Ihr Lieben! Danke allen, die meine erste Geschichte entdeckt haben und auch gelesen habe. *freu*
Ich habe ab und zu Zeitangaben hinzugefügt, um am Anfang einen besseren Überblick zu bekommen.
Das 1. Kapitel spielt am Samstag, die nächsten Kapitel springen ein wenig hin und her, aber irgendwann werden "eins" *zwinker*
Kapitel 2
Donnerstag zuvor
Zu Beginn der Ferien hatte Hermione nicht den Hogwarts-Express nach London genommen. Ihr Vater hatte sich nur ein paar Tage Urlaub herausnehmen können zwischen seinen zahlreichen Patienten und diese kurze Zeit wollte sie voll und ganz mit ihren Eltern genießen. Sie freute sich schon lange darauf und sehnte den Tag herbei. Deshalb hatte sie sich bei McGonagall die Genehmigung geholt, einen schnelleren Weg nach Hause nehmen zu dürfen, und wenn es eben ginge auch noch einen Tag früher als ihre Mitschüler.
Ihre Lieblingsprofessorin und Oberhaupt vom Gryffindor-Haus hatte seit dem Tod Dumbledores die Aufgabe, Hogwarts als Schulleiterin weiterzuführen. Als Stellvertreterin des ehemaligen Direktors war ihr natürlich dieses Amt übertragen worden und keiner hatte ihre Fähigkeiten angezweifelt.
Außer vielleicht Severus Snape, der Ihre Idee geradezu selbstmörderisch fand, den freien Posten in „Verteidigung gegen die dunklen Künste" einem frischgebackenen Absolventen der im 11. Jahrhundert gegründeten Londoner Merlin-Universität zu überlassen, der seiner Meinung nach lieber nochmal den Schulabschluss wiederholen sollte, als ein so wichtiges Fach zu unterrichten. Nun ja, zugegeben: Nachdem Voldemort besiegt worden war und die meisten seiner Anhänger nicht mehr in der Lage waren, irgendetwas wieder aufzubauen, war die Lösung vorrübergehend akzeptabel, vielleicht bis zum Ende des Schuljahres. Danach würde er sich erneut um die Stelle bewerben – man konnte ja nie wissen, was die Zukunft bringen würde.
Hermione, von der McGonagall wusste, dass sie zuverlässig war und bestimmt den Stoff für die nächsten Wochen schon beherrschte, bekam die Genehmigung für einen Portschlüssel, mit den Auflagen, dass dieser direkt in ihr Elternhaus führen sollte und dass dieser möglichst unauffällig sein sollte. Also kein alter Schuh oder Ähnliches, weil bei Hermione eben niemals ein alter Schuh im Zimmer herumliegen würde.
Sie hatte sich für ein schönes Lederetui für ihren Zauberstab entschieden. Mit zufriedenem Blick murmelte sie „Portus!" Keiner würde sich wundern, so etwas bei der Muggelgeborenen, zudem noch vorbildlich ordentlichen Hermione zu sehen, auch wenn sonst keiner seinen Zauberstab in eine Hülle packen würde. Außerdem erklärte sie ihren Freunden, dass sie die von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte, die ja nicht sehr vertraut mit der Zaubereiwelt waren und dass sie die Hülle zu deren Freude in den Ferien gebrauchen würde. Harry konnte die Geschichte im Gegensatz zu Ron gut nachvollziehen und verkniff sich ein lautes Lachen, um seine beste Freundin nicht vor den Kopf zu stoßen. Ron war nur ein bisschen missmutig, weil er einen Tag länger lernen musste, anstatt direkt in den Fuchsbau zurückkehren zu können. Aber er wusste, dass es nicht ungerecht entschieden worden war, denn Hermione war immer vorbildlich vorbereitet und hatte genug gelernt, um jetzt gleich die Prüfungen zu bestehen.
McGonagall war zufrieden mit Art und Form des Portschlüssels und Hermione wollte ihn gleich nach der letzten Unterrichtsstunde ausprobieren. Sie hatte den einen gewünschten Tag früher als ihre Mitschüler frei bekommen.
Am Donnerstagnachmittag hatten sie eine Doppelstunde Zaubertränke und Hermione sehnte das Ende herbei. Sie war zwar gut vorbereitet gewesen wie immer, konnte sich aber dennoch nicht konzentrieren, da sie schon in Gedanken mit ihren Eltern am dänischen Sandstrand in der Frühlingssonne spazieren ging. Aufgeschreckt von einem Poltern, sah sie Professor Snapes Gesicht vor sich auftauchen, der ihr ihr heruntergefallenes Lehrbuch der Kräuterpflanzen vor die Nase hielt. Er hatte die Augen zu schmalen Schlitzen verzogen und flüsterte ihr kaum hörbar zu, dass sie sich nach der Stunde bei ihm einzufinden hätte, um ihm das gerade durchgenommene Kapitel über die bewusstseinsverzerrende Multomagis-Animus-Pflanze auswendig vorzutragen, bevor sie anschließend mit ihm durch den Hof gehen sollte, um selbige Pflanzen zu suchen und zu vernichten.
‚Der ändert sich wohl nie' dachte Hermione bei sich. ‚Das ist doch eine Aufgabe für Drittklässler, aber doch nicht für eine erwachsene Frau'.
Sie sah sich durchaus erwachsen mit ihren 19, nein, 19 ein halb Jahren und wollte auch von allen so behandelt werden. Ihre Nervosität und die offensichtlich schadenfrohen Slytherins ignorierend, holte Hermione in aller Ruhe die Pergamentrolle mit der Erlaubnis von McGonagall aus ihrer Tasche, auf der stand, dass sie sich gleich nach Ende der letzten Unterrichtsstunde von Hogwarts entfernen dürfe. Snape schnaubte verächtlich nachdem er es gelesen hatte und versicherte ihr mit einem noch gemeineren Gesicht als sonst, dass sie nach den Ferien gleich bei ihm anzutreten hätte mit der doppelten Menge an Strafarbeiten.
Er hätte sich durchsetzen können, hatte aber im Moment so gar keine Lust, sich am vorletzten Tag vor der Ruhe mit seiner Chefin anzulegen. Er war müde und genervt, also beließ er es bei der Drohung, verschob die Strafe auf nach den Ferien und beendete gleich darauf seinen Unterricht, aber nicht ohne seinen ach so verhassten Schülern eine Hausaufgabe zu geben, die mindestens die Hälfte der Ferienzeit in Anspruch nehmen sollte.
Hermione schmiss alles in ihre Tasche ohne die übliche Sorgfalt, stopfte und presste die Bücher hinein, schmiss Dinge wieder heraus und wieder rein und hatte die Tasche endlich geschlossen. Während alle anderen schon das Kerkerlabor verlassen hatten, rannte sie erst zur Tür und schaute sich noch mal kurz um, blickte aber statt auf ihren Tisch direkt auf den Professor, der an seinem Pult vornüber gebeugt saß, den Kopf in beide Hände vergraben.
Das war ein dermaßen ungewöhnliches Bild, dass sich Hermione nicht davon abwenden konnte. Ihr Unterbewusstsein rief sofort einen Beschützerinstinkt auf, der zwar für Frauen typisch, jedoch nicht bei allen so ausgeprägt wie bei ihr in letzter Zeit. In den Monaten des Krieges hatte sich bei ihr in den wenigen, friedlichen Stunden immer mehr der Wunsch herauskristallisiert, Heilerin zu werden. Sie hatte so viele Menschen leiden und gar sterben sehen, dass sie nichts mehr wollte als all dies aus der Welt verbannen zu können, dass sie so schreckliche Szenen niemals mehr erleben musste. Sie würde in Zukunft gegen Krankheiten, Vergiftungen oder Flüche kämpfen, neue Wundermittel und neue Zaubersprüche erfinden, die die Leiden ihrer Mitmenschen schneller und besser als jetzt bekämpfen könnten. Das wollte sie mit aller Kraft.
Sie hätte fast jeden Beruf ergreifen können aufgrund ihrer hervorragenden Leistungen – nun, außer vielleicht Profi-Quidditch-Spielerin – aber sie hatte sich entschieden. Auf diesem Wege könnte sie wenigstens in der Zauberwelt ihren Eltern in die Fußstapfen treten, was sie sich so sehr gewünscht hatten. Zwar würde sie dann nicht den Rest ihres Lebens Zähne behandeln, sondern weitaus wichtigere Dinge tun, zum Beispiel Leben retten. Dazu müsste sie nur in den Prüfungen, auf jeden Fall in Zauberkunst, Zaubertränke und durchaus auch in Verteidigung gegen die dunklen Künste, ein Ohnegleichen erhalten. Danach müsste sie Madam Pomfrey überreden, bei ihr ein Praktikum machen zu dürfen. Außer im Fach Zaubertränke war sie sich eigentlich sicher, dass sie alles schaffen würde. Wäre da nicht Professor Snape, der ihr noch einen mehr oder minder großen Strich durch die Rechnung machen könnte. Gerade nach diesem Vorfall eben nahm sie sich vor, nach den Ferien besonders aufmerksam und vorbildlich eifrig zu sein.
Hermione starrte immer noch ihren Professor an. Er erinnerte sie einen ganz kurzen Moment ein wenig an diesen netten jungen Kollegen ihres Vaters, der im letzten Sommer in der Zahnarztpraxis mitgeholfen hatte. Nett war er gewesen, schwarze Haare und dunkelbraune Augen, dazu ein äußerst liebenswertes Lächeln. Nun ja, so ein Lächeln hatte sie bei Snape noch nie gesehen – aber trotzdem!
Hermione wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als Snape sich plötzlich mit einem Ruck vom Pult erhob uns sie erblickte. Wütend stieß er sich weiter hoch, dass sogar der Stuhl nach hinten kippte und polternd auf dem Boden aufkam. Er zückte so schnell den Zauberstab und kam auf Hermione zugelaufen, dass sie starr vor Schreck keine Bewegung mehr hinbekam, ob sie wollte oder nicht. In Erwartung eines wütenden, tobenden Snape senkte sie den Kopf und wich instinktiv ein wenig nach hinten aus. Aber nichts von dem, was sie erwartet hatte, geschah.
‚Das waren keine wütenden Augen', dachte sie unwillkürlich bei sich.
Nein, das konnte nicht sein – er war nie müde und schon gar nicht traurig. Aber sagten seine Augen nicht gerade das – jetzt in diesem Moment? Der Professor drehte sich ohne einen weiteren Blick um, ging zurück und hob den Stuhl auf. Dann sagte er mit leiser Stimme: „Nichts von dem haben Sie gesehen, Miss Granger, und nichts ist passiert. Gehen Sie einfach!"
Hermione rannte die Treppen hinauf, murmelte das derzeitige Passwort Canis Major, kletterte durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, stieg hinauf in den Schlafsaal und überlegte ganz außer Atem, warum sie einer weiteren Strafe entkommen war. Irgendwann müsste sie darüber nachdenken, nahm sie sich vor. Jetzt packte sie besser ihren Koffer. In die Muggelwelt konnte sie keine Truhe mitnehmen. Wer weiß, ob nicht doch etwas schief gehen konnte mit dem Portschlüssel. Dann ordnete sie ihre Schultasche, packte genug leere Pergamentrollen und Tintenfässchen ein und stellte fest, dass sie an alles gedacht hatte. Jetzt brauchte sie nur noch den Portschlüssel aktivieren und weg war sie.
‚Dänemark kann kommen', dachte sie froh.
Ah, da war er ja, ihr Zauberstab. „Und WO ist die Hülle?"
Hermione kramte in jeder Tasche und in jeder Ecke des Zimmers, konnte sie aber nicht finden. „Das gibt's doch nicht" wütete sie. „Heute Mittag hatte ich sie doch noch in der Schultasche". Schlagartig wurde es ihr bewusst: Sie hatte im Kerker so aufgebracht ihre Sachen in die Tasche geschmissen, dass das Etui irgendwie dabei herausgefallen war und jetzt noch im Klassenzimmer liegen musste.
„Oh doch nicht DA!" stöhnte Hermione. Sie wollte Snape besser nicht wieder begegnen, wo sie ihm doch gerade so glimpflich entkommen war.
‚Trotzdem, egal was kommt, ich muss da runter'.
In den Kerkern angelangt, schaute sie vorsichtig um die Ecke, dann öffnete sie so leise wie möglich die Türe und fand den Klassenraum leer.
„Merlin sei Dank" hörte sie sich laut sprechen.
Hermione hastete auf ihren Platz, fand aber nichts. Auch nichts unter dem Tisch, nichts auf dem gesamten Boden, nichts in den Regalen oder Schränken, auch nichts auf dem Lehrerpult oder darunter. Keine Zauberstabhülle, so gründlich sie auch suchte. Mit pochendem Herzen klopfte sie an Snapes Bürotür.
‚Er wird mir den Kopf abreißen', dachte sie.
Die Tür wurde passenderweise aufgerissen. Snape fixierte sie und sagte gar nichts. Am liebsten wär Hermione gleich weggelaufen, konnte aber nicht. Die Sache war zu wichtig. Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte ihn, ob er vielleicht irgendetwas im Klassenzimmer gesehen hätte, was dort nicht hingehörte. Sie wollte nichts konkretisieren, bevor sie nicht musste.
„Doch", sagte er mit einem gehässigen Grinsen im Gesicht, „es waren ungefähr 30 Dinge, die nicht in meinen Klassenraum gehörten – 30 von denen die sich Schüler nennen, die aber selbst dieser Bezeichnung nicht würdig sind", sagte Snape mit völliger Überzeugung und ohne einen winzigen Hauch von Zweifel oder Übertreibung, dafür aber mit einer sehr überzeugenden Portion Sarkasmus.
Fest davon überzeugt, dass es sich im Fall von der Granger nur um eines ihrer vielen, manchmal auch nicht erlaubten Bücher handeln musste, die sie täglich mit sich herumschleppte, fügte er hinzu:
„Falls es Ihnen hilft – ich habe Crabbe angewiesen, den Klassenraum aufzuräumen; und nun VERSCHWINDEN sie endlich!"
Das ließ sich Hermione nicht zweimal sagen. Glücklicherweise kam ihr das Duo Crabbe und Goyle entgegen, die zu ihrem Gemeinschaftsraum wollten, der ja auch in den Tiefen Hogwarts' gelegen war. Sie fasste sich ein Herz, ließ ein paar dumme Sprüche über sich ergehen und fragte nach ihrer Lederhülle. Crabbe sagte, er habe nichts gefunden und sie glaubte ihm. Erstens, weil er doof genug war, sich nicht so schnell eine Lüge einfallen lassen zu können und zweitens hätte er sie gehörig damit geärgert und sie betteln lassen, hätte er tatsächlich etwas gefunden. Hermione sah keine Gefahr darin, die Hülle zu erwähnen, dachten die zwei Würstchen in Umhängen doch nicht weiter als bis zur nächsten Mahlzeit. Es hatte sich eben nichts geändert – weder während des Krieges noch danach.
Was sollte sie nur tun? McGonagall berichten, was geschehen war?
‚Nein, dann komme ich ja nie pünktlich hier weg', dachte Hermione traurig.
So blieb ihr also nichts anderes übrig, als all ihre Sachen hinunter zu befördern und in Richtung Hogsmeade zu gehen, um apparieren zu können. „Locomotor Koffer".
Froh, dass sie alles heil mit ihrem Zauberstab balanciert hatte, kam sie vor den Toren Hogwarts' an und machte sich ein Stück auf den Weg. Ron und Harry hatten das letzte Quidditch-Training und so konnte ihr keiner ‚Auf Wiedersehen' sagen.
Das Apparieren hatten sie zwar gelernt und auch oft in den vergangenen Monaten angewandt, jedoch schlich sich immer eine leichte Unsicherheit bei Hermione ein – war es doch eine Sache des reinen Willens und der Konzentration OHNE auswendig gelernte und wissenschaftlich fundierte Methoden.
‚Na ja, ich schaff das schon, aber mit all den Sachen hier…hm…'. PLOPP – weg war sie.
Glücklicherweise hatte sie ja selten Probleme, sich zu konzentrieren und schaffte es auch deswegen direkt in ihr geliebtes hübsches Zimmer bei ihren Eltern. Sie schaute sich um. ‚Danke großer Merlin für die wirklich nützliche Idee' – Hermione hatte einen zweiten, gleich aussehenden Portschlüssel per Eule vorgeschickt, den sie nun wirklich nicht verlieren könnte und demnach war die Rückreise gesichert und weniger unsicher als ihre Anreise. Sie hatte den Portschlüssel schon so mit einem Zauber codiert, dass er sie nach den Ferien nach Hause bringen sollte, wenn sie ihn nur berührte. Der schuleigene Steinkauz hatte seine Arbeit genau genommen und das Päckchen direkt auf ihren Nachttisch fallen lassen.
Hermione rannte die Treppen herunter in das Wohnzimmer ihrer Eltern. Sie stürmte auf ihre Mutter zu, die schon den ganzen Nachmittag gewartet hatte. Ein köstlicher Duft von frisch gebackenem Kuchen kam aus der Küche, die Sonne strahlte in die Fenster und es hätte nicht schöner sein können. Sie umarmten sich innig und ließen sich auf das große alte Sofa fallen. Kurz darauf kam auch Dr. Granger nach Hause, mit einem ganz und gar nicht frühlingshaften Gesicht.
„Oh meine Kleine" sagte er und nahm seine Tochter in den Arm. „Meine Große" verbesserte er sich, als er den bösen Blick aus dem Augenwinkel mitbekam. Er seufzte und sein Gesicht zeigte alles andere als Wiedersehensfreude.
Seine Frau kannte ihn zu gut, um nicht mitzubekommen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
„Was ist los?", fragte sie.
„Das Timing könnte nicht schlechter sein", antwortete er. „Wir haben eine Einladung zu einem der wichtigsten Symposien der Zahnmedizin erhalten. Ich hätte auch nie damit gerechnet, aber so eine Ehre wird einem nur selten zu Teil. Wir sollten hin. Dieses Jahr findet es in Deutschland statt und morgen früh könnten wir den nächsten Flug nach Berlin bekommen. Oh Mine, es tut mir so leid."
Betretenes Schweigen erfüllte den Raum und die Traurigkeit in Hermiones Gesicht schien sich mit jedem Wort noch weiter ausbreiten zu können.
‚Sei ein erwachsenes kluges Mädchen' überredete sie sich im Stillen.
‚Wenn du jetzt losschreist werden sie dich niemals als ein solches behandeln.'
„Ok, wenn's nicht anders geht müsst ihr eben fliegen, ich komme schon klar hier. Außerdem könnte ich Großmutter nochmal einen Besuch abstatten, sie vermisst mich doch schon so sehr."
‚Auf einem Besen könnt ihr fliegen', murmelte sie noch tonlos hinterher.
„Ich verspreche dir, wir holen den Urlaub nach. Es dauert doch nicht mehr lange und es sind Sommerferien – versprochen", hörte sie ihren Vater sagen.
Das Kuchenessen brachten sie schweigend hinter sich, nur der Blick von Hermiones Mutter zu ihrem Ehemann sprach Bände. Wie konnte er nur über ihren Kopf entscheiden. Nun ja, er hatte Recht, Chancen sollte man nicht verpassen und sie kannte ihre Tochter gut. Insgeheim würde Hermione es verstehen. Mein Gott, war sie erwachsen geworden im letzten Jahr, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Sie hatte Stärke, Mut und Reife bewiesen. Es konnte gar nicht mehr lange dauern, dass sie den Wunsch verkündete, von zu Hause auszuziehen und mit irgendeinem neuen, plötzlich aufgetauchten Freund ihr Leben zu genießen. Hermiones Mutter drehte sich der Magen um bei diesen Gedanken. Sie würde sie überreden müssen, wenigstens in der Nähe das Heiler-Studium aufzunehmen. London hatte eine der besten Zauberei-Universitäten und das St. Mungo-Hospital war führend auf dem Gebiet.
‚Sieh nicht immer alles so schwarz', ermahnte sie sich.
Hermione versuchte zu lächeln, damit sie den ersten und letzten Abend noch gemeinsam genießen konnten. Sie hatte nicht vor, nach Hogwarts zurückzukehren. Keiner ihrer besten Freunde war da, denn Ron und Ginny hatten natürlich Harry zu sich in den Fuchsbau eingeladen, wohlwissend, dass Hermione in Dänemark weilte. Sie wollte ihnen nicht in die Quere kommen. Jeder brauchte mal Ruhe, und so beschloss sie, die knappen zwei Wochen in ihrem Elternhaus zu verbringen, ihre Großmutter zu besuchen und sich um deren Hund zu kümmern. Bei diesem Gedanken sah sich Hermione schon, wie sie mit dem gutmütigem Golden Retriever über die Wiese tollte und ihm noch mehr Tricks beibrachte, als er ohnehin schon konnte. Tiere liebte sie ja sowieso über alles, und das war eine gute Gelegenheit, nochmal auf andere Gedanken zu kommen.
Freitag
Am nächsten Morgen verabschiedete sie sich von ihren Eltern am Heathrow Airport. Als sie das Flugzeug nicht mehr in der Ferne sehen konnte, suchte sie sich einen uneinsehbaren Platz und apparierte zurück nach Hause. Wie gut, dass sie volljährig war und Zauberei auch außerhalb von Hogwarts gebrauchen durfte.
‚Was mach ich bloß jetzt?', fragte sie sich stumm.
‚Hab ich etwa gerade gedacht Hausaufgaben kann ich später machen? Hermione, wer bist du und was macht dich so kirre? '
Zum Auspacken hatte sie auch keine Lust. Hätte sie doch Krummbein mitgebracht – wenn auch gegen seinen Willen. Aber wenigstens wäre sie nicht allein. Er zog es vor, nicht in die extra gezauberte rote Plüschtasche hineinzukriechen, wie sein Frauchen es wollte. Er hatte es vorgezogen, laut zu maunzen und den Weg Richtung Waldrand einzuschlagen, um ein paar besonders leckere Mäuse einzufangen. Hermione wusste, dass er allein zurecht käme und ließ ihn gewähren.
Dem Geruch nachgehend, der noch immer vom gestrigen Kuchenbacken in der Luft hing, schnitt sich Hermione ein extra großes Stück von dem Apfel-Karotten-Kuchen ab.
„Ein schöner Schokoladenüberzug wäre nicht schlecht", nuschelte sie mit vollem Mund vor sich hin.
Den hatte es seit sie denken konnte nicht gegeben. In einer Zahnärzte-Küche waren solche Dinge wie von einem anderen Planeten.
„Die Elfen haben uns viel zu viel verwöhnt".
Grinsend schlenderte Hermione durch die Zimmer und genoss die Details der vertrauten, heimeligen Umgebung. Das alte Haus gab ihr Geborgenheit und Wärme. Sie liebte die alten Möbelstücke ihrer Urgroßeltern mit den kunstvoll gearbeiteten Mustern. So eines hatte sie auch dazu inspiriert, ein ähnliches auf die Zauberstabhülle zu malen. Es war zwar nicht nötig gewesen, da deren Existenz sowieso nicht von Dauer war, aber sie war so eben viel schöner.
Hermione stieg die knarrenden Stufen hinauf und ging in ihr Zimmer. Als sie sich auf ihr Bett legte, dachte sie an ihre Freunde, die jetzt in Hogwarts saßen und Professor Binns' unendlich gedehnten Vorträgen über einen der Koboldkriege lauschten, mit dem oft vergeblichen Versuch, nicht einzuschlafen. Sie konnte sich seine Stimme gut vorstellen und fing tatsächlich auch an, schläfrig zu werden.
‚Hermione, du hast Ferien, also denk auch nicht immer an die Schule'.
Irgendetwas fehlte ihr, konnte den Gedanken aber nicht richtig fassen.
Das Zimmer sah nicht mehr aus wie in ihrer Kindheit – natürlich nicht. Nachdem der Krieg vorbei war und sie sich alle zu Hause eine Zeit der Erholung gönnten, hatte sie im letzten Spätsommer ihr Reich ein wenig verändert, um es ihrem Alter anzupassen – eine längst überfällige Aktion, zu der sie irgendwie nie Zeit gehabt hatte. Zugegeben, mit ein, zwei oder mehreren Zaubersprüchen war es eine leichte Sache gewesen. Die vorher hellgrünen Wände mit aufgeklebten Marienkäfern hatte sie durch einen schlichten, ganz blassroséfarbenen Anstrich ersetzt. Das geliebte Hochbett war einem schicken großen Bett gewichen, das mit seinen verzierten, antikweißen Metallranken wie aus einer anderen Zeit kommend aussah. Die zarten hellen Vorhänge schwebten vor und zurück durch die sanfte Brise, die durch das halb offene Fenster wehte.
‚Ein viel zu schöner Tag, um einfach hier rumzuliegen!'
Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte Hermione die Treppe wieder hinunter und lief in das angrenzende Büro ihrer Eltern. Gleich daneben befanden sich die angebauten Praxisräume. Sie setzte sich auf den edlen Lederdrehstuhl am Schreibtisch und griff kichernd zum Telefon. Mr. Weasley wäre sicher hellauf begeistert, wenn er diesen Apparat mal benutzen dürfte. Laut lachend betrachtete sie das Bild, dass in ihrem Kopf entstand. Arthur Weasley, der Ministeriums-Beamte, mit dem Telefonhörer in der Hand, nicht wissend was zu tun, mit den vielen Knöpfen spielend, aufjuchzend wie ein Kind, wenn einer davon anfing zu blinken. Automatisch tippte sie die Nummer ihrer Großmutter ein. Mit einer plötzlich viel jünger klingenden Stimme hatte sie ihrer Enkelin fast befohlen, sich sofort zu ihr begeben.
Hermione machte sich zu Fuß auf den Weg, denn sie brauchte nur eine knappe Viertelstunde, um in das angrenzende Stadtviertel zu kommen. Die Frühlingssonne tat so gut, ihre Locken wehten im Wind und sie fühlte sich wieder so leicht wie früher, bevor alles schrecklich, dunkel und tödlich geworden war. Nur langsam würde sie und die vielen anderen wieder in ihr altes Leben zurückfinden, wenn es überhaupt noch mal so werden würde, wie vor Voldemort. Ihre Großmutter und ihre Eltern wussten von alldem glücklicherweise nur die groben Ereignisse. Es war auch besser so.
Ihren Gedanken nachhängend stand Hermione schneller als erwartet vor dem kleinen Haus ihrer Oma. Ein wenig war von der Leichtigkeit verschwunden, wusste sie doch, dass Freitagnachmittag der Zeitpunkt war, an dem sich das Bridge-Kränzchen zum Tee traf. Mit einem schiefen Grinsen, gepaart mit einer ehrlichen Freude, klingelte sie an der Tür.
Abends hätte Hermione eigentlich wieder nach Hause gewollt, um ihrer Großmutter nicht so viele Umstände zu bereiten, aber die bestand darauf, dass sie noch länger blieb. Da es spät geworden war, übernachtete sie dort.
Samstag
Sie kehrte erst am späten Samstagvormittag zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Dann fiel ihr ein, dass außer einem Rest Kuchen und ein paar Konserven nichts Essbares im Haus war, weil ihre Eltern vor dem geplanten Urlaub alles Verderbliche verwertet hatten.
Das winzig kleine schlechte Gewissen konnte sie gut ignorieren als sie beschloss, zu Großmutter zurückzukehren um mit ihr das Wochenende oder noch etwas mehr Zeit zu verbringen. Sie würde es lieben, ihre kleine Mine noch mal so richtig verwöhnen zu können. Sie stieg in ihr Zimmer hinauf, um noch ein paar Sachen zusammenzusuchen. Dann blickte sie sich nochmal um, wie sie es immer machte, und stutzte:
‚Seltsam…ich hatte gestern doch die Bettdecke wieder glattgezogen und die Zauberstabhülle natürlich NICHT berührt und heruntergeschmissen – da wär ich ja schön doof, und ich wär jetzt in Hogwarts!'
Mit einem Schwebezauber dirigierte sie den Portschlüssel in eine Schublade ihrer Kommode, wo er sicher lag und nicht aus Versehen berührt werden konnte.
Ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen verließ Hermione das Haus und ging zurück zu Großmutter, wo sich Emma, die Hündin, wahrscheinlich schon auf viele Extraportionen an Streicheleinheiten freute. Ein paar Pärchen schlenderten auf den Straßen herum und Hermione dachte bei sich, dass von ihr aus durchaus noch Streicheleinheiten für jemand anderen übrig wären.
‚Ach ja, es könnte so schön sein…hätte Dad fragen sollen ob dieser nette Assistenzarzt noch in der Nähe wohnt...'.
Sie stellte sich vor, wie sie Hand in Hand durch den kleinen Park schlenderten, an dem sie gerade vorbeikam. Nein, irgendetwas an diesem Bild stimmte nicht. Ihre Welt war eine andere. Nicht, dass sie sich nicht wohl fühlte bei ihren Eltern, aber Hogwarts war mehr und mehr ihr Zuhause geworden, erst recht nach den schlimmen Ereignissen der letzten anderthalb Jahre. Alles hatte die Menschen mehr zusammengeschweißt, sie waren sich nähergekommen, man passte mehr aufeinander auf, nahm mehr Rücksicht auf die Gefühle, kümmerte sich umeinander.
Abrupt blieb Hermione stehen. Snape! Vor ihr.
Er saß wieder an seinem Pult, den Kopf in seine Hände gestützt, der so ungewohnte Blick.
‚Hä? Hermione bist du noch ganz dicht? Vermisst du das Lernen oder woher kommt der Spuk in deinem Kopf? Sicher hab ich mich nur ver-sehen…jeder guckt mal komisch, vor allem der'.
Harry würde sie für komplett übergeschnappt halten, dass sie so von ihrem, nein, eher nur seinem Erzfeind dachte. Immerhin hatte er bis zuletzt auf ihrer Seite gekämpft und mit seiner Mitgliedschaft im Orden des Phönix viel riskiert, sogar sein eigenes Leben. Stimmt schon, sie hatten nie wirklich viel Sympathie für den Zaubertränke-Professor aufbringen können, aber ihr wurde langsam bewusst, dass er auch nur ein Mensch war.
‚Tolle Erkenntnis, wirklich – du bist ein echt kluges Mädchen, Hermione.'
Jetzt, wo ihre Eltern weg waren und sie im Prinzip auch allein, wurde ihr klar, wie einsam ihr Lehrer doch sein musste.
‚Ach was, der fehlt doch immer gerne bei gemeinsamen Essen, bei Festen und liebt seinen Kerker – und lässt nicht eine Gelegenheit aus, sich keine Freunde zu machen – selbst schuld, Professor Snape!…
…Mit der Traurigkeit anstelle der Zornesfalten im Gesicht sieht er viel jünger aus…
…geh aus der Sonne, jetzt, sofort, sonst nimmt dein Kopf noch mehr Schaden als er scheinbar schon bekommen hat!'
Hermione rieb sich die Schläfen und ging weiter. Damit hatte sie aber Snape nicht ganz aus dem Kopf verbannt.
Sonntag
Am nächsten Morgen – es war mittlerweile Sonntag – hingen dunkle Wolken am Himmel. Das Wetter hatte sich über Nacht geändert. Aprilwetter eben. Sah auch mehr nach England und Schottland aus draußen. Nach dem Frühstück überraschte Großmutter sie mit zwei Karten für die Oper. Hermione war zwar einmal als Kind dort gewesen, konnte sich aber kaum noch daran erinnern, außer an märchenhafte Kleider, glitzernden Ketten und riesigen Kronleuchtern. Sie war aufgeregt. Das steigerte sich ins Unermessliche, als ihr einfiel, dass sie nichts, aber auch wirklich nichts Richtiges zum Anziehen hatte. Die ältere, aber überaus junggebliebene Dame beobachtete sie schmunzelnd, denn sie hatte längst für Abhilfe gesorgt…
tbc
