A/N:
Ihr Lieben,
da ihr ja scheinbar mit Hermione leidet und ihr wahrscheinlich Snape am liebsten in den...Allerwertesten treten wollt, lade ich mal lieber schnell hoch, bevor ich mich ab Sonntag für eine Woche abmelde. Also bitte nicht böse sein, wenn nicht direkt eine Antwort kommt – ABER: Wenn alles klappt, kommt das nächste Kapitel relativ pünktlich am darauffolgenden Sonntag.
Ich hab euch lieb ;o), auch die Unbekannten...
VLG KeyMagic
P.S.: Die Songtipps, die ich heute gebe, passen so erschreckend, dass ich ein bisschen zitieren musste. Ihr müsst sie euch eigentlich anhören, dann wisst ihr genau, wie Hermione drauf ist... herrje
Kapitel 27
*Savatage: „Taunting Cobras"*
"Hey, you, she's gonna get you if you go walking by this corner slow
Don't think she's gonna let you leave just because you want to go
Boy you ain't seen nothing yet – It's a long train of regret"
„SEVERUS SNAPE, BLEIB ENDLICH STEHEN!
SIEH MICH AN! SIEH MICH ENDLICH AN, VERDAMMT!", schrie sie durch den Korridor, dass man meinte, es hallte durch das ganze Schloss.
Sie waren alle stehen geblieben wie erstarrt. Alle, er auch.
Ron war vor Schreck der Rucksack auf den Boden gefallen, Lavender schaute ganz interessiert und irritiert und Harry knetete nervös seinen Zauberstab, den er instinktiv gezückt hatte. Die meisten Slytherins fingen nach dem ersten Schock an zu grinsen – in Erwartung einer nie da gewesenen Auseinandersetzung eines Schülers mit Snape und eines Donnerwetters, das sie noch ihren Enkeln erzählen würden. Endlich war der Fokus wieder auf Gryffindor. Und zwar so richtig.
Hermione zitterte am ganzen Körper, ließ aber ihre Augen nicht von Snape. Sie konnte das Flackern in seinen Augen sehen, obwohl sie im Flur etliche Meter auseinander standen. Ginny hielt sie immer noch von hinten fest und fing an, mit der anderen Hand kleine Kreise auf Hermiones Rücken zu ziehen, vielleicht auch, um sich selbst zu beruhigen.
Ganz langsam realisierte sie dabei, dass Hermione Snape geduzt hatte. Ihre Gedanken fingen wieder an zu rotieren, so schnell, dass sie kein klares Bild zu fassen bekam. War es ihr nur so herausgerutscht? Sie war doch immer so korrekt gewesen! Ein über Jahre hinweg angeeignetes Verhalten war eigentlich schon automatisiert, das konnte es nicht sein.
Was sonst? Was wenn...? ‚Dunkle Haare, dunkle Augen...' ratterte ihr Unterbewusstsein, und sie wusste nicht, warum es das tat. ‚Nein, das kann nicht sein. Das ist ausgemachter Unsinn. Kann nicht. Ginny, du hast gleich einen Nervenzusammenbruch.'
Sie kam ein bisschen hinter Hermiones Rücken hervor, um besser sehen zu können und gegebenenfalls schneller helfen zu können, bei was auch immer.
Snape sah sie einige Augenblicke mit eisiger Miene an, aber Hermione hielt seinem Blick stand. Urplötzlich machte er ein paar schnelle Schritte auf sie zu und packte sie am Arm, dass sie aufschrie. Mit der anderen Hand griff er ihren Hinterkopf, zog sie grob an ihren Haaren zu sich und küsste sie hart auf den Mund.
„IST ES DAS WAS DU WILLST? EINEN SKANDAL? AUF MEINE KOSTEN? brüllte er.
Ginny hielt die Luft an und presste sich vor Schreck die Hand vor den Mund. ‚Snape hat sie geküsst, Snape hat sie...'
„HAST DU ES SCHON ALLEN ERZÄHLT? IHM AUCH?"
Harry reagierte ganz anders als seine Freundin, ganz nach Gewohnheit. Er hatte seinen Zauberstab erhoben und richtete ihn gerade auf Snape. Vor Voldemort hatte er keinen Rückzieher gemacht – warum jetzt?
„UNTERSTEHEN SIE SICH, POTTER, SONST WERDEN SIE LERNEN, WIE SICH EIN RICHTIGER CRUCIO ANFÜHLT!"
Nun zitterte auch Ginny am ganzen Körper, weil sie die Szene beinahe hautnah miterlebt hatte. Snape schien sie gar nicht realisiert zu haben. Das Zittern und der Schock erschwerte weiterhin das Denken, sodass sie nur Gedankenfetzen an ihr vorbeiziehen sah. Für Sekunden bewegte sich keiner und auf einmal stieg ihr ein Duft in die Nase, der sie schwindeln ließ – nicht wegen der Intensität, sondern weil sie ihn kannte...erkannte. Kräuter! Und sie sah sich, wie sie in Hermiones Zimmer das Shirt, sein Shirt, an sich presste, um sich an den Duft zu erinnern. Der gleiche Duft...SEIN Duft! Und dann war da noch...
Snape drehte sich plötzlich blitzschnell wieder um und richtete den Zauberstab nun auf Hermione.
„Obl..." Sie war vorbereitet. Schon seit den Ferien.
„PROTEGO!", schrie sie ihm entgegen und sein Zauber prallte daran ab. Kaum, dass sie den Schutz über sich gelegt hatte, machte sie sich bereit, loszulaufen – er würde ihr nicht entkommen. Diesmal nicht mehr.
Die ganze Situation war so grotesk, dass keiner mehr klar denken konnte. Harry ließ den Zauberstab wieder sinken und funkelte Snape hasserfüllt an. Er war also der Grund für Hermione...für...die Hölle von Unterricht! Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte gar keine Zeit, darüber nachzudenken, was das alles mit sich brachte... Nur nebenbei bekam er mit, dass Neville Ron mit aller Kraft festhielt – festhalten musste. Er schien Snape irgendwas antun zu wollen, egal was. Auf Neville war Verlass, Harry konnte sich ja nicht um alles kümmern, und Hermione war im Moment die, auf die er aufpassen musste.
Bevor sich Harry den Weg durch die Menge bahnen konnte, um ihn vielleicht mit anderen Mitteln angreifen zu können, richtete Snape seinen Zauberstab auf die Schüler, von denen die meisten mittlerweile in einem gebührenden Abstand die Szene verfolgt hatten, und sprach einen gewaltigen Obliviate. Ob generell oder nur an Schülern verboten, war vergessen und völlig egal. Es war notwenig.
Dann drehte er sich um, dass sein Umhang nur so flatterte, und war so schnell um die Ecke des Flures verschwunden, dass Hermione nun doch rennen musste, damit er ihr nicht entkam.
Bei der Klasse hatte der Obliviate funktioniert und die Schüler gingen ein wenig irritiert, aber zügig ihres Weges, nur Ginny stand wie versteinert im Flur und wurde von ein paar Mitschülern angerempelt, weil sie im Weg war.
Sie hatte noch recht nahe an Hermione gestanden...hatte der Protego sie mit eingeschlossen? Da sich scheinbar keiner ihrer Mitschüler auffällig oder entgeistert benahm, musste es wohl so geschehen sein.
„Ginny, Ginny, was ist mit dir?" Harry war zurückgekommen und fasste sie an der Schulter. „Schatz, ich mach mir Sorgen, was ist los?"
„Harry...nichts...nein, es...ist nichts.", sagte sie nervös und war kurz davor, sich die Finger zu brechen, weil sie sie so krampfhaft ineinander verschlungen knetete.
Mittlerweile war Ron auch wieder in ihrer Nähe, denn er hatte nach Hermione gesucht. Sie musste schon vorgegangen sein.
„Was ist mit ihr? Hey, Gin, du sieht aus, als hättest du einen Dementor gesehen."
„Lasst mich, Jungs."
„Bitte Schatz, sag mir..."
„LASST MICH! Ich...ich...muss nur Hermione finden. Jetzt. Sofort. Sonst...passiert ein Unglück."
„Du siehst aus, als wenn du gleich umkippst. Du hast ja alle Farbe verloren. Ich komme mit!"
„Auf keinen Fall."
„Aber..."
„ICH MUSS LOS – JETZT. GEHT!"
„Ja dann..."
Ron sah Harry an und der zuckte nur mit den Schultern. „Wahrscheinlich wieder eine Sache unter Frauen, das verstehen wir sowieso nicht.", versuchte er resignierend zu erklären. Trotzdem war ihm ein wenig mulmig zumute. Ginny wirkte so, als hätte sie etwas so richtig erschreckt oder sie sei so richtig verzweifelt, doch beides konnte nicht sein. Warum auch? Es war doch nichts passiert, außer, dass es Hermione im Unterricht mal wieder übel geworden war.
Er hätte sie abhängen können, das wusste er. Warum tat er dann nicht alles dafür? Zwar trugen ihn seine Beine schnell aus dem Kerker, doch in eine Richtung, die er absolut nicht im Sinn hatte. Höher und höher, eine Treppe nach der anderen. Warum ausgerechnet hierhin? Bald stand er in dem verlassenen Trakt des siebten Stocks, wo ihr Raum war, wo er ihr danke gesagt hatte, wo er mit ihr glü...
„Ich kann mich wehren und ich werde es wieder tun, falls es nötig wird.", rief sie ihm mit gezücktem Zauberstab hinterher, wobei sie ihn langsam einholte. Eigentlich wollte er ihr entkommen und sie links liegen lassen, wirklich, doch irgendetwas ihn ihm sagte ihm, das Maß sei voll, zumindest für heute. Er konnte sich nicht gegen sich selbst wehren. Schon wieder. Was für eine Katastrophe.
Nach gefühlten Minuten, in denen er vor ihr stand und sie immer noch mit eiskalter Miene angeschaute, brachte er nicht viel hervor.
„Du hast dich in den Ferien auch nicht gewehrt.", sagte er kaum hörbar. Mit den laut gesagten Worten begann seine Fassade zu bröckeln.
„Wogegen?", flüsterte sie ebenso leise und mit Tränen in den Augen.
„Gegen deine Gefühle...und gegen mich. Du hast es zugelassen und jetzt...sieh dir an was daraus geworden ist."
„Was draus GEWORDEN IST?", schrie sie, ohne Rücksicht auf eventuelle Mithörer. „Du hast mich behandelt wie ein NICHTS seit wir zurück sind, du hast mich ignoriert und ich weiß nicht im Geringsten warum."
Ginny hatte so eine Ahnung, wo Hermione zu finden war. Sie hatte gesehen, dass sie nach oben gelaufen waren. In diesem Teil der vielen Flure kamen nur selten Schüler hin. Es war ein Ort, wo man fast immer ungestört sein konnte, wenn man musste – hatten sie und Harry eines Tages herausgefunden.
Als sie ganz außer Atem von den vielen Treppen um die letzte Ecke bog, hörte sie schon Hermione schreien. Sie zwang sich, weiter bis zur nächsten Säule zu gehen. Ihre Freundin in so einer Situation alleine zu lassen, brachte sie nicht über sich. Sie alle waren so sehr zusammengewachsen in der schlimmen Zeit. Nur konnte sie bis jetzt gar nicht einschätzen, was für eine Situation es war. Die Ahnung, die sie hatte, versuchte sie verzweifelt zu verdrängen. Leider sprach alles, was sie eben gehört und gesehen hatte, dagegen.
„Du müsstest meine Ignoranz gewohnt sein nach all den Jahren – und kannst nicht damit umgehen? NUR IST ES DANN NICHT MEIN PROBLEM!". Snapes Stimme war von leisen Tönen bis zu einem Brüllen angewachsen. Die angestaute Wut bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche, die er mit Punktabzug und Strafarbeiten nicht im Geringsten hatte kompensieren können.
*Within Temptation: „Caged"*
"He told me he loved mewhile he laughed in my face, he just led me astray…"
Ginny hatte ihn selten brüllen gehört und dachte immer, wenn er leise spricht, würde es am meisten Angst einflößen. Nicht so jetzt. Eine andere Komponente kam hinzu – sie hatte ihn nie so emotionsbeladen erlebt, nie hatte er einen derartigen Gefühlsausbruch gezeigt. Sie traute sich nicht mal, normal zu atmen, obwohl sie kaum Luft bekam.
„WAS HAST DU FÜR EIN PROBLEM? Seit ich hier angekommen bin, ist NICHTS gewesen. Keine Berührung, kein Wort, nicht einmal ein Blick. WAS IST LOS? DU MACHST UNS DAS LEBEN ZUR HÖLLE, DU MACHST MEIN LEBEN ZUR HÖLLE!"
Er kniff nur die Augen zusammen und es schien so, als würde er all seine Kraft brauchen, um nicht handgreiflich zu werden.
„NICHTS, NICHTS IST LOS. Verstehst du es denn nicht? Sonst willst du immer klug sein – und es war auch NICHTS. Hast du wirklich geglaubt, dass es weitergeht?", sagte er, und man glaubte, das Gift käme über seine Stimme an die Oberfläche. Er wandte sich ab und schaute durch eines der hohen bunten Fenster des Gangs.
Ginny atmete heftig aus, weil sie die Luft angehalten hatte. Das durfte doch alles nicht wahr sein, das konnte nicht wahr sein, was sie da hörte. In den wenigen Sekunden des Schweigens hatte sie einen lichten Moment und errichtete vorne an der Treppe eine leise Alarmbarriere, damit wenigstens sie gewarnt würde, falls jemand von unten hier hoch kommen würde. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Die meisten waren jetzt beim Abendessen. Das hier durfte kein anderer jemals hören.
Im Geiste rekapitulierte sie nochmal alles. Man hatte ja schon gehört und erfahren, dass man in extremen Stresssituationen doch klar denken konnte, wenn es so wichtig war. Sie schaute vorsichtig um die Ecke und sah die beiden.
‚Dunkle Haare, dunkle Augen. Aber Muggel? Nach genauerem Nachdenken kam sie drauf, dass sie selbst den Schluss gezogen hatte – genau wie die Sache mit dem Alter. Nie hatte Hermione etwas Konkretes dazu gesagt. Dann die Antworten, die nicht kamen und...dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihrer Freundin war es immer am schlechtesten gegangen, vor, während oder nach den Zaubertrankstunden – und nie hatte Snape sie angesehen. Der Duft von eben...und der Zettel. Die Schrift – seine Schrift. Zuviel der Zufälle. Das war es. Sie hatte recht und überlegte völlig überfordert, ob sie recht haben wollte. Es schien, als hätte sie keine Wahl.
Was sollte sie nur tun? Eingreifen war wohl kaum das Richtige – im Gegenteil. Entweder in die Höhle des Löwen oder in eine Schlangengrube zu geraten, war nicht wirklich eine Alternative. Das bedeutete dann wohl abwarten. Nervös knetete sie ihre Finger in der Hand, wobei ihr einfiel, was Hermione alles über die Ferien erzählt hatte, über ihn erzählt hatte und über sie...beide. Das Bild, das sie von Verus durch die Schilderungen im Kopf erschaffen hatte, musste sie durch Sna..., durch Severus ersetzen und ihr wurde ganz schwummrig. Krampfhaft versuchte sie erst mal, die Details auszublenden, die in ihrer Erinnerung schwebten. Damit würde sie sich später befassen...müssen.
Snape sprach weiter gegen das Fenster und das holte Ginny zurück in die...Realität.
„Du dummes...Mädchen. Manchmal bin ich auch nur ein Mann, stell dir vor, ich habe es ausgenutzt. Nur Sex, nichts weiter." Ihm wurde leicht übel und war froh, dass er von der steinernen Mauer gestützt wurde.
Hermione stand da, als hätte er sie geohrfeigt. Als sie wieder bei sich war, stellte sie sich direkt hinter ihn.
„Sag mir das ins Gesicht!"
Von ihm kam keine Reaktion.
„SEVERUS SNAPE", schrie sie, „DREH DICH UM UND SAG MIR DAS INS GESICHT! ICH WILL DABEI IN DEINE AUGEN SEHEN!"
Vor lauter Entsetzen weiteten sich Ginnys Augen und sie fühlte sich, als mache ihr Herz gleich einen Aussetzer. ‚Es ist wahr!' Ihre Ahnung, ihre Befürchtung, die Erkenntnis erwies sich gerade als richtig – ohne Zweifel. Deutlicher hätten sie sich nicht ausdrücken können. Ihre Kehle schnürte sich zu, denn sie hatte Hermione selten oder eigentlich noch nie schreien hören. Vor allem was sie da schrie, konnte einem vor lauter Verzweiflung die Tränen in die Augen treiben.
Noch immer drehte er sich nicht um.
„Wer bist du, dass du mir Vorschriften machst? Du hast es gehört und damit ist Schluss."
„Du sagst so etwas? Du, der du die ganze Zeit nein, nein, und nein wir dürfen nicht, nein es ist falsch gesagt hat? Der sagt jetzt ich habe es ausgenutzt? DU LÜGST!"
„Bist du sicher?"
„Nur Sex? Und was war dann mit den drei Wochen bis jetzt? Kannst du nicht mehr? Hast du genug?"
„Oh, die Vorzeige-Gryffindor kann auch unter der Gürtellinie?"
„Ich habe den besten Lehrer!"
„Es war eine...NETTE ABWECHSLUNG!", erklärte er süßlich, wobei er meinte, seine Innereien würden sich nach außen kehren vor lauter Übelkeit.
„DU LÜGST SCHON WIEDER, DU GEMEINER...BASTARD!"
Er lachte spöttisch. „Ich habe schon Schlimmeres gehört."
„Kannst du haben, aber vorher sag mir eines: Was ist zwischen Sonntagnachmittag und Montag nach den Ferien passiert? WAS?"
Snape atmete tief aus und schwieg. Warum war er eigentlich noch hier? Irgendetwas hielt in fest und er kam nicht dagegen an.
„DAS BIST DU MIR SCHULDIG! SAG ES MIR, VERDAMMT NOCHMAL!"
„HAST DU ETWA GEDACHT – GEHOFFT – ICH SEI SCHON WEG AN JENEM SONNTAG?", schrie er genauso laut wie Hermione.
„Du hast sicher gedacht endlich freie Bahn, oder? Die alte, hässliche Fledermaus ist endlich weg? Hattest du ihm schon vorher Bescheid gesagt? Das war ein perfektes Timing, doch das beherrschst du ja schon lange, nicht wahr?"
Sie konnte gar nicht glauben, was sie da hörte. Was in Gottes Namen meinte er denn? Sie war sich absolut keiner Schuld bewusst und ihr drehte sich der Magen rum, weil es ihr so sehr weh tat. Was war bloß geschehen?
„WEM HABE ICH WAS GESAGT?"
„Kaum warst du draußen, da bist du IHM um den Hals gefallen. Aber was für ein Pech, ICH WAR NOCH NICHT WEG, WEIL ICH DICH... aaaah verflucht, ICH MUSS MICH NICHT ERKLÄREN!"
„Sam.", flüsterte sie und wusste nicht, ob sie laut lachen oder schreien sollte.
„WAS?"
„Er ist..."
„GLAUBST DU WIRKLICH, ICH WILL DAS HÖREN? HAT ES DIR, HAT ES EUCH SPASS GEMACHT? Oder behandelst du ihn genauso wie mich? Kurz vorher noch mit mir..."
Er schlug mit der Faust gegen die raue Wand, doch spürte den Schmerz nicht im Geringsten.
„Hör mich doch an..."
„ICH BRAUCHE NICHT HÖREN, ICH HABE GENUG GESEHEN. WARUM VERSCHWINDEST DU NICHT EINFACH?", schrie er gegen die Mauer.
Mit letzter Kraft wollte sie es nochmal auf die sanfte Tour versuchen, wenn das nicht half, wäre sie verloren. Zögernd ging sie zu ihm hin und stand nun direkt hinter ihm.
„Hör mir zu! Ich habe dir an jenem Sonntag gesagt, dass ich mich in dich verliebt habe, das gilt, und zwar mit jeder Faser meines Herzens. Sogar in dieser Sekunde noch."
Er stieß sich von der Mauer ab und schaute sie an. „Du weißt doch nicht, was du sagst."
„Doch, ich weiß genau was ich sage.
„Verliebt? Ich möchte brechen.", sagte er sarkastisch und drehte sich wieder weg, damit sie sein Gesicht nicht sehen konnte.
„Ich würde dich gerne jetzt hassen, aber kann es nicht. NICHT MAL JETZT, IST DIR DAS EIGENTLICH KLAR?"
„Soll ich es dir beibringen? WIE VIELE LEKTIONEN BRAUCHST DU NOCH, MISS NEUNMALKLUG? Hak es einfach ab, sieh es genau wie ich: Eine weitere, nette ABLENKUNG, AFFÄRE, was weiß ich, wie du es siehst."
„Keine einzige Lektion brauche ich mehr, Professor. Mir reicht es. Aber ich habe noch eine für dich:
Was glaubst du...meinst du, es sei SO EINFACH gewesen, dir DAS zu sagen? Oh klar, ja, ich hab gedacht ah, die Sonne scheint, wem sag ich's denn heute mal? Und da DU gerade da warst... Ist ja auch so einfach. Ist ja nur Snape. Oh entschuldige, PROFESSOR Snape. Der ist ja immer so gutmütig und mag alle seine Mitmenschen, was ist schon groß dabei, ihm heute mal deine Liebe zu gestehen."
Snape ging ein paar Schritte Richtung Treppe. Er konnte einfach nicht mehr. Er wollte nur noch weg, aber sie war noch nicht fertig.
„Aber soll ich dir noch was sagen: Nicht nur mein Geständnis war richtig. Alles war richtig, es war richtig, der Zeitpunkt und du, du warst genau der Richtige – der Richtige für mich. DU UND KEIN ANDERER. Ich bereue es keine Sekunde und ich würde es nie anders erleben wollen. Du bist mir wichtig geworden,", flüsterte sie nur noch.
Er war schon auf dem Weg zurück, als er wie versteinert stehen blieb. War es so, wie es sich anhörte? Der Zeitpunkt, der Richtige für... Das durfte nicht wahr sein, bei allen Göttern des Universums.
‚Um Merlins Namens Willen, bitte nicht, bitte nicht, bitte nicht.' Keiner konnte ahnen, wie er sich jetzt fühlte.
Als er ging, drehte er sich nicht mehr um.
Ihre Ohren rauschten und sie fühlte sich schwindelig. Aber es war vorbei. Sie hatte es hinter sich. Viel länger hätte sie es auch nicht mehr ausgehalten – die Konfrontation mit ihm war unumgänglich geworden, nur, dass es sich nicht anders anfühlte als vorher. Sie hatte ihm unterstellt, dass er lüge, aber sicher war sie sich nicht. Aber er konnte in den Ferien nicht alles nur gespielt haben...nein, das war nicht möglich, weil sie etwas ganz anderes in seinen Augen gesehen hatte.
Warum hatte er ihr nicht zugehört? Er hatte an dem Sonntag nur Sam gesehen. Irgendwann wurde ihr klar, dass er ihr sowieso nicht geglaubt hätte, nicht in der Situation, nicht in der Rage. Das wäre wahrscheinlich andersherum genauso gewesen. Wie schwer es fiel, klare Gedanken zu fassen, wenn das Herz, wenn die Seele so weh tat...
Bloß jetzt keinem begegnen...sie wollte nur allein sein und erinnerte sich plötzlich an den Raum...an ihren Raum. Vor lauter Kummer hatte sie ihn ganz vergessen, obwohl er ihr doch als Rückzugsort hätte dienen sollen. Vielleicht, weil da auch ihre Erinnerungen an ihn waren. Doch jetzt war es das Beste, was ihr passieren konnte. Sie war doch schon hier oben und realisierte gerade, dass es ihn auch hierhin gezogen hatte. Was für eine Ironie...oder nicht?
Ginny hatte Glück. Snape war an ihr vorbeigerauscht und hatte sie nicht gesehen, weil sie sich fest an eine Säule gepresst und den Atem angehalten hatte. Nicht nur damit hatte sie Glück, sondern auch, dass ihr Alarm nur in eine Richtung funktionierte.
Aus dem Augenwinkel sah sie gerade noch, wie Hermione durch eine Tür verschwand, die sie vorher gar nicht gesehen hatte. Schnell lief sie hinterher, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Der Alohomora funktionierte nicht, also konnte sie nur passwortgeschützt sein. Jetzt konnte sie nicht einmal ihrer Freundin beistehen.
Er rannte die Treppen hinunter und der wehende Umhang ließ ihn wie einen großen, bösen, schwarzen Racheengel aussehen. Jeder, der die Unmöglichkeit hatte, ihm im Weg zu stehen, wurde angeschnauzt und die anderen pressten sich schnell an die Wand oder ans Treppengeländer, um Platz zu machen.
Vor lauter Wut lief Ginny zum Treppenabsatz und schrie runter. Ja, sie hatte wirklich viel von Molly geerbt, zumindest konnte sie sich genauso gut aufregen.
„Snape, sie mieser...MIESE...GIFTIGE OBERSCHLANGE... DANKE AUCH FÜR...ach verdammt.", rief sie ihm hinterher. Glücklicherweise hörte er sie wohl nicht mehr, sonst hätte sie es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gemerkt, und es wäre sicherlich schmerzhaft geworden.
Ein leises Klicken hatte sie aufhorchen lassen. Sie ging ein paar Schritte zurück und sah, dass die Tür einen Spalt offen stand – die Tür, durch die zuvor Hermione verschwunden war und die sich nicht öffnen ließ. Vielleicht hatte sie sie von innen aufgemacht. Es war keine Zeit zum Wundern.
Vorsichtig vergrößerte sie den schmalen Spalt um ein paar Zentimeter, spähte hinein und war völlig überwältigt von dem großen, schönen, aber relativ leeren Raum. Den hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Und dann entdeckte sie sie.
Hermione kauerte mitten in diesem...Salon auf dem Boden, gänzlich in sich zusammengesunken und weinte – sie wurde regelrecht durchgeschüttelt von ihren Tränen.
„Hey, Süße...", Ginny lief zu ihr hin, kniete sich auf den Boden und nahm sie sofort in den Arm. Hermione fragte nicht, sondern vergrub einfach ihr Gesicht in Ginnys Schulter. Wie eine Mutter, die ihr Kind tröstet, wiegte sie sie in ihren Armen und wartete einfach ab, bis sie sich beruhigen würde. So verletzlich und so verzweifelt hatte sie Hermione noch nie erlebt. Nach dem Krieg waren sie zwar alle mit den Nerven am Ende gewesen...aber das hier war anders. Sie war nicht mehr stark und musste es auch nicht mehr sein. Das war es.
Langsam wurden die Tränen weniger und Hermione murmelte vor sich hin.
„Was sagst du, Süße, sag es mir, lass alles raus...bitte."
„Mein Flügel...er ist nicht mehr da..."
„Flügel? Was für ein Flügel?"
„Mein Flügel...hier stand er...genau hier...", sagte sie unendlich traurig und zeigte im Kreis um sich herum. „Auch das hat er mir genommen..."
„Ich versteh nicht, ein Flügel...eine Feder...von einem Vogel?"
„Nein, mein Flügel...zum Spielen..."
„Bitte, Süße..."
„Musik...Ginny...wie ein Klavier...weißt du...nur größer, so schön..."
„Oh...so was haben wir hier in Hogwarts? Wusste ich gar nicht."
„Er...hat ihn für mich gefunden."
Ginny war perplex. Das hätte sie Snape gar nicht zugetraut. ‚Er hat extra für sie...wow.'
„Ich sag jetzt nicht vergiss ihn...das wäre zu schnell...wir lassen uns was einfallen, ja?" Schlagartig wurde Hermione bewusst, dass Ginny es wusste, sie wusste von ihm, von ihr, von...
Völlig in Gedanken erhob sie ihren Zauberstab und richtete ihn auf ihre beste Freundin.
Ginny war vielleicht nicht ganz so allwissend wie Hermione, doch sie war schell und hatte gekämpft, und sie war intuitiv...sie konnte fühlen.
„Obli..."
„Nein, nein, nein, nein...", sagten sie gleichzeitig und Ginny schützte sich diesmal selbst mit dem Protego.
Mit dem laut ausgesprochenen Zauber wachte Hermione regelrecht auf und ihr wurde klar, was sie beinahe getan hätte.
Entgeistert sah sie sie an. „Es tut mir leid, es tut mir so leid...Ginny...", entschuldigte sie sich und nahm sie in den Arm.
Nicht auszudenken, was passiert wäre. Der Spruch war schon in normalem Zustand schwer zu meistern, geschweige denn in so einem, in dem sich Hermione gerade befand.
Erleichtert erwiderte Ginny die Umarmung und fühlte, wie Hermione in sich zusammensackte und wieder heftig weinte.
Minuten später sprang sie plötzlich auf, schaute sich nochmal im Raum um, als wenn sie sich verabschieden wollte, und rannte zur Tür hinaus. Sie konnte nicht mehr. Sie wollte nichts mehr sehen...nicht den Raum, nicht das Schloss, und nicht sein Abbild überall. Diesmal war sie auf der Flucht vor ihm.
„Warte doch...Süße...bitte warte...", rief Ginny noch hinterher, doch sie wurde nicht mehr gehört.
Hermione rannte so schnell sie konnte. Raus aus dem Schloss, über die Wiesen, immer weiter – weg von ihm. Deutlicher hätte er nicht werden können. Verletzender auch nicht. Sie fühlte sich, als wenn sie ganz langsam von innen vergiftet würde – und das nur durch seine Worte.
Endlich kam sie an die Grenzen des Geländes und blieb völlig außer Atem stehen. Es musste einfach klappen...jetzt und sofort. Sie sammelte ihre Gedanken und dachte an viele schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit, die sie gehabt hatte. An glückliche Momente aus ihrer Kindheit, an ihre Familie und an Emma, als sie noch ein Welpe war und ihr nach wie vor ihre ganze Liebe schenkte. All die schönen Szenen hätten für einen mächtigen Patronus gereicht, doch jetzt sollten sie nur dazu dienen, ihren Kummer für eine kurze Zeit zu verdrängen – zumindest so lange, wie sie zum Apparieren brauchte.
Als sie nach der Sperrstunde nicht wieder auftauchte, wurde Ginny nervös und alarmierte Harry. Die üblichen Orte hatte sie selbst schon abgesucht: Die Flure, die Große Halle, die Mädchenbäder in jedem Stockwerk, sogar in den Kerker war sie gegangen. Dass sie bei Snape sein könnte, schloss sie vollkommen aus.
Irgendwo unterwegs hatte sie Luna getroffen, die gerade in ihren Ravenclaw-Gemeinschaftsraum gehen wollte, und sie nach Hermione gefragt. Dabei war nichts rausgekommen, doch Luna war einfach mitgegangen und hatte sie zudem noch informiert, dass in dieser Nacht Professor Flitwick Aufsicht hatte. Zum Glück.
Zu dieser späten Stunde wollten die Mädchen nicht gerne allein nach draußen, deshalb gingen sie jetzt alle gemeinsam über Hogwarts' Ländereien. Die Lehrer wollten sie erst einmal nicht informieren, weil sie Hermione nicht mit noch mehr Fragen oder Anschuldigungen überfordern wollten. Harry hatte natürlich Ron mitgenommen, der ganz unruhig war, und Neville hatte sich sofort bereit erklärt, suchen zu helfen.
Sie teilten sich auf. Ginny ging mit Ron zum See, Luna und Neville schritten die anderen Richtungen des großen Geländes ab und Harry ging allein entlang des Verbotenen Waldes auf und ab. Sämtliche Ortungszauber brachten keinen Erfolg und kein Rufen wurde beantwortet.
„Ihr wird doch nichts passiert sein, oder?, fragte Ron besorgt. Er machte sich Vorwürfe, dass er sie in letzter Zeit so wenig gesprochen hatte, aber sie war anders...irgendwie...und er hatte sich nicht getraut.
„Nein, ich glaube nicht, dass ihr etwas passiert ist. Sie ist Hermione, sie kann...sich gut um sich selbst kümmern."
Ginny war etwas mulmig bei ihren Worten. Als Hermione plötzlich weggelaufen war, war sie nicht sie selbst und völlig aufgelöst gewesen – das könnte böse enden, doch sie vertraute darauf, dass sie sich irgendwie selbst auffangen könnte.
Eine weitere Stunde später gaben sie auf – zwar widerwillig, aber es hatte keinen Zweck mehr mitten in der Nacht. Die Hoffnung gaben sie nicht auf, dass sie wieder auftauchen würde. Wer Hermione kannte, wusste, dass sie spätestens pünktlich zum Unterricht am nächsten Morgen erscheinen würde. Vielleicht brauchte sie nur ihre Ruhe und etwas Abstand. Dank Ginny wusste ja wenigstens Harry, was Sache war. Worüber er nichts wusste, waren die restlichen 90 Prozent der Geschichte.
Ginny ließ den Durchgang zwischen ihren beiden Räumen offen, damit sie hören würde, wenn Hermione nach Hause käme. Zwischendurch fiel sie immer wieder in einen unruhigen schlaf und schreckte genauso oft wieder hoch. Und immer wieder war Hermiones Bett leer.
Der Freitagmorgen kam, Hermione nicht. Nach den ersten zwei Schulstunden wurden sie nervös und beschlossen, die kommenden Stunden zu schwänzen, um ihre Suche in gleicher Weise zu wiederholen.
Und sie war wieder erfolglos.
Gemeinsam suchten sie vor dem Mittagessen ihre Hauslehrerin und fanden sie, als sie gerade die steile Wendeltreppe aus ihrem Büro hinabstieg.
McGonagall blickte in fünf entsetzte und besorgte Gesichter.
„Was ist passiert?", fragte sie sofort und ihr Herzschlag beschleunigte sich um ein Vielfaches.
„Hermione ist weg!"
tbc
A/N:
Tja, ihr Lieben, ich weiß wirklicht nicht, ob ihr jetzt wisst, wie sich Hermione fühlt, aber ihr könnt es sicherlich ahnen. Und was Snape betrifft (nein, ich kann ihn gerade nicht Sev nennen)...fehlen mir wirklich die Worte. Immerhin hat er uns endlich ein klein wenig teilhaben lassen...an was auch immer.
Wenn ihr mitfühlt oder etwas wisst, lasst mich es doch auch wissen...hm? Wenn ich einen Crucio bekomme oder gleich den Kuss...weiß ich auch Bescheid ;o/
DANKE!
