A/N:
Ihr Lieben!
Eine längere Rede, aber ich muss einfach – verzeiht mir bitte.
Heute ist es soweit, das letzte, lange Kapitel und die Geschichte endet – nach fast einem Jahr der echten Zeit. Mit Ferien in Hogwarts hat sie angefangen und mit Ferien hört sie auf, so schließt sich der Kreis auch zum Titel, denn ich will Euch ja nicht noch länger quälen. ;o)
Ihr werdet sehen, dass Severus nun endlich Zuhause ist, er endlich angekommen ist, wie auch immer er das sehen mag oder Ihr es euch vorstellt. Sein Leben ist endlich ein Leben und ich hoffe, ich konnte es ihm so gestalten, dass er zufrieden ist – auch in Zukunft. Er hat es verdient, ja, das glaube ich mit jeder Faser meines Herzens.
Und das Wichtigste:
Mein Dank an Euch kann mit Worten gar nicht groß genug sein. Ich weiß – manche von Euch haben mitgelacht, mitgelitten, mitgeweint oder hätten mir manchmal am liebsten einen Fluch auf den Hals gehetzt – tja, so ist das Leben: Dunkle Wolken und Sonnenschein. Bedenkt dabei eines für Euch: Die Sonne ist immer da, auch wenn man sie nicht sieht!
Und genau das habt Ihr mir gezeigt mit Euren so lieben Worten in all den vielen Reviews, mit wunderbaren Emails und auch mit den Einträgen in Eure Favo-Listen. Ihr könnt Euch nicht im Geringsten vorstellen, was mir all das bedeutet. Ihr habt mich jede Woche weiterschreiben lassen, auch wenn ich manchmal nicht mehr konnte. Aber ich wollte es unbedingt immer schaffen, weil Ihr gewartet habt. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Geschichte überhaupt jemand liest, und dann ist es ganz anders gekommen.
Einige von Euch durfte ich besser kennen lernen und das ist einfach nur schön. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich auszutauschen über das, was einen beschäftigt – die FF-Welt, Sev und...das echte Leben. Ihr seid wundervoll und ich hoffe sehr, dass ich die ein oder andere irgendwann noch einmal wiederlese – auch ohne Geschichte. Und wer weiß, vielleicht lerne ich noch mehr kennen – jetzt, da es zu Ende geht. Ich würde mich freuen.
Und falls Ihr euch das fragt: Never say never, heißt es, deshalb würde ich auch niemals eine Fortsetzung oder eine neue Geschichte ausschließen, nur nicht sofort und nicht ohne „Kapitelvorrat", denn die Zeit läuft mir davon.
Wem das jetzt alles zuviel war – tut mir leid, es kam einfach nur von ganz tief drinnen! Ich bin so gerührt, während ich dies hier schreibe, deshalb sollte ich wohl jetzt besser aufhören – Ihr wollt doch sicher lieber ein Happy End, oder? Ich auch. ;o)
Mir bleibt, Euch zu danken aus tiefstem Herzen.
VLG KeyMagic
Kapitel 55
Sie machte eine Handbewegung, die ihn zum Schweigen brachte, die so gar nicht zu ihrer Art passte. „Wir...müssen reden. Es...hat sich etwas Neues ergeben und danach...wollte ich meine restlichen Sachen mitnehmen, die ich noch bei dir habe."
Seine Gesichtszüge zeigten blankes Entsetzen, ihm wurde übel und er fühlte sich, als hätte er Fesseln an seinem ganzen Körper. Das Neue hätte alles sein können, aber was sie hinterhergeschoben hatte, war eindeutig. Er hatte es kommen sehen...
*Alice Cooper: „Welcome To My Nightmare"*
Severus' Blick fiel auf das Bild an der Wand, von dem Merlin persönlich auf ihn herabblickte. ‚Warum?', fragte er ihn stumm und wollte gar nicht auf eine Antwort hören. Sein Unterbewusstsein fragte sich gleichzeitig, warum er in Besitz eines solch hässlichen Gemäldes war.
„Hermi..."
„Lass gut sein. Bringen wir es hinter uns: Wir sind vorgestern wiedergekommen. Nun... Du erinnerst dich an Dr. Parker? Ich fand ihn ja schon immer anziehend. Tja, Nat ist gleich über Nacht geblieben und es war…
„SEI STILL!" Wie hatte er sich nur so in ihr täuschen können? Das war nicht seine Hermione – oder war es die echte Hermione?
„Hast du nicht selbst schon immer gedacht, du seist alt für mich? Es war schön, aber…jetzt konnte ich in Ruhe darüber nachdenken, eigentlich hast du recht, und…den Rest kennst du ja. Du wirst ja sicherlich eine Vielzahl von Verehrerinnen finden, jetzt, wo sie wissen, dass du anders bist."
Sie zog plötzlich ihren Zauberstab: „Incarcerus! Ich will nicht, dass du mich aufhältst, wenn ich packe."
Er versuchte sofort, seine Füße aus den Fesseln zu befreien, aber bekam sie einfach nicht los. Sein Zauberstab lag auf dem Wohnzimmertisch, aber er konnte nicht mehr klar denken, so geschockt wie er war. Sie hatte ihm mehr als einmal ihre Liebe gestanden, und jetzt? War sie sauer, dass er nicht mit ihr zusammenwohnen wollte vorerst? Waren sie nicht übereingekommen? Sie hatte sogar damit angefangen!
„Warum tust du das, Hermione?", fragte er gequält. Zwischendurch sah er auf ihren pinkfarbenen Rock und die Pumps und fragte sich, warum sie so herumlief. Das konnte ihr doch nicht gefallen und…
Wieder strampelte er mit den Füßen und bekam sie nicht frei. Nicht nur seine Zauberkraft hatte er vergessen, sondern auch seine Hände, die die Seile hätten lösen können.
„Dreh dich um, rede mit mir! Wenigstens das bist du mir schuldig!"
Tatsächlich drehte sie sich um und sah von oben auf ihn herab. Dann beugte sie sich ein wenig herunter und tat so, als wolle sie ihn küssen. Stattdessen zwickte sie ihn in sein Ohr. „Ach was, du brauchst sowas nicht, du kamst immer allein klar und…"
Er versuchte ihre Hand zu fassen, dass sie damit aufhörte, schaffte es aber nicht.
„Hör auf damit. Wieso bist du so… Hör auf! Aua! Lass…"
‚Menschen!', dachte Harpyi. ‚Flügellose sind seltsam.'
Immer wieder zwickte er seinen Menschen ins Ohr, der wollte einfach nicht aufwachen!
Schon eine geraume Zeit war er in dessen Schlafzimmer geflogen, weil er ein Pergament abzuliefern hatte. Wenn der auch wie Steinkäuze tagsüber schlafen würde, ginge es ihm sicher besser. Welcher Mensch war schon perfekt? Keiner, und klug schon mal gar nicht, denn perfekt waren nur Tiere, am perfektesten die mit Flügeln. Kein vogelartiges Wesen würde sich zudecken und anschließend versuchen, die Decke wieder loszuwerden. Was hatte das für einen Sinn? Sein Mensch, der Severus genannt wurde, strampelte mit den Füßen, aber kam nicht frei. Was hatte die Decke ihm getan? Und warum kamen so komische Laute aus ihm heraus? Das konnte man ja gar nicht verstehen, nichts außer „lass" und „Mione".
Harpyi tappte über die Decke zu der anderen Seite von Severus' Kopf, wobei er mit den Flügeln schlug, um nicht zu fallen bei dem Erdbeben der Stärke kauz-unbequem. Das Pergament lag längt auf dem Boden vor dem Bett.
Am neuen Ziel angekommen, drehte er seinen Kopf, weil er das so gerne machte und setzte dann das Zwicken fort. Vielleicht sollte er es mal bei der Nase versuchen?
‚Ah', dachte Harpyi und flog einen Satz zurück, als Severus der Mensch die Augen aufschlug und sofort nach ihm schlug. Natürlich ungewollt, oder? Ja.
Severus setzte sich abrupt auf und atmete schwer. Schweißtropfen rannen an seiner Stirn hinunter und immer noch strampelte er mit den Füßen. Die Bettdecke hatte sich so darum gewickelt, dass er sich mit den Händen erst befreien musste.
Mittlerweile saß Harpyi auf dem Laken der anderen Seite, wo hin und wieder oder öfter die Frau übernachtete, die er mochte. Die war nur nicht da und das war komisch.
„Bei Merlin.", sagte der Flügel- und Fraufreie und wischte sich mit beiden Händen über sein Gesicht. Harpyi stieß einen leisen Ruf aus und drehte seinen Kopf um 180 Grad und wieder zurück. Severus starrte ihn an und der Kauz starrte zurück, während er dachte, gleich angeschrien zu werden. Das tat der Mensch gerne, vor allem, wenn er schlecht gelaunt war. Heute war er anders.
„Merlin sei Dank, hast du mich geweckt?"
Harpyi verstand die Welt nicht mehr. Warum dankte er? Noch schlimmer: Warum dankte er Merlin und nicht ihm? Manieren waren das! Manieren hatte der, der Severus genannt wurde, sowieso nicht viele. Man bedenke die Sache mit dem Schnäbeln und der Maus und vor allem die Reihenfolge!
„Weißt du, was ein Alptraum ist, Kauz?"
‚Ja, weiß ich.', dachte der Angesprochene. Das war, wenn man eine Maus sah und sie nicht fangen konnte, weil man gerade schlief, oder wenn ein Paket doppelt so groß war wie man selbst, oder wenn man altbackene Eulenkekse bekam, wenn man eigentlich ein Gourmet-Kauz war. Vielleicht hatte sein Mensch ja von einem solchen Gebäck geträumt und war jetzt schweißgebadet wegen der Bauchschmerzen.
„Ist das Liebe, wenn man jemanden vermisst, Kauz?"
Aha, kein Gebäck, sondern Liebe – genauso ein Dilemma. Fast genauso schlimm. Wären die Menschen nicht so dumm, dass sie die Tiersprache nicht verstanden, hätte er ihm die Sache jetzt erklären können, und zwar noch von weiter vorne als erst ab Kapitel Bienchen und Blümchen und andere vo(e)gelverwandte Themen.
Severus stand auf, aber Harpyi war schneller. Er flog wieder auf die andere Seite und nahm das Pergament in den Schnabel, das er hatte abgeben sollen.
Sein Kollege und Kumpel aus dem Ministerium – der für nordamerikanische Angelegenheiten zuständige oberste Geflügelte der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit mit Namen Hawayi K. Carabamabo – hatte ihn vor gut einer Stunde im Verbotenen Wald aufgespürt, ein kurzes Schwätzchen gehalten und ihm dann das wichtige Schreiben übergeben, weil er wie immer unter Zeitdruck flog.
„Nimm dir was.", sagte Severus, noch immer geistesabwesend. Toll, wo ist die Schale mit den frischen Mäusen? Nur Obst war in der Küche zu finden – auch gut. Harpyi machte sich über einen Apfel her und fragte sich, ob Hawayi etwas Besseres kredenzt bekam.
Mit leicht zitternden Händen öffnete Severus das Siegel und hatte schon Angst, die Nachricht sei von Hermione, die mit ihm Schluss machen wollte. Dass sie kein Siegel benutzte, kam ihm erst ein paar Herzschläge später in den Sinn.
Das Schreiben war von seinem Vertrauten im Ministerium. Nach ein paar Zeilen hellte sich endlich seine Miene auf.
Man hatte die Familie des alten Goldschmieds gefunden mit einer beinahe 99prozentigen Wahrscheinlichkeit. Schnell las er die Erklärungen, danach noch einmal langsam.
Die Schwester der Schwiegermutter des Sohnes war eine Hexe gewesen. Als Voldemort vor rund zwanzig Jahren auf der Höhe der Schreckensherrschaft stand und es immer schlimmer wurde, hatte sie Panik bekommen und ihre Muggelangehörigen – ihre Schwester und deren Tochter mit Mann und Kind – zwei Jahre später endgültig nach Amerika geholt, wohin sie einige Jahre zuvor ausgewandert war. Es sollte ein Urlaub für die Familie sein, währenddessen sie ihnen das Gedächtnis manipuliert hatte, sodass sie nicht mehr nach Großbritannien zurückkehren konnten oder wollten. Die Frau, die die einzigste Hexe in der Familie gewesen war, war inzwischen verstorben und so hatte der Rest der Familie keine Chance mehr auf Wiederherstellung ihrer Erinnerungen gehabt, von denen nur noch unzusammenhängende Bruchstücke vorhanden waren.
Das Kind, die Enkelin des Goldschmieds, war dann in den USA aufgewachsen und hatte keine Ahnung von ihren britischen Wurzeln oder über den magischen Zweig ihrer Familie. Grace war heute 20 Jahre alt und der gleiche Jahrgang wie Hermione, wie er damals schon erwähnt hatte.
Mit einem Schreiben, das das Ministerium für solch seltene, aber dennoch existierende Fälle verwendete, hatte man sie nach England gebeten und sie waren tatsächlich gekommen. Allerdings hatten die Heiler und die Obliviats-Techniker Mühe, das Gedächtnis wieder vollständig herzustellen. Jetzt baten sie ihn um Hilfe, da Professor Snape einer der besten Legilimentoren war, die derzeit im magischen Europa zu finden waren und weil die ganze Angelegenheit auf sein Bitten hin aufgedeckt worden war.
Mit einem Ruck stand Severus auf und stellte sich unter die Dusche. Das war es, was er gebraucht hatte – gerade jetzt. Eine gute Nachricht und eine Menge Ablenkung. Regelrecht froh war er über die Neuigkeit, dass das Verschwinden der Familie nicht gewollt gewesen, sondern nur aus Sorge und Panik heraus geschehen war. Wie gut konnte er das nachvollziehen, wie gerne hätte er Lily auch auf diese Weise gerettet. Schnell verschloss er die traurigen Gedanken in seinem Geist.
Harpyi hatte inzwischen den halben Apfel vertilgt und überlegte, ob er den Rest für seine Jungen mitnehmen sollte. Geduldig wartete er auf den Severus-Menschen, der gerade Gefieder-, Schnabel- und Bürzelpflege betrieb, damit er sehen konnte, ob alles in Ordnung wäre.
„Immer noch da?", sprach ihn der schwarz-Gefiederte an und da wusste der Kauz, dass er wieder normal war.
Hätte er gekonnt, hätte er die Augen verdreht, stattdessen verdrehte er lieber den ganzen Kopf, weil es Spaß machte und man somit alles aus einer anderen Perspektive betrachten konnte. Immer noch, immer wieder. Komisch sah sein Mensch aus, denn er hatte das schwarze, wallende Federkleid nicht an, sondern nur etwas, was normale Exemplare seiner Spezies trugen – zumindest die, denen er bisher in der Welt da draußen begegnet war. Da war sicher wieder das Weibchen im Spiel.
„Was machen die Jungen? Kann ich wieder auf dich zählen?", fragte er tatsächlich.
Oh ja, den Kindern ging es prächtig, sie waren bereits flügge und drehten ihre ersten Runden. Nächste Woche würde er ihnen die Umgebung zeigen und dann könnte er sich auch wieder mehr um seinen Job kümmern. Irgendwie mochte er ihn ja, den Job, genauso wie Severus. Der hatte ihm zwar schon öfter mit Feuer, Mord und Totschlag gedroht, aber der meinte es nicht so. Daher stieß er einen lauten Schrei aus, der so viel wie ein gestöhntes „Ja" bedeutete. Offenbar zufrieden mit der Antwort nickte Severus und Harpyi flog zurück in den Verbotenen Wald, um Futter abzuliefern und dann seinen verdienten Schlaf anzutreten, vorzugsweise ohne kauzige Alpträume.
Eine Stunde später machte Severus sich auf ins Ministerium und man traf sich anschließend in einem neutralen, extra angemieteten Bürogebäude. Man konnte ja kaum Muggelfamilien im Ministerium selbst oder im St. Mungos empfangen.
Sämtliche Befragungen hatte man in den letzten zwei Tagen schon mit der Familie durchgeführt: Mitarbeiter des Internationalen Büros für Magisches Recht, des Büros gegen den Missbrauch der Magie, des Kontaktbüros der Internationalen Zauberervereinigung und letztlich auch noch der Vergissmich-Zentrale und des Komitees für muggelgerechte Entschuldigungen hatten sich praktisch die Klinke in die Hand gegeben und einen regelrechten Fragemarathon hinter sich gebracht. Severus bezweifelte, dass Shacklebolt ihm alles aufgezählt hatte, denn die Bürokratie in der magischen Welt war nicht minder komplex oder überflüssig als in der Muggelwelt.
Die Familie Goldenring, wie sie hießen, hatten trotzdem noch nicht ganz verstanden, warum sie da waren, außer, dass es um etwas Persönliches ging, das man zunächst im weitesten Sinne mit dringenden Erbschafts- und Verwaltungsangelegenheiten erklärt hatte. Da sich aber keiner, weder der Mann noch die Frau, an ihre Eltern oder Familienangehörige erinnern konnten, stellte sich die Sachlage als äußerst prekär da. Der Professor sollte nun ihre Gedächtnisse nach verborgenen oder blockierten Erinnerungen durchforsten und sie, wenn möglich, an die Oberfläche holen.
Erschöpft aber glücklich saßen sie am Abend bei starkem Kaffee und Cognac für die Nerven beisammen: Severus selbst, Kingsley, ein Heiler und die Familie: Matt, Catherine und Grace. Sein Vertrauter aus dem Ministerium hatte sich herausgehalten, weil er für diverse delikate Dinge zuständig war und eigentlich nie in Erscheinung trat.
Severus hatte es tatsächlich geschafft: Weit unter vielen Jahren voller Erlebnisse hatte er Erinnerungsfetzen der Vergangenheit gefunden und sie soweit freigelegt, dass ein Techniker für Gedächtnislöschung sie wiederherstellen konnte. Der Heiler hatte das Ganze überwacht, um mögliche Überreaktionen oder Schocks zu verhindern, beziehungsweise bei unvorhersehbaren Reaktionen direkt eingreifen zu können.
Danach hatte es lange, sehr lange und ausführliche Gespräche gegeben und gemeinsam hatten sie alles zusammengetragen, was sie wussten. Man konnte nicht sagen, was das Schlimmste oder Glücklichste gewesen war: Der Verlust der Jahre und vieler Kindheitserinnerungen, der Ärger über die Hexe, das Verständnis für die Panikreaktion derselben, die Freude, jetzt ein neues Leben erhalten zu haben weil besser spät als nie, oder die Perplexität darüber, dass es eine magische Welt gab.
Die Leute waren etwa gleichen Alters wie Hermiones Eltern und der Mann konnte es kaum erwarten, seinen Vater wiederzusehen und zum Teil auch neu kennen zu lernen. Severus ging das Ganze näher, als er sich hatte vorstellen können, daher erklärte er sich bereit, sie am nächsten Tag in die kleine Stadt in Somerset zu begleiten, wo ihre Heimat war.
Der Einfachheit halber apparierte er mit ihnen aus deren Hotelzimmer direkt in den Hinterhof der Eisdiele, wo er mit Hermione gesessen hatte und sich deshalb daran erinnern konnte. Hier war die Gefahr klein, entdeckt zu werden.
Er zeigte ihnen das Juweliergeschäft und sah gleichzeitig, dass der alte Mann gerade draußen dabei war, die Blumen in den zwei liebevoll bepflanzten Kübeln vor dem Laden zu gießen. Das kam ihm sehr gelegen, denn er wollte nur Beobachter sein, nicht mehr, und hielt sich daher im Hintergrund – genauer gesagt stand er auf der anderen Seite der kleinen Nebenstraße an eine Hauswand gelehnt. Allerdings hielt er sich für den Notfall bereit – so ein Wiedersehen konnte für ältere Leute sehr aufregend werden, untertrieben gesagt.
„Guten Tag.", hörte er den jüngeren Mann sagen und der Ältere drehte sich um. 18 Jahre waren vergangen und Severus fragte sich, ob sie sich erkennen würden. Der Goldschmied drehte sich um und streckte seinen schmerzenden Rücken.
„Dad…" Der Sohn konnte nicht mehr warten. „Dad…" Danach konnte er von gegenüber sehen, dass der alte Mann die Gießkanne fallen ließ und Sekunden später lagen sie sich in den Armen. Beide Männer weinten und Mutter und Tochter waren genauso gerührt. Es dauerte lange, bis sie sich lösten, und als Mr. Goldenring seine mittlerweile erwachsene Enkeltochter erblickte, wiederholte sich die Szene.
„Wie kann das sein, wie kann das sein?", fragte er laut, als er sich von ihr löste und die Schwiegertochter umarmte.
Als er sie losließ, trafen sich für einen kurzen Moment die Blicke des Goldschmieds und die von Severus und der erkannte seinen Kunden wieder – er würde ihn nie wieder vergessen. Mit einem Lächeln drehte sich Severus um und verschwand, um nach Hogwarts zu apparieren. Hier wurde er nicht mehr gebraucht und das, was er sich vor wenigen Wochen geschworen hatte, hatte er mit viel Hilfe von anderen erfüllen können. Wenn es nur immer so sein könnte…
Der alte Mann schien zu erkennen, dass der schwarzhaarige Mann nicht nur zufällig auf der anderen Seite stand. „Warten sie…warten sie, Mister… Sie waren doch bei mir!", rief er, doch von einer Sekunde auf die andere war der nicht mehr zu sehen.
Severus konnte nicht wissen, dass der Laden für den Rest des Tages geschlossen wurde und dass es eine lange Nacht voller Freude, Gespräche und vielen Tränen gegeben hatte.
Er hatte der Familie gesagt, er würde gerne aus der Angelegenheit herausgehalten werden, sei denn, der Goldschmied würde darauf bestehen. Schließlich hatte er ja diesen besonderen Schmuck gekauft, der gar nicht zum Verkauf bestimmt gewesen war und falls er ihn zurückhaben wollte, würde Hermione sicherlich die erste sein, die ihn freiwillig und sofort wieder zurückbrächte.
Allerdings war der alte Mann ein ebenso großer Sturkopf wie Severus selbst. Wenn sich die Aufregung erst einmal gelegt hätte, würde er so lange fragen, bis er wüsste, was passiert wäre, dann würde er ihm schreiben mit Hilfe eines Kontaktmannes des Ministeriums, der für die Langzeitbetreuung solcher Fälle eingesetzt wurde, ihm danken, ihn mit seiner Frau – Hermione – einladen und sie würden alle zusammen ein Wiedersehen feiern. Für seine Enkelin hatte er dann längst angefangen, an neuen Schmuckstücken ihrer Lieblingsfarbe zu arbeiten und Hermione musste die Smaragdsterne tragen, als sie sich in der Weihnachtszeit wiedersahen, währenddessen sie sich langsam mit Grace anfreundete. Die Freundschaft würde sich intensivieren und hin und wieder besuchte auch Severus den alten Mann, der jedes Mal beinahe in Tränen ausbrach, wenn er ihn sah.
Und der Goldschmied fühlte sich unsagbar geehrt, als er zwei Jahre später einen ganz besonderen Auftrag von dem schwarzhaarigen Mann erhielt, der sein Leben wieder lebenswert gemacht hatte, weil er seine Familie zurück hatte, die mittlerweile wieder im gleichen Ort wohnte. Mit dem Entwurf und der Anfertigung des Auftrags würde er sich endlich angemessen bedanken und es gar nicht abwarten können, ihn an dem Finger der Frau zu sehen, für die er bestimmt war.
Aber all das lag in der Zukunft und keiner ahnte etwas davon.
Zufrieden und befreit kehrte Severus nach Hogwarts zurück und verbrachte die verbliebenen paar Tage ohne Hermione mit noch mehr Brauen, guten Büchern, langen Spaziergängen und Streifzügen durch das Schloss, das er mochte, wenn keine Schüler da waren. Mit einem Traumlos-Trank brachte er auch die Nächte ganz gut hinter sich und bei einem weiteren Rundgang über das Gelände kamen ihm viele Erinnerungen und er schob die schlechten nach hinten und stellte die guten in den Vordergrund – die mit ihr, sonst gab es ja nicht viele.
So kam es, dass er sich an den Ausflug mit ihr nach Kew Gardens erinnerte und an den Professor für Botanik, der ihn eingeladen hatte wiederzukommen, um Wissen auszutauschen.
Also machte er sich am Morgen des letzten Tages auf in die Winkelgasse, von da aus nach Muggellondon, löste ein Ticket für die U-Bahn und verbrachte den halben Tag in diesem wunderschönen, riesigen Park mit den exotischsten Gewächsen weit und breit. Den Botaniker hatte er getroffen, der hatte aber nicht viel Zeit, da Hochsaison war, aber sie machten einen festen Termin im Herbst aus, worauf sich beide schon freuten.
Am späten Nachmittag fuhr er zurück und als er sich mitten in London einen Kaffee gönnte, kamen ihm ein paar weitere Ideen, die er allerdings selbst nicht ganz nachvollziehen konnte. Freiwillig ging er durch die Geschäfte und erinnerte sich daran, wie er mit Hermione in den Osterferien schon einmal in London gewesen war. Wer hätte gedacht, dass sich daraus eine echte Beziehung entwickelte? War es eine echte? Aber diese Gedanken und Diskussionen hatten sie schon öfters gehabt und er musste zugeben, dass die einzig richtige Antwort ein Ja war. Und was brachte man nicht für Opfer dafür?
Mit einem Seufzen betrat er den großen Laden, wo er schon heimlich ihr Kleid gekauft hatte und wo sie…das ganz besondere Erlebnis in der Umklei… Halt, bloß jetzt nicht daran denken! Nur wurde er zwangsweise daran erinnert, als er sich in gleicher Abteilung umsah, um ihr etwas zu kaufen. Was sollte er sonst kaufen? So gut kannte er sich nun auch wieder nicht aus und hierbei wusste er, dass er…dass sie sich darüber freuen würde. Gut, dass er ihre Größe wusste, sonst wäre es sicherlich wieder peinlich geworden. Nur die Farben waren nicht gerade das, was er sich vorstellte. Bloß kein Weiß und vor allem kein Pink, denn das brachte den Alptraum wieder zurück. Dummerweise waren das die Farben des Sommers und er musste noch ein paar Blicke mehr investieren, um etwas zu finden. Schwarz hatte sie schon, andere Farben auch… Und dann fand er genau das Passende bei den Bademoden: Einen Bikini in frischem Meeresgrün mit einem seltenen Schnitt, der nicht zu viel und nicht zu wenig zeigte, ging man nach der Kunststoffpuppe, die ihn zusammen mit einem Strohhut und einem weiten Tuch trug. Der Einfachheit halber nahm er gleich alles, weil das zu den Überlegungen passte, die er seit einiger Zeit hegte. Überlegungen zu den bevorstehenden Ferien, die endlich einmal Urlaub sein sollten und nichts anderes.
Er bezahlte an der Kasse, nahm die elegant bedruckte Papiertüte und sah sich weiter um.
Für sich fand er ein cremefarbenes, sportliches Hemd, ein paar Flip Flops für Herren, die er kannte, weil er sie bei ihr gesehen hatte, und eine dünne, so gut wie dunkelgrüne Hose für den Sommer, die an den Beinseiten Taschen hatte und bei Bedarf mit innenliegenden Knöpfen bis zum Knie hochgeschlagen werden konnte – wie praktisch.
Dass man sie Cargohose nannte und von Frauen teilweise – kombiniert mit den anderen Dingen und einer so an…ziehenden Rückseite, wie er sie hatte – sehr, sehr sexy gefunden wurde, vor allem, wenn so ein Mann wie er darin steckte, ahnte er nicht. Und wenn man sich ihn dann auch noch mit hochgekrempelten Hosenbeinen und Hemdsärmeln und barfußlaufend am Strand vorstellte, wurde ihnen, den Frauen, ganz anders. Jedenfalls der Autorin beim Schreiben – und beim Vorstellen. Nicht, dass er nicht immer sexy aussah! Always! Aber das konnte er nicht wissen, vielleicht war es auch gut so. Aber vielleicht würde es ihm Hermione ja auch bald einmal sagen, wenn sie in den Genuss kam.
Mittlerweile wusste sie, warum er relativ viel Muggelkleidung besaß. Irgendwann hatte sie ihn mal gefragt und er hatte erklärt, dass er sie öfter trug, wenn auch nur für sich alleine am Abend oder an den freien Wochenenden, weil er darin eine kleine Möglichkeit gesehen hatte, seinem Leben ein stückweit zu entkommen, den Vorurteilen, die in den Roben des Professor Snapes steckten und der immerwährenden Angst, Todesser zu sein und als solcher agieren zu müssen. Kein Wort hatte sie darüber verloren, ihn aber fest in den Arm genommen und ihm am Wochenende darauf ein neues Hemd geschenkt. Die Show in den Ferien beim Einkaufen hatte er nur gemacht, weil sie sich da noch nicht kannten, weil es etwas Persönliches und weil er noch ihr Lehrer gewesen war und nicht Severus. Er hatte sich schlicht und einfach so verhalten, weil sie ihn nicht anders kannte – oder weil er noch ein anderer war.
Zu seiner Freude – oder um das Gewissen zu beruhigen – ging er anschließend noch in die große Bücherei in der Nähe, wo er viel Zeit und auch Geld ließ.
Auch nach Geschenken für Jean und Hermiones Eltern sah er sich um. Schließlich würde er etwas mitbringen müssen, wenn er zu ihnen kam. Als er nichts Passendes fand, beschloss er, in der Winkelgasse zu suchen, dann war auch die Gefahr nicht so groß, dass sie schon besaßen, was er aussuchte.
Seit Donnerstagmorgen war er nervös. Würde sie heute zurückkommen, so wie sie es gesagt hatte? Der Traum machte ihm immer noch zu schaffen und er konnte sich nicht erinnern, ob sie eine bestimmte Uhrzeit erwähnt hatte. Mittags holte er sich in der Elfenküche etwas zu essen, nur um festzustellen, dass er nichts davon herunterbrachte. Seit wann ließ er sich von solch irrationalen, irrelevanten Dingen beeinflussen? Offenbar seit er allein war – ohne sie und mehr oder weniger allein im Schloss. Eigentlich würde er jetzt einen Streifzug durch den Wald oder um den See herum machen, aber er wollte sie auf keinen Fall verpassen oder warten lassen. Nicht, dass sie am Ende einfach wieder ging.
Als es auf drei Uhr am Nachmittag zuging, begann er, seine Bücherregale aufzuräumen und schüttelte dabei hin und wieder den Kopf. Nur bei einer Sache verzog er den Mundwinkel ein wenig nach oben: So ein dämliches Buch wie im Traum besaß er tatsächlich nicht. Wie kam sein Unterbewusstsein bloß auf solche Dinge? Von Hermiones Outfit ganz zu schweigen.
„Welches Haustier passt zu ihnen", wiederholte er laut und abwertend. Niemals würde er ein solches Buch lesen und niemals würde er ein Haustier besitzen. Für den Kauz konnte er nichts, den hatte ihm Minerva aufgedrängt. Die Tatsache, dass er ihn mochte, ignorierte er gewohnt gekonnt.
„Und ob du das wirst.", sagte ihm eine Stimme, die er nicht orten konnte. Wurde Zeit, dass sich etwas änderte, sonst würde er am Ende noch ganz... Besser nicht weiterdenken. Zur Ablenkung brachte er all seine innewohnende Magie auf und konnte so die Musik laufen lassen. Laut. Wie gut das tat.
„Ich liebe Musik, und trotzdem lenkst du mich nicht vom Thema ab, Sev. Ich weiß, dass du mich hörst. Für den Rest deines Lebens wirst du einen guten Freund haben, ein Tier haben."
„Wer bist du?", rief er in den Raum hinein, genau wissend, welch ein Unsinn das war.
„It's magic, Severus, nicht erst seit dem Ball. Ich habe nur das Beste für dich im Sinn – Magie! Die Magie der Liebe, auf die du dich endlich eingelassen hast – mit meiner Hilfe natürlich – und die Magie der…Tasten von Hermione. Eine Leidenschaft von mir, verzeih. Und hier ist noch eine: Weißt du, ein Leben ohne Tiere kann man führen, aber es lohnt sich nicht."
„Was soll das werden?"
„Nur eine andere Perspektive, nichts weiter. Du magst sie doch, ich weiß es, du würdest es nur nie zugeben."
„Wen zum Teufel?"
„Ah ja, so kenne und liebe ich dich. Du magst Emma, das habe ich gesehen, als du mit ihr allein warst. Hunde sind treue Freunde, vergiss das nicht… Du wirst sehen. Hab ein wundervolles Leben, Sev…"
„Wer bist du?"
„Nur ich, man nennt mich KeyMagic, nichts Besonderes."
Das Klopfen an der Tür ließ ihn aus dem imaginären Zwiegespräch mit der Stimme des Grauens, wie er sie gerade innerlich genannt hatte, aufschrecken. Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus, weil gerade ein Déjà Vu aus seinem Alptraum begann. Noch blasser als sonst öffnete er die Tür – sie war es!
„Hermione?"
Fast wäre sie ihm um den Hals gefallen, aber er sah so aus, als hätte er einen unbekannten Geist gesehen. Sie ließ die Tasche fallen und strich ihm sanft über den Arm, der noch das Holz der Tür festhielt.
„Severus, was ist mit dir?"
„Du..."
„Äh, ja, ich. Hattest du jemand anderes erwartet?"
„Nein, natürlich nicht. Warum kommst du nicht einfach mit Passwort herein?"
„Wollte dich nicht erschrecken... Hab ich wohl trotzdem. Darf ich...dich umarmen?"
Er sagte gar nichts, sondern betrachtete sie nur. Heute trug sie ein hübsches, knielanges, ärmelloses Sommerkleid in einem hellen Türkis und keine High Heels, sondern Ballerinas. Sofort dachte er an das, was er ihr gekauft hatte und konnte es kaum glauben, dass es fast die gleiche Farbe war. Soviel zu seinen Zweifeln.
„Severus?" Mittlerweile wurde ihr mulmig. Hatte sich etwas Neues ergeben? Hatte er die Zeit zum Nachdenken genutzt und wollte jetzt...
Ihr blieb fast die Luft weg, als er sie so plötzlich an sich zog und festhielt. Nur widerwillig löste er sich von ihr, um sie endlich hereinzubeten.
„Du...siehst hübsch aus."
Ihre Stirn kräuselte sich von ganz allein. Bisher hatte er sich eher zurückgehalten mit solchen Äußerungen – warum jetzt?
„Nun, ähm, Mum hat es mir im Urlaub gekauft, ich weiß nicht..."
„Es...gefällt mir."
Hermiones Mine hellte sich auf. „Sagst du mir trotzdem, was los ist?"
„Alles in Ordnung.", brummelte er und ging in die Küche, um etwas zu trinken zu holen.
Dankend nahm sie das Glas Wasser entgegen. „Kann ich vielleicht noch etwas anderes haben?"
„Entschuldige, was möchtest du?"
„Ein Kuss? Ich habe noch keinen bekommen bisher."
Sein verzerrtes Gesicht war nur für sich selbst bestimmt. Voller Liebe nahm er ihren Kopf in seine Hände und küsste sie innig.
„Willst du es mir erzählen?" Herausfordernd sah sie ihn an.
„Nein."
„Komm schon, ich bin für dich da."
„Es...ist Unsinn. Ich habe getr... Es ist nichts."
„Was hast du geträumt?"
Da sie nicht locker lassen würde – das wusste er nur zu gut aus den letzten acht Jahren – erzählte er ihr von dem Traum, der für ihn ein Alptraum gewesen war, und bald darauf hatte sie ihre Mundwinkel nicht mehr unter Kontrolle.
Laut lachend versuchte sie zu sprechen. „Verzeih...nur... Du hast das mit dem Erwachsensein gesagt und dass es ja nur etwas mehr als eine Woche sei und dann so was!"
„Was kann ich dafür?", blaffte er. Gut, dass er nicht diese blöde Stimme erwähnt hatte. Ein Hund? Er? So ein ausgemachter Drachenmist.
„Ich versichere dir, dass sich nichts Weltbewegendes geändert hat. Aber ein pinkfarbener Mini? Wir könnten einkaufen gehen.", grinste sie immer noch.
„Nicht in tausend Jahren. Hast du ihn gesehen?" Die Frage hoffte er, so beiläufig wie möglich klingen zu lassen.
„Was? Wen? Nat? Ja klar. Der muss noch bis Samstag vertreten, danach ist die Praxis eine Woche ganz geschlossen. Mum und Dad wollen mal Ruhe haben vom Betrieb. Guck nicht so, er ist doch jetzt mit Sandra zusammen und scheint glücklich."
Wenn Severus glaubte, sie hätte sein erleichtertes Ausatmen nicht gehört, hatte er sich getäuscht.
Erstaunt aber glücklich gab sie ihm nun ihrerseits einen Kuss. Ein Severus Snape und Eifersucht! Wenn es in dem Maße bliebe, war das richtig süß, fand sie. Außerdem fühlte man sich dann als Frau ein klein wenig begehrter – wenn Frauen mal ehrlich mit sich selbst waren.
„Tja, da bin ich. Hast du noch Pläne? Ich kann mich auch allein beschäftigen oder wieder zurück zu meinen Eltern. Die möchten mich noch öfter sehen. Wir haben noch gar nicht richtig geredet, Severus, außer, dass du alle Arbeiten erledigen wolltest."
„Damit bin ich so gut wie fertig."
„Aha.", meinte sie nur und spielte mit einer Haarsträhne.
„Diesmal…muss ich dich vorher fragen."
„Was meinst du?"
„Ich…möchte gerne mit dir weg, ein paar Tage oder länger, wie auch immer du möchtest. Ich kenne ja deine Pläne auch noch nicht und ich weiß nicht, ob du bereit wärst, diese und ein paar Tage mit mir zu teilen."
„Wenn du nur aufhören würdest, so zu reden. Ich möchte noch viel mehr als wie nur ein paar Tage mit dir teilen, wenn du es willst. Wo möchtest du hin?"
„Das verrate ich nicht. Einfach weg, noch einmal weg von hier…"
„Wo auch immer du hin willst, ich gehe mit dir."
Fast konnte man meinen, es sei Erleichterung, die sich auf seinem Gesicht abzeichnete, doch die wandelte sich in einen ganz anderen Ausdruck, als er sie umarmte und näher an sich zog.
„Überall hin?"
„Überall!", grinste sie, weil sie das gleiche im Sinn hatte wie er. „Auch wenn es nicht weit weg ist."
„So?"
„Hm."
Seine Küsse wurden intensiver und wurden auf ihrer Schulter und ihrem Hals verteilt.
„Auch wenn es nur nach nebenan ist?"
„Hm."
Sie ließ sich sanft ins Schlafzimmer schieben und sie fielen gemeinsam auf sein Bett. Severus verteilte weiterhin Küsse, während er ihr Kleid hochschob, aber sonst keine Anstalten machte, es ihr auszuziehen – zu sehr genoss er das Stück Stoff, das weit ab von seiner alptraumhaften Vorstellung war. Er legte sich hinter sie und verwöhnte sie mit Streicheleinheiten, küsste sie auf die Haare und in den Nacken und sie hörte ganz leise Seufzer von ihm, weil sich seine Erregung nun nicht mehr leugnen ließ und gegen ihren Slip drückte.
Jetzt war sie an der Reihe. Hermione kniete sich hin und befreite ihn langsam aus seinem Hemd, aus der Hose und den Socken, und als die Boxershorts auch der Vergangenheit angehörte, verteilte sie ihrerseits Küsse überall auf seiner Haut, was er mit geschlossenen Augen hinnahm.
Als sie ein Bein über ihn hob und ihn dann langsam in sich aufnahm, stöhnte er lauter und öffnete seine Augen. Bald wurde ihre Leidenschaft größer, und damit es nicht schneller als gewünscht zu Ende war, drehte er sich mit ihr um und ließ es ein wenig langsamer angehen. Trotzdem brauchte keiner von beiden lang, denn sie stellten fest, dass die anderthalb Wochen der Trennung sich viel, viel länger angefühlt hatten. Hermione umschlang mit ihren Beinen fest seine Hüfte und krallte sich mit ihren Händen von hinten an seine Schultern, um sich mit Kraft ihm so weit wie möglich entgegen zu biegen – dabei fühlte sie tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch.
Ob es ihm auch so ging? Wenigstens ein bisschen? Er vergrub sein Gesicht zwischen ihrem Hals und ihren Haaren und dabei merkte sie, dass er seiner Erlösung nah war. Ihr ging es nicht anders. Sie klammerten sich aneinander, als hätten sie Angst, sich erneut zu verlieren. Als seine Ellbogen schon zitterten vor Anstrengung oder vor Leidenschaft, wisperte er „Ich liebe dich." hinter ihr Ohr, so leise, dass sie es fast kaum gehört hatte. Das war die Antwort, die sie gebraucht hatte und die sie längst kannte.
Nach ein paar Minuten löste er sich von ihr und legte sich neben sie. Hermione kuschelte sich an ihn und genoss auch das wohlige Gefühl der Entspannung und dieser Zweisamkeit.
„Ich muss dir noch etwas erzählen. Du erinnerst dich an den Goldschmied?", sagte er eine Weile später.
„Wie könnte ich ihn vergessen?"
Severus erzählte ihr die ganze Geschichte, die sie nicht wirklich mitbekommen hatte damals, und ihr traten die Tränen in die Augen. „Du bist etwas ganz Besonderes, Severus, weißt du das eigentlich?"
„Keinen Unsinn reden, Hermione."
Sie ließ sich nicht beirren. „Du bist wundervoll...und ich liebe dich dafür." Bevor er antworten konnte, verschloss sie seinen Mund mit einem Kuss. „So viele Leben hast du gerettet, so viele bereichert, auch wenn es kaum einer weiß. Oh nein, kein Wort!
Wirst du mit zu meinen Eltern kommen? Die Einladung haben sie noch einmal bekräftigt. Sie warten auf dich."
„Es wird sich nicht vermeiden lassen."
„So schlimm?" Unbewusst streichelte sie seine Brust, seine Wange und fuhr ihm liebevoll durch die Haare.
„Nein, nein, ist es nicht."
„Du hattest es dir anders vorgestellt, hm? Kann ich mir denken. Aber sie sind nicht so. Und ich habe mit ihnen geredet. Im Urlaub habe ich ihnen all das erzählt, was ich Großmutter auch zuvor schon gebeichtet habe. Der Krieg, die Schlacht, aber auch etwas von dir, deine Vergangenheit – eben das, was die Zauberwelt auch weiß – und über...das Schlimmste."
Severus seufze und verstärkte seinen Griff um ihre Schulter – noch immer lag sie in seinen Armen.
„Du weißt, dass es sein musste und dass sie das Recht haben, das Gleiche zu wissen wie Oma. Und so haben sie auch reagiert – zumindest Mum. Sie hat geweint und hat die ganze Angst und die Unsicherheit rausgelassen, die sich bei ihr angestaut hatte, seit sie aus Australien zurück sind. Wegen mir vor allem, wegen meinen Freunden, wegen allen, die ihr Leben gelassen haben. Und sie hat auch wegen dir geweint, das habe ich gefühlt. Später hat sie nur leise vor sich hingemurmelt, dass keiner so ein Schicksal, so ein Leben verdient hätte. Tja, sie ist eben doch die Tochter ihrer Mutter, auch wenn sie immer alle glauben, dass Tante Violet ihr ähnlicher ist. Sie haben alle das Herz auf dem rechten Fleck, der eine strenger oder verhaltener, aber doch ist es groß."
„Und…dein Vater?" Severus starrte auf den Sternenhimmel, der vor dem Bett an der Wand hing – Perseus, der letztlich das Böse besiegt und überlebt hatte. Wie oft hatte er sich dort hinein verloren.
„Der war ganz still, hat genau zugehört, und dann hat er sämtliche Türen von unserem Ferienhäuschen geknallt und ist an den Strand gegangen. Gut, das der um die Zeit schon verlassen war."
Sie sah ihn an und glaubte zu wissen, wie es ihm gerade ging. „Nein, er ist nicht aus Wut weggelaufen, sondern weil er nicht stark sein konnte, ich habe es gesehen. Er musste in dem Moment für sich allein sein, aber hätte sich lieber um seine Frau gekümmert. Und weil er das nicht konnte, hat er sich irgendwo draußen mit Treibholz abreagiert." Hermione kicherte leicht bei der Vorstellung. „Der so ruhige, freundliche Zahnarzt und dann das… Ich bin froh, dass alles raus ist, auch das mit mir. Aber jetzt ist alles gut, uns geht es gut und wir wollen nur noch nach vorne sehen. Du auch?"
„So einfach ist das nicht."
„Versuchst du es – mit mir?"
„Ja."
„Wenn du es möchtest… Du kannst mich legilimentieren, dann weißt du genau, was ich erzählt habe und wie sie reagiert haben. Schließlich hätte ich es ja auch in deinem Beisein erzählen können. Ich weiß nicht, ob sie fragen werden, aber wenn…"
„Auf keinen Fall." Niemals wollte er das tun – unter keinen Umständen, das hatte er sich geschworen.
„Denk darüber erst einmal nach." Wohlweißlich bot sie ihm die Erinnerungen an das Gespräch mit ihren Eltern und nicht das mit ihrer Großmutter. Denn ihren Eltern hatte sie nicht erzählt, dass sie ihm gemeinsam mit Poppy das erste Überleben ermöglicht hatte. Wenn er das jetzt erfuhr, würde es vielleicht mehr kaputt machen als zuträglich sein. Der passende Moment würde schon noch kommen in ihrer Zukunft. Außerdem hatte Oma selbst noch andere Dinge herausgefunden und mit Hermione damals darüber geredet – so genau musste er das ja auch nicht wissen. Wenn sie selbst allerdings wüsste, dass Oma schon mit ihm über Nachwuchs geredet hatte, sähe die Sache vielleicht anders aus.
Er hörte auf sie und kam zu dem Schluss, dass es vielleicht gar keine so schlechte Idee war. Die Erinnerungen waren frisch und er würde schnell herankommen und sich dann wieder zurückziehen.
So sanft wie möglich drang er in ihren Kopf ein, passierte Bilder und Gefühle von dem, was sie gerade zuvor gemeinsam erlebt hatten, spürte ihre geballte Liebe, die ihn fast vergessen ließ, warum er gerade in ihrem Geist war, und arbeitete sich zu dem Tag vor, an dem sie mit ihren Eltern gesprochen hatte. Genau wie sie es gesagt hatte, fand er die Erinnerungen und zog sich wieder zurück.
Sanft küsste er sie. „Du liebst mich wirklich."
„Severus Snape! Das ist ja wohl die Höhe!"
Schnell beruhigte er sie mit weiteren Küssen. „So meinte ich das nicht, ich… Ich habe es nur nie für möglich gehalten, dass deine Gefühle…für jemanden wie mich…so…so stark sein können."
„Du bist unverbesserlich."
„Ich weiß."
„Bleibt das Thema Treffen. Ich habe noch nichts festgemacht, daher kannst du dir aussuchen, ob Oma dabei sein soll oder nicht, oder... Weiß ich nicht."
Severus dachte nach. Wenn Mrs. Tenerhale nicht gewesen wäre, wäre er vielleicht wieder allein. Was sie alles unternommen hatte, um zu ihm zu gelangen! Das würde ihm weder einer glauben noch würde er es jemals erzählen. „Ich weiß es auch nicht. Wie stehen deine Eltern dazu?"
„Sie lieben Oma. Vielleicht ist ihre Art manchmal zu...offen für andere, aber fast alle merken, dass sie aus dem Herzen kommt und dass sie ihnen nichts vormacht. Außerdem wäre sie niemals beleidigt, wenn wir nur zu meinen Eltern gingen ohne sie, und sie würde nicht ungefragt dazukommen."
Severus grinste in sich hinein. Nur nach Hogwarts kam sie ungefragt, doch gleichzeitig wusste er, dass man diese beiden Situationen wohl kaum miteinander vergleichen konnte. Da hatte sie nur mit dem Herzen gehandelt und nicht mit auch nur einem Fünkchen Verstand – zumindest ohne den, der für Sicherheit und Logik zuständig war.
„Wenn dir vielleicht ein neutraler Boden lieber wäre, hätten sie keine Probleme damit, das haben sie jedenfalls gesagt und können es verstehen."
Erneut überlegte er. Im Haus der Grangers gab es zu viele Dinge, die ihn an die Osterferien erinnerten, wobei ihm nicht wohl war. Allein schon die Couch im Wohnzimmer würde Bilder hervorrufen, die bei einem solchen Treffen nicht gerade förderlich waren.
„Omas Haus wäre halbneutral, was meinst du?", unterbrach sie seine Gedanken.
„In Ordnung."
Zwei wundervolle Tage verbrachten sie noch gemeinsam im Schloss, mussten sich nicht mehr verstecken, waren sowieso fast allein und nutzten die Zeit neben ein paar Spaziergängen auch dafür, ein paar Stellen Hogwarts' auf delikatere Art zu erkunden. Zwischendurch kam per Eule die Einladung von Harry und Ginny zu ihrer gemeinsamen Geburtstagsparty, auf der auch sein Name stand. Vehement wehrte er sich gegen Hermiones Überredungskünste und wollte nicht zusagen, tat er auch nicht.
Auch eine zweite Nachricht war mitgekommen, von Ginny an Hermione persönlich. Darin berichtete sie, dass sie ihr mal dringend was erzählen müsste und Hermione wunderte sich schon, warum ein Traum so ein Aufhebens verursachte und was das für ein Erlebnis sein könnte, von dem sie nicht einmal eine Andeutung machte. Sie hatten doch den Ball gemeinsam gefeiert bis auf kurze Momente zwischendurch. Hermione schüttelte mit dem Kopf und lachte. Da müsste sie sich wohl überraschen lassen. Aber Ginny war eben Ginny und daher war es dann doch nicht mehr so verwunderlich.
Dass sie sich noch sehr wundern und dabei mehr als einmal rot im Gesicht werden würde, konnte sie noch nicht ahnen.
*Elvis Presley: „Home Is Where The Heart Is"*
Home is where the heart is
And my heart is anywhere you are
Anywhere you are is my home
Am darauffolgenden Sonntag apparierten sie gemeinsam zu Großmutter Tenerhales Häuschen, der sie natürlich rechtzeitig eine Eule geschickt hatten. Von ihr wurden sie schon sehnlichst erwartet und willkommen geheißen, als hätte sie sie monatelang nicht gesehen. Hermiones Eltern kamen auch bald und die Begrüßung war zurückhaltend, aber sehr herzlich und mit einem festen Händedruck, besonders von ihrem Vater.
Emma lockerte das Ganze auf ihre Art auf und wuselte zwischen allen umher, vorzugsweise rund um Severus. Die Eltern amüsierten sich prächtig darüber, denn das hatten sie ja noch nie vorher gesehen.
Bei Kaffee, Tee und Kuchen wurde viel Smalltalk gehalten und viel gelacht. Naja, die meisten lachten. Emma wich nicht von Severus' Seite und er ließ hin und wieder ein Stück Muffin unter den Tisch verschwinden. Jeder sah es, keiner sagte etwas und er tat so, als wäre nichts geschehen.
Hugo Granger hatte schon immer ein großes Interesse an Severus' Fachgebiet gehabt und beide waren relativ froh, so ein gutes Unterhaltungsthema gefunden zu haben, denn so entstanden kaum verlegene Pausen. Rose klinkte sich hin und wieder ein und langsam verloren auch sie gegenseitig die Scheu.
Beim Tischabräumen – ganz ohne Magie – erzählte Jean ihrer Tochter von ein paar Erlebnissen mit Severus und sparte dabei nicht mit Einwürfen wie „Ist er nicht wunderbar?" oder „Wie gut sie zusammen passen!" oder wie sehr sie ihn mochte. Rose seufzte und grinste gleichzeitig und Hermione schüttelte nur mit dem Kopf, wobei sie eigentlich froh war, dass Oma es so in die Hand nahm.
Zwischendurch unterhielt sich Hermione mit ihren Eltern und Jean nahm die Gelegenheit wahr, unter dem Vorwand, ihm den Garten zeigen zu wollen, mit Severus zu reden. Gemeinsam schlenderten sie über die Wiese und blieben hier und da stehen, um ein paar Pflanzen oder das neu angelegte Kräutergärtchen zu betrachten, wobei er ihr wertvolle Tipps gab.
„Ich werde dich noch öfter dafür brauchen, das ist dir klar?"
„Jederzeit."
„Wunderbar. Und dann gibt es noch etwas, was ich dir sagen wollte."
Severus stockte der Atem. Nicht schon wieder! Was hatte sie jetzt wieder im Sinn?
„Keine Angst, bin ich so schlimm?" Sie lächelte gewinnend und er schwieg, was sie mit einem noch breiteren Lächeln quittierte.
„Ich wollte dich richtig willkommen heißen: Willkommen in unserer Familie, Severus. Ich habe dir das schon einmal gesagt, aber heute möchte ich es wiederholen, weil wir nun alle zusammen sind – nun gut, bis auf den Rest der Familie. Was auch immer ist, ich – wir – werden immer da sein, wenn ihr uns braucht, wenn du uns brauchst, jederzeit, wenn du es nur willst."
Er schluckte schwer. Solche Worte hatte noch nie jemand zu ihm gesagt und er wusste, dass sie jedes Wort genauso meinte, wie sie sie sagte, er wusste nur nicht, was man darauf antwortete.
„Ich..."
„Du musst nichts sagen, denn das Wichtigste ist gesagt, das weiß ich. Das Gefühl sagt mir, es ist mehr als Liebe, hm?"
Severus zuckte mit den Schultern, weil er nicht genau wusste, wie er es formulieren sollte. Mit den Händen in der Hosentasche und dem Blick fest auf die Wiese gingen sie ein paar Schritte weiter.
„Es fühlt sich so an...", begann er auf einmal, „...als... Als sei ich irgendwo angekommen."
Eine Weile schwieg sie und blieb dann stehen, um ihm in die Augen zu sehen. Ihre eigenen schimmerten leicht, vielleicht war es das Sonnenlicht, vielleicht auch Tränen.
„Ja...ja... Genauso...genauso habe ich mich damals auch gefühlt. Genau das ist es, Severus, genau das. Als wenn du endlich zu Hause bist, hier, nicht wahr?" Sie zeigte auf ihr eigenes Herz.
„Ja.", flüsterte er und sie klopfte ihm leicht auf die Schulter.
„Komm, ohne uns sind die anderen doch nur halb..."
Der Nachmittag war – glücklicherweise für Severus – relativ schnell vergangen und sogar angenehm gewesen. Jean hatte den Kühlschrank voll und daher beschlossen sie spontan, das Treffen zu verlängern und abends noch zu grillen bei dem schönen Wetter.
Hermione half ihrer Mutter beim Zubereiten des Salats, ihr Vater holte schnell mit dem Auto den Grill aus seinem eigenen Haus und Jean ging eine kurze Runde mit Emma. Sie hatte Severus natürlich dazu eingeladen, aber er genoss ein wenig Ruhe hinter ihrem Haus. Die Sommerblumen blühten prächtig und aus dem kleinen Kräutergärtchen, das sie sich neu erarbeitet hatte, strömten wunderbare Düfte zu ihm herüber, während er auf einem großen Stein neben dem mittlerweile verblühten Fliederstrauch saß und einfach nur er selbst sein konnte.
Wieso fühlte er sich so wohl hier? Tief im Inneren wusste er bereits die Antwort – es waren die Worte, die Jean ihm als echten Willkommensgruß gesagt hatte. Es fühlte sich an wie ein Zuhause – ganz frei von Erinnerungen aus der Vergangenheit.
Seine Gedanken machten sich auf in eine Zeit, über die man eigentlich gar nicht nachdenken sollte – in die Zukunft. Irgendwann könnte er sich vorstellen, auch so zu leben und vielleicht nur noch nach Hogwarts zu apparieren, um zu arbeiten. Sein Haus in Spinners End war keine Alternative und er würde versuchen, es loszuwerden. Am liebsten wäre ihm, dies alles ohne Hilfe des Zaubereiministeriums zu erledigen, denn es brauchte nicht jeder wissen. Wenn alles gut ginge und sich ihre Beziehung festigte, könnte er vielleicht Dr. Granger um Unterstützung bitten, wenn es um die Bürokratie oder ein Hauskauf ging.
Wie vieles andere konnte er nicht wissen, dass sich Jean über dieses Thema längst ihre eigenen Gedanken gemacht hatte – so war sie eben. Eines Nachts, als alles wieder gut geworden war und sich ihre beiden liebsten Sturköpfe endlich und endgültig wieder vertragen hatten, hatte sie einen Plan geschmiedet und sich so einiges durch den Kopf gehen lassen. Hugo und Rose hatten ihr Haus, ihre zweite Tochter Violet ebenso, das würde sicherlich einer ihrer beiden Söhne, Sam oder Travis, einmal übernehmen. Zudem waren da noch die Eltern von Isaac, ihrem anderen Schwiegersohn. Travis war jetzt schon ein Weltenbummler und würde sicherlich nicht auf einem Fleck der Erde bleiben wollen.
Da Hermione ein Einzelkind war, war es so einfach. Es könnte so schön sein, wenn sie nur wollten. Zur Not würde sie sie mit irgendetwas zwingen – dazu fiel ihr sicherlich etwas ein. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht war sie damals eingeschlafen.
Aber auch das konnte keiner aus ihrer Familie ahnen, schon gar nicht Severus, der gerade in…ihrem Garten saß.
Hugo Granger kam zurück und Severus fand, dass es an der Zeit war, sich so zu benehmen wie sonst. Nun, nicht ganz, aber wenigstens ein wenig selbstbewusster. Daher gesellte er sich zu Hermiones Vater, ließ sich erklären, wie man den Grill am besten in Gang setzte und unterhielt sich mit ihm über dies und das. Dabei lernte er, dass alles gar nicht so schlimm war, wie er sich in seinen Träumen – und Alpträumen – ausgemalt hatte. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass sie nur etwas mehr als zehn Jahre Altersunterschied trennte oder weil Dr. Granger generell ein ruhiger, aber geselliger und geduldiger Mann war und seine Tochter längst als erwachsen ansah, wenn er auch manchmal seine Scherze damit machte.
Gab es wirklich soviel Glück auf einmal? Severus schob auch diesen Gedanken beiseite und ließ sich einen Schluck Wein einschenken.
Gegen halb sieben war soweit alles fertig und der Duft von Steaks und Würstchen stieg in die Luft. Für Emma war es beinahe das Paradies und es kam noch besser.
‚Oh nein.', war Severus' erster Gedanke, als Emma plötzlich bellte und vor das Haus lief. Das konnte nur eines bedeuten: Noch mehr Leute. Nun, dagegen konnte man nichts tun, aber er wäre am liebsten auf der Stelle appariert. Jean war ihrem Hund nachgelaufen und kam bald darauf zurück.
„Wenn das kein Familientreffen ist!", freute sie sich und brachte ihren Enkel Sam, dessen Freundin Flora, ihre Tochter und deren Mann mit.
Als sie Severus erblickten, verstummten sie kurz, aber Oma hatte sie ja gerade vorgewarnt, dass ein besonderer Gast da war. Ihr Augenzwinkern hatten sie alle richtig gedeutet und konnten deshalb ihre Neugierde kaum unterdrücken.
„Severus, komm auch her. Darf ich dir meine andere Familie vorstellen?" Sie tat es und Violet – so ganz ihre Mutter und etwas anders als ihre Schwester – ging direkt auf ihn zu: „Ich bin Violet, wir sind es nicht gewohnt, uns zu siezen. Also, wir nicht." Sie zog mit der Hand einen imaginären Kreis um ihre Familie. Verhalten nickte er und wurde von den drei anderen per Handschlag begrüßt. Als Sam an der Reihe war, stöhnte Severus innerlich, weil er wegen diesem jungen Mann fast seine Beziehung mit Hermione verloren hatte.
Der grinste währenddessen noch breiter als seine Großmutter und Severus sah die verblüffende Ähnlichkeit im Gesicht und...im Verhalten. Die waren wohl vom gleichen Kaliber – diese Muggelworte umschrieben es am deutlichsten.
„Professor Snape also?" Sam betonte es genüsslich, aber keineswegs abwertend. Aus den Augenwinkeln taxierte er schon seine Cousine, aber bevor die etwas ahnte, zog er sie an der Hand von den anderen weg und platzte beinahe.
„SO recht hatte ich, Cousinchen? Du bist mir ja eine! Als ich den Scherz mit einem Lehrer machte, ahnte ich ja nicht... Wie cool!"
„Sam! Leise!"
„Du hast echt einen Lehrer flachgelegt?", flachste er und kicherte wie ein Vierzehnjähriger, anstatt sich zu benehmen, wie man es mit beinahe 26 Jahren eigentlich tat.
„SAM! Geht's noch deutlicher?" Hermione wurde knallrot im Gesicht.
„Sicher geht das, aber hier sind Kinder anwesend, also Du. Sonst hätte ich von den lieben Vögeln was erzählt!"
„Halt die Klappe!" Dabei haute sie ihm auf den Arm, aber er war schneller, schnappte sie sich, hob sie hoch und legte sie sich über die Schulter, wie er es schon immer gemacht hatte. „Lass mich sofort runter!", schrie sie. „Ich bin keine acht Jahre mehr!"
„DAS habe ich deutlich begriffen, Cousinchen!", sagte er scheinheilig.
Die anderen guckten und lachten, nur Severus sah ihnen entgeistert zu.
„Keine Angst, das ist normal bei dem Kindskopf, wie Sam einer ist.", beruhigte ihn Jean. Gut, dass sie nicht alles hören konnten.
„Lass ihn bloß in Ruhe.", zischte Hermione. „Es ist nicht ganz einfach."
„Schon gut, Süße. Wenn er hier ist, ist es ernst, hm?"
„Ja verdammt, und jetzt lass mich runter!"
„Alles klar. Wir bleiben auch nicht lang. Wir wollten... Ich wollte..."
„Du stammelst, so kenn ich dich nicht."
„Dann muss ich es jetzt wohl hinter mich bringen."
Als sie wieder bei den anderen waren und Hermione Severus verlegen angegrinst hatte, zog Flora drei Umschläge aus ihrer Handtasche und Sam nahm sie ihr ab. Einen davon öffnete er vor aller Augen, kritzelte irgendetwas auf das innenliegende Papier und verschloss ihn wieder. Er räusperte sich.
„Ähm ja, hört mal zu alle." Verlegen zog er eine Grimasse und kratzte sich am Kopf, wofür ihn Flora mit einem Klaps auf den Arm tadelte.
„Also, ich wollte euch...die offizielle Einladung zu unserer Hochzeit überreichen."
Sie wussten es ja alle schon im Stillen, aber die allseitige Freude war nun doppelt so groß. Hermione bekam ihre eigene Einladung, aber Sam hatte schnell noch Severus' Namen mit hinzugeschrieben. Ihr wurde warm ums Herz und zeigte Severus die schöne Karte.
„Unsere zweite gemeinsame Einladung!", freute sie sich und sah sich lange ihrer beider Namen an, vor allem das &-Zeichen dazwischen, das Sam so umständlich gekritzelt hatte. Severus atmete nur unmerklich die angehaltene Luft aus und fühlte sich beobachtet. Wurde er auch, vielmehr sie beide. Jean strahlte, Violet auch, aber sie wurden unterbrochen.
„Äh, da gibt's noch was."
„Was denn, Sam? Immer raus damit!", half ihm seine Großmutter.
Nervös nahm er die Hand seiner Freundin. „Ich...wir...wollten noch sagen, dass...wir... Äh, ich meine, das wird eine Hochzeit zu dritt."
Sams Eltern wussten schon Bescheid, aber der Rest nicht. Jean sah zum einen, zur anderen, zu Violet, zu Isaac... Und dann wurde es ihr klar.
„Oh bei Merlin!", quiekte sie – das hatte sie bei Mine und Severus aufgeschnappt – „IST DAS WAHR?" Überschwänglich nahm sie sie in den Arm, ließ sie wieder los, schob Flora von sich und betrachtete sie. „Wann?"
„Nach Plan im Februar."
Die Show, die Jean bot, war ohnegleichen und danach musste sie sich erst einmal setzen und etwas trinken – vorzugsweise etwas mit Alkohol. Die anderen Glückwünsche fielen etwas ruhiger aus.
Severus hatte das Ganze beobachtet, als hätte er drei verschiedene Persönlichkeiten. Die eine freute sich, dass er nicht mehr im Mittelpunkt stand. Die andere sah Jeans Reaktion und das erinnerte ihn an ihre Worte, die sie ihm damals in seinem Wohnzimmer gesagt hatte – die mit dem Geschenk. Ihm wurde übel, als er sich vorstellte, was auf ihn zukäme, wenn es wirklich... Aber dazu würde es ja nicht kommen, auf keinen Fall. Nicht jetzt, nicht bald, nicht... Die dritte Person mischte sich ein, schnitt ihm den Gedanken ab und ersetzte ihn durch eine wesentlich bessere Überlegung: Nun bekam sie ja ihr Geschenk und das auch noch in ihrem eigenen Geburtsmonat... Also war er raus aus der Sache! Was für ein Glück!
Die zweite Familie verabschiedete sich bald darauf und wollten auch nichts mitessen. Sie hatten eh nicht lange bleiben wollen, weil sie den Tag darauf in aller Frühe gemeinsam in den Urlaub fahren wollten.
Es dauerte noch eine Weile, bis sich Mrs. Tenerhale endgültig beruhigt hatte. Gleichzeitig hatte sie aber auch – wie so oft – alles im Blick oder unter Kontrolle gehabt, je nach dem, wie man es sehen mochte. Sie hatte sehr wohl das Mienenspiel von den anderen und vor allem von ihrem liebsten, neuen, grummeligen Familienmitglied gesehen. Grinsend trank sie ihren Orangensaft und gönnte sich noch eine gehörige Extraportion Sekt und Vanilleeis dazu.
Während des leckeren Essens, wozu sie nun endlich Zeit hatten, sprach Jean Severus ganz beiläufig auf das an, was ihr im Magen lag – oder eher auf der Zunge und auf dem Herzen. Sie lehnte sich etwas näher zu ihm und begann:
„Ich habe dich beobachtet, Severus.", flüsterte sie und schob sich noch eine Gabel voll Salat in den Mund, weil er dann so richtig schön Zeit zum Nachdenken hatte. Nein, weil sie ihn schmoren lassen wollte.
Er zog nur die übliche Augenbraue hoch, da es für ihn nicht mehr wirklich ungewöhnlich war, beobachtet zu werden, vor allem nicht von ihr. Daher aß er ebenfalls weiter und biss genüsslich in das wohlschmeckende Steak. Böser Fehler!
„Glaub ja nicht...", fuhr sie fort und passte damit den perfekten Moment ab, „...dass du damit raus aus der Sache bist. Von dir erwarte ich noch das Geschenk, egal, ob ich jetzt schon ein anderes bekomme. Es gibt auch noch Weihnachten, Ostern und 360 andere gute Tage dafür, und ich hoffe, ich habe noch viele Geburtstage vor mir." Sie sprach schnell und tat äußerlich so, als plauderte sie übers Wetter.
Severus blieb das Stück Fleisch im Hals stecken und verschluckte sich heftig daran. Während er hustete, rotierten seine Gedanken. Genau die gleichen Worte hatte er eben gedacht! Wie konnte sie?
„Ach herrje...", sagte sie laut. „Hast du dich verschluckt? Hugo, reich mal ein Bier rüber, er muss was trinken."
Severus' Augen funkelten vor Zorn, oder war es vor Anstrengung, als er ihr wortlos die Flasche Bier fast aus der Hand riss und einen Schluck nahm. Anschließend verzog er das Gesicht in einer anderen Variante und man konnte nicht genau sagen, ob es ihm nicht schmeckte oder ob es an etwas anderem lag.
„Nachtisch?", fragte Jean ein paar Minuten später und er ließ lautstark das Besteck auf den Teller knallen. „Schon gut, ich frage nicht mehr.", lachte sie und die anderen wussten nicht, was vor sich ging.
Als ihn Hermione später darauf ansprach, schwieg er eisern.
In der Woche, wo Hermiones Eltern noch Urlaub gehabt hatten, hatten sie sich noch zweimal getroffen und es wurde jedes Mal besser – und leichter. Beim zweiten Mal hatte Rose schon sehnsüchtig gewartet und hätte beinahe auch Severus umarmt, bevor sie sich besann und ihre Tochter an sich drückte. „Endlich seid ihr zu Hause.", hatte sie gesagt und für Severus hatten ihre Worte eine noch ganz andere, so guttuende Bedeutung.
Als Severus ganz gentlemanlike fragte, ob er Hermione für eine Weile in die Ferien entführen dürfe, wünschten sie ihnen eine wundervolle Zeit, aber nicht ohne das Versprechen einzufordern, gut auf sich aufzupassen, zu schreiben und danach wiederzukommen.
Severus war mit Hermione über ein paar Stationen an einen traumhaften Strand appariert. Es sollte eine Überraschung sein und er hatte nicht gesagt, wo es hinhing.
Die Art von Landschaft kam ihr ein wenig bekannt vor. Sie war mit ihren Eltern öfters verreist. Dennoch gab es unzählige Möglichkeiten, wo sie sich gerade befinden konnten. Vielleicht kannte sie sie auch aus Büchern oder von Fotos. Sie vermutete, dass sie zumindest im gleichen Land waren, indem die andere Zaubererschule, das Durmstrang-Institut, beheimatet war und er sicherlich die Gegend von früher her kannte, wenn auch aus traurigen Gründen. Allerdings wusste eigentlich keiner so genau, wo Durmstrang eigentlich lag, daher könnte es auch Hunderte von Meilen entfernt sein. Letztlich war es egal – nur das Hier und Heute zählte.
Tatsächlich hatte er eine große, aber abgeschiedene Bucht am Schwarzen Meer gewählt, die zu einem kleinen Land Osteuropas gehörte – fernab von Touristenschwärmen oder Hotelsiedlungen. Die Küste war eine Mischung aus einem schmalen Streifen Sandstrand, wohinter Felsformationen emporragten, nur um ein paar Meter weiter wieder zu vereinzelten Steinen abzuflachen. Ein Stückchen weiter auf festem Boden wuchsen grüne, duftende Sträucher oder Felder von leuchtend gelben Blumen, die sich in der leichten Brise wiegten.
„Es ist wunderschön hier."
„Wollen wir spazieren gehen?"
„Gerne."
Daraufhin zog Severus die Schuhe aus, krempelte seine neue Hose hoch bis an die Knie und Hermione nahm ebenso ihre Sandaletten in die Hand. Er nahm ihre freie Hand in seine und sie schlenderten eine Weile im Sand, während das Meerwasser ihre Füße umspülte und sie beide schweigend den Nachmittag in der Sonne genossen.
Eine schöne Stunde später blieb er auf einmal stehen und küsste sie. Seufzend schlang sie ihre Arme um seine Taille und gab sich ganz ihren glücklichen Gefühlen hin.
„Das war ein Alptraum...", unterbrach er plötzlich die Idylle.
„Wie bitte?", hakte sie völlig überrumpelt nach.
„...Damals, als du mich genötigt hast, vor dem Fernseher zu sitzen, so krank wie ich war…"
Hermione unterbrach ihn, stemmte die Hände in die Hüfte und machte extra einen Schmollmund: „Ich dachte, es würde romantisch hier…"
„Schscht… Seit diesem Tag geht mir Sex on the beach nicht mehr aus dem Kopf…"
„Der Cocktail? Ich sehe hier weit und breit kein…"
„Lass mich doch zu Ende reden… Nein, nicht der Cocktail…", raunte er in ihr Ohr. „Jetzt will ich dir endlich zeigen, was Zauberer darunter verstehen."
ENDE
A/N:
So, ihr Lieben, was Sev sich nun vorstellt, bleibt Eurer Fantasie überlassen – die beiden sind glücklich vereint und Sev hat endlich einen Ort und vor allem Menschen, wo er sich zuhause und geliebt fühlt.
Mein Dank ist ausgesprochen, das fluffy-Happy-End geschrieben, wovon ich hoffe, dass es euch ein wenig versöhnt und vor allem gefallen hat? Aber weil ich nicht gut im Abschiednehmen bin, vor allem nach so langer Zeit, habe ich mir und meiner Seele einen Epilog geschrieben, obwohl so etwas ja nur entweder geliebt oder gehasst wird. Aber – mir war einfach danach und ich konnte nicht anders. Und wenn auch nur eine(r) von Euch einen kleinen Ausblick in ihre Zukunft haben möchte, dann werde ich ihn mit Euch gerne teilen ;o)
VLG, nur KeyMagic
