A/N:
Ihr Lieben!
Ich wünsche euch alles erdenklich Gute, alles Glück des Himmels und der Erde, Gesundheit, Zufriedenheit und Liebe für 2014.
Tut mir leid, wenn ich kein früheres Update geschafft habe – ihr kennt den Stress in dieser (vergangenen) Zeit des Jahres.
Dafür heute viel fürs Herz und die Romantiker unter euch. Und für alle anderen: Sorry, es musste nochmal! ;o)
VLG KeyMagic
*Bread: "Fly Away"*
Now is the day we're on our way - Leave all your cares behind, set your spirit free
Just say goodbye, take to the sky - We'll see what we can find, come away with me
We can fly, fly away, we will fly, lookin' for a dream
See the stars above and the earth below us spinning
Come with me my love and we'll find a new beginning
Stay by my side and we will ride - Our silver chariot to the promised land
Don't be afraid we'll have it made - With all the love we got, take me by the hand
Kapitel 48
Er konnte kaum glauben, wie man sich an jemanden so sehr gewöhnen konnte. Die leere Seite in seinem Bett machte ihm zu schaffen, dass er sogar wieder schlechter schlief. Er vermisste nicht das, was sie dort machten, wenn sie nicht schliefen – nun gut, das auch – aber vielmehr war es ihre bloße Anwesenheit, ihr Duft, ihre ruhigen Atemzüge.
Wie gut, dass die Prüfungen bald vorüber waren. Oder... war das wirklicht gut? Mittlerweile wusste er ja, dass sie Hogwarts nicht in dem Sinne verlassen würde, aber...wie sollte es weitergehen? Allein würde er sowieso zu keiner Lösung kommen und verschob seine Gedanken eher auf die nahe Zukunft – den Abschluss.
Soweit er sich erinnerte, hatte er ihr nicht erzählt, dass die Lehrer auch eine Liste aushängen hatten, auf denen sie ihre Gäste eintragen konnten. Es war der erste Abschlussball nach dem Krieg und alles hatte sich geändert – warum sollten sie dann nicht auch ihre Familien und Freunde dabeihaben? Da war sie wieder – die Frage, auf die er immer noch keine Antwort wusste:
Konnte er sie auf ihr eigenes Abschlussfest einladen? Grübelnd setzte er sich spät abends auf seine Couch, trank einen Schluck Cognac und versuchte, seinen Verstand abzuschalten.
Sein Blick fiel auf sein Bild mit den unzähligen Sternen über dem Kamin. Schon ein paar Wochen hatte er nicht mehr daran gearbeitet, doch jetzt glaubte er, sei ein guter Zeitpunkt, das nachzuholen. Er stellte das leere Glas auf den Tisch, ging in die Küche und holte sich ein paar Utensilien, die er brauchte – ein paar Ölfarben, eine kleine Palette und zwei Pinsel. Nur für ein paar wenige Vorräte brauchte er den alten Schrank und die Regale in der Küche, den Rest verwendete er für allerlei Dinge, die im Wohnzimmer durch die Unmengen von Büchern keinen Platz mehr fanden und nicht dauernd gebraucht wurden.
Während er die zwei hellen Farben mischte, die er brauchte, dachte er über die letzten Tage nach. Außer letzten Samstag, wo er sie beinahe schon genötigt hatte, mit dem Lernen für kurze Zeit aufzuhören, hatten sie sich davor und danach nicht mehr gesehen – nicht mehr allein gesehen. Nur bei den Mahlzeiten, draußen im Freien mit der Lerngruppe, die fast aus dem gesamten Abschlussjahrgang bestand, und höchstens mal auf dem Flur, wo sie sich allenfalls zunicken konnten.
Natürlich hatten sie darüber geredet und es ging auch kaum anders. Immerhin war ihr der Abschluss wichtig und er war unglaublich stolz auf seine so schlaue...Frau. Wenn er sich nicht gänzlich vertan hatte, trug sie den Ring während der ganzen Zeit immer noch und er vermied es, sie darauf anzusprechen, weil es ihm ein Gefühl gab, das er nicht beschreiben konnte.
Seinen eigenen Ring hatte er abgelegt, sonst hätte es sicher noch mehrere solcher essenstechnischen Zwischenfälle am Lehrertisch gegeben oder sie hätten nie Ruhe gegeben, ihn auszufragen. Doch immer wenn er Minerva begegnete, warf sie einen argwöhnischen Blick auf seine linke Hand und schaute ihn danach über den Rand ihrer Brille an, worauf sie nur eine hochgezogene Augenbraue und einen ebensolchen Mundwinkel als Antwort bekam. Oh, er war gut gewesen, so richtig gut, und das hatte so richtig schön gesessen. Sollten sie doch denken, was sie wollten. Jedenfalls dachten sie sicher nicht, dass er ansatzweise die Wahrheit gesagt hatte. Allerdings war ihm Poppy zu still gewesen bei der ganzen Sache. Sonst tuschelten sie doch wie ein Hühnerstall, aber letztens...
Mit einem Kopfschütteln befreite er sich von diesen absurden Gedanken und widmete sich der Leinwand. Nach ein paar äußerst akkuraten Pinseltupfern schweifte er dennoch wieder ab und sinnierte vor sich hin. Er hatte auch nicht viel Zeit gehabt in den letzten Tagen. Der Unterricht, der für alle anderen Jahrgänge einigermaßen normal weiterlaufen sollte, musste wegen den Prüfungen und den Aufsichtszeiten umorganisiert werden, Stunden wurden getauscht, andere Tests und Arbeiten vorgezogen oder verschoben. Die Prüfung des UTZ-Kurses für Zaubertränke und die weniger umfangreiche Aufgabenstellung für die paar wenigen Abschlussklässler, die nicht den UTZ-Kurs belegt hatten, mussten noch einmal getestet und überprüft werden, um den Anforderungen des Ministeriums und nicht zuletzt und vor allem seinen eigenen gerecht zu werden.
Doch das war alles vorbei. Die gebrauten Tränke, die zu den schwersten gehörten, die er sich jemals für eine Prüfung ausgedacht hatte, hatte er gleich kontrolliert und eingehend begutachtet und die schriftlichen Arbeiten hatte er in den letzten Abenden und Nächten korrigiert. Erstaunlicherweise waren viele gute Ergebnisse dabei gewesen – worüber er noch nicht sprechen durfte – und Hermione hatte mit der Bestnote plus Zusatzpunkte abgeschlossen. Nichts anderes hatte er erwartet.
Ja, er hatte sie alle gefordert, weil er wusste, dass die meisten es konnten und sich auf diese Weise nur eine bessere Voraussetzung für die Zukunft erarbeitet hatten. Auch eine der Tatsachen, die er nicht so leicht preisgeben würde – er war stolz auf die gesamte Klasse, in der es, wie überall, auch Ausnahmen gab. Trotzdem, sie hatten gute Arbeit geleistet und das bestätigte seine Methoden.
Severus setzte einen weiteren hellen, winzigen Farbpunkt auf die Leinwand. Morgen stand die letzte aller Prüfungen an, die zum erstenmal abgenommen wurde und die auf freiwilliger Basis stattfand. Schon jetzt war er selbst ein wenig nervös. Alle seiner Kollegen wollten sie sich ansehen, doch er durfte sich nicht anders verhalten als gewöhnlich. Nein, nicht schon wieder komische Blicke oder Fragen. Vom Astronomieturm aus würde er die beste Sicht haben und sich diese magischen Momente ansehen – und sie würde er ganz besonders beobachten. Und dann, danach konnten sie sich endlich wiedersehen.
Wie magisch der eine Moment morgen mit ihr werden würde, konnte er nicht im geringsten ahnen.
Der Tag war gekommen. Die letzte Prüfung, zum letzten Mal als Schüler erscheinen.
Die Möglichkeit, eine besondere Auszeichnung und Extrapunkte zu bekommen, wollte fast jeder aus der Abschlussklasse wahrnehmen mit Ausnahme einiger Slytherins, die diese Aufgabe weder gelernt hatten noch überhaupt zustande bringen würden – einen gestaltlichen Patronus zu zaubern.
Die Sonne strahlte vom blauen Himmel an diesem Tag und alle hatten sich auf der großen Wiese vor dem Schloss eingefunden zwischen Portal und Hagrids Hütte.
Fast alle waren schon dran gewesen und man hatte die unterschiedlichsten Figuren sehen können, die sie alle mit Bravour gemeistert hatten. Ginnys Pferd war richtig gut gewesen und Chos Schwan ebenso, danach hatte Rons Jack Russell Terrier den Hasen von Luna gejagt und Seamus' Fuchs den Terrier. Vor Begeisterung hatten sogar die Prüfer geklatscht und die anwesenden Lehrer umso mehr, besonders die Hauslehrer McGonagall und Flitwick bei ihren Schützlingen und Sprout sowieso bei allen.
Nur Harry und Hermione waren noch übrig.
Für Viele und besonders Harry bedeutete der heutige Tag nicht nur den Abschluss aller Prüfungen, sondern auch ein nochmaliger Schlussstrich unter die Erlebnisse, die er in Hogwarts gehabt hatte – die, weswegen er den Patronus-Zauber überhaupt hatte lernen müssen und wollen. Ereignisreiche, sowohl traurige als auch glückliche Jahre. Kaum einer konnte fassen, dass sie bald zu Ende sein und nie wiederkehren würden.
Und genauso fühlten sie sich alle im Moment: Gleichzeitig traurig und fröhlich, wehmütig und glücklich. Schon vorher hatten sie sich geschworen, dass sie alle in Kontakt bleiben würden. Die meisten Mitglieder der ehemaligen DA hatten es sogar auf ihre Münze eingraviert und sie anschließend mit Erinnerungszaubern belegt.
„Miss Granger bitte!"
Hermione konnte es, das wusste sie, das wussten alle. Keiner zweifelte an ihr und keiner hatte an denen gezweifelt, die es vorher getan hatten. Harry, der ihr am nächsten stand, der als letzter dran war und dran sein wollte, nickte ihr strahlend zu. Trotzdem – nervös war sie immer. Dieses Gefühl gehörte schon zu ihr, solange sie denken konnte.
Die Augen der ganzen Schülerschaft, der Lehrer und der Prüfer des Ministeriums waren auf sie gerichtet. Natürlich hatten sie alle anderen auch genau unter die Lupe genommen, aber das Goldene Trio war immer noch ein Highlight, selbst nach so langer Zeit der Normalität.
Was sollte bei ihr schon anders sein als bei den anderen? Außer der Form nichts – rein gar nichts. Jeder kannte des anderen Patronus, man war sich vertraut, sie vertrauten einander blind, so wie sie es immer getan hatten und so, wie es sie durch die Hölle getragen hatte.
„Beginnen sie bitte."
Nur eines war neu: Die Gedanken, mit denen sie ihren Patronus heraufbeschwören konnte, waren um einiges reicher, intensiver, glücklicher als jemals zuvor. Vermutlich würde er Hunderte von Dementoren vertreiben können, doch diese Zeiten waren hoffentlich für immer vorbei.
Ein tiefer Atemzug noch, eine gerade Haltung, ein letzter Blick zu ihren Freunden – und dann durchströmten sie so viele Bilder in Bruchteilen von Sekunden, durcheinander, eindrucksvoll, überwältigend: Der erste Kuss mit Severus, seine erste Begegnung mit Emma, sein Mund, der ich liebe dich sagt...
„Expecto Patronum!"
Die silberweißen Stränge schossen aus ihrem Zauberstab, kräftig, gewaltig und strahlend hell. Harry wurde beinahe geblendet und hielt sich zum Teil den Arm vor die Augen, damit er besser sehen konnte – und nicht nur ihm ging es so.
Sie suchte in Augenhöhe ihren Otter, der sich diesmal nicht in seiner lustigen Art um sie herum drehte und wie ausgelassen in der Luft schwamm, als wäre es Wasser – sein Element. Völlig überrascht und leicht in Panik drehte sie sich um sich selbst und rief dann nach Harry, der automatisch schon nähergekommen war.
„Harryyy...", rief sie verzweifelt und wollte es gleich noch einmal versuchen, als er ihr seine Hand auf ihren Arm legte, der schon halb in die Höhe gereckt war.
Ihr bester Freund sagte gar nichts, sondern deutete nur in den Himmel. Alle anderen schauten bereits in die gleiche Richtung und staunten nur – anders konnte man die Stille nicht bezeichnen.
Sie folgte Harrys Augen und stützte ihre Hand auf seine Schulter. „Harry... Harry...was…"
„Unglaublich.", brachte er nur hervor und versuchte, dem Patronus zu folgen.
Die Prüfungskommission machte derweil ihre Notizen, weil die meisten nicht wussten, was gerade geschah und weil die Form eines Patronus irrelevant für die Benotung war, die nicht anders als Ohnegleichen ausfallen würde.
Die Schüler der Abschlussklasse und die Lehrer, die anwesend waren, bekamen von der Benotung nichts mit. Alle wussten, dass Hermiones Patronus schon immer ein Otter gewesen war und nur wenige hatten bisher erlebt, dass sich einer geändert hatte – bei Tonks vor ein paar Jahren, als sie ihre große Liebe in Remus gefunden hatte – aber das war mehr oder weniger im Stillen passiert und kaum einer hatte es bewusst mitbekommen oder sich hinterher darüber gewundert.
Minerva McGonagall raffte ihr Kleid, lief so schnell sie konnte über die Wiese zu ihrer besten Gryffindor und legte ihrerseits die Hand auf deren Schulter, weil sie sah, dass sie recht blass und völlig neben sich aussah. Gemeinsam standen sie nun zu dritt schweigend nebeneinander und betrachteten das Wunder, das am Himmel geschah.
Von weitem kam Hagrid angeschnauft, der natürlich auch seine liebsten Kinder nicht aus den Augen gelassen hatte.
„Schneegans, Herminchen, ne...Schneegans is das.", keuchte er und wischte sich mit seinem quadratmetergroßen Taschentuch über die Stirn. Manche nickten und Flitwick bestätigte es, während er überschwänglich in die Hände klatschte. Er und alle anderen waren Zeugen eines so seltenen Ereignisses, dass sie kaum wagten, die Augen abzuwenden.
Dass es noch zwei Menschen so ging, wussten sie nicht. Poppy stand schon eine zeitlang am offenen Fenster auf dem Flur vor der Krankenstation und schaute den Kindern, wie sie sie immer noch nannte, bei ihrer letzten Prüfung zu. Sie liebte den Anblick der Patronusfiguren, weil sie etwas Beschützendes, etwas Beruhigendes hatten, was sonst kaum ein Zauber hervorzurufen vermochte. Genauso überrascht war sie, als sie die silbernen Stränge aus Hermiones Zauberstab entweichen sah, die sogleich gleißend silbrig-weiße Flügel bildeten und sich in die Lüfte erhoben. Kurz darauf sah sie, wie sich die Form zu dem großen, anmutigen Vogel vollendete. Warum geschah dies ausgerechnet jetzt? Warum überhaupt? War es die bevorstehende Änderung in ihrem Leben? Aber alle standen auf der Schwelle zum Erwachsenenleben und konnte eigentlich als Erklärung ausgeschlossen werden. Sei denn...es hatte etwas damit zu tun, wovon sie noch nicht viel wusste. Poppy begann zu lächeln.
Der ganz in schwarz gekleidete Mann beobachtete schon ebenso lang die Szenerie wie sie. Er war auf den Astronomieturm gestiegen, um in aller Ruhe, Stille und Einsamkeit den Schülern zuzusehen. Man hätte ihn komisch angesehen, wenn er sich unten zu seinen Kollegen gesellt hätte, denn er zeigte niemals jegliches Interesse.
Was ihn dazu bewogen hatte, waren Gedanken an die Vergangenheit. Dort unten stand eine neue Generation, die mehr hervorgebracht hatte als andere, die mutig war, sich dem Bösen entgegengestellt und gekämpft hatte, selbst die Slytherins hatten es irgendwann begriffen, auch wenn sich alte, kleine Fehden oder dumme Sprüche hielten. Das war normal.
Und er verspürte Stolz, dass sie alle diese große, kraftvolle Magie gelernt, sich sogar zum größten Teil selbst beigebracht hatten und sie beherrschten, als sei sie ein gewöhnlicher Accio. Ein Patronus strahlte das Gute aus, gab Zuversicht und hatte ihm oftmals geholfen, war er doch der einzige Todesser gewesen, der ihn jemals zustande gebracht hatte.
Seit dem Ereignis im Wald hatte er sich nicht mehr getraut, den Zauber zu sprechen und hatte sich gegen Hermiones Fragen gewehrt und erfolgreich herausgeredet. Sie hatte während der ganzen Zeit nicht vergessen, dass sie sich darum kümmern wollte, sich schlau machen wollte, aber immer wieder hatte er eine Ausrede gehabt oder sie abgelenkt. Er war nicht bereit dazu gewesen.
Sein Erlebnis mit seinem Reh und mit Firenze, ihrer beider Worte, hatten ihn gewandelt und es war etwas Gutes gewesen, das hatte er gespürt und danach mit drei Worten Hermione gesagt, doch was genau dort passiert war, konnte er immer noch nicht fassen.
Angst war vielleicht das falsche Wort, er hatte keine Angst, sondern er fühlte sich diesbezüglich wie gelähmt, wie von einem Schockzauber getroffen. Der Patronus hatte ihn ein Leben lang begleitet und dann hatte er sich verabschiedet, als sei es für immer. Dafür hatte er etwas Wertvolles, etwas Unglaubliches geschenkt bekommen – Liebe. Hatte er überhaupt noch einen Patronus? Wenn nicht, warum hatte er etwas Silbernes wegfliegen sehen? Was war es gewesen? Er wusste, dass er nur Antworten finden konnte, wenn er die zwei Worte aussprach, wovor er sich bis jetzt gedrückt hatte – vielleicht doch aus Angst vor der Antwort.
Und dann kam sie an die Reihe. Sie, die er die ganze Zeit beobachtet hatte. Sie würde es können, sie würde es perfekt machen. Sie hob den Zauberstab und erstarrte sekundenspäter – genau wie er. Er ging noch näher an die Brüstung und lehnte sich vor ohne es zu merken, nur um besser sehen zu können. Allen anderen ging es genauso und nur aus den Augenwinkeln und unterbewusst bekam er mit, dass sich Minerva, Harry und ein paar andere um Hermione kümmerten.
Er versuchte, den Patronus im Auge zu behalten, seinem Weg mit den Augen zu folgen, sein Vorhandensein zu verstehen. War es genau das, was bei ihm passiert war, was bei ihm im Begriff war, zu geschehen? Konnte es so unglaublich wie einfach sein?
Und dann fühlte er es, er fühlte nur noch. Er musste es tun – jetzt oder nie. Jetzt würde er seine Antworten erhalten, er musste es nur wagen. Von irgendwo her bekam er diese Eingebung, diese Zuversicht, diese Energie.
‚Tu es endlich.', sagte ihm etwas aus seinem Innersten. Er war allein, ihn würde keiner sehen, keiner würde wissen, wer...
„EXPECTO PATRONUM!" Normalerweise brauchte er keine Worte, aber diesmal wollte er sie ganz bewusst und deutlich von sich selbst hören.
Aus seinem Zauberstab, den er in den Himmel hoch oben über Hogwarts Ländereien gehoben hatte, entwichen die silbernen Stränge, wie schon bei den letzten Malen. Im ersten Augenblick sah es so aus, als ob es wieder dabei bliebe, aber dem war nicht so. Sie wirbelten herum, wurden stärker, bildeten Formen...bildeten eine Form. Eine, von der er schon einen Teil im Verbotenen Wald gesehen hatte. Dann war es keine Täuschung gewesen?
Kräftige, silberne Flügel breiteten sich in der Luft aus, die im Sonnenlicht gleißend weiß schimmerten und nur an den äußersten Spitzen etwas dunkler zu sein schienen als die des anderen. Die Flügel gehörten zu einem großen Vogel mit anmutiger Haltung und einer Spannweite von sicherlich anderthalb Metern. Er flog ein paar Runden, schraubte sich in die Höhe, schien die Aufwinde abzupassen – ganz wie echt – und folgte dann Hermiones Patronus, um sich ihm anzuschließen und in Formation zu fliegen. Nach ein paar Sekunden waren selbst die Flügelschläge synchron und sie glitten durch die Luft – scheinbar mühelos, stolz und...zielgerichtet – und sein eigener ein wenig über ihrem, als wenn er sie beschützen wollte. Immer höher flogen sie, richteten sich nach der Sonne und dann verschwanden sie in der Ferne.
Minutenlang hatten alle das Schauspiel gebannt verfolgt und erst jetzt bewegten sie sich und überschlugen sich mit ihren Worten, Vermutungen, mit ihrem Erstaunen. Und Hermione befreite sich gerade noch früh genug und rannte zum Schloss, um ihn zu finden. Sie wusste nicht, was geschehen war, sie wusste nicht, ob er es gesehen hatte oder... Sie brauchte ihn – jetzt.
Severus selbst wich ein paar Schritte zurück und stand in der Mitte des Turmes, reglos und völlig überwältigt. Sein Kopf wollte ihn zwingen, zu verschwinden, aber den Befehl konnte er noch nicht umsetzen.
Im Gegensatz zu ihm war Poppy früher aus ihrer Starre erwacht und ihr war klar geworden, dass hier gerade etwas Magisches geschehen war, das nichts mit Alltagszauberei zu tun hatte. Ihr Herz sagte ihr etwas, denn sie hatte gesehen, von wo der zweite Patronus gekommen war. Schnell wie ihre Füße es ihr erlaubten, rannte sie in das riesige Treppenhaus, stieg Stufe um Stufe hinauf und konnte und musste innehalten, um Luft zu holen, als gerade eine der letzten Treppen die Richtung änderte. In dem Moment sah sie ihn über eine andere Treppe nach unten eilen, regelrecht fliehen, und da wusste sie, dass ihr Herz recht hatte. Sie hatte gewusst, dass er eine Liebe gefunden hatte, und sie hatte von ihr auch gewusst, aber dass beide zusammengehörten, war ihr erst heute offenbart worden. Vehement verscheuchte sie alle Gedanken, die Einwände hatten, und machte so Platz für große Freude.
Um jeden Preis musste er glücklich werden und bleiben, das war ihr eine Herzensangelegenheit – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie würde ihn und sie beide verteidigen wie eine Mutter ihre Jungen, das schwor sie sich und zur Not würde sie kämpfen.
Nachdem Hermione ihn nicht hatte finden können, setzte sie sich auf eine kurze Treppe in einen Nebenflur des Kerkers. Falls er in seine Räume ginge, könnte sie ihn hier hören, denn sie würde seine Schritte unter Tausenden wiedererkennen. Sonst kam eigentlich selten oder nie jemand hierher, nicht zuletzt wegen ihm. Hin und wieder hatte sie dort unten gesessen – damals, als Ron sie mit Lavender so verletzt hatte, und ganz oft in den ersten, neuen Schulwochen nach der Schlacht.
Manchmal hatte sie nur gegen die Wände gestarrt und manchmal hatte sie hemmungslos geweint, weil ihr die Erinnerungen und die Begegnungen auf der Krankenstation zuviel geworden waren.
Ja, damals, vor noch nicht einmal einem Jahr, hatte er noch bewusstlos oben gelegen und Poppy und zwei andere Heiler, die sie heimlich gerufen hatte, weil sie ihnen vertraute und noch aus ihrer Studienzeit kannte, hatten nicht gewusst, ob er überleben würde.
Und jetzt? Jetzt begannen die Tränen zu laufen, weil er überlebt hatte und weil er ihr Leben verändert hatte und... Vorhin hatte sie es kaum glauben können und immer noch fiel es ihr schwer. War es ein Zeichen gewesen, dass sie wirklich zusammengehörten?
„Mine, hier bist du... Ich hatte so eine Ahnung."
Harry kam und setzte sich neben sie auf die selbst im Sommer kalten Stufen des Kerkers. „Nicht weinen, es war...eigentlich wunderschön. Nur dein Otter..."
Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn mit einem Lächeln an.
„Was...?", fragte Harry etwas verwirrt und zog sie noch etwas fester zu sich – er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt. „Du bist nicht traurig?"
„Nein, im Gegenteil, Harry, ich bin unglaublich glücklich. Jetzt weiß ich genau, wie sich Freudentränen anfühlen."
„Ich freu mich mit dir, glaub mir das. Das sehen nicht viele von uns, was da eben passiert ist. Gelesen habe ich davon, aber nie geglaubt, dass..."
„Geht mir genauso."
„Und der zweite Patronus...das war...das war...unglaublich."
„Ja...", flüsterte Hermione und konnte und wollte nicht mehr dazu sagen, zu frisch, zu neu, zu schön war dieser Eindruck, von dem sie hoffte, dass er so richtig war, wie sie hoffte zu wissen. Was sollte es sonst für eine Erklärung für dieses Phänomen geben?
„Alles hätte ich gedacht, aber nicht das..."
Sie drehte sich zu ihrem besten Freund und sah ihn verunsichert an.
„Keine Angst, ich schweige wie ein Grab."
„Du...du..."
„Ja, ich weiß es.", flüsterte Harry und festigte seinen Griff um ihre Schultern. „Und es stimmt, da bin ich mir nun ganz sicher. Vorher konnte ich es kaum glauben, aber in den letzten zwei Wochen oder so... Die Hauptsache ist, dass du glücklich bist – und das scheinst du zu sein – und dass er dich gut behandelt und dir nicht weh tut, denn dann lernt er mich so richtig kennen.", grinste er, um ihr die Angst zu nehmen.
„Harry..."
„Du brauchst nichts zu erklären und keine Angst, außer Ginny und Luna weiß es kein Mensch."
„Luna auch? Bei Merlin..."
„Die Brille...die rosarote...", lachte er. „Du kennst sie doch, man kann sich hundertprozentig auf sie verlassen. Sie hat nur gestrahlt übers ganze Gesicht."
„Nicht zu fassen. Bitte, Harry, es..."
„Nochmal, Mine, keine Angst. Es wird alles gut, solange du glücklich bist."
„So sehr, Harry, so sehr. Ich hätte es auch nie für möglich gehalten. Ich liebe ihn und er ist das Beste, was mir passieren konnte. Er ist ein guter Mensch, das weißt du schon lange, und bei ihm...mit ihm fühle ich mich ganz, wie eins, verstehst du? Wie...ich kann es nicht erklären...wie...eben die beiden am Himmel."
„Ich verstehe es und ja, das weiß ich. Ich respektiere ihn, das weißt du auch. Wenn er auch noch so ein Scheusal ist, er ist auf der richtigen..."
„Mr. Potter!"
Harry und Hermione fuhren vor Schreck zusammen und drehten sich um. Hinter ihnen stand Snape in voller Größe und schaute auf sie herab.
„Was man so alles findet hier im Kerker...", begann er und zückte seinen Zauberstab.
Harry tat es ihm instinktiv gleich und stellte sich hin – das würde er sich wohl nie wieder abgewöhnen können. Immer auf der Hut.
„Lasst das! Alle beide!", schrie Hermione und war ebenfalls aufgesprungen.
„Das ist eine Sache zwischen ihm und mir, Hermione.", zischte Severus und sie befürchtete das Schlimmste.
„Nein, es war nichts, nichts Schlimmes. Nichts, was du nicht schon gehört hättest. Wie lange stehst du schon da?" Hermione duzte ihn, weil jetzt sowieso alles egal war.
„Lange genug."
„Sir, ich...ich sage gar nichts, das können sie mir glauben. Dazu ist mir Mine viel zu wichtig. Und sie wissen, dass ich sie..."
„Klappe, Potter. Mir reicht es. Endgültig. Acht Jahre sind eine verdammt lange Zeit."
Ja, Severus hatte die letzten Sätze mitbekommen – Harrys Sätze und ihre, von denen ihm ganz warm ums Herz geworden war. Den Moment des Schocks, der Erkenntnis, dass Harry es wusste, hatte er schnell von sich geschoben. Irgendwann musste es ja so kommen und er konnte nur dankbar sein, dass es nicht schon viel früher passiert war. Etwas in ihm sagte ihm, dass er es nicht weitererzählen würde. Trotzdem – ohne etwas zu sagen oder zu unternehmen konnte er hier nicht mehr weg.
Harry hatte sich zu einem erwachsenen jungen Mann entwickelt, der tatsächlich in den ganzen Jahren Mut und Entschlossenheit gezeigt hatte. Das hatte ihm imponiert – ja wirklich – und im letzten Jahr hatte er sich richtig angestrengt und sehr gute Noten bekommen. Snape konnte nicht von der Hand weisen, dass Harry es vermutlich weit bringen würde als Auror. Die Prüfung in Zaubertränke hatte er mit Ohnegleichen abgeschlossen, nur durfte er das ja noch nicht sagen. Zwar ein paar Punkte weniger als Hermione, aber beeindruckend. Und sein ewiger Einsatz für seine Freunde, für die Schule, für die Gesellschaft, wie er mit den Tatsachen während der Schlacht umgegangen war, und nicht zuletzt mit denen in diesem Moment, hatte ihm tatsächlich den Respekt von Snape eingebracht, was dieser niemals zugeben würde, oder doch?
„Mr. Potter..."
„Sie werden mich nicht obliviaten, Sir."
„Nicht? Nein, dann lasse ich es wohl." Hatte er auch gar nicht vorgehabt.
Harry ließ, ebenso wie Snape, seinen Zauberstab sinken, steckte ihn aber noch nicht weg.
„Tut mir fast leid, immer wenn ich sie hier unten außerhalb des Unterrichts antreffe, zücke ich automatisch den Zauberstab – ein notwendiger Reflex, wenn sie so wollen.", erklärte Severus.
Harry starrte erst Snape an und dann Hermione, die nur mit den Schultern zuckte und gebannt auf das wartete, was da käme.
„Unterbrechen sie mich nicht noch einmal. Mir reicht es wirklich, Potter. Ich kann ihren Namen nicht mehr hören. Außerdem entsprechen sie diesem nicht genug, denn sie haben wesentlich mehr von ihrer Mutter als von ihm. Ich werde sie Harry nennen, wenn sie erlauben. Und sie mich Severus, allerdings erst nach der Zeugnisübergabe und wenn wir unter uns sind, ansonsten werden sie weder Potter noch Harry genannt, sondern nur der-Junge-der-stirbt, ist das klar?"
Harry stand und fühlte sich vor Snape wie eine Maus vor Harpyi.
„Ähm, ja Sir."
„Gut." Und dann ging Snape auf ihn zu, reichte ihm die Hand und nickte knapp. Ein verdutzter, aber unglaublich erfreuter Harry erwiderte den Händedruck fest und lächelte sogar noch dabei.
Hermione stand daneben und brachte außer einem „wow" nichts hervor. In dem Moment war sie Zeugin eines nie da gewesenen Weltwunders geworden und glauben würde das sowieso keiner.
Kaum dass er Harrys Hand losgelassen hatte, hatte er nur noch Augen für Hermione – als sei er plötzlich ein anderer Mensch, ein anderer Mann.
„Severus...", sagte sie und umarmte ihn, obwohl Harry noch daneben stand, „...ich habe dich gesucht. Ich muss..." Ihre Stimme zitterte. „...ich muss dir etwas sagen. Draußen, die Prüfung. Warst du...war das..."
Er erwiderte die Umarmung und klammerte sich beinahe an ihr fest.
Seine Stimme war auch nicht kraftvoll wie sonst. „Ich habe es gesehen...ich... Er war von mir. Ich habe...endlich den Zauber ausgesprochen, als ich deinen sah."
„Ich habe es gehofft. Bleiben sie jetzt so?"
„Ich weiß es nicht."
„Sie...waren so schön...so... Sie gehören zusammen. Wir gehören zusammen, oder?"
„Es ist Magie, die wir nicht erklären können... Ich...habe das noch nie gesehen." Noch leiser sprach er weiter. „Solange du es willst...ja...gehören wir zusammen."
Vorsichtig und ein wenig scheu, als wäre es zum erstenmal, küssten sie sich.
Harry stand immer noch daneben, zwar ein Stück entfernt und leicht hinter Snape, aber er konnte sich einfach nicht abwenden von...
Er sah sie das erstemal so richtig als Paar, als Mann und Frau. Er sah nicht mehr den Professor in ihm, seinen einstigen Feind, nein, nicht im Geringsten. Er sah einen Mann, den er seit dem Ende des Krieges respektierte, den er zum Teil sogar bewunderte für seine Stärke, für seinen Mut und seine Konsequenz. Und er sah, dass es passte – sie passten zueinander und vor allem war es echt.
Als sie sich voneinander lösten, bemerkte Severus die Anwesenheit seines einstigen Lieblingsschülers.
„Was machen SIE noch hier?", blaffte er und da war er wieder, der Professor – als hätte er einen Schalter umgelegt.
„Ich...ich...hatte mich noch nicht verabschiedet, hatten sie mich schon entlassen?"
Snape atmete tief ein und seine Augen verengten sich. Doch Harry redete weiter und ignorierte ihn.
„Hermione, entschuldige, es war so... Ich freu mich für euch." Sagte es, grinste beide an, wand sich zum Gehen, aber nicht ohne sich nun doch zu verabschieden.
„Entschuldige ebenso, Severus!" Dann lief er schnell zur Treppe.
„POTTER!"
Harry drehte sich nicht um, aber winkte über seinen Kopf hinweg den beiden zu.
„Unmöglich, der Bengel."
„Severus!", lachte Hermione und ging auf ihn zu. „Einen besseren Freund gibt es nicht."
Seine Mundwinkel zuckten. „Einen besseren Feind, meinst du wohl."
Daraufhin erntete er einen Klaps auf den Arm, doch ihren hielt er blitzschnell fest, damit er sie zu sich ziehen und küssen konnte.
„Jetzt, wo wir noch mehr zusammengehören...", begann er.
„Ja?"
Ein weiterer Kuss. „...wollte ich sagen: Dein wow von vorhin...kannst du dir für heute Nacht merken. Oder wollt ihr feiern?"
Ihr entwich ein kleines Keuchen und grinste ebenso wie er.
„Nein, ja. Ich meine, heute möchte ich mit dir zusammen sein – nirgendwo anders."
„Dann gegen 22Uhr? Früher schaffe ich es nicht."
„Ich werde da sein. Ich denke, ein paar von uns feiern jetzt schon, so wie ich die Bande kenne."
Er stöhnte. „Gut zu wissen, dann werde ich gelegentlich ein Auge auf euch haben und...es zudrücken."
Hermione lachte. „Ich freue mich auf dich."
„Das...hat noch nie jemand zu mir gesagt."
„Ich tue es aber, Severus, ich freue mich auf dich – jeden Tag."
Draußen wurde sie bestürmt und alle drängten sie zu erzählen, was passiert war. Ob der zweite Vogel zu ihrem Patronus gehöre oder ob es ein Fremder wäre und wenn ja, woher. Sie versuchte, so knapp und ehrlich und lehrerhaft wie möglich zu antworten... Dass der Patronus immer nur eine Gestalt ist, dass dies – sie zitierte wie aus einem Buchabschnitt – aus diversen Gründen passieren kann und nein, sie könne den zweiten Patronus nicht erklären.
Als ein paar begannen, ihre wildesten Spekulationen verlauten zu lassen, sprach Harry ein Machtwort und stellte sich vor Hermione. Ginny unterstützte ihn dabei, indem sie sich daneben stellte.
„So etwas kann vorkommen, dass wisst ihr, wenn ihr gelernt habt. Vor allem wenn es um Liebe geht. Guckt nicht so, ihr seid doch sonst nicht so dämlich." Dabei kicherte er und hob auf diese Weise den Ernst der Situation auf.
„Als wenn ihr nicht mitbekommen hättet, wie sich unser Minchen verändert hat."
Hermione wurde rot im Gesicht und sah, wie all ihre Freunde nickten und sich freuten, gleichzeitig aber vor Neugier platzten.
„Die hohe Magie kann man nicht erklären und bei den einen kommt es so, bei anderen nicht. Und nur weil es so selten vorkommt, heißt das nicht, dass ich zum Beispiel Ginny weniger liebe. Und wollten wir nicht die letzten Tage genießen und Spaß haben? Los, ihr Nervensägen!"
Ginnys Herz ging auf bei seinen Worten und sie umarmte und küsste ihn und nahm dann Hermione mit dazu. Bald lächelten sie wieder und grinsten vor sich hin. Manche gingen nach Hogsmeade, die meisten aber blieben gemeinsam auf dem Gelände vor dem Schloss, breiteten Decken aus, machten Picknick, unterhielten sich oder lagen nur in der Sonne, weil die Prüfungstage ziemlich anstrengend gewesen waren.
Als Hermione abends die anderen verlassen wollte, murrten sie, aber ließen sie gehen. Sie hatte viel gearbeitet, viel geholfen und keiner wunderte sich, dass sie müde war. Niemand kam auf die Idee, dass es etwas mit ihrem Freund, der Liebe oder dem Patronus zu tun hatte, denn sie hatte ja niemanden hier auf Hogwarts, soviel stand fest.
Harry, Ginny und Luna wussten es besser und grinsten sich unauffällig an.
Ron war den ganzen Nachmittag über recht still gewesen, hatte auf einer Decke gelegen und in den Himmel gestarrt. Er hatte seine Ankündigung in die Tat umgesetzt und viel, viel gelernt, auch nächtelang. Bei einigen Fächern hatte er ein richtig gutes Gefühl, aber ihm war natürlich klar, dass er niemals so gut wie ein paar andere oder wie sie sein würde. Dennoch war er zufrieden mit sich und hoffte, dass ihn das Gefühl nicht trog.
Gleichzeitig hatte er die ganze Zeit über Hermione nachgedacht. Wenn sie doch einen Muggelfreund hatte, warum änderte sich für so jemanden ihr Patronus und vor allem – wo war der zweite Patronus hergekommen? Das war alles so unlogisch. Eine beinahe identische Gestalt konnte doch kein Zufall sein? Entweder war ihr Freund doch ein Zauberer oder es passierte alles aus einem anderen Grund. Wenn er ein Zauberer war, wie konnte er dann auf Hogwarts sein? Von ihnen war es doch keiner und es so gut verheimlichen war schon ein Ding der Unmöglichkeit. Nein – wenn er so in die Runde schaute – davon war es mit Sicherheit keiner.
So intensiv er auch überlegte, ihm fiel keine zufriedenstellende Erklärung ein und zermarterte sich den Kopf. Vielleicht war das alles nicht so, wie er dachte, wie sie alle dachten und es gab eine ganz andere Erklärung. Vielleicht hatte das eine mit dem anderen gar nichts zu tun! Emotionale Umbrüche hatten nicht immer etwas mit Liebe zu tun. Ja, so musste, so konnte es sein. Vielleicht freute sie sich nur so sehr, dass sie Hogwarts nicht verlassen musste und ihren Traumjob beginnen konnte.
Als er sah, dass sie Richtung Schloss ging, sprang er auf und holte sie bald ein. Diesmal ließen Harry und Ginny ihn gehen, denn irgendwann mussten sie reden, irgendwann musste er es von ihr selbst hören. Sie hofften, dass er es endlich verstehen, aber ihre Freundschaft nicht daran zerbrechen würde.
„Hermione, warte. Bitte. Ich... Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?"
„Ja, Ron, danke. Alles bestens." Sie war zwar noch aufgewühlt, aber das Erlebnis vom Morgen war das Schönste, was ihr jemals passiert war. Als könne sie nun tatsächlich fliegen, so fühlte sie sich.
„Das freut mich wirklich. Tja, jetzt ist bald alles vorbei."
„Stimmt, schon komisch, nicht?"
Wieso standen sie sich gegenüber, als wären sie sich fremd? Das war ja kaum auszuhalten.
„Du hast echt viel gelernt, habe ich gesehen. Ich bin so stolz auf dich, Ron!"
„Wirklich? Du hast..."
„Sicher habe ich das mitbekommen. Und wenn wir alle zusammen gebüffelt haben, war das ja auch nicht zu überhören. Echt, ich finde es klasse."
„Wow danke, Mine. Weißt du... Das Abschlussfest am Samstag... Ich...habe noch niemanden eingetragen. Ginny hat Mum, Dad und Harry, klar, aber... Wirst du...möchtest du... Würdest du... Ich wollte einfach fragen, ob du dich vielleicht mit mir an einen Tisch setzen möchtest?"
Warum konnte er sie nicht einfach fragen, ob sie mit ihm zum Ball gehen würde, warum so drumherum, so schwammig, so, als hätte es die vergangenen acht Jahre nie gegeben? Standen die harmlosen Küsse, die sie irgendwann einmal getauscht hatten, so zwischen ihnen? Nein, es musste etwas anderes sein. Tief im Inneren wusste er die Antwort auf seine Fragen, aber er wollte die eine Frage nicht unausgesprochen lassen, sonst würde er es auf ewig bereuen und sich fragen, wie es gewesen wäre, wenn...
„Oder...hast du schon...andere Pläne?"
„Nein, Ron, ich habe...noch keine anderen Pläne." Hatte sie ehrlich nicht, denn Severus hatte noch nichts gesagt und sie wollte es unbedingt ihm überlassen. Sie wusste, dass er sie liebt, so war es egal, ob Ball oder nicht.
„Dann...?"
„Klar würde ich gerne mit euch an einem Tisch sitzen. Flitwick hat einen Plan, nicht? Er setzt sicher alle Freunde mit Familie zusammen und so... Meine Eltern und meine Großmutter kommen auch. Sonst habe ich niemanden eingeladen.", sagte sie arglos und überlegte nicht, wie das für ihn klingen musste. „Dann sitzen wir ja sicher so oder so alle zusammen."
„Ja bestimmt, so ist er. Dann... Ok, falls nicht, soll ich... Könnte ich ja noch einen Platz freihalten."
„Kannst du machen, wenn du möchtest."
Das war keine Zusage, denn alles klang so offen und unverbindlich und... Einen Platz freizuhalten hieß ja noch lange nicht, dass sie zusammen auf den Ball gingen, oder doch? Für sie nicht, für ihn sicherlich schon, obwohl er sie nicht klar und deutlich gefragt hatte. Oft hörte man das, was man sich zu hören wünschte.
„Gehst du schlafen?"
„Hm, ich werde...mich ausruhen und möchte nochmal über alles...nachdenken."
„Ja dann..." Vorsichtig streifte er über ihren Arm und deutete eine Umarmung an, was sie gerne zuließ. Sie waren ja beste Freunde...
An diesem Abend ging Ron glücklich schlafen.
Wie schnell der Tag vergangen war. Jetzt war es schon kurz nach zehn und Hermione lief in sein Büro, weil sie vermutete, dass er noch arbeitete. Dem war nicht so, denn die Fackeln an den Wänden waren erloschen. Sie nannte das Passwort Himmel und die unsichtbare Tür zum Wohnzimmer tat sich auf.
„Seve..."
Sie verstummte, denn sie sah ihn am Flügel sitzen und vorsichtig ein paar Tasten drücken. Wortlos setzte sie sich neben ihn auf die kleine Bank und spielte ihm etwas vor. Fasziniert beobachtete er sie und als sie geendet hatte, meinte sie, er solle es unbedingt lernen. Überraschenderweise lehnte er weder ab noch stimmte er zu. Er küsste sie nur und deutete ihr, mitzukommen.
Auf dem Wohnzimmertisch stand eine Flasche Sekt, aus der er zwei Gläser füllte und ihr eines davon reichte.
„Herzlichen Glückwunsch, Hogwarts-Absolventin!"
„Noch habe ich kein Zeugnis!"
„Als wenn du nicht wüsstest, dass du alles bestanden hast. Und bevor du eine Vorlesung über deine Zweifel hältst, trink lieber!"
Sie musste lachen und stieß mit ihm an.
Aneinandergekuschelt – wie so oft – saßen sie auf der Couch und ihr Blick fiel bald wieder auf das Gemälde über dem Kamin, an dem sie sich meistens nicht satt sehen konnte. Sie kniff die Augen zusammen und kaute auf ihrer Unterlippe.
„Hat es sich verändert? Es sind ein paar Punkte, Sterne, hinzugekommen."
„Das siehst du?"
„Ja. Willst du mir diesmal erzählen, was es mit diesem Bild auf sich hat? Es ist doch die Milchstraße... Kein bestimmtes Sternbild wie auf dem im Schlafzimmer."
Er atmete tief ein und aus und sah sie nicht an beim Sprechen. „Ja, unsere Galaxie, und im Prinzip meine eigene, Hermione. Ich habe es schon angefangen, als ich ungefähr zehn Jahre alt war. Immer wenn sich meine Eltern stritten, habe ich mich, wie du weißt, in mein kleines Zimmer verkrochen und in den Himmel geschaut oder...gemalt, weil es keinen Krach machte. Für jeden Streit, für jedes böse Wort, gegen sie oder gegen mich, habe ich einen Stern gemalt auf dem schwarzen Hintergrund, in der Hoffnung, dass ich irgendwann den Sinn erkennen würde. Aber es gibt keinen Sinn hinter Unfrieden, Streit und Gewalt, das habe ich schnell herausgefunden. Trotzdem habe ich weitergemacht, denn der Himmel und die Sterne haben mich angesprochen, mir zugehört. Das klingt sicher komisch, aber für mich war es so."
Hermione seufzte nur traurig und ließ ihn weiterreden.
„Auch für jedes Treffen mit Lily, als wir Kinder waren, für jedes nette Wort von ihr oder ihrer Mutter, das sie mir gegönnt haben, gibt es einen Lichtpunkt. Als ich nach Hogwarts kam, habe ich es mitgenommen und später magisch vergrößert, denn bald kamen neue Streitereien, Demütigungen und schlimme Erlebnisse hinzu und der Platz wurde zu klein. Sicher fehlen auch die wenigen glücklichen Momente nicht, zum Beispiel, wenn ich wieder die beste Klassenarbeit geschrieben hatte. Und dann... Dann kamen die schlimmsten, die Höllenjahre und ich muss, ich möchte dir nicht erzählen, was ich als...Todesser alles erlebt habe."
Sie nahm seine Hand und drückte sie fest. „Sie sind hinter einem dunklen Schleiernebel, nicht wahr?"
„Ja, und dort bleiben sie auch."
„Die Sonne in der Mitte, die war vorher nicht so strahlend, hast du die Farbe aufgefrischt?" Sie wollte ihn ablenken von der dunkelsten Zeit seines Lebens.
„Ist es so offensichtlich? Das habe ich an dem Tag gemacht, als ich... Als ich dir sagte, dass ich dich liebe.", flüsterte er.
„Nur das Ereignis von heute fehlt noch und jetzt habe ich die Worte verstanden, die Firenze im Wald gesagt hat."
„Firenze?"
Er erzählte ihr von dem Tag, von seinem Erlebnis im Wald und von der Begegnung mit dem Zentauren. Die Dinge, die ihm sein Reh, sein einstiger Patronus gesagt hatte, verschwieg er, das war seine ganz eigene, innerste Probe gewesen. Vielleicht irgendwann, aber nicht heute.
„Ich weiß noch jedes Wort, was er mir gesagt hat, oder was er gen Himmel gesagt hat:
"Weiß und…neu und leicht wie Flügel im Wind. Formationen aus Licht am Himmel…hell…Schnee… Hebe deine Flügel und erkunde denn Himmel, dann siehst du, was sich unter dir verbirgt...Von weitem sind die Sterne klarer...und die Erde."
„Er wusste es?"
„Unglaublich, ja, er wusste es und er hatte mit jeder Silbe recht. Ich kann es selbst kaum glauben, obwohl ich die Magie der Zentauren immer gewürdigt und mit Bewunderung kennen gelernt habe."
„Ja, sie sind unglaubliche Wesen, beinahe aus einem anderen Universum, aus einer anderen Zeit."
„Zwei wie eins, hat er gesagt, und heute haben wir es gesehen. Noch immer kann ich es nicht fassen."
„Ich auch nicht, aber es ist so...wunderschön. Hagrid sagte, es seien Schneegänse. Ich weiß nicht, warum."
„Ja, sie sahen so aus. Und ich glaube, ich habe eine Ahnung. Firenze erklärte noch mehr:
„Schon die Weisen aus anderen Sphären jenseits unseres Himmelsbildes wussten davon. Familie. Großvater Sonne, Großmutter Mond. Mutter Erde, Vater Himmel. Familie."
Für die Zentauren gibt es keine Unterschiede, alle Lebewesen, alle Kulturen haben die gleiche Quelle im Universum, die gleichen Wurzeln und jedes, jede davon hat ihre Vorhersehung. Die ältesten und weisesten Ursprünge der Menschheit finden sich in Afrika, in Asien und in Nordamerika, lange bevor die modernen Menschen davon wussten. Du siehst, überall sind unsere Wurzeln – sie haben recht. Und Tiere gehören genauso dazu, sind manchmal auch ein Sinnbild für unsere eigenen Leben und Lebensformen. Und wenn ich mich nicht irre, ist die Schneegans ein Teil meines – um es mit seinen Worten zu sagen – Himmelsbildes, unter dem ich geboren wurde."
„Das...das ist höchste Magie, nicht wahr? Und ich?"
„Ich weiß es nicht, Hermione, ich kann es mir nur so erklären – oder wünschen – dass du ehrlich zu mir gehören willst, denn du hast es mir zuerst gesagt."
„Ich liebe dich, Severus, mit meinem ganzen Ich. Und jetzt lass uns nur noch das Gute sehen, das Bild bewahren und...gemeinsam nach vorne gehen."
„Du hast recht." Endlich lächelte er wieder und füllte die Gläser. „Das erinnert mich daran, dass ich dir noch ein wow schulde – oder mehrere davon! Komm mit!"
Er stand auf, nahm die Gläser und ging in sein, in ihr Schlafzimmer. Hermione folgte ihm und sie würden erleben, wie nahe sie sich wirklich sein konnten.
tbc
A/N:
Guckt schon mal in den Kleiderschrank - legt euch euer schönstes Kleidchen raus, probiert die HighHeels nochmal an, denn bald müsst ihr alles beisammen haben ;o)
