Kapitel 4 – Expecto Patronum

Die Woche schritt weiter voran und von Tag zu Tag fühlte sich Amelia schlechter. Sie konnte die Nächte kaum schlafen. Immer wieder wachte sie mit Alpträumen auf. Sie träumte nicht nur von Gordon, sondern auch von Artemis Tod durch den Basilisken oder sie spürte die Schmerzen des Cruciatus Fluches, mit dem sie Quirrell in ihrem ersten Schuljahr belegt hatte. Am meisten träumte sie jedoch von dieser flehenden Frau und dem eiskalten Lachen. Amelia hatte eine Ahnung was für eine Art Erinnerung das war, doch sie wollte nicht wirklich Nacht für Nacht ihre Mutter sterben hören. Sie braute sich den Trank der lebenden Toten, den stärksten Schlaftrank, den sie kannte, doch die Albträume blieben und der Schlaf war wenig erholsam.

Am Donnerstag war sie so müde, dass sie fast in Zaubertränke einschlief. Draco schaffte es noch sie anzustoßen, damit sie nicht in ihren Kessel fiel.

„Amelia, was ist los?", fragte er leise, sodass nur Amelia ihn verstand. Doch diese schüttelte den Kopf. Ihre Hände zitterten so sehr, dass Draco für sie die Gänseblümchenwurzeln schneiden musste.

„Du gehst sofort in den Krankenflügel", zischte Draco, als die Stunde zu Ende war.

„Ich spreche noch kurz mit Professor Snape. Halte mir schon mal einen Platz in Verteidigung gegen die Dunklen Künste frei", sagte Amelia nur und warf Draco, der etwas erwidern wollte einen scharfen Blick zu.

„Wenn es dir heute Abend nicht besser geht, trage ich dich meinetwegen dahin", sagte Draco trotz allem.

Amelia wartete bis alle Schüler draußen waren, dann ging sie zu Snape.

Dieser sah sie besorgt an. „Was haben Sie angestellt, Amelia?", fragte er.

„Gar nichts. Es sind die Dementoren, Sir." Snape sah sie nachdenklich an.

„Die sollten Ihnen nichts anhaben können, solange Sie sich im Schloss befinden."

„Ich habe die Vermutung, dass ich sie mit meiner Legilimentik spüren kann. Ich spüre sie immer, selbst hier im Schloss. Ich habe einmal mit Legilimentik nach ihnen gegriffen, da wusste ich allerdings noch nicht, dass es Dementoren sind. Das hat sich ähnlich angefühlt." Amelia klang richtig verzweifelt. Sie war richtig verzweifelt.

„Ich habe nie davon gehört, dass ein Legilimentor derartige Probleme mit Dementoren hat", grübelte Snape fügte dann jedoch hinzu. „Allerdings sind Sie keine normale Legilimentorin."

„Ich kann nicht mehr schlafen, Sir. Ich glaube ich werde verrückt!", sagte Amelia. „Gibt es nichts, was man gegen Dementoren unternehmen kann?"

Professor Snape sah sie nachdenklich an.

„Ein Patronus Zauber dürfte einen ausreichenden Schutz bieten. Der Zauber sollte für Sie keine große Schwierigkeit darstellen, auch wenn er weit fortgeschrittene Magie ist."

Amelia atmete erleichtert auf. Doch Snape fuhr unerbittlich fort.

„Ich kann Ihnen bei diesem Zauber allerdings nicht helfen. Da müssten Sie jemand anderen bitten."

„Oh", sagte Amelia und sofort bildete sich ein Klumpen in ihrem Magen. Normalerweise gab es nur wenige Sachen in denen Professor Snape sich nicht auskannte.

In diesem Moment steckte ein Schüler den Kopf durch die Tür des Klassenzimmers. „Tschuldigung", sagte der Hufflepuff und schlug die Tür sofort wieder zu.

„Sie sollten zu Ihrer nächsten Stunde gehen, Amelia. Wir sehen uns am Sonntag. Vielleicht fällt mir dazu noch etwas ein."

Amelia nickte und bedankte sich, bevor sie sich beeilte zum nächsten Unterricht zu kommen.

Als Amelia jedoch vor dem Klassenzimmer ankam, war niemand zu sehen. Sie fragte sich schon ob sie falsch war, als sie den Zettel bemerkte, der an die Tür gepinnt war.

Unterricht findet heute im Lehrerzimmer statt.

Neugierig machte sich Amelia auf den Weg zum Lehrerzimmer. Als sie die Tür öffnete, sah sie einen gewaltigen halbverfaulten Krebs auf Pansy zu krabbeln. Pansy rief Riddikulus und eine kleine pinke Plüschkrabbe fiel zu Boden. Alle Schüler lachten.

Professor Lupin schien sie zu bemerken und kam auf sie zu. Währenddessen trat Gregory vor die Plüschkrabbe und sie verwandelte sich in eine gewaltige mannshohe Kakerlake. Nicht wenige schrien angeekelt auf.

„Gut, dass Sie hergefunden haben, Miss Potter. Mr Malfoy hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass Sie etwas später kommen."

„Entschuldigung, aber es war wichtig", sagte Amelia und beobachtete wie Gregory die Kakerlake mit Clownsnase und Schminke versah.

„Wir nehmen Irrwichte durch?", fragte sie geistesabwesend.

„Sehr gut. Kennen Sie sich damit aus?", fragte Professor Lupin.

„Nur in der Theorie, Sir."

Professor Lupin nickte und beobachtete die anderen Schüler. Amelia wollte gerade wieder etwas sagen, doch Professor Lupin eilte auf Daphne zu, deren Irrwicht die Gestalt eines stämmigen Mannes mittleren Alters angenommen hatte. Daphne war nach hinten gewichen, ihre Augen vor Schreck geweitet.

Als Professor Lupin den Irrwicht erreichte verwandelte er sich in eine kleine silberne Kugel, die Lupin in einen Schokofrosch verwandelte, der nun Quakend auf dem Boden herum hüpfte.

Millicent stellte sich nun dem Irrwicht entgegen und als sie ihn in ein rosa Kaninchen verwandelte platze er unter dem Gelächter der Schüler.

Amelia ging zu Daphne hinüber die etwas blass aussah und reichte ihr ein Stück Schokolade, die sie in letzter Zeit immer mit sich herum trug.

„Das war zwar kein Dementor, aber Schokolade macht glücklich", sagte sie und Daphne kicherte.

Professor Lupin verteilte Hauspunkte und entließ sie zum Abendessen.

Amelia hatte keinen Hunger und ließ das Abendessen ausfallen. Sie verkroch sich in das Kerkerzimmer hinter der Fackel, wo sie saß und einen komplizierten Beschwörungskreis studierte.

Das Siebeneck war an allen Ecken mit Runen versehen und der Verfasser des magischen Buches, das sie letztes Jahr bekommen hatte, hatte damit wohl herum experimentiert. Es waren viele Beobachtungen aufgeschrieben worden, aber kein endgültiger Nutzen. Wer immer dieses Buch geschrieben hatte, das nur sie selbst lesen konnte, er musste ein Genie gewesen sein.

„Glaubst du, du entkommst mir?", fragte Draco und Amelia fuhr hoch. Sie hatte ihn nicht reinkommen gehört. Er trug einen Teller mit belegten Broten bei sich.

„Draco", sagte Amelia und ließ den Kopf nach hinten sinken.

„Ich mach mir Sorgen, Amelia. Was ist mit dir los?", fragte er. Amelia wollte schon abwehren, aber Draco ließ es nicht zu. Er setzte sich neben sie und schob ihr den Teller hin.

„Pansy hat erzählt, dass du nachts schreiend aufwachst", fuhr er fort. „Im Unterricht bist du unkonzentriert und übermüdet. Du lächelst von Natur aus nicht viel, aber die letzten Tage siehst du richtig am Boden zerstört aus."

Amelia blickte auf den Boden und presste die Lippen zusammen. Das war ihr Problem, damit musste sie fertig werden.

„Es ist wirklich nichts", sagte sie und rang um Fassung.

„Warum fällt es dir so schwer anderen zu vertrauen? Amelia, du bist nicht allein auf der Welt."

Amelia blickte auf. Draco saß ganz dicht neben ihr, seine Stirn war von Sorgenfalten durchzogen.

Sie wollte ihm gerne vertrauen. Irgendwie vertraute sie ihm schon, aber was würde er von ihr halten, wenn sie sich so schwach zeigte. Amelia fühlte sich so unglaublich verletzlich und sie hasste es, sich verletzlich zu fühlen. Als sie erfahren hatte, dass sie eine Hexe war, hatte sie sich geschworen nie wieder schwach zu sein.

Gordons Tod hatte dafür gesorgt, dass sie niemanden an sich heranließ. Er wirkte wie eine Barriere zwischen ihr und der Außenwelt. Draco hatte sich irgendwie in eine Lücke herein geschummelt. Sie wusste nicht genau, wann es gewesen war. Erst war er eine Messlatte gewesen, um dazu zu gehören, dann war er ein Freund gewesen. Jetzt war er, jetzt bedeutete er ihr zu viel…

Sie öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, fand aber nicht die richtigen Worte.

Und wenn es sie umbringen würde, irgendjemandem musste sie doch vertrauen, oder? Wenn nicht Draco, wer dann?

„Es sind die Dementoren", flüsterte sie im zweiten Anlauf und blickte wieder auf den Tisch.

„Was tun sie mit dir? Sie sollten weit außerhalb des Schlosses sein."

Amelia schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht normal, Draco. Als ich letztes Jahr Professor Lockhart bewusstlos geschlagen habe, habe ich meinen Geist auf eine Art erweitert, der nicht normal ist. Ich spüre sie, die Dementoren. Als würde ich neben ihnen stehen, nur durch eine dünne Wand getrennt. Sie saugen alles Glück aus mir heraus."

Draco schluckte. „Können wir nichts dagegen unternehmen?"

„Es gibt einen Zauber, der sie vertreibt. Der Patronus-Zauber aber Professor Snape kann mir dabei nicht helfen."

„Warum fragst du nicht Professor Lupin?", fragte Draco. Amelia blickte überrascht auf.

„Warum Lupin?"

„Er mag zwar aussehen wie ein Straßenköter, aber er hat sie vertrieben. Im Zug als du bewusstlos warst."

Amelia starrte ihn einen Moment fassungslos an.

„Glaubst du er kann diesen Zauber?", fragte sie ihn. Draco nickte bedächtig.

Amelia sprang auf und ließ ihre Gedanken im Kreis wandern. Sie könnte zu Professor Lupin gehen und ihn um Hilfe bitten. Aber wie sollte sie ihm erklären, dass sie den Zauber lernen wollte.

Snape schien Lupin nicht zu mögen und das musste einen Grund haben. Bevor sie diesen Grund nicht kannte, konnte sie dem Zauberer keine Schwäche offenbaren.

Amelia war auf und ab gegangen, während sie angestrengt auf ihrer Unterlippe herumbiss. Draco sah sie wie gebannt an.

Dann schüttelte Amelia den Kopf.

„Ich traue Professor Lupin nicht. Irgendwas ist komisch an ihm."

„Was ist dann dein Plan, in die Bibliothek gehen und den Zauber ohne Hilfe lernen?", fragte Draco und Amelia sah ihn mit glänzenden Augen an. Die Dementoren machten sie fertig, sie konnte nicht mal mehr logisch denken.

„Das war zwar nicht mein Plan, aber der gefällt mir. Komm." Draco sprang erschrocken auf.

„Jetzt?", fragte er. „Es ist bald Sperrstunde."

Amelia warf Draco nur einen langen durchdringenden Blick zu und dieser hob ergeben die Hände.

„Nach dir."

Schnell beeilten sie sich in die Bibliothek zu kommen.

„Wo sollen wir anfangen?", fragte Draco als sie angekommen waren. Amelia hatte keine Ahnung, aber ein paar Vermutungen.

Sie begannen bei der Geschichte von Askaban und wühlten sich durch viele Querverweise. Bis sie zur Entstehung der Dementoren kamen, um die sich mehr Legenden als Tatsachen rankten.

Nach fast einer Stunde kam Madam Pince die Bibliothekarin zu ihnen.

„Schluss für heute und räumt die Bücher weg", sagte sie und begann die Lampen zu löschen.

„Gibt es hier kein Buch in dem einfach geschrieben steht, wie der Patronus-Zauber funktioniert?", fragte Draco mürrisch. Langes Suchen war nichts für ihn. Auch Amelia hatte nicht viel Geduld dafür übrig. Bei ihrer Suche nach Tom Verlost Riddle in ihrem zweiten Schuljahr hatte sie nach ein paar Stunden frustriert aufgegeben.

„Natürlich führen wir so etwas", sagte Madam Pince, die Dracos Frage gehört hatte und deutete auf ein Buch weiter oben im Regal. Es sah alt und schwer aus.

„Dürften wir das Buch ausleihen?", fragte Amelia und schaffte es gerade noch ihre Aufregung zu unterdrücken.

„Wozu brauchen Sie es?", fragte Madam Pince misstrauisch. „Die Magie ist zu hoch für Schüler in ihrem Alter."

„Wir sollen einen Aufsatz über Dementoren schreiben. Deshalb auch die ganze Recherche", sagte Amelia und deutete auf die Bücher auf dem Tisch.

Madam Pince sah sie einen Moment misstrauisch an, dann gab sie Amelia das Buch. „Ich werde noch eine Unterschrift von Ihnen brauchen. Und wehe Sie bringen es nicht in spätestens drei Tagen zurück!", sagte sie streng.

Die beiden Slytherins nickten beflissen und Draco räumte die anderen Bücher weg, während Amelia ihren Namen auf eine alte vergilbte Leihkarte setzte. Das Buch war wohl nicht sonderlich beliebt gewesen.

„Der Dementorenaufsatz ist eine ausgezeichnete Idee", sagte Madam Pince, als Amelia ihr die Kartei zurückgab.

„Sie sind grauenvoll", stimmte Amelia zu und ihr Blick folgte dem von Madam Pince aus dem Fenster hinaus.

Mit ihrer Beute machten sich Draco und Amelia auf den Rückweg in die Kerker.

„Glaubst du, dass wir den Zauber überhaupt hinbekommen? Madam Pince meinte er sei ziemlich schwer", sagte Draco, als sie gerade am Zaubertrankklassensaal vorbei gingen.

„Ich habe schon viele Zauber gelernt, die zur höheren Magie gehören. Ich sehe da kein großes Problem", sagte Amelia und bog in den Korridor ab, der sie zu ihrem Kerkerraum führte.

„Willst du damit heute noch anfangen?"

Amelia nickte nur: „Ich kann sowieso nicht schlafen. Du kannst gerne schlafen gehen."

„Sehe ich so aus?", fragte Draco und schloss zu ihr auf.

Angekommen schlug Amelia vorsichtig die Seite auf und sie beugten sich über das Buch.

Auf der Seite war ein weiß leuchtender Hund abgebildet, der einen Dementor jagte.

Patronie, der Spiegel der Seele. Stand als Überschrift geschrieben. Amelias Blick huschte über die Seite und ihre Finger strichen sanft über eine magische Schwingungskurve. Während sie noch am Lesen war, lehnte Draco sich zurück.

„Ich versteh kein Wort von dem was da steht", sagte er frustriert.

„Eigentlich ist es ganz einfach…", sagte Amelia und überflog den Graphen auf der nächsten Seite.

„Dann erklär es mir", forderte Draco.

„Moment." Amelia studierte noch einmal die Seiten, dann setzte sie sich zurück.

„Der Patronus Zauber ist mehr als einfach nur ein Gegenzauber gegen Dementoren. Er bildet sozusagen einen Teil von dir selbst ab. In magischer Form", erklärte sie. Draco nickte.

„Dieser Teil von uns ist nicht in der Lage Verzweiflung zu verspüren, also kann ihm der Dementor nichts anhaben."

„Also eine Art Doppelgänger von uns?"

„Nein, nicht ganz. Der Patronus kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Formen die unserem Charakter entsprechen. Sie sind pures Glück und genauso werden sie auch beschworen."

Draco sah sie irritiert an. „Wie jetzt?"

„Soweit ich das verstanden habe", sagte Amelia und warf nochmal einen Blick ins Buch, „müssen wir ein glückliches Gefühl oder eine Erinnerung in uns heraufbeschwören während wir die Zauberformel Expecto Patronum sagen."

Amelia zückte ihren Zauberstab und zögerte. Eine Erinnerung musste her. Irgendetwas glückliches. Bei den Dursleys war sie nie glücklich gewesen. In der Schule hatte sie unter dem Druck gestanden, sich beweisen zu müssen und der Gedanke an Artemis hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Sie zermarterte sich das Hirn, aber ihr fiel einfach nichts ein. Auf einmal fühlte sie sich noch beklommener als ohnehin schon. Als würde ihr ein Dementor seine Hand auf die Schulter legen.

Amelia schüttelte sich.

„Alles okay?", fragte Draco, als Amelia nach fast einer Minute noch immer unschlüssig im Raum stand.

Amelia nickte und entschloss sich den Moment zu nehmen, an dem sie erfahren hatte, dass sie eine Hexe war. Dass sie die Dursleys verlassen konnte. Sie versuchte das Gefühl einzufangen, aber es entglitt ihr wieder und zurück blieb nur Leere.

„Ich kann es nicht", sagte sie verzweifelt und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. „Ich kann einfach kein glückliches Gefühl finden."

„Vielleicht sind die Dementoren zu nah. Vielleicht haben sie dir schon zu viel Glück entzogen", mutmaße Draco und stand nun ebenfalls auf. „Lass es mich versuchen."

Er hob seinen Zauberstab und sagte Expecto Patronum doch nichts geschah. Er atmete nochmal aus und schloss die Augen.

„Etwas glückliches", sagte Amelia

„Expecto Patronum." Aus der Spitze seines Zauberstabes entwich ein heller silberner Nebel.

Er war sanft und warm. Amelia lächelte. Sie erinnerte sich an das Gefühl, als sie inmitten der Malfoys gesessen hatte. In diesem Moment hatte sie sich glücklich gefühlt. Sie hatte sich gefühlt als würde sie dorthin gehören.

„Expecto Patronum." Auch aus ihrem Zauberstab schoss ein sanfter Nebel.

Sie musste lächeln. Sie fühlte sich wie befreit.

„War es das schon?", fragte Draco, als sich die Zauber verflüchtigt hatten. Amelia schüttelte den Kopf. „Nein. Ein wirklich mächtiger Patronus hat eine Gestalt. Ich kenne solche Zauber. Viele mächtige Zauber funktionieren so. Rufe deine Gefühle nur passiv herbei und konzentriere dich auf den Zauber."

Amelia hob wieder ihren Zauberstab. „Expecto Patronum."

Etwas Dichtes, Silbriges flog aus ihrem Zauberstab. Sie glaubte Federn zu erkennen doch der halb gestaltliche Patronus verflüchtigte sich schnell.

„Ich dachte echt wir würden die ganze Nacht brauchen", sagte Draco und blickte dem Patronus hinterher.

„Das werden wir sehen", erwiderte Amelia.

Draco brauchte eine halbe Ewigkeit, bis er auch nur etwas annähernd Gestaltliches zusammenbrachte. Doch Amelia blieb an dieser Stelle stehen. So sehr sie sich auch bemühte, sie schaffte es nicht mehr als einen undeutlichen Schemen zu erzeugen.

Gegen zwei Uhr morgens setzten sie sich auf ein herbeigeschworenes Sofa und aßen die Brote die Draco vom Abendessen mitgebracht hatte. Sobald Amelia sich setzte, spürte sie, wie ihr die Müdigkeit in die Knochen schlich. Sie wollte noch etwas sagen und schon war sie eingeschlafen.

Als Amelia wieder aufwachte, fühlte sich ihr Nacken furchtbar verkrampft an und sie lag irgendwie unbequem. Sie brauchte einen Moment um zu begreifen, dass sie nicht in ihrem Bett lag. Sie spürte sanfte Finger, die ihr durchs Haar strichen. Verwirrt öffnete sie die Augen und blickte direkt in Dracos Gesicht. Er sah sie gedankenverloren an und jetzt wurde ihr auch bewusst auf was sie da unbequemes lag. Das mussten seine Beine sein.

Amelia hatte das Gefühl sie würde purpurrot anlaufen. Sie drehte sich schnell zur Seite damit Draco es nicht sah.

„Hab ich dich aufgeweckt?", fragte er ebenfalls verlegen. Amelia setzte sich auf.

„Ähm…", sagte sie und fühlte sich plötzlich unglaublich dumm. Amelia schüttelte den Kopf und musste lachen. Draco stimmte mit ein. Es war ein komisches verlegenes Lachen.

„Geht's dir besser?", fragte Draco, als sie sich verlegen nicht wagten anzuschauen.

„Ja, irgendwie schon", nickte Amelia.

„Ich habe es übrigens geschafft."

Amelia sah ihn überrascht an. „Wirklich?"

„Naja, es muss keine Erinnerung sein. Es reicht schon sich etwas auszudenken." Draco grinste sie schief an. Er war noch immer verlegen. „Expecto Patronum!"

Ein gewaltiges silbernes Pferd drang aus seinem Zauberstab und bäumte sich in dem kleinen Zimmer auf. Amelia starrte es fasziniert an. Es war wunderschön. Sie wollte die Hand danach ausstrecken, wagte es aber nicht den Patronus zu berühren.

„Das ist richtig hohe Magie", sagte Amelia und lächelte Draco durch den Patronus hindurch an.

Draco zuckte die Schultern und grinste Amelia an.

„Wir sollten uns beeilen, sonst gibt's kein Frühstück mehr", sagte er nur.

„Ist schon morgens?", fragte Amelia überrascht.

Sie schafften es gerade noch so zu Kräuterkunde, wobei Pansy sie sofort fragte, wo sie gewesen waren.

„Du warst heute Nacht nicht im Schlafsaal", zischte Pansy Amelia zu. Sie waren zusammen eingeteilt Kartoffelbauchpilze zu düngen. Amelia schwieg und verteilte etwas Drachenmist um das zierliche Pflänzchen mit der gewaltigen Blüte, die zu einer rosa Schote heranwachsen würde.

„Wo warst du mit Draco? Wart ihr die ganze Nacht zusammen?", fragte sie weiter.

„Es geht dich nichts an, Pansy", sagte Amelia genervt.

„Lass deine Finger von ihm", zischte Pansy ihr mit zusammengekniffenen Augen zu. Amelia warf ihr einen kalten Blick zu.

Sie war mit Draco befreundet. Sie mochte ihn, er bedeutete ihr viel, aber mehr war da nicht. Sie warf einen verstohlenen Blick zu Draco hinüber, der mit Blaise an einem anderen Beet arbeitete. Sie redeten leise miteinander.

Amelia hatte nie über Liebe nachgedacht. Verliebt sein, war so etwas das Pansy hatte, sie kicherte die ganze Zeit und heckte mit Millicent Pläne aus, wie sie Draco gefallen konnte. Das war nichts, was Amelia jemals tun würde. Und diese andere Liebe, die die nicht so peinlich war, unter der konnte sie sich irgendwie nichts vorstellen. Amelia blickte hinunter auf Ihre Hände und Schmerz durchzuckte sie. Diese Hände waren blutig. Sie fühlte sich nicht so, als wäre sie es wert geliebt zu werden und nicht, als wäre sie in der Lage zu lieben. Das war etwas für andere Menschen.

Etwas kaltes kroch auf sie zu und sie spürte die Kälte der Dementoren.

Am Abend versuchte sich Amelia wieder an ihrem Patronus. Doch während er Draco keine Probleme mehr bereitete, schaffte sie nicht mehr als einen schwachen fedrigen Schemen zu beschwören.

Amelia hegte den leisen Verdacht, woran es lag, aber sie gab nicht auf.

Draco beschwor seinen Patronus als sie schlafen ging, doch trotz allem, wachte sie nachts auf. Der Zauber verflüchtigte sich einfach zu schnell.

Als Amelia am Sonntag in Professor Snapes Büro kam, fühlte sie sich so demotiviert wie lange nicht mehr. Selbst wenn sie den Zauber irgendwann hinbekommen sollte, war es dennoch keine Lösung.

Außerdem beschäftigte sie die Sache mit Draco noch immer. Pansy war unausstehlich und wenn sie überhaupt mit Amelia sprach, dann nur in ganz kurzen knappen Sätzen. Sie waren nie die besten Freundinnen gewesen, aber bis jetzt waren sie miteinander ausgekommen.

Professor Snape erklärte ihr wie man einen Wolfsbanntrank braute, eine ganz neue Erfindung wie er erzählte und Amelia musste sich wirklich konzentrieren, um keine Fehler zu machen, als sie einen Versuch starteten. Der Trank war ziemlich kompliziert, aber auch sehr interessant.

Sie saßen bei ihrer obligatorischen Tasse Tee am Abend, als Professor Snape sie darauf ansprach.

„Machen Ihnen noch immer die Dementoren zu schaffen?", fragte er.

„Es geht. Mein Patronus ist lächerlich schwach. Ich finde einfach keine geeignete glückliche Erinnerung", erwiderte Amelia geknickt. Snape sah sie nachdenklich an.

„Sind Sie unglücklich, Amelia?"

Amelia war über die Fragte irritiert. Aber eigentlich lag sie auf der Hand. Wenn sie keinen Patronus schaffte, musste sie unglücklich sein. Aber eigentlich fühlte sie sich nicht sonderlich unglücklich. Sie hatte schließlich Draco.

Amelia seufzte schwer. Da waren sie wieder beim Thema.

„Nein, Sir. Ich bin nicht unglücklich. Aber", Amelias Blick wurde bitter, „ich glaube nicht, dass ich es verdiene glücklich zu sein."

„Das ist Unsinn, Amelia."

„Hatten Sie nie das Gefühl, Glück nicht verdient zu haben?", fragte Amelia und sah Snape an. Irgendwas in seinem Gesicht schien sich zu verändern.

„Sie sind nicht für den Tod Ihrer Eltern verantwortlich", sagte er und seine Stimme klang ungewohnt brüchig.

„Kennen Sie dieses Gefühl, Professor?"

„Ja, doch, ja ich verstehe es", sagte Snape etwas ungelenk.

„Was kann man dagegen tun?", fragte Amelia verzweifelt.

„Ich weiß es nicht, Amelia. Ich weiß es nicht."

Nachwort:

Ich habe mir lange überlegt, ob ich es Draco zugestehe so schnell einen Patronus zu erschaffen. Doch Lupin meinte in Band 3, das es deutlich einfacher sei, wenn kein Dementor in der Nähe wäre. Deshalb durfte Draco es schnell lernen.

Amelias Patronus ist noch nicht bekannt, aber warum ich für Draco ein Pferd gewählt habe ist ganz einfach. Ich finde es passt zu ihm es ist wie eine Prophezeiung in dieser Geschichte. Das Pferd steht für Lebenskraft, Reichtum und Freiheitsdrang.