A/N:
Ihr Lieben!
Ich weiß, das war nicht leicht und wird auch nicht leicht mit den beiden...
Heute geht es mit Teil 2 weiter, der eigentlich wieder viel zu lang geworden ist, was gar nicht geplant war. Ich fand nur keinen Punkt für eine weitere...Trennung. Verzeiht!
Und wieder stehen die Fragen im Raum: Trautes Heim? Wo auch immer... Glück? Jeder ist seines Glückes Schmied. Allein? Das entscheidet jeder für sich.
Danke für jedes Wort von euch, ich hab mich gefreut und freue mich immer!
VLG KeyMagic
*Doro: „So Alone Together"*
Kapitel 37
Nach den Tränen kam die Wut.
In Windeseile raffte Hermione ihre Kleider vom Bett, stopfte sie in die Tasche, ohne sie magisch zu verkleinern, schmiss die Wäsche aus der Kommode dazu, ohne zu schauen, ob sie alles zusammen hatte und rannte aus seiner Wohnung. Sie war nicht einmal vorsichtig. Hätte jemand auf dem Flur im Kerker gestanden, hätte derjenige vermutlich einen Schock bekommen und sich gefragt, wo sie gerade herkäme.
Eigentlich wäre sie gerne gleich davongerannt. Schon wieder. Eine andere Lösung kam ihr nicht in den Sinn. Diesmal keine Flucht nach vorn. Nein. Oder doch? Nein. Sie wollte nicht hören, wenn er sich erklären würde – vielleicht ertappt und am Ende noch stammelnd. Wieder nein. Ein Snape würde niemals stammeln, sondern entweder mit einem kalten Blick die Wahrheit, die Karten auf den Tisch legen oder das Blaue...das Schwarze vom Himmel lügen. Darauf konnte sie verzichten. Sie wollte nur weg von Hogwarts, raus aus dem Kerker, weg von ihm...von ihr.
Nur ging diesmal kein Weg daran vorbei: Sie musste Bescheid sagen bevor sie ging, sonst würden wieder alle nach ihr suchen und McGonagall würde ihr nachher wieder einen Vortrag halten. Nein, sie wollte keine Fragen und einfach nur weg.
In einem kurzen Moment der Geistesgegenwart wischte sie sich das Gesicht trocken, bevor sie in die Große Halle ging. Dort war sie mit ihren Freunden verabredet, um wie so oft Hausaufgaben zu machen und über das Wochenende zu beratschlagen. Das Mittagessen hatte sie verpasst, weil sie in Ruhe hatte bei ihm einzie...einräumen wollen.
Am vorderen Ende des langen Gryffindor-Tischs blieb sie stehen und winkte Ginny zu sich. Sie hatte absolut keinen Nerv auf irgendwelche Fragen. Ihre Freundin kam und sah sofort, dass sie geweint hatte.
"Um Merlins Namen, was ist passiert?"
"Bitte, bitte frag nicht, ich kann nicht..."
"Hat er wieder was... Nein, kann nicht... Heute Morgen warst du doch noch so glücklich. Er hat draußen Aufsicht, habe ich eben gesehen. Willst du..."
"Ich...bin bei meinen Eltern...sie... Noch wegen dem Geburtstag...wir hatten so wenig Zeit und deshalb..."
"Deshalb weinst du? Sorry, aber ich bin nicht so dumm wie ich rot bin. Raus mit der Sprache!"
"Nein...nein...ich kann nicht... Ich muss...weg, jetzt. Also ihr wisst, wo ich bin und Montag bin ich zum Unterricht wieder da."
"Sprich mit mir...ich bin doch da!"
"Es tut mir leid, Ginny."
Dann lief sie mit der vollen Tasche raus aus der Halle und Ginny wunderte sich über den Stapel Kleidung. Soviel brauchte sie nun wirklich nicht für zwei Tage und außerdem wusste sie, dass sie sonst nie Sachen zu ihren Eltern mitnahm, weil sie dort alles hatte, was sie brauchte.
"Hermione!", rief sie noch, aber die war längst weg.
Voller Sorge kehrte sie zu ihrem Tisch zurück und erklärte so gleichmütig wie möglich, dass Hermione plötzlich entschieden hatte, das Wochenende bei ihren Eltern zu verbringen. Die anderen waren zwar überrascht wegen der überstürzten Entscheidung, aber Ginny weitete die Geschichte aus. Die Eltern würden sie vermissen und noch den Geburtstag ihres Vaters mit anderen nachfeiern und so und das verstanden Harry und Ron dann auch und freuten sich für sie.
Dass Ginny nicht gerade glücklich aussah, wunderte sie deshalb. Dummerweise hatte sie es nicht verbergen können. Gerade erst war alles wieder gut gewesen und dann kam wieder etwas Neues. Konnte es denn nie gut gehen? Eigentlich glaubte sie nicht, dass es mit Snape zusammenhängen könnte, denn sie wusste, dass Hermione gestern bei ihm übernachtet und heute im Unterricht regelrecht gestrahlt hatte. Da er nach dem Mittagessen direkt zur Aufsicht hinaus aufs Gelände gegangen war und eigentlich – für seine Verhältnisse – relativ ungenervt, ja regelrecht zufrieden ausgesehen hatte, konnte sie ihm wirklich keine Schuld geben, so ungewöhnlich das auch sein mochte. Was war bloß passiert? Mit ihrer Familie war bestimmt alles in Ordnung, denn wenn nicht hätte sie das sicherlich gesagt.
„Schatz, was ist los?", fragte Harry, als er seiner Freundin ins Gesicht schaute.
"Keine Ahnung. Sie wirkte so traurig. Ich weiß es echt nicht. Wir können eh nichts tun."
"Hm...wir können schlecht hinterher apparieren und die Party sprengen, oder?", versuchte er eine allgemeine Aufmunterung. "Wann kommt sie wieder?"
"Montag."
"Ja siehst du, wenn sie für sich plant ist alles in Ordnung. Vielleicht hat sie nur irgendein Kapitel wieder vergessen. Du weißt, dass sie über solche Sachen auch traurig sein kann."
Ginny beließ es dabei und dachte nur bei sich, dass man deswegen sicherlich keine rotverquollenen Augen hätte.
Den restlichen Tag versuchte sie, das Ganze halbwegs zu vergessen, um mit Harry einen schönen Abend verbringen zu können. Morgen war ein neuer Tag und da konnte die Welt schon ganz anders aussehen.
Obwohl die Schultage freitags kurz waren, hatte Severus einen langen Tag gehabt. Direkt nach dem Unterricht Aufsicht für drei Stunden und nach dem Abendessen eine kurze Lehrerbesprechung bezüglich der nächsten Woche. Er hasste diese Besprechungen und deshalb freute er sich auf seine Wohnung, seinen Abend – und auf Hermione. Ja, er freute sich wirklich. Zwar hatten sie wieder nichts abgesprochen, aber das war auch nicht nötig. Es war alles geklärt und er war fest davon überzeugt, dass sie entweder schon da sein oder später kommen würde. Vielleicht war sie gerade dabei, ihre Sachen bei ihm unterzubringen oder sie hatte es schon früher am Tag getan. Was auch immer, für heute war Schluss mit der Arbeit und der Stapel Aufsätze im Büro konnten von ihm aus so lange liegen, bis sie schwarz würden.
Er nannte das Passwort und trat in ein leeres Wohnzimmer.
"Hermione?"
Keine Antwort. Mit einem Schlenker seines Zauberstabs entzündete er die Fackeln und Kerzen und entfachte zugleich ein Feuer im Kamin. Wenn es auch Anfang Juni war, so waren die Abende noch kühl, erst recht im Kerker.
Ein Teil von ihm, der ganz weit weg in seinem Inneren versteckt und nur wenige Male in seinem Leben zum Vorschein gekommen war, wünschte sich, dass abends Licht brennen würde, wenn er nach Hause käme – dass einer auf ihn warten würde.
Aber hier war niemand. Die Wohnung war kalt und abweisend und – wie er in dem Moment fand – zu dunkel. Küche und Bad schienen unbenutzt und sein Kauz war auch nicht da – nicht, wenn man ihn brauchte, und sei es nur, um ein Zeichen von Leben im Kerker zu erhalten.
Er schleuderte die Schuhe in irgendeine Ecke, hängte seine Robe an den Haken und ging ins Schlafzimmer. Seine letzte Hoffnung schwand, als er es ebenso leer vorfand. Als er die Kerzen entzündete, stutzte er. Auf dem Boden, halb unter dem Bett, lag ein Shirt von Hermione. Er hob es auf und ging zum Schrank. Sie hatte keine Sachen dort eingeräumt, dann war sie sicher noch nicht da gewesen. Aber wie kam das Shirt auf den Boden? Heute Morgen hatte es sicher nicht dort gelegen und er kannte es auch nicht.
Als er die Schublade der Kommode öffnete, wurde die ganze Sache noch seltsamer – zwei Strümpfe, die nicht zueinander passten und ein Top, sonst nichts. Keine Wäsche zum wechseln, keine anderen Anziehsachen, nichts weiter. Sie musste hier gewesen sein und doch wieder nicht. Da das nicht möglich war, schaute er auch noch in das Nachtschränkchen auf ihrer Seite, wo er außer den Tränken und einer Packung Taschentücher nichts fand. Auch im Bad fand er nichts außer einer Bürste, die sie vorher mal vergessen hatte.
Sie musste da gewesen sein. Wahrscheinlich war ihr noch etwas Wichtiges eingefallen und sie käme gleich wieder. Dazu passte allerdings nicht die Tatsache, dass nur die einzelnen Teile zu finden waren. Wenn sie durch irgendetwas unterbrochen worden war, hätte sie sicher noch ihre Tasche stehen gelassen, damit sie später weiter einräumen konnte. Aber das hier war mehr als komisch – es passte nicht zu ihr, nicht zu der Hermione, die er kennen gelernt hatte.
Unruhe machte sich in ihm breit, obwohl er Vieles gewohnt und durchaus diszipliniert war. Allerdings war seit dem Ende des Krieges viel Zeit vergangen und er war ein anderer geworden – innerlich. Er musste nicht mehr böse sein, nicht mehr ungerecht und nicht mehr...gefühlskalt – er wollte es nicht mehr, nicht mehr hier in seinem...neuen Leben.
Mit einem Pfiff rief er seinen Steinkauz herbei und der kam nach ein paar Sekunden schon zum Fenster hineingeflogen, weil er nicht weit weg war. Ob er geahnt hatte, dass er heute noch gebraucht würde?
Severus schrieb einen kleinen Zettel mit der Frage, wo sie sei und ob es ihr gut ginge und Harpyi flog davon.
Hermione hatte es mit größtmöglicher Konzentration geschafft, direkt in ihr Zimmer zu apparieren. Bisher hatte sie noch gar nicht mit Severus darüber gesprochen, wo er den einen der zwei Portschlüssel aufbewahrte, die sie für die Ferien erschaffen hatte – nur am Rande erlaubt und mit der Modifizierung, dass sie über längere Zeit aktiv sein konnten. Was die Bibliothek so alles hergab...
Ursprünglich hatte der zweite ja im Labor gelegen weil vergessen, aber sie glaubte kaum, dass das noch so wäre – viel zu gefährlich. Und der andere, identisch in Form der Zauberstabhülle, lag in ihrer Kommode hier im Zimmer. Unbedingt musste sie die beiden Portschlüssel deaktivieren – wenn das jemand herausfinden würde, gäbe es mit Sicherheit Ärger und vor allem hätte sie Professor McGonagall sehr enttäuscht, die die Erlaubnis dazu gegeben hatte – zu dem normalen Verfahren.
Das spukte ihr in dem Moment im Kopf herum, als sie sich auf ihr Bett setzte. Gleichzeitig kamen ihr alle Bilder aus den Ferien, und das Bild von Severus, wie er krank in diesem Bett gelegen hatte und...
„Schluss, aus!" Wenn sie sich jetzt nicht ablenken könnte, würde es schlimm werden.
Ihre Eltern waren noch bei der Arbeit, aber sie freuten sich sehr, dass sie ihre Tochter nach so kurzer Zeit schon wiedersahen. Allerdings bemerkten sie auch, dass etwas nicht stimmte, denn es lag nicht in der Natur ihrer Tochter, sich so kurz angebunden zu verhalten. Hermione hingegen tat eigentlich ihr Bestes, um normal zu wirken. Aber Eltern wären nicht Eltern, wenn sie so etwas nicht merken würden. Es nützte alles nichts, sie mussten bis abends arbeiten und Hermione lenkte sich damit ab, indem sie ins Einkaufszentrum fuhr.
Als ihre Eltern abends fertig waren, fanden sie ein komplettes Menü auf dem Tisch inklusive Nachtisch.
„Womit haben wir das verdient?", fragte ihr Vater erfreut und machte sich gleich über sein Steak her.
„Einfach nur so. Wir hatten auf deinem Geburtstag ja nicht viel Zeit miteinander und...außerdem muss ich euch noch ein Geschenk geben."
„Schön, dass du da bist, Hermione. Ein Geschenk? Noch mehr?"
„Jaaah...sagen wir, die Gelegenheit war nicht ganz passend letzten Sonntag."
Vorsichtshalber verschwieg sie, dass er das Geschenk an diesem Tag schon einmal bekommen hatte, doch seit der Sache mit Australien hatten ihre Eltern ein Problem mit Gedächtniszaubern aller Art. Sie hatten es gut weggesteckt und ihrer Tochter auch verziehen, nur ganz verstanden hatten sie es nicht und nachvollziehen konnten sie es bisher ebenfalls nicht. Sie wussten ja auch nicht die ganze Wahrheit.
„Jetzt hast du mich ganz neugierig gemacht. Lass uns nur erst zu Ende essen, es ist köstlich."
Während sie aßen, versuchte Hermione, an alles andere zu denken als an Hogwarts und an ihn. Es hatte geklappt, bis sie bemerkte, dass sie ohne Absicht genau das Gleiche gekocht hatte, was sie und Severus zusammen eingekauft und gegessen hatten. Das war dann der Punkt, wo sie nicht mehr konnte. Sie ließ Gabel und Messer auf den Teller scheppern und rannte nach oben in ihr Zimmer.
Nach dem ersten Schreck wollte Mr. Granger ihr folgen, doch seine Frau legte die Hand auf seinen Arm und schüttelte mit dem Kopf. Irgendetwas war mit ihrer Tochter, aber sie wusste nicht was. Sie ahnte es nur, denn die Anzeichen waren auf der ganzen Welt gleich.
„Sieht ganz nach Liebeskummer aus."
„Bist du sicher, Rose?"
„Nein, aber eine Mutter fühlt meistens richtig."
„Oh... Nun, hast du Ahnung, um wen es sich handeln könnte? Sie war doch mal mit diesem Ronald zusammen."
„Hm...das hat nicht lange gedauert und war nicht wirklich ernst. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube nicht, dass er es ist...nein."
„Dann müssen wir uns überraschen lassen, falls du recht hast."
„Falls..."
„Wirst du sie fragen?"
„Auf keinen Fall. Wenn, muss sie es von alleine erzählen."
Später hatte sich Hermione wieder beruhigt und ihre geröteten Augenränder so gut wie möglich mit hellem Lidschatten überdeckt. Ihre Mutter sah es, schwieg, nahm ihre Tochter einfach hin und wieder in den Arm und erklärte es mit der Wiedersehensfreude.
Hermione gab ihrem Vater das uralte Buch über die Anfänge der Zahnmedizin und er und ihre Mutter waren ganz aus dem Häuschen, was den Abend erleichterte, da sie alle relativ gut abgelenkt waren. Endlich konnte sie erklären, dass es sich um ein Original handelte und rang ihren Eltern das Versprechen ab, niemandem davon zu erzählen. Auf die Frage, wo sie es her hätte, sagte sie die Wahrheit – dass ein Lehrer es ihr gegeben hätte, weil die Bibliothek hin und wieder ausgemistet würde. Das versetzte dem Ärztepaar einen Schock, denn solch wertvolle Handschriften waren in der Muggelwelt Sensationen. Nur weil sie von der anderen Welt schon einige Jahre wussten, schafften sie es, sich zu beruhigen. Allerdings grübelte jeder danach vor sich hin und ihre Mutter fragte sich, welcher Lehrer über sie Bescheid wussten oder viel mehr, wer gewusst hatte, dass ihr Mann Geburtstag gehabt hatte. Kopfschüttelnd schob sie die Grübeleien beiseite und sie tranken zum Abschluss des Abends noch eine Flasche Wein – Hermione etwas mehr als gewöhnlich.
Als das letzte, schwache Blau des Tages endgültig verschwunden war und die Schwärze der Nacht hereinbrach, kam der Kauz mit einem Zettel im Schnabel zurück und Severus atmete erleichtert auf. Allerdings war ihm nur ein ganz kurzer Moment vergönnt, denn es war die Nachricht, die er abgeschickt hatte. Der Kauz hatte sie nicht erreicht, woran der keine Schuld hatte. Etwas anderes musste geschehen sein.
Er zermürbte sich den Kopf und konnte sich keinen Grund vorstellen, warum sie Hogwarts verlassen haben sollte. Wenn doch, wenn vielleicht irgendetwas Unerwartetes mit ihrer Familie passiert wäre, hätte sie ihm eine Nachricht zukommen lassen, so gewissenhaft war sie immer gewesen, das wusste er.
Da alle Eulenvögel äußerst fähig waren und mit ihrer eigenen Magie Möglichkeiten hatten, die über die Ortungszauber der Menschen hinausging, gab es nur noch zwei Möglichkeiten:
Sie wollte nicht antworten und hatte dazu die Postwege umgeleitet. Das war möglich und sie war fähig dazu, das hatte sie zu ihrem eigenen Schutz schon vor dem Jahr der Horkrux-Suche gelernt.
Dafür gab es seiner Meinung nach nur absolut keinen Grund, denn sie hatten sich weder gestritten noch war sonst etwas vorgefallen. Nein, im Gegenteil, sie hatten sich am Morgen liebevoll voneinander verabschiedet und es war zuvor ein wunderschöner Abend gewesen.
Blieb die letzte und schlimmste Möglichkeit:
Ihr war etwas zugestoßen. Wenn ja, wo? Warum? Es war ein ganz normaler Freitag mit normalem Unterricht gewesen. War sie allein in den Verbotenen Wald gegangen? Warum? Hätte sie sich verletzt, könnte sie ihren Patronus schicken – falls sie bei Bewusstsein wäre.
Der letzte Gedanke brachte Severus fast um den Verstand. Beim letzten mal war es ähnlich gewesen, nur dass er sich da bald hatte denken können, warum sie weggelaufen war. Diesmal war es schlimmer. Diesmal hatte er gar keinen Anhaltspunkt. Nichts. Einfach nichts. Sein Kauz war zuverlässig – wenn auch gemeingefährlich – aber zuverlässig.
Er zwang sich, rational zu denken. Die Umleitungszauber für Eulen funktionierten innerhalb des Schlosses nicht. Trotzdem lief er überall umher und begann bei den wahrscheinlichsten Stellen. Das war nur einer der schwierigeren Wege, denn der führte in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Kurz vor Sperrstunde ging er die vielen Stufen hinauf und entschied sich kurz vor dem Ziel dagegen. Zu riskant für ihn, zu unwahrscheinlich, zu naheliegend. Das galt auch für die Bibliothek.
Nach unzähligen, abgesuchten Nischen, leeren Klassenräumen und ihrem immer noch existierenden Raum in dem Flur, wo sie sich damals gestritten hatten, ließ er die Mauern der Schule hinter sich und lief hinaus auf das weite und unübersichtliche Gelände. Zuerst der See, der nichts zeigte außer schwarzes Wasser mit ein paar wenigen Reflexionen des hinter ein paar Schleierwolken verschwundenen Halbmonds.
Also der Wald. Severus zog sich die Kapuze seines Umhangs über, den er geistesgegenwärtig gewählt hatte, um nicht gesehen zu werden, um mit der Schwärze der Nacht zu verschmelzen, wenn er über die Ländereien lief.
Es fühlte sich so an, als durchlebte er die Nacht noch einmal...die Nacht, in der er nach ihr gesucht hatte, die Nacht, wo er erkannt hatte, dass er ohne sie nicht sein wollte, dass er einen unverzeihlichen Fehler gemacht hatte. Nur dass es diesmal viel mehr weh tat, die Sorge war unermesslich und gar nicht zu wissen warum war die Hölle – die andere Hölle.
Abermals vermochten seine Zauber nichts zu bewirken, die sie suchen oder orten sollten. Keiner brachte Erfolg. Blieb nur der, den er noch nicht benutzt hatte, der, vor dem er seit der letzten Suche regelrecht Angst hatte...der Patronus.
Die Nacht schien endlos, sie war endlos.
Erschöpft lehnte er sich an einen Baumstamm, nachdem er für unbestimmte Zeit auf herkömmliche Weise gesucht hatte. Nur ein paar Minuten ausruhen. Er versuchte alles, um wieder Kraft zu sammeln – für den Körper und seine Seele.
Und er versuchte, all die schönen Momente mit Hermione in seinem Gedächtnis zu sammeln, von denen er hoffte, es seien nicht nur noch Erinnerungen.
„Expecto Patronum!"
Ein silberner Hauch entschwand seinem Zauberstab, wirbelte in der Luft herum und...formte sich zu zwar intensiven und starken, aber nur einzelnen Strängen ohne feste Form und schon gar nicht mit Gestalt.
Völlig fassungslos sank er an dem Baum herab und blieb auf dem feuchten Waldboden sitzen. Wirre Gedanken benebelten sein klares Denken, dass er zu keinem Ergebnis kam. Als er sie vor ein paar Wochen gesucht hatte, war das Gleiche passiert. Zu dem Zeitpunkt hatte er gedacht, dass es aufgrund der angespannten, ja katastrophalen Situation passiert war, weil er so eine Wut – auch über sich selbst – und solche Enttäuschung und Eifersucht gespürt hatte.
Und jetzt? Die Situation war wieder angespannt, aber verbunden mit Sorge und Ungewissheit. Nur bisher hatte ihn sein Patronus niemals im Stich gelassen, nicht bei den schlimmsten und gefährlichsten Erlebnissen als Todesser oder als Spion – im Gegenteil: Der hatte ihm manchmal das Leben gerettet oder er hatte dadurch anderen zum Überleben geholfen, wenn auch nur im Verborgenen. Nie hatte er bei diesem Zauber versagt, nicht seit Lilys...
‚Lily...Lily...' Sollte sie der Grund sein? Mehr als sein halbes Leben hatte er sie geliebt, sogar über den Tod hinaus. Und jetzt hatte er eigentlich mit ihr Frieden gefunden und sie gehen lassen. Seine Liebe zu ihr hatte er zu ihr geschickt, dass er sie nicht mehr mit sich herumtragen musste. In seinem Herzen würde sie immer sein, doch es würde ihn nicht mehr innerlich zermürben. Jetzt hatte er jemand anderen. Eine, die am Leben war, eine, die ihm gegenüber Gefühle zeigte. War das falsch? War das seine Strafe für all seine Taten? Durfte er niemanden mehr finden? Niemand Neues?
Er fand keine Antwort, sondern gab die Suche für diese Nacht einfach auf. Das war nicht seine Art, aber er konnte nicht mehr – zu sehr schmerzte ihn Hermiones Verschwinden und die Erkenntnis, dass er offenbar im Begriff war, seine Fähigkeiten oder am Ende sein ganzes Innerstes zu verlieren.
Ron, Ginny und Harry waren am Samstagmorgen mit den restlichen Hausaufgaben gut vorangekommen und fertig. Sie wollten gerne etwas mit Seamus, Dean und ein paar anderen unternehmen, die waren nur noch nicht fertig mit den letzten Sätzen ihres Aufsatzes für Verwandlung. Deshalb gingen sie raus, aber warteten in der Eingangshalle und waren froh, endlich die Arbeit hinter sich gebracht zu haben. Jetzt war Wochenende angesagt, nur schade, dass Hermione weg war.
Harry erzählte gerade von einem interessanten Quidditch-Bericht, den er im Tagespropheten gelesen hatte, als Ginny aus den Augenwinkeln Snape aus den Kerkern kommen sah. Er sah gleichzeitig gehetzt aus, besorgt, genervt und auch ein bisschen traurig aus, fand sie. Tiefe Ringe hatte er unter den Augen und seine Haare schwangen wild durcheinander. Und dann wurde ihr klar, dass er vermutlich auf der Suche nach Hermione war. Sie hatte ihm also nichts gesagt und das schien ihn ziemlich mitzunehmen.
Was auch immer es war, Ginny wollte, dass es gut lief mit den beiden. Sie drehte den Kopf über ihre Schulter in seine Richtung und fixierte ihn. Vielleicht könnte sie ja etwas aus seinem Verhalten in Erfahrung bringen, was ihr weiterhelfen könnte. Nein, mit ihm hatte es nichts zu tun, da war sie sich jetzt ganz sicher, sonst würde er ein anderes Bild abgeben. So, wie er daher kam, tat er ihr fast leid.
Bildete sie sich das ein oder zögerte er ein wenig, als er in ihre Nähe kam? Das war eine Chance, die sie mit perfekter weiblichen Intuition nutzte.
Sie räusperte sich und sagte ein bisschen lauter als nötig:
"Was meint ihr, Jungs...jetzt, wo Hermione zu ihren Eltern nach Hause gegangen ist, was sollen wir machen? Ich mach mir immer noch Sorgen, sie sah so traurig aus..."
Während sie sprach, hatte sie sich noch ein wenig mehr zu ihm umgedreht, um mitzubekommen, ob er es hörte.
"Wissen wir doch, warum fängst du schon wieder an?"
"Schon gut. Vergesst es."
Ganz kurz traf sie Snapes Blick und er rauschte davon. War das ein ganz leichtes Nicken von ihm gewesen? Nein, das konnte nicht sein, denn er wusste ja nicht, dass sie es weiß.
Aber irgendwie hatte es geklappt, worüber Ginny sehr froh war. Zumindest wusste er jetzt, wo sich Hermione aufhielt.
Danach kamen auch endlich Seamus und Dean und sie berieten, was sie am Wochenende alles anstellen wollten – außer lernen natürlich.
Severus schob den Gedanken schnell beiseite – der, dass die junge Weasley etwas wusste. Andererseits glaubte er nicht, dass Hermione etwas erzählt hatte, so war sie nicht. Er konnte ja nicht ahnen, dass sie alles selbst herausgefunden und sie damals der Obliviate nicht erreicht hatte. Außerdem guckten ihn immer alle an, wenn er durch die Flure streifte, das war so und würde sich wohl nie ändern. Was für ein Leben...
Ohne gründlich nachzudenken rannte er zum Apparierpunkt vor dem Schlossgelände und verschwand.
„Schön war es wieder bei dir, Jean, danke dafür.", sagte Mrs. Rich, die schon Ewigkeiten zu Mrs. Tenerhale zu Besuch kam.
„Gerne, immer wieder gerne, das wisst ihr doch. Wollen wir schon ein Datum für das nächste Tref..."
Plötzlich stieß Mrs. O'Kilter, die andere Dame am Tisch, einen spitzen Schrei aus und ließ ihre Handtasche fallen, die sie gerade genommen hatte.
„Was ist denn los, Daisy? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen."
„Da...da...in deinem Garten... Da schleicht jemand herum!"
„So ein Quatsch, am helllichten Tag! Hast du was gesehen, Edwena?"
„Nein...ich sitze doch mit dem Rücken zum Fenster. Sie ist immer so schreckhaft."
„Bin ich nicht, da war jemand. Am Ende klaut jemand deine Johannisbeeren."
„Die sind noch nicht reif, Daisy, red' nicht so ein Unsinn."
Mrs. Tenerhale räumte die letzten Sachen vom Tisch ab. Hin und wieder lud sie ihre Bridgefreundinnen zum Brunch am Samstag ein. Mittlerweile war es halb zwölf und sie waren im Begriff zu gehen.
„Pah...sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Ich werde noch etwas warten, mir ist es zu gefährlich, jetzt zu gehen."
„Das kannst du gerne tun, Daisy. Wenn es dich beruhigt, sehe ich aus dem Fenster, aber zuerst müsste ich mal für kleine Mädchen."
„Edwena, sieh du doch mal nach!"
„Wieso ich, Daisy? Mach es doch selbst. Du bist unmöglich. Nur weil du immer Miss Marple guckst, heißt das noch lange nicht, dass bei uns kriminelle Machenschaften in der Nachbarschaft..."
In dem Moment klopfte es an der Haustür, dass beide Damen zusammenzuckten.
„JEAN? Es ist jemand an der Haustür!"
„Es dauert noch einen Moment...wärt ihr so nett...?"
Inzwischen lief Emma ganz aufgeregt im Hausflur auf und ab, hatte einmal gebellt und wedelte seitdem heftig mit dem Schwanz.
„Wir warten lieber, du weißt schon..."
„Quatsch", rief Mrs. Tenerhale aus dem Bad. "Sonst hätte Emma mehr gebellt. Bitte!"
Mrs. O'Kilter fasste sich ein Herz... Miss Marple war ja schließlich auch mutig. Mit ihrem Stockschirm bewaffnet, den sie immer und überallhin mitnahm, ging sie in den Flur und schrie zum zweitenmal – die Haustür war zum Teil aus Milchglas.
„Da steht ein schwarzer Mann vor der Tür!"
„Ist sicher einer meiner Schwiegersöhne."
„Nein...die kenne ich gut genug. Der Postbote ist es auch nicht... Jean, das ist bestimmt der aus dem Garten! Ich mache nicht auf, auf keinen Fall."
Mrs. Tenerhale kam seufzend aus dem Bad, ging zur Tür und stutzte erst einmal, bevor sie die Klinke in die Hand nahm.
„Nicht aufmachen, Jean! Frag erst." Daisy hielt die Tür zu.
„Schon gut, lass los. Ich weiß, wer das ist. Na wenn das keine Überraschung ist."
„Wer denn?"
„Ähm...". Sie überlegte, ob es ein Wort dafür gab... Gab es nicht. Groß-Schwiegersohn?
‚Hört sich doof an.', dachte sie noch, während sie öffnete.
Dann starrten sich drei ältere Damen und ein relativ großer, ganz in schwarz gekleideter Mann an.
„Ah, einer aus deinem Theater?"
„Daisy! Nein. Wolltet ihr nicht gerade gehen?"
„Doch, doch.", beeilten sie sich zuzustimmen und griffen nach ihren Strickjacken. Dieser Mann sah nämlich nicht gerade freundlich aus und sie wunderten sich nur, dass ihre Freundin so jemanden ins Haus ließ, aber sie kannte ihn ja scheinbar.
„Kommen sie herein, bitte."
Snape trat in den Flur und wurde von Blicken verfolgt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er absolut unprofessionell gehandelt hatte, denn er hatte sich nicht umgezogen. Wenigstens hing seine Robe zu Hause am Haken. Allerdings war der schwarze Gehrock für einen Samstagmorgen in der Muggelwelt außergewöhnlich genug. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr. Das war nicht das Einzigste. Wie hatte er nur so überstürzt hierher apparieren können, ohne nachzudenken, ob Mrs. Tenerhale eventuell nicht allein sein könnte. Innerlich schüttelte er über sich selbst den Kopf und schob es auf die Situation, in der er noch nie gewesen war.
Die Damen verabschiedeten sich schnell und erleichtert schloss Jean die Tür.
„Was führt sie zu mir? Wenn das keine Überraschung ist."
Ihr Gegenüber machte nur eine gequälte Miene, holte tief Luft und schwieg doch.
„Setzen wir uns."
Sie gingen ins Wohnzimmer und ohne Worte nahm er den Kaffee, den sie ihm reichte. Sie sah, dass er die Zeit brauchte. Und dann sah sie, dass sie den Anfang machen musste.
„Was ist los, Severus? Das sieht nicht gut aus."
Von dem Moment an nannte sie ihn beim Vornamen und er akzeptierte es ohne eine Beanstandung.
„Ich..."
Geduldig wartete sie auf eine Erklärung.
„...kann das nicht. Es tut mir leid, dass ich sie so gestört habe."
Mit den Worten stand er wieder auf und wand sich zum Gehen.
„Nicht so schnell, junger Mann. Hinsetzen."
Severus gehorchte.
„Wäre es ihnen lieber, wenn ich frage und sie antworten?"
Er nickte nur.
„Ihr habt euch gestritten."
„Nein."
„Ist sie krank?"
„Nein."
„Das ist gut, aber dann wären sie ja jetzt auch nicht hier."
Mrs. Tenerhale überlegte lange, denn wenn sie sich nicht gestritten hatten, waren die anderen Möglichkeiten weitaus schwieriger herauszufinden, doch plötzlich strahlte sie übers ganze Gesicht und duzte ihn auf einmal.
„Sag, dass das wahr ist..."
„Wie bitte?"
„Warum sonst solltest du kommen?"
„Was meinen sie?"
„Ist sie... Bekomme ich mein Geburtstagsgeschenk? Ist sie schwanger?"
Die Tasse schepperte heftig auf die Untertasse, fiel aber glücklicherweise nicht auf den Teppich.
Severus holte tief Luft und presste ein nein hervor, womit er sich sehr in Zurückhaltung übte.
„Schade. Nun ja, dann wäre sie sicher mitgekommen. Also?"
„Sie ist einfach weggegangen und...durch Zufall habe ich gehört, sie sei bei ihren Eltern. Oder ist sie hier?"
„Nein, ganz sicher nicht. Warum sollte sie verschwinden, wenn ihr euch nicht gestritten habt?"
„Das ist es ja. Ich habe die halbe Nacht gesucht und es erst vorhin gehört, dass sie Zuhause sei. Wenn ich mir nicht solche...Sorgen machen würde, wäre ich nicht hergekommen."
Mrs. Tenerhale sah, dass er die Wahrheit sagte und dass er sich quälte – mehr als er zugab.
„Hat sie ihnen denn keine Nachricht hinterlassen? So kenne ich sie gar nicht. Kann sonst etwas gewesen sein, wovon sie nichts wissen?"
„Ich kann es mir nicht erklären. Gestern Nacht..." Er räusperte sich „...gestern Morgen war noch alles in bester Ordnung."
Mrs. Tenerhale grinste. „Keine Sorge, ich verstehe schon. Soll ich meine Kinder anrufen?"
„Wenn es ihnen nichts ausmacht. Bitte sagen sie nichts von mir."
„Sofort, Severus. Das passt nicht zu Hermione und wenn sie keinen Grund hat, werde ich ihr mal meine Ansicht der Dinge vortragen. Wenn man einen Partner hat, geht man nicht einfach weg. Nein! Das ist nicht fair. So wie sie aussehen...meine Güte...das muss eine harte Nacht gewesen sein."
Ungläubig schaute er sie an, weil er nicht gedacht hätte, dass sie so reagieren würde – dass sie auf seiner Seite war. Jetzt hieß es abwarten.
Mrs. Tenerhale rief an und hatte die Zahnarzthelferin am anderen Ende der Leitung. Das Telefon war in die Praxis umgestellt, da sie offenbar an diesem Samstagvormittag wieder Notdienst hatten.
„Ach sagen sie, Anna, ist Hermione bei meinen Kindern? Wissen sie etwas? Dann brauche ich Hugo nicht zu stören."
„Ja, er hat sich sehr gefreut, sie ist gestern gekommen, aber heute Morgen habe ich sie noch nicht gesehen. Möchten sie Dr. Granger sprechen?"
„Nein, vielen Dank, das reicht."
„Sie haben es gehört. Soll ich zu ihr gehen und mit ihr reden? Wenn sie möchten, warten sie hier, es..."
Hinterher wusste er nicht mehr, was ihn dazu veranlasst hatte. Die Sorge? Vielleicht Wut? Unglauben?
„Danke", konnte er nur noch sagen, bevor er direkt aus dem Wohnzimmer das Haus der Grangers apparierte und Jean mit einem halben Schock zurückließ.
‚Oh nein, nein...das geht nicht gut...das geht nicht gut. Nicht auf diese Weise...', sagte sie zu sich selbst, als sie sich wieder gefangen hatte, und lief in den Flur, um ihre Schuhe anzuziehen. Eine Jacke war nicht notwendig, die Temperaturen waren wieder gestiegen und es herrschte warmes Frühlingswetter.
„Emma... Emma... Los, komm schnell. Wir müssen uns beeilen, bevor alles den Bach runtergeht..."
Der Hund sprang wild im Garten umher und lief sogleich neben seinem Frauchen her. Die legte heute ein mächtig schnelles Tempo vor und er freute sich darüber... Noch.
Hermione war schon früh aufgestanden, weil sie sowieso nicht sonderlich gut hatte schlafen können. Spät abends hatte sie ihr Zimmer wieder einmal magisch umgestaltet, damit sie nichts an die gemeinsamen Nächte mit Severus erinnerte. Erst dann hatte sie sich ins Bett gelegt. Am Morgen war sie nach Muggellondon appariert und hatte – wie viele Frauen – Frustshopping betrieben. Das tat gut – zwar schlecht für den Geldbeutel, aber so richtig wohltuend für die Seele.
Peinlich genau hatte sie darauf geachtet, nicht die gleichen Wege und in die gleichen Geschäfte wie in den Ferien zu gehen. Sie wollte es einfach ganz anders haben...neue Schritte machen. Dummerweise bot die neue Sommerkollektion in den Läden eine Vielzahl von slytheringrünen Teilen inklusive diverser Sets höchst reizender Wäsche in gleicher Farbe. Am liebsten hätte sie sie mit ihrem Zauberstab in die Luft gejagt, besann sich in letzter Sekunde aber noch. Glück für sie. Stattdessen nannte sie einen neuen Badeanzug ihr Eigen und einen Bikini – man, frau konnte sich nicht entscheiden. An Ginny hatte sie auch wieder gedacht und ihr das Gleiche nur in anderen Farben gekauft. Sie war ihr so eine gute Freundin gewesen und sie würde sie wieder brauchen, das wusste sie nur zu gut.
Jetzt war sie gerade zu Hause angekommen, warf die Tüten aufs Bett und begann, ihre neuen Errungenschaften in zwei Stapel für zu Hause und für Hogwarts zu sortieren und schnitt die Etiketten ab. Danach wollte sie ihren Eltern Bescheid geben, die leider genau an diesem Wochenende wieder Notdienst hatten und Samstag sowie Sonntag Vormittag arbeiten mussten. Genauer gesagt hatte ihr Vater Dienst und der Assistenzarzt musste scheinbar auch wieder aushelfen, denn sie hatte sein Auto an der Straße parken sehen. Ihre Mutter schien zum Einkaufen weggefahren sein und sie hörte die Waschmaschine im Keller laufen. Hermione beschloss, gleich nachzusehen, ob sie helfen konnte. Alles war besser, als hier im Zimmer zu sitzen und zu grübeln.
"Nathaniel, sei so gut und schau mal eben in der Wohnung nach. Ich glaube, Hermione ist zurückgekommen. Dann könnte sie wenigstens mit uns Mittagessen, wenn sie zum Frühstück schon nicht da war."
"Ich habe die Tür gar nicht gehört."
"Doch, ich aber.", log Hugo Granger notwendigerweise. Seine Tochter war nicht auf normale Art hereingekommen – er hatte das typische Geräusch des Apparierens gehört – einen leichten Knall.
Dr. Parker ging durch die Verbindungstür in Räume der Grangers und rief nach Hermione. Als er keine Antwort bekam, ging er hoch und klopfte an die Tür, wovon er glaubte, dass es ihr Zimmer sei.
"Hermione, bist du da? Dein Vater schickt mich."
Langsam öffnete sie die Tür und wischte sich verstohlen über die Augen.
"Oh...Nat... Ja, ich bin wieder da...ich wollte...heute Morgen bin ich..."
"Was ist mit dir? Hast du geweint?"
Nat packte sie sanft am Arm und strich ein wenig auf und ab.
"Nein, nein...es ist nur eine Allergie. Außerdem..."
In dem Moment hörte man wieder einen leisen Knall.
"Verdammt, schon wieder so ein Rumms...eben schon einmal, was ist nur heute hier los?", wunderte er sich und konnte nicht ahnen, dass Hermione ganz genau wusste, was das für ein Geräusch war.
Irgendjemand war gerade in die Nähe appariert, und wer sonst außer Severus könnte das sein? Was wollte der hier? Ihn konnte sie gar nicht gebrauchen und wollte ihn auch nicht sehen. Wie konnte er nur so schnell herausgefunden haben, wo sie war? Entweder hatte er sie in Hogwarts schon überall gesucht, ihre Großmutter zuvor getroffen oder er war auf gut Glück hierhin gereist. Dummerweise konnte sie nicht so schnell aus ihrem Zimmer entkommen. Das würde eine Katastrophe...
Ihr Vater war noch in der Praxis mit einem Patienten beschäftigt, das wusste sie, sonst hätte er nicht seinen Kollegen hochgeschickt. Nat allein war nur schlimm genug. Könnte sie doch nur einen klaren Gedanken fassen...sie war viel zu beschäftigt mit sich und den Gedanken um Severus, die leider immer wiederkehrten, so sehr sie auch versuchte, sich abzulenken.
Zu spät.
Beide hörten, wie jemand leise und vorsichtig die Treppen hinaufstieg und dann war es auch schon passiert.
Ohne anzuklopfen und offenbar ohne Nachzudenken oder ohne die üblichen Vorsichtigkeiten platzte Severus in ihr Zimmer und erstarrte. Nicht nur er.
Nat hatte sich so erschreckt, weil plötzlich die schwarze Gestalt vor ihm stand, dass er erst einmal kein Wort hervorbrachte.
"Was machen sie denn hier?", giftete Snape sofort den Assistenzarzt an, den er natürlich wiedererkannt hatte. „Und nehmen sie die Hände von ihr!"
Hermione konnte außer ihn böse anzufunkeln auch nichts tun. Nicht mehr. Die Dinge nahmen ihren Lauf und sie konnte nur noch beten, dass es nicht schlimmer werden würde. Wenn sie ahnte, wie schlimm...
"Wieso? Wie kommen sie hier rein?" Dr. Parker hatte seine Sprache wiedergefunden.
"Durch die Tür – offensichtlich. Was machen sie hier? Was wollen sie von ihr?"
"Was... Ich bin vor zwei Sekunden nach oben gegangen, weil mich ihr Vater hochgeschickt hat, um zu sehen, ob sie vielleicht da ist."
"Sie ist da, das sehen sie doch!", erklärte Snape genervt, als wenn er einen dummen Schüler vor sich hätte.
"Sie sind doch der Bekannte von Mrs. Tenerhale...wir haben uns gesehen – also was wollen sie hier?"
"Vielleicht hat er Schmerzen?", warf Hermione ein und verschränkte die Arme vor der Brust, während sie Severus' furchteinflößendem Blick standhielt. Gut, nicht klein kriegen lassen. Wenn es sein musste, könnte sie auch slytherin sein.
"Warum ist er dann nicht in der Praxis?"
"Keine Ahnung, vielleicht nimmst du ihn einfach mit."
„Draußen steht extra ein Schild, wo der Eingang ist. Patienten..."
"Ich bin auch noch da!", giftete Snape, als er merkte, dass sie sich unterhielten ohne ihn auch nur einen Moment zu beachten.
"Kommen sie mit, ich schau mir das mal an... Keine Scheu, Viele haben Angst..."
"Was?"
"Ihre Zähne!"
„SIND SIE WAHNSINNIG? DAMIT IST ALLES IN ORDNUNG, SIE...!"
Mit solchen Leuten hatte Nat Erfahrung. Außerdem hatte er ihn ja schon kennen gelernt, als er damals in die Praxis hineingestürmt war.
"Dann bliebe die Frage, was sie hier tun?"
"Geht sie nichts an."
"Denke ich doch, denn ich sollte nach ihr schauen."
Hermione stöhnte nur. Das war ja wie in einem schlechten Film.
Und dann begann es, noch schlimmer zu werden.
Ihr Vater war mit dem letzten Patienten fertig und hatte durch die offenstehende Tür zu den Privaträumen den Stimmentumult gehört.
"Was ist denn oben los? Nathaniel?"
"Hier oben! Deine Tochter ist da und..."
Hugo Granger stieg die Stufen hinauf und dann war alles zu spät.
"Hermione? Wir wussten gar nicht, wo du bist. Aber jetzt...Wie schön, dann..."
Er zuckte zusammen, als er in das Zimmer kam. Severus war natürlich nicht appariert, dann hätten sie Dr. Parker in die Psychiatrie einweisen können. Stattdessen stand er ruhig da und ballte die Hände zu Fäusten.
"Wer... Moment...kenne ich sie? Sie kenne ich doch... Aber woher..."
"Du musst ihn kennen, Kollege, er ist doch ein Bekannter deiner Schwiegermutter."
"Nein, das ist er definitiv nicht, das ist ein Professor aus Hermiones Schule."
"Wie bitte?"
Währenddessen spielte sich eine Etage tiefer etwas ganz anderes ab:
"Rose... Rose! ... ROSE! WO BIST DU?"
Mrs. Tenerhale konnte nicht weiterrufen, sie musste erst wieder zu Atem kommen. Wahrscheinlich hatte sie gerade einen Rekord aufgestellt.
Emma lief inzwischen wie wild überall her und bellte. Sie rannte zwischen Praxis, Küche und Flur hin und her und konnte sich nicht entscheiden.
"Emma? Was machst du denn hier? Raus hier..."
Mrs. Granger war inzwischen zurück, hatte gerade ein paar Sachen vom Einkauf im Keller verstaut und die fertige Wäsche in den Trockner geräumt, der nun ziemlich laut vor sich hin brummte.
"ROSE? BIST DU DA?"
Sie kam die Treppe herauf und schloss die Kellertür. Endlich hörte sie jemanden ihren Namen rufen.
"ROOOSE! HILF MIR!"
"Mutter?"
"Ach...endlich, Kind...hol mir...bitte...mal...ein Glas Wasser."
"Um Gottes Willen, was ist mit dir?"
"Ich...bin so schnell...hierher...gelaufen."
"Warum um alles in der Welt tust du das?", fragte Mrs. Granger kopfschüttend und holte ihrer Mutter etwas zu trinken, die sich in die Küche gesetzt hatte. Gesetzt war falsch, sie war auf den Stuhl gefallen und würde erst in hundert Jahren wieder aufstehen.
"Wie schnell?"
Jean schaute auf ihre Uhr. "Schätze, sieben Minuten. Emma hatte Lust dazu."
„Der Hund hatte Lust dazu und du rennst dir die Seele aus dem Leib? Man kann dich auch nicht zur Vernunft bringen. Du brauchst sonst eine Viertelstunde zu uns."
"Ach was...lass gut sein, ein bisschen Bewegung tut gut. Oh, danke, Rose."
„Du siehst nicht gut aus." sagte ihre Tochter besorgt, was aber ignoriert wurde.
In Not oder Stress konnten die Menschen Unmögliches leisten, hatte sie gehört. Und dass hier Not am Mann war – im wahrsten Sinne des Wortes – war nicht von der Hand zu weisen.
Sie trank einen Schluck. Während der Stille hörte sie oben Stimmen und lauschte.
Sie hörte Dr. Parker, ihren Schwiegersohn und...
"Herrje...zu spät...", stöhnte sie und verschluckte sich.
Mrs. Tenerhale knallte das Wasserglas auf den Tisch.
"MUTTER? WAS IST LOS?"
"Nichts Kind, nichts...du kannst das Mittagessen vorbereiten... Bleib unten." 'Bleib in Gottes Namen unten, da oben sind schon ein paar zuviel.', fügte sie in Gedanken hinzu und sprang auf, was sie sofort bereute – aber nur im Stillen.
"Was kann ich? MUTTER!"
"Ich...will...nur...Hermione sehen."
"MUTTER BLEIB STEHEN! Willst du zusammenklappen? Woher weißt du, dass sie oben ist? Und was meinst du mit zu spät?"
"Ähm...hab sie gehört gerade...", keuchte Jean vom Flur und zog sich die erste Stufe hinauf.
Dann hörte Mrs. Granger auch ihre Leute sprechen. Was war denn los? Und war das eine fremde Stimme dazwischen? Das konnte aber nicht sein. Sollten sie doch machen, was sie wollten. Außerdem war sie von ihrer Mutter solche komischen Aktionen gewöhnt.
Sie nahm einen Kessel und setzte Wasser auf. Ihre Mutter hatte recht – die Zeit fürs Mittagessen rückte näher.
Mit einem lauten "Ach" drängelte sie sich in Hermiones Zimmer.
"Jean?"
"Mrs. Tenerhale?"
"Oma?"
Dazu kam ein Stöhnen aus einer weiteren Richtung und das entlockte ihr selbst einen Seufzer.
"Was wollt ihr alle hier? Das darf doch nicht wahr sein!", erboste sich Hermione lauter als gewöhnlich und lief hin und her – soweit dies noch möglich war.
Das hatte ihre Mutter nun auch gehört und ging ebenfalls nach oben. So kannte sie ihre Tochter nicht...
Besorgt öffnete sie die Tür, die sie aber nur einen Spalt weit aufbekam.
"Was...?
Ihr Mann musste zur Seite rücken, damit sie noch Platz fand. Sie rieb sich die Augen und massierte ihren Nasenrücken.
"Eine Konferenz?", fragte sie halb besorgt, halb genervt und halb erstaunt. Ja, sie konnte sich dreiteilen, wenn sie musste.
Als sie keine Antwort bekam, schaute sie in die Runde. Ihr Blick blieb an dem Mann hängen, der ganz in schwarz gekleidet war...
„Was geht hier vor? Hugo? Hermione? Mutter? Irgendwer mit einer Antwort für mich?", fragte sie und fixierte weiterhin den fremden Mann, der ihr langsam aber sicher bekannt vorkam.
„Professor Snape?" Jetzt war ihr der Name eingefallen.
„Professor?", wiederholte Nat und machte es damit nicht leichter.
„Sie hier? Warum wussten wir nichts davon? Gibt es ein Problem?"
Er hatte keine Chance – zum Glück – zu antworten.
„MEIN ZIMMER! WAS WOLLT IHR ALLE HIER? ICH WILL EINFACH ALLEIN SEIN, einfach allein...", schrie Hermione plötzlich und ließ alle verstummen.
Ihre Mutter fand als erstes die Sprache wieder.
„Aber Hermione, wie redest du denn? Was ist los? Was hat Prof..."
„DANN GEHE ICH EBEN! WIEDERSEHEN! SCHÖNES LEBEN!"
Ihr reichte es, sie konnte nicht mehr. Das war zuviel. Nein, das war untertrieben – es war pures Chaos und es war grauenvoll.
Während sie aus dem Haus rannte, kamen die Tränen und sie wischte sie sich mit dem Arm ab. Im nahgelegenen Park fand sie etwas Ruhe und setzte sich auf eine Bank.
‚Keine gute Entscheidung', dachte sie bald, weil sie an den Beginn der Ferien erinnert wurde. Hier war sie vorbeigekommen auf dem Weg zu ihrer Großmutter, hier hatte sie Paare Hand in Hand gehen sehen und sich gewünscht, sie sei eine der glücklichen Frauen. Hier hatte sie an Nat gedacht, den sie wiedersehen wollte, dessen Bild sich zwar in ihrem Kopf gedrängt hatte, das ihr aber auf irgendeine Weise falsch vorgekommen war. So war es gewesen – Professor Snape war ihr dann vor Augen erschienen, wie er so traurig und so ganz anders als sonst am Pult gesessen hatte, den Kopf in den Händen vergraben. Was war mit ihm gewesen, hatte sie sich damals gefragt.
Um sich von den eigenen Gedanken zu befreien, schüttelte Hermione energisch den Kopf.
Aus Professor Snape war Severus geworden. Und nun? Würde er wieder Professor Snape...oder nur Snape...oder nur ein Ex? Ihr Magen drehte sich um bei dieser einen Silbe. Zwei Monate, die ein ganzes Leben, die zwei Leben verändert und total auf den Kopf gestellt hatten, die sich nicht mehr rückgängig machen ließen, die furchtbar gewesen waren...furchtbar schön, die sie nicht mehr missen wollte. Dennoch – das, was sie gesehen hatte, konnte sie nicht so einfach abhaken und vergessen. Ein verdammtes Stück Stoff. Sie konnte nicht einfach so tun, als sei nichts gewesen. Gestern Abend war ihr, ihrer beider Leben noch so traumhaft gewesen und jetzt war es zumindest für sie ein Alptraum. Ausgerechnet vorgestern hatte sie ihm sagen müssen, dass sie ihn liebt – liebte? Wenn sie Glück hätte, hatte er es vielleicht nicht mehr gehört.
Sie zog die Knie zu sich hoch, umschlang sie mit den Armen und legte ihren Kopf darauf. Samstagmorgens war der Park relativ gut besucht, vor allem bei dem Wetter. Schön, aber nicht zu warm. Gut, dass nicht nur Pärchen unterwegs waren, sonst wäre sie verzweifelt. Jogger drehten ihre Runden, Spaziergänger mit und ohne Hund, alte Leute, wovon manche einsam aussahen. Ob es ihr auch so ergehen würde? Alt werden, einsam werden, allein leben? Das konnte keiner wissen. Sie war noch jung und jeder sagte, das Leben läge noch vor einem. Und was war mit all denen, die bei der Schlacht getötet worden waren? Fred, Tonks, Remus und all die anderen? Sie waren auch jung gewesen und hatten keine Chance gehabt.
Sie aber hatte überlebt und Severus auch, und seit diesem Tag verband sie etwas, seit sie ihn so elend dort hatte liegen sehen – dem Tod näher als dem Leben – und ihm geholfen hatte. Sollte es so sein oder war es einfach nur Zufall gewesen? Jeder andere hätte ihm helfen können und auch wieder nicht. Selbst wenn – hätte ihm einer geholfen? Wahrscheinlich nicht. Würde er es genauso sehen wenn er es wüsste? Besser wäre es, er würde es nie erfahren.
Der, über den sie nachdachte, stand ebenso angewurzelt in Hermiones Zimmer wie alle anderen. Hätte sie jemand beobachtet, hätte sich derjenige gefragt, was solch ein illustres Häufchen Menschen in einem einzigen Schlafzimmer machte. Die Krone setzte Emma obendrauf, indem sie an jedem einzelnen schnüffelte und sich letztendlich nach ein paar überaus erfreuten Drehungen Snape zu Füßen niederließ, ständig den Kopf zu ihm hochhob und hechelte.
Hugo und Rose Granger guckten sich an und konnten es sich nicht erklären. Allerdings warteten sie immer noch auf einer Erklärung von Professor Snape. Die kam nicht, weil er nicht anders konnte, als Hermione nach draußen zu folgen. Er musste sie einfach finden und mit ihr reden. Was er eben gesehen und gehört hatte, war nicht mehr normal und er musste es klären, hier und heute.
„Wohin wollen sie?", rief ihm Mrs. Granger hinterher, die die Gefassteste von allen war und eigentlich meistens einen kühlen Kopf bewahrte.
„Rose...lass nur. Ich denke, er wird sie zurückholen wollen."
„Warum, Mutter? Warum ist er überhaupt hier?"
„Ich weiß nicht, ich denke es mir."
„Weißt du mehr als wir?"
„Ähm...nun ja...irgendetwas hatte sie mir mal erzählt... Hm...sie wollte, glaube ich, so einen Zusatzkurs – ein Wochenendkurs – belegen wegen den...Prüfungen... Nun...und...vielleicht wäre der dieses Wochenende gewesen und sie hat es vergessen und deshalb ist der Professor sicher nachgekommen."
„Aha?"
Jean zuckte nur mit den Schultern und war jetzt nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich schweißgebadet. Mehr konnte sie nicht tun, ihr fiel auch nichts Besseres ein. Vielleicht war es gut genug, vielleicht auch nicht.
Währenddessen versuchte Nat ebenfalls, einen klaren Gedanken über das zu bekommen, was hier gerade vorgefallen war. Hermiones Verhalten und ihre Reaktionen waren für sie wirklich nicht normal. Irgendetwas war mit ihr und er begann sich Sorgen zu machen. Die ganze Geschichte mit dem Lehrer aus der Schule blendete er aus, denn das waren zwei verschiedene Dinge, die nur zufällig auf einen Zeitpunkt gefallen waren – dachte er.
Das einzigste, das ihm jetzt wichtig schien, war, dass er sie finden musste – um sie zurückzubringen, damit sich keiner Sorgen machen müsste und...um sie zu trösten.
„Ich werde sie holen, keine Sorge.", sagte er nur und verschwand ebenfalls.
„Äh...danke, Nathaniel.", rief Hugo Granger hinterher und ihm war sofort klar, dass er nicht selbst etwas unternehmen musste. Er kannte seinen Kollegen und vertraute ihm voll und ganz – der würde sich um seine Tochter kümmern und seine Tochter konnte zudem auch gut allein für sich sorgen.
„Kommt, Rose, Jean... Da können wir nur warten und auf eine Erklärung hoffen. Wenn du recht hast, ist es ja wirklich sehr nett von Professor Snape, Hermione extra abzuholen. Wir wissen doch alle, wie wichtig ihr die Schule ist."
„Ja, das ist es wirklich. Dann fange ich mal an mit Kartoffeln schälen. Kommst du mit runter, Mutter?"
„Gleich, ja..."
Als ihre Kinder aus dem Zimmer waren, raufte sich Mrs. Tenerhale die Haare und begann zum zweitenmal an diesem Tag, Emma zu einem Spazierlauf mitzunehmen.
„Emma...los... Sonst geht die Welt unter und die beiden fallen aus ihrem Himmel!"
Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn sahen sie gerade noch durch das Gartentor verschwinden und verstanden die Welt nicht mehr. Ihnen blieb nichts anderes, als der Dinge zu harren, die da kamen – hoffentlich.
„Emma...", keuchte Jean. „...Ich werde alt, ich...merke es... Lauf und such die drei... Ich...komme nach so schnell ich kann."
Der Hund verstand, schnüffelte mit seiner Schnauze und seiner perfekten Hundenase auf dem Boden und schlug eine bestimmte Richtung ein.
„Hermione? Hermione, bist du es?"
Sie hob den Kopf. Vor ihr stand eine Frau mit einem Kinderwagen.
„Du bist es. Das gibt's doch gar nicht..."
Zuerst war Hermione ganz verwirrt, aber dann erkannte sie sie.
„Sandra?"
„Ja, stell dir vor!"
Sandra war ihre einzige und beste Freundin in der Grundschule gewesen, bis Hermione ihren Brief von Hogwarts bekommen hatte. Damals hatten sie schon Pläne gehabt, gemeinsam auf die nächste Schule zu gehen, denn Sandra war immer nett und aufgeschlossen ihr gegenüber gewesen. Im Gegensatz zu den meisten anderen hatte sie den Lerneifer, den Hermione schon früh gezeigt hatte, immer bewundert und über ihre zuweilen komische – weil magische – Art hinweggesehen. Über die Dinge, die aufgrund dessen passiert waren, hatte sie immer nur lachen müssen und es war spannend gewesen, eine Freundin wie Hermione zu haben. Als sie dann später erklärt hatte, dass sie weit oben in Schottland auf eine Internatsschule gehen würde, war Sandra tief traurig gewesen und hatte es nicht verstehen können – sie waren ja noch Kinder gewesen. Nachher hatten sie sich nur noch selten in den Ferien gesehen, aber die enge Freundschaft war natürlich zerbrochen. Wenigstens hatten sie sich nicht zerstritten und sprachen noch gerne miteinander.
„Was ist denn mir dir los? Warum sitzt du hier allein im Park? Komm, lass dich mal drücken."
Hermione stand auf und umarmte ihre frühere Freundin.
„Du...du hast ein Baby?!"
„Ja, sie wurde letztes Jahr im Mai geboren."
Sofort dachte Hermione daran, was zu der Zeit geschehen war. So viele Leben waren erloschen und dieses war zur Welt gekommen. Sie konnte ihre gemischten Gefühle gerade nur schwer verbergen.
„Hey...was ist los? Geht's dir gut?"
„Ach, das gehört jetzt nicht hierher. Wie heißt denn deine kleine Maus?"
„Joanna. Aber weißt du was? Solange sie so gut schläft... Darf ich mich zu dir setzen? Ich hab dich solange nicht gesehen und ehrlich gesagt auch vermisst. Wir hatten so schöne Zeiten gemeinsam. Und ich sehe, dass du hier nicht zum Spaß sitzt."
„Lass nur. Ich freu mich auch, dich zu sehen. Ja, ist schade, dass wir uns nicht mehr so oft treffen konnten, aber es ging nicht anders. Es tut mir so leid."
„Was machst du so? Aus der Schule müssest du ja raus sein."
„Nein...die Prüfungen stehen an. Im letzten Jahr waren wir...es... Nun, es gab ein Freiwilligenjahr, wo eine Gruppe von uns durch Britannien gereist ist, um...Erfahrungen zu sammeln und...fürs Leben zu lernen. Deshalb erst jetzt. Und was machst du?"
Hermione versuchte, vom Thema abzulenken. Sie wollte und konnte es ja nicht erklären.
„Als Joanna sich ankündigte, wollte ich eine Ausbildung anfangen. Naja... das habe ich erst jetzt getan und ich kann von Glück reden, dass sich meine Eltern um sie kümmern."
„Und...ein Freund, der Papa?"
„Hat sich aus dem Staub gemacht, als er hörte, ich sei schwanger. Tja, so ist das eben – man hört es so oft. Tut aber immer weh."
„Das tut mir so leid, Sandra, wirklich. Du musst traurig sein."
„Ja, das bin ich – war ich. Mittlerweile geht es wieder. Es war schwer, aber man kann es schaffen. Jeden Tag läuft es ein bisschen besser und es gibt da draußen sicher noch andere Männer, die mehr Herz und Verstand haben. Lassen wir das. Du kannst uns mal besuchen!
Aber jetzt endlich zu dir. Ich sehe es immer noch, wenn etwas nicht stimmt. Schulstress? Das war doch immer das Wichtigste für dich..."
„Ja...nein...das ist es nicht."
„Eltern? Zukunft?"
„Nein...und nein, nicht direkt."
„Na dann bleibt nur noch eins..." Sandra grinste breit. „Ein Mann."
„Ähm..."
„Recht hab ich. Raus damit, wir konnten uns immer alles erzählen...naja...andere Themen, aber trotzdem. Wenn du willst, ich habe ein Ohr und kann nicht mein ganzes Leben lang nur mit Babythemen verbringen. Ich bin immer noch eine Frau, was die meisten vergessen."
„Ach, im Prinzip nur...nichts Besonderes. Ein Allerweltsübel."
„Liebeskummer!"
„Tja..."
Hermione erzählte ihr von ihm, was sie konnte und durfte – wie er aussieht, ein paar Dinge, die sie erlebt hatten und was am Tag zuvor geschehen war.
„Wow...", kommentierte Sandra, als sie geendet hatte. „Für mich sieht das nach Big Love aus. Hast du mal drüber nachgedacht, dass es komisch ist, wenn nur ein Abendkleid in seinem Schank hängt und sonst nichts? Was soll die Frau denn sonst anziehen?"
Nein, hatte sie nicht. Sie hatte nicht darüber nachgedacht und kam sich unglaublich dumm vor. Das währte leider nicht lang, denn die Erkenntnis, dass sie alle Zauberer und Hexen waren, wog schwer. Man konnte schnell etwas magisch verändern, was man brauchte, und damit war das Argument ihrer Freundin dahin.
„Ach keine Ahnung."
„Hermione...nicht so viel denken, mal mit Gefühl. Das war früher schon nicht einfach, ich weiß. Meine Güte, er gibt dir doch nicht einfach so den Schlüssel...wie blöd müsste er dann sein? Ist er nicht, oder?"
„Im Gegenteil, glaub mir...", bestätigte Hermione und dachte nur: ‚Er war Spion und Todesser, einer der besten Schüler Hogwarts' und ein Verbrecher...eine Marionette, ein Mann, den sie..."
„Du liebst ihn, hm?"
„Jaaah..."
„Dann ist alles klar. Oh... Joanna wird wach. Magst du sie mal halten?"
„Wirklich? Darf ich? So gerne."
Severus stand wie mit der Erde verwurzelt am Rande des Parks und nahm das Bild in sich auf, das sich ihm bot. Er würde es nie im Leben wieder vergessen. Schnell hatte er Hermione mit einem heimlich ausgeführten Ortungszauber gefunden, der diesmal funktioniert hatte.
Da stand sie, im Lichterspiel von Sonne und Schatten, und hob ein Baby hoch, drückte es danach an sich und legte es sich über die Schulter, während sie sein Kopf umsichtig stützte. Ein leichter Windhauch ließ ein paar Strähnen ihrer Haare ins Gesicht wehen und sie blies sie sich weg. Dann betrachtete sie das Baby auf ihrem Arm und wischte sich kurz und verstohlen über die Augen, was Severus allerdings nicht entging.
Ein Stich ins Herz…denn er wusste immer noch nicht, was geschehen war, was mit ihr war, was sie bedrückte oder viel schlimmer, was er falsch gemacht hatte. Er wusste einfach gar nichts und stand völlig hilflos so nah und doch so weit von ihr entfernt.
„Da ist…"
Nathaniel Parker kam gerade an, weil er Snape dort hatte stehen sehen. Er folgte dessen Blick und sah das gleiche Bild.
„…sie ja!"
Wie Severus konnte er sich scheinbar nicht von dem Anblick losreißen. Eine Frau mit einem Baby auf dem Arm hatte offenbar immer etwas Anziehendes auf männliche Betrachter – oder nur auf bestimmte? Etwas Anziehendes, ja, aber auch Zerbrechlichkeit und…Zärtlichkeit.
In dem Moment wurde Nat klar, dass er nicht länger warten wollte. Schon längere Zeit hatte er über sie nachgedacht und sich nie getraut, weil sie die Tochter der Chefs war. Das war ihm jetzt egal. Sie verstanden sich gut und das gab ihm Auftrieb. Außerdem war sie immer nett zu ihm gewesen und – wie er hin und wieder gemerkt hatte – auch nicht gerade abgeneigt.
„Wer wünscht sich das nicht?", fragte er vor sich hin und drehte dann den Kopf zu Snape. In dem Moment verstand Severus, wie sein Gegenüber das meinte. Der vernichtende und entsetzte Blick kam zu spät, denn Nat ging schon über die Wiese zu Hermione.
„Hermione...da kommt wer... Den kenn ich doch! Das ist doch der Zahnarzt bei deinen Eltern. Wenn ich Glück hab, sehe ich den immer bei den halbjährlichen Kontrollen. Was für ein Schnucki..."
„Wo?"
„Dreh dich um... Oh mein Gott, er kommt auf uns zu. Ich glaub, der will zu dir. Mione – jetzt sag nicht, dass du von ihm gesprochen hast eben? Ich werde neidisch..."
„Was redest du?"
Sandra nickte nur in die Richtung, der Hermione den Rücken gekehrt hatte. Immer noch das Baby haltend, drehte sie sich gerade in dem Moment um, als er angekommen war, und sah in seine Augen.
„Wir haben dich gesucht, Hermione. Und ich freue mich, dich gefunden zu haben."
Hermione war ganz verwirrt. „Ihr?"
Währenddessen nahm ihr Sandra das Baby ab und legte es sorgsam in den Wagen. Sie beobachtete ihre Freundin und wollte eigentlich keinen Moment verpassen. Das schien romantisch zu werden.
„Ja, eigentlich...hat dein Lehrer dich gefunden und ich kam hinterher." Nat atmete tief durch und ließ ihr keine Zeit, das Gehörte zu verarbeiten.
„Hermione, ich...habe mir Sorgen gemacht. Wenn du willst...ich bin für dich da. Ich würde gerne...immer für dich da sein, verstehst du?"
Mit den Worten nahm er sie in den Arm und sie wusste nicht im Geringsten, wie ihr geschah.
Und ihr Blick glitt an ihm vorbei und sie sah Severus am Rand des Parks stehen, die Augen voller Entsetzen, voller Hass, Sehnsucht und unendlicher Traurigkeit.
Er wusste nicht mehr, was er tun sollte und was er wollte... Alles in ihm schrie nach Flucht, nur wohin? In ein Leben, das keines war oder nach vorn?
Ahnen konnte er nicht, dass es ihr einen Tag zuvor genauso ergangen war.
tbc
There's not one of us like the rest of us
there's no two of us alike
and that will never change
all of us know it and all of us show it
but when it's down to the heart
I guess all of us are the same
All of us cry, all of us try to find someone
whose love will last forever
all of us know, all of us are on our own
It's up to us, to make ourselves feel better
All of us so alone together
("So Alone Together" – Doro)
