Kapitel 9
*Loverboy: „Working For The Weekend"*
Das Einkaufszentrum war nicht besonders groß, bot aber die wichtigsten Geschäfte für den Alltag und ein paar Besonderheiten. Das Wichtigste für Hermione im Hinblick auf ihren Patienten war, dass es komplett überdacht und warm war.
Da sie ihn nicht überanstrengen wollte, gingen sie nur in einen Supermarkt, um Essen und diverse Zutaten für die nächsten Tage zu besorgen.
„Miss Granger, das können sie gleich vergessen, das Maß ist überladen, wenn sie mich fragen."
„Oh, was?"
„Das heißt wie bitte!"
„Ja wie bitte denn? Bisher bin ich mir keiner Schuld bewusst." Hermione ging langsam zur Tür hinein und schob den Einkaufswagen vor sich her.
„Nun heißt es: was meinen sie, Professor! Das – da!"
Verständnislos blieb sie stehen. „Was denn? Meinen sie, dass sich die Tür von allein öffnet? Nein, ich hab' keinen Alohomora angewendet."
„Das habe ich gesehen, Miss Neunmalklug. Stellen sie sich nicht dumm." Snape deutete weiterhin in dieselbe Richtung wie zuvor.
„Ich gebe auf. Ich weiß es nicht. Und ich habe noch nicht einmal etwas im Wagen."
„Das hat ja lange gedauert. Wenn sie denken, dass sie mich noch mal in etwas zwingen können, das vier Räder hat, kommt..."
Hermione fing schallend an zu lachen. „Sie meinen, der Wagen...". Weiter kam sie nicht, denn der Lachanfall war unkontrollierbar.
„Hexe", zischte er und marschierte weiter den Gang entlang.
„Na na, junger Mann! So redet man aber nicht mit seiner Frau...!"
Ein älterer Herr mit weißen Haaren hatte seinen letzten Ausspruch mitbekommen und war sichtlich entrüstet. Snape drehte sich um und setzte seine typisch giftige Miene auf. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass jemand dem standhalten könnte. So blickten sie sich ein paar Sekunden in die Augen, bis der alte Mann sich kopfschüttelnd abwandte und dabei murmelte, welch schlechte Manieren die jungen Leute heutzutage hätten.
Nach dem Erlebnis fiel Hermione erst ein, dass sie doch ein wenig auffielen. Immerhin war sie in dem Supermarkt, wo sie immer einkauften. Gut, sie nicht so oft aber etliche Leute kannten sie doch im Stadtteil, nicht zuletzt wegen der Zahnarztpraxis. Deshalb versuchte sie nun, etwas zügiger voranzukommen. Sie hatte keine Lust, irgendwelchen Nachbarn zu begegnen. Wer weiß, was die sich wieder für Geschichten ausdenken würden. Geschweige denn was sie fragen würden...
„Dann haben sie immer so für das Elfenpersonal gekämpft, und nun das. Nie hat jemand erwähnt dass sie auch bei den Muggeln arbeiten."
„Was ist denn nun schon wieder?"
„Sehen sie doch!"
Snape hatte sich wohl gegen den Knopf des Brötchenautomaten gelehnt und jetzt lagen ein halbes Dutzend Körnerbrötchen im Auffangkorb.
Hermione konnte nur noch mit den Augen rollen. „Da verstecken sich keine Elfen hinter, das ist ein Auto-mat! Sie können doch Latein, oder?"
Daraufhin giftete Snape sie an und begann, die Brötchen in eine Tüte zu füllen.
Währenddessen ging Hermione schon mal weiter und sammelte die Alltagsdinge zusammen, die sie zum Frühstücken und zum Kochen brauchten. Unauffällig versuchte sie mitzubekommen, was Snape interessierte beziehungsweise wo er sich etwas länger umsah.
„Bitte, Professor Snape, was mögen sie gerne? Kommen sie schon, was ist so schlimm daran, es mir zu verraten?"
„Nichts, aber werden sie es denn wieder zubereiten?"
Jetzt war es Hermione, die ihm einen giftigen Blick entgegen warf. Noch während sie ihn ansah, glaubte sie, ein leichtes Zucken seines Mundwinkels gesehen zu haben. Hatte er tatsächlich versucht, einen Witz zu machen? Sicher war sie sich nicht, denn es wäre, so glaubte sie, das wirklich erste mal gewesen.
„Ich glaube, wir haben dann alles. Lassen sie uns gehen, sonst passiert noch was."
Auf dem Rückweg zum Auto hatte er in einem versteckten Winkel noch einen Asia-Laden entdeckt, in den er unbedingt hinein wollte. Er wusste, dass es dort viele verschiedene Gewürze und Kräuter gab, die oft in der Zauberwelt schwer zu bekommen waren. Mit voll beladenen Tüten machten sie sich auf den Heimweg.
„Das reicht sicherlich fürs Wochenende und die ganze nächste Woche", kicherte Hermione, als sie alle Einkäufe in die Küche getragen hatten.
„Was schauen sie mich so vorwurfsvoll an, Miss Granger? Die meisten Dinge sind rein zu Studienzwecken gedacht."
Snape war zwar öfters in der Muggelwelt Londons unterwegs gewesen als er noch als Mitglied im Orden Aufgaben erledigen musste, aber war natürlich nie über die grundlegenden Dinge, die man wissen musste, hinausgekommen, geschweige denn in Alltagsdingen der Muggel bewandert. Nur bezüglich seines Fachs kannte er sich dort besser aus.
Hermione betrachtete ihn amüsiert aus dem Augenwinkel. Der Abstecher ins Einkaufszentrum hatte ihn sichtlich aufgeheitert, wenn man das in Zusammenhang mit ihm überhaupt sagen konnte, und ihn ein wenig abgelenkt.
Dass es ihn einiges an Kraft gekostet hatte, sah sie aber auch allzu deutlich. Dennoch war sie ziemlich erstaunt, als er vom Stuhl aufstand, das hatte er vorher nie freiwillig zugegeben.
„Miss Granger, wenn es ihnen nichts ausmacht werde ich mich doch ein wenig ausruhen, sie hatten mich ja sowieso mehrfach darum gebeten. Nur ein paar Minuten, dann bin ich wieder da und kann ihnen vielleicht zur Hand gehen."
Schon war er verschwunden und Hermione stand mit offenem Mund mitten in der Küche.
‚Wer war das und was hat er mit Professor Snape gemacht?', fragte sie sich, während sie geistesabwesend das meiste in die Schränke verstaute. Nur die Zutaten für das Abendessen packte sie aus und machte sich daran, alles fürs Kochen vorzubereiten.
Nachdem er mühsam die Treppe erklommen und einen Abstecher ins Bad gemacht hatte, traute er seinen Augen nicht. Sein Zimmer, nein, ihr Zimmer – komplett anders. Er nahm alle Details in sich auf und beschloss, sie darauf anzusprechen. Ein Hauch von Geborgenheit, noch mehr als zu vor, überkam ihn, alles war so gemütlich und einfach nur schön – nun gut, bis auf die Wandfarbe.
Er zog Hose und Pullover aus, legte sich aufs Bett und sein inneres Ich machte ihm mehr und mehr klar, dass es so leicht nun kein Rückzieher mehr geben konnte. Sie hatte sich wirklich um ihn gekümmert, sonst sähe es jetzt ziemlich anders aus mit ihm. Wie, konnte und wollte er sich nicht vorstellen. Früher wäre ihm das alles egal gewesen, doch nun fand er ein wenig Gefallen nicht nur am Überleben, sondern am Leben.
Warum nicht? Warum nicht mal Ferien auf eine ganz andere Art? Ihre Logik und ihre Argumente waren im Unterricht immer bestechend, auch wenn er es natürlich nie zugeben würde – hier allerdings auch.
Er nahm ein Kissen und presste es an sich. Vanille und Blumen – es duftete nach ihr. Sie schlief hier und er hatte hier geschlafen, nur heute waren sie beide da und beide wussten es. Damit war das Übernachten unmöglich geworden - nicht, dass er es in Betracht gezogen hätte!
‚Versuch den letzten Abend zu genießen, Severus', flüsterte seine innere Stimme.
‚Halt dich zurück', entgegnete er ihr. ‚Nichts weiter als ein Essen mit einer Schülerin.'
Eigentlich wollte er ihr helfen. ‚Nur noch zwei Minuten liegen bleiben und…' schon war er eingeschlafen.
Ein paar Augenblicke später kam sie leise zur Tür rein und schaute nach, ob er schlief. Sie stellte die dampfende Tasse Tee auf dem Schränkchen ab und strich ihm sanft über die Stirn.
„Schläfst du?", wisperte sie kaum hörbar. „Geh nicht, ich sorge für dich."
Langsam wanderte ihre Hand über seinen Hals, über die Schulter auf seine Brust, wo sie verweilte. Ihr Haar glitt über seinen Körper als sie sich hinunter beugte, um ihn zu küssen.
Ohne die Augen zu öffnen schlang er einen Arm um sie und zog sie fest an sich.
„Du willst wirklich für mich sorgen? Dann…dann küss mich noch mal..."
Die Küsse wurden immer stürmischer und sein Verstand hatte längst die Kontrolle abgegeben. Mit beiden Händen umklammerte er sie und wollte sie auf sich ziehen. Schon viel zu lange war es her, jedenfalls für einen Mann seines Alters…
„Severus?", rief sie.
„Warum schreist du? Willst du es denn nicht, oder…gefällt es dir etwa auf die laute Art?", stöhnte er...
tbc
