumpen und sie wich langsam zurück. Sie wollte nur noch ins Bett.

Draco zupfte Amelia am Ärmel und deutete auf den Boden. Als sie hinsah entdeckte sie jene silbrige Flüssigkeit, bei der sie Norbert zurückgelassen hatten. Doch an die Lichtung konnte sie sich nicht mehr erinnern.

Amelia deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die die silberne Spur sich zog und war erleichtert zu bemerken, dass sie weg von dem gerissenen Hirsch führte.

„Was glaubst du war das?", fragte Draco leise, als sie die Lichtung hinter sich gelassen hatten.

„Weiß ich nicht, aber ich glaube nicht, dass ich es so genau wissen will. Ich will nur noch hier raus. Wenn wir der Spur folgen, kommen wir vielleicht zu der Stelle mit Norbert. Dann finden wir raus."

Draco nickte, zog jedoch den Tarnumhang ein bisschen näher um sie. Zwischen all den Monstern, die dieser Wald beherbergte, erschien ihnen der Tarnumhang wie ihr einziger Schutz. Die silberne Flüssigkeit auf dem Boden wurde mehr, immer dickere Schlieren zogen sich über den Waldboden.

Plötzlich hörten sie ein silbernes, glockenhelles wiehern. Einen Moment stockten sie. Es klang nicht gefährlich, im Gegenteil, dennoch hinterließ es ein Gefühl der Trauer.

Neugierig schlichen sie sich hin und entdeckten etwas so Schönes, Grausames und Trauriges, dass es ihnen die Sprache verschlug.

In Mitten einer Lichtung stand ein Einhorn. Es hatte perlweißes Fell und ein spiralförmiges Horn auf der Stirn, doch aus einer tiefen Wunde floss silbriges Blut. Einen Moment strauchelte es noch, dann stürzte es zu Boden und der Klagelaut brannte sich tief in ihre Herzen. Amelia wollte hinstürzen, dem armen Wesen helfen, doch Draco hielt sie zurück und das keinen Augenblick zu früh. Gerade wollte Amelia aufschreien, dass er sie gehen lassen sollte, als sie etwas an einem Gebüsch entdeckte und erstarrte.

Eine Gestalt kroch über den Boden, stakste wie ein groteskes Untier vermummt in einen Umhang. Einen Zauberumhang.

Ob es sie bemerkt hatte? Amelia flüsterte so leise sie konnte: „Nox." Einen Augenblick später tat es ihr Draco gleich.

Das ganze Szenario wurde nun einzig und allein vom Licht des Mondes beschienen und hüllte sie in eine grausame Unwirklichkeit.

Amelia beobachtete wie das Wesen auf das Einhorn zu kroch und seinen Kopf über die klaffende Wunde legte. Mit Entsetzen beobachtete sie, wie es trank.

Es trank das Blut des Einhorns und in Amelia kroch die Übelkeit hoch.

Sie hatte es gelesen, über die Wirkung von Einhornblut. In Zaubertränke hatten sie das Horn und die Schweifhaare von Einhörnern benutzt. Doch da Amelia vorgelernt hatte, hatte sie auch zwangsläufig etwas über das verfluchende Blut der Einhörner gelesen. Damals war ihr bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken gelaufen, doch nun erschütterte es sie bis ins Mark.

Amelia musste ein Geräusch von sich gegeben haben, denn Draco drückte ihr die Hand auf den Mund. Doch es war zu spät. Das Wesen wandte den Kopf in ihre Richtung, Amelia glaubte einen Zauberstab aufblitzen zu sehen, bevor sich das Wesen auf sie zu bewegte. Neben ihr wurde Draco unruhig und auch Amelia hielt es nur noch mit Mühe auf ihrem Platz. Andererseits schaffte sie es nicht ihrem Körper zu sagen, dass er wegrennen sollte, sie war wie erstarrt.

Dann hob das vermummte Wesen den Kopf und Amelia glaubte, dass es sie direkt ansah. Ein gewaltiger Schmerz explodierte in ihrem Kopf, der sich wie ein Meißel direkt aus der Narbe in ihr Inneres zu Hämmern schien. Ein kleiner Schrei entkam ihr und sie stolperte. Beinahe wären sie gestürzt, doch Draco drehte sich in genau demselben Moment um, riss Amelia am Arm mit sich und rannte mit ihr und einem hinter ihnen her flatternden Tarnumhang weg. Weg von dem Ungeheuer, weg von dem toten Einhorn.

Amelia bekam davon kaum etwas mit. Sie nahm nur wahr, dass jemand sie zog, immer weiter und ohne darüber nachzudenken rannte sie hinterher. Der Schmerz in ihrem Kopf raubte ihr fast die Sicht. Einmal glaubte sie einen grünen Blitz gesehen zu haben. Plötzlich stolperte sie. Sie nahm kaum war, wie sie stürzte, dennoch spürte sie, wie sie Dracos Hand verlor.

Dies war der Moment, indem etwas Großes über sie sprang. Es stürzte sich auf das Wesen, das sie verfolgt hatte.

Mühsam rappelte sie sich auf und spürte Draco neben sich, der ihr aufhalf. Der Schmerz in ihrem Kopf brannte noch immer, sodass Amelia es kaum schaffte aufzustehen. Halb gelähmt vor Schmerz lehnte sie sich an Draco und bekam nur wie hinter einem Nebelschleier mit, dass Draco mit ihr sprach.

Nach ein oder zwei Minuten ließ der Schmerz endlich nach und als Amelia sich umsah, entdeckte sie keine Spur mehr von dem Wesen. Neben ihr stand Draco mit besorgtem Gesicht und ihnen gegenüber stand ein Wesen, halb Pferd halb Mensch, Hagrid hatte von ihnen erzählt, den Sternendeutern die im Verbotenen Wald lebten und aus denen man nie eine genaue Antwort bekam. Ein Zentaur.

Amelia wusste nicht was sie sagen sollte. Sie starrte den Zentaur nur an, als wäre er eine Erscheinung. Er hatte weißblondes Haar und das goldene Fell eines Palominos.

„Geht es Ihnen gut?", fragte er sie und Amelia spürte Draco neben sich schwach nicken.

„Sie sollten den Wald verlassen. Er ist nicht sicher", sagte der Zentaur und der Blick des magischen Wesens musterte sie sorgfältig. Amelia bemerkte, wie seine Augen auf ihrer Narbe verweilten die sich bläulich von ihrer Stirn abhob. „Sie sind die junge Potter. Besonders für Sie ist der Wald nicht sicher."

Amelia nickte schwach und brachte dann schließlich etwas über die Lippen: „Was war das für ein Wesen?"

Doch der Zentaur antwortete nicht. „Mein Name ist Firenze", sagte er nur. Und wandte sich zum Gehen. Als Draco und Amelia ihm nicht folgten, wandte er sich noch einmal um.

„Kommen Sie, ich führe Sie zurück zum Schloss."

Schweigen hüllte sie ein, als sie langsam durch den Verbotenen Wald gingen. Amelia und Draco hatten ihre Zauberstäbe wieder entzündet als Firenze plötzlich das Wort ergriff.

„Wissen Sie wozu Einhornblut gebraucht wird?", fragte Firenze die beiden Zauberer und Amelia bemerkte, wie Draco den Kopf schüttelte.

„Es verflucht denjenigen der es trinkt", sagte sie leise. „Selbst wenn jemand nur eine Handbreit vom Tode entfernt ist, wird er am Leben erhalten. Dafür, ab dem Moment da er das Blut trinkt, hat er nur noch ein verfluchtes, halbes Leben."

„Ja, Amelia Potter", sagte Firenze. „Es ist ein furchtbares Verbrechen etwas so Reines und Schutzloses wie ein Einhorn zu meucheln. Nur jemand der nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat, könnte so etwas tun."

„Doch ist das nicht unnütz?", fragte Amelia. „Was nützt ein verfluchtes Leben. Da wäre es doch besser in Frieden zu sterben."

„Das sehen Sie vielleicht so, Amelia Potter. Was aber, wenn derjenige nur darauf wartet, etwas anderes zu bekommen, etwas was ihn mit aller Stärke und Macht zurück bringt.

Wissen Sie was momentan in der Schule aufbewahrt wird?", fragte Firenze und Amelia konnte seine saphirblauen Augen im Mondlicht schimmern sehen.

Zögerlich nickte sie.

„Kennen Sie niemanden der sich seit Jahren wünscht zurückzukehren? Der sich ans Leben klammert in der Hoffnung eines Tages wieder zu erstehen?"

Amelia überlegte einen Moment, doch Draco war schneller.

„Der Dunkle Lord", flüsterte er entsetzt und starrte Firenze an.

Der Zentaur musterte Draco einen Augenblick und nickte dann.

Amelia jedoch packte der Schock. Noch zu genau erinnerte sie sich, was Professor McGonagall erzählt hatte, noch zu genau klangen all die leisen Gespräche der Siebtklässler zu ihr herüber, wie sie über ihn sprachen. Sie hatten ihn erlebt, in ihrer Kindheit.

Firenze sagte noch etwas doch Amelia hörte ihn kaum. Mit aller Macht riss sie sich aus ihren Gedanken und hörte den Zentauren nur noch sagen: „… es ziehen dunkle Zeiten auf." Draco nickte darauf und sah Amelia lächelnd an.

Bald darauf wurde der Wald lichter und Amelia erkannte das Schloss vor sich. Erleichtert löschte sie das Licht ihres Zauberstabes, und ließ sich von Draco den Tarnumhang überwerfen. Gerade als Firenze im Wald verschwinden wollte, fiel ihr noch etwas ein. Sofort trat sie einen Schritt unter dem Tarnumhang hervor und lief in die Richtung des Zentauren.

„Firenze?", sagte sie etwas lauter und der Zentaur drehte sich noch einmal um. „Danke, dass du uns gerettet hast." Gemächlich drehte sich das magische Wesen wieder um und verschwand im Dunkel des Verbotenen Waldes.

Amelia indes ging mit Draco Richtung Hogwarts.

Kurz blieb sie stehen und betrachtete das gewaltige Schloss. Irgendwo dort war der Stein der Weisen, und irgendwo dort war Voldemort, auf der Suche nach ihr.

Leise schlichen sie durch die Gänge und atmeten erleichtert auf, als sie endlich im Slytherin Gemeinschaftsraum angekommen waren.

„Wo kommt ihr her?", hörten sie plötzlich eine bekannte Stimme von Kamin. Amelia beeilte sich ihren Tarnumhang zu verstecken und Draco erwiderte.

„Was machst du denn noch so spät hier, Blaise?"

„Kann nicht schlafen", erwiderte der Junge und Amelia bemerkte das er erschreckend blass war.

„Ist irgendwas passiert?", fragte sie besorgt und setzte sich ihm gegenüber in den Sessel. Draco kam ebenfalls zu ihnen rüber und setzte sich auf die Armlehne. Auch er schien bemerkt zu haben das Blaise irgendwie seltsam aussah. Sein Gesicht war gerötet, als hätte er stundenlang geweint.

„Habt ihr es nicht mitbekommen?" Draco und Amelia schüttelten beide synchron die Köpfe.

Blaise lachte hohl auf. „Wo wart ihr denn den ganzen Tag? Seid ihr schlafgewandelt?"

Die beiden Slytherins sahen sich schuldbewusst an. Sie hatten den ganzen Tag gegrübelt, wie sie Norbert loswerden könnten. So richtig hatten sie auf nichts geachtet.

„Josal hat sich umgebracht", sagte Blaise tonlos.

Amelia starrte ihren Klassenkameraden perplex an. Das konnte doch nicht sein, gestern war er doch noch so fröhlich gewesen und hatte sie geärgert.

„Wirklich?", fragte Amelia ungläubig und Blaise nickte betrübt.

„Weiß man warum?", fragte Draco gefasst.

Blaise sah wirklich unglücklich aus. „Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Darin stand, dass er seinen Vater, meinen Stiefvater, umgebracht hat und weil er mit der Schuld nicht leben konnte, hat er sich angeblich selbst ein Ende gesetzt."

Amelia erinnerte sich daran, gehört zu haben, dass der Stiefvater von Blaise um Weihnachten rum gestorben war, hatte aber anderes im Kopf gehabt, als sich damit auseinander zu setzen. Blaise selbst war aber auch nicht sonderlich getroffen gewesen, sodass der Konfrontationspunkt mit dem Thema sehr gering gewesen war.

„Aber das glaube ich nicht. Josal hat seinen Vater zwar nie sonderlich gemocht, aber er hätte ihn doch nicht umgebracht. Er hatte keinen Grund!" Blaise sank wie ein Häuflein Elend auf dem Sofa zusammen und Amelia bekam Mitleid. Blaise hatte zwar seinen Stiefvater nie sonderlich gemocht, aber an McCain hatte er gehangen. Sie waren unzertrennlich gewesen, obwohl sie mehr als zwei Jahre auseinander lagen.

Nachdenklich stand Amelia auf und kniete sich neben Eristik, der vor dem Kamin lag.

Blaise und Draco beobachteten beide fasziniert, wie Amelia vor dem Kamin kniete und Parsel sprach. Es hatte irgendwie etwas Unnatürliches an sich, wie sie die Schlange anfauchte. Die Köpfe schienen miteinander zu streiten und es dauerte ziemlich lange bis Amelia jedem der drei Köpfe einen Kuss auf die Nase drücke und aufstand.

„Was hat er gesagt?", fragte Draco. Amelia seufzte schwer. Am liebsten wäre sie einfach ins Bett gegangen und hätte sich irgendwann anders um Verschwörungen gekümmert.

Aber was sollte sie nun sagen. Eristik hatte alles beobachtet was vorgefallen war. Aber war es gut für Blaise, wenn sie ihm schonungslos die Wahrheit sagte?

„McCain hat sich selbst umgebracht. Er hat das Gift gestern Abend eingenommen", sagte Amelia schließlich und ließ sich zurück in den Sessel sinken. Blaise sackte in sich zusammen, stumme Tränen flossen über sein Gesicht. Amelia biss sich nachdenklich auf die Lippen.

„Er hat es nicht freiwillig getan", fügte sie hinzu. Sie hatte manchmal ein zu weiches Herz.

„Wer hat ihn ermordet?", fragte Blaise aufgeregt und sprang auf.

„Ich glaube nicht, dass du die Antwort wissen möchtest. Ich würde es nicht wissen wollen", sagte Amelia betrübt und ließ die Schultern sinken.

„Sag es mir", forderte Blaise aufgebracht.

„Deine Mutter. Sie hat ihn dem Imperius unterworfen, weil er herausgefunden hat, dass sie seinen Vater ermordet hat."

„Meine Mutter!", sagte Blaise wütend und zog zornig seinen Zauberstab. „Ich habe immer gewusst, dass sie irgendwie dahintersteckt. Ich habe es immer geahnt und nie was getan. Aber jetzt ist sie zu weit gegangen."

Amelia sah die Wut in seinen Augen und schreckte einen Moment davor zurück. Blaise hatte keine Kontrolle über seine Gefühle. Er verstand nicht, was auf dem Spiel stand. Er hatte keinen Vater und auch keinen Bruder mehr. Egal was seine Mutter getan hatte, keiner verdiente es seine Eltern zu verlieren und allein zu sein. Sollten die Eltern auch noch so schlecht sein. Blaise hatte gerade seinen Bruder verloren. Er sollte nicht auch noch seine Mutter verlieren. Denn egal wie wütend er jetzt war, er hatte sonst immer nur gut von ihr gesprochen. Dort sprach nur die Trauer aus ihm.

Amelia stand auf, legte beide Hände auf Blaises Schultern und drückte ihn wieder in den Sessel. Er schien etwas sagen zu wollen, doch sie unterbrach ihn.

„Ich weiß du willst das jetzt nicht hören, aber du bist jetzt aufgewühlt und wütend. Tu jetzt nichts Unüberlegtes. Warte, bis die Narbe nicht mehr so frisch ist."

„Das ist Unsinn!", fuhr Blaise auf. „Ich will Gerechtigkeit, ich will Rache! Irgendjemand muss sie aufhalten und sie muss büßen für das, was sie Josal angetan hat!"

Blaise stieß Amelia zur Seite und sprang auf. Den Zauberstab noch immer in der Hand, wandte er ihn jetzt gegen Amelia

„Aus dem Weg, sofort!" Sie hatte einen Fehler gemacht. Sie hätte nicht so viel Vertrauen in ihn setzen sollen. Er verstand nicht, wie es war ein Waisenkind zu sein und von keinem geliebt zu werden.

Blaise hob seinen Zauberstab, Draco sprang auf, doch Amelia war schneller.

„Stupor!" Er roter Strahl verließ ihren Zauberstab und Blaise viel bewusstlos zurück aufs Sofa zurück.

„Ach Blaise, irgendwann wirst du verstehen", sagte Amelia betrübt.

„Wow", kommentierte Draco. Amelia schüttelte nur traurig den Kopf.

Sie steckte Blaise Zauberstab zurück in seinen Umhang und schloss für einen Moment die Augen, um sich zu konzentrieren. Sie hatte dies noch nie gemacht. Aber es war einer der ersten schwierigen Zauber, die sie gelernt hatte. Nur für den Fall, dass jemals jemand zu viel über sie wissen sollte. Sie hatte ihn gelernt, um ihr eigenes Geheimnis zu beschützen. Jetzt beschützte sie das Geheimnis eines anderen.

„Es tut mir leid Blaise, aber ich will dir dein Leben nicht versauen", sagte sie traurig. „Obliviate."

„Was hast du gemacht?", fragte Draco irritiert.

„Ich habe sein Gedächtnis verändert. Das hier bleibt unter uns, okay?", sagte Amelia und sah Draco scharf an, der nur nickte. Er sah schwer beeindruckt aus.

„War es wirklich seine Mutter?"

Amelia seufzte schwer und warf Draco einen schmerzvollen Blick zu. Sie wandte sich Richtung Ausgang, „Komm her und benimm dich als seien wir gerade erst gekommen", ordnete sie an. Draco nickte gehorsam.

„Enervate"

Blaise schlug die Augen auf. Einen Moment sah er verschwommen in die Luft, bevor er sich ihnen zuwandte.

„Wo kommt ihr her?", fragte er sie.

„Es tut mir leid, dass mit McCain", sagte Amelia und ging mit besorgtem Blick auf Blaise zu. Dieser senkte den Blick.

„Selbstmord, ich kann es noch immer nicht fassen", flüsterte er und eine Träne tropfte auf seine Hand.

„Lass uns ins Bett gehen", sagte Draco und kam auf sie zu. Draco spielte seine Rolle perfekt. Sie hatte nicht gewusst, dass er sich so gut verstellen konnte.

„Ich kann nicht schlafen", erwiderte Blaise. „Lasst mich einfach nur hier sitzen, okay?"

Am nächsten Tag erschien Hagrid nicht in der großen Halle zum Frühstück und auch die nächsten Tage war er nirgends zu sehen.

Amelia hatte jedoch seit der gestrigen Nacht ganz andere Sorgen. Ihre Narbe brannte und die gestrige Begegnung hatte ihr schmerzlich in Erinnerung gerufen, warum sie berühmt war.

„Draco, glaubst du Professor Snape arbeitet für den Dunklen Lord?", fragte sie kleinlaut als sie zusammen im Gemeinschaftsraum saßen und die Zutaten des Vergesslichkeitstranks durchgingen. Draco sah von seinem Pergament auf und musterte Amelia nachdenklich.

„Es könnte sein, schließlich ist er ein Slytherin. Viele Slytherins wurden zu Todessern", antwortete er zögerlich. Wieder hatte sie das Gefühl als würde er nicht alles sagen.

„Ja…" Ein eiskalter Klumpen breitete sich in ihr aus.

„Für manche war es eine Überraschung, dass du nach Slytherin gekommen bist. Von allen Häusern. Ausgerechnet in das Haus, in dem die meisten Anhänger des Dunklen Lords waren."

Amelia biss sich auf die Lippen. Gehörte sie hier etwa nicht hin? Sollte sie besser in einem anderen Haus sein? Nicht in dem Haus in dem Todesser gewesen waren? Ihre Eltern waren beide Gryffindors gewesen.

„Aber ich finde es richtig, dass du in Slytherins bist. Du gehörst hierhin, schließlich hast du es auch geschafft den Dunklen Lord zu besiegen."

Amelia seufzte. Sie wusste nicht, wie sie es geschafft haben sollte. An ihr war nichts Besonderes. Das wusste nur keiner.

Draco lächelte sie an, als würde er versuchen sie aufzumuntern.

„Gut, dass du hier bist. Okay, ohne dich käme ich vielleicht in weniger Schwierigkeiten, aber ich bin sicher, dass ich auch bedeutend schlechter in Verwandlung wäre", lachte er und Amelia fühlte sich gleichzeitig etwas besser und auch schlechter. Verwandlung war ein Fach, das ihr wirklich lag. Sie hatte ein Händchen dafür.

„Aber was glaubst du nun? Ist es wirklich Professor Snape derjenige, der den Stein für den Dunklen Lord will? Ich kann es irgendwie gar nicht glauben", kam Amelia zum Thema zurück.

„Ich würde ihm alles zutrauen. Er schließlich ein Slytherin. In Slytherin kannst du nur deinen Freunden vertrauen, denen dafür aber umso mehr", sagte Draco bestimmt.

„Ich weiß, trotzdem… Mein Gefühl und mein Kopf sagen mir verschiedene Dinge. Ich dachte, dass ich Snape vertrauen kann. Aber letztendlich sollten wir abwarten und sehen was passiert", entschloss sich Amelia. „ich werde nicht handeln, bevor ich gezwungen werde." Damit wandte sie sich wieder ihrer Zaubertrankliste zu.

„Wollen wir nicht jemandem Bescheid sagen? Einem anderen Lehrer oder dem Oberzausel Dumbledore persönlich", merke Draco an, doch Amelia schüttelte den Kopf.

„Nein. Wenn es nicht sein muss, will ich Professor Snape nicht in Misskredit bringen. Es kann auch sein, dass wir uns irren und ihn dann als Todesser zu bezeichnen, nein, das will ich nicht."

„Wenn du meinst, ich finde es wäre klüger."

„Vielleicht. Wenn es sein muss, werden wir zu einem Lehrer gehen und ihm unsere Vermutung mitteilen. Der Dunkle Lord darf auf keinen Fall wieder auferstehen. Das würde meinen Tod bedeuten", sagte Amelia seufzend und lehnte den Kopf zurück.

„Warum das?", sagte Draco. „Was wenn du dich mit ihm verbünden würdest? Du wirst einmal eine mächtige Hexe werden."

Amelia lachte höhnisch.

„Er hat meine Eltern umgebracht, Draco. Er hat auch versucht mich umzubringen. Nicht nur einmal sondern mittlerweile zwei Mal. Das letzte Mal vor nicht mal vierundzwanzig Stunden. Glaubst du wirklich, er würde mir die Hand reichen, wenn ich zu ihm hingehen würde und sagen, dass ich seine Idee großartig finde? Meine Mutter war ein Schlammblut, ich bin noch nicht mal reinblütig. Er wird mich töten, das ist so sicher, wie das Merlin einen Bart hatte."

Draco schluckte.

„Du hast Recht", gab er kleinlaut zu. „Aber wegen der Halbblutsache. Es gibt viele halbblütige Hexen und Zauberer. Die meisten sind es. Du bist trotzdem die beste Hexe unseres Jahrganges. Sieh dir mal Longbottom an, kaum zu glauben, dass der reinblütig ist, so wie der mit den Schlammblütern rumhängt. Ich halte dich für eine viel bessere Hexe als die meisten anderen in Hogwarts und das nicht nur von deinen Fähigkeiten her."

Amelia schenkte ihm ein dankbares Lächeln.

Sie schwiegen eine Weile vor sich hin, bis Draco abermals die Stille durchbrach und etwas ansprach, was ihm schon die ganze Zeit auf der Seele brannte.

„Amelia", flüsterte er leise und diese sah ihn aufmerksam an, „sind wir wirklich dem Dunklen Lord begegnet?"

Amelia stockte einen Moment. War diese Gestalt im Wald wirklich Lord Voldemort gewesen? Der mächtigste schwarze Magier aller Zeiten der Hunderte getötet hatte? Irgendwie, jetzt im Nachhinein, hatte er gar nicht so schrecklich gewirkt wie erwartet.

„Ja, ich glaube schon", antwortete sie zögerlich.

„Irgendwie seltsam, oder? Einem Toten oder einer Legende zu begegnen meine ich."

Amelia zuckte die Schultern. Ihr fehlte die Verbindung, die Draco durch die Zauberwelt zu ihm hatte. Für sie war Voldemort der Mörder ihrer Eltern, über den sie viele Geschichten gehört hatte. Eine grausamer, als die Andere und doch auch gute Dinge waren zu hören gewesen. Dass er etwas hatte verändern wollen. Etwas gegen die Muggel hatte tun wollen. Die Hexen und Zauberer befreien, damit sie wieder frei Zaubern konnten. In diesem Moment fragte sich Amelia was Lord Voldemort eigentlich für Draco bedeutete. Er, der er von klein auf in einer mächtigen reinblütigen Familie aufgewachsen war. Wie stand er zu Voldemort? Wollte sie es wirklich wissen?

„Das mag jetzt zwar vermessen klingen, aber bin ich dir etwa nicht Legende genug?", fragte Amelia scherzhaft und auch Draco musste lachen.

„Tja, wo Amelia Potter ist, wimmelt es nur so von Legenden, Gerüchten und Geheimnissen. Glaub mir, in kein anderes Haus hättest du gepasst, denn für Ravenclaw bist du einfach zu Slytherin." Ein schelmisches Grinsen glitt über Dracos Züge und auch Amelia musste kichern.

Nachwort:

Blaise… Ich weiß nicht ob Amelia jetzt ein guter oder ein böser Mensch ist. Es ist bestimmt nicht richtig. Aber es wird noch eine Rolle spielen. So viel voraus gesagt. Ich glaube diese Szene mit Blaise ist wegweisend für die Zukunft. Auf die ein oder andere Weise.