Kapitel 54

„Du drohst mir?" Hermione streckte sich herzhaft und kuschelte sich an ihn.

„Ja, theoretisch. Und du solltest noch schlafen – es ist nicht einmal sieben Uhr."

„Uh, jetzt habe ich Angst. Und nein, ich bin nicht mehr müde.", lachte sie und wurde plötzlich wieder ernst. „Tja, jetzt ist es soweit und ich hätte es mir nie so vorgestellt."

„Ja.", gab er auch zu und sie schwiegen eine Weile.

Bald drehte sie sich zu ihm und sah ihn an.

„Mum und Dad wollen mit mir für eine Woche nach Dänemark, weil sie in den Osterferien so überraschend weg mussten und mir damit quasi – wie sie bis vorgestern noch dachten – die Ferien verdorben haben. Ich habe gesagt, ich weiß noch nicht, was ich tue."

„Du wirst mit ihnen fahren."

„Ich möchte mit dir zusammen sein, also, falls du…"

„Hermione, hör mir gut zu. Du bist zu beneiden, weil du solche Eltern hast, die dich…lieben und die… Ich hatte mir alles vorgestellt, aber nicht die Reaktion von gestern Abend. Wann wollt ihr verreisen?"

„Severus, ich…"

„Bitte, sei vernünftig."

„Mittwoch schon."

„Gut, du wirst packen, mit ihnen nach Hause apparieren und von dort mit ihnen fahren. Versprich mir das. Wir werden noch viel Zeit miteinander verbringen, wenn du es willst, und du brauchst Zeit mit deinen Eltern, verstehst du? Das kannst du ihnen nicht abschlagen und am Ende denken sie noch, ich hätte etwas dagegen. Auf keinen Fall."

„Ich weiß. Ich werde dich…vermissen."

„Vielleicht im Gegenteil. Du wirst merken, wie du deine Freiheit genießt und mich dann…vergessen."

„Severus Snape, hätte ich jetzt nicht diesen Unterton gehört, würde ich dir weh tun, aber richtig." Spielerisch haute sie ihm auf den Arm.

„Man könnte beinahe glauben, dass du noch eine Strafe möchtest.", kicherte sie.

Sein Blick könnte nicht strafender sein.

„War es so schlimm?"

„Schlimmer geht es nicht."

„Mir war so, als hättest du es ein bisschen genossen?"

„Ich stand unter Schock.", war seine höchst ernste Antwort.

„Naja, wenn der Körper noch unter Schock funktioniert, ist ja gut. Wusste ich nicht."

„Ich werde dir noch ganz andere Dinge beibringen."

„Freu mich schon drauf."

„Man sollte aufpassen, was man sich wünscht und…nicht so viel trinken wie du offenbar gestern."

„Habe ich nicht! Ein paar Gläschen Sekt oder Champagner sind doch nicht viel."

„Nein, habe ich gemerkt." Seinen ironischen Unterton überhörte sie extra.

„Tja dann…" Sie setzte einen nachdenkerischen Blick auf. „Wenn ich zu Hause bin, werde ich mal sehen, dass ich die Pumps verkauft kriege, es gibt schöne Second Hand Shops in London. Das Geld könnte ich für neue Bücher gebrauchen."

Entsetzt sah er sie an und wanderte mit seinen Händen weiter unter die Bettdecke, um sie zu ärgern.

„Hey! Lass das!"

„Du wirst sie nicht verkaufen, lieber gebe ich dir das Geld für die Bücher so."

„Aha!", meinte sie nur und ließ sich noch ein wenig mehr von ihm ärgern – ohne Worte.

Bald wurden sie wieder ruhig und lagen Arm in Arm einfach so da.

„Und du sollst dir noch aussuchen, wo du wohnen willst?", fragte er auf einmal und sie glaubte, dass er lange darüber nachgedacht hatte, ob er dies fragen sollte oder nicht.

„Jaaah. Irgendwann wenn ich oder wenn Minerva wieder zurück ist."

Nie würde er zugeben, wie nervös er war bei diesem Thema, aber sie nahm ihm seine Bedenken, bevor er sie ausgesprochen hatte.

„Ich glaube, mir macht das Gleiche zu schaffen wie dir, hm? Ich… Ich weiß, dass wir noch nicht sehr lange…zusammengehören und ich weiß, ich glaube zu wissen, was dir wichtig ist. Zu früh alles zu überstürzen macht wahrscheinlich mehr kaputt als dass es nützt. Ich habe zwar keine Erfahrung, aber ich habe viel gehört und…gelesen."

Sie lächelte verlegen. „Wir müssen sicher beide auf zwei verschiedene Arten lernen, wie wir am besten… Also, wie wir, sagen wir, zwischenmenschlich am besten miteinander auskommen, daher… Du brauchst auch deine Zeit für dich und ich muss viel lernen, das weiß ich alles. Du brauchst keine Angst zu haben, dass…"

„Hermione…ich… Du sagst genau das, was ich auch wollte. Ich habe keine Angst und ich möchte viel Zeit mit dir verbringen…"

„Aber wir werden nicht zusammenziehen."

„Nein. Und bitte sei nicht enttäuscht."

„Bin ich nicht, denn genau das habe ich doch sagen wollen. Es wäre einfach zu früh und zu… Es würde nicht gut gehen, nicht jetzt schon."

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Nur…nicht in den Turm, der ist so weit weg."

Erst sah sie ihn ungläubig an und dann küsste sie ihn. „Ehrlich?"

„Ja. Ein paar Etagen tiefer wären nicht schlecht. Dann können wir uns besser…und schneller…besuchen."

Hermione fing an zu kichern. „Endlich können wir dann sagen: Zu mir oder zu dir?"

„Genau.", grinste er und alles war gut. „Ich kann es kaum erwarten, wenn du mich das erste Mal zu dir einlädst – das gestern zählt nicht."

„Ach was? Ich soll dich einladen?"

„Je öfter, desto besser." Er begann, ihren Hals zu küssen und hörte ihr nicht zu.

„Das überlege ich mir noch."

„Zuerst in dein Bett…"

„Auf keinen Fall, das gehört sich nicht."

„…auf deine Couch…"

„Tz."

„In deine Küche…"

„In meine WAS?"

„Wenn du keine hast, tut es der Teppich vor dem Kamin auch."

„Sev!"

‚Merlin', dachte er. Woher kam das bloß, dass er es so mochte, wenn sie ihn so nannte? Nicht nur mochte, sondern... „Was denn? Dort überall könnten wir das hier machen…", erklärte er und küsste sie innig, während er sie unter der Decke überall streichelte.

Sie seufzte in seine Küsse hinein und er befreite sie und sich aus zu viel Kleidung. Mit noch mehr Küssen beugte er sich über sie, schob sanft ihre Beine auseinander und dann schliefen sie miteinander, ganz langsam, leise und mit viel Gefühl.

„Ich liebe dich.", flüsterte sie, als sie kam und er folgte ihr.

„Ehrlich?", fragte er leise und berührt.

„Stell dir vor: Ja. Es ist tatsächlich Liebe!"

Nach ein paar Minuten der Zweisamkeit standen sie auf.

„Wann wollen deine Eltern frühstücken?"

„Weiß nicht, ich gehe gleich mal hoch und sehe nach. Wir haben ja Zeit. Brunch ist doch von 9 bis 13 Uhr, oder habe ich nicht richtig zugehört?"

„Hast du. So ist jeder frei in seiner Zeiteinteilung."

Als er aus der Dusche zurückkam, packte Hermione gerade ein paar Sachen zusammen, die sie für den Urlaub brauchte. Mit ihren Eltern hatte sie allerdings noch nicht gesprochen, wann sie Hogwarts verlassen wollten. Vermutlich nach dem Mittagessen. Sie wand sich ab und kramte noch hier und da in der Kommode herum.

Keiner zeigte dem anderen, dass er traurig war und eigentlich hatten sie auch keinen Grund dazu. Schnell war das Gefühl vergessen und sie verabredeten sich für spätestens zehn Uhr in der Großen Halle. Dort würden sie sehen, was sich ergibt.

„Eines noch…", begann er. „Wie lange weiß es Miss Weasley schon?"

„Oh oh… Nun…äh…seit… sie dein Obliviate verfehlt hat."

„WAS? Bei Merlin."

„Sie hat hinter mir gestanden, als wir uns im Kerkerflur gestritten haben und ich den Protego über mich gelegt habe. Der hat sie vermutlich mit eingeschlossen. Dann ist sie mir…uns nach oben gefolgt, hat alles mit angehört, es sich zusammengereimt und mich dann…getröstet."

„Zusammengereimt?"

„Ähm, nun jaaah…es… Sie… Frauen merken eben, wenn sich etwas verändert und sie hat nach den letzten Ferien ziemlich schnell herausgefunden, dass ich…jemanden…kennen gelernt habe."

„Das hätte sie im Unterricht öfters anwenden sollen – ihre weibliche Klugheit.", kommentierte er sarkastisch.

„Sie hat dicht gehalten."

„Und ist nicht tot umgefallen?"

„Nein, im Gegenteil. Sie hat es ziemlich…cool gefunden, hat sich köstlich amüsiert und sich des Öfteren halb totgelacht, vor allem, wenn sie uns im Unterricht beobachtet hat."

Severus dachte nach und ihm fielen einige Situationen ein. „Oh beim großen Merlin."

„Kann man wohl sagen. Sie hat fast immer gesehen, wenn…"

„Das wird ja immer schlimmer.", stöhnte er. „Ich kann ihr nur noch unter die Augen treten, wenn ich sie obliviatet habe."

„Das tust du nicht. Wir Muggel würden sagen, dass sie uns nicht nur einmal den Arsch gerettet hat."

„Hermione!"

„So deutlich muss es." Sie zuckte mit den Schultern.

„Das ist das Letzte, was ich mit Miss Weasley an…zwischenmenschlichen Geheimnissen teilen möchte."

„Alle wissen es jetzt. Also, nicht alles, aber..."

„Und ihr Bruder wird es überleben oder muss ich gleich mit einem Abwehrfluch auf den Lippen durch die Gänge gehen?"

Hermione seufzte traurig. „Ich muss mit ihm reden, ich will ihn nicht als Freund verlieren."

Lieber schwieg er, als etwas dazu zu sagen. Und dann tat er es doch. „Hättest du es dir mit ihm…vorstellen können? Hättest du ihn lieber…"

„Ich glaube jetzt nicht, was ich da höre! Vielleicht zu einer anderen Zeit, aber wir haben damals schon gemerkt, dass es nicht passt. Ich denke, ich wäre nie glücklich geworden. Und bevor du etwas sagst: Nein, ich würde es nie ausprobieren wollen. Deutlicher als eben hast du es nicht von mir…erfahren können.

Und jetzt kein Wort mehr, sonst bekommst du einen Schweigefluch von mir, dann kette ich dich ans Bett und dann fahre ich in Urlaub."

„Ich bin schneller, Miss Granger, aber diesen Plot merke ich mir vielleicht für eine andere Zeit, wenn..."

Er sah ihren Blick, ihr langsames Kopfschütteln und ihm blieben die Worte im Hals stecken.

„DU hast meinen Zauberstab, richtig? Ich dachte, er wäre nur bei dem gestrigen...Alptraum abhanden gekommen."

„Hm, ich weiß nicht, ich kann mich nicht genau erinnern, da ich ja zu viel getrunken habe."

Alles was sie sagen, kann gegen sie verwendet werden, oder wie heißt es?"

„Ja genau."

„Der Accio bringt nichts, wo hast du ihn versteckt?"

Wenn es so wäre…was würde ich dafür bekommen?"

„Eine Strafe weniger?"

Sie zog die Augenbraue hoch – Meisterklasse.

„Ein Kuss?"

„Schon besser. Leg noch dein Schlafshirt drauf und wir können verhandeln."

„Was willst du damit?", fragte er unwissend.

„Mitnehmen in den Urlaub."

„Das glaube ich jetzt nicht."

„Damals habe ich das doch auch schon gemacht, übrigens habe ich es noch…"

„Frauen!"

Zugeben würde er nicht, dass es ihm genauso ging. Wenn sie nicht da war, hatte er immer noch ihren Duft wahrgenommen, der an ihrem Kissen hing und das hatte ihn besser schlafen lassen.

„Komm schon, gib es mir."

Resignierend ging er ins Schlafzimmer und sie holte währenddessen seinen Zauberstab aus dem Flügel, damit er es nicht sah. Schließlich war es gut möglich, dass sie dieses Versteck noch ein anderes Mal gebrauchen könnte.

„Zauberstab gegen Shirt!"

„Vergiss den Kuss nicht."

„Kein Problem.

Er löste sein Versprechen ein und sie machten den Handel perfekt. Danach verließ Hermione den Kerker und machte sich auf, nach ihren Eltern zu sehen.


Es gab noch mehrere Menschen, die an diesem Morgen nicht mehr schlafen konnten oder wollten. Mrs. Tenerhale war schon sehr früh aufgewacht, vermutlich vor lauter Begeisterung und übervoll von neuen Eindrücken. Noch immer war das Wetter einfach perfekt und schien sich damit der Laune und dem Gefühl der meisten Anwesenden anzupassen. Der Sommer schien auf seinem Höhepunkt angekommen zu sein und schickte schon die ersten Sonnenstrahlen vom Himmel. Um kurz vor sieben war sie fertig geduscht und angezogen und lugte aus der Tür. Ihre Kinder schliefen sicherlich noch, hatten sie mal endlich arbeitsfrei und in einer anderen Umgebung die Chance auf Ablenkung – und was für eine!

Die kleinen, sich bewegenden und auf Wunsch sprechenden Hinweisschildchen schwebten offenbar immer noch überall, denn es waren noch viele Eltern und andere Angehörige der Abschlussklässler geblieben, vor allem die mit Muggelherkunft. Normalerweise machte sie um diese Zeit die erste Runde mit Emma, manchmal schliefen sie aber auch länger – je nach dem. Sie machte sich keine Sorgen um ihren Hund, der war gut aufgehoben bei ihrer Nachbarin Carey – oder Carey war gut behütet durch Emma. So nutzte sie die Zeit, um ein wenig mehr das Schloss zu erkunden und den Schildchen nach Lust, Laune und Zufall zu folgen.

Die Treppe vom Turm aus war schnell überwunden und auf dem ersten Absatz überlegte Jean schon, dass es ja noch mehr Türme geben müsste. Zum Astronomieturm erschien auf einem Zettelchen vor ihr und sie folgte der Richtung, den der leuchtende Pfeil ihr zeigte. Oben angekommen war sie beeindruckt von der Ausstattung und vor allem der atemberaubenden Aussicht. Hätte sie gewusst, was auf diesem Turm schon alles geschehen war in den letzten Jahren, hätte sie vielleicht die frische Brise und den idyllischen Blick nicht so genossen.

Anschließend stieg sie wieder hinunter und folgte den breiten Treppen in andere Stockwerke. Hin und wieder begegnete sie ein paar jungen Leuten oder Erwachsenen, die auch schon früh auf waren und man grüßte sich freundlich.

Als sie durch zwei der Schlossgeister überrascht wurde, erschreckte sie sich fast zu Tode, obwohl sie sie schon einmal gesehen und erlebt hatte. Danach lachte sie sich über ihre eigene Angst kaputt und ging weiter.

Nach zehn weiteren Minuten der Erkundung sah sie von weitem die Schulleiterin eine steile Wendeltreppe hinuntersteigen. Als sie die letzte Stufe verlassen hatte, begann sich die Treppe zu drehen und der riesige, steinerne Vogel, der sich als Wasserspeier herausstellte, stand wie ein stummer Wachposten davor, als wenn es nie anders gewesen wäre.

„Jean? So früh schon wach?", rief McGonagall, als sie Hermiones Großmutter erkannt hatte.

„Guten Morgen Minerva. Ja, ich konnte nicht mehr schlafen und nutze die Zeit, um meine Neugier zu stillen."

„Oh ja, tun sie das, dafür haben wir alles ausgeschildert – nicht dass wir am Ende noch einige Gäste verlieren, weil sie sich verlaufen haben."

„Bis jetzt ist alles gut gegangen. Und was ist mit ihnen?"

„Mir ging es genauso. Es war einfach viel zu viel, aber auch schön. Was so alles passiert ist..."

„Das kann man wohl sagen."

„Das erste Fest ohne Angst und Schrecken und mulmigem Gefühl.", seufzte Minerva und schaute für einen Moment sehr traurig.

„Ja, ich weiß, sie...sie hat mir letztendlich alles erzählt und ich kann es immer noch nicht fassen, dass so etwas in dieser Welt auch passieren konnte, wo man doch meint – als Außenstehender – dass die Magie schillernd bunt und fröhlich ist…scheint. Ihre Schilderungen waren furchtbar, aber ich vermute, es war immer noch nicht alles."

„Das kann ich nicht beurteilen, aber ich vermute – nein."

„Ich möchte, nein, ich muss mehr darüber wissen, Minerva. In meiner Welt gibt es unzählige Bücher, Filme und Dokumentationen über den Krieg, so grausam er auch war. Aber diese Tatsachen sollten nicht in Vergessenheit geraten und uns immer wieder daran erinnern, dieses Grauen auf alle Ewigkeiten zu verhindern. Gibt es so etwas auch hier?"

Minerva seufzte. „Es ist alles noch zu frisch, die Wunden sind noch nicht ganz verheilt, vor allem die seelischen. Es wird Aufzeichnungen geben und es gibt sie bereits. Ein paar Monate nach der Schlacht haben wir uns zusammengesetzt – das Ministerium, wir Professoren, viele aktiv Beteiligte und die ältesten Schüler, die gekämpft haben. Wir sind übereingekommen, ein Archiv an Erinnerungen anzulegen und haben es getan, so schwer es den meisten auch gefallen ist. Jeder hat seine persönlichen Eindrücke und Blickwinkel in Hunderte, in Tausende von Phiolen abgefüllt, die nun im Ministerium und hier in meinem Büro gelagert werden – unter Verschluss. Hier befinden sich vor allem die von den Schülern und die, die unmittelbar Hogwarts betreffen, darunter auch meine eigenen und die der anderen Lehrer. Es war die Hölle, Jean."

„Das glaube ich. Ich war fünfzehn Jahre alt, als der Krieg endete, ich kann mir vorstellen, wie es sein musste. Die armen Kinder. Ich kann es nicht fassen, dass Hermione nichts erzählt hat. Sie hat uns alle geschützt."

„Oh ja, das hat sie. Sie haben so viel Leid erlitten – unsere ganze Welt."

„Kann ich sie sehen, diese Erinnerungen? Es geht um…es ist meine Familie, verstehen sie? Ich… Ich kann es nicht erklären."

Die Schulleiterin atmete tief ein. „Ja, es ist theoretisch möglich. Aber…nicht heute… Nicht…"

„Nein, nicht heute. Es gibt glücklichere Dinge zu…betrachten."

„Genau das meinte ich. Sagen sie, Jean, da haben mir ja alle einen gehörigen Schrecken eingejagt. Und ich wollte sagen, ich trinke nicht immer so viel. Nicht, dass sie etwas von mir denken, das…"

„Ach Minerva, ich kann es ja verstehen, aber was ist an Severus so… Ich kann es nicht erklären. Gut, er ist etwas älter als Hermione und war ihr Lehrer, aber alles war doch so…anders."

„Wenn sie ihn kennen würden… Hat Hermione ihnen nie etwas erzählt?"

„Doch, aber war er so schlimm?"

„Er ist so schlimm.", sagte sie. „Nein, Spaß beiseite. Er hat auch die Hölle durchgemacht, sein ganzes Leben lang und er tat sich schwer damit, zu akzeptieren, dass jetzt andere Zeiten angebrochen sind. Und sie sind es offenbar… Wie konnte das passieren?"

Jean lachte. „Nun, ich bin so froh, dass es passiert ist. Wissen sie, er war mir vom ersten Anblick an sympathisch."

McGonagall gab einen undefinierbaren Laut von sich. „Man hat schon Vieles über unseren Tränkemeister gesagt, aber das gehörte definitiv noch niemals dazu."

„Das ist traurig…auf eine Art."

„Ja, das ist es."

„Jedenfalls war es bei mir so. Vielleicht war es deshalb, weil ich ihn ja im Prinzip nicht kannte. Er war zwar etwas…zurückhaltend und nicht gerade ein Meister des Lächelns, aber wir haben uns unterhalten können – ein wenig später dann. Und ich kann mich immer auf Emma verlassen – wenn sie jemanden mag…"

„Wer ist Emma?"

„Mein Hund. Sie liebt ihn abgöttisch und wich nicht von seiner Seite, wenn er da war. Ich habe sie heimlich beobachtet. An einem Tag war er kurz mit ihr allein und da hat er sie gestreichelt, und zwar nicht nur kurz den Kopf getätschelt, sondern richtig. Sie hat vor ihm gesessen und er hat mit ihr richtig geredet. Dann hat sie ihren Kopf auf sein Knie gelegt und mir war fast so, als könne er es nicht fassen, dass sie ihn mochte. Auch das Bild ist mir tief ins Herz gegangen.

Hat ihn denn nie wirklich jemand gemocht?"

„Das ist schon lange her. Und doch, wir, das Kollegium schon, aber er war immer schwer einzuschätzen. Und als er, als Voldemort zurückkehrte, wurde es schwieriger und gefährlich und wir wussten nicht, was wir glauben sollten. Lassen wir das.

Ihr Hund liebt ihn? Oh Merlin, was würde ich dafür geben, ihn damit zu sehen!"

„Oh ja, ein Bild für die Götter. Dieser imposante, schwarzhaarige, ernst dreinschauende Mann und ein Golden Retriever, der gar nicht so schnell mit dem Schwanz wedeln kann, wie er gerne würde."

Die beiden Frauen lachten und erzählten sich mancherlei kleine Ereignisse und Begebenheiten, die sie jeweils mit Severus erlebt hatten, und vermieden dabei alles, was die Stimmung trüben konnte – sie wollten schlicht und einfach das Gute und das Schöne genießen, während sie gemeinsam durch das Schloss gingen. Zum Schluss kamen sie überein, noch etwas aufs Gelände hinauszugehen, bevor das Frühstücksbuffet aufgetischt wurde. Draußen waren schon einige Leute – Schüler und Gäste – die die Morgensonne genossen. Jeder schien fröhlich zu sein und den Moment mit sich selbst oder seinen Liebsten zu genießen – kein Wunder, das Leben war schöner denn je und die Sommerferien standen bevor.

Von weitem sahen sie einen Mann kommen, der sich aus Richtung des Verbotenen Waldes näherte.

„Ach, da hinten kommt er ja... Als wenn er uns gehört hätte."

„Wer?", fragte Minerva und kniff die Augen zusammen.

„Severus."

„Wo?"

„Na er kommt doch immer näher, sehen sie ihn nicht?"

Kam er wirklich, denn er hatte die Zeit genutzt, um eine kleine Runde über das Gelände zu drehen und noch ein paar Kräuter auf Vorrat mitzunehmen, bevor er auch – zum ersten Mal seit langer Zeit – die Ferien als Ferien nutzen wollte, spätestens, wenn sie wieder zurück sein würde. Hermione war hinauf in den Turm gegangen, um ein paar Sachen zu packen, sich umzuziehen und ihre Eltern zum Frühstück abzuholen.

Er näherte sich und seufzte. Ihm blieb aber auch nichts erspart.

„Ah, das ist der Severus, wie ich ihn kenne.", stellte Jean fest, strahlte und winkte ihm zu.

Minerva hingegen klappte der Mund auf. „Das…das ist nicht der, den ich kenne, wer zur Hölle ist das?", fragte sie, obwohl sie ihn erkannte.

Heute Morgen hatte er sich seiner Schülerschreck-Robe enthalten und wandelte als Mann umher. Er trug seine dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Hemd, dessen Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt waren, dazu die dunklen Sneakers, die ihm Hermione ebenfalls damals ausgesucht hatte.

Sie waren da und er kam nicht drum herum, seine Nemesis und seine Chefin zu begrüßen.

„Guten Morgen Severus!", lachte Jean und reichte ihm die Hand.

„Wo ist der Höllenfürst, der den Tränkemeister mimt?", sagte Minerva spitz, aber ihre Mundwinkel zuckten und sie mustere ihn von oben bis unten und wieder zurück.

„Trüben dich deine Augen, Chefin? Du wirst nicht nur alt, du bist es offenbar!"

„Charmant wie immer, da ist er ja!"

„Was du nicht sagst."

„An Zwischenmenschlichkeit fehlt es euch ja nicht.", stelle Jean trocken fest und sie lachten sich an. „Wo ist Hermione?"

„Hochgegangen, ihre Eltern abzuholen. Guten Morgen die Damen, wir sehen uns sicher nachher.", nutzte er die Chance, das Weite zu suchen und zum Schloss hinaufzugehen.

McGonagall drehte sich hinter ihm her.

„Was war das?"

„So kenne ich ihn. Ach ich mag ihn sehr und ich hoffe, dass…"

„Sie ist hochgegangen? Hat er hochgegangen gesagt?"

„Ja, warum?"

„Ihre Zimmer sind doch alle im Tu-uuu…oooh." Sie verschluckte sich und musste husten.

„Alles in Ordnung, Minerva?"

„Hoch…hoch… Oh…"

„Ah, jetzt verstehe ich.", grinste Jean.

„Warum sind sie nicht überra… Sie wussten es!?"

„Wovon reden sie?", frage sie scheinheilig."

„Bei Merlin, ich wusste es auch… Das Top, das weiße Top am Kamin – jetzt ergibt alles einen Sinn."

„Herrlich normal, finden sie nicht? Jetzt muss ich nur noch warten, dass mein Wunsch in Erfüllung geht. Ich habe es ihm schon gesagt, dass ich ein Geschenk erwarte zum…"

McGonagall war etwas verwirrt, um nicht zu sagen überfordert mit ihren eigenen Gedankenrotationen.

„Was für ein Geschenk?"

„Ein Urenkelchen! Ich möchte gerne eines...oder zwei…"

„WIE BITTE?", fragte Minerva geschockt und ihre Brille rutschte bis auf die Nasenspitze.

„Urenkel, mehr nicht."

„DAS haben sie IHM gesagt?"

„Ja sicher."

„Sie haben sich DAS gewünscht und sie leben noch? Ich kann nicht mehr.

Hätte es so einfach sein können die ganzen Jahre? Jean, sie hätten hier sein müssen, alles wäre anders gewesen. Wissen sie was? Lassen sie uns zum Frühstück gehen, dann trinke ich mir einen Sekt und sie erzählen mir ganz genau – sie müssen – wie sein Gesicht ausgesehen hat. Und was er gesagt hat. Bei Merlin, unser Tränkemeister und Kinder. Ich kann es nicht fassen…ich kann nicht…"

„Gesagt hat er gar nichts. Vielleicht war er sprachlos. Jedenfalls hoffe ich, dass es nicht mehr lange dauert."

„Ich kann es mir nicht vorstellen…"

„Oh ja? Wenigstens eine ist meiner Meinung…"

„Nein, nicht dass es nicht mehr lange dauert – ich kann mir gar nichts vorstellen…noch nicht einmal den Kuss, den ich mit eigenen Augen gesehen habe."

„Ach das gibt sich. Wenn sie sie öfter sehen dann...erkennen sie auch, dass sie sich tatsächlich lieben."

Die beiden lachten und gingen gemeinsam zur Großen Halle. Mittlerweile war es kurz nach neun.


Harry und Ginny kamen gemeinsam zum Frühstück in die Große Halle weil auch schon früh wach – sie mit einem roten Kopf, beinahe wie gestern Abend. Einige dachten sich ihren Teil und ahnten nicht, wie falsch sie mit ihrer Vermutung lagen.

Harry war eher unfreiwillig schon dort, weil seine Freundin nicht mehr hatte schlafen wollen oder können, um stattdessen lieber aufzustehen in aller Lerchenfrühe. So gerne hätte er noch ausgeschlafen oder mit ihr wenigstens noch einen kleinen, vielleicht auch kuscheligen Moment verbracht – aber nichts.

Es war Sonntag, die Nacht war lang gewesen und sie alle konnten sich bis Montag oder Dienstag Zeit lassen, um ihre Sachen zu packen und sich von Hogwarts zu verabschieden. Wozu der Stress?

Irgendwas von Traum, sehr schlechter Traum, hatte sie gefaselt und sich dann eilendst unter die Dusche gestellt. Mehr oder weniger geduldig hatte er gewartet, bis er an die Reihe gekommen war und hier standen sie nun am Frühstücks- und Brunchbuffet und seine Ginny war völlig durch den Wind.

Das Auftauchen von Severus hatte es noch schlimmer gemacht und er konnte es sich nicht erklären... Alte Gefühle oder Gewohnheiten vielleicht?

Wie gut, dass ihre Eltern gestern Abend noch nach Hause gefloht waren – sie würden sich ja schon morgen wiedersehen und kannten Hogwarts in- und auswendig. Ihre Mutter hätte sie sicher geschimpft, wenn sie gesehen hätte, dass ihre einzige, eigentlich so erwachsene Tochter den Kürbissaftkrug umschmiss und damit den halben Buffettisch flutete, als sie Professor Snape aus dem Augenwinkel hatte in die Große Halle kommen sehen.

„Was ist mit dir, Schatz? Ist doch nur Severus, oder hast du jetzt wieder Angst vor ihm?", neckte Harry sie und grinste. „Du weißt doch schon viel länger Bescheid als wir alle."

„NUR Severus?", quiekte sie.

„Ja ich weiß, ich muss mich auch noch an seinen Vornamen gewöhnen, aber hier darf ich ihn ja eh nicht benutzen."

„Ähm, ja...sein Vorname, klar..." Ginny musste sich an weiß-Merlin viel, viel mehr gewöhnen als nur an seinen Vornamen.

„Guten Morgen, Miss Weasley!", begrüßte Snape sie mit einem schiefen Mundwinkel. „Wollen sie am letzten Tag noch einen bleibenden Eindruck hinterlassen?"

„Was?"

„Wir hatten uns auf wie bitte geeinigt, schon vergessen?"

„Äh..."

Harry zückte seinen Zauberstab und ließ die Überschwemmung verschwinden.

„Haben sie schlecht geschlafen?"

Ginnys Augen wurden doppelt so groß und durch den Schreck stieß sie die große Milchkanne auch noch um, deren Inhalt sich jetzt seinen Weg über den Tisch – und viel schlimmer – über den Fußboden und damit auch zu des Professors Schuhen bahnte.

Wieder griff Harry ein, um eine morgendliche Katastrophe zu vermeiden.

Ginny starrte nur auf Snape und war sich beinahe sicher, dass er es wusste, dass er von dem Traum wusste, den sie nie wieder vergessen würde.

„Äh, n-nein, Sir!"

„Sind sie sicher?", fragte er nach und kniff die Augen zusammen.

‚Bei Merlin, er weiß es.' Hatte er sie legilimentiert, ohne dass sie es gemerkt hatte? Jetzt gerade? Nein, nein...!

Dann würde er die gleichen, die gleichen! Bilder wie sie sehen – sie, er, sie. Sie, wie er sie bestraft hatte auf seine ganz eigenwillige Art und Weise, wie er ihr ihr Kleid genommen hatte, sie aufs Bett gezogen hatte – zu sich und zu...ihr! Und das alles für ein so verdammt kleines, vergessenes Ding. Sie würde nie wieder Lippenstift tragen – das wurde sowieso überbewertet.***

Erst jetzt merkte sie, dass er gar nicht weitersprach, sondern sich ein Schälchen mit Obstsalat füllte. Erleichtert ließ sie die angehaltene Luft entweichen und Harry zuckte nur mit den Schultern.

„Alles klar, Schatz?"

„Äh...jaaah?"

„Hey...es ist nur er, nur Severus – wie gesagt."

„Was?", quiekte Ginny, als sie seinen Namen wieder deutlich hörte, den sie im Moment nur im Zusammenhang mit ihrem nächtlichen...Erlebnis in Verbindung bringen konnte.

„Ich hab mich doch schon wiederholt. Was ist mit dir? Wenn wir Mine zu unserer Geburtstagsparty einladen, müssen wir ihn auch einladen, ist doch wohl klar, dann kannst du auch nicht immer so...sein wie jetzt."

Irgendwas, das sich nach einen gequälten „Hgnnn" anhörte, gab seine Freundin von sich und nahm sich gleichzeitig ein Croissant ohne alles – damit konnte ja wohl nichts mehr schief gehen.

„Wirklich alles in Ordnung? Komm, wir setzen uns an den gleichen Tisch wie gestern. Die anderen kommen sicher gleich.

Severus sah sich um. Vielleicht hatte die kleine Weasley sich ja nur so erschreckt, weil er heute in Muggelkleidung hereingekommen war. Oder...eigentlich hatte sie schon öfters solche seltsamen Anwandlungen gehabt. Ein ungewolltes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Gestern Abend hatte sie wirklich den Vogel abgeschossen und ihm drehte sich der Magen um, jetzt wo er wusste, dass sie es schon lange wusste. Allerdings hatte ihm Hermione die Details verschwiegen, wie ausgeprägt dieses Wissen war. Vielleicht unbewusst oder – wahrscheinlicher – nur allzu bewusst. Zu ändern war trotzdem nichts mehr.


Die Große Halle war mittlerweile zu drei Vierteln besetzt. Schüler aus den Jahrgängen eins bis sechs wuselten umher, freuten sich über den Beginn der Ferien und wollten sicher schnell nach Hause. Von den Abschlussklässlern waren ebenso einige da und weitere trudelten so langsam ein, nur Hermione noch nicht.

Viele bedachten ihn mit seltsamen, erschreckten oder interessierten Blicken. Sicherlich hatte es sich schon herumgesprochen. Auch das würde sich nicht mehr ändern lassen und er wollte es auch gar nicht. Nach den Ferien würde es sowieso der Letzte mitbekommen und wenn einer etwas sagen sollte, müssten die Konsequenzen getragen werden.

Wieder sah er sich um. Eigentlich wollte er mit ihr frühstücken, aber letzte Zweifel und Hunger hatten ihn dazu bewegt, sich schon etwas zu nehmen. Flitwick saß inmitten seiner Ravenclaws, so auch Pomona bei denen, die aus Hufflepuff Hogwarts verlassen würden. Es sah so aus, als hätten sie sich verabredet. Vielleicht hätte er das mit seinen Slytherins ebenfalls machen sollen, doch das hatte er noch nie getan und noch nie hatte wirkliches Interesse von beiden Seiten bestanden – vermutete er zumindest.

Also suchte er sich einen leeren Tisch und stellte das Schälchen mit Obstsalat ab.

Harry bekam das mit und schüttelte mit dem Kopf. „Das geht so nicht.", sagte er nur und lud seinen nunmehr ehemaligen Professor an seinen Tisch ein.

„Severus?"

Ein böser Blick.

„Ich darf das jetzt, wir sind unter uns und ich habe mein Zeugnis – also alles nach ihren Spielregeln. Kommen sie zu uns?"

Mit einem Seufzen stand Snape tatsächlich auf und ging mit. Ließ es sich vermeiden? Ließ sich Zwischenmenschlichkeit vermeiden? Nein, und...nein.

Ginny erging es nicht viel anders als ihm – ihr Seufzen war nur um einiges kläglicher.

„Haben sie noch nie einen Mann in Jeans gesehen, Miss Weasley?", fragte er, weil er es natürlich falsch interpretiert hatte. Falsch interpretiert?

‚Merlin sei Dank!', dankte Ginny. „Ähm, doch, Sir."

Das Schlimmere und Aller-Allerschlimmste war, was sie ohne die Jeans schon gesehen hatte und prompt wurde sie knallrot.

„Verzeihung, Sir, es ist nur unge-...ungewohnt, ungewohnt, ja."

Harry wusste zwar immer noch nicht, warum sich seine Freundin so dermaßen komisch verhielt, doch er wusste genau, dass das hier gerade nicht so war, wie es sein sollte und dass es vielleicht besser sei, einzugreifen.

„Ginny hat morgen ihren 18. Geburtstag und ist schon aufgeregt. Wir wollen in den Ferien gemeinsam feiern und wenn Hermione Lust und Zeit hat, seid ihr...sind sie natürlich auch...willkommen.

Severus zog eine Augenbraue hoch und konnte es nicht glauben.

„Danke, wohl eher nicht. Hermione wird alleine kommen."

„Wieso? Solche Einladungen gelten immer für Zwei, so ist es und so bleibt es. Überlegen sie es sich?"

„Nein."

„Schade. Bitte!"

Der folgende Blick war tödlich, aber Harry bildete sich ein, dass Snapes Augen etwas anderes sagten.


Sein Obstsalat war fast alle und von Hermione noch immer keine Spur. Allerdings kamen Draco und Pansy auf ihn zu und murmelten ein „Guten Morgen" unbestimmt in die kleine Runde.

„Sir?", begann sie, „Wir wollten fragen, ob sie sich nicht auch kurz zu uns setzen möchten? Wir wollen uns verabschieden."

Noch ein Weltwunder innerhalb von fünf Minuten? Warum verhielten sich nur alle so seltsam? Vielleicht war es ja auch nur, weil sie alle ihren allseits miesgelaunten Professor endlich so normal und vor allem menschlich gesehen hatten? Aber das wusste er natürlich nicht, weil er nie im Leben auf einen solchen Gedanken gekommen wäre.

Wenn er diese Erlebnisse später Hermione erzählen würde, würde sie es ihm mit einem liebevollen Lächeln erklären.

Nach einem kurzen Zögern ging er mit an die zwei zusammengeschobenen Tische, wo sich seine Slytherins versammelt hatten und sie konnten tatsächlich einmal ganz formlos miteinander reden. Manche erzählten von ihren Plänen für die Zukunft, ihren Berufswünschen, er hörte ihnen ehrlich interessiert zu und gab hin und wieder sogar Tipps. Ein paar vereinzelte, schmachtende Blicke einiger Mädchen ignorierte er bestmöglich. Mit so etwas konnte er nicht umgehen weil nie erlebt.

Ein paar Minuten später kam Hermione endlich mit ihren Eltern in die Halle, was er aber nicht sah, da er mit dem Rücken zur Tür saß. Sie hatte sich nach ihm umgesehen, ihn aber zwischen den Slytherins nicht entdeckt.

Die Grangers gingen zum Buffet und setzten sich anschließend an den Tisch zu Harry und Ginny. Dort erkundigte sich Hermione sofort nach Ron und Harry konnte sie beruhigen. Der war nämlich früher am Morgen noch kurz in den Jungenschlafsaal gegangen und hatte dort Neville getroffen, der ihm bestätigte, dass Ron zwar spät – und mit ein paar Schrammen an den Händen und einem leicht humpelnden Gang – aber relativ wohlbehalten eingetrudelt war. Nur wüsste er nicht, ob er zum Essen käme. Hermione atmete erleichtert auf und sie beschloss, ihn nachher mit Neville zusammen zu suchen. Sie musste unbedingt noch mit ihm reden.

Draco und einige seiner Freunde hatten sie allerdings hereinkommen sehen und begannen zu grinsen. Er stieß seinen Patenonkel an: „Sie ist da.", raunte er ihm mit einem Zwinkern zu.

Der junge Malfoy erntete nur einen ungerührten Blick, aber Severus musste an sich halten, um nicht seinen Kopf zu drehen, um sie zu sehen. Als er keine Anstalten machte, sich zu erheben, knuffte ihm Draco kurz an den Oberarm und Snapes Blick verdunkelte sich.

„Gehen sie, Professor, was ist heute anders als gestern?" Pansy grinste und die anderen auch.

„Damit sie Stoff zur Unterhaltung haben?", giftete er zurück.

„Natürlich, wir sind Slytherins!", gab sie zurück und hob die Augenbrauen genauso gut wie er. Immerhin hatten sie von einem Meister gelernt.

‚Schlangenbrut.', dachte er bei sich.

Er verabschiedete sich und sie rangen ihm noch das Versprechen ab, sich spätestens in einem Jahr wiederzutreffen.

„Mach schon!", kommandierte Draco, der ihn ja jetzt offiziell auch duzen konnte und nicht nur, wenn sie sich privat auf dem Manor oder sonst wo sahen.

Als der Professor endlich aufgestanden war, seufze Millicent. „Was hat sie, was wir nicht haben? Und warum erst jetzt, wo es zu spät ist? Hätte er nicht schon früher einmal so sein können?"

„Und sich so anziehen können?", ergänzte eine weitere Slytherin.

„Ich habe keine Ahnung. Was für eine Verschwendung.", sagte Pansy gedehnt und sie klebten mit ihren Blicken an seiner...Rückseite.

‚Mehr Intelligenz...und...mehr Herz...', ergänzte Draco in ganz stillen Gedanken für sich.


*Elton John: „Circle Of Life"*


Langsam und bedächtig ging er weiter und sah gleichzeitig, wie Jean Tenerhale allein in die Große Halle kam und das Buffet ansteuerte.

Jean hatte mit Minerva bereits einen Frühstückssekt getrunken und dabei Poppy Pomfrey kennen gelernt. Sie hatten sich auf Anhieb verstanden und viel gelacht, vor allem, weil sie die Geschenk-Geschichte erzählen musste. Und weil Jean so perfekt zu ihnen passte, wie sie meinten, war noch eine ganz andere Idee aufgekommen, die sie aber vorerst einmal für sich behalten sollte.

Danach war sie noch allein durch die untere Etage des Schlosses gegangen – und endlich mit der Kamera ein paar Fotos geschossen. Dabei hatte sie festgestellt, dass die Bilder, die sie draußen aufgenommen hatte, nichts weiter als eine Ruine zeigten, die von drinnen waren allerdings gut gelungen. Sie würde Hermione fragen müssen, ob ihre Augen noch richtig funktionierten. Jetzt hatte sie Hunger und kam zurück, um sich etwas zu essen zu holen, ihre Kinder hatte sie bereits hineingehen sehen.

Beinahe hätte Severus laut geseufzt vor Erleichterung, so tat er es nur leise. Hätte ihm jemand vor ein oder zwei Monaten noch gesagt, dass er einmal froh über das Auftauchen seiner Nemesis wäre, hätte er demjenigen nicht nur einen Vogel, sondern einen riesigen Uhu gezeigt. Aber definitiv würde sie ihm den Gang an Hermiones Tisch erleichtern.

Wie sollte es anders sein: Sie sah in, winkte, rief ihn herbei und schon war die Hürde Vergangenheit.

„Du frühstückst doch mit uns?"

Während er sich ein Brötchen, etwas Lemon Curd und noch mehr Obstsalat nahm, sah er sie nur stumm an.

„Natürlich tust du das! Wie schön. Habt ihr gut geschlafen?"

Die Frau war unmöglich! Wie gut, dass er nichts im Mund hatte, sonst hätte man erneut den langen Tisch mit den Leckereien säubern müssen.

„Danke.", presste er hervor,

„Und selbst?"

„Ich? Viel zu aufgeregt. Vielleicht drei oder vier Stunden. Wir haben uns ja vorhin schon gesehen, du warst ja selbst so früh."

„Es gab noch...einiges zu bereden."

„Ja sicher!", gab sie zurück, grinste und dachte sich ihren Teil.

Er aber konnte beim besten Willen nicht unterscheiden, ob sie es echt oder ironisch gemeint hatte. ‚Ich lasse nach.', dachte er. ‚Gewaltig.'

„Hast du alles? Nimm doch die Kaffeekanne mit, wenn man das darf. Das ist immer ein gutes Bestechungsmittel."

Severus trottete ihr hinterher und fühlte sich ein klein wenig wie Emma.

„Seht, wen ich mitgebracht habe!" Wie konnte sie nur immer sprechen mit so einem breiten, strahlenden Lächeln im Gesicht?

Hermione strahlte genauso breit und er sah sie kurz, aber liebevoll an. Einen Kuss würde er ihr heute Morgen vor den Augen ihrer Eltern sicherlich nicht geben. Dass sie das gestern schon längst gesehen hatten, wusste er, aber es war ihm nicht wirklich bewusst.

„Guten Morgen, Professor Snape.", machte Mr. Granger wieder den Anfang und seine Frau reichte ihm ebenso die Hand.

„Ihnen auch." Offenbar war ein Bestechungsmittel nicht vonnöten.

„Setz dich, wir beißen schon nicht.", sagte Jean und lachte.

Hugo begann ein Gespräch während sie aßen. und Severus begann, sich ein wenig wohler zu fühlen. Nur selten hatte er so verhältnismäßig viel geredet und wenn er ehrlich wäre zu sich selbst, fühlte es sich für ihn fast an, als gehöre er dazu.

„Haben sie eigentlich das Buch gefunden, wovon wir gestern Abend geredet haben?", fragte er irgendwann zwischen einem Schluck Kaffee und einem Biss ins Brötchen. Fast hätte sich Severus verschluckt, aber besann sich gerade noch auf seine jahrelang antrainierte...Haltung.

„Tut mir leid, nein, ich...bin die Regalreihen zig mal durchgegangen und...konnte es nicht finden. Es steht ganz oben auf meiner To-do-Liste für die Ferien."

Hermione kicherte hinter vorgehaltener Hand und ihre Wangen bekamen immer mehr Farbe.

„Machen sie sich keinen Stress. Bis wir uns wiedersehen, vergeht noch etwas Zeit. Wir sind ja erst einmal weg." Er bedachte gleichzeitig seine Tochter mit einem fragenden Blick.

„Ja, Dad, ich komme mit euch. Gerne."

Ihre Eltern freuten sich sehr und ihre Mutter drückte ihr die Hand. Auch Severus bekam ein leichtes Lächeln von ihr geschenkt und das sagte mehr als tausend Worte.

Langsam trudelten die anderen Gryffindors ein und verteilten sich am gleichen Tisch oder an einigen in der Nähe. Die Gespräche wurden lauter und themenreicher und keinen wunderte es – vielleicht nur ein bisschen – dass ihr Professor neben Hermione saß. Auch war keiner übermäßig traurig, denn sie alle hatten bereits zugesagt, sich auf Harrys und Ginnys Geburtstagsparty in den Ferien wiederzusehen. Dann gäbe es noch genug Gelegenheit, zu reden und sich gegebenenfalls voneinander zu verabschieden, aber auf keinen Fall für immer.

„Könnt ihr euch noch ein wenig allein beschäftigen? Ich muss noch etwas erledigen.", fragte Hermione ihre Eltern ein wenig später, als sie mit dem Frühstück so gut wie fertig waren.

„Sicher, ist alles in Ordnung?"

„Ja, bis später."

Severus sah ihr hinterher und ahnte, was sie vorhatte. Hoffentlich ging alles gut. Vorsichtshalber legte er einen Ortungszauber über sie und war danach ein wenig beruhigter.

Er selbst verabschiedete sich auch. Seine Chefin hatte ihm zugenickt, weil sie irgendetwas wollte. Sie hatte sich hier und da mit Gästen unterhalten und schlenderte umher. Vorher, als sie zusammen mit Poppy und anderen gefrühstückt hatte, hatten sie hin und wieder zu ihm herübergeschaut und gegrinst. Schon bevor er bei ihr war, stöhnte er, denn das konnte nichts Gutes bedeuten. Was hatte sie nur schon wieder? Vermutlich wies sie ihn an, sich auch ein wenig mehr unter die Leute zu mischen oder schlimmer noch, sich um die unteren Klassen und deren Aufsicht zu kümmern.

Hermione traf auf dem Weg nach draußen Neville, der ihr gerade mit Hannah entgegenkam, und bat ihn, Ron für sie zu finden, da der Überwachungszauber immer noch aktiv war.

„Das wird schon.", machte er ihr Mut und lächelte sie aufmunternd an. „Beste Freunde, schon vergessen? Wir alle…"

„Ich hoffe es." Mit den Worten verschwand sie aus der Großen Halle.


Ein bisschen gewundert hatte sie sich schon. Wenn der Zauber stimmte, so sollte Ron sich dort aufhalten, wo sie selbst immer gesessen hatte, wenn sie allein sein wollte – auf halbem Weg in den Kerker in einem so gut wie nicht beachteten Durchgang. Harry hatte sie vor ein paar Tagen dort gefunden und nun war es an der Zeit, dass sie ihn fand.

Langsam stieg sie die Stufen hinunter und sah in dort sitzen, ein paar kleine Kieselsteine gegen die Wand werfend, die er vielleicht am See gesammelt hatte. Ohne ein Wort zu sagen setzte sie sich neben ihn und schwieg. Sie hätte schon erleichtert Aufseufzen können, als er keine Anstalten machte, wegzulaufen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit fing er tatsächlich an zu sprechen – ganz leise.

„Was… Wie…wie konnte das geschehen? Ich kann es nicht glauben."

Hermione seufzte nur. Wollte er das wirklich wissen oder war es nur so dahin gesagt?

„Wieso, Hermione, wieso ausgerechnet der? Das ist doch…"

Schnell unterbrach sie ihn. „Liebe kann man sich nicht aussuchen."

Ron schüttelte mit dem Kopf und konnte sie nicht ansehen. „Jeder andere… Jeder wäre besser gewesen, vielleicht hätte ich sogar noch mit Malfoy leben können, aber… Ach Scheiße."

„Besser? Für nichts auf der Welt würde ich mehr tauschen wollen."

„Das kann einfach nicht sein, es… Was hat er mit dir gemacht, dass…"

„WAS DENKST DU DIR EIGENTLICH, HM? Du beleidigst damit mich, ist dir das klar?"

„IHN, HERMIONE, NICHT DICH!"

„DOCH! Meinst du, es wäre dazu gekommen, wenn ich es nicht gewollt hätte?"

„SOWAS KANNST DU NICHT WOLLEN, SOWAS WIE DEN!"

„ES IST VORBEI, RON, schon seit mehr als einem Jahr. ER ist der Gute, auch dich hat er gerettet!"

„Immer der alte Hut…"

„ER WÄRE FAST GESTORBEN, WENN… Wegen uns allen." Ihr kamen die Tränen.

So kannte er seine beste Freundin nicht. Immer war sie stark gewesen, und jetzt weinte sie wegen…ihm? Ron verstand noch weniger, aber wenn er ehrlich mit sich selbst sein könnte, würde er merken, dass die Tränen echten Kummer, tiefsitzenden Kummer ausdrückten.

„Warum…nicht wir?"

„Es war lange vorbei, es hatte ja nicht einmal richtig angefangen und wir waren uns einig."

„Ja, damals, aber…ich wollte dich…ich…"

„Du hättest etwas sagen können."

„Ich weiß, aber…"

„Kann es nicht sein, dass du dir nicht sicher warst? Vielleicht auch nur… Ich weiß es doch auch nicht. Es fühlte sich nicht so an, als seist du unsterblich in mich verliebt."

Ron schwieg eine Weile.

„Ich habe recht, oder? Wolltest du einfach nur irgendjemanden haben?"

„Ich weiß nicht.", gab er zu. „Wir gehörten schon immer zusammen…"

„Wir alle, oder?"

„Ja, vielleicht so."

„Von meiner Seite aus wird sich nichts ändern, niemals. Aber wenn sich einer gegen mich, gegen uns stellt, dann kann ich die Freundschaft nicht mehr weiterführen. Entweder wird es akzeptiert oder nicht. Aber niemand wird uns auseinanderbringen, verstehst du? Meine Worte waren völlig ernst gemeint gestern. Er ist mehr, als ich mir je hätte wünschen können und das hat nichts mit dir oder uns als Freunde zu tun."

Wieder schleuderte er ein paar Steinchen gegen die Wand.

„Ich…will dich nicht verlieren, Hermione."

„Ich dich auch nicht."

„Nur verstehen kann ich es nicht. Ich kann nicht…"

„Soll ich dir helfen?"

„Weiß ich auch nicht…"

„Es war… Meine Eltern wollten mit mir weg und konnten dann nicht, also war ich in den Osterferien allein, und dann… Jedenfalls haben wir uns durch Zufall ge…getroffen und…"

„Zufall?"

„Ja, war es und ich will es jetzt nicht erklären. Er wurde krank, sehr krank sogar, und ich habe mich um ihn gekümmert und da… Irgendwann haben wir gemerkt, dass da mehr ist. Eines kannst du mir glauben: Er hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, gegen seine Gefühle und meine, aber…sie waren zu stark. Und hätte ich nicht gewollt, wäre nie etwas…geschehen."

„Oh Merlin… Dann…wollte Ginny mich nicht nur fertigmachen? Sie hat… Merlin… Sie hat die Wahrheit gesagt?"

„Was meinst du?"

„Du…ihr… Hast du wirklich… Ich kann das nicht."

„Ron, wir sind zusammen, wir gehören zusammen und ja, mit allem, was dazu gehört."

Er gab einen undefinierbaren Laut von sich und verzog das Gesicht. „Wenn er dir was angetan hat, dann…"

„RON, ES REICHT! Entweder bleiben wir Freunde oder nicht, es liegt an dir! Wir haben uns was geschworen, wir alle, und ich breche den Schwur nicht! Was auch immer geschehen mag… Erinnerst du dich? Du weißt, dass ich euch liebe. Dich, Harry, Ginny, Neville… Und ohne euch würde ein Teil von mir fehlen."

Wieder Schweigen.

„Ok, ich…ich danke dir, dass ich mit dir reden konnte, dass du nicht weggelaufen bist. Dann…" Sie reichte ihm überdeutlich die Hand. Wenn er sie ergriff, wäre alles gut, wenn nicht, konnte sie nichts mehr tun. Hermione gab ihm ein paar Sekunden. Dann streckte auch er ihr seine Hand entgegen und ließ sich hochziehen.

Gemeinsam gingen sie langsam die Treppe hinauf und ihm kamen ein paar Szenen aus den vergangenen Monaten in den Sinn.

„Jetzt wird mir so einiges klar…", sagte er laut vor sich hin. „Irgendwas war komisch... Du kamst ein paar Mal mit der Strickjacke nach draußen, bei über 25 Grad!"

„Im Kerker ist es kühl. Und die anderen...sie haben dir doch gesagt, dass ich jemanden habe und ich habe es dir gesagt."

„Aber du warst nie…du warst nie weg, du hattest nie Post. Wie um alles in der Welt sollte ich das glauben? Und ich bin der letzte Trottel…"

„Bist du nicht, nur Ginny wusste es, sie hat es sofort gemerkt. Dass er es ist, erst drei Wochen später. Sonst wusste es niemand außer Oma."

„Ich konnte es einfach nicht glauben. Du liebst ihn tatsächlich, hm?"

„Ja. Und jetzt weißt du, dass es stimmt. Ich kann dich verstehen, vermutlich hätte ich es auch nicht geglaubt.

Warte mal." Sie nahm ihn kurz in den Arm und er verzog das Gesicht. „Ok, jetzt ist mir alles klar. Die große Liebe bin ich wohl nicht, wenn du so eine Miene machst?"

Er umarmt dich auch!"

„Hört sich an wie eine Antwort. Freunde?"

„So gut wie…"

„Komm mit."

„Auf keinen Fall. Ich warte, bis er weg ist."

„Hast du keinen Hunger?"

Ron ging ohne ein weiteres Wort mit ihr in die Große Halle.


Ginny stieß Harry an, als sie sah, wen Hermione mitbrachte.

„Merlin sei Dank!", sagte er und auch Neville atmete erleichtert auf. Beide konnten es gar nicht leiden, wenn Streit oder Unfrieden herrschte, davon gab es genug in den letzten Jahren, außerdem waren sie alle ihre Familie.

Trotzdem erhob sich Harry und fing sie ab, bevor sie näher kamen.

„Alles...alles wieder in Ordnung?"

„Soweit...", murmelte Ron und sah ihn nicht an.

„Wie weit?"

„Schon gut, und jetzt lass mich essen."

Fragend sah Harry zu Hermione und die nickte. Sie schienen zumindest miteinander geredet zu haben und hatten sich dabei nicht die Augen ausgekratzt. So weit, so gut.

„Du solltest vorher noch etwas tun, dann ist alles wieder gut und wir vergessen die Sache."

„Was?"

„Die Entschuldigung."

„Oh nein, auf keinen Fall."

„Gut, dann sehen wir uns nicht wieder."

„Das meinst du doch nicht ernst?"

„Ich sagte es gestern und wiederhole es heute. Entschuldige dich oder wir haben ein Problem. Soll ich mitkommen?"

„Mach was du willst." Ron ging zum Buffet und nahm sich eine Schale Cornflakes. Als er sich kurz umdrehte, sah er die enttäuschten Blicke seiner Freunde und knallte die kleine Schüssel wieder auf den Tisch, dass die Milch nur so spritzte. Der Tisch hatte an diesem Morgen echt etwas auszuhalten.

Innerlich total aufgewühlt und äußerlich aufgebracht sah er sich nach Snape um und entdeckte ihn, wie er mit der Schulleiterin sprach. Wenn sie dabei war, konnte es ja nicht so schlimm werden, daher beeilte er sich, zu ihm gelangen. Dummerweise ging McGonagall in dem Moment weg, als er angekommen war und stand plötzlich ganz allein vor Snape, der ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue und einer steilen Falte auf der Stirn empfing.

„Sna... Professor..." Ron war sich sicher, er könne sein Herzschlag hören und räusperte sich lauter, als er wollte. „Ich... Ich... Tschuldigung."

Noch während er sprach, drehte er sich herum um zu gehen.

„Weasley!"

Doch nicht entkommen.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie sie ein E bekommen konnten, aber ich konnte nicht anders benoten, weil die Leistung auf dem Pergament stand – wie auch immer. Nur eines weiß ich: Ich wurde schon oft aufs Übelste beschimpft und einen Imperius angewandt zu haben, kam auch vor und war im Vergleich zu manch anderen Dingen noch harmlos. Aber damit gleichzeitig die Frau mit all ihrer Intelligenz und ihrem Herz zu beleidigen, die ich liebe, das war mehr als nur...arm. Arm an Ehre, an Freundschaft und Loyalität. Wenn sie sie wirklich lieben, und ich bezweifle, dass sie das mehr tun als ich, dann entschuldigen sie sich bei ihr. Denn sie ist diejenige, die sich so verhält, dass weder sie noch ich sie verdient hätten. Sie ist viel mehr."

Ron stand wie versteinert vor ihm. Solche Worte hatte er schon einmal gehört, wenn auch anders. Und ihm wurde klar, dass Beide letzten Endes das Gleiche gemeint hatten, dass es wirklich echt sein musste, sonst ergäbe alles keinen Sinn.

„Entschuldigung.", sagte er fast unhörbar und ging beschämt zurück, zurück zu Hermione.


Sie hatte Tränen in den Augen gehabt, als Ron sie um Verzeihung bat und jetzt wieder, da sie draußen vor dem Schloss standen und der Abschied gekommen war. Manche blieben noch einen Tag oder zwei und manche reisten an diesem Sonntag ab. Das Versprechen, sich bald wiederzusehen, wurde gefühlte hundertmal erneuert und nicht Wenige lagen sich in den Armen.

Der Abschied, der am schlimmsten war, war der von Severus.

„Du bist doch nur etwas länger als eine Woche weg, Hermione!"

„Trotzdem, ich werde dich vermissen."

„Ich dachte, ich liebe eine erwachsene Frau?", sagte er mit zuckenden Mundwinkeln.

Sie wischte sich die Tränen ab und stellte sich gerade hin. „Ganz recht, auf Wiedersehen, Severus. Wir sehen uns genau...Donnerstag in einer Woche."

„Schon besser." Und dann nahm er sie in den Arm und küsste sie und wollte nicht mehr aufhören.

„Ich dachte, ich liebe einen gewissen, dunklen Professor ohne Emotionen."

„Kenne ich nicht."

Damit drehte er sich weg und verabschiedete sich von ihren Eltern und ihrer Großmutter, nicht ohne das Versprechen bestätigen zu müssen, ihnen einen Besuch abzustatten. Jean nahm ihn in den Arm, ob er wollte oder nicht, und fragte schon, welchen Kuchen er gerne hätte.

Ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen, ging er in Richtung Schloss und scheuchte die jüngeren Schüler in ihre Räume, damit sie endlich packten und verschwanden.

Als am darauffolgenden Mittwoch so gut wie alle Schüler und die meisten Kollegen verschwunden waren, wurde es einsam auf Hogwarts. Von Hermione hatte er eben die letzte Eule bekommen, in der sie sich zum drittenmal in den Urlaub verabschiedete. Lächelnd schüttelte er mit dem Kopf und legte den Brief wie einen Schatz in seine alte Kiste aus Ebenholz. Ich liebe dich hatte sie in jede der kleinen Nachrichten geschrieben und er hatte sie zeitweilig angestarrt und die Zeit darüber vergessen.

Die erste Nacht ohne sie war lang und letztlich war er erst gegen drei Uhr über einem Buch eingeschlafen. Für die kommenden Tage hatte er sich viel vorgenommen und würde die Zeit nutzen, die Tränke für die Krankenstation und den Unterricht aufzustocken, die Zutaten zu kontrollieren und fehlende einzukaufen.

Der Verbotene Wald war sein Zufluchtsort, um nachzudenken und gleichzeitig nach Kräutern Ausschau zu halten, doch all das konnten seine Gedanken an sie nicht verbannen. Fühlte sich so Liebe an? Nein, es war eher das Vermissen, was er bisher nur als Unsinn abgetan hatte – weil er es noch nicht in dieser Form kannte.

Nach ein paar Tagen verstand er, warum sie sein Shirt unbedingt hatte haben wollen und er ertappte sich dabei, mit ihren Nachthemd in der Hand einzuschlafen. Trotzdem waren die Nächte mehr als unruhig und er schlief wieder schlechter als in den ganzen letzten Wochen, obwohl sie lange nicht jede Nacht das Bett mit ihm geteilt hatte.


*Keane: "This Is The Last Time"*


Eigentlich hatte sie schon gestern kommen wollen, aber vielleicht war etwas dazwischengekommen. Weil er nicht zugeben wollte, dass er sie vermisste oder sich Sorgen machte, hatte er keine Eule geschickt. Schließlich sollte sie ja Zeit mit ihren Eltern verbringen, wie er es ihr selbst nahegelegt hatte. Vielleicht hatte sie auch keine Möglichkeit gehabt, ein Nachricht zu schicken oder sie hatten den Urlaub verlängert oder eine Autopanne oder... Oder was auch immer.

So ein Tag konnte ganz schön lang werden, wenn man auf jemanden wartete. Die Tränke für die Krankenstation waren gebraut, ebenso welche für sich selbst, für sie beide, oder...

Er sah sich um. Eigentlich hatte er zu nichts Lust. Mit einem Glas Cognac in der Hand setzte er sich auf die Couch, nahm das Buch Welches Haustier passt zu ihnen, das er vor ein paar Tagen angefangen hatte, und las ein paar Zeilen, bis es an der Tür klopfte.

Wenn sie es wäre, würde sie doch nicht mehr klopfen, oder doch? Sein Herz begann, schneller zu klopfen, und als er öffnete, konnte er seine Freude nicht verhehlen.

„Hermione! Du..." Es war nicht seine Art, sie direkt mit Worten zu überhäufen, sie konnten nachher immer noch reden. Viel lieber nahm er sie in den Arm, aber sie versteifte sich ein wenig und schob ihn weg.

„Entschuldige. Komm rein."

„Danke.", war alles, was sie sagte.

Ein wenig wunderte er sich schon, dass sie keine Tasche dabei hatte. Egal, sicherlich hatte sie ihre Pläne oder wollte ihn mit zu sich nehmen oder... Wie sah sie eigentlich aus? Ein wenig Farbe hatte sie am Strand bekommen und sie trug einen leuchtend pinkfarbenen Minirock, einen gleichfarbigen Lippenstift und ein paar weiße High Heels. Mittlerweile hatte er schon ein paar Dinge an ihr kennen gelernt, aber nie gedacht, dass sie einmal so aufkreuzen würde wie heute.

„Severus..."

„Ja? Schön, dass du wieder..."

Sie machte eine Handbewegung, die ihn zum Schweigen brachte, die so gar nicht zu ihrer Art passte.

„Wir...müssen reden. Es...hat sich etwas Neues ergeben und danach...wollte ich meine restlichen Sachen mitnehmen, die ich noch bei dir habe."

Seine Gesichtszüge zeigten blankes Entsetzen, ihm wurde übel und er fühlte sich, als hätte er Fesseln an seinem ganzen Körper. Das Neue hätte alles sein können, aber was sie hinterhergeschoben hatte, war eindeutig. Er hatte es kommen sehen...

tbc


A/N:

So, ihr Lieben, ich denke, das war das vorletzte Kapitel und eigentlich wollte ich schon fertig sein. Nicht, dass ich euch schon nerve mit ewigen Fortsetzungen und zuviel Bla ;o)

Jaja, reißt mir den Kopf ab oder macht Luftsprünge...sowohl dafür als auch für das, was über dem Trennstrich steht... Ich nehme alles und bedanke mich höflich *g*

VLG KeyMagic

P.S.: Wer noch nicht weiß, was Ginny so kirre macht und was sie erlebt hat... Ihr könnt es nachlesen ;o) in dem Oneshot "Elitestrafe..."