Amelia Potter – Slytherinwege

Band 5

Kapitel 1 – Die Entscheidung

Amelia hatte gewusst, dass die Dursleys über ihre Schwangerschaft benachrichtigt wurden, sie hatte sich darauf eingestellt, sich Onkel Vernons demütigende Bemerkungen anhören zu müssen. Trotz allem konnte sie die Tränen kaum zurückhalten.

Es war unerträglich Onkel Vernon zuzuhören, der ihr erzählte, dass es nur recht so war, dass ihr Kind tot sei. Das jede Missgeburt von ihr besser tot wäre.

Als sie endlich im Ligusterweg ankamen rannte Amelia in ihr Zimmer und warf die Tür hinter sich zu. Onkel Vernons Rufe ignorierte sie. Die Treppe hinauf stieß sie mit Dudley zusammen, doch zu ihrer beider Glück, hielt er sie nicht auf. Sie war sich sicher, sie hätte ihn verflucht und dann hätte sie Probleme mit dem Gesetzt bekommen, da minderjährige Hexen und Zauberer außerhalb von Hogwarts nicht zaubern durften.

Diese Ferien begannen zu den schlimmsten ihres Lebens zu werden. Es schien, dass all die Schmähungen, wegen ihrer Schwangerschaft, denen sie in der Schule entgangen war, nun mit unnatürlicher Gewalt auf sie einzuprasseln schienen. Sie war noch keine zwei Tage in den Ligusterweg zurückgekehrt, als im Tagespropheten ein grauenvoller Artikel erschien.

Ihr war klar gewesen, dass Dumbledore versuchen würde Unterstützung zu bekommen und dass das Ministerium dagegenhalten würde. Doch das Fudge so weit gehen würde, dass übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Anstatt zu dementieren war er in die Offensive gegangen.

Amelia hatte gezögert, bevor sie zu lesen angefangen hatte und nicht zu unrecht. Gleich im ersten Satz hieß es: …Dumbledore als exzellenter Zauberer bekannt, wird doch auf seine alten Tage etwas senil…. Weiter ging es mit …ist in Frage zu stellen, ob Dumbledore der Verantwortung noch gewachsen ist, für Amelia Potter zu sorgen. Zeigt das junge Mädchen doch beunruhigende Anzeichen, die auf einen starken Missbrauch dunkler Magie hinweisen… …verfügt sie über die Fähigkeit Parsel zu sprechen, womit sie völlige Kontrolle über ihre gewaltige dreiköpfige Runespoor besitzt. Eine bei dunklen Hexen und Magiern beliebte Schlangenart… …würde ich keinem Vertrauen, der in der Lage ist mit Schlangen zu sprechen… …eine Fähigkeit dunkler Hexen und Zauberer… …Eine Schwangerschaft im jungen Alter von vierzehn Jahren deutet auf einen schlechten Lebenswandel hin… …ihr Lasterhaftes verhalten… …unverantwortlich in diesem Zustand am Trimagischen Turnier teilzunehmen… …selbst wenn Amelia Potter darauf bestanden hat, hätte Dumbledore eingreifen müssen… …selbst Schuld an dieser Tragödie… …die Folge der fehlgeburt… …versucht sie nun in ihrem geistig labilen Zustand einen anderen Schuldigen zu finden… …erfundene Geschichte mit der angeblichen Auferstehung des Unnennbaren deutet auf ein krankhaftes Trauma hin, mit dem sie die Zauberergesellschaft in ihr Unglück verwickeln will…

Amelia wurde schlecht und sie legte die Zeitung beiseite. Politik war eine schmutzige Sache. Wie schmutzig verstand sie erst jetzt.

Sie musste dringend mit Rufus Scrimgeour sprechen, doch es wäre zu gefährlich ihm eine Eule zu schicken. Wenn sie abgefangen werden würde, könnte dies sein politisches Ende bedeuten. Sie musste erst mal auf Abstand gehen. Sie konnte nur hoffen, dass sie ihn von der Wahrheit überzeugen konnte. Wenn Voldemort zuschlagen würde, wäre es essenziell, dass die Auroren schnell eingreifen konnten.

Unterstützung zu finden, würde bestimmt nicht leicht werden. Wenn sie sich den Artikel durchlas, würde sie sich selbst auch nichtmehr vertrauen. Sie war einsam, dunkel, gemeingefährlich und traumatisiert. Leider hatte sie durch ihr Verhalten dem Artikel genug Beweise geliefert, um glaubwürdig zu sein. Das war Rufmord auf höchstem Niveau.

Wenn sie nicht minderjährig gewesen wäre, wäre sie wirklich versucht den Tagespropheten zu verklagen, doch mit dem Ministerium im Rücken standen ihre Chancen ziemlich schlecht.

Das schlimmste am Ligusterweg war, die viele Zeit, die sie nun hatte. Zeit zum Nachdenken. Leider war es das, was sie gerade ganz und gar nicht gebrauchen konnte. Sie wollte nicht nachdenken, dann versank sie nur zu schnell in Tagträumen wie ihr Leben hätte aussehen können. Mit Draco und Aries im Herrenhaus der Malfoys. Doch all dies hatte immer ein schmerzhaftes Erwachen.

Sie verkroch sich in ihrem Zimmer und vergrub sich in Zauberbüchern. Doch Dudley schien nicht viel davon zu halten sie in Ruhe zu lassen. Seine Angst Amelia, könnte ihn verzaubern hatte abgenommen, mit jedem Jahr, das vergangen war. Schließlich hatte sie nie auch nur Anstalten gemacht, ihm etwas zu tun und eine bloße Drohung schüchterte ihn nichtmehr ein.

In dem Jahr das Amelia weg gewesen war, hatte Dudley nicht nur eine strenge Diät durchgestanden, sondern Vernon Dursley hatte auch noch ein wunderbares neues Talent seines Sohnes entdeckt. Boxen. So war nun Dudley nicht nur groß und massig, sondern hatte auch noch gelernt, wie man am besten hart zuschlug. Nicht, dass er das gebraucht hätte.

Seine liebsten Trainingsobjekte, wie Amelia schnell klar wurde, waren die jüngeren Kinder in Litte Whinging und damit sie nicht wegliefen hatte Dudley auch noch gleich seine Kumpels um sich, die die Jungen festhielten, während er sie verprügelte.

Amelia musste dann immer an den kleinen Colin Creevey denken, den Draco und seine Freunde in Hogwarts verhext hatten. Wenn sie ehrlich war, war das nicht viel besser gewesen. Nein, es war sogar schlimmer gewesen, da er es hätte besser wissen sollen.

Hundertfünfzig Kilometer weiter westlich, saß Draco in seinem Zimmer am Fenster, vor sich den Zeitungsartikel, der im Tagespropheten erschienen war.

Irgendwo unten im Haus, fand ein Todessertreffen statt, soviel wusste er und allein der Gedanke, dass sich der Mörder seines Sohnes hier auf dem Landsitz seiner Familie befand, machte ihn krank.

Seit seinem überstürzten Aufbruch aus Hogwarts, wo er alles stehen und liegen gelassen hatte, nur um nach Hause zu apparieren, schien sich die Welt verändert zu haben.

Zuhause hatte er seine weinende Mutter gefunden, die ihm schluchzend erzählt hatte, dass sein Vater aufgebrochen war, als das dunkle Mal an seinem Arm gebrannt hatte.

Draco war wütend gewesen, unheimlich wütend. Als sein Vater gegen Morgen nach Hause gekommen war, hatte er eine Erklärung gefordert. Eine Erklärung, warum er Amelia nicht beschützt hatte. Warum sein Vater, sein eigenes Enkelkind hatte sterben lassen. Sein Vater hatte versucht es zu rechtfertigen. Wie schwer es ihm gefallen sei, aber dass er keine Wahl gehabt habe. Man könnte sich dem Dunklen Lord nicht widersetzen. Er wäre zu mächtig zu furchteinflößend, zu unsterblich. Amelia wäre sowieso gestorben und das Kind mit ihr. Er hätte sich nicht wehren können. Er wäre nur mit ihr gestorben.

Draco hatte ihm an den Kopf geworfen, dass Amelia sehr wohl am Leben war, und sein Vater hatte etwas gesagt, dass er ihm nicht verziehen konnte.

„Das ist doch gerade das Schreckliche. Warum konnte sie nicht einfach sterben, das hätte uns jede Menge Ärger erspart."

Draco verabscheute seinen Vater dafür. Egal ob seine Mutter ihm beteuerte, das hätte er nur gesagt, weil der Dunkle Lord seine Anhänger gefoltert hatte. Es war Draco egal.

Trotz allem war er geblieben. Seine Mutter hatte ihn dazu überredet, hatte gesagt wie wichtig es sei, dass die Familie jetzt zusammenhielt. Wie sehr sie Draco jetzt brauchen würden. Sie hatte ihn nicht mal nach Hogwarts zurückgehen lassen, aus Angst er würde nicht wiederkommen.

Wahrscheinlich hatte sie Recht gehabt, aber Draco war sich gar nicht sicher, ob er zurückwollte. Wenn er an Hogwarts dachte, musste er an seinen toten Sohn denken. Er würde den Anblick nie vergessen.

Madam Pomfrey hatte ihn in den Armen gehalten. Er war blutig gewesen und so winzig. Kleiner als jedes Baby, dass er jemals gesehen hatte und doch war alles dran gewesen. Er hatte kleine Hände mit kleinen Fingern gehabt, einen kleinen Kopf und einen winzigen Körper. Er war vollkommen gewesen. Es schien fast als würde er sich jeden Moment bewegen können.

Amelia hatte angefangen zu weinen noch bevor Madam Pomfrey etwas gesagt hatte. Sie hatte es gewusst. Sie hatte gewusst, dass sie ihr Kind tot zur Welt gebracht hatte. Er hatte sie nicht trösten können. Er hatte nicht mal sich selbst trösten können.

Er hatte einfach nur dagesessen und nichts konnte beschreiben was er empfunden hatte.

Dann war Dumbledore gekommen und Amelia hatte erzählt was passiert war. Er konnte noch immer diesen anklagenden Blick sehen. Sie hatte den Namen nicht ausgesprochen. Aber er hatte nur diesen Blick gesehen und ihm war klar gewesen, dass sein Vater dort gewesen war. Das er Aries nicht gerettet hatte.

Es war Draco schwer gefallen, zu glauben, dass sein Vater so etwas wirklich getan hatte. Er hatte fest gehofft Amelia würde Lügen, bis er nach Hause gekommen war und hier seine Mutter getroffen hatte. Dann hatte er gehofft, dass sein Vater mit Gewalt davon abgehalten worden war Amelia zu helfen, doch auch das hatte sich als falsch herausgestellt.

Die Wahrheit war: Sein Vater war ein Feigling.

Draco stand an seinem Zimmerfenster und sah auf das Eingangsportal des Herrenhauses hinab. Die Mittagssonne stand tief und die flirrende Hitze des Sommers war hinter den dicken Steinmauern gedämpft. Zauber schirmten alles ab und seit die Todesser sich hier trafen, waren unzählige Schutzzauber hinzugekommen.

Eilig kamen immer mehr Gestalten die lange Einfahrt hinauf. Draco kannte sie. Er kannte sie fast alle. Freunde, Bekannte, Verwandte. Sie waren Todesser. Sie waren die Diener des Dunklen Lords.

Ein leises Klopfen war an der Tür zu hören. Draco antwortete nicht. Die Tür ging auf und Draco sah in der Spiegelung seines Fensters, dass sein Vater hereingekommen war.

„Was willst du?", fragte er kalt, drehte sich aber nicht um. Er war schon seit zwei Wochen wieder zuhause aber ihre Beziehung war noch immer zerrüttet und sie würde sich auch nie wieder kitten lassen. Zu groß waren der Schmerz und der Verrat.

„Der Dunkle Lord wünscht dich zu sehen, Draco. Du sollst runterkommen."

Die Stimme seines Vaters klang unruhig, besorgt.

„Ich will ihn nicht treffen", erwiderte Draco trotzig, fast wie ein kleines Kind.

„Er will dich schon seit Tagen treffen, ich konnte immer eine Ausrede für dich finden. Es geht bestimmt um Amelia. Draco, wenn wir vorsichtig sind, wird dir nichts passieren. Du musst einfach genau das gleiche machen, wie ich, dann geht alles gut."

Draco rührte sich nicht. Er starrte nur wütend aus dem Fenster.

„Draco, komm bitte", sagte sein Vater und er klang fast flehentlich. Draco verachtete ihn. Er hatte noch nie einen reinblütigen Zauberer so sehr verachtet.

Trotz allem folgte er ihm durch das Landhaus. Sie hielten vor dem Salon an und sein Vater öffnete die Tür. Draco blieb an der Tür stehen und beobachtete seinen Vater wie er eintrat.

Der Raum war mit Menschen gefüllt. Sie alle trugen schwarze Umhänge, doch hatten sie die Kapuzen der Umhänge zurückgeschlagen und man konnte ihre Gesichter erkennen.

Gleich neben einer hoch gewachsenen Gestalt, zu dessen Füßen eine gewaltige Schlange lag, konnte Draco Pettigrew erkennen.

Sein Vater ging auf den großen schlanken Mann zu und kniete vor ihm nieder. Mit Ekel sah Draco wie sein Vater den Saum seines Umhangs küsste.

„Ich habe ihn mitgebracht, Herr. Wie ihr befohlen habt."

Die Gestalt drehte sich um und Draco sah sich dem Dunklen Lord persönlich gegenüber. Lord Voldemort.

Den Dunklen Lord als einen Menschen oder auch nur einen Zauberer zu bezeichnen, schien Draco absurd. Er hatte anstatt einer Nase zwei schlitzartige Löcher. Seine Haut war weiß wie ein Totenschädel und seine Augen glühten in einem bedrohlichen Rot.

Das war er also, dachte Draco bei sich, als er das Wesen anblickte. Die Hoffnung für die Zaubererwelt? Eine Hoffnung für jeden reinblütigen Zauberer, sich von den Muggeln zu befreien und wieder ihren angestammten Platz anzunehmen?

Draco sah dieses Monster und er sah keine Hoffnung. Er sah nur den Mörder seines Sohnes und ein unglaublicher Hass stieg in ihm auf.

„Komm näher, Draco. Begrüße Lord Voldemort." Die kalte Stimme schürte nur den Hass in ihm.

Wie konnte der Dunkle Lord wirklich glauben, er könnte so einfach vor ihm knien, nachdem er seinen Sohn getötet hatte. Wie konnte er einfach glauben, dass Familie so wenig bedeutete. Wie konnte er sagen, er trat für die Ideale der reinblütigen Gesellschaft ein, wenn er sie nicht mal verstanden hatte. Es ging um mehr als nur Muggel zu töten, es ging um Zusammenhalt gegen die Muggel. Wie wollte er die Zaubererwelt befreien, wenn er Zauberer ermordete.

Voldemort verstand ihn nicht und es gab nichts was er ihm geben konnte. Er würde niemals vor ihm niederknien.

Er hatte seinen Sohn geliebt und er liebte Amelia. Sie hatte immer an ihn geglaubt hatte ihn niemals verraten. Mehr als seine Eltern, mehr als jeder andere, war sie immer auf seiner Seite gewesen. Sie war seine Familie.

Ohne ein weiteres Zögern, ohne eine Antwort drehte Draco sich auf dem Absatz um und lief aus dem Haus. Mit einem Satz ließ er die Treppenstufen vor dem Manor hinter sich.

„Draco!", hörte er den entsetzten Aufschrei seines Vaters.

Leute rannten ihm hinterher und Draco spürte den Fluch mehr, als dass er ihn sah.

In letzter Sekunde wirbelte er herum und Caliburn lenkte den Zauber ab, der eine große Bresche in die Eibenhecke schlug.

Voldemort stand an der Tür und seine Todesser um ihn herum.

Die Anti-Apparierschilde um das Haus endeten am Tor, bis dorthin musste er kommen. Jetzt musste er nur die Nerven behalten.

„Was ist los, Draco. Willst du nicht vor deinem Herrn niederknien?", fragte Voldemort lauernd und Draco spürte, wie jemand versuchte in seinen Geist einzudringen.

Seine Okklumentik sperrte ihn aus. Draco war nie sonderlich gut in Okklumentik gewesen, doch wenn er gewollt hatte, hatte er selbst Dumbledore und Amelia aussperren können. Voldemort verzog die Augen zu schlitzen, als er merkte, wie er sich widersetzte.

„Ich habe keinen Herren und ich knie niemals nieder", antwortete Draco. Mit seiner Linken umklammerte er Caliburn und mit der Rechten hielt er seinen Zauberstab. Langsam wich er einen Schritt zurück.

„Draco, Gehorsam ist eine Tugend, die ich dir noch beibringen muss", sagte Voldemort mit einem grausamen lächeln. „Crucio"

Doch Draco dachte nicht daran sich foltern zu lassen. Seine Reflexe waren gut und als der Zauber ihn erreichte, hatte er sein Schwert zwischen sie gebracht und Voldemort war nun daran seinem eigenen Zauber auszuweichen.

Draco wich noch einen Schritt zurück.

Ein weiterer dunkelroter Fluch kam in seine Richtung geflogen und als Draco ihn parierte, schloss er einen zweiten verzweifelten Confringo hinterher. Er machte sich nicht die Illusionen Voldemort zu treffen, doch während dieser seine Zauber abwehrte, kam er noch ein Stückchen weiter Richtung Tor.

Sein Explosionsfluch landete auf der rechten Seite der Anfahrtsstraße und riss dort eine alte Eiche auseinander, während Voldemorts Fluch eine lange schneide in die Erde Schnitt. Als hätte er das Erdreich selbst gespalten.

„Du bist begabt Draco, ich muss sagen, dass ich durchaus angetan bin. Es ist nicht leicht mich zu beeindrucken", sagte Voldemort und kam immer weiter auf ihn zu. „Ich kann dir Macht anbieten, Draco. Mehr Macht als du jetzt schon besitzt. An meiner Seite, kannst du die Muggel ausrotten und das Ministerium vernichten, das uns so schändlich in unsere Verstecke bannt."

„Ich brauche keine Macht, die mich zu einem Hauselfen werden lässt. Ich werde niemals vor dir auf dem Boden kriechen", erwiderte Draco hasserfüllt und wich weiter vor Voldemort zurück.

„Das ist schade, Draco. Wirklich schade. Du hast wirklich Talent. Ist es wegen des Mädchens? Wegen Amelia Potter?"

Voldemort musterte Draco und als dieser nichts sagte fuhr er fort. „Es gibt noch andere Hexen außer ihr. Du wirst eine andere finden, eine würdigere. Die Liebe ist schwach, Draco. Lass dich nicht von ihr verführen."

„Du verstehst gar nichts!", schleuderte Draco ihm entgegen. Draco glaubte daran, dass ihn seine Liebe stark gemacht hatte. Wenn er Amelia nicht gehabt hätte, dann wäre er heute ein anderer Mensch, aber bestimmt kein besserer. Sie hatte ihm die Stärke gegeben, an sich selbst zu glauben. Sie hatte ihm den Mut gegeben, sich gegen Voldemort zu stellen.

Er schoss eine Reihe Flüche in Voldemorts Richtung und die Todesser, die noch immer am Eingangsportal waren, mussten sich in Sicherheit bringen, wenn sie nicht zerrissen werden wollten. Er sah, wie sein Vater seine Mutter festhielt damit sie nicht auf ihn zu rannte. Narzissa Malfoy schrie gequält auf, als sie ihren einzigen Sohn sah.

Voldemort hingegen wehrte alle Flüche ab, die ihm zu nahe kamen. Doch Draco sah, wie viel Konzentration er dafür aufwenden musste, wie der Letzte ihn beinah erwischte.

Der Kampf entbrannte, die Büsche an den Seiten erwachten zum Leben und versuchten ihn zu fesseln, doch Caliburn entzog ihnen die Magie.

Draco mochte nie gut gewesen sein in Verwandlungen und Hexereien. Kraftvolle direkte Flüche hatten ihm immer mehr gelegen, aber er wusste wie er sie abwenden konnte, denn Amelia kämpfte genau wie Voldemort. Nie um eine Verwandlung verlegen, immer hinten rum, um dann direkt von Angesicht zu Angesicht den Erdstoß zu verpassen.

Angreifend, abwehrend, parierend und ausweichend wich Draco Stück für Stück zurück und irgendwann wurde ihm klar, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte.

Voldemort war schneller als er, nur einen Hauch, aber genug, um ihn zu bedrängen. Seine Flüche waren stärker als seine, wenn auch nur einen Funken, doch genug, um ihn in die Defensive zu zwängen. Seine Erfahrung war weitreichender und das gab den Ausschlag.

Draco war schon fast bis zum Eingangsportal zurückgewichen als ein Fluch das Tor traf und die wegfliegenden Splitter Draco in den Rücken trafen. Es spürte, wie sich eine Eisenstange direkt in seine Schulter bohrte. Der Schmerz ließ ihn einen Moment taumeln und die Ränder seines Gesichtsfeldes verschwammen in einem bedrohlichen Schwarz. Er kämpfte sich wieder hoch, gerade noch rechtzeitig, um den nächsten Fluch zu parieren. Doch er schaffte es kaum das Schwert zu heben und entkam nur knapp.

„Ich gebe dir noch eine Chance, Draco. Jetzt wo du weißt, mit wem du es tu tun hast. Knie nieder und ich verschone dein Leben."

Draco schickte einen funkelnden grünen Todesfluch in Voldemorts Richtung und sah gerade noch, wie dieser sich hastig zur Seite warf.

Nur noch wenige Schritte… Die Welt begann im Schmerz zu schwimmen… dann… geschafft.

Draco stolperte über die Grenze des Anwesens. Er sah noch einen blutroten Fluch in seine Richtung fliegen, doch er disapparierte bereits. Gerade als er sich zu dematerialisieren begann, traf ihn der Fluch.

Es war später Nachmittag, Amelia saß im Garten und hielt ein Buch über Schutz und Bannzirkel in der Hand. So wirklich lesen tat sie allerdings nicht, dazu fehlte ihr, wie zu oft in letzter Zeit, die Konzentration. Zu leicht schweiften ihre Gedanken ab. Dabei war es eine gute Gelegenheit. Onkel Vernon war noch auf Arbeit und Tante Petunia war heute mit ihrer Freundin Yvonne in London einkaufen. Dudley hatte sich heute Morgen sofort zu Piers Polkiss auf den Weg gemacht und so hatte Amelia das ganze Haus für sich. Sie hatte sich auf die Terrasse gelegt und lies sich die Sonne auf die Haut scheinen, während sie gedankenverloren durch die Seiten blätterte.

Der Nachbar von Gegenüber war einmal rausgekommen, doch als er sie gesehen hatte, hatte er nur missbilligend die Lippen verzogen und begonnen seinen Rasen zu gießen.

„Versuchst du die Nachbarn zu verführen?", hörte Amelia eine Stimme aus der Küche und drehte sich um. Dudley stand dort mit einer Limonade in der Hand.

„Verzieh dich zu deinen Freunden, Dudley. Die vermissen dich sicher schon", erwiderte Amelia nur gereizt und wandte sich wieder ihrem Buch zu.

„Meine Eltern werden ausrasten, wenn ich ihnen sage, dass du dich tätowiert hast", sagte Dudley und feixte. Amelia stockte einen Moment, dann fuhr ihre Hand reflexartig zu ihrem Arm.

„Nicht so sehr, wie wenn ich ihnen stecke, dass du heimlich rauchst", erwiderte sie und stand auf. Sie trug eine kurze Hose und ein ärmelloses Oberteil um die Hitze besser zu verkraften. Das Beltanesiegel hob sich golden schimmernd von ihrer blassen Haut ab und erinnerte tatsächlich an eine besondere Art Tätowierung. Dudley starrte sie an und sein Blick wanderte über ihre großen Brüste und ihre langen nackten Beine entlang. Amelia brauchte keine Legilimentik um zu wissen was er dachte.

„Du bist ausgesprochen widerlich Dudley", sagte Amelia verächtlich.

„Piers würde dich gerne mal ficken", meinte Dudley nur und grinste sie dreckig an.

„Ich würde ihn auch gerne in einen Käfer verwandeln", erwiderte Amelia kühl und wollte an Dudley vorbei zurück ins Haus gehen. Dieser hielt sie am Arm fest.

„Du tust immer so prüde, dabei wissen alle was du treibst. Alle wissen, dass du nur ein billiges Flittchen bist, die dringend einen Mann zwischen ihren Beinen braucht."

„Glaubst du jetzt schon deine eigenen Lügen, Dudley?" Angewidert riss Amelia sich los.

„Oh, ich habe den Brief aus deiner Beklopptenschule gelesen. Du hast es wild mit irgend so einem Kerl getrieben und dich schwängern lassen", sagte Dudley höhnisch.

„Es geht dich gar nichts an", fauchte Amelia zurück. Daran zu denken, tat viel zu weh.

„Was ist dann passiert? Hat er dich sitzen lassen als er es rausgefunden hat?"

„Du verstehst nichts aus meinem Leben, Dudley. Du bist nur ein Muggel."

„Ein was?", fragte Dudley belustigt und zeigte ihr einen Vogel. „Wohl ein bisschen zu viel Sonne abbekommen was?"

„Es hat keinen Sinn mit dir zu reden. Du hast nicht mal eine Ahnung, wovon du sprichst. Du plapperst nur nach was die anderen sagen."

„Es ist eher so, dass die anderen sagen was ich will", erwiderte Dudley stolz und verschränkte die Arme vor seiner massigen Brust.

„Weißt du was das Problem an Tyrannen ist, Dudley? Es wird immer einer kommen der sie stürzen wird", antwortete Amelia schneidend.

„Soll das eine Moralpredigt werden?", fragte Dudley höhnisch.

„Ich halte mich für einen schlechten Moralapostel, keine Sorge. Es war mehr eine Warnung", erwiderte Amelia und wollte weitergehen, doch in dem Moment begann ihr Arm zu brennen.

„Was ist das?", fragte Dudley überrascht.

Das Beltanesiegel hatte in einem dunklen Rot zu glühen begonnen. Im nächsten Augenblick hörte Amelia ein plopp vor der Haustüre. Sofort zog sie ihren Zauberstab heraus und sie spürte, wie Voldemort, in weiter Ferne, vor Zorn aufschrie und ihre Narbe zu kribbeln begann. Etwas war passiert.

„Versteck dich Dudley", sagte Amelia alarmiert und huschte zur Haustüre.

„Was…", begann Dudley und starrte mit großen Augen auf ihren Zauberstab. Amelia legte unwirsch den Finger auf die Lippen.

Sie schlich zur Tür und lauschte, konnte aber nichts Verdächtiges hören. Sie durfte nicht zaubern, aber wenn etwas geschah, könnte es sie das Leben kosten.

„Homenum revelio", dachte Amelia und der Zauber offenbarte, dass außer ihr und Dudley nur noch eine Person in der näheren Umgebung war. Sie sah durch den Briefschlitz und ihr blieb beinah das Herz stehen.

Ohne sich nochmal umzusehen, riss sie die Tür auf und rannte aus dem Haus.

„Draco!", rief sie entsetzt und viel neben ihm zu Boden.

Draco lag auf dem Rasen vor dem Haus. Sein blondes Haar war blutgetränkt und seine Kleidung zerrissen. Aus seiner Schulter ragte ein langer Eisenstab und sein Gesicht war zerflucht. Aus langen Schnittwunden überall auf seinem Körper floss unaufhaltsam Blut. Es färbte die Erde im Vorgarten der Dursleys rot.

„Was ist…", begann Dudley der in der Haustür stand.

Sie musste ihn hier sofort wegbringen. Sanft berührte sie Draco mit dem Zauberstab und als sie ihn hochhob, war er schwerelos.

Jeder Muggel der sie gesehen haben mochte, musste wissen, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Draco war alles andere als zierlich.

Sie zog eine Blutspur hinter sich her, was sie dazu anspornte nur noch schneller zu gehen.

Dudley wich entsetzt zurück.

„Ich… Ich ruf einen Krankenwagen", sagte Dudley verplant, als Amelia Draco aufs Sofa gelegt hatte.
„Finite", sagte Amelia und Draco wurde wieder so schwer wie er wirklich war.

„Du gehst in mein Zimmer und bringst mir meinen kleinen Beutel. Er liegt auf dem Schreibtisch. Sofort!", befahl Amelia und Dudley blickte sie sprachlos an.

„LOS!", schrie sie ihn an und ihre Stimme überschlug sich vor Panik.

Dudley rannte die Treppe hoch. Amelia versuchte sich zu sammeln, sie brauchte ihre Konzentration.

Sie ließ die Stange in Dracos Schulter verschwinden und zog sein Hemd aus. Auch auf dem Rücken hatte er eine lange Schnittwunde wie die in seinem Gesicht und seiner Brust.

Als Dudley wiederkam, riss sie ihm die Tasche aus der Hand. Ihre Hände waren bereits ganz blutig. Draco verlor zu viel Blut, sie musste schnell etwas machen.

Sie zog einen Kasten mit unzähligen Phiolen heraus und träufelte aus einer etwas in Dracos Rückenwunde, aus der sie die Stange entfernt hatte, bevor sie sie mit einem Klaps aus ihrem Zauberstab schloss. Madam Pomfrey sei Dank.

Dudley zog scharf die Luft ein, als er sah wie Sehnen und Fleisch sich in Sekundenschnelle zusammenfügten.

Danach machte sich Amelia an die langen schnittartigen Fluchwunden, doch ihre Zauber schienen darauf nicht zu wirken. Das Beltanesiegel auf ihrem Arm brannte unangenehm.

Sie zog andere Phiolen heraus, doch nicht mal Diptam-Essenz konnte die Blutungen stoppen.

Sie gab Draco Blut-binde-Trank, doch sein Atem war kaum noch wahrnehmbar. Er starb.

„Nein", flüsterte sie verzweifelt. Es lag nicht an ihr, der Fluch Widerstand ihrer Magie. Er war nicht dazu gedacht behandelt zu werden. Ihre Hände glänzten bereits von seinem Blut und die Phiolen rutschten ihr fast aus den Fingern. Sie musste genau wissen, was es für ein Zauber war, nur dann könnte sie ihn vielleicht brechen.

Doch Draco wurde mit jedem Augenblick schwächer und ebenso ihre Verbindung. Sie spürte kaum noch seine Präsenz.

„Draco", flüsterte Amelia verzweifelt. „Legilimens", flüsterte sie und streckte ihre Legilimentik vollkommen nach ihm aus. Sie ergriff die Reste, die noch von ihm übrig waren und zog ihn zu sich.

Die Welt aus Nebel erschien um sie und vor ihr stand Draco. Seine Umrisse waren verzerrt und doch schien er sie wahrzunehmen. Überrascht hob er den Kopf.

„Amelia?", fragte er unsicher.

„Ja, dass bin ich", antwortete sie und lächelte ihn an.

„Was… Wo bin ich?", fragte er und versuchte durch den Nebel zu schielen.

„Du bist in meinem Geist. Du wendest Okklumentik gegen mich an, ich kann nicht einfach so in dir lesen. Du musst mich einlassen, Draco."

„Warum?", fragte er unsicher. Dieser Ort schien ihn einzuschüchtern und Amelia konnte es sich nur allzu gut vorstellen. Er hatte noch nie seinen Geist vom Körper gelöst, er hatte diesen Ort noch nie betreten.

„Du bist bei mir, bei meinen Verwandten. Ich habe dich halb tot vor dem Haus gefunden. Ich habe geheilt was ich konnte, aber der eine Fluch der dich getroffen hat, ich kann ihn nicht brechen. Die Fluchstruktur ist zu komplex und er lässt sich nicht isolieren. Draco… du stirbst", sagte Amelia verzweifelt.

Draco legte den Kopf schief und sah sie nachdenklich an.

„Amelia, es tut mir leid", sagte er, als hätte er ihr gar nicht zugehört.

„Das ist jetzt egal. Mir läuft die Zeit davon. Ich muss den Fluch sehen, dann kann ich ihn mit viel Glück brechen. Bitte Draco", sagte Amelia. Am liebsten wäre sie zu ihm hingegangen, hätte ihn geschüttelt, damit er begriff, wie ernst es war. Doch sie konnte nicht zu ihm hin. Sie waren getrennt durch Okklumentik.

„Nein, Amelia. Jetzt ist genau der richtige Augenblick. Ich möchte dir nur sagen, dass ich dich liebe. Voldemort hat unseren Sohn ermordet. Das… Ich kann nicht auf Voldemorts Seite stehen…"

Er kam einen Schritt auf sie zu, doch eine unsichtbare Wand hielt ihn auf. Er fuhr mit der Hand darüber.

„Draco, ich liebe dich auch, deshalb muss ich dich retten. Ich brauche dich… Hilf mir dabei…", sagte Amelie verzweifelt.

Draco zuckte mit den Schultern, als wäre es fast nebensächlich.

„Wirst du mir verzeihen?"

„Es gibt nichts zu verzeihen, Draco. Du hast nichts falsch gemacht. Bitte hilf mir dich zu retten."

„Ich habe dich im Stich gelassen, du hättest mich gebraucht…" Er strich mit der Hand über die Barriere, die sie trennte.

„Ich verzeihe dir, Draco. Ich verzeihe dir alles, aber hilf mir!", sagte Amelia verzweifelt.

Draco legte den Kopf schief und betrachtete sie. Eine Ewigkeit wie es Amelia vorkam, doch an diesem Ort war Zeit relativ.

„Was muss ich tun?", fragte er endlich und Amelia atmete auf.
„Lass es mich sehen, zeig mir was passiert ist", forderte sie und trat ebenfalls an die unsichtbare Mauer.

„Ja…", erwiderte Draco und die Barriere schmolz…

Für Dudley mochte es nur ein Augenblick gewesen sein, in dem Amelia Draco bewegungslos angestarrt hatte, dann sprang sie auf und rannte aus dem Haus.

Im Gras lagen Caliburn und Dracos Zauberstab. Sie holte beides und rannte zurück ins Haus.

Den Zauberstab warf sie achtlos auf sein blutdurchtränktes Hemd, bevor sie sich mit Caliburn neben ihn setzte.

Das alte Blutmal auf ihrer Hand kribbelte, als sie die Waffe zu Dracos Brust führte. Das Schwert war zwar nicht so schwer, dennoch zitterte sie, als sie mit der Klinge die Zauberbanne durchschnitt. Nur etwas zu tief und sie würde Draco umbringen und etwas zu wenig und das Schwert konnte die Magie des Zaubers nicht durchtrennen. Amelia hatte das Schwert kaum zur Seite gezogen, als sich der Fluch wieder zusammenzufügen begann, doch der Moment genügte, um den Zauber zu isolieren.

Wie Wunde verschloss sich zwar nicht, aber sie hörte auf zu bluten und das war wichtig.

Das gleiche machte sie mit den Wunden, die über sein Gesicht und seinen Rücken verliefen. Sie atmete erleichtert auf, als auch diese aufhörten zu bluten.

Dracos Atmen wurde ruhiger und der Blut-binde-Trank erledigte das übrige. Amelia machte sich daran die Wunden zu schließen, doch leider gelang es ihr nicht ganz.

Dunkelrote lange Narben blieben zurück, an genau den Stellen, an denen sie den Zauber isoliert hatte. Im St. Mungo würde man dafür bestimmt eine Lösung finden.

Amelia kontrollierte nochmal alles. Der Fluch wirkte nicht mehr auf ihn, und alle Wunden hatten sich geschlossen. Sein Herzschlag war ruhig und regelmäßig.

„Enervate", sagte Amelia, doch Draco zeigte keine Reaktion darauf. Dracos Körper ging es gut, nichts sollte ihn daran hindern aufzuwachen. Vielleicht war er schwach, wegen des ganzen Blutverlustes, aber das konnte nicht das Problem sein.

Amelia drang erneut in seinen Geist ein, doch sie konnte ihn nicht richtig fassen. Er war zwar dort, aber etwas stimmte nicht. Seine Magie flackerte ungewöhnlich schwach.

Mit einem Mal wurde Amelia klar was geschehen sein musste.

Caliburn fraß Magie. Als sie das Schwert gegen Draco eingesetzt hatte, musste es seine Magie gefressen haben. Nicht alles, nur genug, um ihn zu schwächen. Wahrscheinlich genug, damit er ins Koma gefallen war. Sie brauchte etwas, um seine Magie zu reaktivieren. Der Rest würde sich von allein ergeben. Er musste nur aufwachen. Dann könnte er sich die gestohlene Magie aus seinem Schwert zurückholen.

Fieberhaft begann sie in ihrer Tasche zu kramen und schaufelte Unmengen an Büchern und Zaubertrankzutaten zutage. Dann fand sie, was sie gesucht hatte. Ein kleines Kästchen. In seinem Inneren befand sich ein grünes Amulett.

Es war Dracos letzte Hoffnung. Sie hatte es in ihrem dritten Jahr auf Hogwarts geschaffen und darin seinen Patronus eingefangen. Es war ein Teil von Dracos Magie.

Sie konnte nur hoffen, dass es genug Magie war, um ihn aus dem Koma zu holen.

Sie zog ein silbernes Messer aus einem Futteral und Schnitt sich, ohne zu zögern, die Hand auf. Dudley hinter ihr zog scharf die Luft ein.

Ihr Blut tropfte auf das Amulett und als sie es mit ihrem Zauberstab berührte, schien es, als würden sich Symbole darauf bewegen. Die Zeichen verbanden sich und mit einem krachen sprang das Amulett entzwei. Etwas Großes, Silbernes brach daraus Empor. Es fuhr in Dracos Körper zurück und er setzte sich mit einem Schrei auf.

Im ersten Moment schien er orientierungslos. Er sah sich verwirrt um und tastete nach seinem Zauberstab bis er feststellte, dass er garkeinen Umhang trug.

„Draco!" Amelia viel ihm um den Hals. Bei Merlin war sie erleichtert.

„Amelia…", Draco klang milde überrascht. Er drückte sie an sich. „Also war das doch kein Traum."

„Oh du Dummkopf, natürlich nicht. Du bist entkommen und zu den Dursleys appariert. Ich habe dich so gut es ging wieder zusammengeflickt. Was denkst du dir eigentlich dabei, genau vor dem Dunklen Lord abzuhauen."

Draco legte sein Gesicht in ihre Halsbeuge. Er atmete tief ein, als würde er versuchen herauszufinden ob das hier real war. „Wäre ich in diesem Moment nicht gegangen, wäre ich niemals gegangen. Ich konnte da nicht bleiben. Wenn du wirklich meine Gedanken gelesen hast, weißt du das."

„Ich weiß… Ich muss gestehen, ich hatte es nicht erwartet."

„Ich konnte einfach nicht, Amelia. Ich konnte einfach nicht vor diesem dreckigen Halbblut niederknien. Es sprach gegen alles, was ich bin. Es sprach gegen alles, woran ich glaube."

Amelia strich ihm über das blutige Gesicht. Ja, Draco hatte schon immer zu seinen Idealen gestanden. Er war immer treu gewesen. Treu zu seiner Familie und stolz auf seine Abstammung, fast schon überheblich und arrogant. Sie liebte ihn.

Waren sein Stolz und seine Treue zu ihr stärker als seine Loyalität gegenüber seiner Familie oder wog der Verrat seines Vaters zu schwer?

„Was ist mit deiner Familie, Draco? Was ist mit deinem Vater?"

Dracos Gesicht wurde sanft und er berührte ihr Gesicht.

„Amelia, du bist meine Familie. Jetzt mehr denn je. Es gibt eine Familie die man sich nicht aussuchen kann und es gibt eine Familie die ich wählen kann."

Seine Hand fuhr über das Beltanesiegel an ihrem Arm. Es schmerzte nichtmehr und hatte seine goldene Farbe wieder angenommen.

Draco sprach weiter und seine Stimme bebte:

„Mein Vater hat mich verraten, als er dich im Stich ließ. Ich habe mein Leben lang zu ihm aufgesehen und wollte so werden wie er. Vor zwei Jahren hat er mir das erste Mal seine Schwäche bewiesen, doch das konnte ich verzeihen. Das konnte ich ignorieren.

Doch wie soll ich einen Vater akzeptieren, der vor dem Mörder seines Enkelkindes auf dem Boden kriecht. Er ist feige, schwach, erbärmlich…" Die Verachtung war förmlich aus seiner Stimme herauszuhören. Das seine Familie dem Mörder seines Sohnes diente, war etwas was mit seiner Vorstellung von Treue nicht vereinbar war.

„Glaubst du nicht, dass du zu hart über ihn urteilst?", fragte Amelia zarghaft. Draco hatte seine Eltern immer geliebt. Sie immer bewundert. Das er jetzt so von seinem Vater sprach wog schwer.

„Ich kann ihm nicht verzeihen, Amelia. Weder ihm noch dem Dunklen Lord. Ich schwöre dir. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um unseren Sohn zu rächen. Alles..."

Amelia sah den Schmerz in seinen Augen und es war der gleiche Schmerz, den sie so mühsam zu unterdrücken versuchte. Sie beugte sich hoch und als sich ihre Lippen berührten fühlte sie sich zum ersten Mal seit jener Nacht wieder lebendig.

Sie hatte Draco zurück. Sie hatte ihr Leben zurückbekommen.

„Du bist der Kerl, der meine Cousine geschwängert hat", sagte Dudley plötzlich.

Draco und Amelia blickten sich zu ihm um. Amelia hatte ihn vollkommen vergessen. Dudley grinste und schien furchtbar stolz auf seine schlussfolgerische Meisterleistung zu sein.

Jetzt da Dudley sich der Aufmerksamkeit der anderen beiden Sicher war, begann er gemein zu grinsen.

„Weißt du, sie schreit im Schlaf immer nach dir. Sie schreit und fleht", sagte Dudley und verschränkte seine massigen Arme vor der Brust.

„Draco, Draco bitte hilf mir…Verlass mich nicht… Bitte lass mein Baby am Leben bitte... So erbärmlich…" Amelia biss sich auf die Unterlippe und ballte die Hände zu Fäusten Draco starrte Dudley nur fassungslos an. Als könnte er nicht glauben was er hörte.

„Ich an deiner Stelle würde froh sein, dass die Missgeburt, dass sie die anhängen wollte tot ist, dann bist du meine Schlampe von Cousine wenigstens los."

Das war zu viel. Wie viel Dreistigkeit Draco auch von einem Muggel ertragen konnte, Dudley hatte diese Grenze gerade um Meilen übersprungen.

Einen Augenblick später war ein unangenehmes Krachen zu hören, gefolgt von einem Wimmern.

Draco war aufgesprungen und hatte Dudley eine reingehauen. Aus seiner Nase lief Blut, doch das schien nicht genug. Draco zerrte Dudley am Kragen auf die Beine und schlug ihn gegen die Wand, sodass er auf Zehenspitzen stehen musste.

„Du wirst dich bei Amelia entschuldigen", forderte Draco mit gepresster Stimme.

Dudley versuchte sich aus dem Griff zu befreien, doch Draco schlug nur nochmal zu. Dudley spuckte Blut.

Amelia saß wie erstarrt auf dem Sofa und starrte die beiden Jungen an. Wäre diese Situation nicht so surreal gewesen, wäre sie eingeschritten.

„Entschuldige dich!", forderte Draco zornig.

Als Dudley nur schluchzte, ließ Draco ihn mit dem Kopf an die Wand knallen. Ein Bild krachte zu Boden.

„Es…. Leid", jammerte Dudley erstickt. Er zog die Nase hoch.

„Einen ganzen Satz!", forderte Draco und bevor er ihn noch einmal schlagen konnte, sagte Dudley.

„Es tut mir leid, ich werd's nie wieder tun!"

Draco schlug noch einmal zu und ließ ihn angewidert los. Dudley sank wimmernd zu Boden.

Doch kaum hatte Draco sich umgedreht, stürzte Dudley sich auf seinen Feind und verpasst ihm einen Kinnhacken. Die beiden Jungen rangen miteinander wobei Dudley schon aufgrund seiner schieren Masse überlegen war. Amelia sprang auf und hechtete zu Dracos Zauberstab.

Sie warf ihn ihm zu. „Crucio!"

Draco stand schnaufend auf und Dudley schrie aus Leibeskräften, während er sich unter dem Fluch wand. Amelia wusste was er spüren musste. Sie erinnerte sich noch zu gut an die Schmerzen die der Fluch auf ihr hinterlassen hatte. Doch als sie den ersten Schauer, den der Fluch bei ihr hinterließ, abgeschüttelt hatte, bemerkte sie diese keine Stimme in ihrem inneren. Diese Stimme, die vor Schadenfreude und Genugtuung jubilierte, während sie Draco beobachtete, der ihren gehassten Cousin folterte. Erschrocken über sich selbst schob sie diesen Gedanken beiseite.

„Aufhören", sagte sie und drückte Dracos Stab herunter. Draco hatte zu grinsen angefangen, während er den sich windenden und schreienden Muggel folterte.

„Warum denn, es fängt doch gerade erst an", sagte Draco und lachte boshaft. Amelia schenkte ihm ein verstehendes Lächeln. Sie sollte es nicht verstehen, aber sie verstand es besser als ihr lieb war.

„Ich weiß, er hat es verdient, aber denk an das Ministerium. Sie können unsere Magie zurückverfolgen, wir sind noch nicht volljährig", versuchte Amelia ihn dennoch davon abzuhalten den Muggel weiter zu foltern.

„Wie sollten sie? Wir haben die Spur schon lange verloren", sagte Draco, hörte aber auf Dudley zu foltern.

„Wie kommst du darauf?", fragte Amelia perplex.

Draco wandte sich ihr zu. „Du bist meine Frau, Amelia."

Amelia schüttelte den Kopf. „Wir sind nicht verheiratet und selbst wenn, eine Heirat hätte die Spur nicht von uns gelöst. Sie hat keine bindende magische Kraft"

Draco kam auf sie zu und fuhr mit seinem Finger das Beltanesiegel an ihren Arm. „Unsere Magie ist verschmolzen Amelia. Ich dachte du weißt was das bedeutet."

Amelia sah ihn verwirrt an und griff an ihren Oberarm.

„Schon…", sagte sie zögernd.

„Aber du weißt wohl nicht alles", sagte Draco. „Als Beltane unsere Magie verschmolz, da ist mehr geschehen als diese diffuse Verbindung, die du wahrscheinlich besser verstehst als ich. Wir sind erwachsen geworden. Unsere Magie ist nicht länger die von Kindern. Sie ist erwacht und damit ist die Spur von uns abgefallen. Ich habe dir damals gesagt, dass es eine Entscheidung ist, von der wir nichtmehr zurückkehren können. Wer einmal erwachsen geworden ist, kann nie wieder ein Kind werden", erklärte Draco und ein kurzes undeutbares Lächeln huschte über sine Züge.

„Woher weißt du das?", fragte Amelia.

„Mein Vater hat es mir erzählt, als wir über dich gesprochen haben. Meine Mutter hat sich sehr für die Gebräuche von Beltane interessiert und dieses Wissen ausgegraben. Mein Vater hat mich davon gewarnt, so etwas zu tun, auch wenn er die genauen Auswirkungen nicht kannte."

Amelia nickte. Sie hatte das alles in einem der Bücher von Narzissa entdeckt. Nachdenklich berührte sie das Siegel an Dracos Arm. Dass die Verbindung so stark sein würde, hatte sie nicht gewusst. Aber Draco hatte es gewusst… Ob da noch mehr dahintersteckte? Damals hatte sie anderes im Kopf gehabt, aber sie würde es herausfinden…

„Darf ich ihn jetzt weiter foltern?", fragte Draco erheitert und grinste schief.

„Nein", erwiderte Amelia halb verärgert halb belustigt.

Dudley war unterdessen bis zur Verandatür gerobbt. Als die Hexe und der Zauberer sich ihm nun wieder zuwandten sprang er auf und rannte weg. Dabei wäre er fast über den Liegestuhl gestolpert.

Jetzt musste auch Amelia lachen.

„Muggel", sagte Draco abfällig.

„Lass uns hochgehen. Du solltest dich dringend duschen", sagte Amelia und sah sich im Wohnzimmer um. Mit einem Wink ihres Zauberstabes verstauten sich ihre Sachen wieder in ihrer Tasche und nur noch die Blutflecke blieben übrig.

Draco sah an sich herunter.

„Vielleicht nicht die schlechteste Idee", gestand er.

„Zeig mir vorher nochmal dein Gesicht. Das du dich immer prügeln musst", schimpfte Amelia liebevoll und untersuchte die Platzwunde die Dudley ihm verpasst hatte. Bald war auch diese verschwunden.

„Meine Krankenschwester", lächelte Draco liebevoll. Zusammen gingen sie nach oben ins Bad.

Draco hatte Caliburn aufgehoben und das Schwert leuchtete in den Händen seines Herren.

„Wie viel Blut habe ich eigentlich verloren?" fragte Draco entsetzt als er sah, wie sich das rötliche Wasser in der Duschwanne sammelte.

„Viel... Ich habe dir Blut-Binde-Trank gegeben und das nicht zu knapp, sonst wärest du mir verblutet", sagte Amelia und versuchte Dracos Hemd zu flicken.

„Kein Wunder, dass ich mich so schlapp fühle. Aber ich wusste einfach nicht, wo ich sonst hinsollte. Glaubst du, dass ich nicht mal ans St.-Mungos gedacht hab?", sagte Draco ungläubig und betastete seinen Körper.

„Hätte ich wahrscheinlich auch nicht. Du kannst nur froh sein, dass ich von unseren Trainingskämpfen noch so viele Tränke übrighatte", sagte Amelia und legte das Hemd beiseite. Die Schnitte die Voldemorts Fluch mit sich gebracht hatte, ließen sich nichtmehr zusammenfügen.

„Du solltest auch duschen. Du siehst aus als hättest du gerade einen Muggel ausgeweidet", sagte Draco, als Amelia sich die blutigen Hände wusch.

„Du bist widerlich", lachte sie, zog sich aber aus.

Amelia trat zu ihm unter die Dusche und das kühle Wasser war angenehm in der Hitze.

„Es ist kaum noch etwas zu sehen", stelle Draco fest.

Sie brauchte nicht fragen was er meinte. Ihre Haut am Bauch war schon fast wieder so straff wie vor der Schwangerschaft. Madam Pomfrey hatte ihr gesagt, dass es schnell gehen würde, auch weil sie noch jung war. Sie hatte eine Creme bekommen die dem nachhalf. Nur ihre Brüste waren nach der Schwangerschaft deutlich größer als vorher und hingen nun etwas schlaff herab, nachdem die Milchproduktion wieder aufgehört hatte.

Amelia legte den Kopf an Dracos Schulter und schloss die Augen. Er verschlag seine Finger mit den ihren. Es Tat gut. Es Tat so unendlich gut bei ihm zu sein. Salzige Tränen mischten sich mit dem blutigen Duschwasser.

„Ich weiß nicht was ich ohne dich tun würde", sagte sie irgendwann. „Weist du, Draco. Ich habe versucht objektiv zu sein. Ich habe mir gesagt, dass ich einfach weitermachen muss, dass ich mein Leben weiterleben muss. Aber in Wirklichkeit habe ich nicht gelebt. Ich habe nicht gefühlt."

Draco legte seine Arme um sie.

Seine Stimme war sanft als er sprach: „Ich weiß was du meinst. Ich dachte ich tue das richtige. Aber das, was ich wirklich tun wollte, wurde mir erst klar als ich Ihm gegenüberstand. Da wurde mir klar, dass alles egal ist. Dass meine wirkliche Familie, die mich nie im Stich gelassen hat, du bist."

„Ich liebe dich", flüsterte Amelia erstickt und Draco küsste sie.

Der Kuss war sanft und liebevoll, doch nach einiger Zeit spürte sie, wie er drängender wurde, leidenschaftlicher.

„Tut mir leid", keuchte Draco als er den Kuss unterbrach. Er war hart geworden.
„Du bist echt schlimm", lachte Amelia. Es gab Dinge, die sich nie ändern würde.

„Das geht schon wieder weg", sagte er und stieg aus der Dusche. „Manchmal ist es echt scheiße ein Mann zu sein."

Amelia musste grinsen und folgte ihm, nachdem auch sie sich das Blut abgewaschen hatte.

„Verschwinden die Narben?", fragte Draco, der sich im Spiegel betrachtete.

Jetzt da das ganze Blut weg war, traten die roten Narben besonders gruselig zur Geltung. Die eine verlief von der unteren Hälfte seines Oberkörpers bis hinunter zur Hüfte, die zweite von seiner Schulter bis zur Mitte des Rückens. Die Dritte begann unter seinem rechten Wangenknochen und verlief schräg bis zu seinem Kinn. Sie sahen aus wie offene frische Schnitte, nur das kein Blut aus ihnen hervortrat.

„Ich weiß es nicht. Ich konnte den Fluch nicht brechen. Vielleicht können sie dir im St.-Mungos helfen. Du hattest wirklich Glück, dass du dich nicht zersplintert hast, als dich der Fluch traf."

„Ich hatte Glück, das ich überhaupt lebend da weggekommen bin", sagte Draco. „Ich habe ziemlich unüberlegt gehandelt."

„Da muss ich dir Recht geben", stimmte Amelia zu und trat hinter ihn.

Draco drehte sich zu ihr um und ergriff ihre Hände.

„Ich habe Glück, dass ich so eine begabte Hexe zur Freundin habe", sagte er und drückte ihre Hände.

Amelia musste schmunzeln. Draco führte ihre Hände zu seinen Lippen und küsste sie. Dann stockte er.

„Du trägst den Ring noch", stellet er fest und strich über den Verlobungsring an ihrer linken Hand.

Der Stein schimmerte in einem tiefen Blau und das Licht brach sich in seinen Facetten.

„Ich konnte ihn einfach nicht ablegen", gestand Amelia verlegen. Sie drehte den Ring zwischen den Fingern und zog ihn ab.

„Er gehört dir. Du hast ihn mir damals unter anderen Umständen gegeben", sagte Amelia zögerlich und hielt ihn ihm hin. Draco zögerte ebenfalls. Kurz hatte sie das Gefühl er würde ihn an sich nehmen, doch dann schloss er ihre Hand darum.

„Ich habe ihn dir damals gegeben, zusammen mit einem Versprechen und egal wie ungewöhnlich die Umstände waren, ich will das Versprechen nicht brechen. Ich habe es damals ernst gemeint, als ich sagte, dass du die richtige Hexe seist", sagte Draco ernst. Amelia sah hoch in seine grauen Augen und musste lächeln.

„Dann werde ich deine Frau", bestätigte sie. Damals hatte es sich komisch angefühlt, seinen Antrag anzunehmen. Heute war sie sich sicher, dass es die richtige Entscheidung war. Ihr lächeln wurde breiter.

„Du hast eine Galgenfrist von zwei Jahren", sagte sie spitz und schob den Ring wieder auf ihren Finger. „Dann gehörst du mir."

Draco grinste ebenfalls. „Zwei Jahre klingt gut", sagte er und küsste sie.

Er hielt sie fest und Amelia seufzte glücklich.

„Ich habe ganz vergessen, wie schön du bist", sagte Draco irgendwann und betrachtete sie nachdenklich im Spiegel wie sie sich umarmten.

„Du meinst, jetzt wo ich nichtmehr eine Kugel auf zwei Stelzen bin, sehe ich hübscher aus?", neckte sie ihn.

„So war das nicht gemeint", grummelte Draco.

Amelia lachte.

„Schau du mal lieber, dass du deine Narben loswirst", erwiderte sie neckend.

„Ich gehe bald ins St.-Mungos, ich weiß sowieso nicht, wie lange ich hier sicher bin", sagte Draco und Amelia stockte der Atem. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Wenn das, was Draco gesagt hatte wirklich stimmte, dann war sie bei den Dursleys nicht sicher. Der Schutzzauber lag so lange auf ihr, bis sie erwachsen war. Wenn die Spur von ihr abgefallen war… dann…

„Hast du deinen Eltern gesagt was wir getan haben?", fragte Amelia erschrocken,

„Wie getan?", fragte Draco.

„Beltane, hast du ihnen etwas gesagt."

„Nein. Sie wissen nichts", sagte Draco verwirrt über ihre Panik.

„Dieser Ort ist nichtmehr sicher, ich habe den Blutschutz nur solange ich ein Kind bin", sagte Amelia und rannte in ihr Zimmer um sich frische Kleidung zu holen. Draco folgte ihr.

„Alle denken, dass du hier geschützt bist, keiner wird dich hier angreifen", sagte er.

„Woher willst du das wissen?"

„Die Todesser waren bei uns zuhause, Amelia. Ich habe sie reden gehört. Mein Vater hat ihnen von Dumbledores Blutschutz berichtet. Solange sie glauben, dass der Schutz besteht, wird keiner es riskieren dich hier zu verletzten. Außerdem… Es gibt genug, die dich nicht unterschätzen wollen. Sie haben Angst, was du kannst."

Amelia atmete ruhiger, das bedeutete zumindest, dass jetzt keine unmittelbare Gefahr drohte.

„Dann ist es wichtig, dass niemand erfährt, wie verletzlich ich hier wirklich bin", sagte Amelia und Draco nickte.

„Hast du was Anderes zum Anziehen für mich?", fragte Draco und hob seine zerrissenen Sachen hoch.

„Deine Schulsachen sind bei Blaise. Er hat sie mitgenommen, aber er möchte nichts mit Todessern oder dem Dunklen Lord zu tun haben." Nach einem Augenblick fügte sie hinzu. „Er hat sich Sorgen um dich gemacht."

„Ich will ihn in die ganze Sache nicht mit reinziehen. Ich werde nur kurz hingehen und meine Sachen holen."

„Du solltest noch nicht apparieren. Der Trank mag zwar gut wirken, aber der ganze Blutverlust hat dich geschwächt. Außerdem, wenn dich das Ministerium erwischt, bist du dran. Selbst wenn du zaubern darfst, oder besser kannst, ohne dass sie es merken, hast du noch keine Apparierlizenz."

„Ich nehme den fahrenden Ritter. Wenn ich meine Sachen habe, gehe ich erst mal ins St.-Mungos und dann… keine Ahnung. Ich kann nicht hierbleiben. Die Todesser könnten auf die Idee kommen deinen Schutz zu testen."

„Ich komme mit", sagte Amelia, doch Draco schüttelte den Kopf.

„Das wäre Irrsinn. Der Dunkle Lord würde uns angreifen. Ich bin zu schwach zum Kämpfen und allein hast du keine Chance. Allein bin ich das Risiko sich zu offenbaren nicht wert aber du… das würde alles verändern… Er fürchtet dich."

Amelia verzog unwillig die Lippen. Leider hatte Draco recht. Sie war eine wandelnde Zielscheibe

„Wohin willst du?", fragte sie.

„Vielleicht zu meiner Tante Andromeda, mir wird schon was einfallen."

„Bevor du auf der Straße schläfst, kommst du her", sagte Amelia. „Ich sichere das Haus jetzt mit eigenen Zaubern. Vielleicht kannst du Sirius ausfindig machen. Er schuldet uns noch was. Ich muss mir auch überlegen, wohin ich soll. Hier kann ich auf lange Zeit nicht wohnen."

Draco nickte zustimmend.
„Das ist ein komisches Gefühl nichts mehr zu haben", sagte er bitter und setzte sich auf Amelias Bett.

„Auch, wenn das nur ein kleiner Trost ist, du hast mich", sagte Amelia und kramte in ihrem Schulkoffer.

Sie holte ein paar zerknitterte Anziehsachen heraus.

„Das lag noch in unserem Übungsraum. Ich habe alles eingepackt was da war."

„Danke", sagte Draco und zog sich an. Amelia musste allerdings eines ihrer Oberteile in ein Hemd verwandeln, das war nicht dabei gewesen.

„Zum Glück bist du so gut in Verwandlung", sagte Draco und betrachtete das Oberteil. Es sah nicht mehr so aus, als hätten es mal Amelia gehört.

„Ich habe noch was für dich", sagte sie und gab ihm einen schweren Beutel.

„Was ist das?"

„Der Gewinn vom Trimagischen Turnier. Du wirst es brauchen, wenn deine Eltern nichts mehr bezahlen."

„Ich fühl mich wie ein Almosenempfänger", sagte Draco und wog den Beutel. „Ich habe noch Gold bei meinen Schulsachen. Das wird noch eine Weile reichen."

„Sieh das jetzt bloß nicht als milde Gabe. Ich habe genug Gold."

Draco schien mit sich zu ringen.

„Danke", sagte er dann und verstaute das Gold in dem Beutel in dem auch Caliburn lag.

„Es ist wie in einem Traum", sagte Draco und sah sich in dem Muggelzimmer um, dass noch immer mit Dudleys ausrangierten Sachen zugestellt war.

„Ich habe mir oft überlegt was passieren würde, wenn ich einfach gehen würde, aber ich hätte nie gedacht, dass ich mutig genug dafür wäre."

„Du bist der mutigste Mann den ich kenne", sagte Amelia ernst und legte ihre Hand an seine Wange.

Dracos Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln.

„Nicht halb so mutig wie du", erwiderte er. „Mein Vater hat mir erzählt, wie du entkommen bist."

Amelia erstarrte und wandte sich von ihm ab.

„Ich habe versagt", sagte sie leise.

„Das ist Unsinn und das weißt du. Ich gebe dir keine Schuld", sagte Draco und drehte sie wieder zu sich.

„Ich habe ihn provoziert, damit er mich losbindet", sagte Amelia und begann zu zittern. Sie konnte Draco nicht in die Augen schauen.

„Wenn ich ihn nicht provoziert hätte, hätte er mich nicht so viel gefoltert und unser Sohn würde noch leben."

Draco packte Amelia an beiden Schultern und zwang sie ihn anzusehen.

„Das stimmt nicht und das weißt du", sagte Draco eindringlich. „Wenn du ihn nicht herausgefordert hättest, dann hätte er euch beide umgebracht. Dann hätte ich nicht nur meinen Sohn, sondern auch meine Frau verloren."

„Ich… ich habe ihm angeboten ihm zu dienen, wenn er Aries nur am Leben lässt. Ich hätte alles getan. Aber sein Hass und seine Angst waren stärker. Nichts konnte ihn davon abhalten mich töten zu wollen."

Amelia begann wieder zu zittern als sie an diesen Moment dachte.

„Aber vielleicht, wenn ich es nur mehr versucht hätte. Ich hätte ihm sagen können, dass in mir ein Teil seiner Seele ist. Dann er hätte er mit meinem Tod seine eigene Sterblichkeit besiegelt."

Dracos Gesicht erstarrte einen Moment, doch dann faste er sich wieder.

„Warum hast du es ihm nicht gesagt?", fragte er tonlos und Amelia liefen Tränen über die Wangen.

„Weil… weil ich dachte, dass er Aries tötet. Er hat gesagt das er Aries auf jeden Fall töten würde und nicht mal mein Angebot ihm zu dienen konnte ihn umstimmen. Ich habe diesen Hass in ihm gespürt und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ich mein Leben für das unseres Kindes eintauschen könnte. Er wollte seine Rache und das konnte ich nicht in Kauf nehmen. Ich hatte gehofft, ich könnte entkommen, selbst als Frühgeburt hätte Aries eine Chance gehabt. Aber… aber der Fluch hat ihn getötet. Das war zu viel für ein ungeborenes Baby…"

Amelia konnte nicht aufhören zu weinen. Sie sank weinend auf den Boden und Draco sank mit ihr auf die Knie. Er drückte sie an sich und streichelte durch ihre Haare.

„Ich… Du hättest nichts tun können… Er ist ein Monster. In ihm ist nichts Menschliches mehr… Er hat nicht mal verstanden, warum ich ihn so hasse, wie könnte er jemals die Zaubererwelt retten, wenn er nicht mal das versteht…" Draco vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und sie klammerten sich aneinander.

„Du hast keine Schuld, Amelia", flüsterte er erstickt.

Als Amelia zu ihm aufsah, sah sie, dass auch ihm stumme Tränen über die Wangen liefen.

„Glaubst du, dass es irgendwann aufhört weh zu tun?", fragte Amelia und schniefte.

Draco zuckte schwach mit den Schultern und drückte ihren Kopf wieder an sich.

„Ich habe dich", sagte Draco und zögerte kurz. „Hast du die Geburt gut überstanden? Also ich meine…"

Amelia wusste, woran er dachte. Er dachte an das, was mit Narzissa geschehen war. Amelia hatte die gleiche Angst gehabt.

„Mir ist nichts geschehen, ich werde wieder Kinder bekommen können, wenn du das meinst", sagte Amelia schließlich, als Draco nicht weitersprach.

„Ich wollte nur wissen…", sagte Draco man hörte, dass es ihm unangenehm war.

„Wenn das alles hier vorbei ist und wir älter sind, werden wir eine Familie haben", sagte Amelia und sie blickten sich in die Augen.

„Das werden wir", sagte Draco und zog sie mit sich aufs Bett. Sie hielten sich in den Armen und spendeten sich Trost.

Nachwort:

Ich habe hab jetzt vor einmal im Monat ein neues Kapitel hochzuladen, dann geht es stetig weiter mit der Geschichte.

Dies ist das erste Kapitel, das bis jetzt noch nicht veröffentlicht war und falls jemand die Geschichte noch von vor der Überarbeitung kennt, viel Freude damit. Es ist nicht unbedingt nötig die Überarbeitete Version nochmal zu lesen, aber es sind neue Szenen dazugekommen und andere verschwunden. Es kann passieren, dass Logikfehler auftauchen, wenn nur die alte Version bekannt ist.

Ich glaube das ist eines der kitschigsten Kapitel, die ich jemals geschrieben habe. Aber wahrscheinlich empfinde nur ich das so. Ich schreibe glaube ich auch das erste Mal aus Dracos Sicht. Keine Sorge, das wird nicht zur Gewohnheit. Aber ich empfand die Szene als zu wichtig, als das ich sie in einer Unterhaltung nacherzählen wollte. Und die Szene als Legilimentik einzubauen hätte all die Entscheidungen die Draco getroffen hat nicht offenbart.

Ohne die Geschehnisse in Band 3 hätte dieser Kampf auch nie stattgefunden. Draco hätte es schlicht und ergreifend an Mut und Selbstvertrauen gefehlt. Ich war mir sehr, sehr lange nicht sicher, ob die Geschichte diese Wendung nimmt. Aber von allen Variationen, die ich habe, gefällt mir diese am besten.