A/N:

Ihr Lieben!

Ich hab es nicht früher am Wochenende geschafft, bitte verzeiht! Verzeiht mir auch die Länge des Kapitels - es hat sich wieder verselbstständigt und ich musste bis an einen bestimmten Punkt kommen...

Und auf diesem Weg nochmal danke für alle Reviews und netten Worte von Euch! Ich hätte nie gedacht, dass euch meine Geschichte, und vor allem das letzte Kapitel, so berührt hat.

Vielleicht kann die ein oder andere nachvollziehen, wie sich Hermione gerade fühlt – so ganz ohne zu wissen, was Sache ist. Severus ist eiskalt und sie ist fast am Ende ihrer Kräfte. Wer weiß, wie lange sie es aushält. Die zweite Woche nach den Ferien beginnt und es wird nicht besser – im Gegenteil.

Ich weiß ja nicht, wie Euch zumute ist...lasst es mich wissen, wenn ihr durch seid...auch, wenn ihr nur einen Crucio loswerden wollt... ;o/

*stelltvorsichtshalbereinePackungTaschentücherhin*

VLG KeyMagic


*Phil Collins: „Against All Odds (Take A Look At Me Now)* (für das ganze Kapitel)


Kapitel 26

Am Montagmorgen versuchte sie, die vom Weinen geröteten Augenränder so gut wie möglich mit Puder zu überdecken und sich einen halbwegs glaubwürdigen, normalen Gesichtsausdruck aufzuzwingen.

Neuer Tag, neues Glück! Vielleicht sollte sie lieber ein Fragezeichen dahinter machen, doch ihre Großmutter hatte es sie gelehrt. Wenn du dich schon nicht für andere zurechtmachen willst, tu es wenigstens für dich, du fühlst dich sofort besser, hatte sie irgendwann einmal gesagt. Genau das versucht Hermione heute in die Tat umzusetzen.

Eher mehr als weniger müde schlurften fast alle gleichzeitig in die Große Halle und Hermione versuchte währenddessen, den Lehrertisch zu ignorieren, an dem der schwarze Schatten wieder fehlte. Wieder und wieder. Als sie doch aus einem Zwang heraus den Kopf drehte, sah sie ihre Hauslehrerin auch nicht gerade erfreut zu dem leeren Platz deuten, an dem er sonst saß. Nach einem kurzen Wortwechsel mit seinem anderen Tischnachbarn, Professor Flitwick, der mit den Schultern zuckte, zog McGonagall nur die Augenbrauen hoch und schüttelte mit dem Kopf. Es begann aufzufallen, dachte sich Hermione und hoffte, die Schulleiterin würde diesbezüglich ein Machtwort sprechen. Vermutlich würde sie es wirklich tun, denn sie konnte sich durchsetzen – freundschaftlich oder bestimmt oder beides.

Der Dienstagmorgen war ein kompletter Déjà Vu für Hermione. Die gleichen Szenen in ihrem Bad und in der Großen Halle. Den ganzen Morgen über hatte sie die Worte ihrer Oma vor sich hin gemurmelt und war letztendlich um sechs Uhr früh aufgestanden, um sich ein perfektes Make...um sich eine perfekte Maske aufzusetzen. Ob das Glück heute mir ihr sein würde, wusste sie nicht, aber ihr Bauchgefühl und ihr Herz hatten da ganz konkrete Vorstellungen. Deshalb bekam sie heute keinen Bissen runter, sondern trank nur etwas Kürbissaft. Ginny hatte sie gestern schon beobachtet, aber außer belanglosen Dingen nichts gesagt. Hermione hatte es gemerkt und bewusst den Smalltalk und das Lachen mitgemacht. Heute begann es, anders zu werden.

„Du solltest etwas essen."

„Ich kann nicht."

„Du hast mir schon Vorträge gehalten wie wichtig das Frühstück ist. Wenn man gar nichts oder zu viel im Bauch hat ist das nicht die beste Voraussetzung für den Unterricht, und schon gar nicht für Zaubertränke, will ich hinzufügen."

„Ginny, bitte. Nicht jetzt."

„Schon gut. Wird ja einmal nicht so schlimm sein.", kam sie ihrer Freundin entgegen, während sie sich weiterhin ihre eigenen Gedanken machte.

Es war gut, dass sie nichts gegessen hatte, am Ende wäre ihr noch übel geworden. Snape war so schlimm wie die Woche davor und irgendwann in der Stunde meldete sich Hermione geistig ab, weil er sie sowieso weder ansah, aufrief noch irgendetwas fragte. Für sie war es so, als sei sie nicht da und für ihn war es offensichtlich genauso. Dann war es auch egal, ob sie aufpasste oder nicht. Punkt. Ihre drei Freunde hatten die Arbeit heute gut im Griff und sie brauchte nur schneiden, hacken, auspressen und den Rest machten sie, weil es so eingeteilt war.

Ihre Gedanken drehten sich um die Ferien und versuchten krampfhaft etwas zu finden, dass das hier erklären würde. Sie ging jeden einzelnen Tag durch. Auch wenn er sich am Anfang mit Worten und Taten gewehrt hatte – und nicht nur einmal – hinterher war er es auch mal gewesen, der den ersten Schritt getan hatte, wenn er...naja, als er den Kampf mit dem Auflauf gewinnen wollte oder als er etwas Unterstützung gebraucht hatte, sich für die richtige Wäsche zu entscheiden. Der Gedanke daran ließ ein kurzes Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen, das aber genauso schnell verschwand, wie es gekommen war – die Augen hatte es sowieso nicht erreicht.

Als sie gedanklich am Samstag angekommen war, als Dr. Parker sie beinahe erwischt hatte, kam ihr seine Reaktion in den Sinn, als sich Nat später im Wohnzimmer verabschiedet hatte. Eine halbwegs rationale Hermione , die gerade neben sich stand, sagte ihr, dass ihm zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich nur noch etwas unbehaglich gewesen war aufgrund des Vorfalls in der Praxis. Nur dass ein Severus Snape selten Unbehaglichkeit ausstrahlte. Die Frau in ihr interpretierte die gleiche Szene unter dem Titel Eifersucht mit einem ziemlich ungeübten Schauspieler. Wobei Schauspieler ja nicht ganz abwegig war – oft hatte er eine echte Show abgezogen, und nicht nur im Krieg.

„Du bist verrückt! Eifersüchtig? Tz.", schalt sie die Frau – dummerweise nicht nur in Gedanken.

„Was meinst du?", flüsterten Harry und Ginny gleichzeitig. Nicht gut.

Snape hatte Ohren, die verboten gehörten – ‚außer an jenem Samstag', gab irgendeine Hermione ihren Senf dazu.

„Potter, Weasley, glauben sie, das Punkteglas kann auch eine Negativzone anzeigen?!"

‚Du bist gerade meine Negativzone, Snape.', dachte eine dritte, nämlich eine echt mies gelaunte Hermione. Sonst hatte die leider nicht viel zu sagen im Moment.

„Nein? Ich schon. REICHT ES IMMER NOCH NICHT SEIT LETZTER WOCHE?" Er stand vor ihrem Tisch und begann, ihn zu umrunden. Langsam, schleichend, wie eine Raubkatze auf Beutejagd. Selbst die Slytherins hielten die Luft an, denn sie waren nicht wirklich verschont geblieben bisher – nur das Ausmaß war geringer.

„Wenn, und ich werde mich nicht wiederholen, ETWAS meint , meinen Unterricht stören zu müssen, dann heißt das noch lange nicht, dass man es MITMACHEN MUSS!" Bei den letzten Worten hatte er sein Buch auf den Tisch geknallt. „Sie können den Mund schließen, wenn ihnen der Abschluss wichtig ist."

Harry stand kurz vor einem Ausbruch, hatte aber mit der Zeit gelernt, sich zu beherrschen. Der Respekt, der seit der Schlacht entstanden und gewachsen war, schien dahin – von einer oder von beiden Seiten? Er versuchte wirklich sein Bestes. Kurz sah er zu Ginny rüber, deren Mundwinkel krampfhaft zuckten, damit sich bloß nicht die Träne ihren Weg bahnen konnte. Das war einfach zu viel in den letzten Tagen. So gerne hätte er seine Freundin getröstet, doch das grenzte im Moment an Lebensgefahr.

Hermione stand völlig abwesend dabei.

Etwas – hatte er wirklich etwas gesagt und damit sie gemeint? Ja, kein Zweifel. Was...wen denn sonst?

Snape ging weiter. „Falls sich nun einer in Sicherheit wiegt..." Dabei hatte er Ron im Fokus, der nicht einmal mehr wagte, zu atmen. „...dem kann ich mit Sicherheit sagen, dass es sich um eine überaus dumme..."

Plötzlich zögerte er. Für den Bruchteil einer Sekunde klang es so und sah es so aus, als hätte er vergessen, was er sagen wollte. Hätte es jemand gewusst, hätte derjenige es vielleicht verstehen können. Die Pause entstand genau da, als er Hermiones Platz erreicht hatte und hinter ihr stand.

Kurz vor der Stunde hatte sie nochmal ihr zartes, nach Blumen duftendes Parfum aufgefrischt, nur ganz wenig. Eigentlich störte es sie sonst beim Brauen und irgendwann in einer anderen Zeit hatte er so etwas auch allgemein verboten, doch die Stimme ihrer Großmutter hatte gewonnen. Sie wollte perfekt für ihn sein – oder für sich – zumindest äußerlich, soweit es die Schuluniform mit Rock und Bluse hergab. Die Umhänge konnten sie sowieso zu den fast nur noch praktischen Zaubertrank-Stunden nicht tragen.

Den Duft hatte sie am letzten Feriensonntag getragen, und als sie sich an dem Nachmittag ein letztes mal so innig geliebt hatten, hatte er ihr zugeflüstert, wie gut sie dufte und dass sie ihm beinahe alle Sinne raube – kurz bevor er...

Kaum hörbar räusperte er sich. „...um eine überaus dumme Einstellung handelt."

Er atmete so stark aus, als hätte es ihn unglaublich angestrengt, den Satz zu beenden.

Als er wieder vorne am Pult war, wich Hermiones Starre, sodass sie sich am Tisch abstützen musste.

Der Rest der Stunde zog sich endlos und es wurde kein einziges Wort mehr gesprochen.

Nachdem Harry erst mal Ginny umarmt und ihr einen Kuss gegeben hatte, kümmerte er sich um Hermione. „Mine, komm, es ist vorbei. Ich weiß echt nicht, was ich davon halten soll. So gemein war er schon lange nicht mehr. Oder noch nie. Dich als etwas zu bezeichnen, ist schon ein starkes Stück. Ich meine, ich bin es ja irgendwie gewöhnt.", versuchte Harry sie aufzumuntern und lächelte schief. Dann hatten sie es also mitbekommen, dass er sie gemeint hatte und wunderten sich eigentlich, dass er sie nicht angeschnauzt hatte. Andererseits hatten sie selten seine Reaktionen verstehen können. Ein kurzer Verweis, ein Aufreger, und alles wäre vorbei gewesen. Doch das, fanden sie, ging im Verhältnis zu weit. Viel zu weit.

„Du hast ihm doch nicht Peeves auf den Hals gehetzt oder ihn am Ende noch an den Haaren gezogen?"

Hermione schubste Harrys Arm runter, den er ihr freundschaftlich um die Schultern gelegt hatte. Das war es, was sie umkehren ließ. Sie waren ein paar Schritte raus aus dem Kerker, aber vielleicht war es noch nicht zu spät. Gleich kam sowieso die nächste Klasse und er konnte nicht weit sein.

Nein, an den Haaren gezogen hatte sie ihn nicht – sich nur darin festgekrallt und ihre Lippen darin vergraben, wenn sie gekommen war. Wenn Harry wüsste, was für ein Spaß er sich da erlaubt hatte...

„Ich muss zurück."

„Nein, nein, nein, musst du nicht."

„Es muss geklärt werden."

„Um alles in der Welt, Mine, lass es heute. Hast du nicht aus meinen Fehlern gelernt?"

Sie war schon weg und Harry schaute ihr besorgt hinterher. „Du kannst sie eh nicht umstimmen, Harry. Wir können nur hoffen, dass sie nicht in Stücken wieder rauskommt.", sagte Ginny ebenso besorgt.

Das Labor war schon sauber und bereit für die nächsten Schüler. Sorgfältig verschloss sie die Tür.

„Professor Snape..." Heute wollte sie ihn nicht mit seinem Vornamen ansprechen – weil es nicht passte, weil sie nicht wollte und weil die andern gleich kommen könnten.

„Ich möchte kurz etwas mit ihnen besprechen."

Noch stand er mit dem Gesicht zur Tafel und sie sah, wie er sich um Millimeter aufgerichtet hatte.

„Es ist wichtig – es ist...mir wichtig."

Sie ließ ihm Zeit, die er scheinbar brauchte, und doch erschreckte sie sich, als er sich mit Schwung umdrehte, seinen Zauberstab zückte und die Tür aufschwingen ließ.

Hörte er die nächsten Schüler kommen oder...?

„Raus!", sagte er, wie so oft leise und bedrohlich, den Blick auf die offene Tür gerichtet. Dann verschwand er in Richtung Vorratsraum.

„Wenigstens hat er mit dir gesprochen.", sagte sie zu sich und der Sarkasmus in ihrer Stimme konnte es durchaus bald mit seinem aufnehmen. Kaum war sie auf dem Flur, knallte die Tür zum Labor heftig zu, die nur Zentimeter von ihr entfernt war. Damit brach ihre Fassade und sie wischte sich unterwegs die Tränen aus dem Gesicht.

Jetzt war sie sich sicher – es lag an ihr.

Die Gryffindors aus der ersten Klasse kamen ihr entgegen und bekamen ganz panische Gesichter. Wenn schon jemand wie Hermione Granger weinend aus Snapes Stunde kam, konnte das nur eine Katastrophe bedeuten. Ängstlich gingen sie weiter.

Es gelang ihr, sich einigermaßen unter Kontrolle zu bringen auf dem Weg zu Binns. Als sie auf die anderen traf, sahen die meisten nur eine Hermione, die wahrscheinlich Strafarbeiten bekommen hatte. Nicht aber ihre besten Freunde.

„Mine, was ist passiert?" Harry hatte genauer hingesehen und Ron war auch nähergekommen und hatte sie sanft am Arm gepackt. Ja, sie hatten sich alle verändert mit der Zeit.

Ginny, die sich gerade mit Parvati unterhalten hatte, drehte sich um, weil sie ihre Jungs sprechen hörte.

Sie erschrak regelrecht bei Hermiones Anblick und kam näher. Sie kniff die Augen zusammen und sah noch Reste des leicht verschmierten, braunen Kajalstiftes.

„Mine, sag uns, was...", versuchte Harry zum zweitenmal.

Ginny drückte Harry und Ron leicht beiseite und flüsterte: „Nicht jetzt, Jungs.", während sie ganz leicht mit dem Kopf schüttelte.

Für das bisschen, was Hermione davon mitbekam, war sie Ginny wirklich dankbar, und vor allem dafür, dass sie nichts fragte, den ganzen Tag über nicht.

Abends ging Hermione ohne Essen auf ihr Zimmer, duschte fast eine halbe Stunde und wusch sich das Make-Up, den Duft und die Tränen ab. Beim Abtrocknen erinnerte sie sich wieder an den Samstagabend, wo er sie, noch halb nass, auf den Arm genommen und ins Schlafzimmer getragen hatte.

‚Nicht weinen, nicht weinen, nein, du bist eine Frau, du kommst mit so etwas klar. Etwas. Du kommst klar!' Vorerst.

Plötzlich erinnerte sie sich an noch etwas. Wie hatte sie das bloß vergessen können? Durch Ginny wahrscheinlich. Schnell öffnete sie den Kleiderschrank, riss den Koffer raus und fand einen unscheinbaren Beutel, den ihre Freundin glücklicherweise nicht ausgepackt hatte.

Liebevoll und mit unendlicher Vorsicht – was eigentlich gar nicht vonnöten war – holte sie den Inhalt heraus und legte ihn aufs Bett.

Es war zwar erst neun Uhr, doch sie fühlte sich so erschöpft, dass sie sich einfach nur noch hinlegen wollte.


Der nächste Morgen war der erste, an dem sie nicht von allein aufstand. Ginny hatte geklopft und keine Antwort erhalten, deshalb kam sie jetzt durch den verzauberten Durchgang einfach in Hermiones Zimmer.

„Hermione, was ist? Wir müssen los. Bist du wach?"

Sie drehte sich nur auf die andere Seite und rollte sich noch tiefer in ihre Bettdecke.

Ginny kam näher und versuchte es nochmal.

„Hey, Süße, ist dir nicht gut?"

„Es ist nichts."

„Das sehe ich, das nichts ist. Eben. Nichts. Kommst du nun?"

„Nein."

Sie seufzte ein bisschen so, wie es ihre Mutter immer tat, wenn die Kinder nicht gehorchten, doch es war ebenso liebevoll gemeint. Ginny hatte viel von ihrer Mutter geerbt, vor allem das große Herz und dass sie die Menschen liebte. Schnell lief sie ein paar Stufen zum Gemeinschaftsraum hinunter und bat Harry, dass er sie bei Professor Flitwick entschuldigen möge. Natürlich würde er es tun, aber er machte sich auch Sorgen. Seine Ginny würde schon wissen, was zu tun ist und er liebte sie dafür jeden Tag mehr.

„So! Rutsch mal ein Stück."

Ginny setzte sich vor Hermione auf die Bettkante und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.

„Hey, ist es wegen gestern? Es ist doch nur Snape. Meine Güte, er hat uns schon alle mal fertiggemacht."

Hermione stöhnte auf und presste die Bettdecke auf ihren Mund. Nur Snape. Snape war alles. Severus war alles. Warum hatte es früher nie so weh getan? Weil sie da jünger gewesen, es nicht so weit gegangen und sie anders gewesen war. Und er war er. Severus – und jetzt wieder Snape. Nicht weniger, aber vielmehr.

Am allerschlimmsten war, nicht zu wissen, warum es so war. Sonst konnte man etwas unternehmen, etwas erklären oder...anfangen zu trauern.

Das hier war einfach nur Leere – vollkommen und bis ins Mark gehend – selbst nach so kurzer Zeit. Nie hätte sie geglaubt, wo sie doch immer alles so rational und klug überdacht hatte, dass Leere so weh tun könnte.

„Es ist nicht nur Snape, oder?"

Hermione zuckte regelrecht zusammen und hätte am liebsten herausgeschrieen, dass es nur er war. Nur?

„Du vermisst ihn."

Für sie klang es wie Snape, du vermisst ihn. Vermissen tat genauso weh wie die Leere, und dass die Leere so eiskalt sein konnte, kam noch hinzu – als wäre ihr Herz gefroren.

„Hast du denn mal versucht, ihn zu erreichen? Das muss doch irgendwie gehen."

„Ich hab keine Antwort. Nichts."

„Das erklärt alles. Ach Süße..."

Ginny begann nachzudenken, während sie Hermione weiterhin automatisch über die Haare strich. Dann musste sie wohl ihren Eltern von ihm erzählt haben, wie sonst hätte ihn ihre Post erreichen können? Vielleicht war er misstrauisch, weil er eine Antwort ihren Eltern zukommen lassen musste und nicht direkt an sie schreiben konnte. Andererseits erklärten es die muggelstämmigen Schüler immer damit, dass die Internatsschule strenge Regeln hatte oder so ähnlich. Und Hermione war in diesen Dingen nicht auf den Kopf gefallen.

Irgendetwas stimmte da nicht, sagte ihr Gefühl. Wenn es das nicht war, was dann? Die eigentlich einzigste Möglichkeit neben der anderen war (wenn er nicht gerade ins Krankenhaus gekommen war oder noch schlimmer), dass er sie nur ausgenutzt hatte.

„...manchmal hilft reden. Erzähl mir alles. Sag mir, was er gesagt hat, wie er sich verhalten hat, daraus kann man Vieles herauslesen."

Erst wollte sie nicht, doch dann war es ihr egal. Sie berichtete, wie er sich am Anfang gewehrt hatte, weil es so schnell ging, wie er langsam aufgetaut war und welche kleinen Gesten oder Bewegungen sie wirklich lieben gelernt hatte. Es war so anstrengend, weil sie jedes Wort auf die Goldwaage legen musste, um nichts zu verraten.

Als sie ihren Abschied schilderte und was er zuletzt gesagt hatte und vor allem, wie er es gesagt hatte, vergrub sie ihren Kopf in ein Shirt, dass sie die ganze Zeit unter der Decke festgehalten hatte.

Ginny merkte, wie sie sich bemühte, nicht zu weinen.

„Gib mir das mal, du brauchst dich nicht verstecken, und jetzt schau mich an. Eines kann ich dir sagen: Nichts davon hört sich so an, als sei es nicht echt gewesen. Wenn ein Mann schauspielert, hätte er immer sofort ja und auf jeden Fall und ich liebe dich und natürlich will ich dich wiedersehen warum fragst du gesagt. Das hier klingt ganz anders."

Während sie sprach, faltete sie das Shirt zusammen und wieder auseinander oder drehte es hin und her. „Es klingt einfach...richtig und das war es auch, da bin ich mir sicher."

Hermione lachte nur resignierend auf.

„Du kannst es jetzt gerade nicht erkennen, aber ich. Es wird wieder gut, Süße, irgendwann. Und jetzt... Hm, sag mal, was ist das hier für ein Shirt, das ist doch nicht deins!" Nach zwei Sekunden gab sie sich schon selbst die Antwort. „SEINS? Wie cool. Hat er es vergessen oder..."

Ginny brauchte nur die Augen von Hermione zu beobachten und wusste Bescheid. „Du hast es geklaut.", kicherte sie, auch, um sie etwas aufzumuntern.

„Ich habe nicht geklaut! Er...ich...es lag rum und er...hat nicht daran gedacht."

„Kluges Mädchen. Ich hatte am Anfang auch eins von Harry im Bett. Man kann gar nicht anders...es riecht dann alles nach...ihm. Man kann das gar nicht erklären." Sie drehte und wendete es diesmal bewusst und stellte nach einer Weile fest, dass es einfach schwarz war, woraufhin Hermione eine Augenbraue hochzog und erschreckend an jemanden erinnerte.

„Einfach schwarz? Hm, da muss sich doch noch mehr herausfinden lassen. Schade, nur ein Schildchen mit einem L drin. Das sind die Muggelgrößen, ja, weiß ich. Die Zauberwelt ist da einfallsreicher. Die Schneider oder Designer haben immer ihr eigenes Zeichen, das überall auftauchen kann. Manchmal beginnen sie zu leuchten, oder sie bewegen sich oder...was weiß ich."

„Das haben wir auch...naja, ähnlich."

„Hast recht, hab ich gar nicht gesehen...schwarz auf schwarz. Es ist nur aufgestickt. Ein Ritter auf einem Pferd?"

„Was?"

„Hier...da ist es."

„Hab ich gar nicht gesehen... Das ist...oh... Dad hat davon ein paar Teile...aber...?"

„Ja und? Dein Dad ist ja auch ein Mann, oder?", lachte sie, froh darüber, dass Hermione etwas auftaute und mit ihr redete.

„Äh, ja." Sie kannte die Marke und sie war nicht gerade...Durchschnitt. Im Gegenteil. Diese Kleidung trugen auch die, die in Ascot zum Pferderennen gingen. Gut, Severus und Durchschnitt passte schon nicht zusammen und sie ärgerte sich, dass sie all seine Sachen nicht mal genauer angesehen hatte. Wo hatte sie nur ihren Kopf gehabt und solch interessanten Dinge verpasst? Ach ja...

„Was ist das?", frage Ginny und schnüffelte regelrecht an dem Shirt. „Der Geruch, nein, der Duft kommt mir so bekannt vor. Woher das denn?"

„Ähm...keine Ahnung."

„Sein Parfum oder so? Aber ich kenne keins von... Doch, Harry hat irgendwann mal eins gekauft in Muggellondon vor Weihnachten, aber das ist es definitiv nicht. Hier, riech mal. Ach Quatsch, kennst du ja sicher im...äh...Schlaf."

Wie recht sie hatte. Es duftete nach Kräutern, wohl seiner eigenen Mischung, die ihr auch so gut gefiel und nach der sie ihn fragen wollte – ursprünglich – und nach ihm. Selbst ein Geruch konnte einen traurig machen... der die Sinne betört. Wie wahr.

„Das gibt's doch gar nicht. Ich kann das nicht kennen, oder doch? Es erinnert mich an...sind es Kräuter? Vielleicht benutzt sie Mum schon mal zum Kochen. Aber wie... ach, ich weiß es echt nicht. So ein Pech. Vielleicht fällt's mir später ein. Weißt du was? Ich entschuldige dich für heute und sag Professor McGonagall Bescheid."

Hermione schaute sie nur ungläubig an.

„Mir fällt schon was ein, keine Angst. Und morgen wird es besser, ja? Ich sorge dafür, dass dich heute alle in Ruhe lassen und dann hole ich dich morgen früh ab."

„Danke...du bist...so lieb."

„Klar doch. Und schlaf dich aus."

Das mit dem Schlafen hatte nicht gut funktioniert. Sie hätte alles dafür gegeben, einen Fernseher zu haben, der sie abgelenkt hätte, so wie sie es Zuhause schon mal tat, wenn sie keine Lust auf die Welt hatte. Später hatte schlafen gar nicht mehr funktioniert, weil sich ihre Gedanken im Kreis drehten und sie es nachts noch einmal unten im Kerker versucht hatte – ohne Erfolg.


Dementsprechend war ihr auch zumute, als Ginny sie am Donnerstag früh abholte. Mit Mühe und Not konnte sie ihre Freundin überreden, drei Löffel Müsli zu essen und schleifte sie regelrecht durch den Schultag. Harry und Ron wurden mehr und mehr besorgt, und Ginny hatte ihnen mit wenigen Worten erklärt, dass es ihr im Moment nicht so gut ging wegen ein paar...Frauenangelegenheiten. Andernfalls hätten sie keine Ruhe gegeben, doch bei diesem Thema hielten sie sich lieber zurück. Außerdem hatte sie sie gebeten, Hermione nicht darauf anzusprechen. Daran hielten sie sich und versuchten, sich so wie immer zu verhalten, damit sie ein bisschen Normalität um sich herum hatte. Das würde sicher bald wieder vorbei sein, dachten sie.

So vergingen auch die Zaubertrankstunden am späten Nachmittag, ohne dass sich etwas geändert hatte – für sie. Sie verbrachte sie wie in Trance und alle versuchten, ihre Arbeit zu übernehmen, wenn Snape nicht hinsah. Irgendwie schafften sie es, weil sie sich unglaublich Mühe gaben. Seine schlechte Laune schien sich immer noch steigern zu können und die ersten Schüler fingen an zu überlegen, ob sie zur Schulleiterin gehen sollten. Indirekte Hilfe hatten sie von Malfoy bekommen, der nach erneutem Punktabzug von Slytherin ausgetickt war und Snape angeschnauzt hatte. So etwas hatten sie noch nie erlebt und das Donnerwetter suchte seinesgleichen. Das hatte Hermione in die Realität zurückgeholt und sie überlegte, ob sie heute noch einmal den Versuch wagen sollte, mit ihm zu reden – schließlich war er ja gerade auf Draco sauer. Doch Snape rauschte in der Sekunde aus dem Klassenraum und verschwand irgendwo draußen, als die Stunde endete. Das war neu und sie hatte keine Chance.

Liebevoll kümmerte sich Ginny um Hermione und versuchte, alles so gut wie möglich zu drehen, dass es normal war. Sie bemerkte zwar, dass sie sich nicht mehr so schön schminkte wie am Anfang und nur noch wenig aß, doch das war normal, wenn man Liebeskummer hatte. Sie war ziemlich still geworden und antwortete meistens nur noch, wenn sie angesprochen wurde. Ihre Freunde akzeptierten das und versuchten zu lächeln.

Erst Freitagmittag änderte sich noch etwas, als Ron – wie so oft und wie üblich – fragte, ob er eine kleine Hausaufgabe bei ihr abschreiben dürfe.

„Ich darf nicht abschreiben, …Mine?! All die Jahre…", spuckte Ron mitsamt seines letzten Kartoffelstückchens aus. „Jaja, du hast uns immer erst hingehalten, aber die Zeit wird knapp, ich kann es nun mal nicht so gut…".

„Ron, mach den Mund wieder zu, wir fragen gleich nochmal nach…nach dem Essen wird jeder müde und dann…", versuchte Harry zu beschwichtigen.

„Hört auf, auf, auf!", schrie Hermione plötzlich. „Lasst mich in Ruhe, lernt endlich selbst, ENDLICH – ihr habt doch das echte Leben kennen gelernt – und schon wieder vergessen? Im echten Leben seid ihr allein. Und, Harry, NEIN, nicht nachher und niemals!"

Ron versuchte es nochmal mit seinem besten Dackelblick. Das hatte immer funktioniert, selbst nach ihrer Trennung. Das reichte ihr. Sie sprang auf, dass der Stuhl nach hinten kippte und das sah ihr so ganz und gar nicht ähnlich… das erinnerte irgendwie an…

„ICH HAB SIE NICHT GEMACHT, KAPIERT? Gar keine. NIE WIEDER – ES REICHT MIR!" Dann rannte sie aus der Großen Halle.

„Musste das jetzt sein, BRUDER?!"

„War doch eine normale Frage. Kann doch nicht ahnen, dass sie so drauf ist."

„Ach, ihr versteht gar nichts. Ich lauf ihr jetzt nach und ihr seid einfach nur...geht trainieren."

Der Ausbruch war für Hermione so ungewöhnlich, dass Ginny nicht wusste, ob sie ihr wirklich folgen sollte. Trotzdem hatte sie es getan und es war gut so, denn sie konnte sie wieder beruhigen. Am Wochenende beschloss sie kurzerhand, bei Hermione zu schlafen, dass sie nicht so alleine war, und das war die richtige Entscheidung. Sie wollte gerne in ihrem Zimmer bleiben und redete sogar mit Ginny über ganz normale Dinge. Es stellte sich heraus, dass sie wirklich keine Hausaufgaben gemacht hatte und daran merkte man, dass es tiefer ging als jemals zuvor.

Sie versuchte auch nicht mehr, hinunter in den Kerker zu gehen, denn es hatte keinen Zweck. Zu den Mahlzeiten, bei denen sie meistens – wenn überhaupt – nur dabei saß, etwas trank und höchstens einen Esslöffel voll hinunterbekam, war er sowieso nicht da, schon gar nicht an einem Wochenende.

Bei den Jungs hatte sie sich entschuldigt, denn sie hatte nachts viel Zeit zum Nachdenken und war zu dem Schluss gekommen, dass sie gar nichts damit zu tun hatten und dass es wirklich nur normale Fragen und Gespräche gewesen waren, wie sie sie seit Jahren führten. Alle litten genug unter Snape im Moment, da sollten sie nicht noch zusätzlich untereinander angiften. Daher war der Samstagabend eine schöne Ablenkung gewesen. Sie hatten zusammengesessen und alle hatten sich die beste Mühe gegeben, sie abzulenken.

Harry hatte heimlich mit Ginny gesprochen, weil er erkannt hatte, was los ist. Ron wollte er davon erst mal nichts erzählen – bis er es vielleicht selbst kapierte – weil er seit einiger Zeit wieder von Hermione sprach, und zwar nicht als beste Freundin. Scheinbar hatte er wieder mehr Gefühle für sie – oder sie hatten nie ganz aufgehört.

Es war ja noch nicht kompliziert genug, hatte Ginny daraufhin entnervt gestöhnt, obwohl sie es schon geahnt hatte. Sie vertraute auf Harry und der wiederum zeigte viel Verständnis, dass seine Freundin sich jetzt mehr um Hermione kümmerte. Wer könnte es besser?


Spät abends an dem Samstag kam Ginny mit ihrem Kissen zu Hermione und legte sich zu ihr ins Bett, es war ohnehin so groß. Ohne zu fragen begann sie, ihr eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen, die sie schon seit ihrer Kindheit von ihrer Mutter kannte...

Bald mischte sie immer mehr dazu, dass sie beide von einem Thema ins andere getragen wurden...

Durch einen daraus resultierenden Zufall fand Ginny heraus, dass Verus Severus war. Nach einer ersten Ohnmachts-Anwandlung, einem Blutdruck von über 300 und einem leicht hysterischen Lachanfall ließ sie sich überreden, den Tarnumhang von Harry zu borgen und mit in den Kerker zu gehen, weil es so nicht mehr weitergehen konnte. Die ganzen Schüler waren so fix und fertig von dem Unterricht bei Snape – Hermione eingeschlossen – dass sie es einfach versuchen wollte und musste, nochmal mit ihm zu reden. Gesagt, gewagt.

Ginny klopfte bei Snape an die Bürotüre und nannte ihren Namen, damit er auch öffnen würde. Er erschien tatsächlich an der Tür, die er unwirsch aufgerissen hatte. Während Ginny ihm eine Geschichte auftischte und das Blaue vom Himmel herunterlog, schlüpfte Hermione, verborgen unter dem Tarnumhang, in sein Büro. Ginny kam mit einem Straf-Aufsatz wegen unnötiger Störung zu später Stunde glimpflich davon, grinste und verschwand um die nächste Ecke im Flur, wo sie warten wollte und musste – falls irgendetwas schief gehen sollte.

Snape schloss die Tür, nahm sein Whiskyglas aus dem Regal neben der Tür, das er dort abgestellt hatte und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Das Glas flog zu Boden und zerbarst in tausend Scherben, denn er hatte sie gesehen. Sie, wie sie in seinem Schreibtischstuhl saß in dem nachtblauen Spitzentop, ein Bein lässig über die Stuhllehne gelegt.

„Entweder es endet so...oder so. Du hast die Wahl. Aber das Schweigen und die Hölle, das endet jetzt und hier und ohne einen anderen Ausweg."

Mehr sagte sie nicht und sah ihm dabei so würdevoll in die Augen, wie es ihre letzte Kraft noch zuließ.

Er war wie vom Donner gerührt und konnte nichts mehr denken, außer, wie dumm er gewesen war. Dumm und völlig neben sich, wie ein beleidigtes Kind, dem das liebste Kuscheltier genommen worden war. Es gab immer drei Seiten einer Situation, in der man steckte. Seine Sicht, ihre Sicht...und die Wahrheit. Schlagartig erkannte er, dass sich die Erde um die Sonne drehte, und nicht die Sonne um einen Snape.

Er fragte nicht wie oder warum oder was, sondern hob sie einfach hoch und trug sie in sein Schlafzimmer. Unsägliche Sehnsucht und Leidenschaft übermannte ihn und sie wurde dadurch mitgerissen. Und nur wenige Augenblicke später hörte er sie laut seinen Namen rufen, als sie unter ihm kam.


Seit mehr als zwei Wochen hielt sich das gute Wetter und ganz Britannien genoss sichtbar schönes, und mit Temperaturen um die 20 Grad oder mehr, ungewöhnlich warmes Frühlingswetter. Der Sonntagmorgen machte keine Ausnahme und die Sonne war schon fast ganz aufgegangen, als Ginny sich im Halbschlaf auf die andere Seite drehte und merkte, dass Hermione scheinbar unruhig träumte. Beruhigend legte sie die Hand auf ihre Schulter und schloss erneut die Augen. Ausschlafen musste man immer ausnutzen.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, da wurde sie erneut halb wach, weil ihre Freundin irgendetwas vor sich hin murmelte und sich bewegte. Weil sie noch so müde war, schloss sie die Augen und döste vor sich hin, als Hermione laut seufzte und mitten in ihrem wohl ziemlich laut ausgesprochenen „SeVERUS" aufwachte.

„Hä was...wer ist?" Ginny schlug die Augen auf und griff nach Hermiones Hand.

„Ah, Verus..."

„Was meinst du?", murmelte Hermione ganz verwirrt und schwer atmend.

„Du hast wohl laut geträumt und ich war auch noch nicht ganz...beisammen...scheinbar."

„Was hab ich gesagt?"

„Du hast nicht viel gesagt, nur vom letzten Wort bin ich wohl richtig aufgewacht. Hab ich erst nicht mitgekriegt, aber du hast, glaub ich, Verus gemeint. Hörte sich erst anders an aber sonst gibt es kein Wort. das ähnlich klingt... Süße, hast du von ihm geträumt?"

„Äh...jaaah.", nuschelte Hermione verschlafen.

„Du hast ganz gerötete Wangen...geht's dir gut? Kriegst du genug Luft?"

„Jaaah, schon gut. Dan-ke."

Sie legte den Arm über ihren Kopf und konnte Ginny nicht in die Augen sehen. Hatte sie wirklich gerade im Schlaf Severus gerufen? Du meine Güte. Was für ein Glück, dass sie sich keinen anderen Namen ausgedacht hatte, sonst wäre das ganz gehörig in die...Hose gegangen. Sie hatte wirklich von ihm geträumt und sofort erschienen ihr die Bilder davon, die sich so echt angefühlt hatten.

Es war so greifbar gewesen. Sie fühlte noch seinen festen Griff, als er sie vom Büro in sein Bett getragen hatte und war...ja, war wirklich von ihrem Orgasmus aufgewacht, der schon im Traum begonnen hatte – so echt, dass ihr jetzt durch das Gefühl des Verlustes die Tränen in die Augen stiegen. Mit den Fingern strich sie über ihre Lippen und fühlte seine Küsse, als wenn er gerade erst zur Tür hinausgegangen wäre.

„Du hast mir nicht geantwortet, Süße. Ich glaub, wir müssen dringend was unternehmen. Was hast du bloß geträumt? Erst stöhnen, jetzt weinen..."

Hermiones Wangen glühten noch immer von den Bildern im Kopf und den Empfindungen überall auf ihrem Körper und Ginny traf mal wieder ins Schwarze.

„Ich glaube, deine süßen roten Bäckchen verraten dich gerade, meine Liebe...das war aber ein intensiver Traum, was? Hab ich auch schon mal gehabt in der ersten Schulwoche nach...du weißt schon...nach den Weihnachtsferien. Mist, dass es nur ein Traum war, hm?"

„Jaaah verdammt."

„Wir müssen wirklich dringend was unternehmen, ich weiß nur noch nicht wie."

„Ja.", flüsterte Hermione und ging mit weichen Knien ins Bad.

„Das ist alles deine Schuld, Ginny...die Geschichte von gestern Abend...sie hat ja noch normal angefangen, aber dann..."

„Was bitte? Ich hab sie ganz normal erzählt, wie Mum es seit Jahren tut."

„Aber wir haben doch nachher über...du weißt schon...geredet."

„Gewiss nicht, Süße, ich konnte sie nicht einmal zu Ende erzählen. Irgendwann hab ich gehört, wie du auf einmal tiefe und gleichmäßige Atemzüge von dir gabst. Endlich hast du mal geschlafen!"

„Dann hab ich das alles wohl geträumt? Oh!"

„Das kann man wohl sagen."


Noch trauriger als zuvor gingen sie gemeinsam am Montagmorgen in die Große Halle. Hermione war flau im Magen und konnte nicht glauben, wie ein Traum sie so aus der Bahn werfen konnte. Ihr Herz tat so weh und sie sehnte sich so sehr nach ihm, dass sie meinte, umzukommen.

„Du musst etwas essen, komm schon, wenigstens den Apfel hier."

„Ich kann nicht..."

„Doch, du wirst, sonst werde ich böse."

„Jetzt gleichst du gerade deiner Mum."

„Na, das kann ich noch besser, wenn du jetzt nicht hörst."

Als die Jungs endlich dazukamen, nahm Harry Hermione von hinten in den Arm und Ron drückte kurz ihre Schulter und lächelte verlegen. Eigentlich konnte sie sich glücklich schätzen, wenigstens echte Freunde zu haben. Deshalb versuchte sie, zurückzulächeln und bekam ein Strahlen zurück.

Daraufhin nahm sie tatsächlich den Apfel und hatte ihn fast geschafft, als ein Knall die Große Halle erschütterte und alle zusammenzucken ließ.

„Ach ne...man beehrt uns auch mal wieder.", kommentierte Ron, der erstaunlich ruhig geblieben war.

Ginny hatte sich so erschreckt, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, was er meinte.

„Na guck doch...der große Auftritt muss ja sein.", erklärte er und nickte mit dem Kopf Richtung Lehrertisch, ohne hinzusehen.

„Oh, na das ist ja ein Ding. Ich glaub, die Hölle gefriert gleich. Ich kann gerade gar nicht sagen, welcher Blick schlimmer ist. Der von McGonagall oder der von ihm."

Jetzt wachte Hermione aus ihrem Schock auf und drehte langsam den Kopf. Die Stimmen ihrer Freunde hatte sie so gehört, als würde sie Ohrenschützer tragen. Erst der Traum, dann dieser Schlag der Tür und jetzt seine Gegenwart.

„Hermione, Hermione...was ist jetzt? ...Ist doch nur er... Da hat McGonagall wohl endlich ein Machtwort gesprochen. Der muss sich auch mal fügen."

Sie merkte nur noch, wie ihr übel wurde und rannte aus der Halle zu den Mädchentoiletten.

Den restlichen Montag brachte sie irgendwie hinter sich und konnte und wollte sich nicht mehr dran erinnern. Abends holte Ginny ihr einen Traumlos-Trank von Madame Pomfrey und wartete, bis sie schlief. Dann begann sie zu überlegen, wie sie Hermione helfen konnte, aber ihr waren die Hände gebunden, da ihr Freund für sie in der Muggelwelt unerreichbar war. Irgendwas musste es doch geben...


Dank der Hilfe von Poppy hatte Hermione wenigstens in der Nacht zum Dienstag geschlafen, wenn es ihr sonst auch nicht viel besser ging. Wie auch?

Pünktlich um acht standen alle im Flur vor dem Labor und warteten auf Snape.

„Hier, trink wenigstens was, Hermione. Bitte."

„Ich hab kein Durst, und jetzt lass mich."

Ein gequälter Gesichtsausdruck war alles, was sie gerade als Antwort bekam.

„Bitte. Ich vergaß."

„Du fällst mir noch um. Ich bitte dich... Du hast nur heute Morgen nicht einmal mehr einen Apfel gegessen – das kann nicht so weiter gehen. Außerdem ist es so warm draußen, selbst hier unten ist..."

„Im Kerker ist es kalt. Eiskalt."

Kaum hatte sie das gesagt mit einem unglaublichen Sarkasmus in der Stimme, den man von ihr nicht gewohnt war, rauschte er an ihnen vorbei und der Luftzug ließ sie frösteln. Eine Antwort war nun nicht mehr möglich, da sie es mittlerweile gar nicht mehr wagten, irgendein Wort unaufgefordert zu flüstern, geschweige denn zu sprechen.

Der heutige Trank war schwierig und die Zutaten stanken zum Himmel. Ob er wirklich zum Lehrplan gehörte oder ob es nur eine weitere Schikane von ihm war, wusste keiner so genau. Die einzigste, die es wahrscheinlich gewusst hätte, wenn sie noch die alte wäre, war Hermione. Was blieb ihnen, als sich ihrem Schicksal zu fügen? Ein Problem, das noch hinzukam, war die extreme Hitze, denn der Stinkende Nieswurz musste fast zwanzig Minuten über höchster Flamme gekocht werden.

Es kam wie es kommen musste. Hermione wurde schlecht, obwohl sie nichts gegessen hatte, und lief mit der Hand vor dem Mund aus dem Labor. Nie hatte es jemand gewagt, ohne Erlaubnis den Unterricht zu verlassen, aber dazu war sie gar nicht mehr in der Lage.

Endlich angekommen, übergab sie sich heftig und versuchte danach, sich mit kaltem Wasser wieder in die Realität zurückzuholen. Man konnte nicht sagen, was nun schlimmer war: Dem Unterricht fernzubleiben oder wieder reinzugehen. Sie entschied sich für Letzteres, denn beides würde Konsequenzen haben – so oder so. Also nicht den letzten Rest Würde verlieren.

So leise wie möglich ging sie wieder an ihren Platz und fühlte seine Augen auf ihr. Genauso leise wie sie schlich er sich an ihren Tisch und sprach Ginny an.

„Wenn noch einmal jemand wagt, meinen Unterricht unaufgefordert zu verlassen, fliegt der- oder diejenige von der Schule, das kann ich ihnen VERSICHERN! Richten sie es aus!"

Das war zuviel. Ginny nahm allen Mut zusammen – sie hatte schon anderes erlebt wie sie alle.

„Sie haben genau gesehen, was los war, SIR!", sagte sie leiser, als sie vorhatte.

„DAS MACHT KEINEN UNTERSCHIED, WEASLEY."

Danach beendete er die Stunde und rauschte als erster aus dem Kerker, wie schon zuvor. Die meisten wunderten sich noch, dass er keine Strafen verhängt hatte, bevor ihnen bewusst wurde, dass die Strafen auch auf einem ganz anderen Weg kommen konnten.

„Ich verstehe es nicht, ich kann es nicht verstehen...wieso spricht er nicht dich an? Was ist da los?"

Hermione schüttelte nur mit dem Kopf und wischte sich über die Stirn.

„Du hast recht, Ginny, ich verstehe es auch nicht.", meinte Harry und grübelte vor sich hin. Daraufhin holte Hermione ein Taschentuch aus ihrer Tasche und wischte sich den Schweiß und die Tränen ab.

„Du hast keine Schuld, Süße, und jetzt komm."

In der nächsten Schulstunde, wie immer bei Binns, blätterte Hermione abwesend in ihrem Buch über Koboldkriege und fand den Zettel, den sie in den Ferien so schnell in ihren Schulsachen verstaut hatte. Als sie weiterblätterte, schwebte er durch einen Luftzug auf den Boden.

„Dir ist ein Zettel aus dem Buch gefallen.", bemerkte Ginny und sah ihn sich an, während sich ihre Augen weiteten. „Von ihm? Aus den Ferien? Wie süß. Den hätte ich auch aufbewahrt." In Professor Binns Unterricht konnten sie ruhig flüstern, der bekam sowieso nicht viel mit.

Hermione seufzte nur.

„Hey, denk dran, ich hab dir was gesagt, es wird wieder. Ist nur eine Frage der Zeit, glaub mir. Ich glaub fest daran." Erneut las Ginny den Zettel und stutzte.

„Die Schrift kommt mir so bekannt vor. Wieder so ein Déjà Vu, genau wie das Shirt. Ich werde langsam verrückt. Wo hab ich die denn schon mal gesehen? Hast du mir den Zettel vielleicht schon mal gezeigt?"

„Weiß nicht.", log Hermione und hoffe, dass Ginny es bis Donnerstag vergessen hätte, wenn sie wieder bei Snape Unterricht haben würden. Dort sah sie die Schrift zweimal in der Woche an der Tafel.

„Tja, kann ja sein. Ich werde wohl alt.", grinste Ginny und gab den Zettel zurück. „Hier!"

„Oh, oh, danke.", flüsterte Hermione und legte das Stück Papier schnell wieder zurück in ihre Tasche. Sie schluckte schwer, weil sie sich erinnerte, an welchem Tag sie den Zettel Zuhause auf dem Küchentisch gefunden hatte.

Als sie abends im Bett lag, holte sie dieses kleine Stück Papier wieder hervor, das ihr so wichtig geworden war. Immer wieder las sie es durch: Wie ich hoffe, wird es nicht allzu lange dauern, bis ich wiederkomme, hatte er geschrieben. Sie versuchte, an die Worte zu glauben und stellte sich vor, dass sie immer noch Gültigkeit besäßen.

„Weißt du, was komisch ist?", sagte Ginny vor sich hin, als sie abends wieder im gleichen Zimmer lagen. „Viele Lehrer scheinen die gleiche Schrift zu haben...die von Verus sah der von Professor Obermies ziemlich ähnlich. Ist mir eingefallen. Liegt wohl am Beruf..."

„Hm...hast wohl recht.", war das einzigste, das Hermione noch sagte, bevor sie durch den Trank in einen halbwegs erholsamen Schlaf fiel.


Die Tage waren anstrengend genug und ehe sie sich versahen, war es wieder Donnerstag. Wieder Snape.

Beim Mittagessen sahen sie auf einmal Luna, wie sie in ihrer so typischen Art durch die Gänge wandelte und am Gryffindor-Tisch stehen blieb.

„Das ist...ungewöhnlich...ja...aber schön...wirklich schön..."

„Dass Nargel schön sind, hast du vorher noch nie behauptet, Luna. Was ist heute anders?"

Luna setzte ihre rosafarbene Brille ab und schaute ihre Freunde an.

„Jaja, ich weiß, aber das ist eine neue Brille. Sie zeigt mir, wer gerade verliebt ist. Habe sie auf dem Dachboden bei uns gefunden. Ich weiß nicht wo sie herstammt, vielleicht von Mum oder meiner Großtante Vif. Die Zeiten sollten auch langsam glücklicher werden, meint ihr nicht? Will jemand..."

Weiter kam sie nicht, denn Ron hatte ihr die Brille schon aus der Hand gerissen und setzte sie sich gerade auf die Nase. Er ließ sein Blick schweifen und hätte dabei niemals zugegeben, dass er sich – bewusst oder nicht – zuerst Hermione heraussuchte. Sie war nicht mit ihnen zum Essen hereingekommen, sondern kam endlich nach und setzte sich.

Rons Herz machte einen kleinen Aussetzer und dann einen Hüpfer. Man sah den Schein bei ihr ganz deutlich. Sein Grinsen wurde immer breiter während er langsam die Brille abnahm und sie Harry reichte. Der schaute ihn nur verwundert an und fragte erst gar nicht. Er wusste ja, dass Hermione gerade heftigen Liebeskummer hatte, nur nicht wegen Ron. Die Brille konnte doch bei ihr gar nichts anzeigen, da sie so verletzt war im Moment. Oder doch? Was hatte der denn wieder gesehen?

Im Gegensatz zu Ron drehte sich Harry erst einmal zu allen Seiten der Großen Halle, lächelte mal hier, wunderte sich mal da und war ganz verwirrt, als er den blassrosa Schein um Vincent Crabbe sah. Dann drehte er sich zu Ginny um und war fast geblendet von dem intensiven pink um sie herum und ihrem bezaubernden Lächeln. Merlin, wie glücklich er war! Das hielt ihn aber nicht davon ab, weiterzumachen, dazu war die Sache viel zu lustig.

Genau in dem Moment erhob sich Hermione, um sich einen winzigen Löffel Suppe in ihre Schale zu gießen, die sie doch nicht essen würde. Hunger hatte sie keinen – wie immer in letzter Zeit.

„Hermione! Du, du..."

„WAS, Harry? Nimm die blöde Brille ab, was soll das? Was willst du?", schnappte sie.

„Wow, das waren gerade aber echt viele Worte für heute, hat sich etwa was geändert? Ich dachte, der Schein wäre von Ginny weil du genau neben ihr sitzt, aber du leuchtest ja ganz von allein! Der Schimmer um dich herum sieht nur so aus, als sei er hinter einem Nebel."

„Ich vergess' mich gleich, hör auf so dumm rumzureden, was soll das alles, lass mich in Ruhe!"

Mit leisem Maulen, wovon man nur Bruchstücke von so etwas Ähnlichem wie Ron, nicht leicht und Hormone heraushören konnte, setzte Harry sich wieder und machte einfach weiter. Er hatte ja schon viel Verständnis, aber wenn es bei diesen Frauenthemen zu weit ging, war er doch leicht überfordert.

Bis dahin hatte er noch gar nicht daran gedacht, sich mal den Lehrertisch auf der Empore vorzunehmen. Professor Sinistra, ein frisches rosa, ja, sie war schon etwas länger verheiratet und offensichtlich glücklich. Hagrid, ganz klar, dachte an seine Madame Maxime, und pink liebte er sowieso, deshalb strahlte er fast wie Ginny. So langsam verstand er sich mit der Brille immer besser. Weiter. Professor McGonagall ging etwas ins orangerote, wie die Federn eines Phönix, allerdings mit ein paar dunklen Flecken, wie wenn ein buntes Glas trüb wird.

„Luna, die dunklen Stellen, ist das normal?"

„Dunkle Stellen? So wie Flecken? Ja, ja, das sehe ich bei Dad auch immer, seit Mum damals gestorben ist. Er liebt sie immer noch so sehr", bestätigte Luna traurig.

Harry verstand. Wie schön musste es gewesen sein – eine Jahrzehnte dauernde Liebe, sogar über den Tod hinaus. So etwas wünschte er sich auch. Irgendwie war keiner überrascht gewesen, als herauskam, dass sie und Professor Dumbledore mehr gewesen waren als nur gute Freunde und Kollegen. Als nächstes...

Ginny war während der ganzen Aktion immer stiller geworden und hing ihren Gedanken nach. Nur noch nebenbei hörte sie Harry vor sich hin murmeln. Irgendwas stimmte nicht ganz.

Sie wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen, als Harry die Brille plötzlich auf den Tisch warf. So weit weg wie sie war, hatte sie ihrem Freund gar nicht mehr zugehört, während er den Lehrertisch weiter beobachtet hatte.

„Hätte ich mir ja denken können, Luna, nix für ungut, aber die Brille funktioniert nicht. Zumindest nicht richtig. Aber Ginny, du...du hast mich doch wirklich lieb, oder?"

„Was soll das, Harry, das weißt du doch, und warum gehst du so achtlos mit Lunas Sachen um?"

„Er hat recht, Schwesterherz, guck doch selbst...ach menno, und ich hatte gehofft dass..."

Ginny riss ihrem Bruder die Brille aus der Hand und versuchte die Stelle zu finden, die die beiden gerade im Fokus gehabt hatten.

Professor Sinistra, Hagrid, dann Professor McGonagall. Bis dahin hatte sie eben noch alles mitbekommen. Dann kam Professor Flitwick, ohne irgendeinen Schimmer, zur Zeit jedenfalls. Professor Snape wurde von einem satten, dunklen Rotton umgeben, fast bordeaux, aber wie hinter einem Schleier. Zu seiner Rechten saß Madame Hooch, die...

Ginny stockte. Das mussten die beiden gemeint haben. Professor Snape? Professor Snape sollte verliebt sein? Das war doch nicht möglich, oder doch? Andererseits würde es sein Verhalten in letzter Zeit erklären – der Schein um ihn herum war ziemlich...neblig. Das stimmte nicht mit ihm und er ließ alles an seinen Schülern aus. Das war durchaus plausibel. Wenn die Brille funktionierte, hätten sie wenigstens eine Erklärung und Ginny konnte es kaum erwarten, die anderen über ihre Entdeckung aufzuklären.

Ein Gedanke kam ihr aber noch rechtzeitig. Sie winkte Luna zu sich und fragte sie flüsternd:

„Sag mal, weißt du, wie genau sie funktioniert? Ich meine, müssen die jeweiligen Verliebten, ich meine die Partner oder Partnerinnen, anwesend sein oder können sie von mir aus auch in einem anderen Land sein?"

„Soweit ich mich erinnere, müssen sie anwesend sein – außer, wenn jemand gestorben ist. Das wird ja durch die dunklen Flecken angezeigt. Die Liebe stirbt halt nie, weißt du, was ich meine?"

„Hm ja...ich weiß. Danke, Luna."

In Ginnys Kopf begann es zu rotieren. Sie wusste von Snapes Liebe zu Lily, doch seine Aura hatte keine dunklen Flecken, sondern war nur hinter einem Nebel versteckt. Das konnte doch nicht wahr sein...dann war sie hier...die, die er liebte? Wer sollte das denn sein? Vielleicht Trelawney, witzelte sie mit sich selbst, bevor sie wieder ernsthaft nachdachte. Oder vielleicht Sinistra – also wäre er unglücklich weil sie verheiratet war? Konnte sein, glaubte sie aber nicht. Nein, irgendwie nicht. Sie kam zu keinem Ergebnis.

Und kurz darauf traf die Erkenntnis sie wie ein Schlag. Hermione leuchtete, wenn auch stark getrübt. Das konnte dann nur bedeuten, dass Lunas neuester Fund doch nicht funktionierte, denn Verus war ja nicht hier. Dann würde auch Snape nicht verliebt sein und damit wäre wieder alles normal bis auf seine Laune. Das erklärte dann aber immer noch nicht Hermione, die ja definitiv tief drinsteckte. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.

Die Brille konnte nicht bei einem die Wahrheit anzeigen und bei dem anderen nicht stimmen. Entweder – oder. Die letzte Möglichkeit war, dass Hermione sie angeflunkert hatte und es einer aus Hogwarts war. Aber warum hatte sie ihn dann erst in den Ferien kennen gelernt? Das konnte auch nicht stimmen oder war auch gelogen. Warum sollte sie lügen? Sie konnte ihr doch vertrauen? Nein, das konnte nicht sein. Was für ein verfluchtes Ding. Vielleicht war es ja wirklich verflucht und sollte ihr nur den Verstand rauben...

‚Du bist verrückt.', stellte Ginny fest und verdrängte die wirren Gedanken. Außerdem beschloss sie, dass sie Ron dringend sagen müsste, dass er sich keine Hoffnungen machen sollte.


Der Unterricht ging weiter und sie mussten sich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Noch eine Doppelstunde Verwandlung – dann war es wieder soweit. Ab in die Hölle und durch.

Die zwei Stunden Zaubertränke waren vorüber. Die dritte Woche neigte sich dem Ende und keiner wollte daran denken, wie lange es noch so katastrophal weitergehen würde.

Üblich war – bis vor den Ferien – dass alle aus den Kerkern flüchteten, so schnell wie möglich, nachdem der Unterricht beendet war. Heute nicht. Wieder nicht. Heute trödelte wieder jeder ein bisschen herum, denn Snape war als erster hinausgeeilt und ging mit schnellen Schritten und wehenden Roben den Gang hinauf. Sie wollten ihm nicht im Weg stehen und vor allem ihm nicht nochmal begegnen. Das war nicht das erste mal in den letzten zweieinhalb Wochen. Das hatte er früher nie oder nur selten gemacht und langsam wunderten sich alle.

Alle bis auf eine.

Er war auf der Flucht, auf der Flucht vor ihr. Sie wusste es. Er hatte sich Todessern, Dumbledore und Voldemort gestellt, aber nicht ihr. Er hatte nie eine Konfrontation gescheut, mit niemandem, nur mit ihr.

Nur heute war es anders. Heute war sie anders. Sie konnte einfach nicht mehr. Die Tränen standen in ihren Augen, aber gleichzeitig flackerte ihre angestaute Wut darin auf, all die Wut, die sich tief in ihrem Inneren angesammelt hatte und nun wie ein Vulkan auszubrechen drohte.

Sie war die Letzte, weil sie ihn eigentlich heute nicht mehr sehen wollte, nur irgendetwas in ihr regte sich. Warum gerade heute, wusste sie nicht. Irgendetwas vermischte sich gerade in ihr, die unsagbare Traurigkeit, die angestaute Wut, die Enttäuschung, seine Worte während der letzten Ferientage, ihre Courage aus den vergangenen Jahren, die Gefühle als Frau und noch weitere undefinierbare Empfindungen, die allesamt als eine explosive Mischung unter der Oberfläche brodelten.

Bei seiner Flucht hatte er heute kurz seinen Kopf umgedreht. Zum erstenmal. Warum, konnte sie sich nicht erklären. Obwohl sie hinter den meisten Schülern zurücklag, trafen sich ihre Augen genau – zum allerersten mal seit den Ferien. Und das war der eine, der letzte kleine Funke, der sie ausbrechen ließ.

Mit schnellen Schritten bahnte sie sich einen Weg durch die Mitte ihrer Klassenkameraden, während sie nach Professor Snape rief. Manche wurden angerempelt oder beiseite geschoben und es war ihr egal. Die anderen schauten sie schon komisch an, manche auch nicht, denn es war nicht unbedingt das Ungewöhnlichste, dass Hermione noch etwas wissen wollte nach dem Unterricht.

Nur wer sie genau ansah, wurde aufmerksam. Ginny setzte sich in Bewegung und versuchte, sie mit schnellen Schritten einzuholen.

„Hermione, warte, du kannst noch nächstes Jahrhundert fragen, er ist nicht besser drauf als sonst...bitte...".

Sie hörte natürlich nichts und rief immer lauter nach Professor Snape. Er machte keine Anstalten, stehen zu bleiben. Jetzt hatte sie alle anderen Schüler überholt und blieb abrupt stehen, dass Ginny fast auf sie drauf prallte.

„Professor Snape, warten sie!", rief sie außer Atem.

Hermione hatte den letzten Rest Selbstbeherrschung gerade noch aufbringen können. Aber jetzt war es vorbei. Endgültig.

„Warten sie!"

Natürlich wartete er nicht.

„BLEIBEN SIE STEHEN!"

Den Tonfall und die Lautstärke waren sie von Hermione nicht gewohnt, deshalb schauten die meisten schon gespannt zu und versuchten, mit ihr – und ihm – Schritt zu halten.

Ginny spürte irgendetwas – weibliche Intuition womöglich, oder ziemlich wahrscheinlich – denn sie griff Hermiones Umhang hinten am Rücken und versuchte, sie aufzuhalten und zu beruhigen. Dass es nicht klappte, ahnte sie schon vor dem Ausbruch – irgendwie.

„SEVERUS SNAPE, BLEIB ENDLICH STEHEN!

SIEH MICH AN! SIEH MICH ENDLICH AN, VERDAMMT!", schrie sie durch den Korridor, dass man meinte, es hallte durch das ganze Schloss.

tbc