A/N:
Ihr Lieben!
Da steht sie nun – mutterseelenallein in seiner Wohnung – mit Eurer Aufgabe betraut, ihm den Kopf zu waschen, ihm die Leviten zu lesen oder ihm die Hölle heiß zu machen, oder am besten alles gleichzeitig.
Aber Oma wäre nicht Oma, wenn sie nicht ihre ganz eigene Methode, ihre ganz eigene Mischung hätte, mit ihm zu...kommunizieren. *g*
Mal sehen, wie die Partie endet... Schachmatt? Nur... Für welche Seite? Schwarz oder weiß?
Hoffe, Ihr habt ein bisschen...Spaß!
VLG KeyMagic
Kapitel 30
*Georg Friedrich Händel: „Arrival Of The Queen…"*
„Guten Tag, Mr. Snape. Danke, dass sie mich empfangen!", sagte Mrs. Tenerhale und schlüpfte einfach so unter seinem Arm hindurch in sein...Reich. Was für eine Ironie – sie hatte sich gerade recht dreist selbst empfangen.
Perplex drehte er den Kopf kurz hinter ihr her, ohne die Position zu verändern, sagte aber kein Wort. Wahrscheinlich würde das die Situation eskalieren lassen. Und außerdem war er schlicht und einfach sprachlos.
Nun galt es, McGonagall, die mit offenem Mund im Gang stand, davon abzuhalten, das Gleiche zu tun – das würde sie sowieso nicht wagen, oder doch?
Mrs. Tenerhale tat selbstsicherer, als sie in Wirklichkeit war. Das Umfeld und er selbst – in seinem normalen schwarzen Outfit mit Robe – machte ihr gerade ein wenig zu schaffen.
‚Das ist das Abbild des Professors, das ich früher mal im Kopf hatte', dachte sie bei sich und blieb unschlüssig stehen.
„Wiedersehen!" sagte er grimmig. War doch ganz einfach.
Er knallte die Tür vor ihr zu, dass McGonagall vor Schreck zurückwich und völlig verdattert im Kerkerflur stehen blieb, bevor sie kopfschüttelnd und ziemlich verwirrt in ihr eigenes Büro hinaufstieg – das Mittagessen hatte sie vollends vergessen. Vielleicht hätte sie auf Jean warten sollen, doch sie hatte keinen Nerv für einen wütenden Snape, und wenn er sie unten haben wollte oder man sie bräuchte, würde er sie es wissen lassen – ganz sicher.
Und dann war da noch ihr zweites Problem. Woher bei Albus' lilafarbenem Nachthemd kannte er sie? Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Hatte er etwas gesagt? Nein, er hatte sie nur angestarrt und sie hatte nur Mr. Snape gesagt. Aber die Blicke?
‚Ich sehe Gespenster', dacht Minerva und versuchte es abzuhaken, was nicht ganz funktionierte.
‚Klar hat er sie angestarrt. Wann steht schon mal eine fremde Frau vor seiner Tür und dazu noch Muggel und will ihn sprechen? Hätte mich wahrscheinlich auch überrascht. Und sie wusste ja, dass er Snape heißt. Andererseits wäre ich nicht einfach so in eine fremde Wohnung spaziert. Und wieder andererseits hat Jean echt Courage.'
Minerva schüttelte mit dem Kopf und widmete sich mit einem Seufzer dem Schreibkram, der heute Morgen liegengeblieben war. Sie beschloss, nachher nochmal hinunterzugehen, wenn sie nichts hörte, um nach dem Rechten zu sehen. Wie lange konnte so ein Gespräch schon dauern?
Sie stand scheinbar in seinem Wohnzimmer – glaubte sie zumindest – schaute sich verstohlen um und war sichtlich beeindruckt. Diese Welt war so anders und sie gefiel ihr unglaublich gut. So gerne hätte sie sich weiter umgesehen und ein bisschen Smalltalk mit ihm gehalten, wie es in den Ferien gewesen war, doch jetzt hatte sie eine Mission zu erfüllen.
Mit dem Knall der Tür wurde sie aus ihren Gedanken geholt und sie straffte sich. Mit ein paar Schritten und wallenden Roben war Mr. Snape bei ihr und kam ihr bedrohlich nahe.
Ihr Herzschlag war zwar leicht – oder eher mehr als leicht – beschleunigt, aber sie hatte sich im Griff. Zudem klopfte sie sich innerlich auf die Schulter, dass sie zu Hause einen lichten Moment gehabt hatte, als sie sich angezogen hatte. Eine weiße Bluse, eine leichte, hellblaue Jacke, eine schwarze schmale Stoffhose, die sie in die hohen Stiefel gesteckt hatte. Die mit den acht Zentimeter hohen Absätzen! Da sie sowieso schon recht groß für eine Frau war, konnte sie ihm nun fast in die Augen sehen, ohne hochschauen zu müssen. Sehr gut.
Bevor er etwas sagen konnte und sie den Mut verlor, begann sie:
„Meinen Brief haben sie sicher bekommen und gelesen, nicht wahr?"
Um etwas zu tun zu haben, zog sie ihre Jacke aus und legte sie einfach über die Couch.
Snape wandte sich von ihr ab, begann im Raum umherzulaufen und schwieg beharrlich. Jeder hätte gedacht, dass er sie vielleicht wieder rauswerfen oder zumindest angiften würde. Weit gefehlt. Er fühlte sich ziemlich...handlungsunfähig, nur die Beine funktionierten automatisch.
„Das kann ich wohl als ein ja deuten."
Sie ließ ihm etwas Zeit, um zu antworten, doch als keine Reaktion kam, zumindest keine hörbare, fuhr sie fort.
„Ob sie den Brief oder meinen Besuch gut oder schlecht, lächerlich oder wagemutig, ärgerlich oder riskant nennen, ist mir egal. Beinahe. Alles, was ich geschrieben habe, entspricht der Wahrheit und gilt nach wie vor. Ich könnte ihnen die Worte auch nochmal persönlich vortragen, wenn sie damit mehr anfangen können."
Kurz blieb er auf seiner Runde stehen und sah sie an, bevor er weiterging. Diese Frau musste Einiges auf sich genommen haben, um nun vor ihm zu stehen. Aus irgendeinem Grund glaubte er nicht, dass Hermione sie hergebracht hatte, sonst hätte wohl kaum McGonagall so energisch an seine Tür geklopft. Innerlich schüttelte er seinen Kopf.
‚So weit, so gut.', dachte sie, denn sie sah, dass er scheinbar angestrengt nachdachte. Solange er nicht rumschrie – wie Hermione erzählt hatte – konnte sie einen Vortrag halten. Warum nicht?
„Sie hat mir alles erzählt, Mr. Snape.", offenbarte sie ihm, jedoch ohne irgendeinen vorwurfsvollen Unterton. Das machte ihn noch nervöser, als er zugab.
‚Alles?', wiederholte sein Verstand und er hörte nur dieses eine Wort in seinem Kopf. Er hatte sich schon gedacht, dass Hermione Einiges erzählt haben müsste, sonst hätte er nicht diesen Brief erhalten. Aber alles? Ob er wollte oder nicht, das konnte er so nicht auf sich beruhen lassen – er musste es wissen.
Nach einigen Sekunden der Stille blieb er stehen und fragte leise und abgehackt und mit geballten Fäusten:
„Wie viel...von...alles?"
Sie konnte ihre Blicke genauso gut einsetzen wie er.
„Nun, ich weiß ja nicht, wie genau sie ihre Frage meinen. Wenn sie auf gewisse...Details anspielen, dann müsste ich sagen, so circa 90 Prozent von alles."
Trotz der Ernsthaftigkeit der Situation musste sie ganz kurz grinsen.
Selten hatte er seinen Gesichtsausdruck so wenig im Griff wie jetzt. Das sah sie natürlich und wusste genau, was Sache war.
„Mr. Snape, ich bin erwachsen, nicht nur Großmutter, und außerdem eine Frau."
‚Eine Frau', dachte er, ‚die weiß, dass ich mit ihrer Enkelin geschlafen habe.'
Ging es noch schlimmer? Er ließ sich in dem Sessel vor dem Kamin nieder – sie schaffte es, dass er sich allein durch ihre Worte erschöpft fühlte. Noch mehr, als sowieso schon. Dadurch konnte er auch seine so gut antrainierte Maske nicht wieder aufsetzen. So saß er da, völlig schutzlos, ohne Maske, ohne Drehbuch, ohne den Ausgang der Szene zu kennen – einfach nur so...einfach als...normaler Mann, der nicht wusste, was er sagen sollte – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben.
„Wenn ich ihre Miene richtig deute, liegen sie falsch! Ich bin gewiss nicht hier, um darüber zu urteilen. Soweit müssten sie mich eigentlich einschätzen können, obwohl wir uns nur ein paar mal gesehen haben. Ich war auch mal verliebt..."
Wäre einer in der Sekunde in den Raum gekommen und hätte Snapes Gesicht gesehen, hätte man geglaubt, sie hätte ihm gerade die Botschaft übermittelt, Voldemort sei zurück.
„Ja, sie haben das Wort richtig verstanden – verliebt. Genau wie ihr beide."
Bisher hatte er starr gegen das Bücherregal gestarrt, das die ganze Wand hinter ihr ausfüllte, aber jetzt sah er sie mit steilen Falten auf der Stirn an.
„Und sagen sie nicht, dass es nicht so ist. Damit würden sie meine Intelligenz und mich als Frau beleidigen."
Diese Frau schaffte ihn. Wie konnte sie ihn so gut lesen...oder gar verstehen, obwohl er kein Wort sagte?
Jetzt war sie es, die im Wohnzimmer umherlief und weitersprach, während sie sich hier und da umsah oder den Kopf schräg legte, um einen der Buchtitel zu entziffern, ohne die Konzentration zu verlieren.
„Mein Mann war auch viel älter, wie sie wissen, und wir hatten es verdammt schwer, wenn sie den Ausdruck verzeihen. Wir haben durchgehalten, weil wir uns liebten. Einfach war es nicht, das wäre gelogen, aber gelohnt hat es sich. Wir hatten einander, verstehen sie, und nach und nach haben es alle verstanden, dass wir zusammengehörten."
Kurz wandte sie ihren Blick ab und wischte sich schnell über die Augen. „Bis zuletzt."
Snape machte den Mund auf – und gleich wieder zu. Es passte einfach nicht. Keines seiner Argumente und schon gar keins von seinen bissigen Kommentaren, die die ganzen Wochen nur so darauf gewartet hatten, ausgesprochen zu werden. Nichts hatte er zu sagen, gar nichts.
Sie ging weiter und nahm sein erneutes Schweigen zur Kenntnis. Zumindest sah sie dies als ein Zeichen, dass er zuhörte, und dass er vielleicht im Begriff war, mit dem Nachdenken zu beginnen – mit dem Nachdenken über das wirklich Wichtige.
*Bee Gees: „Love – Don't Throw It All Away"*
„Es ist etwas Wunderbares – dieses Gefühl, geliebt zu werden. Es ist ein Geschenk. Man sollte es, solange man kann, solange man lebt, annehmen und es sorgsam behandeln und in seinem Herzen aufbewahren. Das habe ich getan, das haben wir getan, Mr. Snape. Wir haben zwei wundervolle Kinder – unsere Töchter – und ich möchte nicht für eine Minute mit jemandem tauschen. Nicht damals und nicht jetzt.
Nicht jeder kann gleich so ein Gefühl zurückgeben. Manche haben es vielleicht nie erfahren oder nicht gelernt oder beides – und das ist unglaublich traurig, doch man kann es lernen. Manche glauben sogar, dass sie es nicht wert sind, geliebt zu werden, und das ist eine Annahme, die niemals stimmt. Nie!
Schnauben sie nicht! Meine Meinung habe ich ihnen bereits kundgetan, sonst hätte ich jetzt gefragt, ob sie es schriftlich wollen – und nun wieder. Es ist so, ob sie wollen oder nicht."
Severus kramte in seinem Gedächtnis. Hatte jemals jemand zu ihm gesagt, er solle nicht schnauben? Er wollte gar nicht darüber nachdenken – es kam ihm einfach so in den Sinn, doch er wurde schnell wieder abgelenkt.
Sie ging weiter umher und blieb abrupt stehen.
„Spielen sie Klavier? Das hätte ich jetzt ehrlich gesagt nicht vermutet... Ein schönes Instrument haben sie da. Weiß Hermione das? Das muss ich ihr unbedingt... ach nein, ich kann es ja nicht erzählen – wäre ein kleines bisschen blöd von mir... Naja, sie wird es ja sehen. Wo war ich?"
Gut, sie ließ ihm keine Zeit, um nach einer verlegenen Antwort zu suchen.
„Sie sind wichtig, Mr. Snape, nicht nur als Lehrer, sondern als Mensch. Fangen sie an zu leben, wozu haben sie eine zweite Chance bekommen?
Ja, das haben sie, denn sie hat mir auch darüber alles erzählt. Und dass ich recht habe, wissen sie auch.
Aus welchem anderen Grund sollte Hermione sonst so gehandelt haben?"
Was meinte sie damit? Die Unterbrechung reichte nicht, um den Gedanken zu fassen.
Sie brachte es auf den Punkt.
„Hermione liebt sie!"
Mit Schwung hatte er den Kopf zu ihr gedreht, sodass ihm ein paar Strähnen seiner schwarzen Haare im Gesicht hingen. Vielleicht war es auch gut so, dass seine Augen für einen Moment verdeckt wurden. Ein aufmerksamer Beobachter hätte darin sehen können, dass sie weit davon entfernt waren, Verärgerung oder etwas Entnervtes zu zeigen.
Viel eher konnte man darin etwas erkennen, das dem Erstaunen eines Kindes glich, wenn es am Weihnachtsmorgen den prächtig geschmückten Baum entdeckt oder einem Erstklässler, der vom See aus zum erstenmal Hogwarts im Schein des Mondlichts erblickt. Hätte dieser Beobachter ihm das gesagt, hätte er ihm wahrscheinlich mit einem Crucio geantwortet.
Vielleicht war Hermione verliebt, vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte sie es auch nur ausprobiert oder vielleicht hatte sie eine Wette verloren. Wer wüsste das schon so genau? Nun war es seine innere Stimme, die ihm tatsächlich einen Crucio verpasste – denn seine Gedanken schmerzen genauso sehr, als hätte er diesen unverzeihlichen Zauber aus nächster Nähe abbekommen. Tief in seiner Seele, wenn er auch nicht wusste, dass er sie noch besaß, glaubte er, dass diese Frau recht hatte, doch alles andere in ihm, vor allem seine ganze Vergangenheit, sein ganzes Leben, überdeckte diesen Glauben.
Was half es, wenn er seine Ungewissheit nicht loswerden würde? Nichts – und niemandem.
Er rang mit sich und Mrs. Tenerhale sah es.
Mit ein paar vorsichtigen Schritten war sie in seiner Nähe und blickte ihn fragend an, bevor sie sich in dem Sessel ihm gegenüber niederließ. Sie saß auf der Kante, stützte ihre Ellbogen auf die Beine, verschränkte ihre Finger ineinander und sah ihn durchdringend an, doch sagte keinen Ton.
Ohne es zu wissen, nahm er eine ähnliche Position an, nur dass er seinen Kopf mit den Händen stützte.
„Wer ist Sam?" Diesen Namen hatte Hermione während ihres Streits nur geflüstert, doch er hatte ihn so gut verstanden, als hätte sie ihn ihm entgegengeschrien.
Mrs. Tenerhale setzte sich aufrecht hin und man konnte die Verwirrung nicht nur sehen, sondern auch spüren.
„Sam? Was...wie... Was hat mein Enkel damit zu tun?"
„Ihr...Enkel?"
„Sam, ja, oder meinen sie jemand anderen? Von hier kenne ich keinen und sonst würden sie wohl kaum mich fragen. Aber schön, jetzt reden wir wenigstens."
„Ihr Enkel."
„Ja, das sagte ich. Der Sohn meiner Tochter Violet. Sie hat noch einen jüngeren, Travis, doch der ist im Moment in Australien und macht ein Work-and-Travel-Jahr, bevor er mit dem Studium beginnt."
Diesmal schüttelte er richtig den Kopf und verbarg ihn direkt wieder in seinen Händen.
„Mr. Snape, schauen sie mich an! Was bedeutet ihre Frage? Reden sie mit mir, dafür bin ich hier, und nicht, um mir ihren Couchtisch anzusehen!"
Hätte Hermione ihr dieses Detail nicht vorenthalten, hätte sie besser reagieren können. Zwar hatte sie ihr von dem Streit erzählt und was er ihr alles an den Kopf geworfen hatte...nun ja, fast alles, doch dass sie selbst ganz kurz an Sam als Grund für das alles gedacht hatte, hatte sie nicht erwähnt.
Hermione hatte es aus dem einfachen Grund nicht getan, weil es ihr viel zu absurd gewesen war. Darüber hatte sie nachgedacht, als sie am ersten Abend still vor sich hin geweint und auf dem Gästesofa gelegen hatte.
Vielleicht, hatte sie gedacht, war es nur ein Tüpfelchen auf dem i gewesen, das ihn hatte später ausrasten lassen. Das Problem war nur – was war das i gewesen? Ja, er hatte gesagt, er hätte sie gesehen, sie beide, doch dann hätte er nur fragen müssen, wer der junge Mann wäre. Und wenn er sich nicht getraut hätte, kannte er doch ganz andere Mittel, um zu erfahren, was er wollte. Weil sie das wusste, hatte sie seine Bemerkungen zwar zur Kenntnis genommen und kurz darüber nachgedacht, doch nicht als Grund allen Übels erkannt.
Ganz langsam wurde sie ungeduldig.
„Was nützt es uns – euch – wenn sie nichts sagen? Raus damit!"
Auf sich selbst wütend stand er auf und schlug mit der Hand gegen die Kaminmauer.
„Ich glaube, das wird nichts nützen, Mr. Snape. Die Wand kann nichts dazu.", grinste sie und war froh, dass er sie gerade nicht anschaute.
„Kommen sie, sie brauchen sich hier nicht zu verstecken und sie brauchen keine Show. Wollen sie nicht auch, dass es endlich vorbei ist? Das Warten, die Sorge, die Wut? Mein Gefühl sagt mir, dass es in fünf Minuten geklärt sein könnte – was auch immer es ist."
Ohne eine Antwort verschwand er in der Küche, holte sich ein Glas und füllte es mit Feuerwhisky, der in einem uralten, verschnörkelten Flaschenhalter neben dem Kamin stand.
„Bekomme ich auch einen?", fragte Mrs. Tenerhale, als er gerade zum Trinken ansetzen wollte.
„Ziemlich stark.", kommentierte er nur und in dem Moment fing der Alkohol an zu dampfen.
„Also gerade richtig. Den vertrage ich schon...und wenn ich schon mal hier bin, will ich auch etwas über die magische Welt lernen."
Wortlos reichte er ihr ein Glas und sie stieß mit ihm an.
„Auf die Familie.", prostete sie und er spuckte beinahe den Schluck Whisky wieder aus, den er gerade getrunken hatte.
Beide hatten sich wieder hingesetzt und starrten auf ihre Gläser, die sie beide in den Händen hin- und herdrehten. Sie nahm zwei große Schlücke und er leerte den Rest in einem Zug.
Mrs. Tenerhale schüttelte sich.
„Wenn das nicht gut tut. So! Ihre Schonzeit ist vorbei. Ich will es jetzt wissen. Was hat Sam damit zu tun? Haben sie ihn kennen gelernt? Ziemlich extrovertiert, aber das ist seine Mutter auch. Ganz anders als Rose. Aber er ist ein netter Kerl, immer freundlich, immer gut gelaunt... Manchmal redet er nur ohne nachzudenken."
„Nein."
„Nein? Nein was?"
„Ich...habe ihn nicht kennen gelernt."
„Was dann?"
„Offenbar...habe ich ihn nur...gesehen."
„Gesehen, aber nicht kennen gelernt? Nun gut. Sind sie sicher?"
„Nein. Hermione erwähnte nur kurz...den Namen."
„Wann? Als ihr euch gestritten habt?"
Snape presste mit fast geschlossenen Lippen nur ein „Ja" hervor.
„So kommen wir nicht weiter.", sagte sie resolut, stand auf, nahm die Flasche und goss ihm sein Glas wieder voll.
„Trinken sie!", befahl sie und hielt ihm das Glas vor die Nase.
‚Und lockert die Zunge', dachte sie zusätzlich im Stillen.
Der Mund stand ihm offen. McGonagall und Poppy redeten zwar auch so ähnlich mit ihm – manchmal, und nur, wenn sie sich absolut sicher waren, dass es notwendig sei, wenn er einen verhältnismäßig guten Tag hatte oder er durch was auch immer annähernd widerstandslos war – aber sie setzte wirklich dem ganzen die Krone auf. Hätte er geahnt, dass sie auf die Krone noch etwas draufsetzen konnte, hätte er seine Überlegungen relativiert.
Tatsächlich trank er auch dieses Glas leer und lehnte seinen Kopf zurück. Er konnte es vertragen, keine Frage, aber weniger der Alkohol, sondern die Wärme, die von dem Getränk ausging, erfüllte ihn und ließ ihn sich behaglicher fühlen.
Mrs. Tenerhale hatte ihn die ganze Zeit beobachtet und warte. Er würde schon reden, da war sie sich sicher, trotzdem nutzte sie die Zeit. Wenn es so nicht ging, dann eben mehr...eindeutig.
„Wenn man sich streitet, wissen meistens alle Beteiligten, worum es geht. Ein guter Streit reinigt die Luft, heißt es – und das stimmt. Nur wenn jemand sein Gegenüber, seinen Partner, seine...Freundin..."
Sie machte mit Absicht eine Pause, um seine Reaktion zu sehen. Und die war da, wenn auch nur schwach. Bei dem Wort Freundin schloss er ganz kurz seine Augen und presste die Lippen aufeinander.
„...mit Ignoranz straft, ist das für keinen eine Lösung – vor allem, wenn sie sich keiner Schuld bewusst ist. Sie hat überlegt und überlegt und ist am Boden zerstört, Mr. Snape, das kann ich ihnen versichern. Sie hat nichts Falsches getan, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Und sie sagte, dass irgendetwas zwischen Sonntagnachmittag und Montag oder Dienstag passiert sein muss. Nicht eine Reaktion von ihnen kann sie sich erklären, und wenn sie nicht verliebt wäre, könnte es ihr doch relativ egal sein, meinen sie nicht?
Wenn ich sie richtig verstanden habe, muss es etwas mit Sam zu tun haben, sonst hätten sie wohl kaum so konkret gefragt."
Wieder starrte er nur auf sein Bücherregal und rang um jedes Wort, die er in seinen Gedanken zu einem Satz vorformulieren wollte. Wie er es auch drehte und wendete – er würde sich lächerlich machen oder er würde ordentlich den Kopf gewaschen bekommen – oder eher beides. Denn dass er mit seiner Vermutung vollends daneben lag, hatte er schon viel früher begriffen. Nur die allerletzte Gewissheit fehlte, und die konnte er nur bekommen, wenn er den Mund aufmachte.
„Sie...ich..."
‚Die Geburt meiner Kinder war leichter.', stöhnte sie insgeheim und schaute an die Decke, die übrigens sehr schön war. Ein Gewölbe...eher mehrere kleine, halbrunde Ausbuchtungen, die, jede für sich genommen, aussahen wie die Kuppel eines Doms.
„So geht das nicht. Gehen wir es durch. Sie haben sich verabschiedet, soweit ich mich erinnere, und Hermione ist rausgegangen, weil sie nicht sehen wollte, wie sie sie...verlassen. Und dann sind sie...appa...dings...riert. Richtig?"
„Es war ein modifizierter Portschlüssel."
„Schlüssel oder Apparat, hin oder her, sie haben sie verlassen. Dann waren sie in der Schule, also hier...und was um alles in der Welt ist dann gewesen? Und was hat das mit Sam zu tun, der war ja wohl kaum hier. Langsam...könnte man die Geduld verlieren, Mr. Snape."
*One Republic: „Secrets"*
Mit einem tiefen Atemzug erhob er sich, drehte sich um und blickte ohne es zu bemerken in die Flammen, die fast ständig in den Kerkern brannten und ab und zu ein Knistern von sich gaben.
„Ich...ich bin nicht gleich gegangen, sondern habe noch aus dem Fenster geschaut...ich wollte sie...nochmal sehen. Auf einmal tauchten zwei...Männer auf und sie ist einem von ihnen...so freudig um den Hals gefallen...und das war kein...schöner Anblick."
Die letzten Worte hatte er nur noch vor sich gemurmelt.
„Wie bitte? Ich bin nicht mehr die Jüngste, Mr. Snape...ein bisschen lauter kann nicht schaden."
Natürlich hatte sie ihn verstanden und wollte ihn nur aus der Reserve locken.
Er musste es endlich herauslassen. Wie sie vermutete, hatte er viel zu oft in seinem Leben sein Frust, und mehr noch, sein Leid einfach in sich hineingefressen oder eher...verschweigen müssen. Jeder, der jemanden hatte, bei dem er sich aussprechen konnte, müsste überglücklich sein, wenn er sich mit diesem Mann vergleichen würde.
„Sie...sie hat ihn umarmt, sie ist ihm regelrecht um den Hals gefallen... und da..."
„Wem, Mr. Snape? Meinen sie denn Sam oder wissen sie es nicht?"
„Woher soll ich das wirklich wissen?", fragte er auf einmal mit lauter Stimme.
„Ja, das ist es, sie haben recht. Ich war nachmittags bei ihnen, weil ich euch..." – sie sah Snape direkt in die Augen – „...noch Zeit zu zweit geben wollte, nachdem wir im Café waren..."
Severus zog eine Augenbraue hoch und hätte am liebsten laut geseufzt. Diese Frau redete mit ihm wie mit... er hatte kein Vergleich.
„Danach war ich bei Violet und ihrer Familie und sie hatten vor, noch am Spätnachmittag bei Grangers vorbeizuschauen, weil sie wussten, sie würden dann irgendwann von der Dienstreise wiederkommen. Wir sehen uns immer an Feiertagen, wissen sie. Ich hatte nur noch etwas anderes vor und sie gingen zu Fuß, weil es nicht weit ist. Sam hatte noch seine Freundin Flora dabei, das hat er mir erzählt. Und sie haben alle zusammen – auch mit Hermiones Eltern – einen schönen Abend verbracht.
Sie haben Sam gesehen, wie er Hermione begrüßt hat, nicht wahr? Ich glaube, er hat sie schon wild umarmt und herumgewirbelt, als sie noch Kinder waren.
Ja, so muss es gewesen sein."
Mrs. Tenerhale beschrieb ihren Enkel und auch vorsichtshalber ihren Schwiegersohn und Snape stand die Erkenntnis ins Gesicht geschrieben. Was er befürchtet hatte, bewahrheitete sich gerade. Er war... gab es einen Ausdruck? Dumm war kein Ausdruck, Esel auch nicht...nein, viel, viel schlimmer. Er hatte sich das Leben zur Hölle gemacht und ihr und all den anderen, und nur, weil er nicht über seinen Schatten springen konnte um nachzudenken und geschweige denn nachzufragen – und vor allem, weil er sich sofort und ohne zu Zögern seine Meinung gebildet hatte. Hätte er als Spion so einseitig gedacht...und hätte sich seinen Gefühlen hingegeben...seiner Wut, seiner Enttäuschung, wäre er nicht mehr am Leben. Und wenn sie jetzt nicht gewesen wäre, wäre es so weiter gegangen und er hätte ihr und sich immer weiter Höllenqualen beschert...wer weiß, für wie lange...
„Das darf doch nicht wahr sein.", stöhnte Mrs. Tenerhale, lehnte sich zurück, zog das Gummiband vom Zopf und raufte sich im wahrsten Sinne des Wortes die Haare.
„Nur Eifersucht? Nicht mehr? Das war alles und dafür so ein...Theater? Herrje. Jetzt könnte ich noch ein Glas von diesem rauchenden Whisky vertragen – naja, ein halbes. Würden sie... Ach lassen sie, ich mach schon." Sie stand auf, goss sich das Glas zur Hälfte voll und nahm einen Schluck, beinahe ohne husten zu müssen.
Nur am Rande bekam er mit, was sie sagte – und was sie tat. Mit den flachen Händen stütze er sich an der Wand ab und ließ seinen Kopf zwischen seinen Armen hängen. Alles nur...deswegen. Warum hatte er nicht auch eine andere Erklärung nur ein einziges mal in Betracht gezogen...warum nicht? Und nun hatte sie ihn! Er stand im Schach – sie hielt ihn in Schach – und es sah nicht danach aus, dass er das Blatt nochmal wenden könnte...
Eigentlich wollte sie ihn richtig tadeln, doch er schien am Boden zerstört und machte sich sicher schon selbst die schlimmsten Vorwürfe...wohl nicht zum erstenmal.
Vorsichtig stellte sie das Glas auf den Couchtisch und ging langsam zu ihm hin.
„Sehen sie mich an, Mr. Snape." Er atmete tief aus und verharrte in seiner Position.
„Mr. Snape...Severus, sehen sie mich an!"
Noch immer bewegte er sich nicht.
„Neben der Liebe ist es das älteste Gefühl der Welt – und der größte Beweis dafür, dass sie sie lieben...oder wenigstens verliebt sind. Sie sollten ihre Eifersucht vielleicht besser nur ein, zwei...oder am besten zehn Gänge zurückschalten, sonst wird das nichts. Mehr nicht! Das ist alles, glauben sie mir. Und wie ich Hermione kenne, wird sie ihnen nie einen Grund zum Eifersüchtigsein geben. So sind wir nicht. Hören sie? Wenn sie ihr nicht wichtig wären, wäre sie wohl kaum vor lauter Kummer weggelaufen und hätte sich bei mir ausgeweint, meinen sie nicht?
Severus richtete sich auf und sah Mrs. Tenerhale endlich an. Er glaubte ihr jedes Wort, doch das zuzugeben war unglaublich schwer.
Endlich konnte sie seinen eigenen Kummer in seinen Augen sehen...die Gefühle hatte sie ja schon viel früher erkannt.
„Kommen sie her.", sagte sie schlicht und nahm ihn in den Arm, soweit es möglich war.
Vor Überraschung erstarrt, bewegte er sich keinen Millimeter, doch er wandte sich auch nicht ab.
Tief im Inneren tat es ihm sogar gut und fühlte sich ein kleines bisschen nach...Familie an. Vielleicht doch keine Niederlage...sondern ein Remis in dem Spiel, das keines war...
Ein stummes Übereinkommen auf gleicher Augenhöhe. Dachte er...
„Sie haben sich in sie verliebt, nicht wahr? Bei ihr ist es nicht anders. Das ist alles, was zählt! Wo ist das Problem? Es gibt keines – zumindest keines, das man nicht lösen könnte. Ich denke mal, solange ihr es nicht an die große Glocke hängt, kann nichts schief gehen. Sie ist erwachsen und alt genug, selbst zu entscheiden, Lehrer hin oder her. Außerdem bin ich immer noch da! Einfach nur eine...Eule schicken, wenn ihr...Hilfe braucht, ja?", sagte sie und grinste, weil sie einen Gesichtsausdruck bei ihm sah, für den sie sonst wirklich Geld bezahlt hätte.
„Ja?", wiederholte sie nochmal schlicht.
Seine Antwort war kaum hörbar, doch das „Ja" verstand sie.
„Ich werde Hermione herschicken, sie muss wieder zum Unterricht. Dass ich ihr über dieses Gespräch nichts erzähle, ist ihnen sicherlich klar und ganz sicher auch sehr recht. Aber dann liegt es bei ihnen."
Mrs. Tenerhale nahm ihre Jacke und zog sie sich an.
„Mr. Snape?" Sie wartete noch auf eine Antwort.
„Ja.", war wieder das Einzigste, das er sagte. Nicht als Frage, sondern als Antwort. Und es war für ihn – und für sie – mehr als tausend Worte.
Es war vorbei, und ein Teil von ihm war ihr sogar dankbar für ihren...Mut.
Langsam ging sie ein paar Schritte zur Tür, aber wandte sich kurz nochmal zu ihm um. Er dachte, sie wollte sich noch richtig verabschieden... Nun, nicht ganz...
„Was ich sagen wollte, habe ich gesagt. Aber Eines muss ich noch loswerden, Mr. Snape:
Wie sie wissen, werde ich nächstes Jahr 70 und sie 40.
Sie sind eingeladen und sie werden kommen! Und – sie werden mir meinen Wunsch erfüllen!"
Perplex versuchte er, ihren Blick zu verstehen, konnte es aber nicht. Das war eine Ansage! Noch eine. Keine Bitte, keine Frage – es klang eher wie ein Befehl. Ein anderes Wort fiel ihm dazu nicht ein.
Sie sah sein irritiertes Verhalten und ihr Unterbewusstsein ließ sie den letzten Satz in absoluter Formvollendung vortragen – präzise und eindeutig – so würde er es mögen, oder?
„Noch bin ich fit. Ich habe Zeit, ich habe ein Häuschen mit Garten und ich habe meine Rente. Was fehlt, ist nur eines: Mein Geschenk."
Fragend runzelte er die Stirn und zog eine Augenbraue hoch. Was sollte das denn werden? Nicht ein Detail ihrer Worte konnte er zuordnen – zu was auch immer. Aber sie war ja noch nicht fertig.
Sie sah, wie er innerlich förmlich schwamm und das ließ sie strahlen.
„Keine Angst, es kostet kein Geld – vorerst – es ist leicht zu beschaffen und das macht auch noch Spaß.
Ganz einfach: Ich möchte Urenkel, Mr. Snape! Das ist mein Wunsch.
Auf Wiedersehen! Und damit meine ich auch wieder-sehen!"
Sie lächelte ihn an, öffnete die Tür und verschwand.
Den Ausdruck auf Snapes Gesicht hätte nicht einmal er selbst beschreiben können. Eigentlich hatte er in den Verbotenen Wald gewollt – verbotenerweise aufgrund seiner Gesundheit – bevor sie erschienen war – seine Nemesis.
Jetzt ging er verstand- und verständnislos in sein Schlafzimmer und ließ sich mitsamt der Robe aufs Bett fallen. Ohne etwas getan zu haben war er fix und fertig.
Kein Remis. Weit gefehlt! Sie hatte ihn in zwei oder drei Zügen Schachmatt gesetzt – je nach dem, wie man es sah: Erst der Brief, dann ihre Ansage – die, die aus genau drei Worten bestand.
Das war's. Die Dame hatte es geschafft, der König war schachmatt und er lag zugunfähig auf dem B(r)ett.
Das war kein Zauberschach gewesen, sondern Zauberei mit absolut magiefreien Mitteln. Eine Partie mit zwei Seiten und doch nur mit einer Beteiligten. Sie hatte aber nicht den König erwischt, nein, der war nicht mächtig genug, nicht widerstandsfähig gewesen, sondern nur den Prinzen. Schachmatt mit einem Zug, nein, mit einem Satz.
Da stand sie nun im Flur in Hogwarts' Kerker und sah sich um. Vielleicht hätte sie ihn fragen sollen, wie sie wieder zurückkäme, aber irgendwas sagte ihr, dass sie froh sein sollte, es bis hierher geschafft zu haben. Es konnte ja nicht so schwer sein, eine Treppe zu finden.
Zufrieden mit sich ging sie los in die Richtung, in der sie den Ausgang vermutete und sie sah bald die Treppe, die nach oben führte. Auf halbem Weg stieß sie fast mit Ginny zusammen.
„Mädchen, hast du mich erschreckt!"
„Entschuldigung, aber ich konnte sie doch nicht hier unten allein lassen. Durch Zufall hab ich nämlich Professor McGonagall in ihr Büro gehen sehen."
„Durch Zufall, ja?"
„Jaaa, klar.", grinste sie.
„Ich bin so...aufgeregt. Haben sie mit ihm geredet?"
„Nun, geredet wäre ein klein wenig übertrieben...er hat zugehört."
„Wie cool ist das denn! Da haben sie ihm so richtig ihre Meinung gesagt?"
„Sagen wir es mal so: Ich schätze, er weiß nun, wie ich über die Sache denke. Jetzt ist er an der Reihe, meine Liebe...da kann ich vorerst nichts mehr tun. Wie ich hoffe, nimmt er sich meine...Worte zu Herzen."
„Sie verraten mir nicht zufällig, was sie gesagt haben, oder?", fragte Ginny mit einem herzergreifenden Hundeblick.
„Es tut mir Leid, Ginny, aber das ist eine Sache zwischen Mr. Snape und mir. Das verstehst du doch, oder? Hermione wird auch nichts davon erfahren, und auch nicht von meinem Besuch hier, das ist euch hoffentlich klar?"
„Ja, natürlich, Mrs. Tenerhale. Ehrenwort."
„Danke dir, das war mir nochmal wichtig zu erwähnen. Dann wirst du deine Freundin sicher morgen wiedersehen, wie ich hoffe. Ich tue mein Bestes."
„Ich freue mich schon auf Hermione."
„Und das freut mich. Ich hoffe, dass sie mir einen Brief schickt, ob es ihr besser geht. Falls das nicht so ist, und du merkst, dass es ihr immer noch nicht besser geht zum Ende der nächsten Woche... Würdest du mir dann schreiben? Ich möchte es nur wissen."
„Na auf jeden Fall. Mach ich sehr gerne. Soll ich sie nun zu Professor McGonagall bringen?"
„Ja, Kind, das wäre nett."
Da Sonntag war, begegneten ihnen nicht viele Schüler auf dem Flur. Die wenigen guckten etwas irritiert oder neugierig, aber das war auch schon alles.
Ginny nannte das Passwort für den Wasserspeier und McGonagall stand schon an der Tür.
„Verzeihen sie, Jean, ich wollte eigentlich warten, aber da ich nicht wusste, wie lange es dauert..."
„Keine Sorge, Minerva, die liebe Ginny hier hat mich...unterwegs getroffen und hergebracht."
„Danke, Ginevra.", sagte die Schulleiterin zu Ginny und die verstand, dass sie damit entlassen war. Sie verabschiedete sich noch von Hermiones Oma und wurde sogar von ihr umarmt.
„Bevor wir gehen, brennt mir ehrlich gesagt noch eine Frage auf den Lippen, Jean."
„Nur raus damit.", ermutigte sie ihr Gegenüber. Aber in dem Moment wurde ihr bewusst – weibliche Intuition wieder einmal – was das nur für eine Frage sein konnte. Es war die Frage, und – bei allen guten Geistern – sie hatte sich darüber nicht mit Mr. Snape unterhalten, oder abgestimmt, oder sonst was.
„Sie kannten Professor Snape?"
Mrs. Tenerhale besann sich – zum wievielten mal diese Woche – auf ihre Rolle.
„Hermione hat mir viel erzählt, natürlich auch von ihren Lehrern. Außerdem habe ich mal ein Jahrbuch gesehen, indem sich sogar die Bilder bewegten... Dort war auch Mr..., Professor Snape abgebildet."
„Sicher. Aber es kam mir irgendwie so vor, als wenn Severus sie auch kennen würde. Habe ich mich da getäuscht?"
Hinter dem Rücken wischte sie sich die leicht verschwitzten Hände an der Hose ab.
„Da haben sie sich...gewiss getäuscht. Scheinbar war er sehr überrascht, eine...fremde Frau vor seiner Tür zu sehen, und dazu noch eine...äh...Muggel."
„Nun, das ist wohl wahr. Das kommt bei ihm wahrlich nicht oft vor.", sagte McGonagall, deren Unterbewusstsein noch nicht ganz überzeugt war. Sie beschloss, Severus ebenfalls darauf anzusprechen. Andererseits...woher sollte er sie kennen? Ein Ding der Unmöglichkeit.
„Haben sie denn über den Unterricht mit ihm sprechen können? Über sein Verhalten? Das würde mich ehrlich gesagt wundern."
„Habe ich. Wie ich es mir schon gedacht habe, hat er es auch nicht leicht und manche Schüler tanzen ihm wirklich auf der Nase herum. Außerdem waren viele noch mit den Ferien beschäftigt und sehr unaufmerksam. Das glaube ich ihm auch, denn in welcher Schule ist dies nicht der Fall? Hermione hat mir auch ein paar Dinge aus ihrer Welt erzählt und was er für eine Rolle gespielt hat. Ich habe viel Verständnis für ihn, aber ich habe ihm gleichzeitig auch erklärt, dass andere Zeiten angebrochen sind und dass man viele...Probleme auch auf eine andere Art und Weise lösen kann. Wenn mich mein Gefühl nicht trügt, wird der Unterricht bald wieder normal vonstatten gehen."
„Ihr Wort in Merlins Ohr. Das war eine ziemlich gute Idee, hierher zu kommen. Denn wenn ich oder seine Kollegen ihm etwas sagen, hört er für gewöhnlich nicht zu. Hätten andere Eltern oder Familienmitglieder so ein Interesse, oder ihre Courage, wäre das vielleicht schon viel früher mal geschehen. Doch nicht alle Kinder erzählen zu Hause soviel und nicht alle verstehen unsere Welt. Vielleicht sollten wir solche Sprechtage generell einführen."
„Warum nicht? Hermione hat es mir wirklich gut erklärt und viel erzählt. Da war es mir ein Anliegen – nicht nur für sie, sondern auch für...Professor Snape. Schließlich sollte man...zusammenarbeiten, und nicht gegeneinander."
„Sie sprechen mir aus der Seele. Wenn es gefruchtet hat, werde ich sie als Botschafterin einstellen!", schlug McGonagall vor und brachte ein schmales Lächeln zustande.
„Soll ich sie nun zurückbringen?"
„Das wäre nett. Vielen Dank für alles, Minerva. Das war eine gute...Erfahrung. Schreiben sie noch an Hermione, dass sie wissen, dass sie bei mir ist und dass alles geklärt ist – nur ohne mich zu erwähnen?!"
„Ja, das mache ich gleich. Ich habe zu danken, Jean. Vielleicht sehen wir uns mal wieder – das fände ich nett."
„Ganz sicher."
Es war schon Spätnachmittag, als sie Zuhause ankam.
„Wo warst du denn solange, Großmutter?"
„Ich habe dir doch am Telefon gesagt, dass jemand aus der...Gemeinde Hilfe braucht. Jemandem geht es nicht so gut und da wollte ich mal gerne vorbeischauen. Das habe ich gemacht und dann kann man nicht sofort wieder gehen. Das verstehst du doch?"
„Sicher, ich habe mir nur langsam Sorgen gemacht."
„Das brauchst du nicht, Liebes, ich kann gut auf mich aufpassen. Hast du dich ausgeruht?"
„Ja, Fernsehen, lesen, und mit Emma war ich draußen."
„Danke Liebes. Was möchtest du machen am letzten Abend?"
„Ich will nicht zurück morgen."
„Wie bitte? Du hörst dich an wie eine Siebenjährige, Hermione. Das steht dir nicht."
„Weiß ich. Ich weiß nur nicht, wie ich die Stunden bei ihm rumkriegen soll. Es...tut so weh."
„Das wird schon, Liebes. Schließlich hatte er wie du ein ganzes langes Wochenende, um nachzudenken. Vielleicht hat er auch nach dir gesucht?"
„Sicher nicht."
„Woher willst du das wissen?"
„Denke ich mir."
„Denk nicht soviel. Wann hast du denn bei ihm Unterricht?"
„Dienstag und Donnerstag."
„Dann kannst du wohl kaum hier bleiben! Gut, ich bin ja nicht so. Ein Kompromiss: Morgen bleibst du noch hier, am Dienstag wirst du allerdings so früh aufstehen, dass du pünktlich zum Unterricht kommst. Manchmal ist es besser, man wird ins kalte Wasser geworfen. Dann bleibt dir nicht mehr viel Zeit zum Nachdenken, bevor du ihn siehst."
„Aber..."
„Kein aber mehr, Hermione. Das ist schon mehr, als ich eigentlich verantworten will. Letztes Wort."
Sonst war sie nicht so, aber ihre Enkelin brauchte gerade jemanden, der sie stützte und der ihr den Weg zeigte, so war es besser für sie. Sie würde ihr irgendwann dankbar sein, hoffte sie.
So kam es, dass Hermione am Dienstagmorgen um halb sechs geweckt wurde, was sie mit einem Grummeln kommentierte.
„Die Reise dauert nur Sekunden, Oma. Ich hab keinen Hunger."
„Du wirst eine Tasse frischen Ingwertee trinken, das hilft gegen die Übelkeit. Und du wirst zumindest eine Schnitte Brot essen und einen Apfel, sonst fällst du mir noch zusammen. Kein Mann ist es wert, dass man wegen ihm krank wird. Und ich brauche die Zeit heute morgen."
„Warum?"
„Wenn du gegessen hast, richte ich dich her. So kannst du ja nicht gehen."
Hermione hatte sich am Wochenende nicht viel um sich gekümmert. Die Haare hatte sie nur einmal gekämmt, ständig eine alte Jogginghose und ein Pullover ihrer Oma getragen und außer der Pizza und ein paar Muffinkrümel kaum etwas gegessen. Sie sah blass und krank aus und die Augen hatten rote Ränder.
Nachdem sie unter Aufsicht gegessen hatte, duschte sie sich ausgiebig, wusch sich die Haare und zauberte sich die Schuluniform sauber, in der sie am vergangenen Donnerstag geflüchtet war. Danach kämmte Großmutter ihr die Haare zu einer schicken Frisur und schminkte sie unter Protest zu einer schönen und vor allem vorzeigbaren Frau.
„Denk daran: Das tust du immer für dich selbst, und nicht für andere, hörst du? Du musst dich gut fühlen – für dich! Und dann ergibt sich alles andere."
Oma dachte natürlich auch an Mr. Snape und grinste innerlich. Sie war fest davon überzeugt, dass sich alles zum Guten wenden würde...vielleicht schon heute...Abend.
Severus hatte den restlichen Sonntag wie in Trance verbracht und in seinen Ohren hallte nur das eine Wort: Urenkel. Poppy war zur Kontrolluntersuchung vorbeigekommen und hatte festgestellt, dass er zwar ein bisschen abwesend wirkte, doch dass sein gesundheitlicher Zustand den Umständen entsprechend akzeptabel war. Da er sowieso kaum ein Wort sprach, war sie nach fünf Minuten mehr oder weniger gereizt auf die Krankenstation zurückgekehrt.
Den Montag brachte er ebenso nebenher hinter sich und hatte nur mit Mühe und Not einen Tränkeunfall bei den Erstklässlern in letzter Sekunde verhindern können.
Am Dienstagmorgen kam die Panik und er hätte sich beinahe krankgemeldet, wenn Poppy nicht so viele Fragen stellen würde. Eine Ausrede wäre ihm sowieso nicht eingefallen.
Er kam mit sich selbst überein, dass er den Unterricht der siebten Klasse so normal wie möglich durchziehen müsste, wenn auch nicht mit übermäßig vielen Punktabzügen. Vielleicht könnte er sie wieder ignorieren, doch um ein Gespräch würde er nicht herumkommen – wollte er auch nicht mehr.
Seine größte Sorge war, dass er sie nicht allein erwischen würde und wenn doch, dass sie nicht mit ihm reden wollte. Die einzige Chance bestand darin, so fand er, dass er ihr Nachsitzen verpassen musste. Das würden dann alle mitbekommen und sie könnte sich nicht davor drücken. Blieb nur noch das Problem, dass sie – oder ihre Freunde – irgendetwas falsch machen mussten.
Mit einem Kribbeln im Bauch – natürlich nur verursacht durch die Nervosität – betrat er das Kerkerlabor.
Alle außer gewissen drei Schülern wunderten sich, dass die Doppelstunde wirklich relativ normal vonstatten gegangen war. Normal im Verhältnis zu Snape. Normal wie vor den Osterferien. Die Punktabzüge bewegten sich tatsächlich unterhalb der Zahl 20 und außer ein paar Anweisungen hatte er kaum ein Wort verloren. Insgeheim tauschten Ginny, Ron und Harry Blicke und sie waren sich alle einig, dass Mrs. Tenerhale ganze Arbeit geleistet haben musste und dafür hatte sie all ihre Bewunderung verdient.
Nur Ginny grinste noch ganz anders in sich hinein. Nein, das, also Snape, sah gar nicht mal so schlecht aus.
Snape hatte ohne es zu wissen ganz ähnliche Gedanken. Bei Merlin, sie sah gut aus und er musste sich ständig zwingen, sie nicht anzusehen. Die Stunde neigte sich langsam dem Ende und immer noch hatte er keine Gelegenheit bekommen, ihr eine Strafarbeit zu...versprechen.
Seit sie angekommen war – pünktlich – war sie ziemlich abwesend und versuchte es tunlichst zu vermeiden, ihn anzusehen. Musste sie es doch einmal, wurde ihr wieder flau im Magen und dann zwang sie sich, ihre Aufmerksamkeit wieder ganz den Zutaten zu schenken. Nichts hatte sich geändert. Gut, er war etwas weniger...bösartig, sondern nur noch mies drauf, aber sonst war nichts. Kein Blick, kein Wort. Ihre Gedanken kreisten und kamen zu dem Schluss, dass sie wohl keine Chance mehr hatte.
Ginny beobachtete sie die ganze Zeit besorgt und überlegte fieberhaft, ob sie irgendwie helfen könne. Als sich Hermione in den letzten zehn Minuten den Schweiß von der Stirn wischte und sich heimlich am Tisch festhielt, befürchtete sie schon, es sei gleich wieder soweit, dass sie rausrennen müsste.
Leise fragte sie sie, ob sie mit ihr nach draußen gehen sollte und damit hatte er seinen Anlass.
„Miss Granger...", sagte er bedrohlich, was nicht ihre, sondern Ginnys Aufmerksamkeit erregte. Er hatte Hermione tatsächlich nach Wochen wieder direkt angesprochen. War das jetzt gut oder schlecht?
„...sehen sie mich an, wenn ich mit ihnen rede." Er wollte es nicht – es tat ihm beinahe leid – aber er musste ja so sein.
„An ihrer Stelle würde ich nicht meine Klassenkameraden vom Unterricht ablenken. Kommen sie nach dem Abendessen um sieben Uhr zu mir. Nachsitzen! Pünktlich!"
Nur gut, dass die Stunde nun vorbei war, sie konnte ihre Anspannung kaum mehr unterdrücken.
Ginny war den ganzen Tag bei ihr und versuchte, sie so gut wie möglich abzulenken. Nur abends konnte sie nicht mit ihr gehen, sondern begleitete sie nur bis kurz vor sein Büro.
„Hey, so schlimm kann es nicht werden. Immerhin wissen wir ja alle, wo du bist. Glaub mir, es wird besser. Bestimmt. Wenn du in zwei Stunden nicht wieder oben bist..."
„Lass nur, macht euch einen schönen Abend. Da muss ich jetzt durch, ob ich will oder nicht.", sagte sie traurig.
„Ok, sagte Ginny und nahm sie in den Arm. Bis später."
Eigentlich hatte sie sagen wollen: Wenn du in zwei Stunden nicht wieder oben bist...weiß ich, dass du eine angemessene...Beschäftigung hattest.
Wie ein Häufchen Elend ging Hermione ganz allein die letzten Schritte Richtung Büro und klopfte Punkt sieben – keine Sekunde früher – an seine Tür.
Nach unendlich wirkenden Sekunden riss er sie auf und...
...da standen sie: Kaum ein Schritt voneinander entfernt, mit zitternden Knien und den Blick aufeinander gerichtet.
tbc
A/N:
So, ihr Lieben, seid ihr auch noch schachmatt oder sind die Nerven wie bei den beiden schon wieder zum Zerreißen gespannt? ;oD
