Amelia Potter – Slytherinwege

Band 2

Kapitel 1 – Malfoy Manor

Amelia hätte sterben können vor Langeweile. Schon seit einer ganzen Woche war sie zurück im Ligusterweg, aber es kam ihr vor, als sei es ein Jahr gewesen.

Was sollte sie auch tun, in einem Muggelhaus in dem sie nicht mal Zaubern durfte und in dem ihre grässlichen Verwandten ihr grässliches Muggelleben führten.

Onkel Vernon hatte keine anderen Sorgen, als seine Bohrer und seine Firma Grunnings. Gestern Abend hatte er ihnen ganz stolz verkündet, dass ein wichtiger Geschäftspartner in baldiger Zukunft zum Abendessen kommen würde und dass sie, Amelia, sich bloß keine Patzer erlauben dürfe und am besten gleich verschwinden solle.

Tante Petunia hingegen nervte sie mit den Problemen der lieben Frau Nachbarin. Sie tat dies in einer solch hämischen Weise, die Amelia verdeutlichte, dass sie der Frau Nachbarin noch schlimmere Sachen an den Hals wünschte, nur um darüber tratschen zu können.

Mit Dudley allerdings hatte Amelia ihren Spaß. Ihr fetter Cousin mit seinem rosa Mopsgesicht eignete sich wunderbar um ihren Frust an ihm auszulassen. Den Frust, dass sie, die berühmte Amelia Potter, zu ihren meistgehassten Verwandten hatte zurückkehren müssen.

Dudley hatte ihr immer übel mitgespielt, doch seitdem er erfahren hatte, dass Amelia eine Hexe war, war er nicht mehr halb so vorlaut. Dauernd hatte er Angst, sie würde ihn verhexen oder ihre Schlange auf ihn hetzen. Amelia hatte es einfach unterschlagen zu erzählen, dass es minderjährigen Zauberern verboten war außerhalb der Schule zu Zaubern.

Leider brachten ihr ihre kleinen Racheaktionen gegenüber Dudley nur noch mehr Schwierigkeiten mit ihren Verwandten ein. Denn Tante Petunia war erpicht darauf, sie den ganzen Tag zu beschäftigen, damit sie ihrem Diddyschatz keine Angst einjagen konnte.

Sehnsüchtig wartete Amelia auf eine Eule von ihrem besten Freund Draco Malfoy, der ihr versprochen hatte, dass sie in den Ferien zu ihm kommen konnte. Und tatsächlich hatte gestern Dracos Adlereule Beatrix auf dem Fenstersims von Amelias Zimmer gesessen und ihr den heiß ersehnten Brief gebracht.

Draco hatte ihr gesagt, dass sie es schaffen könnten sie im Tropfenden Kessel abzuholen, da sein Vater sich weigerte eine Muggelwohngegend auch nur zu betreten.

So wie Draco manchmal von seinem Vater sprach, glaubte Amelia auch, dass es gesünder für das Leben der Muggel wäre, wenn sie Lucius Malfoy niemals zu Gesicht bekommen würden.

Draco hatte geschrieben sie solle Bescheid geben, wann sie sie denn abholen konnten.

Nun war aber die Frage wie Amelia nach London kommen sollte. Denn arm war sie zwar nicht, aber sie besaß kein Muggelgeld und Züge und U-Bahnen nahmen kein Zaubergeld an. Amelia hatte sich vorgestellt wie sie der Fahrkartenverkäufer wohl ansehen würde, wenn sie versuchen würde mit Sickeln zu bezahlen. Deshalb musste Amelia heute mit Onkel Vernon sprechen, in der irrsinnigen Annahme, dass er sie nach London fahren würde.

Amelia wusste, das ihre Verwandten sie genauso wenig mochten, wie sie sie und Onkel Vernon würde sicher viel dafür geben, Amelia schon eineinhalb Monate früher als erwartet los zu werden. Doch genauso viel hasste es ihr Onkel, Amelia eine Freude zu bereiten, sodass es noch ein hartes Gespräch werden würde.

Amelia fühlte sich etwas nackt ohne ihren Zauberstab, denn leider hatte Onkel Vernon, kaum das Amelia das Haus betreten hatte, all ihre Zaubersachen weggepackt. Alles was Amelia hatte retten können war eine Tüte Eulenkekse gewesen, mit der sie nun Beatrix bestechen konnte noch etwas zu warten. Zum Glück war Onkel Vernon so damit beschäftigt gewesen, alles in den kleinen Schrank unter der Treppe zu zwängen, so dass es ihm nicht aufgefallen war wie Amelia die Tüte unter ihr Kleid geschoben hatte.

Onkel Vernon hatte auch versucht ihr ihre Schlange Eristik abzunehmen, doch das hatte er nicht geschafft. Denn sobald er sich ihr genähert hatte, hatte er nach seinen Fingern geschnappt. Selbst als Onkel Vernon seinen Kopf zu fassen bekommen hatte, hatte er zwei Bisse abbekommen, denn Eristik war eine Runespoor, eine dreiköpfige orange-schwarze magische Schlange. Aber Onkel Vernon war ein Muggel. Als Muggel sah er nur einen Kopf. Er war so entsetzt gewesen, das er sich seitdem nicht mehr in der Nähe ihrer Schlange gewagt hatte. Das konnte Amelia nur recht sein.

Amelia kam wie immer als letztes an den Esstisch. „Da bist du ja endlich", meckerte Onkel Vernon, als sich Amelia zu ihnen setzte. Sie hatten schon mit dem Essen angefangen.

Nervös stocherte Amelia in ihren Kartoffeln herum und wartete auf eine günstige Gelegenheit um das leidliche Thema anzuschneiden. Diese ergab sich jedoch erst, als das Essen schon beendet war und Onkel Vernon aufgehört hatte über den Vertrag mit Mr Manson zu reden.

„Onkel Vernon, du fährst doch nächste Woche nach London um Abendgarderoben für den Besuch der Mansons zu kaufen, nicht wahr?", fragte Amelia, als sie gerade den Nachtisch aßen.

Onkel Vernons Augen verengten sich sofort zu Schlitzen und er funkelte Amelia wütend an. Wahrscheinlich war er darüber wütend, dass sie es gewagt hatte das Wort an ihn zu richten.

„Du bekommst keine!", schnarrte er.

„Das will ich auch gar nicht", schoss sie sofort zurück und besann sich dann aber eines netteren Tons. „Ein Freund hat mich gefragt, ob ich nicht den Rest der Ferien bei ihnen verbringen möchte. Da ich meinte, dass ihr es nicht wünschen würdet, wenn sie mich von euch abholen, wollten wir uns in London treffen", sagte Amelia mit einem entgegenkommenden Lächeln.

„Und du meinst also", sagte Onkel Vernon und sein Gesicht lief rot an, „das du uns so einfach als Taxi benutzen kannst? Glaubst du wir haben nichts Besseres zu tun, als dich in der Gegend herum zu kutschieren?", donnerte er.

Amelia blieb jedoch ruhig und sah weiterhin unverwandt ihren Onkel an, dabei konnte sie leider nicht umhin Dudleys hämisches Grinsen zu bemerken.

„Onkel Vernon", sagte Amelia bemüht freundlich, „ich gebe mir die größte Mühe euch keine Scherereien zu bereiten, ich habe sogar um euretwillen abgelehnt, dass die Eltern meines Freundes mich hier abholen. Da ihr nichts von unserer Andersartigkeit in eurer Nähe haben wollt. Ich meine, was würden die Nachbarn denken wenn Leute mit Umhängen und Spitzhüten vor der Tür stehen würden." Amelia ließ ihre Worte wirken. Tante Petunia verkniff sogleich die Lippen.

„Es ist doch sicher nur eine Erleichterung für euch, wenn ich bald gehe. Und letztendlich", spielte Amelia ihren Trumpf aus, „kann ich dir doch auch dein Essen mit den Mansons nicht verderben wenn ich außer Haus bin."

Amelia konnte sehen, wie es hinter Onkel Vernons Stirn arbeitete, aber auch hegte sie nicht einen Zweifel daran, wie das Ergebnis ausfallen würde.

„Und du würdest für den Rest der Ferien bei diesem Freund bleiben?", fragte Onkel Vernon.

Amelia nickte und fügte hinzu: „Ihr würdet bis nächstes Jahr nichts mehr von mir hören."

Unverwandt sah Amelia ihren Onkel an und musste mit aller Anstrengung ein Grinsen unterdrücken, als sie sah, wie der Muggel ihr auf den Leim gegangen war. Die Versuchung war einfach zu unwiderstehlich.

„Na gut, wir nehmen dich mit. Aber glaube ja nicht, dass ich das tun würde, wenn wir nicht ohnehin nach London fahren würden. Samstag um neun fahren wir los und wenn du da nicht fertig bist bleibst du hier", grunzte Onkel Vernon und verzog sich mit dem Rest der Familie ins Wohnzimmer zurück, um sich vor dem Fernseher zu platzieren.

Amelia indes konnte nun ihr Grinsen nicht mehr unterdrücken. Schnell eilte sie nach oben um Draco die Antwort zu schicken. Sie schnappte sich ein Blatt Papier und kramte den Kugelschreiber heraus, den sie vom Telefontisch mitgenommen hatte.

Einen Moment fragte sich Amelia wie Draco wohl reagieren würde, wenn sie ihm einen Brief auf kariertem Papier schicken würde und konnte sich Dracos abfälliges „Muggel" sehr gut vorstellen. Zauberer benutzten nur Pergament.

Hallo Draco,

ich habe es geschafft die Muggel zu überreden, wenn man weiß wo man ansetzen muss, geht es überraschend leicht. Ich werde nächsten Samstag, also in zwei Tagen in London im Tropfenden Kessel sein. Ich hoffe du hattest bis jetzt angenehme Ferien, meine ließen sehr zu wünschen übrig. Ich gebe Beatrix auch Eristik mit, sie wird sein Gewicht sicherlich leicht tragen können. Ich will ihm die Fahrt im Auto…

Kurz fragte sich Amelia ob Draco überhaupt wusste, was ein Auto war und strich es doch besser durch.

…Muggeltransportmittel ersparen. Falls noch was ist, kannst du mir einfach wieder Beatrix schicken. Ich werde es wahrscheinlich so gegen ein oder zwei Uhr in den Pub schaffen.

Grüß deine Eltern von mir,

Amelia Potter

Sie gab Beatrix noch einen Eulenkeks und band das magische Terrarium gut fest. Zischend ermahnte sie Eristik sich zu benehmen. Damit schickte sie die schöne Adlereule in die Nacht hinaus. Ab jetzt konnten die Ferien nur noch besser werden.

Zwei Tage später setzte sich Amelia zu Dudley in Onkel Vernons neuen Wagen. Neben ihr hatte Dudley seine Augen auf seinen GameBoy geklebt und ständig drückte er auf irgendwelche Knöpfe. Amelia indes fand es sterbenslangweilig.

Sie hatte vorhin, als sie ihr Gepäck raus in den Wagen hatte tragen sollen, kurz den Deckel aufgeklappt und das erste Buch, das sie erwischen konnte und ihren Zauberstab herausgezogen. Das Buch hatte sie in einen von Dudley unbenutzten Buchumschlag gesteckt und nun sah es so aus, als würde sie Henrys wunderbare Welt der Tiere lesen.

Irgendwann, sie waren schon fast zwei Stunden unterwegs, hatte sich Dudley von seinem Minibildschirm loseisen können und Amelia ganz verstört gefragt, wo denn die Schlange sei, so als würde Eristik jeden Moment hervor stürmen um ihm in die Nase zu beißen.

Auch Onkel Vernon warf bei der Frage einen Blick in den Rückspiegel, als wäre ihm erst jetzt aufgefallen das die Schlange fehlte.

„Ich fahre nicht zurück. Wenn du sie vergessen hast, hast du die längste Zeit eine Schlange gehabt", bellte er in den Rückspiegel.

Amelia sah gelangweilt von ihrem Buch auf.

„Nein, ich habe ihn nicht vergessen, ich habe ihn schon mal zu meinem Freund verfrachtet.", sagte Amelia und steckte ihre Nase wieder ins Buch.

Ein Grunzen war von Onkel Vernon zu hören und Dudleys Gerät begann wieder Töne von sich zu geben, als er in seiner Computerwelt versank.

Amelia währenddessen vertiefte sich in ihre geliebte Magie, bis ihr irgendwann das Buch aus der Hand gerissen wurde.

„Amelia liest mein Buch!", meckerte Dudley, ihm war die Batterie für sein Spiel ausgegangen.

„Das ist überhaupt nicht dein Buch", sagte Amelia und versuchte sich Hexen für Verhexte zurückzuholen. Doch Dudley schien jetzt, da seine Eltern vorne im Auto saßen viel mutiger zu sein. Onkel Vernon schielte schon ziemlich rot im Gesicht nach hinten und Amelia sah einen seiner Wutanfälle kommen. Also hörte sie auf, nach dem Buch zu greifen das Dudley hochgerissen hatte.

Mit zusammengepressten Lippen setzte sie sich auf ihren Platz zurück und starrte Dudley wütend an. Dieser grinste siegesgewiss und wedelte mit dem Buch vor Amelias Nase herum.

„Na, brauchst du noch Trost von Kinderbüchern, hat dir deine Mama etwa keine vorgelesen? Ach so, fast hätte ich es vergessen, deine Mama hat sich ja in die Luft gejagt.", lachte er höhnisch.

Amelia biss die Zähne zusammen und sah Dudley mit funkelnden Augen an.

„Was interessiert mich meine Schlammblutmutter?", zischte sie und hörte von vorne ein Keuchen Tante Petunias. Sie bemerkte wie sie ihr einen entsetzen Blick zuwarf.

Ob sie verstanden hatte was sie gesagt hatte? Ob sie um dessen Bedeutung wusste? Auf jeden Fall trat fast augenblicklich wieder ihr üblicher säuerlicher Gesichtsausdruck in ihr Gesicht und sie wandte sich ab.

Amelia musterte noch eine Weile den Hinterkopf ihrer Tante, doch Dudley unterbrach sie, als er sich zu ihr rüber beugte und flüsterte: „Was hast du gesagt?", wollte er wissen.

Amelia jedoch antwortete nicht und starrte nur säuerlich auf ihre Beschäftigungstherapie in Dudleys fetten Muggelhänden.

Nachdem Amelia jedoch aufgehört hatte nach dem Buch zu verlangen verließ auch Dudley die Lust daran es ihr wegzunehmen. Er musterte nur kurz den Titel und Amelia grinste, als sie daran dachte, dass sein Spatzenhirn wahrscheinlich darüber nachdachte was das für Buchstaben waren.

Jedenfalls fuhren sie einige Zeit später durch die Charing Cross Road und Amelia bat ihren Onkel sie hier heraus zu lassen.

„Dudley kannst du mir nun bitte das Buch geben?", fragte Amelia genervt. Sie wollte nur noch zurück in die Zauberwelt und Dudley so schnell wie möglich hinter sich lassen. Onkel Vernon war schon draußen und hievte den schweren Koffer aus dem Kofferraum. Dudley jedoch sah sie einen Moment irritiert an, bis ihm einfiel, dass er Amelia etwas weggenommen hatte. Er wollte schon mit einem höhnischen Gesicht den Mund aufmachen doch Amelia zog einfach ihren Zauberstab und Dudleys Gesicht veränderte sich schlagartig. Nun hatte er panische Angst. Er quietschte und lies es zu, das Amelia sich das Buch schnappte, ihm den Einband entgegen klatschte und das Auto verließ. Auf der Straße schnappte sie sich ihren Koffer und verließ die Dursleys ohne ein Wort in Richtung Tropfender Kessel.

Der Pub war dunkel und schäbig, genauso wie das letzte Mal. Es schien sich nicht geändert zu haben. An einem Tisch saß eine Hexe, die in einem Buch las und mit verträumter Miene mit dem Zauberstab ihren Löffel dirigierte, der in ihrer Tasse rührte. Ein paar Zauberer saßen um einen Tisch und spielten Karten. Auf dem Tisch konnte Amelia eine Flasche Ogdens Old Feuerwhisky entdecken. Plötzlich sprach sie jemand von der Seite an.

„Amelia Potter, Miss?", quiekte ein kleines Wesen mit großen Fledermausähnlichen Ohren und grünen Augen zu ihr empor. Es trug einen Kissenbezug.

„Hallo Dobby", sagte Amelia überrascht den Hauselfen der Malfoys hier zu sehen.

„Was machst du denn hier? Ist Draco auch da?", fragte sie freundlich und sah sich nach ihm um.

„Nein, Amelia Potter, Miss. Meister Draco ist im Herrenhaus. Meister hat Dobby geschickt, um Amelia Potter abzuholen", quiekte der Elf. Amelia war einen Moment überrascht, dass der Hauself sich in so langen Sätzen artikulieren konnte. Das hieß er musste ein gewisses Maß an Intelligenz besitzen.

„Das ist nett, aber ich muss noch kurz in die Winkelgasse, willst du mitkommen oder wartest du hier?", fragte Amelia freundlich.

„Dobby macht, was immer Amelia Potter wünscht", sagte der Elf und sah sie aus großen Augen an.

Überlegend sah sich Amelia um und ging dann zu einem Tisch in der Ecke, Dobby folgte ihr.

„Ich bin in einer oder zwei Stunden wieder da, es wäre nett, wenn du hier bleiben und auf meine Sachen aufpassen könntest", sagte Amelia.

„Dobby soll auf ihre Sachen aufpassen?", fragte der kleine Elf. „Traut Amelia Potter Dobby zu auf ihre Sachen aufzupassen?"

„Natürlich", sagte Amelia. „Soll ich dir was zutrinken holen während du wartest?"

„Amelia Potter will Dobby etwas zu trinken holen?", fragte Dobby ungläubig und sah Amelia aus seinen großen Augen an.

„Natürlich nur wenn du willst", fügte Amelia hinzu, der dieses Wesen langsam nicht mehr geheuer war. Vielleicht doch nicht allzu intelligent, stellte sie fest.

„Amelia Potter muss Dobby nichts zu trinken geben, aber Meister Draco hat Recht. Amelia Potter ist eine großartige Hexe", quietschte er vergnügt und setzte sich hin. „Dobby wird warten bis Amelia Potter zurückkommt. Dobby wird gut auf ihre Sachen aufpassen, Miss."

Amelia nickt dem strahlenden Hauselfen zu.

Schnell verließ sie den Pub durch die Hintertür und war froh, nicht erkannt worden zu sein. Nur zu gut erinnerte sie sich an das Theater vor einem Jahr. Nicht mal ganz einem Jahr, stellte sie fest. Im Hinterhof zog sie ihren Zauberstab und tippte gegen die Steine über dem Mülleimer.

Es ging ihr das Herz auf, als sie durch den großen Torbogen in die Winkelgasse eintrat. Hier gehörte sie hin, dies war ihre Welt.

Zuerst musste sie sich neues Gold aus Gringotts, der Zauberbank holen. Ihr war etwas mulmig zumute, als sie vor den Schalter trat, hinter dem ihr ein grimmiger Kobold entgegen sah.

In ihren roten Uniformen, hinter den goldenen Schaltern, wo sie Edelsteine abwogen, sahen sie fast schon furchteinflößend aus. Aber vielleicht sollte das so sein. Vielleicht sollte die Schalterhalle Macht ausstrahlen, damit niemand es wagen würde in Gringotts einzubrechen. Das jeder Kobold einen so grimmig ansah, ließ einen glauben, sie würden jeden für einen potentiellen Dieb halten. Vielleicht taten sie dies auch.

Mit einem prall gefüllten Beutel wieder aus Gringotts draußen, lief Amelia die Straße zu Madam Malkins hinunter. Ihre ganzen Kleider und Umhänge waren zu kurz geworden. Ihre Schulsachen würde sie erst später kaufen, wenn sie ihre Bücherliste hatte, aber sie brauchte neuen Sachen für die Ferien. Jetzt nachdem nicht mehr alles so neu und unbekannt aussah, entdeckte sie auch exotischere Sachen wie Drachenleder oder Yetifelle zwischen den Stoffen.

Nach dem Besuch bei Madam Malkins ging sie zu Flourish & Blotts in die magische Buchhandlung. Neben ein paar Büchern über weiterführende Themen in der Schule, erstand sie mehrere Bücher über Duellzauber.

Letztes Schuljahr hatte sie sich duelliert, oder besser gesagt, sie hatte sich herum schubsen lassen. Es schien ihr, als wären ihre Zauber zu träge und sie fühlte sich schlecht bei dem Gedanken, maßlos unterlegen zu sein. Sie war Amelia Potter, sie durfte nicht schwach sein. Von ihr wurde erwartet stark zu sein, in allerletzter Konsequenz von ihr selbst.

Manchmal dachte sie sich, sie müsse nur warten, früher oder später würde sie es schon lernen, doch im Laufe ihres Lebens war ihr eines klar geworden: Wenn man etwas erreichen wollte, dann musste man es selbst machen. Es kam niemand um einen zu retten. Sie würde sich nur selbst retten können.

Amelia erstand noch eine praktische kleine Tasche, in die sie all ihre Bücher verstauen konnte und die sich nach innen ausdehnte. Darin würde sie wunderbar ihre Sammlung verstauen können.

Glücklich kam sie wieder im Tropfenden Kessel an und entdeckte Dobby, so wie sie ihn verlassen hatte.

„Danke, dass du gewartet hast", sagte Amelia freundlich.

„Ich hoffe, Miss Amelia Potter hatte eine schöne Zeit, Dobby hat gut auf Amelia Potters Sachen aufgepasst", sagte der Hauself mit seiner Quitschestimme und stand auf.

„Hatte ich. Ich glaube wir können dann gehen. Wie kommen wir eigentlich zum Haus?", fragte sich nun Amelia laut. Sie kannte nur apparieren als magische Reiseart. Aber das konnten nur erwachsene Hexen und Zauberer.

„Dobby wird Amelia Potter hinbringen. Amelia Potter muss sich nur an Dobby festhalten. Dann wird Dobby Amelia Potter zu Meister Draco bringen."

Amelia zögerte kurz, dann legte sie ihre Hand auf Dobbys Schulter und plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie in einen wirbelnden Abguss gezogen werden. Ihr Körper zog sich auseinander wie Gummi wurde länglich, dünn und schnappte dann mit einem Plopp wieder in seine ursprüngliche Gestalt zurück. Sie waren appariert.

Amelia öffnete überrascht den Mund. Waren diese kleinen Wesen etwa genauso magisch begabt wie Hexen und Zauberer? Aber warum waren sie dann Diener. Amelia nahm sich vor das herauszufinden. Vielleicht waren Hauselfen einfach nur unglaublich blöd.

Amelia stand nun auf einem schmalen Weg. Links wurde er von wilden Brombeersträuchern gesäumt, auf der rechten Seite befand sich eine ordentlich geschnittene Hecke.

„Wenn Miss Potter Dobby folgen würde, Dobby wird Amelia Potter zu Meister Draco bringen", sagte der Hauself erneut und ließ Amelias schweren Koffer in die Luft schweben.

Neugierig folgte die Hexe ihm den Weg entlang. Es dauerte nicht lange, bis sie nach rechts in eine breite Zufahrt abbogen und nun vor einem schmiedeeisernen Tor standen.

Dobby blieb stehen und Amelia wollte schon fragen, was jetzt los war, als sich die Schnörkel und Spiralen des Tores auflösten und sich daraus ein eisernes Gesicht bildete.

Der Mund bewegte sich und eine metallische, wiederhallende Stimme war zu hören: „Was ist Euer Begehr?"

Amelia zögerte kurz, doch als Dobby nicht die Anstalten machte etwas zu sagen, sagte sie mit hoffentlich fester Stimme: „Ich bin Amelia Potter und auf Einladung von Draco Malfoy hier."
Das reichte dem Torwächter wohl, denn das Gesicht löste sich auf und kringelte sich wieder zu dem Tor, welches sogleich aufschwang. Amelia trat hindurch, dicht gefolgt von Dobby, der sich gebeugt ein paar Schritte hinter ihr befand. Er sah nicht sehr glücklich aus, nach Hause zurückzukehren.

Hohe Eibenhecken erstreckten sich zu beiden Seiten des Weges und weiter vorne konnte Amelia ein imposantes Herrenhaus erkennen. Amelia musste schlucken, denn hier lebte ihr bester Freund. Dagegen war der Ligusterweg eine ärmliche Bruchbude und Amelia war mehr als froh, hier nicht in ihren zu kurzen Kleidern entlangzulaufen. Sie stieg die Treppen zum Eingang empor, die Tür öffnete sich von allein und gab den Weg in eine luxuriöse Eingangshalle mit einem gewaltigen Kamin frei.

Amelia hatte kaum Zeit sich umzusehen, als sie auch schon eilige Schritte hörte. Draco kam die Treppe herunter und sie bemerkte, wie er gerade in ein gemäßigteres Tempo umschlug.

„Hallo Amelia, da bist du endlich. Ich dachte schon du kommst nicht mehr", sagte er und reichte ihr die Hand. Sie umarmte ihn glücklich.

„Hallo, schön dich wiederzusehen. Ich sagte doch so gegen zwei. Okay, hast Recht, ist ein bisschen nach Zwei", lachte sie als sie sich wieder von ihm löste. Er grinste etwas verlegen.

„Ich hoffe Dobby hat keine Schwierigkeiten gemacht, er ist manchmal etwas unfähig, -Dobby bring das Gepäck hoch-, aber jetzt komm doch erst mal richtig rein, hast du Hunger? Wir essen gleich zu Mittag", sprudelte Draco wie ein Wasserfall los und wies nun auf eine große Tür. Hinter sich hörte Amelia ein leises Plopp und der Hauself verschwand mit einer Verbeugung sowie einem „Natürlich Meister."

„Gerne, ich habe heute noch nicht viel gegessen. Ich sage dir, Muggelreisen sollte verboten gehören. Sowas von lästig und unkomfortabel."

Sie gingen erst mal hoch in Dracos Zimmer, es lag im zweiten Stock und hatte einen herrlichen Ausblick über den gesamten Garten. Wenn man es denn einen Garten nennen konnte, denn es war mehr wie ein kleiner Park.

Dracos Zimmer, wie nicht anders zu erwarten gewesen, war überwiegend in grün gehalten. Amelia musste lächeln als sie den orange-schwarzen Eristik träge auf dem Bett in der Sonne liegen sah.

„Du hast einen Nimbus 2001 bekommen?", fragte Amelia die den Besen an der Wand entdeckt hatte. Sie hatte einen Blick auf das neue Modell erhascht, als sie an Qualität für Quidditch in der Winkelgasse vorbeigekommen war. Draco liebte Quidditch, er hatte das ganze letzte Jahr davon gesprochen.

„Vater hat ihn mir für mein Zeugnis geschenkt. Eigentlich wollte er ihn mir erst gar nicht geben, weil er meinte meine Noten seien unter aller Kritik, aber dann habe ich ihn doch noch überredet."

„So schlecht waren deine Noten doch gar nicht", sagte Amelia und sah von dem Besen auf, den sie gerade einer genaueren Musterung unterzogen hatte. Er sah echt toll aus. Er glänzte vom Schweif bis zur Spitze und kein Ast stand ab.

„Mit deinen Noten können sie sich nicht messen, aber was hältst du davon, wenn wir zusammen eine Runde fliegen gehen, bevor es Mittagessen gibt?", fragte Draco und schnappte sich den Besen von der Wand.

„Gerne, kann ich mir deinen alten Komet Zwei-Sechzig leihen?"

Es war toll wieder zu fliegen. In der Schule hatten sie nur so kurz Flugunterricht gehabt. Amelia verstand nicht so viel von Besen, aber auch sie bemerkte schnell, dass der Nimbus um Klassen besser war als der Komet. Sie veranstalteten ein kleines Wettrennen, das Amelia trotz schlechteren Besens nur ganz knapp verlor. Danach durfte sie auf dem Nimbus fliegen.

Aber leider nicht sehr lange, denn Dobby holte sie zum Essen ab.

Draco erzählte Amelia auf dem Weg zurück ins Herrenhaus von dem Spiel am letzten Samstag, bei dem er mit seinem Vater gewesen war. Die Tutshill Tornados, Dracos Lieblingsmannschaft, war von den Montrose Magpies einfach vom Platz gefegt worden. In letzter Zeit schien sie keiner mehr aufhalten zu können, sehr zu Dracos Missfallen, der die Mannschaft nicht ausstehen konnte. Amelia schüttelte nur lachend den Kopf über so viel Enthusiasmus,

„Guten Tag, Mr und Mrs Malfoy", grüßte Amelia, als sie in das Esszimmer kamen. Dracos Eltern saßen bereits am Esstisch und schienen über etwas zu diskutieren.

„Schön dich zu sehen, Amelia. Ich hoffe doch du hattest eine angenehme Reise", sagte Mrs Malfoy und auch Mr Malfoy begrüßte sie, bevor sie sich setzten.

„Danke sehr, es freut mich, dass ich die Ferien hier bei Ihnen verbringen darf", sagte Amelia während Draco Dobby rief, um die Besen wegbringen zu lassen.

Danach wurde Essen aufgetischt. Amelia beobachtete die Hauselfen neugierig, wie sie die Speisen auf den Tisch stellten. Sie alle waren recht klein, mit riesigen Ohren und sie alle trugen Kissenbezüge. Bis jetzt hatte Amelia immer nur Dobby gesehen. Sie hatte nicht gewusst, das die Malfoys noch mehr Hauselfen hatten.

Sie waren gerade dabei den köstlichen Nachtisch, irgendeine Erdbeercreme, zu essen, als Draco sie von der Seite her anstieß und flüsterte: „Drei, Zwei, Eins…"

„Draco, Mr Jakins kommt morgen vorbei. Nur weil deine Freundin jetzt zu Besuch ist, heißt es nicht, dass du deinen Unterricht nicht mehr wahrnehmen wirst", sagte Mrs Malfoy wie auf Kommando und Draco und Amelia grinsten in sich hinein.

„Aber Mutter, Amelia wird sich langweilen. Können wir den Unterricht nicht für den Rest der Ferien ausfallen lassen?", fragte Draco mit bittender Stimme.

„Nein, wir haben bereits darüber geredet. Die Ferien haben gerade erst begonnen und es ist sehr wichtig für dein späteres Leben, dass du das lernst", sagte Mrs Malfoy streng. „Ich bin mir sicher Amelia wird gerne am Unterricht mit teilnehmen. Du wirst sehen. Du wirst viel mehr Freude daran haben, wenn du nicht allein bist."

„Freude, pha", nuschelte Draco in sich hinein.

„Um was für Unterricht geht es denn Mrs Malfoy? Draco hat nichts davon erzählt, dass er in den Ferien Unterricht in irgendeinem Fach hat", fragte Amelia interessiert.

„Nun, Mr Jakins ist sein Etikettelehrer. Mit Eintreten in Hogwarts beginnt für junge Hexen und Zauberer die Zeit, in der sie sich auf ihr Leben vorbereiten und da zu meiner ausdrücklichen Missbilligung in Hogwarts nichts über die Etikette unserer Gesellschaft gelehrt wird, nimmt Draco ab diesem Sommer Unterricht in Gepflogenheiten wie dem Tanz. Auch lernt er die Art, in der es sich ziemt einer Dame Blumen zu überreichen oder sie zu einem Ball einzuladen. All dies muss er wissen, um einmal ein vorbildlicher junger Mann zu werden. Ich finde es eine Schande, dass die Gesellschaft von heute auf solche Gepflogenheiten keinerlei Wert mehr legt", entrüstete sich Mrs Malfoy.

Amelia schluckte. Benimmunterricht, so was machte man noch nicht mal in der Muggelwelt. Draco tat ihr wirklich etwas leid. Das war nicht wirklich etwas das sie lernen wollte. Sie war doch eine Hexe und keine Adlige. Doch Mrs Malfoy nahm ihr die Entscheidung ab.

„Es wäre uns eine Freude, wenn du mit Draco den Unterricht besuchen würdest, dann hätte er auch eine würdige Tanzpartnerin. Du würdest uns damit einen großen Gefallen tun."

Jetzt konnte Amelia nicht mehr ablehnen, ohne sie zu beleidigen und als sie zustimmte sah sie Dracos gehässiges Lächeln und wusste, dass das von Anfang an so geplant gewesen war. Miese Schlange, dachte sie missmutig und aß einen weiteren Löffel ihrer Erdbeercreme.

Mr Jakins stellte sich als alter, griesgrämiger Zauberer heraus, der es seine beiden Schüler merken ließ, wie unfähig sie waren. Woher sollte Amelia auch wissen, welches Besteck man als erstes aufnahm oder wann es sich gehörte sich hin zu setzten, vor oder nach dem Gastgeber. Etikette lag ihr nicht, sie fand es kleinkariert aber wahrscheinlich würde es doch nützlicher sein als sie erwartet hatte. Also lernte sie es mit der gleichen Perfektion, mit der sie alles lernte. Außer vielleicht Geschichte der Zauberei.

Sah man jedoch von dem Benimmunterricht ab, waren die Ferien bei den Malfoys wunderbar. Amelia entdeckte schnell, dass es gar nicht so einfach war, so reich zu sein wie Draco. Denn er hatte auch einmal die Woche Klavierunterricht und Fechtstunden. Amelia verstand zwar nicht, warum ein Zauberer Fechten musste, aber Draco erklärte ihr, dass das etwas mit der Tradition der Familie zu tun hatte. Er hatte Fechten gelernt, seit er laufen konnte. Außerdem schien er Talent darin zu haben, denn er freute sich auf seinen Fechtunterricht. Seine Mutter hielt ihn hingegen immer wieder dazu an Klavier zu üben, was Draco ziemlich missfiel.

Diese ganzen Zusatzstunden kamen Amelia sehr gelegen, denn sie nutzte die Zeit ausgiebig, um ihre Hausaufgaben zu machen und in ihren neuen Büchern zu lesen. Es überraschte sie fast wie viel Spaß es ihr machte. Nachdem sie im letzten Jahr ungefähr begriffen hatte, wie Magie funktionierte oder besser gesagt Professor Snape hatte es ihr erklärt, begriff sie nun die Zauber immer leichter. Schwere Zaubereien übten eine faszinierende Anziehungskraft auf Amelia aus.

Bald würde die Schulliste für die zweite Klasse ankommen. Dann könnte sie schon mal den neuen Unterrichtsstoff begutachten, allerdings war das, was sie für die Schule lernen mussten, nie auch nur halb so interessant wie knifflige Verwandlungszauber. Einerseits wollte sie das lernen, sie brauchte den Vorsprung in der Schule. Dennoch, immer nur pauken war nicht das, was sie unter Ferien verstand. Doch so wie die Dinge nun einmal lagen, hatte sie gewisse Erwartungen zu erfüllen und sie würde sie übertreffen.

Nachwort:

Ich bin sicher, der ein oder andere ist über das Wort Fechten gestolpert und hat sich gedacht WTF.

Ich war damals echt am Überlegen was für Hobbys Draco außerhalb der Schule haben könnte und bin durch einen Artikel in Pottermore auf die Idee gekommen.

Die Malfoys waren eine der Familien, die vor dem Geheimhaltungsabkommen viel mit Muggeln zu tun hatten und oft in dessen Kreisen verkehrten. Wer es nicht glauben mag, ich kann den Artikel gerne nochmal raussuchen. Aber es gab noch einen weiteren der mich inspiriert hat ihm Fechten als Hobby zu geben:

Zitat:

„Die häufig gestellte Frage, wozu ein Zauberer ein Schwert brauchen könnte, ist einfach zu beantworten. In den Tagen vor dem internationalen Geheimhaltungsabkommen, als Zauberer sich noch beliebig unter Muggel mischten, verwendeten sie Schwerter genauso oft wie Zauberstäbe, um sich zu verteidigen. Es galt sogar als unsportlich, einen Zauberstab gegen ein Muggelschwert einzusetzen (was nicht heißen soll, dass dies niemals vorkam). Viele talentierte Zauberer waren sehr versiert in der Kunst des Duellierens, ganz im herkömmlichen Sinn."

Zitat Ende.