A/N:
Ihr Lieben!
Nun kommt das neue Kapitel doch mit etwas Verspätung. Verzeiht!
Es war eigentlich schon fertig und etwas anders geplant, aber da scheinbar einige von euch Sev wirklich vermissen, gewährt er euch einen kleinen Einblick in seine Seele, aber es ist kein schönes Bild, was man da sieht.
*Taschentücher*?
Wenn ich es schon nicht schaffe, muss ich mir wohl bald Hilfe holen...ich kann mit den zwei Sturköpfen einfach nicht mehr... ;o)
VLG KeyMagic
Kapitel 28
*Christina Aguilera: „Hurt"*
Freitagabend saß er in seinem Sessel und war Merlin und der Welt dankbar, dass die Schulwoche vorbei war. Mit leerem Blick starrte er in das lodernde Feuer seines Kamins, denn von der frühlingshaften Wärme fühlte er nichts, und nicht nur, weil sie nicht in den Kerker dringen konnte. Mit einem Glas Feuerwhisky in der Hand durchlebte er die vergangenen Tage und Wochen – wieder und wieder – und er konnte sich nicht dagegen wehren, weil seine Gedanken mittlerweile ihren eigenen Kopf hatten und er seinen Geist nicht vor seinem eigenen verschließen konnte. Ohne die Ablenkung durch den Alltag, von dem er eigentlich froh war, ihn für ein Wochenende los zu sein, hatte er keine Chance gegen seine eigenen Erinnerungen:
Die letzten drei Wochen waren seine persönliche Hölle gewesen. Wieder eine. Noch eine. Und eine ganz andere, als er gewohnt war. Eine, mit der er kaum zurecht kam, weil sie weh tat, so richtig.
Die Hölle, die er bei den Todessern und bei Voldemort durchlitten hatte, war körperlich gewesen – die Cruciatus-Flüche, die ihn immer wieder getroffen hatten, die geistige Erschöpfung durch die immer aufrechtzuerhaltende Okklumentik, die Streifzüge, die Verbrechen, die er hatte mitmachen müssen... Ja, das alles hatte er auch gefühlt, aber es hatte sein Gefühl, sein Innerstes nicht auf diese Weise erreicht, wie diese Situation jetzt. Man konnte es schlicht und einfach nicht vergleichen und hiergegen hatte er kein Mittel. Keine Okklumentik, kein Trank und kein Wissen half weiter. Nichts – da war gar nichts und er war mit seinem Schmerz in der Seele allein.
Das Schweigen, die Ignoranz, die nur von ihm allein gekommen war, war fast unerträglicher gewesen als der große Knall am Abend zuvor. Doch es war die Hilflosigkeit, die ihn so hatte handeln lassen. Nachts nach den Tagen, nach den Stunden, in denen er sie im Unterricht gesehen hatte, hatte er Höllenqualen gelitten und sich entweder mit nächtlichen Streifzügen durch den Verbotenen Wald oder stundenlangen Spaziergängen am See abgelenkt, bei denen er nicht selten irgendwas mit seinem Zauberstab in die Luft gejagt oder auch manchmal nur mit der bloßen Faust gegen einen Baum geschlagen hatte.
Wenn er sich nicht auf diese Weise hatte abreagieren können, hatte er nicht nur einmal zur Flasche gegriffen und sich am nächsten Morgen mit einem starken Kopfschmerz-Trank wieder unter die Lebenden begeben. So war er nicht nur geistig, sondern auch körperlich total erschöpft – und nicht erst seit der Konfrontation mit ihr, die er am liebsten verdrängt hätte.
Vergangenen Montag war er das letzte mal in der großen Halle gewesen, beim Frühstück gewesen, und da er sonst auch nur selten am Schulalltag teilnahm, bekam er außer den notwendigen Dingen mittlerweile nichts mehr mit.
Vor allem die letzten zwei Wochen waren schrecklich gewesen, als die Schulleiterin so langsam gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. McGonagall hatte ihn immer wieder abgefangen und ihm nahegelegt, zu wenigstens einer Mahlzeit am Tag zu erscheinen, doch er hatte sich immer wieder mit einer Ausrede gedrückt. Irgendwann hatte sie ihn genötigt, am Essen teilzunehmen und das hatte ihm Anfang der Woche den Rest gegeben. Auch wenn er nach außen hin gleichgültig wie immer schien, hatte er sehr wohl mitbekommen, dass Hermione mit der Hand vor dem Mund hinausgerannt war, kaum dass er sich hingesetzt hatte.
Was sollte er da? Er wollte das nicht sehen, er wollte sie nicht sehen. Dass es für ihn eine genauso große Qual wie für sie war, kümmerte keinen – hätte es jemand gewusst.
Alles nagte an ihm – die Blicke seiner Kollegen, das Getuschel und die angsterfüllten Gesichter der Schüler und die Schimpftiraden der Schulleiterin bezüglich der verlorenen Hauspunkte. Letzteres hatte er noch mit mangelnder Disziplin nach den Ferien und steigenden Anforderungen für die in ein paar Monaten anstehenden Prüfungen erklären können und sich nur einen weiteren Rüffel eingehandelt, da alle Häuser Punkte verloren hatten und nicht nur Gryffindor. Bald hatte sie das auch nicht mehr als Erklärung hingenommen und ihn zur Rede stellen wollen, doch er hatte sie einfach stehen lassen. Hätte er im Krieg nicht letztendlich auf der richtigen Seite gestanden und seine Schulden nicht beinahe mit dem Leben bezahlt, wäre er sicher längst gefeuert worden.
Nur bei seinem Kollegen, Professor Flitwick, war es etwas anders. Severus spürte zwischendurch immer mal wieder ein paar Blicke auf sich ruhen, die alles zeigten, nur keine Missbilligung wie bei Minerva oder ein paar anderen.
Eher Besorgnis oder Unruhe strahlte er aus und man konnte merken, dass er sich nicht traute, Severus anzusprechen. Vielleicht war es auch nur eine Frage der Zeit. Flitwick grübelte nicht erst seit ein paar Tagen über das Verhalten seines Tischnachbarn. In den Ferien war er so anders – für seine Verhältnisse fast fröhlich – gewesen. Irgendetwas musste passiert sein und es hing nicht mit der Schule zusammen, glaubte er zumindest. Beide verband über viele Jahre hinweg ein respektvolles Miteinander und jeder schätzte des anderen Können. Wäre es nicht Snape gewesen, hätte man den Begriff Freundschaft ins Spiel bringen können. So war es etwas, das dem sehr nahe kam. Flitwick beschloss, die Entwicklung noch ein bisschen zu beobachten und dann mit ihm zu reden.
Es kam noch schlimmer für ihn – die Situation an sich und die in der Schule reichte ja noch nicht. Irgendwann, war es Mittwoch oder ein anderer Tag gewesen, war ihm dann der schlimmste Gedanke gekommen, nachdem er sie wieder einmal hatte rausrennen sehen, weil ihr übel geworden war. Darüber konnte er mit niemandem reden, und nicht einmal für sich selbst wollte er darüber nachdenken. Was, wenn sie... – nein, er konnte und wollte es nicht zu Ende denken.
Etwas war komisch...etwas war anders...anders mit ihm. Es war das zweitemal in den letzten Wochen, dass er an Kinder gedacht hatte – an eigene Kinder. Damals die Geschichte mit Néelia in Frankreich... Nein, es war nie soweit gekommen, zumindest nicht zu einer Beziehung und schon gar nicht zu noch mehr. Sie hatten zusammen gearbeitet und sie hatten eine schwere Zeit und ja, sie hatten miteinander geschlafen, nur um hinterher festzustellen, dass es nicht gepasst hatte. Sie hatten ein freundschaftliches oder fast geschwisterliches Miteinander – vorher und nachher – und alles andere war vergessen und sie hatten es einvernehmlich abgehakt, mit lautem Lachen und einem Glas Whisky in der Hand. Danach war alles wie vorher gewesen. Durch die immer wieder stärker werdenden dunklen Mächte hatten sie alle Hände voll zu tun und er war nach wenigen Wochen der Zusammenarbeit nach Schottland zurückgekehrt und sie hatten sich nicht mehr wiedergesehen. Das war nun fast acht Jahre her.
Die anderen Frauen, die es gegeben hatte, waren anders gewesen und manchmal wollte er sich gar nicht mehr an sie erinnern. Sie waren nicht annähernd vergleichbar, weder mit Lily, noch mit Néelia und schon gar nicht mit Hermione. Selbst zwischen diesen dreien lagen Welten, aber sie hatten alle das Herz am rechten Fleck und waren ihm mit Freundlichkeit, Offenheit und vor allem Normalität entgegengetreten, und das, stellte er nun fest, war es gewesen, was ihn hatte seine Gefühle spüren lassen.
Und jetzt war es keine Frau aus der Vergangenheit mehr, sondern sie. Sie aus seiner Gegenwart, sie im Hier und Jetzt und sie, die er lie... Nein! Er wusste es nicht zu formulieren. Aber eines wusste er – seine Ungewissheit und alles andere würde sich nicht klären lassen, wenn sie nicht miteinander sprachen, aber er konnte es nicht.
Was wenn es wirklich so war? Was, wenn sie schwanger wäre? Sie hatte gesagt, sie nähme Muggelmedizin und er hatte sich darauf verlassen. Dass sie gelogen hätte, glaubte er nicht. Nein, nicht sie, niemals. Aber wer konnte schon wissen, wie es bei magischen Menschen funktionierte? Andererseits war sie alt genug, um es einschätzen zu können. Außerdem hatte es sie bisher wohl auch geschützt, denn sie war ja schon lange Jahre mit den Jungs befreundet. Der Gedanke drehte ihm zusätzlich den Magen um und er versuchte die Vorstellung auszublenden. Vielleicht hatte sie auch nur verdorbenes Essen erwischt, wobei das auch an Unwahrscheinlichkeit grenzte. Es war zum Verrücktwerden und er verfluchte sich dafür, dass er nicht zusätzlich einen Verhütungsspruch gezaubert hatte, aber die waren auch nicht hundertprozentig sicher, weil man in so einer Situation nie wirklich auf so etwas konzentriert war. Am besten war der Trank, doch der war natürlich nicht in greifbarer Nähe gewesen. Mit Schweißperlen auf der Stirn rechnete er nach und es waren seit ihrem ersten...seit ihrer ersten Nacht fast vier Wochen vergangen – ein Zeitpunkt, an dem sich durchaus erste Anzeichen bemerkbar machen konnten. Alles Grübeln würde nicht helfen. Er konnte nur abwarten oder mit ihr reden, und beides war nicht einfach.
Und dann war der Donnerstagabend gekommen und er war geflüchtet – wieder. Geflüchtet vor ihr, vor dem Gespräch und vor der Wahrheit. Nur der Impuls, sie sich noch einmal anzusehen, hatte ihn übermannt und er hatte sich umgedreht, weil er irgendwas an ihr oder in ihr erkennen wollte, während sich seine Gedanken immer noch und immer wieder um das eine Thema drehten.
Das war der Fehler – oder war es das Gegenteil – gewesen? Sie hatte reagiert. Und wie. Ihm war heiß und kalt geworden, als sie ihn angeschrien hatte und tief im Inneren hatte er gewusst, dass es nötiger als alles andere gewesen war.
Er wusste gar nicht, was schlimmer gewesen war, was immer noch schrecklich war. Die Worte, die er zu ihr gesagt hatte – eigentlich die Worte, die er ihr entgegen geschrien hatte – oder die, die er nicht gesagt hatte. Nun hatten sie sich abreagiert, aber nichts war geklärt. Nicht das Geringste. Im Gegenteil. Etwas war hinzugekommen – zumindest für ihn. Was sie ihm zuletzt entgegengeschrien und dann nur noch geflüstert hatte, hatte ihn völlig durcheinander gebracht und völlig überrumpelt. Es war nicht mit dem kompatibel, was ihm zu schaffen machte. Die Worte hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt und er hörte sie in seinem Kopf, als wenn sie neben ihm stände.
Alles war richtig, es war richtig, der Zeitpunkt und du, du warst genau der Richtige. DU UND KEIN ANDERER. Ich bereue es keine Sekunde und ich würde es nie anders erleben wollen. Du bist mir wichtig geworden.
Wenn es das bedeutete, was er dachte, wäre alles noch viel schlimmer, als er sich überhaupt vorstellen konnte. Er wäre der erste gewesen, er hatte ihr das genommen, was...
Nein, er konnte nicht mehr. Mit voller Wucht ließ er das Glas an der steinernen Wand des Kamins zerschmettern, sprang auf und lief ohne Ziel aus seinen Räumen, aus dem Kerker hinaus ins Freie.
In der Nähe einer dicht von Büschen bewachsenen Fläche hörte er leises Flüstern und blieb stehen. Potter und das Goldene Trio. Den Punktabzug schon auf den Lippen, wollte er sich zu erkennen geben, doch die Stimmen, die er erkannte, ließen ihn stocken. Potter, Weasley und Gra...Hermione... Nein! Nicht Hermione. Nicht das Trio. Sie fehlte. Nochmal Weasley, Longbottom und Lovegood, aber nicht sie. Und was er da hörte, ließ ihn für einen Moment schwanken.
„Ich weiß, McGonagall tut alles, aber wir können nicht untätig herumsitzen. Sperrstunde hin oder her, wir haben schon anderes erlebt.", hörte er Harry sagen und die anderen stimmten zu. Um was zur Hölle ging es hier? Kein dummer Streich wie früher so oft? Und was hatte McGonagall damit zu tun?
„Sie ist schon mehr als 24 Stunden weg...es wird, nein, es ist schon viel zu spät. Aufteilung wie gestern?" Neville schaute in die Runde.
„Ja, wie gestern.", stimmte Ron mit zittriger Stimme zu und wandte sich schon ab.
Noch einmal ergriff Neville das Wort. „Harry, nur am Verbotenen Wald, nicht im, verstanden? Wir können nicht noch jemanden verlieren."
„Es ist Hermione, schon vergessen?" „Nein, habe ich nicht, du weißt genau, was ich meine. Wir brauchen dich bei der Suche und nicht noch einen, der verschwindet."
„Harry bitte, ich habe schon Angst genug. Was, wenn Hermione was passiert ist, was, wenn sie nicht mehr gefunden werden kann? Und dann du auch noch...das verkrafte ich nicht.", weinte Ginny und Harry nahm sie in den Arm. „Geh mit Ron, es wird sich alles klären, ich verspreche es dir."
Er glaubte im Moment seinen eigenen Worten nicht, aber sie mussten nun alle stark sein und ihren Verstand beisammen halten. Ohne dass sie Snape sahen, verschwanden sie in alle Richtungen.
Er wusste gar nicht, wie er seine Gedanken ordnen sollte. Hermione war weg und sie hatten sie in einer ganzen Nacht und einem ganzen Tag nicht gefunden? Ihm wurde übel und sein Adrenalin stieg schlagartig in seine Glieder. Es war seine Schuld. Alles war seine Schuld. Was wenn... Nein, nicht so denken, das würde ihm nichts nützen. Nur nicht die Hoffnung aufgeben.
Warum um alles in der Welt hatte McGonagall ihn nicht gerufen? Sie wusste, dass er der Beste für solche Situationen war. Vermutlich hatte sie sich aufgrund der letzten Ereignisse nicht getraut oder sie konnte nicht über ihren Schatten springen. Letzteres war eigentlich unmöglich, da es sich um eines ihrer Kinder handelte. Ersteres passte auch ganz und gar nicht zu ihr. Er schob den Gedanken beiseite. Das war jetzt nicht wichtig. Wenn er jetzt daran verzweifeln würde, wäre alles verloren.
Er rannte los, so schnell ihn die Füße trugen. Beim Verlassen des Schlosses hatte er nicht einmal an seinen Gehrock oder seinen Umhang gedacht, und so lief er nur in seinem weißen Hemd hinunter an den See, in eine Richtung, in die die anderen nicht gegangen waren.
Es war fast dunkel und die Wolken, die sich weit hinten am Horizont auftürmten, konnte man nicht erkennen. Einzig den See, der ganz leicht wie ein großes, bedrohliches schwarzes Loch schimmerte, hatte er vor Augen und die schlimmsten Szenen entstanden in seinem Kopf.
Donnerstagabend zuvor
*Alice Cooper: „Only Women Bleed"*
Als sie am Abend den Fernseher ausschaltete, hörte sie ein dumpfes Wimmern aus der oberen Etage. Erschrocken stand sie auf, aber als sie begann nachzudenken, wich der Schreck einer bestimmten Unruhe – eine Ahnung kam in ihr hoch und es war keine gute. Sie ging schnell die Treppen hoch und schaute in ihr Schlafzimmer. Da war niemand. Dann betrat sie vorsichtig das Gästezimmer und sah sie. Ihre Enkelin lag auf der Gästecouch, wo sich ihr Mann damals immer wieder zum Ausruhen zurückgezogen hatte, und weinte.
In Mrs. Tenerhale kam sofort die Traurigkeit hoch – erst ihr Mann, der krank gewesen war und den sie hier immer versorgt hatte, und jetzt sie. Bestimmt war sie nicht krank, es sah nur genauso traurig aus. Schnell setzte sie sich zu ihr auf die Couch, zog sie hoch zu sich und nahm sie in den Arm.
„Du brauchst nicht zu erklären wie und warum hier, aber erzähl es mir, bitte, Liebes", flüsterte sie.
„Ich weiß nicht, ob...", schluchzte sie.
„Ob ich es verstehe? Oh Kind, du kennst doch meine eigene Geschichte." Sie ahnte, dass es etwas mit dem ältesten Thema der Welt zu tun hatte, denn sonst war ihre Enkelin viel stärker. Und sie ahnte, dass es mit ihm zu tun hatte, denn sonst wäre sie wohl kaum so weit weg geflüchtet.
„Es...es ist...nicht so... Dann muss ich von vorne beginnen...es ist lang..."
„Bitte, ich möchte alles hören, alles." Sie hatten damals auch so viele Hürden nehmen müssen, bevor sie endlich zueinander fanden...finden durften – sie und ihr späterer Ehemann. Deshalb erwartete sie nun fast eine ähnliche Geschichte von ihrer Enkelin zu hören, doch es kam anders.
„Harrys Eltern sind nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen."
Mrs. Tenerhale stutzte und konnte nicht einordnen, was sie da hörte. Sie kannte Harry und wusste, dass er keine Eltern mehr hatte. Irgendwann in den vergangenen Jahren hatte sie sie mal kennen gelernt, Harry und Ron, weil sie…damals Hermiones einzige Freunde gewesen waren und sie hatte ihren Geburtstag einfach in die Sommerferien vorverlegt. Doch was hatte das mit ihr zu tun?
„Sonst...ich...sonst...kann man es nicht verstehen...vielleicht."
„Nimm dir alle Zeit der Welt, Liebes. Nichts ist wichtiger als das." Mit den Worten legte sie Hermione einen Arm um die Schulter und die schmiegte sich an. Emma war mittlerweile gefolgt und stupste mit der Schnauze die Tür auf. Auf leisen Pfoten schlich sie sich zur Couch, legte sich zu Füßen ihrer beiden Liebsten und lauschte.
Und dann begann Hermione zu erzählen. Ihre Tränen versiegten mit der Zeit und ihre Stimme wurde ausdruckslos und monoton und ihre Augen waren voller Trauer.
Nichts ließ sie aus, nicht das Geringste. Sie beschrieb Voldemort und den Mord an Harrys Eltern. Und das war das erste mal, dass Jean schlucken musste. So viele Fragen kamen in ihr auf, aber sie wollte Hermione nicht unterbrechen – es passte nicht. Es ging weiter – dass Snape Lily gefunden hatte, wie sehr er sie geliebt hatte, wie er trauerte und wie er dadurch hart und kalt wie Stein wurde. Sie ging zurück in die Vergangenheit und beschrieb mit allen Details Severus' Schulzeit und die Demütigungen, die er erfahren hatte. Dass er dadurch zu den Todessern gezogen wurde und dass er Menschen gefoltert hatte, verschwieg sie auch nicht. Schilderungen über den damaligen und den späteren Orden des Phönix folgten, bei denen sie kein Mitglied vergaß. Noch leiser berichtete sie über Severus als Lehrer, wie sie ihn erlebt hatte und was er für eine menschenunwürdige Aufgabe als Doppelspion hatte.
„Der Krieg war zum Greifen nah."
Hermiones Großmutter keuchte auf. Krieg? Das durfte doch nicht wahr sein. Sie selbst hatte den Zweiten Weltkrieg als Kind miterlebt und er endete erst, als sie 15 war. Und nun, 54 Jahre später, tat es zwischendurch immer noch weh, wenn die Bilder wieder hochkamen.
Sie nahm sie in den Arm und Hermione sprach gleichermaßen ausdruckslos weiter.
Sie erfuhr, dass die Anschläge in London und anderswo auf Todesser zurückgingen und dass Snape Dumbledore töten musste.
Stumm rollte die erste Träne über Mrs. Tenerhales Gesicht.
Die Reise durch die Zeit ging weiter. Sie erfuhr von der Suche nach den Horkruxen und bekam erklärt, was ein Horkrux war. Immer noch emotionslos schilderte Hermione ihre Gefangennahme und Folter auf Malfoy Manor und ihrer Großmutter stockte der Atem.
Sie blickte zur Decke und flüsterte „Oh mein Gott, mein Gott, warum das?", und weinte leise, wie sie es lange nicht mehr getan hatte. Sie zog Hermione noch fester an sich und strich ihr immer wieder über die Haare.
„Und letzten Mai endete alles."
„Mai? Deine Eltern waren in Australien."
„Ja, und nun weißt du die Gründe."
Mrs. Tenerhale konnte nur aus lauter Verzweiflung den Kopf schütteln.
Hermione fuhr fort. Sie erzählte von der finalen Schlacht, wie die Todesser ganze Teile von Hogwarts in Schutt und Asche legten und wie viele Menschen sie töteten. Sie nannte sie alle beim Namen – Fred, Remus, Tonks und viele andere, nicht einmal Hedwig vergaß sie zu erwähnen. Und dann versagte beinahe ihre Stimme, als sie Naginis Angriff auf Severus schilderte und wie er sich Harry offenbart hatte.
„Keiner schien sich um ihn zu sorgen, geschweige denn ihm helfen zu wollen. Er lag im Sterben – kann man jemanden denn einfach sterben lassen?", fragte sie in die Dunkelheit und Großmutter drückte fest ihre Hand.
„Du hast ihn gerettet, oder, Liebes?", sagte sie mit tränenerstickter Stimme.
„Nicht nur ich..."
„Ich wusste es. Doch nicht nur einmal, oder?"
„Ich weiß es nicht."
„Aber ich!"
„Du weißt es?"
„Wer nicht gerade blind und taub ist, der hat es mitbekommen."
„Aber..."
„Kein Aber, Liebes, in dieser Beziehung weiß ich, wie dir zumute ist. Alles andere muss ich erst mal verkraften. Und nein, ich werde es nicht erzählen, nicht, wenn du nicht dazu bereit bist. Erzählst du es mir?" Mit einem Taschentuch wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
Hermione holte tief Luft und entschied sich, es zu Ende zu bringen.
Mit der Erklärung, was genau ein Portschlüssel ist, begann sie, und als sie stockend von Severus' Krankheit erzählte und sich die Bestätigung holte, dass sie richtig gehandelt hatte – mit dem Herzen – kuschelte sie sich an ihre Großmutter, die ihr nach wie vor den Arm um die Schultern gelegt hatte. Wie gut das tat – nicht nur das.
„Und dann..."
„Dann habt ihr euch verliebt."
„Woher..."
„Sag mal, denkst du wirklich, das wäre normal, wenn dich dein Lehrer besucht, bei mir zum Tee bleibt und ich ihn dann später in eurem Garten oder in der Kirche treffe?"
„Entschuldige, Oma."
„Natürlich, Liebes. Erzähl weiter."
„Ich glaube, ich habe mich verliebt."
„Und? Er nicht? Denkst du das?"
„Ja...ich weiß es nicht...er liebt...er ist nicht mehr in mich verliebt. So etwas kann der gar nicht.", presste sie traurig hervor.
„Ach Kind, und ob er das kann."
„Woher willst du das wissen?"
„Jeder Mann kann das. Vielleicht weiß er es nur nicht – nur nicht so genau. Nachdem, was du mir alles erzählt hast, ist es gut möglich. Er braucht etwas Hilfe, oder Nachhilfe. Vor allem musst du darüber hinwegsehen können und alles mit deinem Herzen betrachten. Deine Erzählung über ihn hat mir das klar gemacht. Mit seinem Leben hätte ich nicht tauschen wollen...wahrscheinlich keiner auf der Welt. Er tut mir unglaublich leid."
„Ja. Und trotzdem liebt..."
„Und ob er dich liebt!"
„Tut er das?"
„Ja, weil ich es gesehen habe."
Dann erzählte sie zögernd weiter, wie er sich dazu entschlossen hatte, zu bleiben und wie sie sich geküsst hatten und wie ihn immer wieder Zweifel überkamen.
„So wie du aussiehst, Liebes, ist es nicht dabei geblieben."
Entgeistert sah Hermione ihre Großmutter an.
„Woher, denkst du, kommst du, wenn ich über so etwas nicht Bescheid wüsste?", lachte sie, um ihrer Enkelin ebenso ein Lachen entlocken zu können. „Ach, guck nicht so. Liebe ist schön, vergiss das niemals. Und du kennst mich gut genug, dass ich es verstehe, oder?"
„Jaah...schon..."
„Aber bevor ich weiterspreche, möchte ich nur eines wissen, Liebes. War es deine Entscheidung, dein Wunsch?"
„Ja...es...fühlte sich so richtig an."
„Nichts anderes hatte ich erwartet."
Eigentlich hätten ihr die Worte genügt, doch Hermione erzählte ihr mehr. Wie sehr er sich gewehrt hatte, nicht nur dagegen, sondern offensichtlich auch gegen seine Gefühle, dass er einmal sogar regelrecht davongelaufen war und sich letztendlich doch geschlagen geben musste, weil...es nicht mehr anders ging, und zwar bei ihnen beiden.
„Du weißt, dass ich ihn nur ein paar mal gesehen habe, aber das hat mir schon vor deiner Schilderung genügt. Ich bin zwar keine...Hexe – was für ein Wort – aber ich habe auch schon viel erlebt. Er war, naja, nicht gerade der...normalste Mann, den ich je kennen gelernt habe, aber eines war er auf jeden Fall auch nicht: gefühllos.
Aber ich fühle, ich weiß, dass das, was jetzt kommt, was du mir noch nicht erzählt hast, schlimm ist, oder? Schlimm für dich. Anders, aber es tut auch weh, nicht wahr, Liebes? Was ist in der Schule geschehen? Du bist ja nicht hier, weil du mir von den Ferien erzählen wolltest.
Hermione nickte kaum merklich. Während sie alles Angestaute, alle Traurigkeit und die ganze Wut rausließ, legte Emma ihren Kopf auf Hermiones Knie und es schien, als hörte sie zu und wolle sie trösten.
„Und dann bist du einfach fortgelaufen?"
„Er hätte mich sowieso nicht mehr angehört."
„Willst du wissen, was ich denke?
Mr. Snape, oder dein Severus – schau nicht so, nachher bleiben die Falten – sitzt jetzt genauso in seiner...Kammer, nur, dass er niemanden hat, der ihn tröstet. Du hast es gut. Wenn er vielleicht auch keine Träne vergießt, so ist er aber bestimmt am Boden zerstört, und das zeigt sich bei ihm eben auf...diese Art. Anders will und kann ich es nicht glauben."
Ihre eigenen, letzten paar Worte hatten irgendetwas in ihr ausgelöst – sie hatte sich quasi selbst zugehört. Das war der Grund, weshalb sie die halbe Nacht nicht würde schlafen können...doch das wusste sie noch nicht. Aber bald.
„Liebes, sie werden sicher nach dir suchen."
„Wenn, dann frühestens ab morgen. Das Schloss ist groß, der Wald, der See..."
„Sie werden sicher deine Eltern benachrichtigen oder eher fragen, ob du bei ihnen bist?"
„Nicht so schnell. Sie werden erst versuchen, mich zu finden, auf magische oder herkömmliche Weise. Es ist sicher für Professor McGonagall nicht leicht, so etwas zu gestehen...dass sie eine Schülerin verloren hat. Vorher tut sie alles Mögliche."
„Sie ist doch deine...Hauslehrerin? Da bin ich mir sicher, sie tut alles, aber je nach dem...ich meine, wenn doch Post kommt, was machst du dann? Willst du nach Hause, Kind?"
„Nein...ich meine...jetzt nicht. Kann...darf ich hier bleiben? Oma, versteh mich nicht falsch, aber Zuhause...die Fragen..."
Mrs. Tenerhale winkte ab. „Lass gut sein, natürlich darfst du bleiben, nur nicht lange – und jetzt versteh mich nicht falsch!"
„Nein, tue ich nicht."
„Bleibt das...Postproblem...oder schicken sie direkt jemanden?"
„Gewiss nicht. Erst eine Eule. Hmm... ich werde versuchen, sie umzuleiten, dann kommt sie hierher. Immerhin sind wir eine Familie. Nur heute schaff ich das nicht mehr, ich kann mich nicht mehr konzentrieren."
„Liebes, wir gehen jetzt besser zu Bett." Ihr Gedanke von eben wurde klarer und eine Idee formte sich in ihrem Kopf. „Ich muss morgen leider weg, ich kann es nicht verschieben. Ein paar Stunden. Verzeih mir. Emma wird bei dir bleiben. Nimm dir alles, was du brauchst, ja? Gute Nacht, ich hab dich so lieb." Dabei stand sie auf und küsste ihre Enkelin auf die Stirn.
„Ich hab dich auch lieb."
„Es wird alles gut!"
Hermione wollte ihrer Großmutter zu gerne glauben und versuchte, ihren Kopf freizubekommen. Vielleicht würde sie doch nochmal versuchen, mit Severus zu reden – irgendwann.
Emma rollte sich genau vor der Schlafcouch ein und blieb. Hermione fühlte sich so geborgen in dem Häuschen ihrer Oma, dass sie tatsächlich einschlief.
tbc
A/N:
Herrje, wie gehts euch? Verzweifelt oder doch noch irgendwie voller Hoffnung?
*knuddel*
