Kapitel 6

Dienstag

Dicke Regentropfen schlugen ans Fenster, als der Morgen hereinbrach. Der April zeigte sich nun von seiner schlechtesten Seite und entschied, kräftigen Wind durch die Bäume zu jagen. Die zarten Frühlingsblumen, die noch vor ein paar Tagen so strahlend ihre bunten Köpfchen in die Sonne gereckt hatten, kämpften im Garten um ihr kurzes Leben.

Hinter den Mauern des Hauses fand ebenfalls ein Kampf statt. Nicht auf Leben und Tod, aber ein Kampf, der für Severus Snape nicht hätte schwieriger sein können – der gegen sich selbst. Der Sturm hatte ihn geweckt und er fühlte sofort, dass ihn die Krankheit fest im Griff hatte. Er war schweißnass gebadet von der Nacht und sehnte sich nach einer Dusche. Als er aufstehen wollte, fiel sein Blick auf eine schlafende Hermione. Sie hatte sich den riesigen Sessel, fast eine halbe Couch, ans Bett geschoben.

Ihm war es peinlich, dass sie wohl die ganze Nacht in seiner Nähe gewesen war und ihn so gesehen hatte. Wieder. Sie hatte sich eine dicke Fleecejacke über die Schultern gehängt und die Wolldecke war halb auf den Boden gerutscht. Er hob sie auf und versuchte dann, die Jacke wenigstens zuzumachen. (‚Wieso können Muggel keine Knöpfe nehmen, verdammt.')

Sie sah so anders aus mit dem glatten Haar…ihre Gesichtszüge kamen dadurch besser zur Geltung und sie sah so…weiblich aus.

Gerade streckte er die Hand nach ihr aus um ihr über die Wange zu streichen, als ein lautes Klingeln das Haus erfüllte. Sie riss die Augen auf...

„Professor? …Ooh, das Telefon, ich…ich lauf schnell runter."

Er war wohl nicht schnell genug zurückgewichen, aber er würde gleich erklären, dass er auch gerade aufgestanden war und an ihr hätte vorbeigehen müssen.

‚Telefon? – Ach ja, aber Eulen sind doch viel zuverlässiger…Muggel…!'

Er nutzte die Gelegenheit und ging Richtung Bad. Ohne es zu wollen verharrte er im Flur – er musste sowieso stehen bleiben, weil ihm schwindelig war – und hörte Hermione sprechen, wenn auch nur Bruchstücke:

„…ja, ja…es tut mir ja leid, aber ich bin ja nicht absichtlich krank geworden…nicht anstecken…nicht gut…nein ich habe alles danke… kurze Zeit nach Hogwarts…verspreche ich...ja, machen uns einen wunderschönen Tag dann. Ja,…danke, ich hab dich auch lieb…danke…fürs Wochenende…"

Das war genug. So schnell wie möglich würde er seine Sachen zusammenpacken und hier verschwinden…aber die Dusche musste noch sein.

Er suchte Hemd und Hose und wühlte im Schrank herum, um den Portschlüssel zu finden. Apparieren hatte er abgehakt, denn wenn er es versuchte, erschien immer das Bild von der schlafenden Hermione vor seinem Auge.


„Professor Snape? Können sie herunterkommen? Ich hab Frühstück gemacht…nur wenn's geht…Haben sie gesehen, ich hab ihnen frische Kleidung hingelegt…auf dem Stuhl."

Nein, hatte er nicht gesehen und war ihm auch egal. Doch sein schlechtes Gewissen redete ihm ein, dass er hinuntergehen müsse. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte ihn auf halber Treppe und fluchte, weil er die Taschentücher vergessen hatte. Er holte sie und zog sich bei der Gelegenheit auch gleich die frischen Sachen an – war doch angenehmer als seine Kleidung. Schließlich waren keine diskreten Hauselfen hier gewesen und hatten sie gewaschen.

Unten angekommen ließ er sich auf einen Stuhl in der Küche fallen, so sehr hatte ihn der Weg geschafft. (‚Ich hasse es wenn andere Recht haben.') Dennoch fragte er sie:

„Miss Granger, wären sie so freundlich mir ihren Portschlüssel zu leihen? Ich möchte gehen."

Wie bitte?"

Er räusperte sich. „Ich vergaß: Entschuldigung – und danke."

„Nein, das meinte ich nicht. Sie sollten sich gerade selbst sehen können. Das lasse ich nicht zu, nicht in diesem Zustand."

„Sie können keinen Lehrer gegen seinen Willen festhalten."

„Im Moment sind sie aber keiner, sondern ein Mensch – mal zur Abwechslung – und mein Patient. Außerdem sind Ferien und sie haben keinerlei Verpflichtungen. Wenn sie sich jetzt nicht auskurieren wird es sie im Schulalltag wieder einholen – und sie wollen doch sicher keine einzige Gelegenheit versäumen, ihre Schüler zu quälen, oder täusche ich mich da? – Verschleppte Krankheiten können sehr ernst werden, das kann ich ihnen versprechen… Nun, ich habe ihnen Kräutertee gemacht, Orangensaft wegen der Vitamine, frisches Obst geschnitten und noch einiges andere eingekauft. Sie können wählen und dann wieder ins Bett gehen."

Wie er sie – zur Genüge und zu seinem Leidwesen – kannte, hatte sie bei ihrem Vortrag kaum Luft geholt. Ihre Miene hatte leicht lehrerhafte Züge angenommen und die Logik in ihren Sätzen war nicht von der Hand zu weisen. Natürlich gab er es nicht zu und grummelte vor sich hin. Als er sagte, er wolle nichts und würde auch nichts nehmen, stand sie auf und hielt ihm den Tee unter die Nase.

„Trinken sie – jetzt!"

Verblüfft nahm er die Tasse, verzog angewidert das Gesicht, aber trank. Wie das gut tat. War nicht die Nase ein klein bisschen freier geworden? Das frische Obst tat auch wirklich gut, stellte er nach ein paar kleinen Bissen fest. Nur mehr ging beim besten Willen nicht. Der Hals brannte, als hätte er eine Flamme verschluckt und andauernd brauchte er ein Taschentuch. Längst hatte sie den Tisch abgeräumt und füllte die Spülmaschine.

„Können Muggel doch mittlerweile zaubern?", fragte er.

In seiner Kindheit war er in einem Muggelelternhaus aufgewachsen. Sein Vater duldete keine Zauberei. Er wurde regelrecht bösartig, wenn seine Mutter sich die Arbeit mit dem ein oder anderen einfachen Zauberspruch ein bisschen einfacher machen wollte. Seitdem hatte sich viel getan und viel war erfunden worden. Er hatte zwar Muggel und Muggelhäuser hin und wieder besucht oder besuchen müssen, nur mit solchen banalen Dingen hatte er sich natürlich nie beschäftigt.

„Sie sind nur erfindungsreich.", erwiderte sie und deutete mit der Hand auf die Spülmaschine und den Wasserkocher.

„Wissen sie, meistens habe ich in den Ferien Lust, mal keine Zauberei zu benutzen. Es ist dann fast wie früher. Naja, nur manchmal tue ich es doch weil es schneller geht. Irgendwie macht mir das hier Spaß. Vor einiger Zeit hab ich mein Zimmer komplett umgestaltet – gefällt es ihnen?"

Er verzog das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse.

„Nun, ich will ihnen ja nichts unterstellen, deshalb führe ich den Ausdruck jetzt mal auf ihren Gesundheitszustand zurück", verteidigte sie sich.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich einen Übernachtungsgast bekomme, sonst hätte ich vorher noch alles hergerichtet…wäre ja nur ein Schlenker mit dem Zauberstab gewesen, um alles in dunkelschwarz zu verwandeln. Wie halten sie das bloß aus? Schauen sie doch mal aus dem Fenster – naja, heute nicht, aber sonst ist alles so schön bunt und hell und…und so."

„Miss Granger, dieses Gespräch hat wirklich eine anstrengende Wendung genommen, finden sie nicht?", hustete er. „Obwohl nur sie die ganze Zeit reden empfindet man es so…und woher wollen sie eigentlich wissen wie es bei mir aussieht?"

„Hmm, es war irgendwie…naheliegend, finden sie nicht?", konterte sie. „Nicht?"...

Er schwieg. Es war das Beste, was er in dieser Situation machen konnte. Außerdem bekam er kaum Luft beim Sprechen.

„Professor McGonagall hat uns Gryffindors mal zu sich eingeladen, sie hat ein wirklich schönes Wohnzimmer – ok, vielleicht ein wenig zu viel von dem rot-grün-karierten Schottenmuster, aber trotzdem. Warum tun sie das nicht auch mal? Vielleicht würden wir sie besser verstehen. Man könnte sich unterhalten, würde sich kennenlernen und vielleicht nicht ganz so ängstlich in den Unterricht gehen."

Snape stöhnte und wollte ihr allerlei an den Kopf werfen, hatte aber irgendwie die Ahnung, dass sie all seine boshaften Argumente schon kannte.

„Legen sie sich noch etwas hin, Professor."

„Nein, werde ich nicht. Davon tut mir auch schon alles weh und ich bekomme noch schlechter Luft."

Insgeheim wollte er, wenn es ihn auch viel Kraft kostete, lieber dort sitzenbleiben und ihr zusehen. Das war beinahe spannender und reizender als einen neuen Trank auszuprobieren.

„Oook, dann setzen sie sich doch ins Wohnzimmer in den Sessel, Beine auf den Hocker. Mögen sie ein bisschen Fernsehen?"

„Fernsehen?"

„Gehen sie, ich mache ihn an, wir finden schon was Passendes."

Er folgte ihr und nahm in dem äußerst bequemen Sessel Platz. Erstaunt beobachtete er sie, als sie flugs den restlichen Tee, den Saft und die Taschentücher in seiner Nähe platzierte, ihm eine Decke reichte und den Hocker zurechtrückte.

Hermione nahm die Fernbedienung und zappte durch die Kanäle.

„Haben Muggel auch Zauberstäbe?", fragte er.

Natürlich wusste er, dass dem nicht so war, aber fragte trotzdem. Er hatte zwar schon Fernseher gekannt, sie hatten nur nie einen besessen, weil sein Vater das Geld für andere Zwecke gebraucht hatte. Es war eine traurige Zeit gewesen, die unterbewusst sehr an ihm nagte.

„Das ist nur die Fernbedienung, Professor, dann braucht man nicht immer aufzustehen um das Programm zu wechseln."

Sie fand Englands beliebtesten Fernsehkoch auf Kanal 7 und dachte, es sei genau das Richtige für ihren Lehrer, der doch auch so gerne Sachen mischte und zusammenbraute. Außerdem nicht zu anstrengend oder zu fremd.

„Was für einen Trank braut der denn da?", fragte Snape ungläubig.

„Naja, bevor er mit dem Menü anfängt stellt er in jeder Sendung einen neuen Cocktail-Drink vor, zeigt, wie man ihn mixt, welche Zutaten man braucht und stellt ihn dann schon mal kalt. Meine Mom sieht sich die Sendung gerne an."

„Aha?"

Sex on the beach", murmelte sie Richtung Fernseher.

Was haben sie gesagt? Zügeln sie ihre Zunge und behalten ihre Gedanken für sich. Finden sie es nicht ein wenig unangemessen, solche Dinge in den Mund zu nehmen – vor ihrem Professor?", sagte er entrüstet. Er nahm die Tasse und trank einen Schluck Tee.

Hermione holte tief Luft: „Tatsächlich,…Professor,…habe ich ihn schon mal in den Mund genommen. Er schmeckt ziemlich gut."

Snape konnte den Tee nur noch im hohen Bogen ausprusten, sonst wäre er wahrscheinlich erstickt. In seinem Hustenanfall konnte er nur noch „WEN?..." herausbringen.

„Den Cock-tail, Pro-fes-sor!"

„Das ist der Name des Tranks?", fragte er ungläubig und bereute es sofort, den Kopf hin und her geschüttelt zu haben. „Verrückte Muggel…"

Hermione drückte ihm die Fernbedienung in die Hand und zeigte ihm ein paar Tasten.

„Wissen sie was, Professor, schauen sie, so kann man umschalten, sie müssen nur hier drücken. Ich werde in der Zeit noch etwas aufräumen."


Als Hermione den Tisch abgeputzt hatte, suchte sie Snapes Kleidung zusammen und steckte sie in die Waschmaschine. Abwechselnd hörte man Schimpfen, Husten und Lachen aus dem Wohnzimmer, das dermaßen ungewöhnlich war, dass sie nicht anderes konnte und sich leise an den Türrahmen zum Wohnzimmer stellte. Ihr bot sich das seit langem beste Programm überhaupt.

Auf dem Sportkanal wurde die Schwimm-Weltmeisterschaft übertragen und er regte sich über deren Dummheit auf, nicht Diantuskraut genommen zu haben anstatt die Luft ständig anzuhalten. („Selbst Potter hat daran gedacht!") Dann kam eine Daily Soap, in der sich ein Paar gegenübersaß, wo der Mann seiner Angebeteten gerade „ich liebe dich, aber sage mir was du denkst" zuhauchte – daraufhin schniefte Snape Richtung Fernseher: „Wenn du zu dämlich bist, Legilimentik einzusetzen, bist du selbst schuld."

Hermione grinste und wollte zurück an die Arbeit, als er plötzlich schrie:

"Miss Granger, ich brauche eine Eule. Sofort. Das Ministerium muss über so einen unterrichtet werden. Machen sie schon."

Sie kam angelaufen und er hatte sich immer noch nicht beruhigt.

„Er ist mir zwar unbekannt, aber diesem Treiben muss ein Ende gesetzt werden. Er verrät unsere Welt, wenn auch zwar mit unglaublich leichten und schlecht gemachten Zaubern, aber trotzdem."

„Ach Professor, das meinen sie. Das ist David Copperfield. Ein Muggel, der vortäuscht, zaubern zu können. Kennen sie ihn nicht? Ach nein, wie auch."

„Ist das schlecht", erwiderte er matt. „Und mir ist schlecht. Geben sie mir doch den Portschlüssel, Granger."

„Professor, so lasse ich sie nicht gehen. Vorher messe ich nochmal Fieber. Ist es denn sooo schlimm hier?", antwortete Hermione entrüstet.

Sie nahm das Fieberthermometer in die Hand, das sie ihm gleich wieder einmal in den Mund gesteckt hatte.

„Hier, sehen sie, noch 39,1° Grad, legen sie sich hin!"

„Ich bin hier bei ihnen, verstehen sie das nicht? Ich kann für mich allein sorgen entgegen ihrer Meinung, ich könne es nicht. Das ist eine Unterstellung und eine unakzeptable Anmaßung, was sie sich da erlauben."

Gleichzeitig gab ihm sein Unterbewusstsein wieder zu verstehen, dass er sich so wohl fühlte hier, so geborgen, so gelie... – ...‚NEIN, Schluss damit!'.

„Eine Anmaßung? Dann, dann eben… der Portschlüssel ist in der Kommode. Ich hatte ihn weggeräumt damit er nicht verloren geht. Dann verschwinden sie in ihren gemütlichen Kerker, zu all denen, die sich gerne um sie kümmern", schrie ihn Hermione an und verschwand in den Keller, nicht ohne die Tür ordentlich zugeknallt zu haben.

Er hatte zwar auf einen erneuten Vortrag gewartet, aber nicht damit gerechnet. Trotzdem, er musste einfach gehen.

Langsam stieg er zum letzten mal die Stufen hinauf, zog die Schublade der Kommode auf und berührte die lederne Hülle. Seine Sachen würde sie ihm mit Sicherheit nach den Ferien zurückbringen.

Der Sog packte ihn und Severus Snape war weg.

tbc