Kapitel 43

„Ich muss hier raus!", sagte er, griff sich seinen Gehrock und ließ sie stehen.

„Ich liebe dich…", sagte sie in den Raum hinein und wusste nicht, ob er es noch gehört hatte.


Vor einer Viertelstunde war noch alles gut gewesen oder hatte er es so geplant? Erst die Frage nach ihrem Berufswunsch und dann das?

Das veranlasste sie, ihre nächsten Schritte noch einmal zu überdenken. Der Entschluss, Heilerin zu werden, stand fest. Nur – sollte sie wirklich Poppy um den Praktikumsplatz bitten, ohne den sie ihr Studium nicht beginnen konnte? Wollte sie ihn wirklich jeden Tag sehen, sollte er sie nicht mehr wollen? Was war wichtiger? Sie konnte aber einfach nicht glauben, dass er jetzt alles fallen ließ. Nein, dazu passte sein Verhalten in den letzten Tagen und Wochen einfach nicht.

Hermione beschloss, entweder noch am Abend oder Montag vor dem Unterricht Poppy zu fragen und sich zu bewerben. Sie war eh schon spät dran und die Plätze waren heiß begehrt.

Und nun? Was tun? Das Wetter war so schön, die Sonne schien und sie wollte sich nicht verkriechen, nicht schon wieder, weil es sowieso nichts nützte.

Sie ahnte, dass die anderen es genauso sahen – das mit dem Wetter – und daher ging sie hinaus auf das Gelände des Schlosses. So war es auch. Der halbe Abschlussjahrgang schien sich langsam zu besinnen und öfter etwas für die anstehenden Prüfungen zu tun.

Das gemeinsame Lernen wäre eine willkommene Ablenkung für sie, und scheinbar auch für die anderen, um nicht nur die Party wieder ein bisschen auszugleichen.

Von weitem hörte sie schon Harry heraus, wie er halbherzig über etwas lachte. Im Näherkommen verstand sie immer mehr. Offenbar hatte sich seit dem Mittagessen einiges getan und das Paar redete wieder miteinander, obwohl sie sich ja eigentlich gar nicht böse gewesen waren, oder doch? Hermione wusste ja von nichts, aber die beiden hatten nicht so ausgesehen, als sei einer sauer auf den anderen. Dann war es wohl etwas anderes gewesen, etwas Harmloses.

„Komm schon, Schatz...", quengelte Harry, „...du hast mir doch gestern Nacht einen Bären aufgebunden, oder? Lass mich doch nicht zappeln."

„Was, Harry, ich sehe keinen Bären auf deinem Rücken oder sonst wo, was erzählst du hier für einen Mist? Ich hab dir nichts angezaubert."

Harry lachte lauter. „Das ist doch nur so eine Muggel-Redensart, du hast mich auf den Arm genommen, nicht?"

„Das wüsste ich aber, Schatz."

„Ach maaan, also..."

„Was habt ihr denn?, rief Seamus übermütig. „Geht in euer Zimmer..."

„Klappe.", kam daraufhin aus Harrys und Ginnys Mund.

„Nicht so laut, Ginny, mein Kopf." Das Geburtstagskind von gestern war wohl noch nicht ganz wieder hergestellt.

„Dann hättest du auch einen Trank einnehmen sollen."

„Ach geht vorbei. Das war die Sache wert, hm?"

„Jaja, klar."

Harry ließ sich nicht beirren und zog seine Freundin etwas mehr beiseite.

„Also, wenn du mich mal so richtig drankriegen wolltest, für alles, was ich falsch gemacht habe – bitte – du hast mich! Ich knie nieder, meine Schöne, aber jetzt sag, dass wir alle etwas...anders drauf waren gestern und dass du dir eine echt gute Story ausgedacht hast, um mir ein paar Nerven zu rauben."

„Mein lieber Freund, glaub mir eines, wenn ich dich leiden lassen will aus irgendwelchen beziehungstechnischen Gründen, dann stehen uns Frauen andere Mittel und Wege zur Verfügung. Frag doch Mine oder so!"

„Wie, hat Mine da mehr Erfahrung? Woher? Ähm...hört sich nicht gut an. Gar nicht gut."

Den ersten Teil der Frage ignorierte Ginny gekonnt. „Glaub mir, es fühlt sich auch nicht gut an. Und jetzt kein Wort mehr. Ich werde sowieso schweigen wie ein Thestralküken."

„Thestrale haben keine Küken."

„Na deshalb schweigen sie ja auch so gut wie ich ab jetzt."

„Du kannst mich doch nicht so in Ungewissheit lassen...Ginny!"

„Ich plappere zuviel, das ändert sich ab...äh...gestern, zwei Uhr nachts. Los, weiterüben und nicht quatschen."

„Was ist mit euch los?", unterbrach Hermione ihre Freunde.

„Ach nichts, wir...äh...nichts." Auf einmal war Ginny ganz irritiert und vergaß erst einmal ihr schlechtes Gewissen. Sie schaute sich Hermione genauer an und konnte es nicht fassen.

„Komm mal mit. Was ist mit dir? Wenn ich jetzt sagen müsste, wann du besser ausgesehen hast, würde ich auf vor dem Mittagessen tippen. Wieder Stress? War denn nicht noch alles gut gestern Abend oder gestern Nacht? Oder hat er Stress wegen dem Spiel gemacht?"

„Nein, das nicht. Es ist...kompliziert."

„Also was? Ich bin doch für dich da. Immer. Das weißt du!"

Hermione erzählte ihrer Freundin in ganz groben Zügen, was passiert war und die stand wie versteinert da.

„Du...hast ihm das nicht gesagt damals? Ach du Sch****. Siehst du, das kommt davon, wenn man seiner besten Freundin Details schuldet, und zwar verdammt viele. Oder hattest du das gesagt? Man...ich muss mir mal mehr Zeit nehmen. Hat er denn nicht...hat er nicht..."

„Nicht wirklich."

„Wow, ich meine, war es denn für dich nicht..."

„Nein, es war einfach nur...schön."

„Darüber reden wir mal noch... Und jetzt?"

„Braucht er Zeit für sich. Ist wohl in den Wald gegangen."

„Glaube schon, mir ist, als hätte ich vorhin so einen Schatten laufen sehen. Ach Süße, das wird schon wieder. Ihr habt es bis hierher geschafft, das war auch nicht einfach, wenn ich bedenke...

Egal, und wie war's heute Nacht, hm? War da denn noch alles in Ordnung?" Ginny zwinkerte ihr zu und grinste. „Komm schon, munter uns beide mal auf! Du warst auf einmal weg."

„Ich hab ihn gesucht, er hatte noch eine Stunde Aufsicht."

„Und dann? Bist du zu ihm und hast auf ihn gewartet oder was? Was dann, gib mir ein Häppchen, mir fehlt doch soviel..."

„Ginny!"

„Muss ich denn immer wieder dieselben Argumente bringen?" Ginny klimperte herzerweichend mit den Augen. „Hat er früher Schluss gemacht wegen dir? Wie romantisch... Oder hat er doch noch was wegen der Party allgemein gesagt?"

„Nein, eigentlich habe ich...ach egal. Und nein, zu der Feier hat er nichts mehr gesagt. Jedenfalls haben wir...nicht gewartet."

Da war er gewesen, der kleine Fehler.

Als die Worte endlich von Ginnys Ohren zu ihrem Gehirn gewandert waren und sie das kleine, verräterische wir verarbeitet hatte, konnte sie ihr „wahaaaaa" nicht mehr unterdrücken. „Ihr habt es im... Das Bild werde ich jetzt nicht mehr los. Nie wieder. Sag mir bloß nicht genau, wo! So, und jetzt nicht mehr traurig sein, das wird wieder, ich weiß es."

„Sagst du..."

„Notfalls hole ich mir Hilfe."

„Wie Hilfe? Von wem?"

„Ähm...äh...war nur so dahingesagt."

Wäre schlecht gewesen, sich schon wieder innerhalb von 24 Stunden zu verplappern und Omas tragende oder zuweilen auch energische Rolle zu verraten. „Lassen wir..."

Die andern kamen Ginny unbewusst zu Hilfe.

„Hey...Mädels, kommt, arbeiten!"

„Ja, schon gut."

Ginny zog Hermione mit sich und gab ihr einen liebevollen Knuff in die Seite.

„Er ist ein Sturkopf und ein echter...naja, lassen wir das auch und auch... Aber ich kann doch sehen, dass er dich...dass du ihm nicht egal bist. Und außerdem hättet ihr doch nicht soviel Spa..."

„Ginny!"

„Ja, blabla... Und jetzt komm."


*Edguy: „Sands Of Time"*


Die Gedanken, die sich Hermione trotz Ablenkung machte, verschwanden nur nie ganz. Zu groß war die Verunsicherung und mittlerweile die Sorge. Sie vermutete weiterhin, dass er immer noch im Verbotenen Wald war und Sorge war da berechtigt. Um einen Mann wie ihn eigentlich nicht, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Und immerhin hatte er nicht mit ihr Schluss gemacht und das Fünkchen Hoffnung war noch nicht gänzlich verglüht. Regelrecht hin- und hergerissen war sie innerlich und sie musste sich immer wieder sagen, dass er nur etwas allein sein musste und dass das sicher nichts Ungewöhnliches für ihn sei. Im Gegenteil. Außerdem hätte er sonst sicher gesagt, er wolle oder könne nicht mehr und...

Als sie weit hinten am Waldrand plötzlich einen Schatten wahrnahm, wirbelte sie herum, aber dann erkannte sie, dass es offenbar nur Hagrid war, der aus der Dunkelheit des Waldes in die Sonne trat.

Das brachte ihr Herz so richtig zum Schlagen und sie hätte fast vor allen anderen plötzlich angefangen zu weinen, was sonst gar nicht ihre Art war. Deshalb lief sie lieber zu der kleinen, aber dicht gewachsenen Baumgruppe in der Nähe, in der sie schon oft gesessen hatte, wenn sie allein sein wollte. Der alte, dicke Baumstumpf in der Mitte hatte etwas Tröstendes und bot Platz für all die, die ihn benötigten. Ein paar Sonnenstrahlen kamen durch die dicken Kronen und erleuchteten ein paar strahlend gelbe Blumen, die trotz ihres eigentlich im Schatten liegenden Platzes zwischen den Moosflächen ihre hübschen Blüten empor streckten. Wie schön war eigentlich die Welt – mehr denn je, seit einem Jahr. Solche Kleinigkeiten konnten zuweilen längst begrabene Gefühle oder Lebensgeister wieder erwecken – und in ihr stärkten sie die Hoffnung, nicht aufzugeben. Sie hatte schon einmal gekämpft für eine Sache, die ihr am Herzen lag, und jetzt würde sie es wieder tun, falls nötig.

Hermione wünschte sich nichts mehr, als dass er einfach zurückkäme und alles wieder so wie vorher war. Warum machte es ihm so zu schaffen, wenn er es doch längst geahnt hatte? Sie wusste um seine Zweifel, aber hatte sie nicht alles gesagt, und nicht nur heute, was ihn davon überzeugen konnte, dass sie ihn so liebt, wie er ist und dass es nicht nur eine Schwärmerei war? Dafür hatten sie beide zu viel erlebt.

Auf einmal hörte sie Schritte, die das hohe Gras zwischen den alten Bäumen teilten.

Für einen ganz kurzen Moment hoffte sie, er sei es, aber er hatte sie ja nicht gesehen und außerdem würde er ihr wohl kaum folgen inmitten der Schüler.

„Hermione? ... Mine? Mine?"

„Harry?"

Schnell wischte sie sich mit dem Arm über ihr Gesicht.

„Hör zu, Mine. Es tut mir so leid, dass wir...dass ich irgendwie nicht dazu gekommen bin, mit dir zu reden. So richtig, wie früher schon mal, weißt du? Wir...haben uns schon immer alles gesagt und..."

„Harry..."

„...und ich war nicht für dich da die ganze Zeit über. Als nach den Ferien herauskam, dass du...naja, dass du Liebeskummer hattest, wusste ich nicht so genau, was ich machen soll. Du warst erst so fröhlich und dann kam die ganze Sache mit Snape und währenddessen hattest du eben auch noch zusätzlich den Kummer und dann sahst du glücklich aus und jetzt..."

„Harry..."

„...jetzt läufst du hier wieder total aufgelöst herum, nachdem du vor ein paar Stunden noch so fröhlich..."

„Harry..."

„Ich wollte es erst wieder Ginny überlassen, ihr Frauen könnt das ja besser, aber jetzt bin ich mal dran. Wir sind schon acht Jahre Freunde und..."

„Harry Potter!"

„Hm?"

„Alles ist gut."

„Gut?"

„Ja, und wenn gerade mal nicht, dann wird es wieder."

„Aber...du siehst so aus, als hättest du geweint."

„Glaub mir, es ist nichts, was…nicht zu beheben wäre."

Sie konnte ihm ja wohl kaum sagen, was ihr zu schaffen machte und sie kannte Harry – er würde nicht locker lassen, bis sie wieder lächelte.

„Na ich dachte, weil die letzte Woche…Snape hat dir sicher wieder Strafen aufgebrummt nach den…Ereignissen und weil er dich vor Wochen..."

„HARRY! Hör zu, es war nichts. Es ist alles in Ordnung. Er…hat mir nichts getan."

„Dann…wenn es das nicht ist... Was ist mit…deinem…Freund ? Oder ist…"

„Ja, auch damit."

„Kein Liebeskummer mehr?"

„Liebeskummer? Nein."

Nein, im Zusammenhang mit Severus und ihrer Beziehung war das Wort mehr als fehl am Platz. Das war sicher keine Teenager-ja-nein-vielleicht-Sache.

Harry traute sich nicht, Hermione auf Snape anzusprechen. Jetzt, wo er hier mit ihr saß, fand er das alles noch absurder als sowieso schon. Klar und unübersehbar – sie hatte sich einiges herausgenommen im Unterricht bei ihm, aber schließlich hatte er sich ja auch verändert und war – ausgenommen die drei Wochen nach den Ferien – nicht mehr ganz so unerträglich, wie er zugeben musste.

Trotzdem wollte er mehr wissen, sie waren doch sowas wie ewige Freunde.

„Und…lernen wir ihn mal kennen?"

„Ähm…naja…du weißt, Ron ist nicht gerade…einfach in letzter Zeit."

„Ich weiß, er will dich scheinbar zurück, aber Ginny und ich haben ihm schon gesagt, dass da jemand anderes ist, ist schon Wochen her. Ich weiß nicht, ob er es nicht geglaubt hat oder ob er es sich nicht vorstellen kann, weil du…ja keine regelmäßige Post oder so bekommt oder…"

„Dann muss ich gewiss mal richtig mit ihm reden, oder? Falls er mir überhaupt zuhört. Und das mit der Post…weißt du, es ist schwierig."

„Oh, kann ich verstehen. Ihr habt euch ja in den Ferien kennen gelernt und da war sicher nicht so viel Zeit…ihm…alles sofort zu erklären, hm?"

„Hm, ja, es war auch für uns alles so…überraschend."

„Bist du denn…also, seid ihr denn zusammen?"

„Ja, das sind wir."

„Aha. So richtig? Ist es…was Ernstes?"

„Harry? Alles ok mit dir? Irgendwie bist du auch so komisch. Liegt dir was auf dem Herzen? Und ja, es ist…ernst."

Er wusste nicht, wie und was er genau sagen sollte, ohne sich zum Affen zu machen. Gleichzeitig wollte er aber auch mehr erfahren, und das nicht nur, um sich zu beruhigen. Er interessierte sich wirklich für ihr Leben, wie es schon immer gewesen war.

„Nein, mit mir ist alles gut, danke. Es ist ernst, sagst du? Obwohl ihr euch…nicht so oft seht wegen der…Entfernung? Ich meine, er wohnt doch in…Muggel-London?"

‚Jetzt bloß eine diplomatisch-vorsichtige Formulierung ohne Lüge.', dachte Hermione bei sich und ihr wurde warm, nicht nur durch die Sonne, die durch die kleine Baumgruppe schien.

„Entfernungen spielen nicht so eine große Rolle heutzutage, Harry. Vor allem nicht für uns, oder?"

„Stimmt wohl." Harry schwieg eine Weile und dachte nach, während er die Beine ausstreckte und seine Hände durch das Gras gleiten ließ.

Was sie gesagt hatte, war alles und nichts. Es passte zu dem, was er von Ginny wusste, und es passte auch wieder zu der…normalen Vorstellung, die er selbst hatte.

„Und…wie ist er so?"

„Hm…er ist…" Was sollte sie bloß sagen? „…liebenswürdig, Harry, intelligent, ein Gentleman mit perfekten Manieren und einem guten Job, aufopferungsvoll und…mutig."

„Wow, das klingt,…das klingt…gut."

Und wieder passte es zu Snape aber auch zu vielen anderen. Er könnte sich die Haare raufen, wenn es nicht so auffallen würde.

„Wichtig für mich ist…dass er dich gut behandelt und dass er dich auch…" Harry räusperte sich. „…dass er dich auch…liebt."

„Eine Frau…fühlt das, meistens, Harry, und ja, es ist wirklich ok. Und jetzt komm, die anderen vermissen dich doch sicher schon."

„Na, dich nicht?"

„Keine Ahnung. Ich muss noch etwas…in der Bibliothek recherchieren. Wartet nicht auf mich."

Sie hatte Severus versprochen, dass sie etwas wegen seines Patronus finden würden oder dass sie für ihn da sein würde, das galt auch jetzt noch, sie stand zu ihrem Wort von neulich Nacht, auch wenn sie nicht wusste, was Sache war.

Sie standen auf und schlenderten über die Wiese, wo sie die anderen ihre Übungen machen sahen.

„Heut ist Sonntag, Mine, lass doch mal die Bibliothek."

„Prüfungen, Harry, schon davon gehört?"

„Jaaah, schon gut."

Kurz bevor sie ihre Freunde erreichten, blieb Hermione noch einmal stehen und drehte sich zu ihm hin.

„Harry, ich bin zufrieden, und ich habe nicht vor, das zu ändern. Was auch immer Ron sagen wird oder andere, es bleibt so, wie es ist. Ihr seid meine besten Freunde und ich hab euch sehr gerne, das wisst ihr und ich wünsche mir, dass es für ewig so bleibt, was auch immer geschieht, hörst du?"

„Ja…aber…"

„Hörst du?"

„Ja."

„Dann komm."

Harry hatte sich gerade zurechtgelegt, was er seiner liebsten Freundin Ginny alles an den Kopf werfen würde, wenn sie allein wären und was sie sich dabei gedacht hatte, so eine Geschichte zu erfinden – Alkohol hin oder her – aber die letzten Sätze von Hermione hatten ihn wieder total aus der Bahn geworfen. Das hatte perfekt gepasst, falls sie wirklich mit Snape zusammen sein sollte. Alles in allem war er kein Deut schlauer als zuvor und beschloss, erst einmal mit niemandem, nicht einmal mit Ginny, von sich aus über die Sache Hermione-und-ihr-Freund zu reden. Aber beobachten könnte ja nicht schaden.

Als sie wieder bei den anderen waren, wurde Hermione direkt bestürmt und sie half dem ein oder anderen noch bei den ein oder anderen Zauberstabbewegungen für Verwandlung und Zauberkunst. In die Bibliothek konnte sie immer noch, der Abend würde noch lang werden und sie bedurfte wahrlich noch der Ablenkung, sollte sie von Severus nichts hören.


Severus hatte den üblichen Weg hinein in den Verbotenen Wald genommen. Hier war er allein, ungestört und es war alles so friedlich – meistens. Keine Woche war es her, da war er hier herumgeirrt und krank vor Sorge gewesen. Warum, wenn er jetzt alles aufs Spiel setzte? Aber er war keine Zukunft für sie. Was könnte er ihr bieten?

Er musste einfach raus, seine Gedanken und das eben Gehörte sortieren, obwohl es nur eine Bestätigung und keine echte Neuigkeit gewesen war.

Hermiones Worte hallten ihm im Kopf und er versuchte sich dagegen zu wehren. Voller Zweifel und Selbstverachtung schwang er seinen Zauberstab. Wie sehr würde ihm jetzt der Anblick seines Patronus helfen…vielleicht Klarheit und Ordnung bringen können durch seine einfache Anwesenheit.

Expecto Patronum!"

Die silbernen Stränge, die die Spitze seines Zauberstabs verließen, wirbelten um ihn herum, umschlossen ihn und…verpufften in der Luft.

„WARUM?", rief er gen Himmel, den er nur erahnen konnte unter dem dichten Astwerk der riesigen, alten Bäume.

Was hatte er alles gesagt, was sie? Wirre Worte irrten durch seinen Kopf, aber nur ihre drei letzten hörte er ganz deutlich – immer wieder: Ich liebe dich…ich liebe

Noch tiefer ging er in den Wald, wo bald nur noch Geräusche seiner selbst zu hören waren. Kühler wurde es auch, je weiter er sich bewegte. Von der warmen Luft des sich anbahnenden Sommers spürte er nicht viel, obwohl die fast 25 Grad für Mitte Juni – vor allem hoch oben in Schottland – recht ungewöhnlich waren und sich hartnäckig hielten seit ein paar Tagen.

Ganz in der Ferne hörte er die Zentauren und hier und da raschelte etwas im Dickicht – und trotzdem war die lautlose Stimme von Hermione viel deutlicher wahrzunehmen als alles andere. Sie hatte es schon öfter gesagt, warum fühlte er ihre Worte jetzt mehr als zuvor?

„WARUM ICH?"

Wie schon Hunderte Male in seinem Leben wusste er nicht weiter und ließ sich an einem der vielen, großen Bäume nieder. Der Waldboden war feucht und der Duft von Erde und Kräutern stieg auf.

Er winkelte die Beine an und stützte seine Arme darauf.

„Ich habe dich nicht verdient, Hermione. Meine… Meine Liebe reicht nicht für jemanden wie dich...ich...habe es nie gelernt."

Bevor er seinen Kopf in die Hände vergrub, schwang er erneut den Zauberstab, den er locker in Händen hielt – gerade so, dass er nicht herunterfiel. Mit dem festen Wissen und einem verzweifelten und verzerrten Lächeln kam ein zweites mal „Expecto Patronum" über seine Lippen – ohne Konzentration, ohne Willen, ohne Zuversicht. Nur nunmehr leere Worte und ein Kopfschütteln, weiter nichts. Danach schloss er die Augen und wurde Sekunden später von einem hell scheinenden Licht umhüllt.

Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er sein Reh vor sich stehen sah, das ihn mit festem, aber dennoch ungleich liebevollen Blick ansah.

„Severus…"

Bildete er sich das nur ein?

„Severus, wieso sollte deine Liebe nicht reichen? Du hast so viel Liebe zu geben, ich weiß es."

Die Stimme war fast so, wie Lilys einst geklungen hatte. Auch wenn es nur eine Einbildung war – es tat weh und es war schön zugleich.

„Dein Blick widerspricht mir, aber ich möchte nichts hören, verstehst du? Dein Leben ist nicht mehr schwarz, fang an zu leben. Es wird hell und deine Liebe zu ihr ist weiß wie der Schnee, der im Winter zur Erde fällt. Mach deine Augen endlich auf, mach dein Herz auf! Tief im Inneren hast du es längst getan, du weißt es nur nicht – wer könnte es dir verdenken? Ich kann deine Zweifel spüren, aber lass dich endlich fallen, flieg los!

Severus, deine Zukunft wartet, dein, euer Leben wartet, befrei dich endlich. Du brauchst die Vergangenheit nicht mehr – nichts davon, auch mich nicht. Schwarz oder weiß, was willst du? Severus?"

„Ich…"

„Severus, sei ehrlich mit dir selbst, verleugne keine Gefühle, du bist nicht allein. Liebst du sie? Du bist frei, Sev!"

Jetzt klang die Stimme deutlich nach Lily und fast ihr ganzes Leben lang hatte sie ihn Sev genannt. Sie war es nicht, aber für ihn klang es so. Für ihn war es immer so gewesen, wenn er seinen Patronus gesehen hatte.

„Liebst du sie?"

Er nickte.

„Sag es."

„Ich kann es nicht...noch nicht einmal hier."

„Du kannst es. Du musst dich von dem lösen, was dich festhält. Die Vergangenheit ist nur noch ein Wort. Nimm ein neues Pergament und schreib deinen und ihren Namen darauf, Sev, es wird eure Geschichte werden, euer Leben...gemeinsam eins. Versuche es. Liebst du sie?"

Wie konnte das sein, was ging hier vor? War das höhere Magie, von der er nie gehört hatte oder die den meisten verborgen blieb? Warum er? Warum jetzt?

Geduldig wartete das Reh vor ihm, legte den Kopf schief und betrachtete ihn mit seinen unendlich gütigen Augen.

„Severus, die Antwort...vergiss sie nicht, sie ist dein Leben, deine Zukunft. Du liebst sie."

„Ja."

„Nun schaue nach vorn, nicht zurück. Du wirst geliebt, ihr seid füreinander geschaffen. Ihr werdet euch ergänzen. Zusammen seid ihr perfekt, eine perfekte Formation, eine Harmonie, für immer."

Die Ricke blickte ein letztes Mal zu ihm und drehte sich dann um, um zu gehen.

Und dann geschah etwas, was er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Beinahe schien es so, als breite sie Flügel aus, die aus gleißendem, weißen Licht bestanden. Nur kurz musste er blinzeln, und dieser kurze Augenblick war zu viel – zu lang, um zu sehen, was geschehen war. Weit oben in den Bäumen sah er die Flügel im Schattenspiel, mit denen sich sein – war es noch immer sein? – Patronus kraftvoll in die Höhe schwang.

Keine Spur mehr von einem Reh, wie konnte das sein? Hatte er sich alles nur eingebildet? Nein, das konnte auch nicht sein.

Wie in Trance erhob er sich und schaute immer wieder gen Himmel. Fast war er versucht, den Zauber erneut zu sprechen, doch irgendetwas hielt ihn davon ab.

„Die Sonne ist dabei, sich zu wenden."

Ohne jeglichen Laut war Firenze, der Zentaur, nahegekommen. Schon oft waren sie sich begegnet und respektierten einander. Severus vertraute den Wesen von jeher mehr als den Menschen, denn im Gegensatz zu Seinesgleichen hatte niemand von ihnen ihn je ausgenutzt, übergangen oder war ihm aus dem Weg gegangen. Firenze war einer davon.

Der Zentaur seinerseits hatte Snape schon im Kindesalter kennen gelernt, weil er immer wieder in den Verbotenen Wald geflüchtet war, wenn er – wie so oft – Ziel der bösen Spielchen geworden war. Da hatte er den jungen Menschen hin und wieder gefunden und ihm Dinge gesagt, die Severus erst viel später verstanden hatte.

Firenze sah, dass es heute wieder einmal an der Zeit war, dies zu tun, denn Snape war einer der Wenigen, der eine Besonnenheit und Gefasstheit und…Stille ausstrahlte, die kaum ein Mensch beherrschte, und das war eine Gabe, die er an ihm zu schätzen wusste.

„Schon ewige Sonnen und Monde ist es so."

Severus nickte nur still.

„Aber auch die Ewigkeit kann etwas Neues hervorbringen. Schon die Weisen aus anderen Sphären jenseits unseres Himmelsbildes wussten davon. Familie. Großvater Sonne, Großmutter Mond. Mutter Erde, Vater Himmel. Familie."

Gemeinsames Schweigen folgte und sagte meist mehr als tausend Worte. Wie immer wartete Severus und dachte über die Worte des Zentauren nach. Er fühlte, dass das noch nicht alles war.

„Schnee."

Jetzt hob Severus doch den Kopf und schaute in das weise Gesicht des Wesens.

„Schnee?"

„Schon bald – weiß wie der Schnee."

„Du hast es gehört?"

„Weiß und…neu und leicht wie Flügel im Wind."

Dann hatte er sich nicht alles eingebildet, Firenze hatte es gehört und gesehen.

Ein kühler Schauer lief über seinen Rücken und er stand auf, um zurückzukehren.

„Das Leben ist dabei, sich zu wenden. Zwei wie eines.", sagte Firenze hinter ihm her und blickte gedankenverloren in den Himmel.

Daraufhin war Severus kurz stehen geblieben und drehte sich um, doch der Zentaur reagierte nicht mehr und murmelte weiter in Richtung der...Ewigkeit.

„Formationen aus Licht am Himmel…hell…Schnee… Hebe deine Flügel und erkunde denn Himmel, dann siehst du, was sich unter dir verbirgt...Von weitem sind die Sterne klarer...und die Erde."

Schon immer hatten die Zentauren ihre eigene Magie jenseits der Vorstellungskraft der Menschen, doch es schien, als wenn es noch mehr gäbe, als wenn sich ihre mit den Geheimnissen der Welt verbinden könnte, als wenn sie alles Wissen – woher es auch immer kam, von welchen Teilen der Erde oder des Universums – in den Sternen verbinden könnten.

Und immer war es so gewesen, dass Severus sich jedes Wort hatte merken können, so auch heute. Nur die Bedeutung konnte er nicht sofort erfassen.

Am Waldrand war Hagrid beschäftigt und Fang stand still, als er auf einmal die Gestalt kommen sah.

„Oh Professor Sir…"

Severus nahm ihn gar nicht richtig wahr.

„Alles'n Ordnung, Professor? Kann ich was für se tun? Ham' sie auch das Licht gesehn?"

Erst nach ein paar Schritten drehte sich Snape um.

„Nein, danke…nein."

Hagrid starrte ihm hinterher. „Das' ja en Ding, hm, Fang. Seltsam, seltsam…"

Der große Hund starrte der Gestalt immer noch hinterher. Er konnte die Verwunderung bei seinem Herrchen riechen. Hätte er sprechen können, hätte er gesagt, dass es ihm genauso ging. Aber wer brauchte schon eine Sprache, wenn man eine Hundenase haben konnte? Sein feines Organ nahm etwas wahr, dass er bei diesem Mann noch nie bemerkt hatte, jedenfalls nicht so. Und dann hob Fang seinen Kopf und streckte die Nase zum Himmel.


Auf der riesigen Wiese zwischen Schloss und Hagrids Hütte war verhältnismäßig viel los – kein Wunder bei dem Wetter, deshalb hätte er sie beinahe nicht gesehen. Wieso hätte sie auch auf ihn warten sollen? Offenbar hatte sie sich mit ihren Freunden getroffen, die, wie er erkennen konnte, gerade ohne Zauberstäbe einige Bewegungen der Zauberkunst-Sprüche des UTZ-Kurses wiederholten. Hermione schien genau aufzupassen, den anderen Ratschläge zu geben oder Verbesserungen zu zeigen.

Sie hatte in den letzten zwei Stunden alles gemacht, um sich abzulenken, weil sie diesmal nicht allein sein konnte, bis das alles geklärt war. Immer wieder kreisten die Gedanken um das Gleiche. Er hatte gefragt, was sie nach der Schule machen wollte, ja, aber nicht ein einziges Wort über ihre gemeinsamen Schritte verloren. Oder das andere war nur unwillentlich dazwischengekommen. Inständig hoffte sie, dass es diese Erklärung war. Wenn sie nur ahnte...

In seinem Inneren tobte ein Sturm der Gefühle, der Verwirrung und der Verunsicherung über das, was er gesehen und gehört hatte. Sollte alles wahr gewesen sein? Aber was war die Wahrheit, die Essenz, was würde übrig bleiben, wenn man alle Zweifel beiseite schob? Was blieb?

Seine Füße schienen auf einmal ihren Dienst zu verweigern und er blieb wie angewurzelt auf der Wiese stehen. Das Drumherum verschwamm und er sah nicht die Schüler, die ihn verunsichert beobachteten und hörte nicht, wie manche ihre Vermutungen über sein Verhalten austauschten.

Er sah nur sie und konnte ein paar weitere Schritte machen, nur um dann erneut stehenzubleiben. Nur seine so lange antrainierte Disziplin bewahrte ihn davor, sie einfach bei ihrem Vornamen zu rufen.

In dem Moment hatte sich Harry auch umgedreht und gesehen, dass Snape auf der Wiese stand und die Gruppe um ihn herum fixierte. Einen Augenblick später bemerkte er, dass dies nicht ganz stimmte. Der Professor hatte Hermione im Blick und sonst niemanden. Und dann sah er es deutlich und begriff es:

„Es ist wahr.", flüsterte Harry und nahm nichts mehr um sich herum wahr außer, wie Hermione auf Snape zuging, die ihn ebenfalls aus dem Wald hatte kommen sehen.

Die anderen spekulierten schon, was entweder Snape wieder zu meckern oder Hermione erneut angestellt hatte, aber letztendlich waren sie es mittlerweile gewohnt, dass sie mehr oder weniger einfach weiterübten – außer Harry und auch Ginny, die gar nicht merkte, dass sie die Luft anhielt.

„Ist etwas passiert? Severus? Alles in Ordnung?", fragte sie ihn außer Hörweite der anderen. Eigentlich wollte sie es gar nicht, doch irgendetwas zog sie förmlich zu ihm und ihre Sorge und ihr Herz war stärker als alles andere.

„Ja...nein... Es ist…es ist…nichts...passiert." Mehr sagte er erst einmal nicht.

„Nun...denn...dann...gehe ich wieder."

Hermione drehte sich traurig um und wollte wieder zu ihren Freunden gehen. Wenn er nicht sprechen wollte oder wenn er sie auf diese Weise langsam loswerden wollte, konnte sie nichts dagegen tun. Er wusste, was sie für ihn fühlte, was sollte sie noch sagen? Wenn ihm das nicht reichte, war es doch entweder die unzureichende Erfahrung mit Beziehungen oder ihr Alter oder...sie konnte es nicht einordnen. Er war weggelaufen und jetzt wieder da und eigentlich hatte er sie ja auch weder zu sich gerufen noch angesprochen gerade. Sie hätte einfach nicht zu ihm gehen sollen. Vielleicht sah er gerade das als kindisch an und Hermione hätte sich am liebsten selbst dafür gestraft, auf Ginny gehört zu haben – dass alles wieder gut werden würde.

Sie beschloss, von sich aus nichts mehr zu sagen oder zu tun, sondern einfach nur zu gehen.

In dem Moment, als sie sich immer weiter von ihm entfernte, wurde ihm alles klar. Alles wurde ausgeblendet, und das, was Wichtig war, das, was ihm im Wald gesagt worden war, blieb übrig und wartete nun nur noch darauf, vollendet zu werden.

„Warte...Hermione."

Sie ging weiter.

„Bitte." Seine Bitte klang so flehend und sehnsüchtig, dass sie doch stehen blieb.

Er ging ein wenig auf sie zu und hätte sie am liebsten zu sich herumgedreht, aber das konnte und durfte er nicht.

„Hermione...ich..."

„Ja?"

Severus räusperte sich kaum hörbar.

„Ich wollte..."

„Du kannst es ja später sagen, was auch immer. Aber wenn du...solltest du mich nicht mehr…wollen, dann bitte mach es kurz und schmerzlos und jetzt. Du kannst mir dann meine Sachen durch die Elfen bringen lassen."

Wieder drehte sie sich um und versuchte den Schmerz zu ignorieren, der sich in ihrem Herzen breit machte.

‚Nur nichts zeigen, nur nichts zeigen... Geh los, geh, geh.', versuchte sie sich selbst zu belehren, wie ein kleines Kind, das Laufen lernte. Dabei wäre sie sicher einfach in sich zusammengefallen, wäre sie allein und für sich und in ihrem Zimmer gewesen.

‚Reiß dich zusammen...es liegen wichtige Dinge vor dir... Konzentriere dich auf...'

„Ich... Ich ma... Ich liebe dich."

Sie blieb stehen. Jetzt bildete sie sich auch schon seine Stimme ein, ganz leise, aber sie hatte sie gehört. Manchmal träumte sie auch davon. ‚Nein.' Noch ein paar Schritte.

„Bitte..."

Abermals blieb sie stehen.

„Komm zurück."

Sie kam und blieb vor ihm stehen.

„Ich...liebe dich, Hermione.", gestand er etwas lauter als zuvor.

Ihr Herz schlug schneller, so schnell, dass sie meinte, es spränge gleich aus ihrer Brust.

„Bitte...sag das nicht, wenn es du es nicht meinst...nicht, weil du denkst, dass ich vielleicht darauf warte."

Er schwieg eine Weile. „Niemals, Hermione, niemals..."

Sie senkte ihren Kopf und sah, dass er schwer atmete, als hätte er einen Sprint hinter sich, außerdem zitterte er, auch, wenn er es zu kompensieren versuchte. Und sie wusste, dass es wahr war, wahr und ehrlich und so...unberührt wie frisch gefallener Schnee...mitten im Sommer.

„Wieso..."

Ungläubig sah er sie an.

„Wieso bloß hier und jetzt? Wir...ich kann dich nicht küssen und nicht umarmen und..." Mehr als dieses Gestammel brachte sie nicht zusammen.

„Ich...wollte keine Minute länger warten, es musste einfach sein, sonst...sonst hätte mich am Ende noch der Mut verlassen. Es…war richtig, hier…jetzt…immer.", gab er zu.

„Ich danke dem Himmel mit allem was ich habe, dass ich die Zauberstabhülle im Labor verloren habe. Und ich liebe dich, mit allem was ich habe, was ich bin. Egal, wie lange es schon dauert oder nicht, ich weiß es, ich fühle es."

Da standen sie, einen halben Meter voneinander entfernt, tief atmend und nicht wissend wohin mit ihren Gefühlen. Hermione ballte ihre Hände zu Fäusten, damit sie ihm nicht um den Hals fiel und ihm schien es nicht anders zu gehen.

„Falls du nachher möchtest...wenn...falls ihr zu Ende gelernt habt, dann könntest du...zu mir kommen."

Keine Antwort abwartend, drehte er sich um und ging Richtung Schloss davon.

Hermione rannte zum zweiten mal an diesem Nachmittag die Wiese hinunter in Richtung des Sees, wo auf halbem Weg die kleine, runde Baumgruppe stand, wo sie nicht nur vorhin, sondern schon öfter gesessen hatte, wenn sie allein sein wollte.

Jetzt war eines der wenigen Male, wo es aus einem glücklichen Grund geschah. Aus dem glücklichsten, den sie jemals erlebt hatte.

Gleichzeitig mit den Tränen, die sie nicht zurückhalten konnte, hätte sie Jubelschreie hinaus in die Welt, in den Himmel senden können, aber sie musste sich ja immer noch vorsehen, dass ihr Verhalten nicht zu sehr auffiel.

Trotzdem – diesen Sonntag, dieses Glücksgefühl, würde sie nie wieder vergessen, für immer die Wärme spüren, niemals die Farbe des Himmels vergessen oder die Formationen der Wolken, der Duft der Blumen, der Kräuter und des Grases. Und niemals würde sie den Klang seiner Stimme oder den Ausdruck seiner Augen vergessen und sie würde sich jeden einzelnen Tag ihres Lebens daran erinnern. So musste es sich anfühlen, wenn man fliegen konnte...

Die Meisten, die sich das Schauspiel angeguckt hatten, gingen wieder ihren Beschäftigungen nach. Nicht selten hatte Snape einen Schüler oder eine Schülerin zu sich zitiert, obwohl keiner ihn hatte zitieren sehen. Das hatten sie sicher verpasst, dachten sie. Allerdings hatten sie ihn auch nicht rumschreien und überhaupt nicht viel sagen sehen. Nun, es war Snape und er hatte andere Mittel und Wege. Das Resultat war immer ähnlich, jemand lief danach weg oder beeilte sich zumindest, aus seinem Blickfeld zu verschwinden. Nichts Besonderes also.

Ginny allerdings meinte, dass ihr Herz gleich aussetzen würde, nur wusste sie nicht, ob aus Angst oder vor Freude. Irgendetwas war geschehen, etwas, das alles veränderte – zum Guten oder zum Schlechten?

Harry drehte sich verstohlen zu seiner Freundin um und bemerkte, wie aufgewühlt sie war. Am besten war es, sie würden erst einmal alle für sich ihre Gedanken ordnen. Und obwohl dann etwas später beide unabhängig und heimlich voneinander nach Hermione suchten, fanden sie sie nicht mehr. Einzig Ginnys Intuition hielt sie davon ab, die Sache weder anzusprechen noch in Panik auszubrechen. Vielleicht war doch etwas Gutes geschehen.


*Joe Cocker: "You Are So Beautiful To Me"*


Als sie vor seiner Eingangstür stand, atmete sie tief durch und klopfte. Nach einigen Sekunden öffnete er und war überrascht.

„Du…"

„Ich weiß, das Passwort, aber ich dachte…"

„Komm."

Wieder standen sie sich gegenüber mitten in seinem Wohnzimmer und wussten kein Wort zu sagen. Beinahe wirklich wie bei verliebten Teenagern konnte man ihrer beider Nervosität förmlich sehen und den ersten Schritt hätte jeder gerne dem anderen überlassen. Letztendlich war er es, der ihn machte, indem er ihr die Hand hinstreckte, die sie annahm, und zu sich zog. Als wenn es der erste Kuss wäre, nahm er zaghaft ihren Kopf in beide Hände und küsste sie ganz sanft auf den Mund, bevor er kurz von ihr abließ, um dann den Kuss zu intensivieren.

Wie ein Neuanfang fühlte es sich an und es war mehr als gut. Diesmal nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn in sein Schlafzimmer, wo sie mit ihrem Zauberstab die Bettwäsche schwarz und den Laken dunkelgrün färbte, so, wie es damals gewesen war.

„Hermione...das...ich..."

Ich möchte es, genau wie ich es damals wollte, und jetzt keine unnötigen Gedanken mehr. Küss mich lieber."

Gleichzeitig war es so wie das erste Mal und doch ganz anders. Er küsste sie auf den Mund, dann hinab bis zu ihrem Bauch und wieder zurück, was ihr einen Stromstoß nach dem anderen durch den Körper jagte. So ein intensives Kribbeln hatte sie noch nie gespürt und es schien nicht enden zu wollen.

Beinahe zu vorsichtig und unsicher zog er sie langsam aus, dann sich selbst und verwöhnte sie wieder und wieder mit unzähligen Küssen. Und jetzt wusste er auch, warum sie sich nie ganz hatte fallen lassen können bis auf das eine Mal. Daher ließ er nur seine Hand über ihre weiche Haut gleiten und versuchte, das alles in sich aufzunehmen und für ewig zu behalten.

Er atmete schwer, als er sich über sie beugte und sie ihm Platz machte, um gleich darauf wieder ihre Beine um ihn zu schlingen. Das leichte Zittern konnte er nicht unterdrücken – zu viele Emotionen auf einmal und das Bewusstsein, dass dies hier etwas Einzigartiges war, überwältigten ihn. Das Wissen darum, dass dies noch nie jemand zuvor mit ihr erlebt hatte, erleben dürfen, verlieh ihm Flügel, mit denen er noch nicht umzugehen wusste.

Das leichte Zittern hörte nicht auf, als er sich so langsam und so unendlich sanft in sie schob, so, als fühlte er alles zum erstenmal. Er schien jede Sekunde auszukosten, zu genießen, zu erleben und brachte ihn an die Grenzen seines Verstandes und vor allem seiner Empfindungen.

Er glaubte bald, in ihr zu vergehen, und er glaubte, sich noch nie so langsam bewegt und es mit solch intensiven Gefühlen erlebt zu haben. Nein, noch niemals in seinem Leben.

Wie konnte das sein, dass drei Worte soviel an Gefühl auslösten, und das sogar körperlich? Das konnte nur Magie sein, anders konnte man es nicht erklären.

Hermione ging es ähnlich. Sie genoss jeden einzelnen Atemzug von ihm, sein Duft, sein ganz leises Stöhnen, und einfach alles an ihm. Ihre Arme hatte sie fest um ihn geschlungen, als wenn sie Angst hätte, dass es nur ein Traum wäre und dass er jeden Moment wieder in die Tiefen einer langen Nacht verschwinden würde. Doch es war keiner, es war echt, es war die Realität, ein wahrer Traum mitten in der hell scheinenden Sonne des Tages.

Bald hielt er ganz inne, um sie zu betrachten. Alles hätte er dafür gegeben, und gab er, um die Gefühle zu sehen, die er hoffte, bei ihr auszulösen – seelisch und körperlich – und die er selbst mit jeder Faser seines Selbst wahrnahm.

Sie hatte die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet und ihre Hände spürte er die ganze Zeit über auf seinem Rücken, wo sie ein wohliges Kribbeln verursachten.

Als sie merkte, dass er sich nicht weiterbewegte, sah sie ihn an.

„Severus, alles in...Ordnung? Kann ich was für dich...tun?"

„Nein", flüsterte er, „...du bist da, das ist alles, was wichtig ist."

„Ich liebe dich, Sev.", wisperte sie und zog ihn zu einem Kuss zu sich hinunter. Ihre Münder verschmolzen und sie deutete ihm, mit dem weiterzumachen, was sie begonnen hatten. Die Küsse hörten nicht auf, während sie sich liebten und als sie ihrer Erlösung nahe war, schlug sie die Augen wieder auf.

„Sieh mich an, Severus."

Sie verlor sich in seinen schwarzen Augen, die unendlich tief und unergründlich zu sein schienen und gleichzeitig mit soviel Liebe auf sie heruntersahen, dessen Tatsache er sich gar nicht bewusst war. Ihr Atem ging schneller und sie fühlte, wie sich ihr Körper unter ihm aufbäumte. Sie versuchte ihre Augen aufzubehalten, als sich alles in ihr zusammenzog und sie dem Himmel wieder ein Stückchen näher kam.

Ihr Wimmern, ihre Mimik, ihr Körper um sich herum und ihr Ausdruck riss ihn fast sofort mit und auch er verlor sich in ihren goldbraunen Augen. Beide hätten wohl alles dafür gegeben, diesen Moment und vor allem die warmen und liebevollen Blicke zu bewahren.

Und sein in ihre Halsbeuge geflüstertes „Ich liebe dich, Hermione" jagte ihr eine erneute, alles übertreffende Welle durch ihr ganzes Ich.

Erst viel später löste er sich von ihr und legte sich neben sie, sodass sie sich an ihn und in seinen Arm kuscheln konnte. Was jetzt zählte, war nur der Moment, keine Vergangenheit, keine Zukunft.

Als sie am nächsten Morgen vor ihm aufwachte, betrachtete sie ihn lange und sah ihm beim Schlafen zu, wie sie es schon öfter getan hatte. Sein ganzes Selbst schien sich verändert zu haben und seine Liebe konnte sie sogar jetzt sehen. Vielleicht konnte auch nur sie allein es sehen, aber mehr war nicht nötig...sie fühlte es – sie fühlte sich, als könne sie endlich fliegen.

Sie ließ die Schlafzimmertür auf und setzte sich an den Flügel. Mit leisen Tönen weckte sie ihn langsam und vor ihnen lag der zweite, wirklich gemeinsame Tag – gemeinsam eins.

tbc


Joe Cocker: „You Are So Beautiful"

You are so beautiful to me
you are so beautiful to me can't you see
you're everything I hoped for
you're everything I need
you are so beautiful to me

Such joy and happiness you bring
Like a dream
A guiding light that shines in the night
Heavens gift to me
You are so beautiful to me


A/N:

Früher hätte ich den Kitschalarm vor das Kapitel gepackt, aber es passte einfach nicht – die Gefühle haben mich dran gehindert.

Falls ich das hätte tun sollen und ich komplett daneben bin mit meinen diesmaligen Worten – lasst es mich wissen. Dann...schwinge ich meine Flügel und mache mich ab... ;o)

Und falls ihr sonst noch etwas auf dem...Herzen habt...immer her damit.

Danke euch – hab euch lieb!

VLG KeyMagic