Kapitel 10

Tatsächlich – tatsächlich hatte er sich hinreißen lassen, eines seiner Lieblingsessen zu verraten und sie wollte nichts lieber, als ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Als Vorspeise sollte es Fenchelsalat mit frisch gerösteten Kräutercroutons geben. Überrascht hatten sie im Laden festgestellt, wie gerne sie beide den Duft von den zartgrünen Knollen mochten. Beinahe hätten sich ihre Nasenspitzen berührt, als sie im Geschäft instinktiv den Kopf hinunter beugten, um an den frischen Fenchelknollen zu schnuppern, die Hermione gerade ausgesucht hatte.

Sie machte sich sofort an die Arbeit nachdem er hoch ins Schlafzimmer gegangen war. Er konnte sich in der Zeit schön ausruhen und sie wollte ihn keinesfalls stören. Sie schloss die Küchentüre und begann zu arbeiten.

Als sie den Salat fertig hatte, begann sie, eifrig darauf bedacht, keine Fehler zu machen, den ebenso zart duftenden Jasminreis zu kochen. Zu Snapes großer Freude hatten sie in dem Asia-Laden sogar wunderschöne, essbare Jasminblüten gefunden, mit denen sie nun liebevoll den Rand der Schüssel schmückte. Ihr Lehrer hatte gleich einen ganzen Beutel voller Gewürze, Blüten und ähnlichen Dingen ausgesucht und mitgenommen.

Als letztes kamen die Steaks in die Pfanne und sie versuchte sich zu erinnern, wie es ihre Mutter immer schaffte, sie genau auf den Punkt zu braten. Ihre Mom hatte sie mit ihrer Kochleidenschaft irgendwann angesteckt, der sie in ihrer knappen Freizeit frönte. Viel zu selten bot sich die Gelegenheit für Hermione, das Gelernte anzuwenden, deshalb strengte sie sich heute besonders an. Das schöne Geschirr noch auf den Tisch, ein paar Blüten, ein prüfender Blick, und Hermione ging in den Flur, um ihn zu rufen.

Noch währen sie die Worte aussprach, ärgerte sie sich maßlos, dass sie nicht daran gedacht hatte, nicht wenigstens etwas Schickeres als eine Jeans angezogen zu haben.

‚Wie ist dir denn, Miss Granger, ist doch kein Date', maßregelte sie sich. Außerdem hätte er es eh gemerkt und wäre womöglich noch aufgewacht von dem Lärm, denn ihr Zimmer war ja im Moment noch seines.

„Professor Snape, kommen sie runter?" – Keine Antwort.

„Professor, können sie kommen?" – Nichts.

„Severus?", rief sie.


*Celine Dion: Titanic „My Heart Will Go On"*


Schwer atmend schlug er die Augen auf. Er musste nach Luft schnappen, was in einem Hustenanfall endete. Schweißnass, diesmal wohl aus zwei Gründen, schlug er die Decke zurück, die er fest umklammert hielt.

„Ich…ich komme gleich, einen Moment noch…bitte", rief er zurück.

„Verdammter Mist", stöhnte er, als er im Bad verschwand. „Du bist keine 15 mehr und träumst so etwas? Mit ihr? Bei Salazar Slytherin!"

Der verlockende Duft aus der Küche hielt ihn davon ab, sich länger als nötig mit anderen Dingen zu beschäftigen, wie zum Beispiel das im Traum Begonnene zu Ende zu bringen. In Windeseile zog er seine Shorts aus und stieg in die Dusche. Erst lauwarm, dann ein paar Sekunden eiskalt, aber nicht für seinen Oberkörper, das wäre dann doch zu leichtsinnig, nur nötig allemal. Nur grob ließ er das Handtuch über sich streifen, zog sich an und ging ins Esszimmer.

Hermione hatte den Tisch schön gedeckt, nur das Licht war etwas zu grell für seinen Geschmack. Draußen war es bereits dunkel geworden.

„Wenn ich meinen Zauberstab hätte, könnte ich die Kerzen entzünden und auf den Tisch stellen. Dann ist es nicht ganz so hell."

Daraufhin holte Hermione die Streichhölzer aus einer Schublade und zündete sie an.

Schweigend genossen sie das Essen und er versuchte, die Bilder aus dem Traum loszuwerden. Funktionierte nur nicht so ganz in ihrer Nähe. Hätte sie jemand beobachtet, hätte derjenige bemerkt, dass einer den anderen betrachtete oder verstohlen den Blick hob, gerade dann, wenn der andere mit seinem Essen beschäftigt war.

„Die Elfen hätten es nicht besser machen können", lobte Snape.

Schade, dass es Hermione zunächst gar nicht mitbekam, denn ein Lob aus dem Mund des Tränkemeisters grenzte schon an ein Wunder.

Ganz in Gedanken versunken hatte Hermione für sich nochmal festgestellt, dass alles um sie herum doch nach Date aussah – das Essen, die Kerzen…

‚Ach so ein Unsinn, bei uns in Hogwarts gibt es doch nur Kerzen und Leuchter, also gaaanz stinknormal', dachte sie und nippte an ihrem Rotwein.

Sie hatte den Professor gebeten, einen passenden Wein aus dem Keller auszusuchen, da er entschieden mehr Ahnung von solchen Dingen hatte. Der schmeckte ausgesprochen gut.

„Oh, ähm, danke Sir. Mal wieder richtig zu kochen hat Spaß gemacht. Hmm, aufräumen werde ich morgen früh. Jetzt hab ich dazu keine Lust mehr."

„Das sollten sie auch nicht mehr, Miss Granger", bestätigte Snape, als er ihre Gläser nachfüllte.

„Wozu hätten sie denn Lust? So spät ist es ja noch nicht und…"

„Bitte, Sir, nennen sie mich doch Hermione, es fühlt sich sonst so fremd an und nachdem was wir in den letzten Tagen erlebt haben…"

„Schscht", machte Snape.

„Nein, so meinte ich es nicht", beeilte sich Hermione, „ich werde sie nicht mit ihrem Vornamen ansprechen, keine Angst."

„Was ich sagen wollte – sie haben recht, Hermione, wie so oft in den letzten Tagen – ich gebe es ja zu. Für den Rest der Zeit könnte ich mich durchaus damit abfinden, dass sie mich mit dem Vornamen anreden. Vorausgesetzt natürlich, dass es, wie alles andere, unter uns bleibt und sich auf die Ferien beschränkt."

Leicht errötend sicherte sie es ihm zu. „Ja, ich werde mich daran halten…Severus." Dann hob sie das Glas, dass sie schon die ganze Zeit fest umklammert hielt, und leerte es in einem Zug.

Er zog eine Augenbraue in die Höhe und versuchte damit das Gefühl zu überspielen, dass ihn erfasst hatte in dem Moment, als sie seinen Vornamen aussprach.

„Hermione, wirklich, ich traue ihnen ja einiges zu, das…", und er deutete auf das leere Weinglas, "…aber zählte bisher nicht dazu." Nichtsdestotrotz musste er grinsen.

Schnell versuchte sie, das Thema zu wechseln. „Was möchten sie denn machen, Severus? Immerhin haben sie drei Tage ihres Urlaubs verpasst. Wählen sie."

„Hermione, es wird langsam Zeit für mich zu gehen. Zugegeben, es war, es ist schön hier, aber es geht nicht. Ich riskiere meinen Job, wenn man das hier herausfindet und es falsch interpretiert. Außerdem würde es nicht passen, jetzt wo wir beide wissen, dass wir beide ganz bewusst hier sind und nicht das Schlafzimmer für uns, ich meine jeder für sich allein beanspruchen kann." Nun war er es, der den Rotwein in einem Zug hinunter kippte.

„Wir haben das doch bereits diskutiert. Die Zeit, die Welt hat sich verändert. Warum genießen sie nicht einfach die Freiheit und nehmen sich mal eine Auszeit, einfach Abstand von Hogwarts mit all den Erinnerungen, die dort gefangen sind. Sie können hier bleiben, und ich kann auch gehen. Aber kommen sie hier mal zur Ruhe, ihr Körper braucht es und sie selbst auch. Außerdem, das Gästezimmer ist direkt nebenan, neben meinem Zimmer. Das Haus wäre groß genug für vier Kinder. Ich werde es für sie herrichten. So kommen wir uns nicht in die Quere."

Da war sie wieder, die Logik und die pure Wahrheit. Ja, sie hatten bereits etliche Male darüber diskutiert und ihre Gedanken waren auch seine gewesen, tief im Inneren.

Ihre Worte und der Rotwein führten dazu, dass er endgültig kapitulierte, ob er wollte oder nicht.

„Sie brauchen nicht zu gehen, Hermione, wie könnte ich das verlangen? In ihrem Zuhause bin ich nur Gast. Wenn wir wieder zurück sind, werde ich gleich alle meine Schulden begleichen. Solange bleibe ich hier, ruhe mich aus oder verbringe die Tage so wie vor meiner Erkrankung. Lassen sie sich nur nicht stören durch meine Anwesenheit. …Ja, ich bleibe.

Dass er bei diesen Worten ihre Hand in seine genommen hatte, merkte jeder von beiden erst, als sie aufstanden.

„Es ist der erste Abend seit dem Krankenhaus", antwortete Hermione verlegen, um die Situation ein wenig zu entschärfen. „Lassen sie uns das Thema beenden und lieber ruhen. Möchten sie sich hinlegen? Dann gehe ich gleich hoch."

„Ähm, nein, noch nicht, es hat mir eben auch nicht ganz so...ähm…gut getan, fürchte ich. Es ist nicht mal halb zehn."

„Vielleicht etwas Musik?" Sie gingen ins Wohnzimmer und Hermione suchte eine CD aus dem Regal.

„Ach dazu sind diese Scheiben gedacht?", fragte er überrascht. Ein Mundwinkel zog sich unwillentlich nach unten, denn er konnte es nicht leiden, so unwissend zu sein.

Hermione hatte wieder Norma aufgelegt, doch nach fünf Minuten drückte sie die Stopp-Taste und murmelte dabei irgendwas, das nach „depressiv" klang.

Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Snape den Kopf zurückgelehnt hatte und der Musik andächtig lauschte. In Hogwarts kam man nur selten in den Genuss. Ab und zu hatte er heimlich auf der Empore der kleinen Halle gestanden, wenn der Chor von Professor Flitwick probte. In diesen kurzen Momenten der Ruhe hatte er die Angst und den Zorn in sich vergessen können, und ab und zu, ganz selten, hatte sich eine winzige Träne in einem seiner Augenwinkel gebildet, bevor sie unbemerkt wieder verschwand.*

Er beschloss, sich morgen zeigen zu lassen, wie der Apparat funktionierte. Dann könnte er sich in den kommenden Tagen etwas mehr damit beschäftigen.

„Haben sie eine bessere Idee, Severus?", fragte Hermione, die sich langsam an den Vornamen gewöhnte – vielleicht auch nur durch den Wein. Sie hatte die Flasche aus der Küche geholt, verteilte den Rest auf die beiden Gläser und öffnete eine weitere.

„Vielleicht sieht man etwas – Interessantes – in diesem Fernseher", schlug er vor, weil es ihm sicherer war mit einer Ablenkung wie dieser, als mit ihr einfach nur so auf dem Sofa zu sitzen und Wein zu trinken. Wer weiß...

„Ok, dann suchen wir mal was."

Freitags um diese Zeit kamen meist nur Talkshows. Nach ein bisschen zappen durch die Kanäle blieb sie aber hängen. Titanic lief gerade. Hermione seufzte, denn sie hatte sich in diesen Film verliebt, seit sie ihn das erste mal gesehen hatte. Rose versicherte gerade ihrem Liebsten, dass nichts und niemand sie trennen könne, auch wenn sie aus verschiedenen Welten kamen und dass das Schicksal sie dort, an diesem ungewöhnlichen Ort, zusammengeführt hätte. Was für ein Zufall...

Snape sagte kein Wort. Daraus schloss sie, dass er einverstanden war – oder auch nicht. Hauptsache, sie konnte sich den Rest anschauen.

Das Drama der Titanic war ihm bekannt, denn damals hatten einige Zauberer, die an Bord gewesen waren, überlebt und hatten auch ein paar der Passagiere retten können, weil sie das Sinken des Schiffs wenigstens etwas hatten verzögern können. Später hatten sie ihre Erlebnisse niedergeschrieben – manche in einem Buch, andere durch Berichte oder in Briefen. Sie hatten ihr bestes versucht, hatten aber kaum Chancen durch die große Anzahl der Menschen und durch die Panik, die die meisten ergriffen hatte. Nur über eine derartige Liebesgeschichte hatte er nichts gelesen. Dann waren die beiden wohl Muggel und hatten zudem noch ganz andere Probleme.

Mit jeder Minute sank das Schiff tiefer in den dunklen Ozean, und Hermione ertränkte ihre Tränen mit Rotwein. Ebenso tat es Severus, dem der Wein allerdings lediglich gut schmeckte ohne andere Ambitionen. Eigentlich hätte er nichts dergleichen trinken dürfen, aber der war sicherlich nicht so schlimm wie einer seiner Tränke.

Mittlerweile neigten sich der Film und die zweite Flasche dem Ende. Bei der letzten Szene kullerten bei Hermione nun die Tränen hemmungslos herunter, und Snapes Arm rutschte, als wenn er sich verselbständigt hätte, von der Couchlehne herunter auf ihre Schulter. Dort verweilte er etwas länger als einen Moment, bevor er ihn vorsichtig wieder zurückzog.

Als sie aufstand um den Fernseher auszuschalten, schwankte sie leicht.

„Uiui, schon das zweite mal diese Woche", kicherte sie. Einzig die Weasley-Zwillinge wären sichtlich stolz auf sie gewesen. Bei ihren legendären Partys im Gryffindor-Turm hatte Hermione immer nur verächtlich zu einem Glas Orangensaft gegriffen. Zugegeben, da war sie ja auch noch jünger gewesen. ‚Ach armer Fred, wir vermissen dich alle so.'

Sie drehte sich um und stellte fest, dass Snape sie keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte.

„Wir sollten langsam aber gemeinsam zu den Schlafräumen hinaufgehen und damit den Abend beenden", meinte er trocken. Eigentlich konnte er mehr vertragen, aber sein Körper war scheinbar noch ziemlich geschwächt.

„Gehen sie vor, Miss..., ähm, Hermione. Ich werde sie absichern falls sie wieder einen leichten Schwindelanfall bekommen."

Er führte es auf die vielen Gläser Rotwein zurück, dass er beim Hinaufgehen mehr auf ihren doch wohlgeformten Po starrte als auf die steilen Stufen des alten Hauses…


Mitten in der Nacht wachte Snape auf und musste notgedrungen aufstehen. Hermione hatte das Gästezimmer noch schnell hergerichtet, aber es war nicht annähernd so gemütlich wie das andere. Nicht dass er viel davon mitbekommen hätte. Kaum die Augen geöffnet schlich er sich ins Bad.

Mehr oder weniger nur tastend suchte er seinen Weg zurück. Wie sich alles drehte.

‚Dachte, nur Hogwarts hätte drehende Wände…'

An der Wand entlang gehend fand er die Türklinke und auch das Bett wieder.

‚War ja doch ganz einfach…'

Er schlüpfte unter die Decke und zog an ihr…irgendwo hing sie fest. Etwas Warmes Weiches spürte er unter seiner Hand und war dankbar, dass sie ihm scheinbar noch eine große Wärmflasche gemacht hatte…dabei hatte er sie gar nicht umherlaufen hören...

tbc


A/N: Wer das Rezept von Sev's Lieblingssalat haben möchte, möge mir schreiben.

Nach einer Nachricht per Eule, wie lästig ich doch sei, hat er es mir doch geschickt!

und

* Kennt ihr die kurze gelöschte Szene mit Sev aus HP7? Ihr müsst sie euch unbedingt mal anschauen (YouTube „Snape deleted scene"). Das geht bis ins Innerste! *schnief*

LG