Kapitel 3 – Zwei Gesichter

In einiger Entfernung brannte das Haus des Aufsehers. Draco und Amelia rannten los zum Zelt der Yaxleys, doch als sie dort ankamen war niemand mehr dort. Auf dem Boden lagen die Muggelsachen, die die Zauberer getragen hatten. Verbrannt.

„Scheiße", fluchte Draco und als sie wieder aus dem Zelt traten, entdeckten sie eine Gruppe maskierter Zauberer.

Die Gruppe marschierte mit erhobenen Zauberstäben über den Zeltplatz, was ihnen im Weg war wurde weggeblasen. Mehrere Zelte hatten bereits Feuer gefangen.

Hoch über ihnen schwebten vier Gestalten in der Luft.

Ein Zauberblitz erhellte das Geschehen und Amelia erkannte Mr Roberts. Den Aufseher des Zeltlagers, den Muggel.

Immer mehr vermummte Gestalten schlossen sich der Gruppe an und unter johlendem Gelächter wurde Mrs Roberts Unterhose entblößt. Hoch oben in der Luft versuchte sie verzweifelt ihre Blöße zu bedecken. Draco neben ihr begann zu prusten.

Ein belustigtes Schnauben entkam Amelia. Sie war in ihrer Kindheit oft genug Opfer von Erniedrigungen geworden. Doch sie war darüber hinausgewachsen. Sie war jetzt mächtig genug, dass niemand es mehr wagen würde sie zu erniedrigen.

Amelia ließ ihren Blick über die vermummten gestalten wandern. Irgendwo dort waren Lucius und Narzissa Malfoy und die Yaxleys, die Crabbes, die Goyles, die Carrows, Macnair. Dort waren die Menschen, mit denen sie sich umgab.

Einen Moment überlegte sie, ob sie zu Ihnen gehen sollte. Aber war es das, was sie sein wollte?

Ihr Blick wanderte nochmal zu den Muggeln in der Luft.

„Lass uns abhauen", sagte Amelia und zog Draco weg in Richtung Wald.

„Was ist denn los, Amelia?", fragte er sie.

„Ich denke, das ist ein Fehler. Aber ich bin nicht in der Position jemanden aufzuhalten", antwortete Amelia nur und zog ihn weiter.

Sie entdeckte ein paar Weasleys, wie sie mit gezückten Zauberstäben auf die Gruppe zu rannten, um die Roberts zu retten. Andere Ministeriumsbeamte kamen ebenfalls. Amelia bedachte sie mit einem verächtlichen Blick.

Sie erreichten den Waldrand und Draco zwang sie zum Stehenbleiben.

„Ich versteh dich nicht, Amelia. Das sind doch nur Muggel."

Amelia schüttelte den Kopf und seufzte.

„Darum geht es nicht. Wir sind Hexen und Zauberer, wir sollten darüber stehen, Muggel zu foltern. Wir sollten über sie herrschen und sie führen. Aber so wie wir uns benehmen sind wir schlechte Herrscher. Ein Herrscher, der seine Untertanen foltert, ist nicht mehr als ein Tyrann. Das will ich nicht sein."

Draco sah sie überrascht an. Dann blickte er zurück zu dem Zeltplatz und runzelte die Stirn.

„Glaubst du wirklich, dass wir die Muggel beherrschen können?", fragte er schließlich.

Amelia zuckte die Schultern.

„Wenn wir irgendwann frei sein wollen. Wenn wir die Geheimhaltungsgesetze brechen und unbeschwert leben wollen, sehe ich keinen anderen Weg. Ich glaube nicht, dass wir mit den Muggeln auf einer Ebene reden können, dazu sind wir zu unterschiedlich."

Draco nickte verstehend. „Aber wie willst du sie unterwerfen, wenn nicht mit Gewalt?"

„Ich habe noch keinen konkreten Plan", gestand Amelia. „Aber wenn Menschen glauben du seist auf Ihrer Seite sind sie viel vertrauensvoller und hören mehr auf das was du sagst. Ich glaube wir können sie besser manipulieren als unterdrücken. Ich meine, sieh dir die Weasley Zwillinge an. Am Anfang haben sie versucht mich zu verfluchen und nachdem wir ihre Schwester gerettet haben, haben sie uns sogar die Karte des Rumtreibers gegeben. Ich denke das wir die Muggel dazu bringen müssen uns zu verehren und nicht uns zu hassen. Denn Hass führt nur zu Gewalt und Gewalt führt zu Tod", schloss Amelia. Sie wusste nur zu gut was aus Hass alles entstehen konnte. Auch an ihren Händen klebte Muggelblut. Sie hatte diese Lektion auf die harte Tour lernen müssen. In gewisser Weise war sie nicht anders als die maskierten Leute dort drüben. Aber sie konnte sich ändern.

Draco blickte noch einen Moment nachdenklich drein, dann lächelte er Amelia an.

Er streckte die Hand nach ihr aus und strich ihr sanft über die Wange.

„Und du fragst dich, warum sie dich die Dunkle Lady nennen." Mit diesen Worten beugte sich vor und küsste sie. Amelia musste in den Kuss lächeln.

„Irgendwann werden wir über die Muggel herrschen.", versprach sie ihm und Draco nickt.

„Irgendwann werden wir frei sein", bekräftigte er. Er küsste sie nochmal und Amelia schlang ihre Arme um seinen Hals.

Ein lauter Knall war vom Zeltplatz aus zu hören und ließ sie aufschrecken. Grünes Licht drang durch die Bäume zu ihnen durch.

„Das ist so dumm", schimpfte Amelia leise.

Immer mehr Menschen begannen in den Walt zu flüchten und Amelia und Draco hatten sich an einen Baum gestellt, um nicht von der flüchtenden Menschenmenge mitgerissen zu werden.

„Dein Vater riskiert seine Karriere für ein bisschen Spaß. Es könnte sie alle Kopf und Kragen kosten", zischte Amelia ungehalten und Draco seufzte schwer.

„Wir müssen was tun", stellte er fest und blickte zurück zum Zeltplatz.

„Was willst du tun? Willst du gegen sie kämpfen?", fragte Amelia wütend und folgte seinem Blick. Ein erneuter Knall durchbrach die Nacht. Draco biss die Zähne zusammen und wollte schon losstürzen, doch Amelia hielt ihn zurück.

„Wir müssen überlegt eingreifen. Sie sind alle ausgewachsene Zauberer, sie werden disapparieren, wenn sie sich bedrängt fühlen. Wir müssen sie nur dazu bringen", sagte Amelia und langsam schlichen sie zurück zum Zeltplatz.

Ein Ring von Ministeriumszauberern hatte sich um die Gruppe Maskierter gedrängt und versuchte sie zu enttarnen. Die Muggel schwebten noch immer in der Luft und bettelten um ihr Leben.

„Wir müssen sie davor bewahren enttarnt zu werden", sagte Amelia langsam und drehte ihren Zauberstab zwischen den Fingern. „Wir müssen dabei allerdings unerkannt bleiben. Das wird das Problem sein. Wir können nicht einfach abhauen…" Sie schlichen ein Stück weiter, als plötzlich lautes Geschrei ertönte. Die Gruppe aus Maskierten disapparierte und die Muggel fielen hinab.

Doch Amelias Aufmerksamkeit war abgelenkt. Mit Grauen blickte sie zu einem gewaltigen Schädel hinauf, der sich am Nachthimmel abzeichnete. Aus seinem Mund wand sich eine Schlange.

„Das Dunkle Mal", flüsterte Amelia entsetzt und auch Draco hatte neben ihr Inne gehalten.

Ohne sich um etwas zu kümmern, drehte Amelia sich auf dem Absatz um und stürmte in den Wald, aus dem der Zauber emporgeschossen war.

„Amelia", rief Draco und rannte ihr hinterher.

Sie hetzten durch den Wald und Amelia ignorierte die Äste, die ihr ins Gesicht schlugen.

Auf einer Lichtung entdeckte sie eine Ansammlung an Zauberern. Sie befand sich direkt unter dem Dunklen Mal.

Amelia wurde langsamer und duckte sich hinter einen Baum. Draco kauerte sich neben sie.

Bestimmt zwanzig Zauberer standen auf der Lichtung, doch in ihrer Mitte erkannte Amelia Ron Weasley und Dean Thomas. Gleich daneben stand Arthur Weasley und Amelia konnte auch Mr Crouch erkennen. Zu ihren Füßen saß eine weinende Hauselfe. Amelia kannte sie, sie hatte in der Ehrenloge gesessen und einen Platz für Mr Crouch freigehalten.

„Glauben sie etwa, ich würde meinen Dienern regelmäßig beibringen das Dunkle Mal zu beschwören!?", donnerte Mr Crouch mit hervorquellenden Augen.

„Das heißt, sie glauben Dean hat es getan? Wo sollte er das gelernt haben", argumentierte Mr Weasley.

„Es war sein Zauberstab", sagte Mr Crouch scharf.

„Ich hatte ihn verloren", rief Dean Thomas dazwischen, doch keiner hörte ihm zu.

Draco neben ihr grinste schadenfroh. Amelia biss sich auf die Unterlippe. Sie musste nah genug heran für ihre Legilimentik. Sie musste herausfinden, was vor sich ging. Aber wenn nicht sicher war, wer das dunkle Mal heraufbeschworen hatte, war es zu gefährlich sich einfach zu offenbaren. Nicht, dass am Ende Draco oder sie selbst in Verdacht gerieten, das könnte Dimensionen annehmen, die sie sich nicht ausmalen wollte.

Also blieb sie hinter ihrem Baum sitzen und lauschte weiter. Langsam wurden ihr die Beine schwer und als sie ihre Position korrigierte, musste sie ein Geräusch gemacht haben.

„Wer ist da?", rief einer der Ministeriumsangestellten und kam in ihre Richtung.

Amelia hatte sofort ihren Zauberstab in der Hand und tippte Draco an.

„Hau ab, sobald sie mich entdeckt haben. Du bist desillusioniert", flüsterte sie schnell und stand auf. „Ich komm hier weg, aber du nicht."

Mehrere Zauberstäbe waren nun schon in ihre Richtung erhoben, aber noch konnten sie sie nicht entdeckt haben.

Amelia rannte hinter dem Baum hervor und stolperte auf die Lichtung. Zwei rote blitze schossen auf sie zu und gleichzeitig riefen mehrere Zauberer, die Amelia erkannt hatten: „Halt! Stopp!"

Amelia beschwor einen starken Protego-Zauber und die Flüche prallten daran ab. Das Licht der Zauber erfüllte ihr Gesicht.

„Wer hat das getan?", rief Amelia und deutete auf das Dunkle Mal in der Luft. Als wäre sie gar nicht angegriffen worden, lief sie auf die Gruppe zu. Sie hörte Gemurmel als die Zauberer erkannten, wer sie war.

„Amelia", sagte Mr Bagman überrascht. „Was machst du hier?"

„Ich habe das Mal gesehen. Was ist geschehen?"

„Ich glaube nicht, dass sie das etwas angeht", sagte Mr Crouch und verschränkte die Arme.

„Er ist nicht zurück, oder?", fragte Amelia und verlieh ihrer Stimme einen flehenden Unterton.

Die Zauberer sahen sich beunruhigt an. Doch dann schüttelte Mr Weasley den Kopf.

„Auch andere Zauberer können das Dunkle Mal heraufbeschwören nicht nur Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf", sagte er beruhigend.

„Wer hat es beschworen?", fragte Amelia aufgewühlt.

Die Zauberer sahen sich an und keiner schien antworten zu wollen.

„Es wurde mit dem Zauberstab von diesem Jungen beschworen. Aber die Hauselfe hatte ihn in der Hand, als sie gestellt wurde", sagte ein anderer Mann mit blondem Haar und deutete mit einem Zauberstab auf Thomas.

„Dean wird es wohl kaum beschworen haben", sagte Amelia und musterte Thomas. Ihre Legilimentik wirkte auf den Jungen ein, bevor sie zu Ende sprach. „Er ist Muggelgeboren und auf Hogwarts wird so was bestimmt nicht unterrichtet", endete sie und blickte zu den anderen Zauberern.

„Ich glaube, sie hat recht, Amos", wandte sich Mr Weasley an den blonden Zauberer. „Dean kann es nicht beschworen haben."

„Dann bleibt nur noch die Elfe", sagte Amos und musterte die am Boden hockende Hauselfe, die zu zittern begann.

„Winky ist eine gute Elfe… Winky würde nie… etwas mit einem Zauberstab machen. Winky weiß nicht, wie", schluchzte die Hauselfe.

Amelia nutzte den Moment, um in die Gedanken der Elfe einzubrechen, doch sie stieß auf eine so heftige Blockade, dass sie beinah geschwankt wäre. Ihre Lippen verzogen sich kurz.

Was immer die Elfe zu verbergen suchte, sie musste es auf Befehl ihres Herren tun. Auf Befehl von Bartimus Crouch. Amelia blickte zu dem strengen Zauberer auf.

Ihre Blicke trafen sich und als Amelias Geist sich ausstreckte, traf sie auf Nichts. Leere. Okklumentik. Die Augen von Mr Crouch weiteten sich entsetzt und dann verengten sie sich zu kleinen Schlitzen. Er hatte ihren Angriff bemerkt. Ob er wusste, was es gewesen war?

„Was treiben Sie eigentlich hier im Wald, Miss Potter?", fragte er lauernd.

„Ich sagte es doch bereits. Ich rannte zum Dunklen Mal", erwiderte Amelia gefasster.

„Woher können wir das wissen? Sie könnten doch den Zauberstab von Mr Thomas aufgenommen haben, um das Mal zu beschwören. Danach haben Sie sich versteckt, bis wir Sie fanden."

Amelia sah ihn fassungslos an. Dann schüttelte sie fast belustigt den Kopf.

„Das glauben Sie wirklich, oder? Dass ich das Zeichen meines Feindes an den Himmel brenne", erwiderte sie zynisch, doch dann wurde sie schlagartig ernst. „Voldemort (die Zauberer zuckten erschrocken zusammen) hat meine Eltern ermordet. Welches Motiv hätte ich für eine solche Tat?"

„Das ist ein Argument, Barty", sagte Bagman und sah unbehaglich von einem zum anderen.

„Aber es erklärt nicht, warum sie hier ist. Ich an ihrer Stelle hätte mich versteckt", sagte Amos der blonde Zauberer. Amelia blickte ihn einen Moment nachdenklich an. Dann sah sie zu den anderen Zauberern, die um sie herum standen. Sie alle blickten sie abwartend an.

„Er wird stärker", sagte Amelia und blickte zu dem Dunklen Mal am Himmel. Das grüne Licht des Zaubers beleuchtete ihr Gesicht und warf unheimliche Schatten.

„Ich kann es spüren, durch den Zauber, den ich überlebt habe. Er lauert nur darauf, dass wir uns eine Schwäche geben und dann wird er mit aller Macht zurückkehren. Deshalb bin ich hier. Noch ist er schwach. Noch kann er aufgehalten werden."

Amelias Blick schweifte über die Zauberer, die um sie versammelt waren. Sie sah Angst und spürte ihr Entsetzen.

„Ihr seid die mutigsten von uns. Ihr seid sofort hierhergekommen, um zu helfen, um zu kämpfen, um euch gegen ihn zu erheben. Vielleicht ist er heute noch schwach, vielleicht wird er es auch noch in Monaten oder Jahren sein. Doch irgendwann wird er zurückkommen und dann müssen wir ihn aufhalten. Sonst wird es sein, als wären die letzten dreizehn Jahre ein schöner Traum gewesen. Sonst wird das Dunkle Mal wieder über den Häusern brennen und Unheil verkünden."

Amelia sah sich um. Mr Weasley sah sie entsetzt an und Ludo Bagman schluckte. In der Menge der Zauberer konnte Amelia Rufus Scrimgeour erkennen, neben ihm stand ein schwarzer glatzköpfiger Zauberer. Er trug einen goldenen Ohrring und nickte Amelia zu, als sich ihre Blicke trafen.

Amelia nutze ihre Legilimentik um die Gefühle der Umstehenden einzuschätzen und wog ihren Zauberstab in der Hand.

Blitzschnell fuhr sie herum und schleuderte einen Fluch auf das Mal am Himmel.

Es sah aus, als würde der Schädel in der Mitte gespalten werden, dann brannte er in einem silbernen Licht aus, bis nur noch der nachtschwarze Himmel zu sehen war.

Amelia ergriff ein Gefühl tiefer Befriedigung und ein düsteres Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Das war beeindruckend", sagte der Zauberer Namens Amos in die Stille hinein und starrte in den klaren Nachthimmel.

Ein lautes Stimmengewirr hob an, aufgeregt, sorgenvoll, überrascht.

„Es gilt herauszufinden, wer das Dunkle Mal beschworen hat. Es wird wohl kaum ein muggelstämmiger Zauberer gewesen sein oder eine Hauselfe", sagte Amelia und vielstimmiges zustimmendes Geflüster kam auf.

„Ich denke, das ist eine Aufgabe für die Aurorenabteilung", mischte sich Rufus Scrimgeour ein.

„Amelia", sagte der Zauberer und nickte ihr zu. „Rufus", erwiderte Amelia lächelnd und nickte ebenfalls zur Begrüßung.

„Ab jetzt übernehmen die Auroren die Ermittlungen, Diggory. Da die Elfe den Zauber wohl nicht gewirkt hat, fällt es nicht länger in deine Abteilung."

„Ich habe schon verstanden", sagte Amos Diggory und händigte Rufus den Zauberstab von Dean Thomas aus.

Winky atmete erleichtert aus.

„Deine Strafe kommt noch, dafür, dass du nicht gehorcht hast. Du hast den Befehl deines Meisters nicht befolgt und ich brauche keine ungehorsame Dienerin", sagte Mr Crouch hart und Tränen sammelten sich in Winkys Augen.

„Nein Meister, bitte nicht Kleidung. Winky ist eine gute Elfe", schluchzte sie und warf sich auf den Boden. Amelia hatte fast Mitleid mit dem kleinen Geschöpf, aber es oblag ihr nicht, sich dort einzumischen.

„Ich gehe besser zum Zeltplatz zurück", sagte Amelia und wandte sich schon um, doch Rufus hielt sie zurück.

„Kingsley", der schwarze Zauberer wandte sich ihnen zu, „begleiten sie Amelia zum Zeltplatz. Ich will nicht, dass ihr etwas geschieht und wir wissen nicht, wer hier noch rumläuft", befahl er.

„Dann machen wir uns mal auf den Weg", sagte der Zauberer Kingsley. Er hatte eine beruhigende tiefe Stimme. Amelia mochte sie irgendwie.

Zusammen machten sie sich auf den Weg zurück zum Zeltplatz.

„Sind Sie auch Auror?", fragte Amelia freundlich und sah den großgewachsenen Zauberer neugierig an.

„Ja, auch wenn ich heute eigentlich frei habe", lachte er.

„Sie können auch gerne zu ihrer Familie zurück. Ich finde den Weg schon allein."

„Sie brauchen meinen Schutz nicht wirklich, oder?", fragte der Zauberer sie nachdenklich und musterte Amelia von der Seite.

„Wie kommen sie darauf?", fragte Amelia und musste lächeln.

„Sie haben meinen Stupor Zauber abgeblockt, als wäre er nichts. Ihre Reaktion war ungewöhnlich schnell und der Zauber für eine Hexe Ihres Alters eigentlich viel zu stark. Wie alt sind Sie? Fünfzehn?"

„Ich bin letzten Monat vierzehn geworden", sagte Amelia und fing Kingsleys überraschten Blick mit einem Lächeln ab. Aus der Ferne war bereits der Lärm des Zeltplatzes zu hören.

„Ist es wahr, dass Voldemort stärker wird?", fragte Kingsley plötzlich und blieb stehen. Amelia musterte seine ernste Miene. Er hatte seinen Namen gesagt.

„Ja", antwortete Amelia schlicht und dachte an ihre brennende Narbe.

„Woher nehmen sie die Gewissheit, dass er nicht tot ist?"

„Sie glauben doch auch, dass er noch lebt."

„Ich sage es aber nicht laut. Dafür bräuchte ich Beweise", erwiderte der Zauberer und Amelia nickte, abschätzend wie viel sie dem Auror verraten konnte.

„Ich habe ihn getroffen. Der Vorfall mit Quirrel auf Hogwarts. Die Auroren haben das untersucht", sagte Amelia.

„Ich erinnere mich an den Fall. Wir konnten die Todesursache nie voll aufklären."

„Voldemort ist nicht mehr als ein Schatten. Weniger als ein Geist und doch am Leben. Er hat Quirrel besessen. Er hat ihn geleitet und als Voldemort Quirrels Körper verließ, ist Quirrel gestorben. Ich bin ihm damals begegnet und mir wurde klar, dass ich ihm nicht entkommen kann." Amelia blickte den Zauberer an und ihre Gesichtszüge waren entschlossen. „Ich kann kämpfen oder aufgeben und mich meinem Schicksal beugen. Ich habe beschlossen, zu kämpfen. Ich weiß nicht, wann er zurückkehren wird. Vielleicht bin ich bis dahin schon eine alte Frau. Aber darauf will ich mich nicht verlassen. Dafür stehen die Zeichen zu schlecht."

„Es wird viele geben, die fliehen werden", sagte der Auror.

„Aber auch welche, die kämpfen werden", sagte Amelia und reichte ihm die Hand.

„Darauf kannst Du zählen", nickte der Auror und schlug ein.

„Danke, Kingsley", erwiderte Amelia.

Kingsley Shacklebolt brachte sie bis zum Zeltplatz, wo er sich verabschiedete, um seine Frau zu suchen. Kaum war er verschwunden, tauchte Draco hinter ihr aus dem Wald auf.

„Seit wann verfolgst du uns?", erkundigte sich Amelia überrascht. Sie hatte ihn nicht bemerkt.

„Eine Weile", gestand Draco. „Hast du was herausgefunden?"

Amelia verneinte. „Sie wissen es nicht. Es war eine tiefe Stimme, die den Zauber gesprochen hat, aber der Zauberstab gehörte Dean Thomas und gefunden hat ihn Barty Crouchs Hauselfe. Crouch macht mir Sorgen. Er verbirgt etwas."

„Glaubst du, er könnte das Mal beschworen haben?", fragte Draco und machte sich mit ihr auf den Weg durch die verwüsteten Zelte.

„Unwahrscheinlich. Ich habe über Crouch gelesen, im Zusammenhang mit Sirius. Er hat früher die Abteilung für magische Strafverfolgung geleitet und unzählige Todesser ins Gefängnis geschickt. Er hat auch den Gebrauch der unverzeihlichen Flüche gegen Todesser erlaubt. Kein sympathischer Mann, aber immer strickt gegen die dunkle Seite."

Draco nickte nachdenklich. Als sie vor dem Zelt der Malfoys ankamen, stand es nur noch zur Hälfte. Ein Feuer hatte die Pfauen verjagt und die hintere Zeltwand versengt.

Amelia und Draco kletterten hinein und holten ihre Sachen. Das Badezimmer und die Küche waren vollends verbrannt.

„Wir sollten nach Hause", sagte Draco müde. „Ich schätze, meine Eltern sind schon da."

Amelia nickte. Auch ihr kroch die Erschöpfung des Abends in die Knochen.

Auch, wenn sie nicht übermäßig viel Wert auf Romantik legte. So hatte sie sich den Abend, an dem sie entjungfert wurde, wirklich nicht vorgestellt.

Sie gingen den Weg hinauf, dorthin, wo sie angekommen waren, doch es gab wohl eine Menge Zauberer, die den gleichen Gedanken gehabt hatten. Eine riesige Menschenmenge belagerte den Zauberer mit dem Poncho.

„So eine Scheiße", fluchte Draco, als sie hin und her geschubst wurden und zog Amelia aus dem Gedränge.

„Wir nehmen einen anderen Weg", sagte er wütend. „Dobby!"

Einen Augenblick später erschien der Hauself der Familie Malfoy vor ihnen und apparierte sie zum Manor.

Das Herrenhaus schien verlassen dazuliegen als sie ankamen. Zuerst dachten sie Mr und Mrs Malfoy seien woanders hinappariert, doch als sie in die Eingangshalle kamen, hörten sie leise Stimmen aus dem Salon.

Als Draco und Amelia eintraten wandten sich die Anwesenden erschrocken in ihre Richtung.

„Draco!", rief Mrs Malfoy besorgt und zog ihren Sohn in die Arme. „Ich wollte schon zurückapparieren und dich holen, aber sie wollten mich nicht lassen."

„Ich habe dir doch gesagt, sie finden allein zurück", erwiderte Mr Malfoy und rieb sich die Nasenwurzel.

„Mutter, lass mich", sagte Draco und versuchte sich aus den Armen von Mrs Malfoy zu befreien. Amelia lehnte an der Tür und musterte die Anderen Anwesenden.

Die Carrow Zwillinge, Crabbe, Goyle, Macnair, Yaxley und sein Sohn Metis. Sie alle waren in einem Stadium zwischen ängstlich, erschrocken und besorgt. Der Schock über das Dunkle Mal musste sie ernüchtert und ihre Euphorie gedämpft haben.

Amelias Gedanken huschten von einem zum Anderen, aber keiner von ihnen konnte das Mal beschworen haben. Sie hatten alle die Muggel gequält.

Amelia nahm auf einem der großen Sessel am Kamin Platz und sie merkte sehr wohl die Blicke, die sie beobachteten. Amelia konnte die angespannte Atmosphäre fast greifen. Auch Draco schien es zu bemerken und setzte sich lässig auf die Armlehne ihres Sessels.

Nach einer Ewigkeit war Mr Malfoy der Erste, der das Wort ergriff.

„Was ist passiert?", fragte er an Amelia gewandt, als wüsste sie die Antwort auf alle Fragen.

Amelia schenkte ihm ein Lächeln. „Man hat Barty Crouchs Hauselfe mit dem Zauberstab eines Schlammbluts gefunden", erwiderte Amelia.

Alecto Carrow begann zu kichern. „Der alte Barty. Das wird ihn sein Leben lang verfolgen."

„Wahrscheinlich hat der Junior der Elfe den Zauber beigebracht", pflichtete Amycus seiner Schwester bei.

„Das ist doch Unsinn. Barty ist vor Jahren in Askaban gestorben", warf Yaxley ein.

Amelia verfolgte die Diskussion interessiert.

Sie hassten ihn. Durch das harte Durchgreifen der Auroren waren die Eltern der Carrows gestorben, als die Zwillinge noch nicht mal aus Hogwarts draußen waren. Freunde und Verwandte waren mit drakonischen Strafen nach Askaban gekommen. Nicht zuletzt Narzissas Schwester, Bellatrix.

„Ihr solltet nicht so viel reden", sagte Metis. „Wir sind nicht unter uns."

Er blickte zu Amelia hinüber, die eine unbeteiligte Miene machte. Die anderen starrten nun auch zu Amelia.

„Wir können ihr Gedächtnis verändern, das ist kein Problem", sagte Crabbe nur. Er war ein Koloss von einem Mann und gab eine Ahnung davon, wie groß sein Sohn Vincent noch werden konnte.

„Ich glaube nicht, dass ich euch so einfach in meinen Erinnerungen herumpfuschen lasse", erwiderte Amelia.

„Da wirst du nicht gefragt, Mädchen", erwiderte Goyle.

Draco neben ihr bewegte sich ein Stück, doch Amelia blieb einfach nur ruhig sitzen.

„Das ist keine gute Idee", sagte sie mit einem fast sanften Lächeln.

Crabbe und Goyle kamen mit gezückten Zauberstäben und bedrohlichem Gebaren auf sie zu, doch bevor sie auch nur einen Zauber zu Ende gedacht hatten, hatte Draco seinen Zauberstab erhoben und sie krachten gegen die gegenüberliegende Wand.

„Glaubt ihr wirklich, mir drohen zu können?", fragte Amelia kalt und erhob sich.

„Du bist so arrogant, da wird mir schlecht!", brauste Metis auf und stellte sich Amelia in den Weg. „Du hast gar nichts getan und führst dich auf, als würdest du hier wohnen. Du bist nur ein eine freche Göre aber alle scharwenzeln um dich herum. Als wärst du der Dunkle Lord persönlich!"

Amelia warf ihm einen spöttischen Blick zu und der junge Zauberer platzte vor Wut.

„Ich werde dir eine Lektion erteilen", rief er und keinen Augenblick später jagte er einen ungesagten Fluch in ihre Richtung.

Amelia hob ihren Stab und der Fluch prallte an ihrem Schildzauber ab. Draco wollte sich schon einmischen, aber Amelia gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er sich zurückhalten sollte. Dies hier war ihr Kampf und sie würde nicht zurückweichen. Niemand sollte es wagen, auf sie herabzusehen.

Metis hatte seine Überraschung über ihre schnelle Reaktion schnell im Griff. Amelia bemerkte, wie er versuchte sie mit Duell-Legilimentik zu erreichen und konnte ihr überhebliches Lächeln kaum verbergen. Er schien Ahnung von Duellen zu haben, aber ihre Okklumentik anzugreifen war ein Fehler gewesen.

Metis schleuderte einen weiteren Zauber aus sie, doch Amelia blieb bei ihrer Verteidigung, bis Metis das Gefühl hatte, alles unter Kontrolle zu haben. Bis er glaubte, seine Legilimentik wirke gegen sie.

Amelia steuerte seine Zauber und er merkte es nicht einmal.

Als Amelia das Gefühl hatte, alles hätte sich eingespielt und sie könnte abschätzen mit welchen Gegenflüchen sie zu rechnen hätte, ging sie zum Angriff über.

„Ich denke du hattest genug Zeit dich abzureagieren", sagte sie kalt und täuschte einen Angriffszauber vor. Metis schleuderte einen stärkeren Fluch gegen sie, der ihren hinweggefegt hätte, wäre es denn ein Angriffszauber gewesen. Sie lenkte den Zauber, der auf sie zu kam um. Ein zweiter kam aus ihrem Zauberstab geschossen. Sein eigener Zauber fegte Metis Verteidigung hinweg und ihr Expelliarmus schleuderte ihm den Zauberstab aus der Hand. Bevor Metis reagieren konnte, flog ein letzter Zauber auf ihn zu und er wurde nach hinten auf den Boden geworfen, wo er regungslos liegenblieb.

Amelia fing den fremden Zauberstab mit einiger Genugtuung auf. Sie würde niemals mehr schwach sein.

Mr Yaxley war blass geworden und rannte auf seinen Sohn zu. Amelia spürte nach den Gefühlen um sie herum. Keiner würde sie in Frage stellen.

Langsam näherte Amelia sich den Yaxleys.

„Ist er…", fragte Corban Yaxley entsetzt doch Amelia verneinte.

„Ich brauche euch noch. Deshalb darf er heute noch nicht sterben", sagte Amelia und richtet ihren Zauberstab auf Metis. Er zuckte zusammen und bäumte sich auf, als er wieder zu Bewusstsein kam. Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er seinen Zauberstab in Amelias Hand sah.

„Du hast Recht, ich bin nicht der Dunkle Lord", sagte Amelia mit einem spöttischen Lächeln. „Er hätte keine Gnade mit dir gehabt. Aber ich habe andere Pläne. Vielleicht weihe ich dich irgendwann in sie ein, wenn ich keine freche Göre mehr bin."

Metis schluckte und sah besorgt zu dem jungen Mädchen hoch. In seinen Augen lag nun etwas anderes, kein Hohn, kein Spott, sondern Respekt.

Sie reichte ihm seinen Zauberstab. „Denk an meine Gnade Metis, die nächste dunkle Hexe, die du herausforderst, könnte einen Spaß daran finden, dich zu töten."

Sie konnte die Angst sehen, die in ihm hochkroch, als er ihrem kalten Blick begegnete.

„Verzeih was ich gesagt habe, ich werde nicht mehr zweifeln", sagte Metis ergeben und nahm seinen Zauberstab aus ihrer Hand zurück.

Keiner sagte etwas. Alle Blicke lagen auf Amelia. Geschmeidig ließ sie sich wieder auf ihren Sessel am Kamin gleiten. Draco stand neben ihr.

„Es war ein langer Tag, und die Gemüter sind erregt", stellte Amelia sanft fest und zustimmendes Murmeln war zu hören.

Amelia war froh, als sich die Zauberer bald darauf zerstreuten. Wie müde sie war, spürte sie erst, als sie sich schlafen legte. Sie spürte kaum, wie Draco den Arm um sie legte und schon war sie eingeschlafen. Ein verrückter Tag.

Nachwort:

Warum Amelia nicht vehement die Schwachen verteidigt? So wie Harry es tut? Warum sollte sie. Die Muggel haben sie nie gut behandelt. Ich sehe keinen einzigen Grund, warum Amelia eine Muggelfreundin sein sollte. Sie glaubt an die Überlegenheit der Zauberer. Wie könnte sie nicht, wenn es das ist, was sie jeden Tag in der Schule und von allen um sich herum hört?

Sie ist durch und durch eine Slytherin. Gut darin, andere zu manipulieren, gut darin zu bluffen und geneigt alle Regeln für ihre Zwecke zu biegen.

In diesem Kapitel in der Unterhaltung mit Draco werden ihren wahren Absichten klar, die sie so noch niemals vorher so direkt formuliert hat. Es ist der Grund für diese grundlegende Charakterüberarbeitung von 2022 im Gegensatz zu der Version von 2016.

Die erste Amelia war eine Heuchlerin und ein schwacher Charakter, der sich selbst verleugnet. Der Gewalt verabscheut sich dem aber beugt, aus Angst nicht anerkannt zu werden.

Die Amelia die ich jetzt geschaffen habe ist auf ihre Art Harry deutlich ähnlicher. Sie ist sich sicher, an was sie glaubt und sie ist bereit ihre Sichtweise auch gegen andere Meinungen in die Wagschale zu werfen.

Ich denke vieles, von dieser Einstellung geht auf den zweiten Band und auf Artemis Tod zurück. Auf das Wissen, was der Missbrauch von Macht mit sich bringt. Ich kann sie nicht für einen guten Menschen halten. Aber sie ist auch nicht ganz verdorben.

Sie hat die gleiche Wandlung durchgemacht wie Harry. Dadurch das er zu den Weasleys kam, hat er ihre Offene, freundliche Art mitgenommen. Es ist schließlich auch eine Art der Erziehung gewesen. Amelia wurde von den Malfoys erzogen. Erzogen zu dem Wissen, das sie etwas Besseres ist als alle anderen. Sie ist arrogant und überheblich, das muss sie nicht vorspielen, das wurde ihr anerzogen.