A/N:

Ihr Lieben!

Freue mich sehr, dass euch der kleine, schlaue, liebe und doch so freche Steinkauz von Severus gefallen hat. Gleichzeitig tut es mir leid, dass ich mit etwas Verspätung hochlade, da mir die Zeit einfach davonrennt – vor allem in der neuen, recht schweren Situation zu Hause.

Dieses und das nächste Kapitel gehörten eigentlich zusammen, doch als ein Ganzes wäre es zu lang geworden. Deshalb habe ich getrennt und ihr lest heute den ersten Teil der Gefühlsachterbahn. Von himmelhochjauchzend bis…ihr könnt es euch denken.

Kaddi: Nicht traurig sein... Jedes Herzeleid geht irgendwann vorüber, glaub mir...

VLG KeyMagic


Kapitel 36

Ginny hatte mit Ach und Krach und ein paar überzeugenden, weiblichen Argumenten Harry davon abgebracht zu glauben, Snape und Hermione würden sich duzen.

Sie hatte sehr einfallsreich und einleuchtend erklärt, dass man keine Aussagen deuten könne, wenn man nicht den ganzen Satz oder das ganze Gespräch gehört habe. Der Satz hätte ja auch soviel heißen können wie Ich LASS DAS Stundenglas für sie leeren, Miss Granger oder Der Eule hatte ich schon zuvor LASS DAS gesagt oder noch anders. Dann hatte sie ihn geküsst und sich dabei auf seine Knie gesetzt und dann hatte er zugegeben, dass sie ja wirklich recht hätte und dass es ja Schwachsinn sei, dass die beiden sich duzen.

Ginny hätte daraufhin am liebsten laut die Ode an die Freude gesungen, ließ es aber der Umstände halber lieber bleiben.

Trotzdem hatte Harry am nächsten Morgen vor Beginn des Unterrichts nochmal Seamus gefragt, für den die Sache erledigt war und der zugab, dass er sich eh nicht mehr richtig an die einzelnen Worte erinnern könne.

Harry wäre nicht die ganzen Jahre zu Harry geworden, wenn er nicht anschließend im Unterricht Snape und Hermione beobachtet hätte. Er konnte keine Anzeichen für ungewöhnliche Verhaltensweisen erkennen und war endgültig überzeugt und freute sich weiterhin seines Lebens.

Nicht mitbekommen hatte er, dass der Professor Hermione immer ein paar Sekunden länger ansah als andere Schüler und dass sie verstohlen auf seine Kehrseite guckte, wenn er sich zur Tafel drehte. Doch da das alles völlig unmöglich war, bemerkte es keiner, in keiner Unterrichtsstunde.


Nach den Zaubertrankstunden am Dienstagmorgen redeten sie nicht miteinander, weil er kein Grund gefunden hatte, sie zu sich zu zitieren und weil sie etwas überzogen hatten. Der nächste Lehrer wartete schon und sie hatten viel zu tun in den letzten Wochen vor den Prüfungen.

Das war Hermione eigentlich ganz recht – dass er sie nicht angesprochen hatte. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, wenn er sie zu sich einladen würde, weil sie seit gestern ja ihr allmonatliches Problem hatte. Noch immer wollte und konnte sie ihm so etwas nicht sagen und was sollte sie dann tun, wenn er... Eigentlich dachte sie nicht, dass er sie nur sehen wollte, wenn er...wollte, aber sie waren noch nie in dieser Situation gewesen. Da kam wieder das schüchterne Mädchen in ihr hervor, das sie vor vielen Jahren einmal gewesen war.

Beim Essen sahen sie sich und manchmal dachte sie, er würde ihr ein Zeichen geben. Ein paar Minuten später verwarf sie den Gedanken wieder. Das war zu gefährlich und sie selbst konnte ihn auch nicht einfach in der Halle oder auf dem Flur ansprechen. Also unternahm sie nichts, denn sie wollte sich auch nicht aufdrängen, gerade jetzt nicht. Er würde sich wahrscheinlich melden, wenn er sie sehen wollte.

Natürlich vermisste sie ihn schon nach einem Tag, nicht ahnend, dass es ihm genauso ging.

Mittwoch und Donnerstag ging das Spielchen weiter, von dem keiner der beiden wusste, was es für ein Spiel war.

Severus machte sich auch so seine Gedanken und manche davon konnte er nicht einordnen. Warum reagierte sie nicht auf ihn und warum meldete sie sich nicht? Wenigstens eine Nachricht, was und wie viel sie zu tun hätte. Er wollte nicht immer den Anfang machen, sie sollte nicht denken, dass er sie in irgendeiner Form ausnutzte oder Schlimmeres. Die innere Stimme, die sich manchmal zu Wort meldete, verdrängte er vehement. Die sagte ihm, dass es am Montagabend gründlich schiefgelaufen war und dass er es nicht hätte zulassen dürfen, dass er sie auf diese Weise...genossen hatte. Das war ihr sicher zuviel geworden, obwohl er nachher mit ihr sogar noch gelacht hatte.

Die Doppelstunde Zaubertränke am Donnerstagnachmittag kam und es hatte sich weder etwas geändert noch gebessert. Zwar benahm sie sich im Unterricht relativ normal, aber sie war etwas in sich gekehrt und sah ihn kaum an. Sonst konnte er viel aushalten, aber das nagte an ihm. Leider hatte sie ihm wieder keinen Anlass gegeben, ihr eine Strafarbeit aufzubrummen zu können, also musste er es wagen, sie nach dem Ende anzusprechen. So ging es nicht weiter. Sie fehlte ihm. Die Erkenntnis hatte ihn getroffen, als er jede ihrer Bewegungen beim Brauen verfolgt hatte.

Als die Klasse draußen war und zur Großen Halle zum Abendessen ging, wollte Severus mit ihr reden, musste mit ihr reden.

„Miss Granger, auf ein Wort."

„Ja, Sir."

Er versiegelte mit einem Wink seines Zauberstabs die Tür, damit sie niemand überraschen könnte, falls noch ein Schüler etwas wollte.

„Was ist los?"

„Nichts. Warum?"

„Gehst du mir aus dem Weg?"

„Nein. Wir haben beide viel zu tun und viel nachzuholen, oder?"

„Das stimmt. Dennoch... Außer Dienstag im Unterricht haben wir uns nur von weitem zum Essen gesehen."

„Du hast nichts gesagt."

„Du auch nicht."

„Ja...weil...ich denke, wenn du nichts sagst, dann hast du keine Zeit oder willst mich nicht sehen... Ich wollte dich nicht stören."

„Warum habe ich dir mein Passwort gegeben? Damit ich jemanden habe, der mich stört?"

„Nein..."

„Wenn ich zu tun habe, dann siehst du es oder ich sage es. Außerdem kannst du, wenn du möchtest, dann trotzdem bleiben und eigene Aufgaben erledigen – falls dich deine Freunde nicht vermissen."

„Die sind gewohnt, dass ich in der Bibliothek bin. Ja dann...danke."

„Hermione, noch einmal die Frage: Was ist los?"

„Wirklich nichts. Ich...muss nur an alles denken, damit ich nichts vergesse und..."

„Falls du Zeit hast, kannst du irgendwann nach dem Abendessen kommen. Ich muss allerdings noch zwei Tränke zu Ende bringen, die ich vorgestern angesetzt habe und Aufsätze korrigieren. Es liegt bei dir, wann."

„Dann lassen wir es doch und verschieben es auf das Wochenende."

Hermione konnte einfach nicht mehr erklären, sie wollte auch nicht. Allerdings merkte er sehr wohl, dass es nicht so war wie sonst. Sie wollte auch nichts Falsches machen...gerade bei ihm. Noch immer konnte sie ihn nicht richtig einschätzen – kein Wunder bei jemandem, der Snape hieß.

„Ich würde dich gerne heute sehen. Überlege es dir."

„Mache ich."

Bildete sie sich das ein oder schwang ein klein wenig Sehnsucht in seiner Stimme?

„Warte."

Severus stand auf, ging um das Pult herum und verschränkte die Arme vor seiner Brust.

„Hast du nicht etwas vergessen?"

Unsicher sah sie ihn an, aber als seine Mundwinkel zuckten, erinnerte sie sich an den letzten Samstagmorgen, als sie ihn das gleiche gefragt hatte.

„Hab ich wohl.", gab sie zu und streckte sich, damit sie ihn küssen konnte. Kurz schlang er seine Arme um sie und löste danach die Versiegelung der Tür.

„Bis später?", fragte er, als sie fast am Ausgang war.

Hermione zögerte und öffnete die Tür.

„Bis später!"

In dem Moment war ihr klar, dass sie zu ihm gehen würde. Kaum zu glauben, dass man sich nach drei oder eigentlich nur zwei Tagen schon vermissen konnte.

Als sie die Tür geschlossen hatte, erstarrte sie. Ron saß im Flur auf dem Boden und hatte anscheinend auf sie gewartet. Er stand auf und sah sie an, allerdings ohne ein Lächeln.

„Was wollte der wieder?"

„Warum bist du hier?"

„Darf ich nicht hier sein? Ich warte auf dich, weil... Also was wollte der Kerl?"

Professor Snape, Ron, immer noch. Nichts weiter...nur etwas wegen dem letzten Aufsatz."

„Du hast gerade gesagt bis später. Wieso sagst du zu Snape bis später?"

Sie hätte sich ohrfeigen können. Wie konnte sie nur so unbedacht handeln?

„Ähm...er hat angeboten, mir ein Buch zum letzten Thema auszuleihen, das ich mir später abholen kann."

„Wie nett."

Die Art, in der er mit ihr sprach, war komisch, und sie hoffte, dass er mit ihrer Erklärung zufrieden war.

„Wollen wir essen?"

„Hermione, wenn der dich wieder mies behandelt ohne Grund – du kannst...wir können zu McGonagall gehen, das..."

„Ron! Das ist vorbei, er behandelt mich ganz normal und nichts weiter."

„Wenn du meinst. Aber ich werde ihn im Auge behalten, den..."

„Hör schon auf. Ja, meine ich. Komm."

Ron setzte sich neben seine Schwester und somit blieb Hermione nur noch der Platz neben ihm. Als Snape ungefähr nach der Hälfte der Zeit doch noch auf der Empore auftauchte, verging ihm der Appetit. Seit der die ganze Stufe so ungerecht und schlecht behandelt hatte – mal wieder, aber viel schlimmer als jemals zuvor – war alles an Akzeptanz, die er so mühsam aufgebaut hatte, wieder verloren gegangen. Und dass er scheinbar noch immer Hermione auf seiner wen-mache-ich-fertig-Liste hatte, machte es noch schlimmer. Keiner sollte sie ohne Grund so behandeln, deshalb würde er auf seine Freundin besser aufpassen, hatte er beschlossen.

„Wann sollst du bei ihm erscheinen?"

„Wieso? Ich weiß noch nicht, wann ich gehe. Er sagte, dass es egal sei."

„Egal? Der sagt egal?"

Bei Merlin, wie könnte sie Ron bloß davon abbringen, was auch immer er tun oder fragen wollte in der nächsten Zeit?

„Da ist was faul! Ich werde nachher mit dir in den Kerker gehen, wenn du es unbedingt brauchst!"

Daraufhin bekam Ginny einen Hustenanfall, der nicht nur am Gryffindor-Tisch Erschrecken und Belustigung verursachte, sondern in der ganzen Halle zu hören war. Sie stand auf und beugte sich über die Bank, damit sie es besser unter Kontrolle brächte. Weil sie sich vorher mit Harry und Dean unterhalten hatte, hatte sie nur den letzten Satz ihres Bruders gehört und der hatte sie ganz leicht gestresst, um nicht zu sagen, einen heftigen Adrenalinschub verpasst. Sie hatte ein Stückchen Brot in die Luftröhre bekommen und war hochrot im Gesicht vor lauter husten.

Ron klopfte ihr auf den Rücken.

„Kann nicht jeder vernünftig essen, was, Schwester?"

„WAS hast du gesagt?", krächzte sie nach gefühlten zehn Minuten ohne Sauerstoff.

„Kann nicht jeder essen."

„Quatsch. Das davor!"

„Hä?"

Ginny verdrehte nur die Augen.

„Ach so...dass ich Mine in den Kerker bringe wenn sie es unbedingt braucht."

„WAS?"

Sie wusste nicht, ob sie gleich in Gelächter oder in Panik ausbrechen würde. Er hatte es doch wohl nicht herausgefunden?

„Ja was denn, ist doch das Mindeste, was ich tun kann."

Daraufhin beugte sich Ginny hinter Rons Rücken zu Hermione rüber und sah sie nur mit leicht, nein, extrem panischem Gesicht an.

„Wenn du es brauchst?", fragte sie nur mit Lippenbewegungen und ihre Freundin verstand.

Hermione grinste ganz kurz und erklärte laut, dass es sich um ein Buch handle.

„Ein Buch, klar... Ja sicher. Viel Spaß beim Lesen!", meinte Ginny trocken und drehte sich wieder zum Tisch.

„Was hast du denn gedacht, Schwester?"

„Ähm..."

„Ja, das denke ich auch. Nicht, dass er sich noch wieder was extra Fieses für sie ausdenkt... Buch ausleihen! Tz!"

Das würde eine Katastrophe geben, wenn Ron mit in den Kerker ging, dachte Ginny. Krampfhaft suchte sie nach einer Ausrede. Ihr wollte partout nichts einfallen...sonst schaffte sie das doch. Naja, es war noch etwas Zeit.

„Wann sollst du das Buch holen, Mine?"

„Im Laufe des Abends."

„Wolltest du nicht den ganzen Abend in Ruhe lernen...in der Bibliothek?", fragte Ginny wunderschön betont.

"Jaaah, das hatte ich vor. Und ich muss den Tränke-Aufsatz sicher nacharbeiten."

„Siehst du, Ron, du willst sie doch nicht dabei stören, du weißt doch, dass sie das nicht mag. Verstehst du?", raunte sie und knuffte ihm leicht in die Seite. Sie hoffte, dass er es einmal richtig verstand.

„Oooh...", flüsterte er, „...sonst wäre sie vielleicht sauer auf mich oder genervt oder so..."

„Genau. Das willst du doch nicht, oder?"

„Auf keinen Fall."

Gut, das war erledigt.

Einsichtig drehte er sich zu seiner besten Freundin.

„Mine? Weißt du, vielleicht ist es besser, wenn ich nicht mit in den Kerker komme...wenn der mich sieht, dann...du weißt schon."

„Ist schon ok, Ron, ihr solltet auch ein bisschen lernen, und zwar jeder für sich, das geht besser und du wirst nicht abgelenkt."

„Du hast ja recht...ich werd's versuchen."

Wollte er wirklich, um sie vielleicht doch noch irgendwann beeindrucken zu können.


*Mötley Crüe: "Home Sweet Home"*


Am Abend mussten sie noch einen ganzen Stapel Hausaufgaben zu Ende bringen und hatten sie gemeinsam im Gryffindorturm gemacht. Manche konnten eben besser gemeinsam lernen als allein. Daher waren alle müde, verschwanden nach und nach in den Schlafräumen und keiner wartete extra auf Hermione, die schon vorher wirklich zur Bibliothek gegangen war, um sich von dort hinunter in den Kerker zu schleichen. Viel früher hätte er sicherlich auch keine Zeit gehabt.

Bevor sie mit Hilfe des Passworts eintrat, klopfte sie immer.

In der Wohnung war er nicht, aber eine Tür stand offen, die ihr vorher nie aufgefallen war und scheinbar in sein Büro führte. Sie befand sich an der hinteren Wand des Wohnzimmers – in der Nähe, wo ihr Flügel stand. Wenn sie zu war, konnte man sie vermutlich nicht von der Wand unterscheiden und das hatte er sicherlich mit Absicht so verzaubert.

Vorsichtig ging sie in sein Büro und er drehte sich vom Schreibtisch zu ihr um.

„Du bist da! Ich bin so gut wie fertig."

„Dann warte ich."

Sie ging zurück ins Wohnzimmer und fragte sich erneut, ob sie seinen Tonfall richtig gedeutet hatte und er sich ehrlich freute.

„Mir ist aufgefallen, dass du fast noch gar nichts gespielt hast...", rief er unvermittelt.

„Ich möchte dich nie stören."

Severus seufzte. „Warum, Hermione, sollte ich den Flügel hierher gebracht haben?"

„Jetzt?"

„Wenn du magst, ich würde es gerne hören."

Sie setzte sich an das Instrument und spielte ein leises und sehnsüchtig klingendes Stück. Von dort aus konnte sie nicht sehen, dass er die Feder hingelegt hatte, sich in den Stuhl zurücklehnte und zuhörte. Als sie geendet hatte, legte er die letzten beiden Aufsätze beiseite, löschte die Flammen der Kerzen und schloss die Tür hinter sich.

„Die Passwörter sind Himmel und Hölle."

„Was meinst du?", fragte sie leicht belustigt und stand auf.

„Von hier ins Büro: Hölle. Von dort nach hier: Himmel. Ganz einfach."

„Kaum zu glauben. So ganz untypisch für dich."

„Ach ja? Was du nicht alles weißt. Wie hieß das Lied?"

„Oh...das habe ich wahrscheinlich das letztemal gehört, als ich noch Kind war... Home Sweet Home, glaube ich."

Severus zog eine Augenbraue hoch, aber innerlich meinte er es ganz anders. Seit sie da war, war es wieder sein Zuhause und nicht sein Aufenthaltsort. Schnell verdrängte er die Gedanken, weil er damit nicht umzugehen wusste.

Trotzdem nahm er sie in seine Arme und küsste sie.

„Für heute ist Schluss mit arbeiten. Hast du alles geschafft? Du hast viel zu tun."

„Jaaah...für heute habe ich es geschafft, aber morgen wird nochmal viel auf uns zukommen."

„Morgen ist doch nur bis mittags Unterricht."

„Trotzdem...du weißt doch..."

„Ja. Bist du müde?"

„Ein wenig."

„Ich will dich nicht aufhalten, da du aber freiwillig hier bist... Bist du doch?"

„Wie bitte? Natürlich bin ich freiwillig hier."

„Nun, in den letzten Tagen..."

„Das hatten wir schon.", lenkte sie schnell ab und versuchte, ihr Lächeln zu behalten, was aber nicht gelang.

Das konnte ja ein anstrengender Abend werden. Sie schlichen umeinander wie Katze und Hund und keiner wagte, offen zu sprechen.

Sie setzten sich auf die Couch, legten die Füße hoch und lasen. Jeder mochte diese ruhige Art, die kurze Zeit miteinander zu verbringen. Er machte ihr wieder Tee und sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Nach einer halben Stunde legte er sein Buch weg und legte zögernd den Arm um sie.

„Wie geht es dir, Hermione?"

„Warum fragst du?"

„Weil ich es wissen will, und zwar ehrlich."

„Es geht mir gut. Danke."

Wenn er nur wüsste, warum sie sich so komisch verhielt.

„Wenn du es sagst..."

Dann nahm er ihr Buch, legte es ebenso auf den Couchtisch und zog sie zu einem innigen Kuss zu sich heran, den sie nur allzu gerne erwiderte. Wie hatte sie nur die ganze Zeit ohne einen seiner Küsse auskommen können? Sie waren doch erwachsen und...

Als er allerdings aufstand und sie mit sich ins Schlafzimmer ziehen wollte, waren alle Vorsätze dahin und sie wehrte sich, wenn auch nur ganz leicht, gegen seinen Versuch.

„Ich... Du brauchst sicher auch Ruhe... Ich gehe in meinen Turm und schlafe da."

„Es steht dir gewiss frei zu entscheiden, wo du schlafen möchtest. Warum habe ich nur das Gefühl, dass das nicht alles ist? Soll es so weitergehen wie die letzten zwei Tage? Habe ich etwas falsch gemacht? Glaub mir, du kannst es sagen und ich kann damit umgehen."

Da hatte er sie.

„Alles in Ordnung, ich bin nur jetzt wirklich müde."

„Sehe ich, Hermione, ich auch, und deshalb wollte ich auch ins Bett."

„Du bist müde und willst schlafen?"

„Das tut man im Allgemeinen dort."

„Eben wolltest du mich mitnehmen."

„Ja, warum nicht? Du hast bereits hier geschlafen, wenn ich dich erinnern darf. Sei denn, du möchtest es nicht."

„Schon...nur..."

Ein tiefer Seufzer war die Antwort. „Denkst du, ich sei nicht intelligent genug zu merken, dass das nicht alles ist?"

„Nein...ja... Ich...schlafe gerne hier, nur im Moment kann ich... Ich kann das nicht."

Immer noch zögerte sie und er sah es und er nahm sie trotzdem an die Hand.

„Komm mit!"

Er zog sie zu ihrer Seite des Bettes, deutete ihr, sich hinzusetzen und setzte sich neben sie.

„Hermione, was ich jetzt sage, fällt mir auch nicht leicht. Ich habe dich vor einiger Zeit einfach ungefragt hier behalten und du bist geblieben, ohne dass wir ein Wort darüber verloren haben. Die erste Nacht, die folgenden…es...fühlte sich einfach gut an...richtig an, verstehst du? Darum ging es – nicht mehr, nicht weniger. Wenn du eine andere Meinung hast, lass es mich wissen."

„Mir geht es genau so, das kannst du mir glauben. Es ist...ich fühle mich wohl bei dir, beinahe wie Zuh…wie normal."

„Und immer ist es deine Entscheidung."

„Ich würde ja gerne bleiben. Gleichzeitig möchte ich dich auch nicht enttäuschen, weil ich gerade nicht...mehr...kann, als nur hier zu sein und..."

„Wenn ich könnte, würde ich dir dafür Punkte abziehen. Das ist unglaublich."

Er stand auf, zog sich einfach so ohne Scheu vor ihr seine Schlafsachen an und legte sich ins Bett, nachdem er zuvor für kurze Zeit im Bad verschwunden war. Sie saß immer noch so da und kaute auf ihrer Unterlippe. Was meinte er denn jetzt?

„Wir sind alt genug, Hermione, halbwegs intelligent und ich kann rechnen."

Wusste er es also. Sie seufzte auf und konnte ihn gar nicht ansehen.

„Kann man jemals etwas vor dir verheimlichen?"

„Schwer, aber nicht unmöglich."

Auf einmal klappte er seine Bettdecke wieder zurück, kniete sich hin und drehte sie zu sich herum, weil sie keine Anstalten machte, zu gehen oder zu bleiben. Langsam zog er ihre Bluse aus, küsste sie, ihre Strümpfe folgten und den Rock überließ er ihr. Dann stand er auf und holte ihre kleine, unendlich große Tasche.

„Ist da etwas drin, was du brauchen könntest?"

„Nein, heute nicht."

„Kein Problem."

Als nächstes zog er eine der Kommoden-Schubladen auf, holte eines seiner Shirts heraus und gab es ihr.

„Wenn es dir nichts ausmacht, ist das für heute dein Nachthemd."

Ungläubig starrte sie auf das schwarze T-Shirt und zog es sich über, nachdem sie ihren BH ausgezogen hatte. Endlich hatte sie sich hingelegt und er deckte sie sorgsam zu.

Nachdem er die Kerzen gelöscht hatte, zog er sie zu sich heran und schlang einen Arm um ihre Taille.

„Und jetzt hörst du mir zu: Ich kann immer noch nicht glauben, was du eben gesagt – nein, was du nicht gesagt hast. Wie konntest du nur auf solche absurde und unglaublich dumme Ideen kommen, ich würde dich nur hier haben wollen, wenn wir auch miteinander schlafen?"

„Nein...so..."

„Doch, das hast du so in etwa gedacht, das kannst du nicht abstreiten. Man kann es nicht fassen. Was denkst du eigentlich von mir?"

„Ja, aber..."

„Hermione!"

„Ja."

„Deshalb bist du mir aus dem Weg gegangen. Das würde ich anderen Frauen zutrauen, aber nicht dir! Die Sache ist jetzt ein für allemal vom Tisch, haben wir uns verstanden?"

„Ja Sir."

Halb beugte er sich über sie und begann sie zu küssen. „Ich hoffe, du bist in Zukunft nicht so unmöglich."

„Hm…", nuschelte sie in seinen Mund, bevor er ihn so verschloss, dass sie gar nichts mehr sagen konnte, nur denken: … in Zukunft…in Zukunft.

Mit ihren Händen versuchte sie ihn von seiner Aktion abzuhalten.

„Sev… Bitte…"

„Möchtest du etwas Bestimmtes?"

„Hör bitte auf."

„Keine Küsse?"

„Ähm…die…fühle ich überall…verstehst du? Und seit Montag, als wir genauso angefangen haben…"

„Meine arme Frau…hast du etwa bis heute gewartet? Kann ich dir irgendwie helfen?", neckte er sie und ließ seine Hand von der Taille an weiter abwärts wandern.

„Severus! Noch einen Zentimeter weiter und ich schreie."

„Hoffe ich doch."

„Hör auf, ich warne dich." Seine Küsse waren alles andere als harmlos.

Er lachte selten, aber jetzt tat er es und legte seine Hand wieder um ihre Taille. Wie schön es war, sie bei sich zu haben.

Die Stille mit ihr war…himmlisch. Er hörte und fühlte sie ganz nah an seinem Körper, ihre Wärme und ihre Hand, mit der sie seine eigene festhielt. Und dann kam ihm ein Gedanke, der sich so selbstverständlich und so einfach von selbst ergab wie ihrer beider Atemzüge.

„Schläfst du?", flüsterte er.

„Noch nicht."

„Morgen früh räume ich die mittlere Schublade leer…" Ein Kuss folgte.

„…dort kannst du Sachen einräumen, die du brauchst…" Weitere Küsse wurden verteilt, die Hermione den Himmel zeigten, wie das Passwort es versprach.

„…und ebenso wird im Schrank Platz für deine Kleider sein."

Hermione schluckte und drückte nur seine Hand fester, damit sie ihm nicht verriet, dass ihr Tränen die Wangen herunterliefen.

Sein letzter Gute-Nacht-Kuss war erneut himmlisch und ließen ihre Tränen verschwinden. In inniger Umarmung warteten sie auf den Schlaf.

„Gute Nacht, Hermione."

Sie musste schon eingeschlafen sein, denn eine Antwort kam nicht. Ein paar Minuten später drehte sie sich zu ihm und legte ihren Kopf in seine Armbeuge.

„Ich liebe dich.", hörte er sie sagen – und danach nichts als ihre gleichmäßigen Atemzüge.

Für eine lange Zeit lag er noch einfach so da, obwohl er so müde war.

Seine Seele hielt ihn wach und wiederholte in einer endlosen Folge ihre drei Worte. ‚Dir geht es doch genauso, Severus. Du weißt es…du fühlst es längst.'


Mit einem Kribbeln im Bauch und Dauerstrahlen auf dem Gesicht ging sie nach Schulschluss am Freitagmittag zurück in seine Wohnung. Am Morgen hatte er Wort gehalten, während sie im Bad war, und seine eigenen Sachen anders eingeordnet. Die ganze Zeit hatte sie das Gefühl gehabt, dass er ihr noch etwas sagen wollte, aber es kam nicht. Stattdessen hatte er sie fest in seine Arme geschlossen und war dann zum Unterricht gegangen, genau wie sie selbst.

Eigentlich hätte sie es lieber gemacht, wenn er da ist. Andererseits hätte er sicher keine Lust, ihre Sachen selbst einzuräumen oder ihr dabei zu helfen, da gab es wichtigere Dinge.

Welche Schublade sollte sie nehmen? Die mittlere hatte er ihr freigeräumt, ja, so war es. Sie zog sie auf und fand mehr Platz, als sie benötigt hätte. Mit einer kleinen Ecke neben seinen Sachen hätte sie sich auch begnügt für die...kurze Zeit.

‚Ja, kurze Zeit', dachte sie traurig, weil sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Würde er sie wiedersehen wollen nach dem Abschluss? Warum nicht? Sie hatten sich in den Ferien gut verstanden – weit weg vom Schulalltag. Aber wie sollte das gehen? Noch immer hatte sie Poppy nicht wegen dem Praktikum gefragt und sah schon ihre Chance dahinschwinden. ‚Nicht jetzt', dachte Hermione, denn der Augenblick war zu schön und sie wollte ihn genießen, wie er war. Er hatte es ihr gesagt und sie freute sich unglaublich darüber.

Das war eine seiner Arten ihr zu sagen, dass er sie lie... mochte. Wahrscheinlich. Vermutlich. Warum sonst sollte er auf die Idee kommen, wenn er sie nicht bei sich haben wollte? Nein, ein Snape sagte nur, was er wollte und dann war es auch so. Punkt. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie ein paar Socken, Strümpfe und Unterwäsche in die Schublade legte, obenauf natürlich die schönsten Sachen, die er schon auf noch schönere Weise kennen gelernt hatte.

Das Nachtschränkchen auf ihrer Seite war sowieso von Anfang an leer gewesen. Jetzt standen seit einiger Zeit die Phiolen darin und es war noch genug Platz, um ein paar Bücher und Taschentücher oder Ähnliches aufzubewahren.

Sie musste kurz lachen, als sie auf dem Bett saß und in das Schränkchen schaute. Ihre kleinen, schmalen, circa zehn Zentimeter großen Phiolen waren kegelförmig und grün. Auch in der magischen Welt gab es viele Regeln, Gesetze und Übereinkünfte. Eine davon war, dass Behältnisse medizinischer Zaubertränke – je nach Anwendungsgebiet, Diagnose oder Therapie – immer ihre ganz eigenen, spezifischen Formen und Farben haben mussten, um sie besser katalogisieren und ordnen zu können. Natürlich waren sie immer gut beschriftet, doch so war es sicherer und in den Apotheken sparte man viel Zeit bei der Suche. Es gab für Tränkemeister ganze Tabellen mit den unterschiedlichsten Vorgaben für Größe, Form, Material, Beschaffenheit und Farbe der Flaschen, Phiolen, Krüge, Ampullen, Gläser und, und, und. Im Unterricht lernten sie einen Bruchteil davon und zu Probezwecken galten diese Vorgaben nicht, da die Tränke von Schulklassen nur höchst selten verwendet wurden – außer solche für Erkältungen, Furunkel und derlei Alltagskrankheiten.

Jedenfalls waren die Phiolen für den Verhütungstrank grün, zwar nicht ganz slytheringrün, aber es erinnerte sie daran. Beinahe hatte Severus gegrinst, als er sie ihr gegeben hatte. In den Ferien, als sie mit ihm im Auto unterwegs gewesen waren, hatte sie ihm den Muggelspruch "grünes Licht haben" anhand der Ampeln erklärt.

Als er ihr die grünen Philolen in das Schränkchen geräumt hatte, hatte er sich daran erinnert und gesagt, dann hätten sie immer grünes Licht für...sie wüsste ja schon wofür.

Hermione räumte ein paar Bücher in das Schränkchen und machte sich dann daran, die restlichen Sachen aus ihrer Tasche auszuräumen. Sie zauberte ihre Kleidung wieder auf Normalgröße und knitterfrei und legte sie auf das große Bett. Eine komplette Schuluniform samt Robe hatte sie eingepackt, damit sie nicht noch einmal in so eine katastrophale Situation wie Montagmorgen kommen würde – zumindest anzieh-technisch. Dazu noch zwei Blusen, Tops, eine Jeans und einen kurzen Rock.

Diesmal stand sie vor dem Schrank und konnte sich wirklich nicht erinnern, welche Seite er ihr zugedacht hatte, denn das hatte er zwischen mehreren Küssen gesagt und sie war verloren gewesen. Hatte er überhaupt eine bestimmte Seite genannt?

Drei Türen.

Nein, sie wollte seine Privatsphäre nicht missachten, andererseits hatte er ihr dieses unglaubliche Vertrauen entgegengebracht und ließ sie quasi bei sich einzie...nein, sich ein wenig häuslich einrichten.

‚Gut...', dachte sie, ‚...er möchte es so, sonst hätte er es nicht gesagt.'

Sie öffnete die linke Tür und war sprachlos. Offensichtlich alles Muggelkleidung! Auf den ersten Blick schien alles schwarz zu sein, doch das stimmte nicht. Die von ihr gekaufte dunkelblaue Jeans hing auf einem Bügel, seine schwarze, die sie schon kannte, und noch zwei andere, sogar eine graue und eine weitere dunkelblaue, leicht verwaschene Jeans. Dazu hatte er einige weiße Hemden, schwarze, zwei anthrazitfarbene und das, was sie ihm ausgesucht hatte. Ein paar Shirts lagen oben drüber im Fach, sowie drei oder vier Pullover. Einer gefiel ihr besonders gut – ein ganz Dunkelgrüner mit V-Ausschnitt, scheinbar aus weicher Merinowolle. Am liebsten hätte sie sich hineingekuschelt.

‚Also doch grün', dachte sie belustigt. ‚Wusste ich's doch.'

Die Sneakers und ein paar Stiefel standen unten auf dem Boden.

‚Schluss damit.'

Bloß nicht noch mehr ansehen. Trotzdem grübelte sie, warum er zum einen relativ viele Muggelsachen hatte und zum anderen, warum er sich so gegen ihre Auswahl gesträubt hatte. Er hatte sich sicher früher oft mehr unfreiwillig als freiwillig in der Muggelwelt bewegen müssen und sie wollte gar nicht wissen, was da alles geschehen war. Nur warum hatte er so ein Drama wegen einer blauen Jeans gemacht? Sie zuckte nur mit den Schultern. Vielleicht würde sie ihn irgendwann einmal danach fragen. Weiter.

Hermione öffnete die mittlere Schranktür und stöhnte. Die war es auch nicht, denn es war kein freier Platz zu sehen.

Sofort erkannte sie die Jacke, die er in den Ferien getragen hatte – die schwarze, sportliche mit dem Stehkragen – aber er hatte noch eine Lederjacke, natürlich schwarz, und einen kurzen Wintermantel. Es gab bisher kein einziges Teil, was ihr nicht gefallen hatte. Einen guten Geschmack hatte er... Woher?

‚Sei nicht so ungerecht, Hermione.', schalt sie sich sofort selbst. Er war immer ordentlich und gut angezogen gewesen, die ganzen Jahre und vor allem in der Zeit, wo sie sich richtig kennen gelernt hatten. Er war doch kein dummer Zauberer ohne Kopf und Verstand, der nicht wusste, wie man sich in beiden Welten kleidet oder verhält.

Eigentlich wollte sie die Tür wieder zumachen, denn der Rest bestand zweifellos aus seinen Roben. Aus einem Impuls heraus entschied sie sich anders, sah genauer hin und fing an zu grinsen. Das hier war zu lustig. Nein, eigentlich nicht, aber trotzdem.

Wie oft hatten die Schüler gelästert, dass er immer die gleichen Sachen anhatte. Zwar waren seine langen Roben schwarz, doch sie waren keineswegs alle gleich. Als sie den Stoff fühlte, waren zwei ganz leicht und dünn und wirklich nur wie ein Umhang. Die nächsten drei schienen aus dem gleichen Stoff wie ihre eigenen Schulroben zu sein und dann gab es noch zwei aus relativ dickem Material für den Winter, die hatten sogar lange, weite Ärmel.

Ihr Grinsen verschwand auf einen Schlag. Wieso war ihnen das nie aufgefallen? Kein Wunder, nie hatte sich jemand die Mühe gemacht, ihn wirklich anzusehen. Traurig ließ sie ihre Hand über seine Roben gleiten, die genauso akkurat nebeneinander auf Bügeln hingen, wie es bei ihr der Fall war, und fühlte sich schuldig, obwohl sie nie in dieser Weise über ihn geredet hatte.


*Rufus Wainwright: „This Love Affair"*


Am einen Ende der Reihe angekommen, stutzte sie. Ein Bügel schien auf den ersten Blick leer zu sein und trotzdem hing Stoff bis fast zum Boden.

Vielleicht war ein Teil eines Umhangs heruntergerutscht und sie wollte es richten. Hermione nahm den Bügel, zog ihn etwas heraus und war wie vom Donner gerührt...

Ein Kleid! Sie hielt ein langes, schwarzes Kleid in Händen und hängte es so schnell wieder in den Schrank und schloss die Tür, als hätte sie sich daran verbrannt. Wie eine Marionette ging sie ein paar Schritte rückwärts, stieß mit den Beinen gegen das Bett und sank auf den Boden.

‚Ein Kleid, ein Kleid...', ratterte es in ihrem Kopf, ‚...eine Frau...'

So schnell war man auf der anderen Seite...auf der anderen Seite einer Tür, die direkt zuknallte, sobald man einen Schritt, einen weiteren Schritt gemacht hatte... Einen Schritt in die Zukunft, die sich als Hölle offenbarte. Nicht lodernd hell, sondern tiefschwarz wie ein Abgrund. Vom Himmel zur Hölle in der Zeit eines Wimpernschlags.

Das war's.

Sofort hatte sie Millionen Gedanken im Kopf, völlig wirr, völlig zusammenhanglos, völlig unlogisch – so typisch Frau in einer leider so oft vorkommenden Situation. Bei wem war es nicht so?

Die Eindrücke, die Gedanken überschlugen sich fast und alles, was sie wusste, was sie erlebt hatte, was sie mit ihm erlebt hatte und...was sie gefühlt hatte – was sie fühlte – alles stürzte auf sie ein, jedes Detail. Es war, als wenn hunderte Stimmen auf sie einredeten und jedes einzelne Wort, das sie sagten, schmerzte – als wenn jemand ihr Herz in Eis getaucht hätte.

Wieso sollte er sich auch mit einer Schülerin abgeben...einem Mädchen, das nichts zu bieten hatte außer ein wenig mehr Verstand als ein paar andere. Ein Mädchen ohne Erfahrung, nicht besonders hübsch und ohne Beruf. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein zu glauben, er hätte sich auch in sie verliebt. So ein ausgemachter Unsinn! Hatte er ja auch nie gesagt... Zumindest konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Dann hatte er doch die Wahrheit gesagt...die Wahrheit entgegen geschrien, oben auf dem Flur. An diese Worte konnte sie sich erinnern: Eine nette Abwechslung hatte er sie genannt, nichts weiter. Nichts weiter, nur Sex, nur ausgenutzt.

Ihr wurde übel und sie lief ins Bad, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und sank dort auf den steinernen Boden. Die ersten Tränen kamen und bald schüttelten sie regelrechte Weinkrämpfe. Ein Teil von ihr wunderte sich über sich selbst, weil sie so etwas nicht von sich gewohnt war.

Es tat wieder so weh wie vor ein paar Wochen, und doch ganz anders.

Von dem Krach geweckt, hüpfte Severus' Steinkauz aus seiner Baumhöhle und landete auf dem Boden vor der Frau, um nachzusehen, was los ist. Heute war sie sehr komisch, aber so etwas hatte er schon ein paar mal gesehen – im Schloss und auf dem Gelände. Wenn ein Mensch so viel Wasser vergoss, war das nie gut, das hatte er gelernt. Und wenn das passierte, waren sie immer so seltsam. Entweder wurde laut geschrien oder gar nichts gesagt und sie sahen dann oft sehr traurig aus. Traurig war das, wenn ihre Augen nicht groß und leuchtend waren und sie ihren Schnabel hängen ließen, das wusste er auch.

Er hüpfte ganz nah an sie heran und verdrehte seinen Kopf, um sie besser betrachten zu können. Als sie nicht reagierte, zupfte er an ihrem Ärmel.

„Hey... Oh entschuldige, ich muss dich geweckt haben... Du kannst ja nichts dafür."

Schon immer hatte sie Tiere geliebt und versuchte generell, nicht an anderen ihr Innerstes auszulassen, die nichts damit zu tun hatten.

Die Streicheleinheiten am Hals und an der Brust ließ er sich nur zu gerne gefallen, doch er hatte immer noch ein sehr komisches Gefühl.

„Machs gut, kleiner Harpyi...wir werden uns nicht...wiedersehen. Werde dich vermissen... Und mein Kater lässt sich auch seit Wochen nicht mehr blicken – ausgerechnet dann, wenn man ihn braucht. Ach was erzähl ich dir hier... Und du darfst deinen Besitzer immer schön ärgern, hörst du? Jeden Morgen von mir aus...und wer hier noch so alles übernachtet."

Bei dem Gedanken kamen erneut die Tränen.

Der Kauz wusste, dass das, was hier gerade geschah, nicht gut war. Er beschloss, später darüber nachzudenken. Bis sie ging, blieb er bei ihr.

In der Situation war es unmöglich – für jede Frau – rational oder logisch zu denken. Hätten sie – hätte sie es gekonnt, hätte sie sich fragen müssen, warum er ihr das Passwort gegeben hatte, warum er ihr Platz in seinem Heim eingeräumt hatte, warum er ihren Flügel in sein Wohnzimmer gestellt hatte und warum er überhaupt in den Ferien bei ihr geblieben war. Sollte es jemand anderen in seinem Leben geben – wie hätte er das alles rechtfertigen können?

Diese vielen, wichtigen Fragen kamen Hermione nicht in den Sinn, außer einer, die vehement und unerbittlich nach einer Antwort verlangte…

Warum?

tbc