A/N:
Ihr Lieben!
So, der Titel ist wohl einleuchtend und mal unter uns – lieben wir das nicht alle? So ganz tief innen drin zumindest? *lach*
Deshalb: Ich kann nicht anders und ja, es ist abgedroschen, aber ich komm doch eh nicht drum herum, oder? Nicht darum und nicht um den Ball ;o) Der kommt unweigerlich...bald.
Und damit es besser rüberkommt, ich dem Titel gerecht werde und wir unserem Frau-Sein frönen können, hätte ich euch gerne das Kleid von Hermione und Ginny gelinkt und vor allem die High Heels von Hermione (!), die mich sprachlos gemacht haben, aber das ist ja auf dieser Seite so schwierig. Wer interessiert ist, möge mir eine PM senden. ;o)
Und eines noch: Hermiones Eltern werden für mich immer so aussehen wie in HP2, und nicht wie später in HP 7!
VLG KeyMagic
*Madonna: „Dress You Up"*
Kapitel 49
Die Nacht hatte ihr – und ihm – etliche Äußerungen entlockt, die keiner von ihnen freiwillig in der Öffentlichkeit wiederholen würde. Bei einem wow war es dabei nicht geblieben.
Am Frühstückstisch wurde sie glücklicherweise davon abgehalten, weiter darüber nachzudenken, sonst wäre ihr allein von den Gedanken daran wieder ganz anders geworden. Lediglich den ein oder anderen Blick zu ihm am Lehrertisch gönnte sie sich und das war auch nicht gerade förderlich für die Konzentration, denn er hatte diesen einen Blick für wenige Sekunden auf ihr ruhen lassen, bei dem sie mittlerweile dahinschmelzen könnte.
„Der sieht aber entspannt aus heute Morgen, wo ist die tiefe Falte auf seiner Stirn?", überlegte Seamus.
Dean seufzte. „Das war gestern schon so, kannst du dich erinnern oder ist dir das Butterbier zu Kopf gestiegen? Der hat uns doch glatt übersehen beim Feiern. Seamus! Aufwachen. Weißt du nicht mehr…er kam gestern Abend gegen neun vom Lehrerzimmer, hat uns gesehen und durch uns durchgeguckt, obwohl wir die Hände voller Flaschen hatten."
„Jahaaa, weiß ich. Vielleicht freut er sich so, dass wir endlich bald verschwinden."
„…oder er hatte ein Date mit sich und…"
„JUNGS! WAGT ES NICHT MAL, daran zu denken, sonst hexe ich euch was an. Sucht euch endlich ne Freundin!", schnappte Ginny und guckte ganz böse.
„Was verteidigst du ihn immer wieder?", kam es beinahe kollektiv von den Jungs.
„Ich mag ihn. Nach dem Fest werde ich ihn Severus nennen, und zwar bis ich alt und grau bin."
Fast alle, die es gehört hatten, sahen ganz verstört aus, bevor die meisten anfingen zu kichern.
„Harry, deine Freundin hat's echt drauf, uns zu schocken."
„Glaubt mir, Herrschaften, wenn ich euch schocken will, und zwar ohne Zauberstab, werdet ihr es merken."
„Das glaub ich aufs Wort, Schatz.", meinte Harry gelassen und gab ihr einen Kuss.
„Du wirst tot sein, bevor du seinen Vornamen ganz ausgesprochen hast. Harry, du solltest auf sie aufpassen.", meinte Seamus lachend.
„Ach wisst ihr, ich glaube, ich werde das auch machen."
„Was?"
„Ihn Severus nennen."
„Habt ihr alle den Verstand verloren? Aah, Harry, ich weiß, Ehre deinen Bemühungen, aber sie kann es besser!"
„Ich weiß.", grinste Harry und keiner konnte ahnen, dass er absolut die Wahrheit gesagt hatte.
„Hey Mine, warum so still? Deine Freunde sind so komisch, mach mal was!" Dean nahm ein paar trockene Cornflakes aus der Schale und bewarf sie damit. Wie die ausgelassenen Kinder waren sie wieder nach den Prüfungen.
„Hm was?" Sie hatte nur halb gehört was sie sagten und kaute schon drei Minuten gedankenverloren auf demselben Stückchen Apfel herum.
Seamus nickte in ihre Richtung und grinste. „Sie träumt sicher von einem alten und grauen Snape."
Hätte er gewusst, wie nahe dran er war… Seit Ginny das gesagt hatte, war sie wirklich abgeschweift und sie hatte sich gefragt, wie es wohl sein würde…ein Leben mit ihm. Würden sie gemeinsam alt werden? Würden sie überhaupt ein Jahr zusammenbleiben? Sie hoffte nichts sehnlicher als das. Würden ihnen mehr Jahre vergönnt sein, würden sie vielleicht Kinder haben, wenigstens eins? Wo würden sie wohnen, leben? Kurz waren ihr Bilder erschienen, wie sie in einem Haus lebten, Bilder von der Familie an der Wand, ein Kamin, ein Hund, eine Wiege… Letztendlich war sie dankbar, dass Dean sie da rausgeholt hatte – über so etwas durfte sie nicht nachdenken, nicht im Zusammenhang mit Severus. Sie würde dankbar annehmen, was von ihm bezüglich ihrer Zukunft käme, ihn nicht drängen und nichts erwarten, das war die beste Lösung, wie ihr schien.
„Ja klar.", antwortete sie deshalb und sagte die absolute Wahrheit – für sich ganz allein.
„Leute, Mädels, jetzt mal was Wichtiges. Trödelt nicht so, ihr wisst, was wir vorhaben." Ginny und Parvati erinnerten daran, dass sie alle gemeinsam zu Madam Malkins gehen wollten, um sich ihre Kleider für den Ball abzuholen beziehungsweise auszusuchen. Die meisten wollten sich erst jetzt eines kaufen, obwohl es zwei Tage vorher schon recht spät dafür schien. Sie hatten aber warten wollen, bis die Prüfungen vorbei waren und ob ihr Gefühl sagte, dass sie bestanden hatten. Außerdem wussten sie genau, dass Madam Malkin zu dieser Zeit des Jahres viel Auswahl hatte, extra für ihre Lieben geschneidert oder in aller Herren Länder bestellt.
„Und Jungs – benehmt euch!", mahnte Ginny und alle murmelten etwas Ähnliches.
Hermione ließ sich überreden, mitzukommen, außerdem brauchte ja nicht jeder wissen, dass sie schon ein Kleid hatte. Allerdings sollte sie lieber die geballte Weiblichkeit nicht unterschätzen.
Die Winkelgasse war belebt und sie trafen unterwegs Grüppchen von Mädchen aus jedem Haus. Selbst die Slytherins ließen es sich nicht nehmen, Spaß zu haben und ausgelassen zu schwatzen und hin und wieder kam sogar ein Hallo über ihre Lippen. Wenn das mal nicht ein gutes Zeichen war – wenigstens für das Fest.
Gerade als sie in den Laden gehen wollten, kam Malfoy heraus und grinste.
„Na, wollt ihr euch ein paar Säcke zum Anziehen kaufen – oder nur leihen?", flachste er und seine ewigen Außenspiegel zu beider Seiten kicherten wie auf Knopfdruck.
„Halt die Klappe, Frettchen.", sagten Ginny und Hermione wie aus einem Mund und mussten lachen. Schon lange hatten sie keine Angst mehr vor ihm, und vor seinen Anhängseln schon gar nicht. „Na, geht ihr als Flotter Dreier – wie immer, alle gleich?"
„Davon träumst du wohl, Weasley? Soll ich dir mal zeigen, was Potter alles nicht kann?"
„Vielleicht ein andermal, Frettchen.", säuselte Ginny und nahm ihm so den Wind aus den Segeln. Für einen kurzen Moment dachte sie, er hätte Panik im Gesicht, aber dann fing er an, schallend zu lachen.
„Und ihr? Alle in rot oder doch mit einer Löwenmaske auf dem Kopf? Das würde ja die meisten von euch echt aufhübschen." Warum unterhielt er sich eigentlich mit ihnen? Ja, die Zeiten hatten sich geändert, definitiv.
„Dir werden noch die Augen rausfallen.", sagte Hermione und biss sich gleich darauf auf die Zunge. Warum waren sie alle so übermütig gut gelaunt? Kein Wunder.
„Sieh an, Miss Oberschlau. Ich kann's kaum erwarten. Pass auf, dass sich die Farbe deines...Stückchens Stoff nicht mit den Haaren von Wiesel beißt."
„Lass ihn da raus!"
„Och, hat da einer etwa kein Date, deshalb so kratzbürstig?"
„Du wirst dein blaues Wunder erleben, oder sollte ich sagen, schwarzes?"
„Was willst du denn damit sagen?"
„Wart's nur ab.", mischte sich Ginny ein und grinste breiter, als sie konnte.
„Na, da bin ich aber so gespannt. Ich werde jetzt woanders hingehen, wo man etwas Besseres bekommt, exklusiv, versteht sich. Meine Mutter wartet schon bei Twillfitt & Tattings."
„Oh man...", stöhnte Hermione, als er von Dannen gezogen war, „...ich hab doch wirklich kein Date."
„Jetzt warte du mal ab, Missy, er lässt sich sicher nicht nehmen zu zeigen, dass du ihm gehörst, ganz bestimmt nicht, nicht nach dem Leben und vor allem nicht, nachdem er dir die drei Worte gesagt hat. Und jetzt komm endlich rein, die anderen kaufen mir alles weg."
„Wenn du nur recht hättest."
„Ich habe immer recht, Süße.", lachte Ginny und ging in den Laden.
„Es ist nicht zu fassen.", jammerte Ginny und probierte das vierte Kleid bei Madam Malkin an. Die Inhaberin hatte schon sämtliche Kleider in ihrer Größe herausgesucht und Parvati, Padma und Lavender hatten längst selbst gesucht, aber es passte einfach nichts. Das dunkelrote Ballkleid mit dem breiten Reifrock war eine Katastrophe an ihr gewesen, obwohl sie es am liebsten gekauft hätte – die anderen hatten sie gerade noch vor dem Fehler bewahren können. Gryffindorrot, ok, aber die vielen Rüschen? Ging ja gar nicht!
Außerdem hatte Lavender schon ein Kleid in dem Rotton und ihr stand es mit ihren mittelbraunen Haaren recht gut. Die Patil-Zwillinge hatten sich jeweils – wie schon erwartet – für ein Sari-ähnliches, seidenes, enges Kleid entschieden, das eine in einem kräftigen orange und das andere in türkis. Den beiden stand die Machart ausgezeichnet, aber an anderen hätte es sicher fremd gewirkt. Luna, die auch mit von der Partie war, weil sie alle gut befreundet waren, hatte wie immer ihren eigenen Geschmack und entschied sich für ein hellgrünes Kleid, dessen tüllartiger Oberstoff mit zahllosen, pastellfarbenen Blüten bestickt war. Auffällig, gewöhnungsbedürftig, aber zu ihr passte es perfekt.
„Hermione, warum hast du noch nichts anprobiert, es wird höchste Zeit!", fragte Parvati und hielt ein blaues Kleid vor ihre Klassenkameradin.
„Ähm, ich...habe schon eins." Sie wollte nicht lügen.
„Du hast schon eins? Hast du es mit deiner Mum oder so schon ausgesucht? Oder etwa allein? Wir wollten doch..."
„Habe es geschenkt bekommen!" Warum konnte sie nicht still sein, aber sie hätten eh nicht locker gelassen.
„Von deinen Eltern? Würde mich nicht wundern."
„Ähm..." Sie lächelte verlegen und das war der Fehler.
„NEIN! Hat es dir etwa dein Geheimnisvoller geschenkt?" Klar, dass sie gleich darauf kamen, in solchen Dingen waren sie auf Zack.
Jetzt hatte sie alle, unerwünschte Aufmerksamkeit.
„Nun ja..."
„JA?", fragten alle gleichzeitig.
„Werden wir ihn kennen lernen, dann muss er ja kommen!", fragten die Zwillinge voller freudiger Erwartung im Chor, während Luna in sich hinein lächelte. Lavender war ebenso höchst interessiert, hatte sie ja mitbekommen, dass Ron wieder hinter Hermione her war und sie eifersüchtig war, wozu sie gar keinen Grund haben sollte – eigentlich.
„Ähm...", dehnte Hermione ihre Überlegungen aus, wie sie sich am besten aus der...Affäre ziehen könnte.
„Komm schon, wann wenn nicht zum Ball?"
„Hm, nein, kennen lernen werdet ihr ihn nicht."
Die Betonung war den anderen wohl entgangen, denn sie seufzten nur und wussten, dass sie nichts mehr aus Hermione herausbekommen würden. Wenn sie nur wüssten, dass sie ihn längst viel besser kannten, als ihnen lieb war – herrje. Da stand ihnen noch eine richtige Hürde bevor.
„Ich brauche aber noch Schuhe."
Das fiel ihr brennendheiß ein. Zwar hatte sie zu Hause ein paar und sie hätte die Pumps anziehen können, die sie damals im Theater getragen hatte, aber – wie es den meisten ging, ihr allerdings nur selten – wollte sie etwas Neues haben, etwas extra nur für sich und ihn.
Sie schaute sich um. In einer Ecke stand ein meterhohes, schwankendes Regal voller Schuhe in den buntesten Farben. An der Seite war eine Tabelle angebracht, wo man nur mit seinem Zauberstab auf die richtige Größe und Farbe tippen musste und schon sortierten sich die vielen hundert Paare neu und erschienen genau auf Augenhöhe. Sobald einem ein Paar nicht gefiel, tippte man auf die Schuhe selbst und dann verschwanden sie wieder in eine der oberen, unerreichbaren Reihen. Ein Traum für jede Frau. Das müsste sie bei Gelegenheit mal ihrer Großmutter zeigen – überhaupt den ganzen Laden.
Erst einmal einen Überblick verschaffen.
Schwarz sollten sie sein, mussten sie sein, zum Kleid passend und...ein wenig ausgefallen. Der ganze Abend würde ausgefallen sein, sie und er, sie beide zusammen, ihre Farben, ihre...Anwesenheit. Aber vor allem wollte sie ihm gerecht werden, sie wollte elegant sein, sie wollte eine Frau, die Frau an seiner Seite und nicht die Schülerin sein. Sie überlegte, ob diese Ansprüche eine Nummer oder viele Nummern zu groß waren, aber nein, das waren sie nicht. Er hatte ihr das Kleid geschenkt, er mochte sie, er liebte sie so, wie sie war. Nur ein bisschen nachhelfen... konnte ja nicht schaden.
Ein Paar nach dem anderen sah sie sich an und nichts war dabei, was passte. Das Gefühl passte nicht. Viele waren schön, manche echt schräg – auch im wahrsten Sinne des Wortes – und manche nur unmöglich oder zu normal.
„Vielleicht muss ich welche in Muggellondon suchen."
„Hey, Leute, bin auch noch da.", jammerte Ginny wieder und hängte gerade ein wiesengrünes Satinkleid auf einen Bügel. „Zur Hiiilfe."
Sie wollten ihr wirklich alle gerne helfen, aber die nächsten Kleider waren zu lang, zu kurz, zu bunt oder zu teuer.
„Wo soll ich denn noch suchen? Vielleicht sollte ich lieber in den Second Hand Shop gehen, wo wir sonst immer waren." Langsam verzweifelte sie und die Mädels machten nur betretene Mienen. Es hatte wirklich nichts zu ihr gepasst. „Bin ich denn sooo ne Ausnahme?"
„Nicht weinen, Süße, du bist eben was Besonderes. Aber ich weiß Rat!"
„Echt?"
„Ich nicht, aber... Da hilft nur noch eines – Oma."
„Oma?"
„Oma!"
„Oooooh, oooh, wirklich? Oh Mine, bitte, bitte, ja. Jetzt gleich? Können wir hin? Weiß sie, wo man Kleider bekommt? Gibt's so einen Laden bei euch?"
„Es gibt eine Menge in London und wenn jemand weiß, wo man so etwas bekommt, dann sie und ihre ganzen Bekannten aus dem Theater."
„Oh ja bitte bitte, Mine, ich… Oh…" Plötzlich war sie still geworden.
„Was ist?"
„Ach es geht nicht, ich habe doch kein Muggelgeld und es ist sicher teurer als hier."
„Das ist alles?"
„Für mich ein Problem, das weißt du."
„Papperlapapp. Wir finden was und ich hab Muggelgeld, schon vergessen? Oma weiß sicher Rat und falls es zu teuer wird schauen wir mal. Du kannst zur Not ja Ratenzahlung machen – einen Sickel pro Woche oder so.", lachte Hermione, aber Ginny verzog ihren Mund, weil sie so gerührt war und fiel ihrer Freundin um den Hals.
„Danke, danke, du bist ein echter Schatz und eine wahre Freundin."
„Immer doch."
Daraufhin bekam Hermione einen dicken Schmatzer direkt auf den Mund und sie fingen an zu kichern.
„Uuh, nicht dass Verus jetzt eifersüchtig wird, wenn du fremdküsst.", flüsterte sie, damit die anderen es nicht hörten.
„Glaube nicht, er wird es nie erfahren."
„Schade."
Daraufhin prusteten beide los und als alle anderen ihre Beute inklusive Pumps bezahlt und eingepackt hatten, verließen sie zufrieden den Laden.
„Jetzt haben wir uns ein Eis verdient.", meinte Luna und alle nickten zustimmend. Hermione überlegte allerdings immer noch, wo sie passende Schuhe herbekommen sollte, bis ihr eine Idee kam.
„Geht schon mal vor, wir treffen uns bei Fortescue."
„Wohin willst du?", rief Ginny, aber Hermione war schon weg.
Wenn die Malfoys in diesen exklusiven Laden gingen, konnte sie das auch, sie brauchte sich nicht zu verstecken. In den ganzen Jahren war sie noch nie dort gewesen, weil sie immer alle Sachen entweder mit ihren Eltern oder bei Madam Malkins gekauft hatte. Sie hoffte nur, Draco wäre schon wieder weg und als sie Twillfit & Tattings betrat, stellte sie fest, dass sie Glück hatte. Allerdings waren einige andere Kunden darin, darunter auch zwei Slytherins mit ihren Eltern. Die drehten sich um und machten große Augen, denn die Granger hatten sie hier drin noch nie gesehen. Letztendlich waren ihnen ihre eigenen Wünsche wichtiger, als sich um die Gryffindor zu scheren. Trotzdem versuchten sie mitzubekommen, was sie denn suchte.
Was sollte das? Das Geschäft war für jedermann, zwar ein wenig teuer, aber gut.
„Sie wünschen, Miss?", fragte eine gut angezogene Hexe mit professionellem, wenn auch aufgesetzten Lächeln, und musterte Hermione sekundenschnell.
„Ich brauche Pumps, Abendschuhe, in schwarz."
„Für das Hogwarts-Fest?"
„Ganz recht. Für meinen Abschluss."
„Kommen sie mit." Die Dame zeigte ihr eine Auswahl an Schuhen aus der preiswertesten Kategorie, so einfach wie möglich und mit einem Absatz nicht höher als fünf Zentimeter, denn sie hatte Hermiones FlipFlops ein wenig abschätzig betrachtet.
Was sollte man denn sonst Anfang August im Hochsommer anziehen? Hermione sah sofort, dass ihr nichts davon auch nur annähernd gefiel und die Preise waren im Verhältnis eine Frechheit. Die Verkäuferin konnte ja nichts dafür und vielleicht meinte sie es nur gut, aber…
„Ich hätte gerne etwas Besonderes zu meinem schwarzen Kleid, etwas, das nicht jede hat, verstehen sie? Sie haben doch sicherlich noch mehr?" Hermione streckte sich und schaute sich selbstsicher um. Sie fühlte sich ein bisschen wie Pretty Woman und musste lächeln, als sie an den Film dachte. ‚Wenn die nur wüssten.', dachte sie bei sich. Mit ihm dabei wäre es vielleicht anders gelaufen.
„Wenn das so ist…", lächelte die Dame geheimnisvoll und führte sie durch einen Vorhang in einen offensichtlich exklusiveren Verkaufsraum. „Sie sind Miss Granger, nicht wahr?"
„Ja?"
„Sie gehören ja schon zu den VIPs unserer Welt."
„So?" Hermione wusste nicht, was sie sagen sollte und ob sie die Frau nett oder unmöglich finden sollte. Aber sie machte sicher nur ihren Job und war nicht die Chefin des exklusiven Geschäfts.
„Schauen sie sich um."
Etwas leiser redete sie weiter. „Wenn sie es nicht an Merlins großen Hut hängen… Wir kaufen seit einem guten Jahr von Muggeldesignern aus der ganzen Welt, das weiß unsere Kundschaft nur nicht unbedingt, ich meine, nicht alle. Natürlich haben die Kreationen von Hexen und Zauberern Vorrang, aber hin und wieder sind sie einfach zu schräg, wenn sie verstehen. Wenn unsere Einkäufer etwas sehen, was zu uns passt, kaufen wir es – schlicht und einfach. Da fällt mir ein… Hier, wie wäre es damit?"
Die Verkäuferin zeigte ihr dunkelrote Satinpumps mit goldenem Absatz. „Oder hier: Zwar nicht Löwe, aber wenigstens Raubtiermuster, hm?"
„Danke, nein, ich denke nicht.", sagte Hermione höflich. Die Dunkelroten wären ja noch gegangen, aber sie wollte sie nicht.
„Schauen sie sich einfach um.", wiederholte sie und kümmerte sich um eine andere Kundin, die gerade hereingekommen war.
Hermione ging an den gläsernen, mit Silber verzierten Regalen entlang, nahm hier und da ein Paar vorsichtig in die Hand, überlegte ein- oder zweimal, aber schüttelte meistens mit dem Kopf. Wenn sie nicht langsam etwas finden würde…
Auf einmal blieb sie stehen und hob ihren Kopf Richtung eines Regals ein wenig über Augenhöhe. Wäre die hintere Wand keine Spiegelfläche gewesen, hätte sie sie vielleicht niemals entdeckt. Sie sog scharf die Luft ein und hielt den Atem an. Was sie sah, haute sie fast um, denn sie hatte ein Paar High Heels entdeckt, die offenbar und unmissverständlich für sie gemacht schienen. Zuerst war ihr ein leichtes Funkeln aufgefallen und dann das Grün! Sie nahm einen Schuh in die Hand und schluckte. Der Absatz war mörderisch – keinen Meter würde sie darauf laufen können, sei denn, sie übte bis Samstag Tag und Nacht.
Aber die waren es, besser würde es nicht gehen, perfekter konnten sie nicht sein. Der Schuh an sich war aus schwarzem Leder, vorne spitz, aber noch recht klassisch geschnitten. Der Knaller war der Rest: Eine grüne Sohle, die man durch die Höhe natürlich gut sehen konnte und das Allerbeste – eine silberfarbene Schlange, die sich um den Absatz wand und deren Kopf am Fersenteil endete. Zudem war sie noch mit funkelnden Steinen verziert, die im Kerzenschein so richtig zur Geltung kommen würden. Solche Pumps hatte sie noch nie gesehen und sie waren auch noch ihre Größe!
Fast ehrfürchtig nahm sie sie, setzte sich auf einen der mit Samt bezogenen Sessel und probierte sie an. Nur die Sache mit dem Aufstehen war gar nicht so einfach. Sie hatte zwar schon hohe Absätze getragen, aber nicht solche.
Ein Glück, dass die Verkäuferin zurückkam.
„Diese haben sie sich ausgesucht? Diese?", fragte sie ganz verwirrt, aber lächelnd. Das machte sie gleich sympathischer. „Davon haben wir nur zwei Exemplare, gedacht für die Damen des Hauses Slytherin. Ich habe keine Ahnung, warum sie bisher weder jemand gesehen, geschweige denn gekauft hat."
„Wenn das so ist…" Sie zog sich die Schuhe wieder aus.
„Nein, es wundert mich nur. Eine Gryffindor mit einer Schlange?"
Hermione wurde offenbar ein wenig rot im Gesicht.
Die Verkäuferin lächelte wieder. „Ah, ich glaube, ich verstehe. Ungewöhnlich, hm?"
„Sie ahnen nicht, wie! Sagen sie, gibt es da einen Trick?", fragte Hermione verzweifelt, als sie die Pumps wieder anzog und sich hinstellte.
„Wozu hat man Magie?", grinste ihr Gegenüber und schwenkte ihren Zauberstab. Augenblicklich fühlte Hermione weiche Polster im Inneren der High Heels, außerdem legten sich unsichtbare Riemchen über ihren oberen Fuß, sodass sie nicht herausrutschen konnte.
„Besser?"
„Besser. Ums Üben komme ich aber nicht herum. Oh…ähm, der Preis…er steht nicht dran."
„Richtig, einen Moment." Sie suchte den Karton und nannte ihn.
„Bei Merlin.", flüsterte Hermione und wurde traurig. Noch nie hatte sie viel für Kleidung und Ähnliches ausgegeben außer ein paar Teilen in letzter Zeit, nur nicht so viel. Doch die Zeiten hatten sich geändert, sie wollte endlich eine Frau sein, und sie wollte…sie wollte sie. Sie hatte noch Geld übrig von dem Wochenende, denn da hatte sie sich so gut wie nichts gekauft, außerdem hatte sie ein wenig gespart und…
‚Bei allen guten Geistern, so viel Geld.', dachte sie und verabschiedete sich trotzdem nach Gringotts, um ihr Konto um etliche Notgroschen zu erleichtern.
Bevor sie die Eisdiele erreichte, verkleinerte sie den Beutel mit ihrem Schatz, damit keiner unnötig viele und vor allem neugierige Fragen stellen konnte. Vielleicht würde sie sie Ginny später zeigen, aber das wusste sie noch nicht, weil im Moment das Gefühl damit ganz ihr gehörte. Sie sagte lediglich, dass sie nur eine Kleinigkeit gefunden hatte – ja, eine Kleinigkeit, bestehend aus zwei Teilen und drei Zahlen.
Bald apparierten sie zurück und gingen hoch zum Schloss, Hermione und Ginny Hand in Hand. Letztere konnte es kaum mehr erwarten, so freute sie sich auf den hoffentlich stattfindenden Besuch bei Hermiones Großmutter.
„Sollen wir ihr denn eine Eule schicken?"
„Das dauert zu lang. Wir haben doch Zeit und mit Severus wollte ich mich heute eh nicht treffen, weil er noch so viel zu tun hat vor den Ferien. Er muss die Tränke für die Krankenstation aufstocken, jetzt, wo die Prüfungen vorbei sind und noch eine Lehrerkonferenz hinter sich bringen. Ich sage ihm nur kurz Bescheid, das ist besser, und dann können wir los. Willst du zu Harry inzwischen?"
„Jep, ich renn schnell hoch."
„Und, was hat er gesagt, du grinst ja über beide Ohren.", fragte Ginny, als sie zur Appariergrenze gingen.
„Hm… Erst hat er die Augen verdreht weil wir angeblich kein Kleid für dich finden konnten – typisch Mann eben – und dann hat er tatsächlich viel Spaß gewünscht, zwar mit einem verzerrtem Grinsen, aber immerhin. Und Grüße an Oma."
„Die beiden scheinen sich ja immer besser zu verstehen."
„Was meinst du mit immer besser? Ja stimmt eigentlich. Was weißt du denn von Severus und Oma?"
„Ach nichts, nichts, ich dachte nur." Hermione war ganz schön auf Zack, fast hätte sich Ginny verplappert, weil sie an den Tag gedacht hatte, wo Mrs. Tenerhale in Hogwarts gewesen war und als sie selbst von Harry zu ihr gebracht worden war. Besser lenkte sie wieder vom Thema ab – vorerst.
„All das bringt dich nicht so breit zum Grinsen, meine liebste Freundin. Was hat er noch gesagt, hm?"
„Dir kann man auch gar nichts verheimlichen, oder?"
„Nene."
„Er hat mir Geld mitgegeben, das er noch übrig hatte vom Wochenende, weil ich ihm was mitbringen soll."
„Was denn?"
„Wörtlich? Er sagte, oft sei weniger mehr. Ich solle möglichst viel von dem Muggelgeld, was er gerade nicht braucht, für ziemlich wenig Stoff ausgeben."
„Sollst du ihm Designersocken mitbringen?", lachte Ginny.
„Ich glaube nicht, dass er das meinte – jedenfalls falls ich richtig gedeutet habe, was er dann gemacht hat."
„Was, sag es mir…bitte."
„Auf keinen Fall."
„Bitte…" Ginny machte ihren besten Hippogreifbabyblick und dem konnte kaum einer widerstehen.
„Du bist echt hartnäckig, Freundin. Ich denke, er meinte, ich solle eher was für mich kaufen."
„Man, dir muss man auch alles aus der Nase ziehen. Also wieso denkst du das?"
„Ginny!" Genannte stöhnte nur und rollte mit den Augen.
„Er hat die Flamme runtergedreht, den Zauberstab hingelegt, mein Kleid hochgeschoben bis an den Hals und…war dann mit den Händen überall dort auf dem Stoff, den er meinte. Und jetzt muss ich dich obliviaten." Mittlerweile hatte Hermione ganz rote Bäckchen, nicht nur von dem warmen Wetter draußen. Noch immer war es recht neu für sie, über so etwas zu reden, was die anderen Mädels schon jahrelang taten, wenn auch nicht immer aus eigener Erfahrung.
„Das wirst du mal schön bleiben lassen. Wuhuuu…jetzt wird mir auch noch wärmer. Unser lieber Professor hat Seiten an sich, die echt cool sind…ne, falsches Wort, heiß eher."
„Ginny!"
„Sind sie doch, man. Ich wünschte, Harry würde so etwas mal machen."
„Er traut sich sicher nicht. Ich würde schätzen, in dem Fall solltest du ihm mal ein paar Tipps geben oder Andeutungen machen…oder…einfach zeigen, was du willst."
„Meinst du? Das traue ich mich auch nicht."
„Ich glaube, weil es alles noch so neu ist, wäre er sicher ganz erfreut darüber, denn er will dich sicher nicht mit irgendwas überrumpeln. Für Jungs ist das sicher noch schwieriger als für uns.
„Stimmt wohl, ja, kann ich mir vorstellen. Hm, dann muss ich das mal machen bei Gelegenheit.", grinste sie.
„Mach das, du hast nichts zu verlieren. Glaub mir, ich war so froh, dass es…mit ihm war, weißt du? Ich hätte doch nicht gewusst, was… Egal, jedenfalls…nichts gegen deinen Bruder, Gin, aber mit ihm wäre es ganz anders gelaufen."
„Du untertreibst, Süße. Dann hättest du sicher nicht halb so viele Or…"
„GINNY!"
„Was denn, weiß ich doch aus eigener Erfahrung. Also ich meine, wenn keiner weiß, was er machen soll…"
„Man lernt. Ich ja auch."
„Du untertreibst wieder. Er, der Ober-Professor, Intelligenzbestie, Jeansträger, bester Schüler Hogwarts' – genau wie du, Musterschülerin, Intelligenzbestie, wissbegierig, ultra-schnell lernend, die Elite der Zauberwelt gemeinsam im Be…"
Auf einmal hörte Ginny auf zu sprechen und schrie vor Lachen. „Hey…das kann man bei euch doch nur als Elitevögeln bezeichnen, was ihr da macht. Anders kann ich mir das nicht vorstellen."
„GINNYYYYYYYYYYY…", hallte es über die Ländereien. „…BIST DU WAHNSINNIG? DU BIST VERRÜCKT!"
„Nein, ich bin cool.", gackerte sie. „Das Wort sollte ich mir patentieren lassen. Näher kommt man der Sache nicht mit Worten."
„Du kannst dir doch gar nichts davon vorstellen."
„Oh glaub mir, ich tue es aber. Ich versuche es dauernd."
„Ich glaub das jetzt nicht! Komm, lass uns apparieren, ich nehm dich am Arm. Vielleicht wird dein Hirn dann mal ordentlich freigepustet."
Bei Mrs. Tenerhale im Garten angekommen, nickte Ginny immer brav, als Hermione ihr alles zeigte, und als sie vors Haus gingen, kam Oma gerade mit Emma vom Spaziergang wieder. Was für ein Glück.
Der Hund sprang wild umher vor Freude und schleckte Hermione und Ginny erst einmal durchs ganze Gesicht, weil sie sich zu ihm hinuntergebeugt hatten.
„Schon wieder ein Überraschungsbesuch? Ach, was hab ich für ein schönes Leben. Liebes, lass dich drücken. Und Ginny, meine Liebe, komm her."
Hermione stutzte. „Woher weißt du, dass das Ginny ist?"
Jean biss sich auf die Unterlippe. Daran hatte sie gar nicht gedacht. Sie schielte zu dem Mädchen und die lächelte schief, bis ihr was einfiel.
„Hast du ihr nicht mal ein Foto gezeigt von uns allen oder so?"
„Hm, weiß nicht. Nein, oder? Harry und Ron kennt sie ja von früher."
„Hermione, wer sollte es sonst sein als deine liebe Freundin? Und ihre roten Haare…das weiß ich doch!"
„Ah stimmt, ja, wir wollten sie ja mal von dir machen lassen bei einem Mädelsabend. Das klappt jetzt vor dem Ball nicht mehr. Habt ihr die Einladungen bekommen?"
„Ja, haben wir, und du holst uns dann ab und appadingst mit uns?"
„Ja, das hatte ich vor. Geht am schnellsten und ich habe ja geschrieben, wann ich da bin."
„Gut. Aber was führt euch hierher? Wollt ihr reinkommen und was trinken?"
„Danke, es ist warm."
Sie gingen ins Haus und tranken Limonade, während Hermione das Problem schilderte und Ginny ganz schüchtern auf dem Küchenstuhl saß. Als sie mal zur Toilette musste, stand sie einfach auf und ging und Hermione starrte ihr hinterher.
„Woher weiß sie, wo das Badezimmer ist?"
„Wahrscheinlich hat eben die Tür aufgestanden."
„Hat sie nicht."
„Ach nein? Vielleicht hat sie so eine…Zaubererahnung oder so?"
„Nein."
„Nein? Ja dann hat sie geraten."
In dem Moment kam Ginny zurück. „Gerade hab ich Carey draußen geseh… Ups."
Hermione guckte von einem zum anderen und wusste nun gar nicht mehr, was los war. „Was ist hier los? Woher kennt sie Carey von nebenan?"
„Ähm…", begann Jean und strich über ihre Hose. „Nun…ähm, ist es eh zu spät. Ich habe letztens Ginny gerufen, als du schon wieder zu mir geflüchtet warst, wegen dem Kleid in Severus' Schrank. Da habe ich deiner Freundin eine Nachricht geschickt, sie solle euch irgendwie aufhalten, zum Reden bringen oder was auch immer. Ich wusste mir keinen Rat mehr."
„Du hast WAS?"
„Ja.", bestätigte Ginny. „Das war ja auch purer Stress mit euch Sturköpfen. Unfassbar. Warum sonst hätte ich einen Colloportus über seine Tür legen sollen und so schnell gewusst, was Sache war? Du hast mir gar nichts gesagt an dem Wochenende. Ich hab mir Sorgen gemacht! Unmöglich. Deine Oma hat nur richtig gehandelt."
„IHR seid unmöglich."
„Nein.", sagte Jean und schüttelte vehement mit dem Kopf. „Anders ging es nicht und letztlich hat es ja geklappt – dem Himmel sei Dank. Ist noch alles gut bei euch? Du hattest mir zwar von den Prüfungen geschrieben, aber nichts über euch beide."
„Alles ist gut. Man, ihr seid wirklich unmöglich."
Mrs. Tenerhale zwinkerte Ginny zu – sie liebte dieses Mädchen, denn sie war ihr sehr ähnlich. Und sie hoffte, dass sie sich beide nicht noch einmal verplappern würden, denn dass sie bei Severus auf Hogwarts gewesen war, dürfte ihre Enkelin niemals erfahren.
„So, und jetzt beruhigen wir uns alle und sehen zu, dass unsere liebe Ginny ein Kleid bekommt. Willst du es behalten oder sollen wir im Theater gucken und eines leihen?"
„Ich würde es gerne behalten."
„Gut, dann los, wir fahren mit der U-Bahn. Ich kenn da einen Laden in…"
„Du kennst alle Läden, Oma."
„Für dich nicht, wenn du mich Oma nennst."
„Ich brauch ja auch kein Kleid, sondern nur…ach nichts."
Die Fahrt ging recht schnell und sie kamen in eine kleine, aber äußerst gut sortierte Boutique, die neben Hochzeitskleidern auch Abendmode verkaufte und deren Inhaberin die meisten Kleider selbst entwarf und schneiderte. Ein Geheimtipp in Londons Umgebung. Ginny kriegte sich gar nicht mehr ein, denn solche Brautkleider hatte sie nur mal in Magazinen gesehen. Mrs. Tenerhale ging mit der Inhaberin, mit der sie natürlich per du war, durch die Reihen und suchte das ein oder andere heraus. Zielgerichtet und übereinstimmend vermieden sie ein paar Farben und bevorzugten andere.
Letztendlich kamen drei in die engere Auswahl, die sie Ginny präsentierten. Ein nachtblaues, schmales Trägerkleid, das nach unten hin etwas ausgestellt war – ähnlich dem, das Jean ihrer Enkelin zum Opernbesuch geschenkt hatte, und als zweites ein silbergraues mit nur einem, dafür aber silber-glitzernden Träger und einem langen Gehschlitz an der Seite. Das dritte war ein Kleid in einem kühlen Lila-Ton, der je nach Lichteinfall leicht fliederfarben und zuweilen bläulich schimmerte.
Sprachlos begutachtete Ginny die Auswahl und hätte das letzte wohl nie ausgesucht. Sie hatte auch etwas Grünes im Sinn gehabt – natürlich nicht dunkelgrün – oder etwas in creme oder auch grau, ja, aber nicht lila. Gryffindorrot hatte sie auch mittlerweile schon für sich abgehakt, da sie das bei solch einer Haarfarbe wohl kaum tragen konnte. Lila schien nur noch schlimmer. Ihr Gesichtsausdruck sprach anscheinend Bände.
„Liebes, ihr erkläre es ein wenig: Grün ist schön und gut und sagt jeder, aber willst du wie eine Ampel aussehen? Oh nein. Wenn, dann ganz dunkelgrün, aber das willst du ja sicher nicht, hm?"
Ginny schüttelte mit dem Kopf.
„Gut, also ein kräftiges Türkis, Grün und Royalblau und so was... Geht, aber sieht schreiend bunt aus und hin und wieder wie ein Clown. Schwarz ist wohl auch nicht das Wahre, wie mir scheint, außerdem trägt Hermione ja schon schwarz. Weiß ist für eure Hochzeit und creme ist langweilig. Also, nachtblau ist immer geheimnisvoll und mit den richtigen Accessoires... Grau ist nicht so trist wie man denkt, außerdem kann man es gut aufpeppen und lila.. Nun, es kommt auf den genauen Ton an, Ginny. Nicht alle davon würden dir stehen und schon gar nicht alle Rottöne. Man muss es eben auf Haarfarbe und Haut genau abstimmen. Probier sie einfach an!"
Da war sie in ihrem Element und Ginny tat, wie ihr vorgeschlagen wurde. In gleicher Reihenfolge kam sie aus der Umkleidekabine heraus, drehte und wendete sich vor den Spiegeln und kam sich vor wie eine Prinzessin – kein Wunder, bei so vielen Brüdern zu Hause. Nur selten war ihr soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden und schon gar nicht, wenn es um Mädchenkram ging.
Das lilafarbene Kleid war ein Traum aus changierendem Taft und klassischem Schnitt – unten leicht ausgestellt und schulterfrei. Das Highlight war der Stoff an sich und zudem noch die Stickerei auf einer Seite. Leicht glänzende, zarte Fäden gleicher Farben waren von der linken Seite ausgehend aufgestickt, die sich fächerförmig zum Oberteil, über die Taille und bis teilweise über den Rockteil ausbreiteten und aussahen, als käme die Sonne hervor und breite ihre Strahlen aus.
Mrs. Tenerhale konnte sich gerade noch zurückhalten, sonst hätte sie gleich ihre Meinung verkündet – wie immer.
„Was denkst du, Schätzchen?"
„Ich...kann es kaum glauben, aber das hier gefällt mir am besten. Aber meine Haare..."
„Du bist perfekt. Genau das hätte ich auch gewählt. Was meint ihr?"
Die anderen beiden stimmten strahlend zu.
„Siehst du? So, und jetzt noch der Rest. Lass mich mal machen. Setz dich hier auf den Stuhl vor dem Fenster."
Die Inhaberin des Ladens hatte ein Notfall-Täschchen mit Schminkutensilien immer griffbereit, Mrs. Tenerhale selbst hatte Puder und Lippenstift in der Tasche und Hermione hatte auch noch ein paar Teile, von denen ihre Großmutter ihr eingeredet hatte, immer bei sich tragen zu müssen. Damit zauberte sie Ginny dem Prinzessinen-Traum ein wenig näher und kämmte ihr anschließend noch die Haare ein wenig anders. Natürlich war das nicht annähernd das, was sie sonst aus jemandem herausholen konnte, aber in diesem Fall war es fürs Erste genug, da sich Ginny nie viel schminkte, weil sie meinte, sie könne es nicht so gut.
Während Großmutter Ginny verwandelte, sah sich Hermione im Laden um und fand, wie es üblich war in einem Braut- und Abendmodengeschäft, eine kleine, aber äußerst nette Auswahl an Dessous. Schwarz sollten sie sein, das hatte sie beschlossen, damit sie sie unter dem gleichfarbigen Kleid tragen könnte. Als wenn sie extra für sie dort unter der durchsichtigen Theke lagen, fand sie ein Set aus schwarzer Spitze, das mit ganz feinen, filigranen Silberfäden durchzogen war. Leider war nur noch eine Nummer größer vorhanden, als sie brauchte, doch das würde sich leicht mit Magie beheben lassen, denn sie wollte es unbedingt.
Auf einmal hörte sie Ginny.
„Das bin doch nicht ich?", fragte sie, als sie die schöne Frau im Spiegel betrachtete.
„Natürlich bist du das. Gefällt es dir oder soll ich etwas ändern? Am großen Tag bringe ich alle meine Sachen mit, dann kriege ich es noch besser hin."
„Heißt das, heißt das, sie würden mir helfen beim Ball?"
„Warum sonst sollte ich dich jetzt herrichten und dann beim Fest nicht?"
„Oh ihr seid die Besten. Womit hab ich das verdient?" Ginny umarmte Mrs. Tenerhale und Hermione fest und bedankte sich gefühlte hundertmal, bevor sie sich an etwas anderes erinnerte und traurig wurde.
„Ich habe noch gar nicht auf den Preis geschaut." Dabei versuchte sie, an das Etikett auf dem Rücken ranzukommen.
„Welches Budget hast du denn? Und verdient hast du es auf jeden Fall, ich bin dir so dankbar.", strahlte Jean.
„Ron musste endlich auch einen neuen Festumhang haben. Wissen wir ja alle. Hm…sind so 25 Gall…", sagte Ginny ein wenig beschämt, bevor sie abrupt aufhörte, sich ihres Fehlers bewusst.
„Äh, sie hat ungefähr 110 Pfund für das Kleid bekommen.", warf Hermione schnell und sehr leise ein.
„Gut, dann lass mal sehen, dreh dich mal um, Kind. Ach was für ein Zufall, das Kleid kostet genau 100 Pfund, ist das nicht perfekt? Für den Rest kannst du mal schauen, ob sie noch ein schönes Haarband oder so für dich hat, wenn du willst."
Während Jean das sagte, zwinkerte sie der Inhaberin und Hermione zu und würde heimlich den Rest dazutun. Sie bekam sowieso immer recht gute Rabatte, weil sie jeden in den Laden schickte und auch selbst dort hin und wieder kaufte.
Ja, sie war Ginny wirklich dankbar und hätte noch einiges mehr dazu gesagt, wenn es nicht so geheim wäre. Außerdem ahnte sie, dass das Mädchen mit ihrem weiblichen Instinkt ihrer Enkelin und Severus mehr als zweimal geholfen hatte, wenn auch unbewusst oder im Verborgenen. Und das war ihr mehr wert als alles andere.
Glücklich zu Hause angekommen, füllte Mrs. Tenerhale drei riesige Eisbecher, mit denen sie sich auf die Terrasse setzten.
„Hast du denn schon ein Kleid, Oma? Wir hätten doch vorhin…"
„Eine Oma braucht kein Abendkleid. Ich hingegen… Ja, ich habe schon eines."
„Was für eins?", fragte Ginny ehrlich interessiert, während sie genüsslich das Schokoladeneis löffelte.
„Das, meine Lieben, ist so geheim wie Area 51."
„Wuhuu…da bin ich aber gespannt. Hm, hätten wir nicht jemanden für sie? Slughorn hätte gepasst."
„Der? Oh nein, sie hätte ihn überfordert – Professor hin oder her.", kicherte Hermione.
„Hm…dann müssen wir uns mal umsehen, wer so alles wen mitbringt."
„Nein, nein, lasst mal, Kinder. Da bin ich wählerisch.", lachte sie. „Das müsste schon ein gestandener Mann sein, groß, gutaussehend, der weiß, was er will, der stark und intelligent ist, mich fordert…naja, und so weiter."
„Das passt auf Snape.", giggelte Ginny und fing sich eine Kopfnuss von Hermione ein.
„Jaja, den hätte ich auch genommen, wenn ich 30 Jahre jünger wäre. Aber ich habe ja Glück, jetzt gehört er trotzdem zu meiner Familie."
„Nicht ganz.", kommentierte Hermione ernsthaft und zog den Mund schief.
„Was nicht ist, kann ja noch werden. So ein Abschlussball ist doch der perfekte Moment für einen Heiratsantr…"
„OMA! Ich werde dich während des gesamten Balls laut und deutlich mit Oma anreden, ist dir das klar?"
„Schon gut, keine Panik. Ich dachte ja nur. Nun egal, ist ja nicht mehr zwingend notwendig heutzutage…mein Geschenk bekomme ich so oder so."
„Was für ein Geschenk?"
„Ach nichts…war nur so dahin gesagt. Und sollen wir dann nicht ein bisschen eher zum Schloss kommen, damit ich euch noch herrichten kann? Hugo und Rose können sich auch so beschäftigen.", fragte besagte Oma ablenkend.
„Können wir machen. Ich komme dann zwei Stunden früher am Samstag."
„Wie schön. Und Ginny, nenn mich doch Jean, sonst ist das immer so steif."
„Gerne. Danke. Sie sind so cool."
„Oh bin ich das? Andere sagen immer, ich sei eine Oma, keine Ahnung, wo das herkommt."
„Aber wissen sie was? Das mit der Familie und so…das passt schon. Hat Mine ihnen erzählt, was passiert ist?"
„Nein?"
Ginny übernahm das einfach, ohne Hermione zu fragen. Da die aber nicht eingriff, redete sie weiter.
„Wissen sie, was ein Patronus ist?"
„Ja so grob. Sie hat ein Otter und keiner weiß, warum."
„Jetzt nicht mehr.", strahlte Ginny und berichtete von dem Ereignis bei der Prüfung. Als sie zu der Stelle kam, an dem sich die zweite Schneegans zu Hermiones gesellt und mit ihr in Formation geflogen war, seufzte sie laut und schnäuzte laut in ihr Taschentuch vor Rührung. Mrs. Tenerhale ging es nicht anders und Ginny reichte ihr ein zweites, mit dem sie sich über die Augen wischte.
„Oh mein Gott, das ist so wunderschön. Was gäbe ich dafür, dabei gewesen zu sein. Jetzt gehört ihr richtig zusammen, das wusste ich auch vorher schon. Guck nicht so, was sonst sollte das bedeuten? Dafür muss ich keine Hexe sein. Ihr seid jetzt eins geworden, Liebes, nichts anderes kann das heißen. Zwei wie eins. Herrje, ich weine gleich vor Freude."
„Sie können es ja mal vorführen.", überlegte Ginny und grinste Hermione an.
„Na klar, damit auch wirklich jeder weiß, dass wir zusammen sind."
„Das kommt eh raus."
„Tut es nicht, Freundin. Das geht nicht, darf nicht. Und er hat nichts gesagt bis jetzt."
„Weiß ich, das kommt noch. Und sicher geht das, dann kann euch keiner mehr was. Und wenn schon, keiner kann nachweisen, dass ihr schon vorher…du weißt schon."
„Hört auf. Ich bin mir sicher, Severus weiß, was er tun kann, was er verantworten kann und was er will. Wir sollten nicht vorher darüber reden, wenn es sowieso nichts bringt. Hört auf mich! Und jetzt Schluss mit dem Thema. Noch Eis?" Jean lächelte den Mädchen aufmunternd zu. Sie glaubte fest, dass Severus so handeln würde, wie es sein sollte.
„Sag mal, Ginny, welche Pläne hast du denn nach der Schule? Hermione will ja Ärztin werden. Es interessiert mich.", fragte Mrs. Tenerhale, als sie jedem das Schälchen aufgefüllt hatte.
Ginny lief ein klein wenig rot an und druckste herum.
„Weißt du es noch nicht oder...oder..."
„Oh, nein, nein, nicht was sie denken. Ich...es... Eigentlich sollte ich erst mein Zeugnis in der Hand halten, das war die Bedingung von Mum und Dad, aber ich... Ihr dürft nichts verraten, bitte."
„Keine Panik, Ginny, was denn nun? Ich muss dir auch immer alles verraten.", drängte Hermione und grinste sie an.
„Ich...hab mich bei den Holyhead Harpies beworben."
„Echt? Das ist genau das, was du wolltest. Wann bekommst du Bescheid?"
„Iiiich... BIN DRIN!"
„WAS? WO?"
„IN DER MANNSCHAFT!", quiekte Ginny.
„Wirklich? Oh Ginny, das ist ja genial. Dein Traum geht in Erfüllung? Herzlichen Glückwunsch!"
„Danke, oh man ja, ich kann ab Oktober mittrainieren und werde dann erst mal immer für ein paar Minuten eingesetzt, später dann länger und dann...mal sehen. Nur verrate bitte niemandem was. Nur Harry weiß es und der freut sich tierisch."
„Mache ich nicht."
Auch Mrs. Tenerhale beglückwünschte sie und ermahnte sie nur noch, immer auf sich aufzupassen bei dem harten Sport.
„Hey Mine, du hattest eben auch eine Tüte, das haben wir ja noch gar nicht begutachtet. Ist es das, was ich denke, das es ist?" Ginny war nun übermütig weil so glücklich.
„Ähm, nichts, nein, Ginny."
„Na klar doch." Sie sprang auf, holte die Tüte vom Flur und schaute hinein. „Bei Merlins…ähm…wow. Na wenn er damit nicht zufrieden ist, dann…"
„Ginny, hör auf."
„Was hast du denn Schönes, Liebes?", fragte Oma nun auch ganz interessiert.
„Hier, Jean, sehen sie, ist das nicht wundervoll?"
Mrs. Tenerhale blickte in die Tüte, die ihr hingehalten wurde, und seufzte. „Oh ja, das ist schön."
Hermione rollte nur mit den Augen und lief rot an, weil sie nicht vorgehabt hatte, ihrer Oma die neuen Dessous zu zeigen.
„Hab dich nicht so, Liebes, ich war auch mal jung. Da gab es nur noch nicht solch…reizende Sachen. Jedenfalls kannst du damit sicherlich nichts falsch machen, hm? Keine Angst, ich werde nicht fragen, wie es ihm gefallen hat.", zwinkerte sie ihrer Enkelin zu.
„Oma!"
Nach einer dritten, diesmal sehr kleinen Portion Eis zur allgemeinen Abkühlung und weil es so lecker war, verabschiedeten sie sich herzlich voneinander bis zum nächsten Samstag.
Hermione und Ginny apparierten nach Hogwarts zurück und kamen gerade an, als die anderen mit dem Abendessen fertig waren und hinaus aufs Gelände stürmten, weil es noch so schön warm war.
Ginny wurde von Harry stürmisch begrüßt und musste ihm gleich einen kleinen Blick in ihre eigene Tüte gewähren. Die, die es mitbekamen, vor allem die Mädchen, wollten ebenfalls daran teilhaben und als sich der Rummel gelegt hatte, überlegten sie, was sie machen wollten. Hermione druckste ein wenig herum und Ginny sagte nur: „Geh schon!", grinste breit und kniff ein Auge zu.
„Wo soll sie denn hin?", fragte Ron und Harry nickte unterstützend.
„Ach, sie will Snape nur was zeigen.", lachte Ginny übermütig, als hätte sie Sekt getrunken.
„WAS? Was sollte sie dem denn zeigen? Wart ihr nicht nur ein Kleid kaufen?", fragte Ron alarmiert.
„Nein, auch noch Dessous.", sagte Ginny arglos und Hermione hätte sie am liebsten auf der Stelle verflucht, nur hätte sie sich dann verraten.
„Sie will mich ja nur ärgern." Damit ging Hermione Richtung Eingangsportal und Ron folgte ihr.
„Mine, lass dich nicht ärgern. Vor allem nicht mit dem und nicht mit so was. Ist ja fies." Er fasste sie sanft am Arm und blieb stehen. „Komm, bleib hier. Wollen wir spazieren oder so?"
„Nein, äh, ich...bin ein wenig müde. Vielleicht morgen."
Hermione ging hinein und ließ einen enttäuschten Ron zurück. Für sich beschloss sie, Severus ihre neue Errungenschaft nicht zu zeigen, sondern dies für den Ballabend aufzubewahren – in der Hoffnung, sie würde überhaupt Gelegenheit dazu haben.
Severus hatte immer noch viel zu tun und die Tränke nahmen fast seine ganze Zeit in Anspruch. Er wollte sie unbedingt alle vorher und rechtzeitig fertig bekommen, dass er in den Ferien nicht mehr viel machen musste. Soviel wusste sie und akzeptierte es. Daher sahen sie sich sowieso nicht und sie hatten nur kurz miteinander gesprochen, um das Wichtigste auszutauschen. So wusste er nur, wann Hermione am Samstag ihre Familie abholen wollte und sie selbst...wusste eigentlich gar nichts von ihm.
Und dann war er da, der Tag, an dem alles endete – die Schulzeit, ihre Kindheit, ihre Teenagerzeit – und an dem sich einiges ändern würde.
Für diesen besonderen Tag, an dem so viele Gäste kamen, hatte die Schulleiterin zusammen mit Flitwick die Appariergrenze näher ans Schloss verlegt, damit jeder bis vor das Hauptportal gelangen konnte. Dennoch wurde nicht ganz auf Sicherheit verzichtet – man konnte ja nie wissen. Das große Eingangstor sowie einige Nebeneingänge waren so verzaubert, dass jeder, der zu Hogwarts gehörte, als auch die geladenen Gäste, die namentlich auf der Liste standen, erkannt wurden und ins Innere gelangen konnten. Alle anderen, die beispielsweise als Überraschung kommen wollten, mussten persönlich von einem des Lehrpersonals abgeholt werden.
Mit dieser Maßnahme hatte McGonagall ein beruhigtes Gefühl, denn sie wollte, dass alles glatt ging und vor allem schön und unvergesslich werden würde. Oh ja, dieser Abend würde sicherlich allen in Erinnerung bleiben – sehr gut sogar.
Als Hermione vormittags zu ihren Eltern apparierte, war Oma auch schon da und sie saßen aufgeregt im Wohnzimmer. Hermione ging es genauso – wenn nicht noch mehr als alle zusammen. Emma sollte bei der Nachbarin Carey bleiben, denn das würde zu viel für den Hund werden – oder für Hogwarts – je nach dem, wie man es sah.
Nach einer herzlichen Begrüßung verkleinerte Hermione das Gepäck und steckte es in ihre Umhängetasche.
„Das ist genial.", begeisterte sich Oma, wie immer, wenn sie ihre Enkelin zaubern sah.
„Oma? Du bist ja noch nie appariert, ich erkläre es dir."
Jean Tenerhale biss sich auf die Zunge und ließ den Vortrag über sich ergehen. Am Ende nickte sie brav und stellte sich bereit. Sie wollte zuerst mitkommen und hatte es damit begründet, es dann hinter sich zu haben. Der wahre Grund war, dass sie es gar nicht mehr erwarten konnte, zum Schloss zu kommen. Vielleicht hatte sie ja Gelegenheit, den ein oder anderen oder bestimmten zu sehen, während sie am Eingang warten sollte.
Hermione hatte noch erzählt, dass den ganzen Tag über Muggel oder magische Leute anreisen würden und dass draußen und drinnen das ein oder andere vorbereitet worden wäre, zum Beispiel konnten die Kinder draußen Spiele machen oder man konnte Hogwarts besichtigen und einiges mehr.
Ja, Hogwarts war endlich wieder ein Ort des Friedens und der Freude.
Hermione landete sanft mit ihrer Großmutter vor dem Eingangsportal. Das Wetter spielte immer noch mit, selbst hoch oben in Schottland. Manche waren schon da, die Wiese wurde für Spaziergänge, Spiele oder Unterhaltungen genutzt und Jean bestaunte wieder einmal das traumhafte Schloss, was sie ja offiziell nur von Fotos kannte.
„Oma, es dauert nicht so lange, warte bitte hier."
„Klar, Liebes, mach dir keine Sorgen, ich komme schon nicht abhanden."
Mit einem besorgten Blick verschwand Hermione wieder.
Da stand sie freudestrahlend und schaute sich um. Das würden spaßige Stunden werden, dachte sie bei sich, als sie sich die Leute ansah. Und nach einer Weile sah sie tatsächlich Severus auf dem Gelände umherlaufen und wunderte sich, warum ihn der ein oder andere Schüler komisch anguckte.
Normalerweise hätte er sich nicht so gezeigt, aber in Anbetracht des besonderen Tages, dass kein Unterricht war und weil es am Mittag 27 Grad war, lief er nur in Hose und einem schwarzen, langärmligen Hemd umher.
Als er in ihre Richtung blickte, winkte Mrs. Tenerhale überschwänglich und verkniff sich gerade noch, laut seinen Namen zu rufen.
Er sah sie ebenfalls und seufzte. Von Hermione wusste er ja, dass und wann sie kommen wollten, aber noch stand sie allein und er kam wohl nicht umhin, sie zu begrüßen.
„Severus, wie schön, dich zu sehen.", sagte sie strahlend, als er möglichst zufällig bei ihr angekommen war.
Er gab ihr die Hand und hoffte inständig, dass er gleich wieder gehen könnte – so ein plötzliches und zufälliges Aufeinandertreffen mit ihren Eltern wollte er nicht riskieren.
„Mrs. Tenerhale!"
„Wir waren doch beim Du!"
„Nun, da es noch nicht allen bekannt ist..."
„Verstehe, Sev... Mr. Snape. Aber wir sehen uns doch nachher?"
„Heute Abend zum Fest, denke ich."
„Du denkst?"
„Wir sehen uns!"
„Ich freu mich so."
„Ich muss gehen, entschuldigen sie. Sie kommen."
„Woher weißt... ach so."
Schnell erklärte er noch, dass sich die Luft, die Atmosphäre, in der unmittelbaren Umgebung des Apparierens ändere, bevor er schnellen Schrittes verschwand.
Sie sah ihm hinterher und seufzte lächelnd. „Was für ein Mann!"
Kaum zwei Sekunden später gab es einen Knall und Hermione stand mit ihren Eltern punktgenau vor ihr.
„Alles klar?", fragten alle gleichzeitig und mussten lachen.
Sie gingen gemeinsam ins Schloss und Hermione zeigte ihnen ihre Zimmer gleich in der Nähe der Gryffindor-Räumlichkeiten, wo sie übernachten würden, denn nach einem Fest sollte möglichst keiner mehr apparieren.
„Was wollt ihr machen bis heute Nachmittag? Es gibt ein offenes, leichtes Buffett in der Großen Halle, oder soll ich euch rumführen oder..."
„Wir dachten, wir lernen ihn kennen.", sagte Mrs. Granger und war ganz nervös, aber dennoch fröhlich aufgeregt.
„Ähm, nun, ich denke erst...heute Abend."
„Ist er denn noch nicht da? Nicht bei dir heute? Holt er auch seine Eltern?"
„Nein, er...hat keine Eltern mehr."
„Das tut uns leid.", meinte Hugo Granger ehrlich und Rose überlegte kurz. „Doch nicht Harry!"
„Ach Quatsch, der hat doch Ginny, das wisst ihr doch. Ich sollte euch...also...es..."
„Immer raus damit, wir sind doch nicht so schlimm, oder?", ermutigte sie ihr Vater.
„Seid ihr nicht. Ich wollte sagen, er...ist etwas älter als ich und... Ja, das wollte ich sagen."
„Ein ehemaliger Schüler? Hat er schon vor dir den Abschluss gemacht?" Unbewusst hatte ihre Mutter ihr einen Rettungsring hingeworfen und sie nahm ihn dankend an.
„Ähm, ja, so ist es. Den besten Abschluss in den letzten Jahrzehnten."
„Passender geht's ja gar nicht – passender zu dir, meinte ich.", lachte Hugo und ahnte gar nichts. „Er ist noch beschäftigt? Was macht er denn?"
„Oh, er...hat einen super Job und..."
Jean konnte es nicht mehr mit anhören und –sehen. „Kinder, es ist so warm. Wenn es euch nicht stört, würde ich gerne etwas trinken gehen in der Halle und...da können wird ja weiterreden."
Nach allgemeiner Zustimmung gingen sie die vielen Treppen hinunter zum Buffet und nahmen sich ein paar Getränke. Und jedes Mal, wenn das Gespräch fortgeführt werden sollte, griff Oma ein. Einmal war es die verzauberte Decke der Großen Halle, die sie bestaunte, dann die Outfits der schon anwesenden Besucher, die Geister, die Treppen, das Essen und letztlich das Wetter, weil ihr nichts mehr einfiel.
Danach verkündete sie nachdrücklich, dass sie gerne eine Führung hätte und dabei hatten auch ihre Kinder genug zu sehen und zu bestaunen – obwohl sie schon einiges kannten – sodass das Gespräch unterging.
Zwischendurch zwinkerte Jean ihrer Enkelin zu und grinste.
Als Hermione schon dachte, sie wären durch und es wäre alles gut, kam das, was sie bisher erfolgreich und möglichst unauffällig vergessen hatte.
„Jetzt haben wir alle Klassenräume gesehen und so viel, aber du hast uns noch nicht euer Labor gezeigt, das wollten wir doch schon immer gerne sehen – du hast immer so viel erzählt."
Natürlich waren ihre Eltern als Mediziner höchstinteressiert, da sie in ihrem Studium auch Chemie und Pharmazie gelernt hatten. Hermione betete, dass alles glatt liefe, aber wie es sein sollte, begegneten sie ihm, dem Herrscher des Kerkers, der es sich nicht nehmen ließ, hin und wieder seine zu seinem Leidwesen offenen Unterrichtsräume zu kontrollieren, trotz aller Zauber, die darauf lagen – zum Beispiel dem, durch den nichts zu Bruch gehen konnte oder dem Fass-mich-nicht-an über jeder erdenklichen Tränkezutat.
Hermione erstarrte für ein paar Sekunden, als er hereinplatzte, als sie gerade die Auswirkung des Kesselmaterials auf manche Tränke erklärte. Regelrecht froh war sie daher über die Anwesenheit eines muggelstämmigen Ravenclaws mitsamt seiner großen Familie, die ebenso auf ihrer Führung im Kerker angekommen waren.
„Professor Snape.", sagte sie höflich. „Sie kennen ja meine Eltern flüchtig, und das ist meine Großmutter, wie sie sicher ahnen aufgrund der...Begegnung neulich bei mir zu Hause."
Hugo Granger machte den Anfang, ging auf Snape zu und gab ihm die Hand, seine Frau tat es ihm gleich.
„Professor – bei der Gelegenheit kann ich ihnen danken, dass sie unsere Tochter neulich zu dem Zusatzkurs extra abgeholt haben. So schusselig ist sie sonst nicht."
Severus räusperte sich. „Nun, nicht der...Rede wert." Anschließend drehte er sich zu Jean, weil es die Höflichkeit verlangte, sagte aber nichts.
Genau wie ihr Schwiegersohn ergriff sie das Wort. „Sev... Seeehe ich sie auch mal, Professor Snape.", grinste Oma und steckte ihren Fehler locker weg, der so explosiv wie eine Handgranate gewesen war. „Sie hat schon viel von ihnen erzählt."
„Ist das so?", antwortete er und bekam gerade noch seine Augenbraue unter Kontrolle – und Jean hätte sich kringeln können ob seines Gesichtsausdrucks. Sie mochte ihn mit jeder Faser ihres Herzens. Er selbst wandte sich ab und fuhr sich nervös durch die Haare.
„So, dann...schaut euch weiter um, was wollt ihr noch...erklärt haben?", lenkte Hermione ab, nicht minder nervös.
„Oh, wenn du so fragst, darf man die Zutatensammlung sehen?"
„Ähm, wenn sie offen ist... Professor... könnten, dürften..."
Mrs. Tenerhale sah das Dilemma ihrer beiden Liebchen und griff ein, indem sie zum Aufbruch drängelte, bevor es noch zu einer...Explosion käme. Sie tat so, als langweile sie all das „wissenschaftliche Zeugs". „Kinder, es ist mittlerweile schon fast vier. Liebes, wir sollten uns Zeit nehmen für den Abend. Deine Haare und so..."
„Oh ähm, ja klar, Oma. Mum, Dad, seid ihr einverstanden? Lasst uns gehen."
„Auf Wiedersehen, Professor.", riefen ihre Eltern Severus zu. „Wir sehen sie sicher heute Abend?"
„Vermutlich.", gab er zur Antwort und nickte ihnen knapp zu.
„Er ist doch gar nicht so, wie ihr früher immer erzählt habt.", überlegte Mr. Granger.
„Es hat sich ja auch viel geändert, er hat sich geändert."
„Ja, hattest du mal erzählt, aber längst nicht alles, hm?"
Hermione schluckte. „Ähm, nein, das nicht. Es...wir holen es nach. Sehr bald."
„Kinder! Los jetzt."
„Wir kommen ja schon, Mutter!"
„Mum, Dad, was wollt ihr denn machen solange? Ausruhen oder..."
„Wenn es geht, wollten wir die Bibliothek sehen."
„Klar, findet ihr euch allein zurecht?"
„Sicher, es schweben ja überall kleine Schilder in der Luft, die man fragen kann."
„Ok, ich hole euch dann später ab oder ihr kommt zu mir in den Turm. Um 19 Uhr beginnt die Zeugnisübergabe in der Großen Halle und danach das richtige Fest."
Ein kurzer Blick auf Severus und sie verließ mit ihrer Familie den Kerker.
Severus hatte kurz grinsen müssen, als er hörte, wo ihre Eltern hinwollten. Die Bibliothek – wohin sonst? Kurz darauf beeilte er sich auch, um wieder aufs Gelände zu kommen.
Er hatte ihr kaum etwas erzählt über seinen Tag heute und nichts darüber, was er vorhatte. Er wusste, dass es falsch war, dennoch wusste er nicht, wie er handeln sollte, wie er es richtig machte, was sie wirklich von ihm erwartete. Und doch hatte er schon ein Zugeständnis gemacht – ein Zugeständnis zu ihrer Beziehung:
Als es bei der letzten Lehrerkonferenzen vor zwei Tagen um die Einteilung der Aufsicht am Festtag, dem heutigen 9. August, gegangen war – schließlich waren noch alle Schüler und noch mehr Leute als sonst da – waren ausnahmslos alle seiner Kollegen davon ausgegangen, dass er sich nicht darum scherte, wann und wo er eingeteilt würde. Nie hatten ihn Feierlichkeiten interessiert, nie war er über die schlichte, körperliche Anwesenheit hinaus beteiligt gewesen.
Als Minerva die Einteilung verlesen hatte und sein Name bei 20 bis 22 Uhr gefallen war, hatte er schlicht aber deutlich „Nein." gesagt. Dann hatten alle ihre Köpfe zu ihm gedreht und ihn mit offenen Mündern angesehen.
„Severus?", hatte Flitwick nachgehakt und er hatte sich erklären müssen.
„Nein, ich mache um diese Zeit keine Aufsicht – von mir aus eine Doppelschicht am Vormittag bis nachmittags, aber nicht beim Fest!" Das hatte er dann mit seinem einschüchternsten Blick untermauert.
Während Severus gesprochen hatte, hatte Flitwick in seinen höchsteigenen und geheimen Unterlagen gekramt und geseufzt.
‚Ich werde alt.", hatte er daraufhin gedacht, weil er ganz das vergessen hatte, was ihm schon eine schlaflose Nacht beschert hatte. Noch mit seinen wirren Gedanken beschäftigt, hatte er dann einfach Minervas Liste genommen, sie umgeändert und Severus für 11 bis 16 Uhr zur Aufsicht eingetragen, wie er angeboten hatte. Anschließend hatte er seine Kollegen – außer Severus – voll und ganz und absichtlich mit einer wirklich fesselnden und ausschöpfenden Ausführung seiner Deko-Ideen abgelenkt, woraufhin sich keiner mehr in der Lage fühlte, über Snapes Nein weiterführende Gedanken zu machen.
So war es gewesen und Severus hoffte, dass er das Richtige getan hatte und tun würde. Er konnte Hermione nicht ignorieren und wollte es auch gar nicht. Nein, das hatte sie nicht verdient und sie beide hatten es nicht verdient. Er wollte sie und dann musste er auch bereit sein, das zuzugeben.
Nach einem weiteren, kurzen Blick über das Gelände wurde er von Madam Hooch abgelöst und verschwand anschließend in seine Räume im Kerker.
Nach einer ausgiebigen Dusche nahm er sich einen Cognac und ging im Bademantel und mit noch feuchten Haaren in sein Schlafzimmer, setzte sich einfach auf sein Bett und dachte nach.
Irgendwann später fiel sein Blick auf seine alte, dunkle Holzkiste, die auf dem Kleiderschrank stand. Langsam stand er auf, holte sie herunter und betrachtete die Dinge, die dort drin lagen. Ein paar Briefe von Lily, Erinnerungsstücke seiner Mutter und obenauf der Brief von Hermiones Großmutter, mit dem sie ihm gesagt hatte, dass er geliebt wird. Jedes für ihn so wichtige Teil seines Lebens nahm er in die Hand und verstaute danach die Kiste wieder sorgfältig an ihrem Platz. Die Todessermaske, die ganz untendrunter eingewickelt in einem Stück Stoff lag, beachtete er nicht. Das war vorbei, das gehörte nicht hierher, nicht heute. Sein eigenes Mahnmal hatte er auch ohne das Offensichtliche oft genug vor Augen.
Es war so, als hätte er einen Rückblick auf all die vergangenen Jahre erhalten, fast wie ein Film und jetzt war es an der Zeit, ein neues Kapitel hinzuzufügen.
Severus stand auf, zog den Bademantel aus und öffnete den Kleiderschrank. Er nahm eine frische, schwarze Hose und ein schwarzes Hemd.
Und nach einem kurzen Zögern griff er zu dem Umhang, den er schon Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte...
tbc
