~ Flüge der Engel ~
Auf die Geste des Barons hin, teilten sich die Geister, machten den Weg frei für die kleinste unter ihnen, die den Geist mit dem traurigen Blick an ihrer Hand führte.
Von seiner anderen Hand tropfte eine langsame Blutspur auf den Boden.
Der winzige Geist sah von Hermine zu Severus zu Shriver und ihr Blick härtete sich. Beharrlich zog sie den größeren Geist nach vorne und sah dringlich zu Neville, welcher zu Poppy schwebte.
„Madam Pomfrey", flüsterte Neville.
Die Heilerin schielte hinüber zu Severus, welcher noch immer den Unsäglichen mit seinen Zauberstab bedrohte. „Severus? Da gibt es etwas, was diese Kinder – nun, Geister – also, sie waren Kinder – jedenfalls – ja…"
Das ungewöhnliche Gehaspel der Heilerin zog einen Seitenblick von Severus nach sich. Poppys Blick war bestimmt, aber ihre Haltung wirkte nervös. Severus zuckte mit seinem Kinn in Shrivers Richtung, zog Hermine ansehend eine Augenbraue hoch.
„Ich habe ihn." Hermines Stimme war ruhig, ihren Zauberstab hielt sie direkt zwischen Shrivers Augen gezielt. Der Unsägliche schielte leicht, als er sich auf die Spitze ihres Zauberstabes konzentrierte. Sie zuckte ihn leicht, teuflisch lächelnd, als sein Blick automatisch folgte und seine Haut jedes Mal schmerzliche aufflammte, wenn sie ihn bewegte.
„Spielen Sie so mit ihm, wie Sie es für angebracht halten, Professor", sagte Severus milde und wandte seine Aufmerksamkeit Poppy zu.
Mit einem kurzen Blick zu Hermine, während Poppys Mund verstimmt zuckte, deutete die Heilerin auf den kleinen Geist. „Sie scheint einen Weg gefunden haben Einfachzauber zu unterwandern."
„Das ist unmöglich", antwortete Severus rundheraus.
„Nun, ja", erwiderte Poppy, „nichtsdestotrotz." Sie drehte sich zum kleinen Geist um und fragte: „Hast du den Drachen mitgebracht, Liebes?"
Der kleine Geist deutete auf die Tür und zuckte leicht mit ihren Schultern.
„Oh, ja. Natürlich. Er ist im Flur?" Beim Nicken des kleinen Geistes ging Poppy zur Tür. „Der Schlüssel."
Severus Mundwinkel zuckten, als er an Hermine herantrat. Langsam griff er in ihr Gewand, um den Schlüssel herauszuziehen, verfolgte damit sachte Hermines Arm empor, zog in derselben Bewegung ihr Kleid hinauf, überließ ihre nackte Haut der kalten Luft.
Hermine lachte – ein Lachen gefüllt mit einem verstehenden Versprechen und einem tiefen Versprechen als Antwort – aber sie brach nicht einmal den Augenkontakt mit dem Unsäglichen.
Shriver brach in Schweiß aus und Hermines Lachen vertiefte sich, leuchtete in ihren Augen.
Severus lachte leise, tief in seiner Kehle.
Einen Moment später flog ein winziger, schwarzer Drache in das Zimmer, fiepte frustriert alleine im Flur zurückgelassen worden zu sein. Als es durch die transparente Geistermenge schoss, hinterließen seine Flügel eine Spur von Rosa in der Luft.
Ein aschfahler Billings erschien im Türrahmen, sein Blick wild, als er die Blutspur des Geistes mit dem traurigen Blick folgte. Als er sah, dass Shriver mit dem Zauberstab bedroht wurde, schüttelte er mit seinem Kopf, als ob er etwas unternehmen sollte, aber sein Blick glitt zurück zu den Blutstropfen auf dem Boden und er blieb im Türrahmen stehen, als ob man ihn dort hingepflanzt hätte.
Der Drachen pfiff, als er den kleinen Geist erblickte. Er schoss auf sie zu, wirbelte aufgeregt durch ihr Haar und landete auf ihrer Schulter, seine Flügelspitzen noch immer in den Locken ihres schwach leuchtenden Haares verfangen. Ein weiteres zufriedenes Piep, bevor er versuchte seine Flügel zu befreien.
Sie lächelte, ein kleines Lächeln, welches nicht bis zu ihren ernsten Blick aufstieg.
Severus starrte auf den Drachen und blinzelte.
Der Drachen hielt in seinen Bemühungen inne und blinzelte zurück, piepste verärgerte, raschelte mit seinen Flügeln und starrte ihn flehend an.
„Aber das kann nicht sein", sagte Severus und beugte sich vor, um ihn genauer zu betrachten.
Der kleine Geist nickte schüchtern.
„Das ist unmöglich…", hauchte er und entfernte vorsichtig ihr Haar aus seinen verfangen Flügeln.
Der winzige Drachen schnaubte, kleine Rauchwolken stiegen aus seiner Nase empor.
„Zeige ihm den Samen, Kind", sagte Poppy sanft.
Vorsichtig legte der kleine Geist den Samen in Severus Hand.
„Sie hat sich etwas auf einen Löwenzahn gewünscht, den sie irgendwo aufgetrieben hat. Irgendwie ist er durch das Schloss geflogen und…"
„Muggelgeborene?", unterbrach Severus sie und wandte sich an den kleinen Geist.
Sie nickte und schwankte leicht in der Luft. Der Drache streckte seine Flügel aus, um das Gleichgewicht zu halten.
„Irgendwie hat der Samen mich zurückgeholt", beendete Neville.
Severus runzelte die Stirn. „Die Schulleiterin hatte erwähnt, dass Sie irgendwie verschwunden waren? Was ist passiert?"
Neville nickte. „Ich kann mich an nichts erinnern, außer, dass ich Luna Lovegood vermisst habe, Sir. Ich habe sie sehr gern gehabt." Er hielt kurz inne und Severus nickte. „Der Samen ist irgendwie in mich geflogen und dann habe ich mich zurückverwandelt. Meine kleine Freundin hier hat mich darüber informiert wie lange ich, ah…" Neville suchte nach den richtigen Worten. „…verschwunden war."
„Sie haben mir den Samen gebracht, Severus, nachdem es irgendwie den zerbrochenen Drachen repariert hat. Der Samen hat eine Blutspur auf meinem Tisch hinterlassen." Poppy schielte kurz hinüber zu dem Geist mit dem traurigen Blick, aber schaute weg, als ob er etwas zu Großes, zu Umfassendes sei, um es zu verstehen. „Wer weiß, mit was es sonst noch in Kontakt gekommen war, bevor es in Longbottom geflogen war." Sie öffnete hilflos ihre Hände.
„Blut?", wiederholte Severus und wandte den Samen in seiner Hand.
Der Geist mit dem traurigen Blick öffnete seine blutende Handfläche. „Meines. Es ist durch meine Hand geflogen."
Severus Blick flog über die Handfläche des Geistes und ein Billings mit aufgerissenen Augen bewegte sich unruhig im Türrahmen.
„Wir hatten gehofft, Sir, dass Sie uns vielleicht sagen könnten, ob sich noch etwas darauf befindet? Etwas, wodurch ein gewöhnlicher Löwenzahn irgendeine Auswirkung auf Geister hat?" Neville blickte hoffnungsvoll zu Severus auf.
Dunkle Augen starrten angespannt auf den blutenden Geist, dann auf den Samen. Severus drehte erneut den Samen in seiner Hand. „Unmöglich", sagte er erneut erstaunt, aber sein Zauberstab vollführte bereits die Muster, die die meisten Zaubertrankzutaten trennen und identifizieren würden.
Kleine Lichtstränge stiegen von dem Samen auf und verformten sich augenblicklich in drei Symbole. „Blut. Tränen. Und…" Er schaute zum kleinen Geist. „Du hast dir was gewünscht?"
Sie nickte ernst und sah mit großen, hoffnungsvollen Augen zu ihm auf.
Severus verfolgte mit seinem Zauberstab eine Beschwörung murmelnd das dritte Symbol. „Hermine… könntest du dieses Symbol bitte bestätigen?"
„Könntest du es hier rüber schicken? Ohne Zauberstab oder nicht, man weiß nie, was dieser Affe hier tun würde."
Ein leichtes Zucken seines Zauberstabes und das Symbol schwebte in Hermines Sichtfeld. „Das ist das arithmantische Symbol für ‚Atem'", sagte sie und vollführte eine kreisende Bewegung mit ihrem Zauberstab und grinste, als Shrivers Blick die Bewegung ihrer Zauberstabsspitze verfolgte.
„Faszinierend", sagte Severus. Er runzelte einen Moment die Stirn, sein Blick auf den abstrakten Raum vor sich gerichtet, als er die potenzielle Bedeutung der einzelnen Teile zusammensetzte.
Poppy wartete, kaum atmend, als sie seine Gedanken erwartete.
Plötzlich flog sein Blick zu ihr. „Horace?", fragte er drängend.
Poppy nickte. „Trotz der offensichtlichen Unmöglichkeit könnte es funktionieren. Wenn, was immer sich auf dem Samen befindet, den Drachen zurückholen konnte, etwas Leben in die Überreste von Longbottoms Seele hauchen und unseren großen Freund ein Stück näher zurück an die Menschlichkeit bringen konnte – mit dem Blut – könnte es – vielleicht – funktionieren Horaces Seele von dem Horkrux zu befreien. Es schadet nicht, es zu versuchen – der Samen sollte untätig sein, aber… nun… und der Samen stammt von diesem Stängel…" Sie verstummte fragend, als sich ihre Theorie in Unwissenheit verrannte.
Ihre Blicke hielten einen Moment.
„Es scheint eine nachweisbare Resonanz in Bezug auf die Seele zu bestehen", stimmte Severus ihr flüsternd zu. Die Bedeutung, was der kleine Geist mit einem einzigen Wunsch erreicht hatte, berührte eine sprachlose, aber dennoch tiefe Seite in ihm.
„Severus…" Ein leichtes Zittern belegte Hermines Stimme und Severus hörte darin das Hallen seiner eigenen Hoffnung. „Laut den Prinzipien der begleitenden Arithmantik, sollte es funktionieren, wenn wir den elementaren Weg des Samens von dem Stängel zu Neville zurückverfolgen können. Gibt es eine besondere Wendung für begleiteten Widerhall in Zaubertränke?"
Severus' Roben raschelten, als er leicht mit den Schultern zuckte. „Dieselben Bestandteile müssen in derselben Reihenfolge hinzugefügt werden, um eine beständige Wirkung zu erzielen. Darüber hinaus, ist es eine Frage der Metaphysik."
„Mit anderen Worten, die Lehre von magischer Kinetik – oder Bewegung – oder was auch immer eine Seele belebt…", fuhr Hermine fort, während sie weiterhin Shriver bedrohte.
„Vielleicht – es ist außerordentlich dünn, selbst als eine Theorie…"
Billings fand schließlich seine Sprache wieder. „Darf ich fragen, was hier vor sich geht?"
„Nein", antworteten Severus, Poppy und Hermine einstimmig und der Baron schwebte furchteinflößend neben den Auror.
„Verschwinden Sie, oder müssen Sie so nahe bei mir schweben? Ich habe schon genug Gänsehaut von dem blutenden Kerl dort. Wenn ich es nicht muss, werde ich keinen Schritt dort hineinsetzen", murmelte er.
Der Baron driftete einen bestimmten Zentimeter zurück.
Hermine fuhr fort, als ob Billings nicht gesprochen hätte. „Severus, als du mein Fenster repariert hast, indem du nicht den Riss gefüllt, sondern indem du es hast ganz verschwinden lassen, könnte das dann nicht ähnlich funktionieren? Den Riss in Horace Seele entfernen, der eigentlich nicht dort sein sollte?" Die Hoffnung in ihrer Stimme wuchs in greifbare Nähe.
Eine leuchtende Bewegung in Severus oberflächlichen Sichtfeld, richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf den kleinen Geist. Sie schaute zum Drachen und dann zurück zu ihm.
„Hermine", begann Severus, seine Stimme klang merkwürdig hohl in seinen Ohren, „könntest du den Horkrux herbringen?"
„Jemand muss auf das hier aufpassen", sagte Hermine und stieß mit der Spitze ihres Zauberstabes auf Shrivers Nasenrücken.
Er blinzelte, sein Blick vergiftet mit Bosheit.
Eiskalte Grübchen bildeten sich, als sie ihn ansah.
Severus wollte zu ihr gehen, aber Poppy legte eine Hand auf seinen Arm. „Lassen Sie mich."
Er sah sie an und sie lächelte. „Es ist meine Pflicht, mich darum zu kümmern, dass er unserem Mädchen nicht noch mehr Schaden zufügt. Präventives Heilen."
Severus nickte. Er konnte nicht sprechen.
Und Hermine war an seiner Seite. „Was muss ich tun?" Sie sah ihn an und war überrascht, dass seine Augen glitzerten.
„Nimm Sie", sagte er blinzelnd.
Sie fing eine seiner Tränen mit einer zögernden Fingerspitze und sah ihn fragend an.
„Du kannst nicht auf Kommando weinen", flüsterte er, „wohingegen ich-"
Sie nickte, ihr Blick ruhte sanft auf seinem Gesicht. „Also… was muss ich tun?"
Er streckte seine Hand nach dem Blumenstängel aus und sie legte ihn in seine Handfläche.
„Atem. Tränen. Blut. In dieser Reihenfolge sollte unsere Theorie stimmen."
Hermine schaute hinüber zum Geist mit dem traurigen Blick. „Wenn Sie dem zustimmen?"
Er lächelte sie an und sie spürte einen Frieden in ihrer Seele. Sie lächelte zurück.
Der blutende Geist legte seine Handfläche über den Blumenstängel. Ein Tropfen Blut fiel darauf und er blickte hinüber zu Severus.
Severus nickte lediglich. „In Ordnung. Bist du bereit, Hermine?" Sie nickte. „Kleine? Würdest du?" Er hielt ihr den Samen entgegen.
Der winzige Geist schwebte näher und nahm den Samen.
Hermine lächelte sie aufmunternd zu. „Schnell, Kleine – bevor die Träne erstarrt."
Der winzige Geist schloss ihre Augen und blies den Samen von ihrer Fingerspitze.
Er flog nach oben, gefangen in ihrem Atem.
Hermine verfolgte seinen Weg und fing seinen Flug, seine Spitze stach in die Rundung von Severus Träne.
Die Oberfläche brach, die Träne tropfte von ihrer Fingerspitze.
Hermine war sich kaum bewusst, wie sich die Geister ihr näherten, als ob sie den Samen zu seinen zugedachten Platz trieben.
Der Samen wirbelte in der Luft und setzte dann zu einer trägen Landung an.
Er fiel, angetrieben und geführt von dem versammelten Atem der Geister, weiter nach unten, bis es den Blutstropfen auf der Hand des traurigen Geistes traf…
Hinunter, durch seine Hand, die Tränen eines Mannes, der niemals weinte, vermischt mit dem Blut eines Geistes, der keines besaß…
Hinunter, schloss sich die Wunde des Geistes, als der Samen fiel…
… und unsicher schwebte.
Niemand wusste, was ursprünglich seinen zufälligen Flug gestört hatte, um endlich bei Neville zu landen.
Niemand wusste, dass er, ungesehen im Korridor schwebend, ein Wirbel von Severus flatternden Gewand mitgenommen hatte, als er an ihm vorbeigegangen war.
Niemand wusste, dass, als der Samen schwebte, der Drachen von der Schulter des kleinen Geistes geflogen war, um besser sehen zu können, auf was all die anderen starrten.
Er leuchtete auf Hermines ausgestreckten Finger auf und die leicht schlagenden Flügel führten den Samen zum Blumenstängel, woher er gekommen war.
Und dann eine Pause, in der sich nicht eine Seele rührte.
Und dann ein Windstoß – der leiseste Hauch einer Böe stieg von Severus Handfläche auf und die Federn des Samens verfingen sich, stiegen auf, bereit, von oben bis unten, und die Geister des Schlosses zogen den Kreis enger, bis sie ineinander verschmolzen.
Der Samen hing am Blumenstängel und seine Federn raschelten leicht, ein endloser Wind stieg weiterhin von Severus Handfläche auf.
„Hermine", murmelte Severus.
Hermine schloss ihre Augen und hörte sich selbst flüstern. „Reparo."
Ein leises Seufzen, als sich die Geister zurückzogen, ein einziges geisterhaftes Leuchten stieg kaum sichtbar von dem Blumenstängel auf.
Die Samenhärchen schwankten leicht, streichelten die Überreste von Horace Slughorns Seele, als es nach oben flog.
Sie alle verfolgten den unsichtbaren Weg.
Nur der Drachen sah, wie der Blumenstängel in Severus Hand grün wurde. Nur der Drache sah, wie sich das Köpfchen des Samens neu bildete. Und nur der Drache sah, wie sich der eigentliche Samen veränderte.
Alleine in einer perfekten Gesamtheit von wehenden weißen Federn, errötete der ursprüngliche Samen.
In dem blassen Licht der versammelten Geister trug er genau die Farbe der Dunkelheit.
