Ihr Lieben! Wieder einmal Danke für's Lesen bisher. Freu mich über jeden, der dabei ist. Was will man mehr - ein schönes Wochenende und die Sonne strahlt (und ein extra langes Chappi) ... und falls ihr mit den beiden hier ausgehen wollt heut Abend, lasst mich doch wissen, ob es euch gefallen hat ;o)

VLG Simone


Kapitel 13

Der Moment, wo sie sich so nah waren und in ihren Bewegungen verharrten, kam ihm wie Stunden vor und ihr nur wie Sekunden.

Und dann…dann ließ er sie los und schob sie in den Flur und sie war starr vor Enttäuschung. Und er seufzte innerlich und wusste nicht, wann er sich das letzte mal so wenig im Griff hatte – außer vor ein paar Stunden vielleicht. Was für eine Ironie.

Beinahe hätte er den schlimmsten Fehler begangen, den ein Lehrer nur machen konnte.

Beinahe…hätte er sie geküsst und nicht gewusst, wie es ausgegangen wäre. Erst hatte sie so erschrocken ausgesehen aber dann die Augen geschlossen und er wusste keine Antwort auf das Warum.

Und zum zweiten mal an diesem Tag taten sie so, als sei nichts geschehen. Sie sagte, sein übliches Outfit ohne Umhang wäre perfekt und er half ihr in ihren schwarzen Mantel, ohne eine Diskussion. Sie holte das Auto, er stieg ein. Schweigend fuhren sie in Richtung City und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, ohne dass sie wussten, dass es die gleichen waren.


„Wo sind wir?", fragte er, als sie auf ein großes, schönes Gebäude zugingen.

„In der Tottenham Court Road, hier ist das Theater." *

Er atmete nochmal tief durch, bevor sie durch die Tür zum Foyer gingen.

Gleich würde er ihn sehen und er fühlte sich schlimmer als vor jedem Todesser-Treffen – zumindest in einer Hinsicht: Denn dort hatte er fast immer gewusst, was auf ihn zukam und wie er reagieren musste – nur hier nicht, nur jetzt nicht. Vor einer Woche hatte sich sein Leben komplett verändert, und heute Abend war es erneut soweit. Einen letzten Versuch wagte er noch:

„Hermione, denken sie an die Folgen…ich kann immer noch gehen…oder zumindest so tun als kennten wir uns nicht."

„Wieso? Was macht ihnen solche Angst? Sie wissen doch wie man sich unter Muggeln verhält. Ach kommen sie einfach…"

Verstand sie denn nicht?

Sie packte ihn am Arm und zog ihn mit sich. Er streckte sich und versuchte es mit seiner typischen Unterrichts-Miene, konnte aber nicht beurteilen, ob er es schaffte, so bedrohlich auszusehen wie immer. Scheinbar war ihm die Zeit wohlgesonnen, denn Hermione winkte erst einmal einer älteren Dame zu und schritt zügig auf diese zu. Hermione fiel ihr um den Hals und wandte sich dann ihm zu:

„Professor Snape, darf ich ihnen meine Großmutter vorstellen? Mrs. Jean Tenerhale."

„Großmutter?", fragte er mit großer Verwunderung, die Hermione auf seinem Gesicht nur äußerst selten gesehen hatte.

Sie konnte nur nicht ganz einordnen, warum. Wunderte er sich, dass sie Familie hatte? Wohl kaum. Dass sie dort jemanden davon treffen würden? Vielleicht.

Aber auch Muggelfamilien wussten von der anderen Welt, wenn eine Hexe in der Familie war, und dann noch so eine gute wie Hermione. Oder war es die Tatsache, dass sie nicht wirklich wie eine Großmutter aussah – vor allem nicht heute?

Ihre braunen Haare mit den ersten grauen Strähnen trug sie offen und ein wenig zerzaust, zudem hatte sie ein kurzes schwarzes Kleid über eine Jeans angezogen, abgerundet mit schwarzen hohen Stiefeln. Sie hatte sich ebenso gut gehalten wie manche der berühmten Schauspielerinnen, denen man die fast 70 Jahre auch nicht ansah. Ihre Kollegen hatten sie oft mit „Ms. Young" angesprochen. Insgeheim hatte es ihr immer geschmeichelt, denn eigentlich mochte sie die Bezeichnung Großmutter nicht so sehr und Oma schon gar nicht, was ihre Enkelin einfach ignorierte. Naja, heute war sie wirklich keine Großmutter.

„Oh Hermione, du hast jemanden mitgebracht? Wunderbar. Und noch dazu so einen schicken jungen Mann."

„Großmutter! Das ist Professor Snape, einer meiner Lehrer! Ich habe ihn zufällig in der Stadt getroffen und hierhin eingeladen. Ähm, dazu überredet, mal etwas anderes zu erleben."

Hermione wusste, dass die Erklärung mehr als dürftig war. Sie hoffte, es reichte aus, denn ihre Großmutter war recht offen, großherzig und sie mochte Menschen.

„Jaja, hab ich schon gehört, den Namen."

Sie ging einen Schritt näher auf ihn zu und raunte: „Dann sind sie ein...einer von dort?"

Wenn Hermione ihre kleinen Zaubereien zu Hause machte, war sie immer ganz fasziniert. Sie konnte sich vorstellen, oder eigentlich nicht vorstellen, dass es da noch viel mehr gab. Das würde sie gerne einmal sehen...so ein Professor müsste doch Vieles können...

„Oh entschuldigen sie. Guten Abend Mr. Snape. Schön, dass sie mitgekommen sind. Wenn sie mögen, kann ich sie nachher etwas herumführen."

„Guten Abend, Mrs. Tenerhale, nun, wir werden sehen."

„Ach, nicht so bescheiden, junger Mann, das mache ich gerne, ich habe hier gearbeitet, wissen sie?"

Mrs. Tenerhale hatte ihren Stammplatz und immer die Möglichkeit, Leute mitzubringen. Gemeinsam gingen die drei zu ihren Plätzen und Hermione setzte sich in die Mitte.

Nur dass die Vorstellung nicht ganz so lief, wie jeder von ihnen gedacht hatte. Von Snape hörte man abwechselnd ein „Oh beim großen Merlin", ein verächtliches Schnauben, ein heftiges Ausatmen oder er hielt einfach nur eine Hand vor seine Augen, denn so was Bizarres hatte er bis dahin noch nie gesehen.

Und in kurzen Momenten fühlte Hermione Snapes verstohlenen Blick auf ihren Beinen haften und fühlte sich dabei zunehmend wohler.

Severus hingegen hoffte nur, dass sie nicht bemerkte, dass er seinen Blick kaum von ihr abwenden konnte. Ihre Erscheinung machte ihm an diesem Abend wirkliche Schwierigkeiten.

Hermiones Großmutter hingegen rutschte in ihrem Sessel hin und her. Die Musik gefiel ihr ganz gut, hatte aber trotzdem welche von Snapes Äußerungen mitbekommen, nur scheinbar falsch interpretiert. Sie beugte sich über Hermione rüber und sprach ihn an:

„Mr. Snape, sie haben ganz recht...meinen sie...könnten sie vielleicht bei den Schauspielern ein wenig nachhelfen? Es ist eine fremde Truppe, die dazugekommen ist, und die hat wohl den Dreh nicht so ganz raus...sie spielen ein wenig...langweilig. Wenn sie...", und dabei drehte sie den Kopf zu ihrer Enkelin, „...mir etwas zeigt, sieht es immer so einfach aus mit dem Zauberstab...". Die letzten Worte hatte sie noch mal nachdrücklich mit einem bedeutungsvollen Flüstern an Snape gerichtet.

„Ich finde es, und da können sie meinen Worten vollends vertrauen, außer-or-dent-lich bedauerlich, diesen nicht dabei zu haben", antwortete er ihr in perfektester snape'schen Manier, nicht ohne einen giftigen Blick auf Hermione geworfen zu haben.

„Oh, schade, nun ja, habt ihr Lust mit hinter die Bühne zu kommen? Ich möchte meine ehemaligen Kollegen und unsere eigene Tanztruppe begrüßen – die waren wenigstens gut..." Glücklicherweise näherte sich die Vorstellung rasch dem Ende und sie verließen ein paar Minuten früher das Geschehen.


*Rocky Horror Picture Show: „I Can Make You A Man"*


Erleichtert folgten sie ihr aus dem Saal. Hermione, weil die Musik so gar nicht ihr Stil war und manche Szenen doch etwas peinlich waren – vor allem gegenüber ihrem Lehrer – und Snape, ja Snape wegen allen anderen Gründen, die einem nur einfallen konnten.

Mit großem Hallo wurden Mrs. Tenerhale und Hermione hinter der Bühne von den Tänzern begrüßt.

„Lasst euch drücken, ihr Hübschen, Küsschen..."; und schon hatte der Chef der Truppe, Jayden Saltator, die beiden in die Arme genommen und mit Wangenküsschen überhäuft.

„Jean, du wirst doch nicht behaupten, dass das deine kleine Mine ist, oder? Mein Gott, ich hab sie vor drei Jahren oder so das letzte mal gesehen und jetzt...ich fall' in Ohnmacht."

Anerkennend musterte er Hermione ganz ungeniert von oben bis unten und konnte sich nicht beruhigen.

„Make-Up – klasse! Und die schwarzen Pumps sind der Hammer, Schätzchen, vielleicht leihst du sie mir mal irgendwann...", quiekte er verzückt.

Snape konnte ein leises Würgegeräusch nicht verhindern. Lockhart war ja schon schlimm gewesen aber das...aber der...oder die(?) ging ja gar nicht. Hätte er gewusst, welche Konsequenzen das haben würde, hätte er es verhindert, egal wie.

Jayden drehte sich mit Schwung zu Snape um und seine Augen weiteten sich noch mehr – sie sprühten förmlich vor Entzücken.

„Wen habt ihr mir denn da vorenthalten, wie könnt ihr nur? Er gehört zu euch?"

„Das ist Mr. Snape, Jayden, er..."

Ohne weiter zuzuhören setzte er sich sofort in Bewegung und war mit einem leichten Schritt in Snapes Nähe, schnappte sich dessen Hand und schüttelte sie intensiv, aber dennoch sanft.

„Jay, nennen sie mich Jay, Mr. Snape. Es ist mir ein Vergnügen, ein größtes – sie ahnen nicht wie sehr – sie kennen zu lernen!"

Mit hochgezogenen Augenbrauen und äußerster Verachtung versuchte Snape, seine Hand zu befreien.

„Das Vergnügen ist ganz auf ihrer Seite, Mr. Saltator", zischte er, wobei man fast das Knirschen der Zähne hören konnte, weil er seine Kiefer so fest aufeinandergepresst hatte. Sein Gegenüber schien nicht das Geringste davon mitzubekommen.

„Ach nicht so förmlich, für sie bin ich Jay, keine falsche Scheu...wie war ihr Vorname?" Jetzt erst ließ er Snapes Hand los, aber hakte sich gleichzeitig bei ihm unter, während er weiter plapperte: „Lassen sie uns doch ein paar Schritte durch das Theater gehen. Ich zeige ihnen alles und noch mehr. Jean und Mine kommen gut alleine zurecht. Am besten fangen wir in der Garderobe an und..."

‚Bei Merlin, bitte, meinen Zauberstab und vielleicht einen ganz leichten Crucio...?!'

Jay entfuhr ein kleiner Quiekser. Snape war abrupt stehen geblieben und schaffte es, sich von Jay zu befreien – schließlich war er wesentlich kräftiger und einen Kopf größer als der Tänzer.

„Erstens, Mr. Saltator, mein Vorname ist Professor, für sie Professor Snape. Zweitens, wir bleiben hier bei Hermione und Mrs. Tenerhale, immerhin hat sie mich eingeladen und es wäre sehr unhöflich, sich nun zu entfernen." Er hatte mit schwindender Selbstbeherrschung versucht, es so eindeutig wie möglich zu formulieren.

„Bei Hermione? Oh! Alles was sie wollen, Mr. Professor. Dann gehen wir zurück. Sie brauchen nur Bescheid sagen, wir können die Führung jederzeit nachholen. Jederzeit, Tag oder Nacht, wie es ihnen beliebt!" Jay hakte sich wieder bei Snape unter und der dachte mittlerweile an einen mittelschweren Crucio.

Sie waren wieder bei den beiden Frauen angekommen, die höchst amüsiert das Duell verfolgt hatten. Hermione hatte versucht, sich jedes Wort zu merken. Sie würde noch nach Jahren darüber lachen.

„Da sind wir wieder. Leider.", sagte Jay übertrieben traurig, drehte sich noch mal zu Snape um und betrachtete ihn genauso ungeniert wie zuvor Hermione. Dann war sein Strahlen über das ganze Gesicht wieder da.

„Aber sie müssen mir unbedingt noch den Laden verraten, wo sie dieses abgefahrene Outfit gefunden haben! Erstklassig, wie es ihre Haarfarbe betont und dieser Schnitt – drehen sie sich doch mal um – dieser Schnitt betont ihren..."

Snape blickte flehentlich auf Hermione, die gerade just in time einen Hustenanfall vorgetäuscht hatte, damit Jay seinen Satz nicht zu Ende bringen konnte.

Dem Tänzer war das nicht entgangen und schlug sich theatralisch die Handfläche auf die Stirn.

„Ooooh, jetzt verstehe ich...", kommentierte Jay und setzte sein breitestes Lächeln auf, „du meine Güte, was bin ich nur für ein Dummchen...nun ja, Schönheit macht blind... Hier knistert es ja bis in die letzte Pore...man kann es ja förmlich greifen, wie es prickelt...hach...

Sie haben da ein wahres Schätzchen, Mr. Snape, und Mine, du Glückspilz, was für ein Geschmack, das ist ja ein echter Hingucker, den du dir da erwählt hast...

Vergiss die Pumps – falls du ihn mal nicht mehr... Oh mein Gott, was rede ich da...so ein Sahnestück gibt ja keiner freiwillig mehr her!"

Bei den letzten Worten hatte Jay Snape mit den Augen fast verschlungen. Jean schaltete recht schnell, als sie ihm daraufhin wortreich erklärte, dass die drei am Abend noch viel vorhatten und versprach, am nächsten Abend wiederzukommen. Damit hatte sie Jay beruhigt und sie machten sich auf den Weg nach draußen.


Snape zog die frische Abendluft ein und hustete zugleich wieder. Das war ihm egal. Er hätte auch einen Herzanfall in Kauf genommen, Hauptsache, sie waren draußen.

„Haben sie sich bei Mine angesteckt?", fragte Mrs. Tenerhale besorgt. „Ach, das kommt vor und wird schon wieder. Wie wäre es – ich lade euch ein. Hier gleich um die Ecke ist ein nettes kleines Szene-Lokal."

Hermione sagte begeistert zu und ließ ihrem Lehrer keine Chance, außer einem Stöhnen seine Meinung kund zu tun.

Mrs. Tenerhale ließ sich nichts anmerken. Sie hatte sehr wohl mitbekommen, was da im Verborgenen vor sich ging. Vermutlich. Jay war zwar ein plappernder Paradiesvogel, der manche mit seiner Offenheit schon verschreckt hatte, aber er war nicht dumm und hatte das Herz am rechten Fleck. Und vor allem kannte er die Menschen genau wie sie. Er hatte das ausgesprochen, was er dachte, was ihm als erstes in den Sinn gekommen war, und an beider Reaktionen hatte sie ablesen können, dass er nicht auf der gänzlich falschen Fährte gewesen war.

Erst daraufhin war ihr bewusst geworden, dass Jay vermutlich recht hatte und nur das offenbar gelegt hatte, was sie unterbewusst schon gefühlt hatte, auch wenn sie Hermiones Professor erst seit drei Stunden kannte. Bei Gelegenheit müsste sie der Sache mal genauer nachgehen. Wenn sie weiter überlegte, wären die beiden nicht die schlechteste Kombination, obwohl sie Snape nicht wirklich kannte, sondern nur von ein paar Schilderungen ihrer Enkelin in den vergangenen Jahren. Man würde sehen und es würde spannend werden. Sie freute sich auf die nächsten Stunden.


Anders als er erwartet hatte war es in dem Lokal ganz nett. Sie aßen einen leichten Snack und tranken Sekt dazu. Großmutter erzählte von früher und bezog auch Snape in ihr Gespräch mit ein, ohne dass sie aufdringlich oder nervend wurde, wie er befürchtet hatte. Man könnte fast sagen, dass er sie als eine sehr angenehme Gesprächspartnerin empfand. Sie hatte die Intelligenz und den Witz dafür. Ein wenig flippig für ihr Alter, aber das war keineswegs abwertend gemeint.

Sie erzählte ein wenig aus ihrer Jugend und davon, wie sie ihren Mann, Hermiones Großvater, kennen gelernt hatte. Er war 18 Jahre älter als sie gewesen und viele hatten sich gegen diese Beziehung ausgesprochen – natürlich war damals eine ganz andere Zeit, aber oft war es heute auch noch so in den Köpfen der Gesellschaft. Die Beiden hatten alle anderen Lügen gestraft, denn sie hatten ihre Ehe überaus liebevoll und tolerant geführt, bis ihr Mann vor drei Jahren gestorben war. Dank ihrer Töchter, Hermiones Mutter, deren Schwester und dem Rest der Familie hatte sie sich von der Trauer befreien können und lebte nun ihr Leben.

Je mehr Severus ihr zuhörte und sie beobachtete, konnte er nachvollziehen, warum Hermiones Großvater sie geheiratet hatte. Erst dachte er nur, Hermione hätte die Intelligenz und die Energie geerbt, doch je mehr er die beiden betrachtete, war eine gewisse Schönheit nicht zu verleugnen. Und er entdeckte immer mehr Facetten seiner Schülerin, die er bis dahin nie gesehen und schon gar nicht vermutet hätte. Langsam hing er immer mehr seinen Gedanken nach, strich das Wort Schülerin aus seinem Satz und tauschte es mit Frau aus.

Sein Blick schwenke rüber zu Hermione. Er versuchte, jedes Detail an ihr aufzunehmen, um es aufzubewahren, wenn ihn in einer Woche wieder die Realität einholte...oder ihn erwachen ließ? Er fing bei den schwindelerregenden Schuhen an, dann glitt sein Blick über ihre schlanken Beine, die sie übereinandergeschlagen hatte, ihre wohlgeformten Rundungen, bis in ihre Augen, die heute noch bestechender waren als sonst.

Als sie seinen Blick erwiderte, durchzuckte ein Stromschlag seinen ganzen Körper.

Mrs. Tenerhales Augen, denen das ganze nicht entgangen war, blitzten einen kurzen Moment auf, bevor sie auf ihre Uhr schaute und etwas lauter als nötig sagte:

„Mein Gott, ist es schon so spät? Carey bringt mich um. Ich muss Emma abholen. Machs gut, meine Süße, und, Mr. Snape, es war mir eine Ehre. Wäre schön sie mal wiederzusehen! Aber natürlich, morgen ist Sonntag, kommt doch zu mir zum Tee. Dann muss ich nicht so lange warten. Kommt gut heim." Und schon war sie aufgestanden und mit wenigen Schritten am Ausgang.

‚Hat sie mir etwa gerade zugezwinkert?', wunderte sich Snape, nachdem er aus seinen Gedanken aufgeschreckt war. ‚Ich glaube ich bin in einem Traum, schlechten Traum, seltsamen Traum...schönen Traum?'

Hermione war sprachlos von diesem überstürzten Abgang. Was sollte das denn jetzt wieder? Manchmal wurde sie aus ihrer Großmutter nicht schlau. Sie hatte doch hierher gewollt! Und erst Minuten später, als ihr Gehirn wieder zu denken anfing und die letzten Worte rekapitulierte, war sie noch weniger schlau als zuvor. Sie hatte gesagt kommt gut heim!

So machten sie sich gemeinsam auf den Heimweg, jeder mit seinen Grübeleien beschäftigt.

Severus ging Vieles durch den Kopf. Nur eines hatte er gar nicht mitbekommen, dass nichts von dem eingetreten war, was er befürchtet hatte –

Kein jemand anderes.


*Frank Sinatra: „Strangers In The Night"*


Diesmal hatte Hermione nur ein Glas Sekt getrunken, da sie noch fahren musste. Dafür hatte er etwas mehr, und er wunderte sich, warum sich das letzte Zeit so häufte.

Zuhause angekommen, ging Hermione direkt ins Wohnzimmer und schob eine CD in den Player. Ein alter Song, aber für die Ewigkeit gemacht, erfüllte den Raum – es hatte sich ein wenig eingebürgert, denn Severus schien Musik zu mögen, hatte sie festgestellt. Sie ließ sich auf die Couch fallen, schleuderte die Pumps von den Füßen und lehnte ihren Kopf zurück.

Snape stand im Türrahmen und wusste nicht recht, was sie vorhatte – oder wie es weitergehen sollte. Es war schon ziemlich spät.

„Ihre Schuhe..."

„Ach, vergessen sie sie."

„Ich wünsche ihnen eine gute Nacht, Miss...Hermione." Er hatte zwar mal gesagt, er bliebe, aber es veränderte sich um sie herum, irgendwie.

Sie antwortete nicht, sondern starrte an die Decke. Ignorierte sie ihn? Das war er gar nicht gewohnt und er wollte sich schon abwenden. Wohin wusste er nicht.

Irgendwann durchbrach Hermione die Stille: „Tut mir leid, wenn der Abend so anstrengend war, kommt nicht wieder vor."

„Es war ein netter Abend, nun ja, bis auf Jay vielleicht, der ist doch nicht ganz bei sich gewesen." Ohne den Sekt hätte er sich sicher anders ausdrücken können.

„Ach Jay, er ist wie er ist…und er hatte ja nicht mit allem unrecht…" Ups, die letzten Worte hatte sie gar nicht laut aussprechen wollen, sondern nur gedacht – offensichtlich laut gedacht.

„Wie bitte?" Er stieß sich von der Tür ab und setzte sich - mit etwas Abstand - zu ihr auf die Couch.

„Ach nichts."

„Dann sagen sie nicht so etwas."

„Lassen sie es gut sein."

„Feige, Miss Granger, nein, Miss Gryffindor?"

„Gryffindors sind nicht feige, Severus, das wissen sie doch ziemlich genau."

„Also?"

„Nun jaah, dass ihr Outfit ihre…ohne dem Umhang natürlich…endlich…nein..."

„In solchen Bruchstücken hat er wohl kaum gesprochen. Glauben sie mir, mein Gedächtnis funktioniert ganz gut."

„Ich wusste aber genau was er sagen wollte…"

So gut kennen sie sich?"

„Neiiin, ich wollte sagen…"

Snape beugte sich leicht zu ihr hin und schaute sie mit seinen tiefschwarzen Augen an.

„Was wolltest du sagen, Hermione?"

Das du brachte ihren Körper dazu, eine Gänsehaut zu bilden und sein Blick drang in Regionen vor, die sie nur selten in Gegenwart von Männern oder eher von Jungs gespürt hatte.


Bei Viktor war es nur Knutscherei unter Teenies gewesen. Gerne hätte er mehr gewollt, das hatte sie gesehen und gespürt, aber sie hatte sich nicht überwinden können. Mit ihrem Freund Jaron war es etwas mehr gewesen. Sie hatten sich immer wieder zusammen gekuschelt und ihre Körper erkundet, aber eben auch nicht mehr. Und Ron, naja, mit Ron war es etwas ganz anderes. Zwei Wochen nach Ende der Schlacht hatten sie beide sich darauf geeinigt, dass ihre Küsserei irgendwie nur ein Ventil war, um die Anspannung und die Angst loszuwerden. Für sie war es so gewesen und sie hoffte, für Ron war das auch so.

Wie konnte es sein, dass sie jetzt so ganz anderes fühlte? Sein Blick ging ihr durch und durch und zum ersten mal fühlte sie sich richtig als Frau, und wollte auch als Frau fühlen. Aber Snape? Ausgerechnet er? Niemals würde er in ihr etwas anderes sehen als seine Schülerin oder im Moment so etwas wie eine…ja was?...Wie eine Bekannte, eine Freundin?


Er wiederholte seine Frage und riss sie aus ihren Erinnerungen.

„Sie, ich meine, er hat gemeint, dass sie…ich kann nicht."

„Ich meine das Gleiche, Hermione, du bist so…"

Mit der Beherrschung war es endgültig vorbei. Er nahm ihren Kopf in beide Hände und küsste sie. Lange, leidenschaftlich, und er wunderte sich, warum sie ihn nicht wegstieß. Nur kurz ließ er von ihr ab um sie zu betrachten. Überraschung war in ihren Augen, aber keinesfalls Abneigung.

Nun nahm sie allen Gryffindorschen Mut zusammen, kniete sich auf die Couch und küsste ihn zurück. Sie wagte es, den Spieß umzudrehen und wiederholte die Aktion vom Morgen, als sie plötzlich auf seinem Schoß gelandet war. Während sie ihn küsste, setzte sie sich auf ihn und hoffte, dass er sie nicht wieder um die Taille packte, um sie auf die Seite zu setzen.

Kaum hatte sie zu Ende gedacht, packte er sie schon an den Hüften, was ihr einen kurzen, tiefen Stich der Enttäuschung zufügte…doch er zog sie nur ein wenig näher zu sich heran und hielt sie fest. Dabei wurden seine Küsse intensiver und forderten ihre Lippen auf, sich zu öffnen.

Ihr war etwas mulmig zumute, weil sie wenig Erfahrung hatte, schon gar nicht mit erfahrenen Männern, aber es gab kein Zurück und sie wollte auch nicht zurück. Erleichtert fühlte sie, dass sie sich einfach nur darauf einlassen musste, er führte sie und sie lernte es in Bruchteilen von Sekunden. Seine Hände streichelten ihren Rücken rauf und runter und sie nahm seinen Kopf in beide Hände und krallte sich in seinen Haaren fest. Sie bewegte sich auf ihm und hörte, wie er leise stöhnte. Sie fühlte bei ihm eindeutig das gleiche wie am Morgen, nur intensiver, fester. Noch nie hatte sie jemand in so kurzer Zeit so weit gebracht. Sie spürte, dass sie bereit war, bereit, sich ihm hinzugeben. Die kurz aufkommenden Zweifel und die Angst schob sie beiseite. Er war schließlich älter und erfahren und würde wissen, was zu tun ist.

Severus' Körper kämpfte einen Kampf mit seinem Verstand, und dieser schien nicht weit von der Niederlage entfernt. Es wäre Unsinn gewesen, jetzt noch davonzulaufen, sie hatte es ohnehin schon bemerkt. Wenn sie sich noch weiterhin so bewegen würde, dauerte es nicht mehr lange und… der Kampf wäre verloren.

tbc


* A/N: Wen es interessiert: In HP 7.1 ist das Goldene Trio durch Hermione in die Tottenham Court Road appariert, nachdem die Todesser bei der Hochzeit angegriffen hatten. Die Straße und das „Dominion Theatre", das dort angesiedelt ist, gibt es wirklich. Es ist mitten im Londoner West End und ist eines der größten, wie von der Homepage zu entnehmen ist. Den Schauplatz und die Namen habe ich mir nur ausgeliehen.


P.S.: Cliffs? Wo? Wir sind doch mitten in der City! *ggg*