Kapitel 12 – Freundschaft

Amelia rannte so schnell wie möglich durch den Geheimgang, den ihr Graham in den Weihnachtsferien gezeigt hatte und schnappte sich Tinte, Feder und ihren Tarnumhang. Schwer atmend drehte sie sich um und spurtete nun zur Eulerei, die sich in einem der Türme befand. Dort kritzelte sie eine Notiz für Dumbledore auf einen Zettel und gab ihn Dracos Adlereule Beatrix zusammen mit einem Eulenkeks als Bestechungsgeschenk, damit sie sich besonders anstrengte. Sollte sie versagen, so könnte wenigstens Dumbledore Voldemort aufhalten. Erleichtert atmete sie auf, als sie die wunderschöne Adlereule davonfliegen sah, der erste Teil war geschafft.

Etwas zögerlicher näherte sie sich dem dritten Stock und zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, das die Tür nur angelehnt war. Also hatte Draco doch Recht und Professor Snape war schon hier.

Amelia drückte die Tür ein Stückchen auf, als sie plötzlich etwas von der Seite anrempelte und umwarf.

„Hab ich dich!", triumphierte Draco, als er sie auf den Boden drückte und ihr die Kapuze des Tarnumhangs von Kopf riss.

„Was machst du hier! Du solltest schon lange im Bett liegen", fauchte Amelia. „Du wirst mich sowieso nicht davon abhalten."

„Das hatte ich auch gar nicht vor", sagte Draco gekränkt und setzte sich auf, „aber ich kann dich doch unmöglich allein gehen lassen. Wenn dir etwas passiert wäre es meine Schuld."

Draco stand auf und klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Dann reichte er Amelia, die noch immer verdattert auf dem Boden saß, die Hand.

„Hast du wirklich gedacht ich würde eine Freundin allein ins Unglück rennen lassen? Du brauchst mich"

Amelia konnte ein schelmisches Blitzen in seinen Augen erkennen, aber sie wusste von der tiefen Angst, die sie in ihm gespürt hatte. Trotz allem, Amelia hätte nicht sagen können wie viel es ihr bedeutete, nicht alleine dort hin zu müssen und das Draco seine Angst bezwang und mitkam war noch viel mehr Wert.

„Okay", sagte sie und ergriff Dracos Hand, der ihr aufhalf.

„Kannst du ein Instrument spielen?", fragte Amelia Draco.

„Klavier, warum?"

„Das ist zu schwer, das kann ich nicht verwandeln."

Amelia zog ein Taschentuch als ihrer Tasche und murmelte etwas. Einen Moment später hatte sie ein Xylophon mit drei Stäbchen in der Hand. Sie reichte es Draco.

„Was soll ich damit?", fragte er verwirrt.

„Mach Musik, naja so gut es geht. Fluffy liebt Musik, dann schläft er immer ein."

„Woher weißt du das?", fragte Draco,

„Hat Hagrid mir erzählt. Es wirkt übrigens auch beruhigend auf Eristik."

Draco nickte und schlüpfte zu Amelia unter den Tarnumhang. Zusammen ließen sie die Tür aufschwingen und das Knarren mischte sich mit Fluffys Grollen, der wie verrückt auf dem Boden herumschnüffelte. Er schien auf der Suche nach den Eindringlingen. Amelia entdeckte eine Harfe auf dem Boden liegen, die hatte Snape wohl dort liegen gelassen. Neben ihr erklangen leise Töne als Draco mit seinem Zauberstab auf die Hölzchen schlug. Es war zwar keine richtige Musik, aber es reichte, um den Zerberus schläfrig zu machen. Der riesige Hund tapste herum wie ein Welpe, strauchelte und fiel letztendlich schlafend zu Boden.

Amelia zog den Tarnumhang runter, da sie ihn nun nicht mehr brauchten und näherte sich dem schlafenden Untier.

Sie nahm ihren Mut zusammen und ließ eine der großen Tatzen des Untiers von der Falltür fliegen. Draco stand dicht hinter ihr, als sie sich der Falltür näherte. Mit einem Wink ihres Zauberstabs glitt die Falltür auf und offenbarte ein gähnendes schwarzes Loch.

Amelia und Draco gingen zum Rand und spähten hinunter. Es war nichts zu erkennen, sie würden springen müssen, aber was, wenn es zu tief war? Sie überlegte einen Moment und wühlte dann in ihren Taschen. Sie entdeckt nur einen übrig gebliebenen Eulenkeks, der noch für Beatrix bestimmt gewesen war. Kurz konzentrierte sie sich und tippte dann mit dem Zauberstab gegen den Keks. Eine leise Verwandlungsformel später, hielt Amelia einen großen Stein in der Hand.

„Was willst du damit?" fragte Draco, während er weiter Töne spielte.

„Ich werfe den Stein runter, dann können wir hören, ob man springen kann", erklärte sie und Draco nickte erleichtert.

Der Stein zeigte, dass es zwar ziemlich tief war, aber am Boden irgendetwas weiches sein musste, da es sich nicht nach hartem Untergrund anhörte.

„Gut, ich springe und sag dir dann bescheid.", sagte Amelia. Noch einmal spähte sie hinunter, nahm all ihren Mut zusammen und sprang.

Mit einem ersticken Geräusch kam sie auf dem Boden an. „Alles Okay!", rief Amelia nach oben und machte sich daran ihre Umgebung zu ertasten. Sie musste auf einer Art Gewächs sitzen.

Neben sich hörte sie ebenfalls ein PLUMPS und Draco landete neben ihr. Sofort begann Fluffy oben zu Bellen.

„Zum Glück ist diese Pflanze hier", sagte Draco dicht neben ihr. Amelia wollte sich aufrappeln doch zu ihrem Entsetzen konnte sie sich nicht bewegen. „Lumos", flüsterte sie und stelle mit erschrecken fest, dass ihre Beine ganz von einer Schlingpflanze gefesselt waren.

„Draco, schnell wir müssen hier weg!", schrie sie, doch es war zu spät. Auch Draco war gefesselt worden und desto mehr sie an ihren Fesseln zerrten, umso fester schnürten sie sich um sie. Warte mal, da war doch was, hatte nicht Professor Sprout…

Incendio!", rief Amelia und ein Strahl kleiner Flämmchen löste sich aus ihrem Zauberstab. „Draco! Das ist eine Teufelsschlinge! Mach Feuer!"

Draco stockte einen Moment, doch dann rief er auch Feuer zu Hilfe und sie schafften es schließlich, sich von der Fesselpflanze zu befreien. Mühsam krochen sie auf den kalten Steinboden.

„Das war knapp", keuchte Draco. „Teufelsschlinge, woher wusstest du das?"

„Professor Sprout hat sie mal im Unterricht erwähnt. Und nachdem mich fast ein ähnliches Gewächs umgebracht hat, dachte ich, es wäre gut sich zu merken wie man sie los wird."

„Glück gehabt", ächze Draco und lehnte sich gegen die Wand. Sie war feucht.

„Wir müssen uns weit unterhalb der Schule befinden.", sagte Amelia nachdenklich. „Aber komm, wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir Professor Snape noch einholen wollen."

Schnell gingen sie den steinernen Gang entlang und in Amelia kamen immer mehr Zweifel auf, ob es die richtige Entscheidung gewesen war. Was wenn Snape sich nicht überzeugen ließ und sie angriff? Sie könnten es sicher nicht mit ihm aufnehmen. Oder wenn Voldemort persönlich da sein würde.

„Hörst du das?", durchbrach Draco Amelias Gedanken. „Hört sich an wie Flügel."

Auch Amelia lauschte und hörte leises rascheln und klimpern. Vor ihnen war Licht zu sehen und als sie am Ende des Ganges standen, blicken sie in eine hell erleuchtete Gruft. Die Decke wölbte sich sehr hoch und überall flogen kleine glitzernde Vögel herum. Auf der anderen Seite der Gruft konnten sie eine Holztür erkennen, die schwer in ihren eisernen Angeln lag.

„Glaubst du, das hier ist der nächste Schutzzauber?", fragte Amelia.

„Schätze schon, ob die fliegenden Dinger uns angreifen, wenn wir den Raum durchqueren?", antwortete Draco und musterte die Vögel in der Luft.

„Ich gehe vor, bleib du hier stehen. Ich renne rüber und schau, ob ich die Tür aufbekomme", sagte Amelia mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend.

Draco schüttelte den Kopf. „Wir gehen beide gemeinsam, wenn sie uns angreifen, sind wir wenigstens zwei Ziele, oder du kannst nicht zufällig noch einen Eulenkeks in eine Maus verwandeln und diese durchlaufen lassen?", fragte Draco hoffnungsvoll obwohl er wusste, dass es nicht ging.

„Ha ha, sehr lustig. Frag mich in ein paar Jahren noch mal, aber die Zeit haben wir jetzt nicht. Bleib besser hier, falls sie mich angreifen, sollte noch einer übrig sein. Wenn ich es nicht schaffe, musst du es versuchen."

„Ich würde es eh nicht hinkriegen, wenn du es nicht kannst, also los", sagte Draco und lief in die Gruft bevor er es sich anders überlegen konnte.

Amelia stürzte ihm hinterher, den Zauberstab erhoben, um sich nötigenfalls zu verteidigen.

Doch es geschah nichts. Unbehelligt kamen sie an der Tür an. Fragend warf Amelia den glitzernden Vögeln einen Blick zu, doch sie schwirrten nur weiter sorglos umher. Ob der Schutzzauber schon gebrochen war?

Die Tür jedoch war verschlossen. Sie drückten dagegen und Amelia versuchte es mit Alohomora doch nichts rührte sich.

„Ich habe ein ganz ungutes Gefühl", sagte Draco der die ganze Zeit die Vögel beobachtete.
„Was ist denn?", fragte Amelia die noch immer versucht die Tür zu öffnen.

„Was, wenn wir uns unseren Schlüssel fangen müssen?", fragte Draco.

„Wieso fangen? Wo sind denn hier…" Amelia folgte Dracos ausgestreckter Hand und nun erkannte auch sie, was er meinte. Das was sie für Vögel gehalten hatte, waren in Wirklichkeit hunderte Schlüssel mit kleinen Flügeln.

„Oh nein…", seufzte sie als sie sich ausmalte das irgendwo dort oben der Richtige rumschwirren würde, falls Professor Snape ihn nicht mitgenommen hatte.

„Und wie sollen wir da hochkommen?"

Da erst bemerkte sie, dass Draco gar nicht mehr neben ihr stand. Panisch sah sie sich um, atmete jedoch auf, als sie ihn mit zwei Besen in der Hand auf sich zukommen sah.

„Madam Hooch meinte, doch du seiest so ein Flugtalent, dann zeig doch mal was du kannst", sagte Draco grinsend und warf ihr einen Besen zu.

„Und woher sollen wir wissen welches der Richtige ist?", fragte Amelia und betrachtete weiterhin die Schlüssel.

„Hm… Na ja, dem Schloss nach zu urteilen muss es ein großer Schlüssel sein, wahrscheinlich etwas altmodisch, so wie die Schlüssel bei mir zu Hause. Silbern müsste er sein, damit er zur Türklinke passt", sagte Draco während er das Türschloss genauer in Augenschein nahm.

„Na toll, davon dürfte es Hunderte dort oben geben", seufzte Amelia und musterte die Schlüssel. Einen Moment schien sie zu zögern, dann sagte sie: „Wir werden es schaffen, und wenn wir jeden Schlüssel einzeln ausprobieren müssen." Draco nickte.

Gemeinsam stießen sie sich vom Boden ab, doch es war gar nicht so einfach einen Schlüssel zu erwischen. Blitzschnell flogen sie davon, mal nach oben, dann nach unten und änderten ohne erkennbares Muster die Richtung.

Irgendwann reichte es Amelia. Sie gab Draco ein Zeichen und sie trafen sich auf halber Höhe der Kuppel. Beide waren nass geschwitzt und verfluchten die stickige Luft.

„So wird das nie was", sagte Amelia. „Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen, als einfach nur drauf los zu fliegen."

„Dann mach einen Vorschlag."

„Wir suchen uns gemeinsam einen Schlüssel raus, den wir dann jagen, einer der passen könnte. Ich schlage vor wir sehen uns beide erst mal um und rufen den anderen, wenn wir was passendes Gefunden haben. Die Schlüssel sehen doch noch recht verschieden aus."

Es dauerte wirklich nicht lange, da deutete Draco auf einen großen Schlüssel mit himmelblauen Flügeln. Der eine Flügel sah ziemlich zerzaust aus, als hätte Professor Snape ihm übel mitgespielt.

Flagrate!", rief Amelia mit ausgestrecktem Zauberstab und der blitzende Schlüssel verfärbte sich in strahlendes Signalrot.

„Dann los!", rief Amelia und raste hinterher. Draco stürzte sich von der Seite auf ihn, doch kinderleicht entsprang er ihnen und schoss pfeilschnell davon. Zu Amelias Entsetzen bemerkte sie, wie sich die Verfärbung langsam aufzulösen schien, anscheinend waren die Schlüssel dagegen geschützt. Sie hatten nicht mehr viel Zeit, bevor sie ihn womöglich aus den Augen verlieren würden.

„Amelia! Komm von unten wir drängen ihn oben in eine Ecke!", erteilte Draco ein Kommando und hielt genau auf den Schlüssel zu. Amelia raste steil nach oben und trieb ihre Beute direkt in Dracos Bahn.

Immer näher kamen sie der Wand. Draco schnappe sich den Schlüssel, doch er war viel zu nah, und so stieß er sich mit dem Fuß an der Wand ab, was ihn vom Besen katapultierte. Amelia blieb das Herz stehen als sie ihn in Zeitlupe fallen sah. Sie raste auf ihn zu und rief Arresto Momentum. Dracos Fall wurde gebremst und Amelia schaffte es ihn zu packen langsam glitten sie tiefer, doch der Zauber hielt nicht lange. Einen Augenblick später wurde sie vom Ruck des sich auflösenden Zaubers ebenfalls herumgerissen

Mit einem Schrei versuchte sie sich an Draco und dem Besen festzuklammern, während ihr Zauberstab zu Boden fiel. Langsam sanken sie tiefer. Draco hatte mit einem Arm ihre Hüfte umklammert mit der anderen Hand hielt er den widerspenstigen Schlüssel. Doch Amelias Kraft reichte nicht aus, langsam, aber sicher rutschten ihre Finger ab. Wie ein menschliches Knäuel fielen sie zu Boden.

Ein erschütterndes Knirschen war zu hören, als sie auf dem Boden aufschlugen und Amelia stellte verwundert fest, dass sie nicht so hart gelandet war, wie erwartet. Als sie sich jedoch aufrichtete stöhnte Draco unter ihr vor Schmerz auf. Amelia sprang sofort.

„Alles in Ordnung?", fragte sie besorgt, doch Draco schüttelte mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf und klammerte sich an den Schlüssel.

„Mein Bein, ich glaube es ist gebrochen", presste er hervor und Tränen stiegen ihm in die Augen. Tatsächlich stand sein Bein in groteskem Winkel ab.

„Warte", sagte Amelia und rannte zu ihrem Zauberstab. Vorsichtig versuchte sie Dracos Bein aus seinem Umhang zu wickeln.

„Au! Spinnst du! Lass das!", schrie dieser auf.

„Tschuldigung, aber ich musste das weg machen", verteidigte sich Amelia. Mit zusammengebissenen Zähnen befreite sie Dracos Bein aus dem Umhang, in den es sich verknotet hatte.

„Und ist es schlimm?", fragte der Slytherin weinerlich, als er mit weißem Gesicht, in dem eindeutig Tränenspuren zu sehen waren, zu Amelia herüber spähte.

„Du musst in den Krankenflügel", sagte Amelia, die auch nicht viel von Verletzungen verstand und sich besser an nichts versuchen wollte von dem sie keine Ahnung hatte. „Ich kann das nur notdürftig verbinden mehr aber auch nicht."

Draco nickte und Amelia zückte ihren Zauberstab.

„Warte mal! Du willst doch nicht Zaubern, oder?", fragte er mit ängstlicher Stimme.

„Keine Sorge, ich weiß was ich tue", sagte Amelia und fügte in Gedanken hinzu: Hoffentlich.

„Nichts gegen deine Fähigkeiten, aber du bist auch erst ein Jahr in Hogwarts und wir haben nie auch nur ansatzweise so was gemacht."

„Glaubst du wirklich ich hätte nur Schulstoff gelernt? Außerdem keine Sorge, ich will nichts an dir herum hexen, ich will nur das Bein schienen damit du zurück kannst", beruhigte Amelia den panischen Jungen.

Dieser sah sie einen Moment unentschlossen an, nickte dann jedoch zögerlich. Amelia tippte leicht mit ihrem Zauberstab gegen das gebrochene Bein und murmelte: „Ferula."

Wie aus dem Nichts erschien eine Binde und rollte sich Dracos Bein hoch, sicher schnürte sie das gebrochene Bein an einer Schiene fest.

„Kannst du aufstehen?", fragte Amelia und half Draco auf die Beine, der zwar noch immer unter Schmerzen auf keuchte, aber mit ihrer Hilfe stehen konnte.

„Wo hast du das gelernt?", fragte er verwundert.

„Na ja, das war eher Zufall. Auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass ich ihn so bald brauche", erwiderte Amelia.

„Am besten du bleibst hier und ich gehe allein weiter, ich kann dich jetzt nicht in den Krankenflügel bringen."

„Nein, auf keinen Fall. Du wirst mich jetzt nicht zurücklassen, schließlich ist es deine Schuld, dass ich verletzt bin", protestierte Draco. „Außerdem, ist es doch sicherer bei dir, als allein in irgendeinem Raum tief unter Hogwarts."

Amelia seufzte genervt auf. „Du bist stur, habe ich dir das schon mal gesagt? Und eindeutig im falschen Haus, nur Gryffindors sind lebensmüde", schimpfte Amelia und nahm Draco den verzauberten Schlüssel ab.

„Pha, ich bin kein Gryffindor, aber ich lasse keine Freunde im Stich und jetzt rede dich nicht raus, denn ich weiß genau das du nicht allein gehen willst."

Die beiden Slytherins lieferten sich ein stummes Blickduell, welches Amelia jedoch verlor. Geschlagen senkte sie den Blick. Er hatte Recht.

„Na gut, aber das du mir ja nicht rummeckerst", gab sie auf und betrachtete den Schlüssel in ihrer Hand wie er wild versuchte sich zu befreien. Die Flügel sahen nun ziemlich ramponiert aus, der eine war sogar angerissen.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Tür, wobei Draco bei jedem Schritt leise vor Schmerz aufstöhnte. Froh das sich windende Ding bald los zu sein, rammte Amelia den Schlüssel ins Schlüsselloch und zu ihrer Erleichterung war ein leises „Klick" zu vernehmen und die Tür ließ sich öffnen. Beträchtlich angeschlagen flatterte der malträtierte Schlüssel davon und Amelia ließ die Tür aufschwingen.

Hinter der Tür war es völlig dunkel, nicht mal die kleinsten Umrisse waren zu erkennen. Amelia und Draco zogen synchron ihre Zauberstäbe und murmelten: „Lumos."

Vorsichtig gingen sie rein, jeden Moment einen Angriff erwartend und schreckten furchtbar zusammen als die Gruft plötzlich von Licht durchflutet wurde.

Was sich ihnen bot, war jedoch ein alles andere als normaler Anblick. Sie standen am Rande eines gewaltigen steinernen Schachfeldes, direkt vor ihnen ragten die schwarzen Figuren empor auf der gegenüberliegenden Seite reckten ihnen die weißen Figuren ihre gesichtslosen Köpfe entgegen. Weit hinter ihnen konnte Amelia eine Tür erkennen.

„Und was jetzt?", fragte sie und betrachtete die Figuren.

„Ich schätze mal, dass wir eine Partie Schach spielen werden", stellte Draco trocken fest.

„Ich bin richtig mies im Schach", sagte Amelia mit leidlichem Gesichtsausdruck.

„Und bereust du, dass du mich mitgenommen hast?", fragte Draco bissig.

Amelia seufzte nur ergeben. Draco kaute ein wenig auf seiner Unterlippe herum und humpelte dann mit Amelias Hilfe auf die Schachfiguren zu. Zögerlich berührte er die Dame, welche sofort zum Leben erwachte und ihr Schwert aus der Scheide zog. Hätte er gekonnt, so wäre Draco nach hinten zurückgewichen, doch leider brauchte er Amelia als stützte.

„Ähm… Können wir das Spiel beginnen?", fragte Draco doch die Dame nahm ihr Schwert und deutete erst auf sie beide und dann auf die restlichen schwarzen Figuren dann nickt sie. Draco runzelte verwundert die Stirn.

„Was meint sie?", fragte er, doch Amelia hatte den Schachmenschen verstanden.

„Wir sollen mit ihnen kämpfen, als Schachfiguren", sagte sie und Draco wurde noch blasser.

„Und was, wenn wir verlieren?", fragte er mit zitternder Stimme.

„Ich glaube wir sollten einfach nicht verlieren", sagte Amelia. Mit etwas schlechtem Gewissen bemerkte sie Dracos nervösen Blick zum Schachbrett.

„Ich werde dir keinen Vorwurf machen, wenn wir nicht gewinnen, aber du bist eindeutig der bessere Spieler", sagte Amelia und Draco nickte zögerlich. „Ich kann aber auch…"

„Ach jetzt sei Still", sagte Draco ärgerlich. „Nimm du den Platz des Königs ein, da bist du noch am sichersten. Ich werde nicht verlieren und auf den König muss ich sowieso aufpassen. Ich werde einen Springer spielen, mit der Figur ist es leicht sich in Sicherheit zu bringen da sie über andere Figuren drüber springen können und nicht gradlinige Wege einschlagen", sagte Draco und die Figuren schienen zugehört zu haben, denn sie verließen ihre Felder und stellten sich an den Rand.

„Warte, Draco. Du kannst keinen Springer spielen, dafür musst du dich viel zu viel bewegen. Lass mich den Springer nehmen und du spielst den König. Dann hast du von hinten auch besserem Überblick", argumentierte Amelia und sah Draco besorgt an. Dieser schien einen Moment widersprechen zu wollen, sah dann jedoch ein, dass Amelia Recht hatte. Er konnte sich so schon kaum auf den Beinen halten.

Amelia half Draco auf seinen Platz und ging danach zögernd auf die Spielfigur des Königs zu. Sie war selbst erstaunt über ihren Mut, als sie den König aufforderte ihr sein Schwert zu leihen, was dieser, ohne zu zögern tat.

„Wozu brauchst du das Schwert?", fragte Draco und sah Amelia verwundert an. „Willst du damit kämpfen? Das Schwert ist fast so groß wie du."

„Kämpfen?", fragte Amelia und schüttelte nur den Kopf. „Nein, aber ich dachte du brauchst vielleicht eine Stütze."

Draco nickte ihr dankbar zu und wies sie dann an, auf ihren Platz zu gehen damit das Spiel beginnen konnte. Weiß zog zuerst.

Die schwarzen Spielfiguren gehorchten schweigend Dracos Befehlen und zogen gegen die weißen Schachmenschen zu Felde. Diese waren gnadenlos und wann immer sie einen der schwarzen erwischten, schlugen sie ihn nieder, was Draco unverständlicherweise ein listiges Lächeln auf die Lippen trieb. Amelia hingegen hätte fast aufgeschrien, als die erste Figur zu Boden ging, denn der weiße Springer hatte den schwarzen Läufer einfach niedergeschlagen und vom Brett gezerrt. Sie war aber auch wirklich zu naiv gewesen, sie waren hier in der Zauberwelt, da würden sie wohl auch Zauberschach spielen.

Kurz versuchte Amelia den Überblick zu behalten und eine Strategie hinter Dracos Zügen zu erkennen, doch schon bald gab sie es auf und vertraute einfach darauf, dass er wusste was er tat.

Sie spielten eine ganze Weile, immer mehr weiße, wie auch schwarze Figuren wurden geschlagen und Draco schickte Amelia von einer Seite des Feldes zur nächsten. Entweder um eine Figur vom Spielfeld zu werfen oder um sie schnell in Sicherheit zu bringen. Irgendwann kam das Spiel jedoch ins Stocken. Der gegnerische Springer war gerade gezogen und Draco schien sich nicht sicher, wie er darauf reagieren sollte. Amelia ließ ihm seine Zeit, doch irgendwann fragte Draco: „Amelia, vertraust du mir?" Diese sah sich irritiert um, woher plötzlich die Frage. Erst wollt sie erwidern was das denn werden sollte, doch dann sah sie Dracos blasses Gesicht. Sie sollten schnell weiterspielen sonst würde er noch umkippen.

„Ja", antwortete sie und wartete was nun geschah.

„Okay", sagte Draco, „dann geh vor auf H4."

Amelia tat, wie ihr geheißen und der Springer der vorhin gezogen war, ging nun auf ihre Dame los, die ein paar Felder von ihr entfernt stand. Hinter sich hörte sie Draco ausatmen und bekam die Anweisung den König matt zu setzen, indem sie auf F3 sprang.

Mit einiger Erleichterung nahm Amelia wahr, wie ihr der weiße König seine Krone zu Füßen warf. Alle Spielfiguren verbeugten sich, dann öffnete sich die Tür hinter den weißen Figuren und gab den Durchgang frei.

Amelia eilte sofort zu Draco um ihn zu stützen. Er sah ganz und gar nicht gut aus.

„Geht es?", fragte sie besorgt und schalt sich selbst für die Frage, auf die sie bereits die Antwort kannte.

„Lass und weitergehen", sagte Draco leise und stütze sich schwer auf Amelia. Das Stehen hatte ihm nicht gut getan.

„Sicher, dass ich nicht…?", setze Amelia an doch ein Blick von Draco genügte und sie führte ihn zur Tür.

Ein bestialischer Gestank schlug ihnen entgegen als sie die Tür aufzogen. Sie brauchten nicht mal einen Schritt hinein zu tun, da begannen ihnen schon die Augen zu tränen. Amelia konnte einen gewaltigen Troll erkennen, viel größer als der, vor dem sie das Schlammblut gerettet hatten. Zu ihrer Erleichterung jedoch, lag er alle Viere von sich ausgestreckt auf dem Boden und hatte eine gewaltige blutige Wunde am Kopf. Wenn Professor Snape das mit einem riesigen Troll tat, was würde er dann mit zwei Erstklässlern tun, fragte sich Amelia, schob den Gedanken jedoch schnell wieder bei Seite. Sie würde Snape überzeugen. Sie musste.

„Draco, vielleicht sollte ich dich besser in die Schachkammer zurückbringen, hinter jeder Tür könnte Snape lauern", sagte Amelia doch Draco ignorierte sie und humpelte weiter, sodass Amelia ihm über eines der Trollbeine helfen musste. Sie wusste nicht, ob er sie nicht gehört hatte oder sie nicht hatte hören wollen.

Spätestens hier wären sie gescheitert, den Troll hätten sie nicht besiegen können, doch zum Glück war ihnen die Arbeit abgenommen worden und sie gingen sofort zur nächsten Tür weiter.

Der nächste Raum war wieder mit frischer Luft gefüllt und sie konnten endlich wieder frei atmen, doch was sie sahen verwunderte sie. Es war der am einfachsten gehaltene Raum bis jetzt, hier waren weder monströse Schachfiguren, Fleisch fressende Monster oder Würgepflanzen. Es stand ein einfacher Tisch darin mit sieben unterschiedlichen Flaschen darauf.

Amelia half Draco über die Schwelle und kaum waren sie in den Raum getreten, als hinter ihnen purpurrotes Feuer ausbrach. Auch im Türbogen gegenüber loderte Feuer auf, doch dieses war schwarz.

Einen Moment glaubte Amelia es würde sich näher auf sie zu bewegen, doch die Flammen blieben, wo sie waren.

Draco setzte sich auf den Tisch und atmete erst mal frei durch. Amelia unterdessen entdeckte einen Zettel und nahm ihn auf.

„Das kann nur auf Snapes Mist gewachsen sein", stöhnte sie als sie ihn las.

Draco sah sie an und nahm ihr das Pergament aus der Hand. „Ein Rätsel", seufzte er resigniert.

Amelia sah sich um, außer den beiden Türen die nun in Flammen standen, gab es keinen weiteren Ausweg. Plötzlich glaubte sie aus den Augenwinkeln etwas in dem schwarzen Feuer gesehen zu haben. Sie ging ein paar Schritte auf es zu und es erschien ihr unnatürlich heiß. Doch, sie hatte sich nicht geirrt. Dort war es wieder gewesen. Es war, als hätte die Tatze eines Untiers nach ihr aus dem Feuer heraus geschlagen. Amelia beobachtete es weiter und plötzlich dämmerte es ihr, um was es sich handeln musste.

Schnell lief sie zurück zum Tisch.

Das Rätsel und damit war es eindeutig, sagte, dass in drei Flaschen Gift war, in zwei war Wein. Eine Führte durch die purpurnen Flammen und die andere durch die Schwarzen.

„Draco, was können wir ganz sicher ausschließen?", fragte Amelia aufgeregt und lief auf den Tisch zu. Draco schreckte auf, da er bis jetzt in das Rätsel vertieft gewesen war und nicht darauf geachtet hatte, was Amelia tat.

„Na ja, ich bin mir nicht sicher, aber ich würde sagen… was machst du da?"

Amelia hatte sich vor den Tisch gekniet und betrachtete nun den Inhalt aller Flaschen. Dann stelle sie drei ein Stück nach vorne.

„Diese hier", sagte Amelia und deutete auf eine bauchige Flasche, „bringt uns durch das purpurne Feuer zurück. Und eine von diesen beiden bringt uns vorwärts. Kannst du vielleicht mal schauen, ob das Rätsel uns den Hinweis gibt, welche der beiden es ist? Wenn wir Glück haben, schließt sich eine aus."

Draco studierte kurz das Rätsel und deutete auf die Flasche mit dem langen Hals. „Diese kann es nicht sein, laut Text ist sie nicht „euer Freund". Aber wie kommst du überhaupt darauf?"

„Ganz einfach, das schwarze Feuer ist Dämonsfeuer, ich habe den Immunitätstrank bei Snape im Büro gesehen. Auch den anderen habe ich bei ihm köcheln sehen und er hat mir erklärt was er bewirkt."

„Und du bist sicher, dass es Dämonsfeuer ist? Was das auch immer sein mag", fragte Draco.

„Ganz sicher. Es nimmt zwar unterschiedliche Farben an, je nachdem wer es beschwört, aber wenn du genau hinsiehst, siehst du die charakteristischen Gestalten. Es ist ein mächtiges schwarzmagisches Feuer", erklärte Amelia.

Draco beobachtete das Feuer und meinte: „Kann es sein, dass du viel zu viel Zeit mit Professor Snape verbracht hast?"

Amelia antwortete nicht, sondern sagte: „Ich gehe dann, hier trennen sich unsere Wege."

„Wie meinst du das? Ich gehe mit dir!", protestierte Draco.

„Der Trank reicht nur für eine Person und du bist verletzt", sagte Amelia und fügte einen Moment später mit weicher Stimme hinzu.

Draco war ihr Freund. Er hatte an sie geglaubt, als alle sie schon verurteilt hatten. Er war mit ihr in den verbotenen Wald gegangen, hatte sie zu Beltaine mitgenommen und ihr eine alte Magie offenbart, die kaum einer kannte. Er war heute hier und half ihr. Niemals konnte sie es riskieren das ihm etwas geschah.

„Du glaubst gar nicht wie viel es mir bedeutet, dass du mit mir gekommen bist. Danke."

„Aber…"

„Es geht nicht, selbst wenn ich wollte." Amelia lächelte schwach. Man sah ihr deutlich ihre Angst an. Sie wollte Draco nicht noch mehr in Gefahr bringen. Sie hatte bereits ein Leben verschuldet. Sie wollte nicht, dass seines auch noch dazu kam. Wenn sie Snape nicht davon überzeugen konnte auf ihre Seite zu wechseln, dann würde es verdammt gefährlich werden.

„Bleibst du hier, bis ich zurückkomme?", flehte sie fast schon.

Draco nickte nur, seine Kehle war trocken.

„Danke, du bist der beste Freund, den ich habe."

„Du auch Amelia."

Damit nahm Amelia die kleine Phiole in die Hand.

„Bist du dir wirklich sicher?", fragte Draco noch mal zaghaft, doch Amelia nickte bestimmt.

Sie setzte die Flasche an die Lippen und trank sie mit einem Schluck aus. Ein Gefühl als würde Eis ihren Körper durchströmen stellte sich ein, aber Gift schien es nicht zu sein. Sie nahm allen Mut, den sie finden konnte und trat in die Flammen.

Eins wusste sie nun, Snape hatte sie wirklich verraten. Denn nur Snape konnte wissen welchen Immunitätstrank er brauchen würde und keine der Flaschen war benutzt worden. Nur er hätte vorsorgen und welchen mitbringen können.

Die Flammen züngelten an ihrem Körper empor, eine Chimäre schnappte nach ihr, doch alles ging durch sie hindurch. Sie spürte nichts davon, dann trat sie in die nächste Gruft und erstarrte.

Nachwort:

Es war Hermines Fachgebiet dieses logische Rätsel von Snape zu lösen. Aber weder Amelia noch Draco sind Hermine.

Klar man könnte jetzt sagen Amelia lernt so viel wie Hermine, aber ich glaube nicht, dass es vergleichbar ist. Hermine ist logischer von ihrer Art zu denken. Weder Draco noch Amelia hätten dieses Rätsel lösen können. Draco ist Draco und Amelia ist zu sehr Harry. Er konnte es nicht lösen also konnte sie es auch nicht.

In den Büchern wurde nie gesagt, was das für ein Feuer ist. Es war jedenfalls magisch und es muss mächtig gewesen sein, sonst hätte Snape es nicht zum Schutz des Steins der Weisen benutzt. Ich glaube ein schwarzmagisches Feuer passt zu ihm, wo er doch so sehr in die dunklen Künste vernarrt ist, dass selbst Dumbledore sich darüber stets Sorgen gemacht hat. Seine Tränke und seine schwarze Magie, sieht doch absolut nach Snape aus.

Wer jetzt sagt, diese Chimären etc. wurden nie in den Büchern erwähnt an dieser Stelle. Weder Harry noch Ron oder Hermine hätten wissen können, nach was sie suchen sollen. Amelia weiß es auch nur von Snape der es ihr verraten hat, als er ihr den Trank erklärte. Ohne seine Hilfe wären sie hier gescheitert.

Warum er ihr all dies so ausführlich erklärt hat, meine Verschwörungstheorien im Nachwort des nächsten Kapitels.