/Backdoor (pt 2)/

Susan sah aus dem Fenster.

Es war nun schon 6 Wochen her, dass sie von ihrer Krankheit erfahren hatte und jeden einzelnen Tag verbrachte sie hier im Krankenhaus mit Chemotherapien, Strahlentherapien und sonstigem Zeugs, von denen sie wusste, dass es sie nicht retten würde, sondern nur hinhält. Sie hatte drastisch an Gewicht abgenommen und ihre Hustenanfälle wurden immer häufiger. Die Sonne schien auch seit Tagen nicht mehr. Dauernd nur grauer Himmel, aber geregnet hatte es bis jetzt noch nicht.

In den ersten Tagen hatten sich deutlich mehr Leute die Mühe gemacht zu kommen, Arbeitskollegen oder andere gute Bekanntschaften, doch je länger sie hier drin ihre Zeit verbrachte, desto weniger Menschen kamen. Es fühlte sich so an, als würden sie sie jetzt schon vergessen. Als hätten diese Leute ihren Frieden mit der Tatsache gemacht, dass sie sterben würde, bevor sie es selbst überhaupt getan hatte.

Doch so frustrierend das auch war, allein war sie nie. Sie bekam immer noch täglich Besuch von Flynn und Alan. Manchmal kamen auch Lora und Jordan mit Sam, aber ihre beiden besten Freunde waren die einzigen, die sie wirklich brauchte. Trotzdem... Sie war so niedergeschlagen, richtig depressiv. Nichts konnte ihre Laune heben in letzter Zeit. Nichts außer...

Der Raster.

Jede Nacht träumte sie davon Von herumlaufenden Programmen, von einer strahlenden Welt... Und jedes Mal wachte sie auf und war furchtbar enttäuscht wenn sie das langweilige Krankenzimmer sah, und den noch langweiligerem grauen Himmle draußen. Untertags machten die Gedanken an diese digitale Welt ihr die Untersuchungen leichter.

Dennoch hatte sie bis auf dieses eine Mal nicht mit Flynn nicht darüber gesprochen. Doch diese Nacht hatte sie einen besonders intensiven Traum, der sie auf eine Idee gebracht hatte. Eine völlig schwachsinnige und verrückte Idee, doch sie nahm jeden Funken Hoffnung in sich auf, den sie kriegen konnte.

Sie hatte die Krankenschwester darum gebeten, Flynn anzurufen und ihm zu sagen, dass sie dringend mit ihm sprechen müsse. Jetzt wartete sie, aus dem Fenster starrend, und hoffte, dass ihr Plan nicht zu wahnsinnig wäre. Eine halbe Stunde dauerte es, bis es an der Tür klopfte.

"Herein!", sagte sie laut mit krächzender Stimme und musste sofort husten.

Flynn trat vorsichtig ein.

"Hey!" Susan versuchte leicht zu lächeln.

"Hi." Flynn trat ein, schloss die Tür sachte hinter sich und setzte sich dann auf den Stuhl links neben ihr. Er bewegte sein Hinterteil ein bisschen hin und her und lachte: "Mann, die haben hier wirklich nur unbequeme Stühle was?" Dann blieb er kurz in einer Position, hob den Finger um zu symbolisieren, dass er noch nicht fertig war, seufzte und bewegte sich wieder.

Susan lachte schwach. Flynn war wirklich ein komischer Kerl.

Als es endlich aufgab nach Bequemlichkeit zu suchen, sagte er: "Aaaaaalso... Die Schwester am Telefon sagte, du müsstest mich dringend sprechen. Ich hab schon Angst bekommen als ich bemerkte, dass der Anruf vom Krankenhaus kam, das kannst du mir glauben, Kleine..."

"Keine Sorge, mir geht's nicht schlechter als sonst."

Flynn sah ernst drein. "Was ist los?"

Susan seufzte. Sie wollte gerade anfangen zu sprechen, als sie merkte wie unangenehm das im Liegen wäre. Also deutete sie Flynn ihr zu helfen sich aufzusetzen. Als sie dann aufrecht saß, atmete sie tief durch. "Na gut. Also... ähm... Ich wollte mit dir über etwas sprechen, wovon wir schonmal gesprochen haben." Sie machte eine Pause und schaute ihm in die Augen. "Über den Raster."

Flynn sah überrumpelt aus. Er hatte wohl nicht mit so etwas gerechnet. "Den... Raster?"

"Ja."

Er legte eine Hand nachdenklich an sein Kinn. "Ok..."

"Weißt du, seit du mir davon erzählt hast, träume ich ständig davon, von den Lightcycles und alles."

"Ok...", sagte er wieder. "Und was...", fragte er zögerlich. "Was willst du jetzt wissen?"

"Kevin... Schau mir bitte in die Augen und sag mir, ob du mir die Wahrheit gesagt hast, als du mir erzählt hast, dass es das alles wirklich gibt im Computer."

Flynn richtete sich auf und sah sie an. "Es ist wahr. Ich hab dich nicht angelogen."

Susan nickte. "Na gut... Ich glaube dir."

"Wirklich?", fragte er verblüfft.

"Du würdest mich nicht anlügen. Und so verrückt, dir sowas auszudenken, bist du nun wirklich nicht."

Flynn lehnte sich zurück und lächelte leicht. "Danke, dass du mir glaubst, Susan."

Sie lächelte zurück. Doch dann wurde sie wieder ernst. Nun kam der wichtigste Part ihres Plans, die wichtigste Frage. "Kev, das ist aber noch nicht alles. Ich wollte dich fragen... Wenn du da... reingehst, bist du dann nicht eigentlich auch als Datei im Computer? Ich meine, könnte man doch nicht als Code auf dem Bildschirm sehen?"

"Naja, ich hab's noch nicht ausprobieren können, immerhin weiß außer dir niemand davon... Aber ich bin mir eigentlich schon ziemlich sicher, dass es so ist. So funktioniert Lasercontrol."

"Und könnte man damit dann alles machen, wie mit anderen Programm-Codes auch? Also, löschen, verschieben..." Sie schluckte. "Kopieren?"

Flynn runzelte seine Stirn. "Ähm..." Auf einmal dämmerte es ihm. Er stand blitzschnell auf. "Nein... Du willst doch nicht...?"

"Doch, Kev, bitte!"

"Nein, das mach ich nicht!"

"Kev, komm schon!"

"Nein!"

Er ging schnell, nahezu panisch, auf und ab.

Susan seufzte. "Kev...", keuchte sie leicht genervt.

"Nein"

"Kevin!"

"Nein!"

"FLYNN!", schrie sie und büßte dafür mit einem weiteren Hustenanfall.

Flynn stand ihr sofort beiseite und fragte besorgt: "Geht's?"

Sie nahm ein Taschentuch von ihrem Nachttisch und hustete kräftig rein. Als sich der Husten langsam legte, sah sie kurz auf das Taschentuch, was voller Blut war.

"NEIN ES GEHT NICHT!", kreischte sie, hielt das Taschentuch demonstrativ hoch und schmiss es wütend weg. "Verdammt! Ich bin verzweifelt, Kevin! Ich bin eine 27 jährige Frau, die bald sterben wird! Außerdem habe ich praktisch noch gar nicht gelebt! Scheiße, ich hab alles aufgeschoben! Wenn es also auch nur die kleinste Hoffnung auf mein Überleben gibt, DANN ERGREIFE ICH SIE!"

Wieder Husten. Dieser legte sich schneller. Susan sackte erschöpft in ihren Polster zurück. Eine Träne lief ihr über die Wange. "Ich will doch nur leben... Kevin, ich brauche dich! Wieso willst du mir jetzt nicht helfen?" Sie fing an bitterlich zu weinen.

Nun kämpfte auch Flynn mit den Tränen. "Ich weiß, Susan, ich weiß... Aber ich... kann nicht..."

"Wieso nicht?", wimmerte sie.

"Du kennst diese Welt da drin doch gar nicht. Wenn ich dich wirklich per Lasercontrol da rein schicken würde, dann deine Datei kopieren und sie restaurieren, sodass du wieder völlig gesund wärst, könntest du dann nicht mehr raus! Du wärst ein Programm, zwar eins mit den Erinnerungen eines Users, aber trotzdem ein Programm! Das wärst doch gar nicht mehr du..."

"Was macht uns denn zu dem was wir sind? Was bedeutet es zu leben? Aus Fleisch und Blut zu sein? Nein, es sind unsere Taten, unsere Erinnerungen..."

"Du wärst dort drin gefangen!"

"Das einzige was ich vermissen würde, sind meine Freunde. Dich habe ich ja dann noch und ich warte einfach, bis du Alan und Sam auch davon erzählst und dann werde ich euch alle wiedersehen."

"Ja, aber... Ich bin nicht immer dort drin. Du wärst die ganze Zeit alleine in einer Welt die du nicht kennst, in der alles anders ist. Was für ein Leben ist das?"

"Zumindest ist es ein Leben..."


2 Tage war es her, dass sie mit Flynn darüber gesprochen hatte. Er hatte zum Abschluss überlegt, jedoch dann doch nein gesagt.

"Es wäre zu gefährlich...", hatte er gesagt.

Zu gefährlich? Was sollte denn schon passieren? Könnte sie dabei etwa sterben? Bei dem Gedanken musste sie schmunzeln. In ein paar Wochen wäre sie sowieso schon tot, auf die kommt es doch gar nicht mehr an.

Flynn hatte sich seit diesem Gespräch nicht mehr bei ihr blicken lassen. Er sei sehr beschäftigt hieß es, aber sie war sich nicht sicher ob das stimmte. Wahrscheinlich wollte er nur etwas Gras über die Sache wachsen lassen und dann bald wieder kommen. Es würde Susan auch gar nicht stören... Wenn sie nur nicht wissen würde, dass Zeit jetzt sowieso schon sehr kostbar in dem Leben, was sie noch übrig hatte, war.

In den letzten 2 Tagen hatte sie einen wichtigen Beschluss gefasst: Sie wird überleben. Sie hatte bereits einen Plan: Sie würde selbst in die Spielehalle gehen, Flynn's geheimes Büro darunter suchen, sich in seinen Computer reinspielen und dann selbst von innen versuchen sich zu kopieren. Flynn hatte gesagt, dass er von innen Programme erstellen konnte. Also wieso dann nicht auch eine einfache Kopie anlegen?

Dennoch würde es schwierig werden. Sie war mittlerweile noch schwächer geworden und konnte kaum ein paar Schritte gehen, geschweige denn zur Spielehalle. Aber sie hatte sich so gut vorbereitet wie nur möglich: Sie hatte mehr gegessen, was sie fast wieder erbrochen hätte. Doch sie hatte ihren Körper dazu gezwungen es drin zu behalten. Sie hatte schon immer ein gutes Körperbewusstsein und an eisernen Willen fehlte es ihr auch nicht. Außerdem hatte sie die Krankenschwestern beobachtet, wann welche Schicht beginnt und wann der Flur leer war. Se hatte auch Alan darum gebeten ihr ein paar von ihren hübschen Klamotten zu bringen, mit dem Vorwand, sie wolle sich noch einmal hübsch im Spiegel sehen bevor sie starb. Selbst wenn das war gewesen wäre, hätte sie es aber nicht gekonnt. Denn so dünn wie sie jetzt war, gefiel sie sich selbst nicht mehr. Aber er hatte es getan. Ein nettes schwarzes Kleidchen mit weißen Punkten hatte er ihr gebracht. Perfekt! Hosen gefielen ihr zwar eigentlich viel besser, doch eine Jean würde ihr Gewicht nur noch mehr vergrößern, was noch größere Anstrengung bedeuten würde und das konnte sie sich nicht leisten. Und die letzte Vorbereitung war, und darau war sie gar nicht stolz, dass sie Alan seinen Schlüsselbund entwendet hatte. Sie wusste nämlich, dass Flynn ihm einen Ersatzschlüssel für die Spielehalle gegeben hatte. Es tat ihr Leid, dass sie ihn bestohlen hatte, doch es war eben nötig.

Es war 0:13. Susan lag ruhig in ihrem Bett und starrte nach oben zur Decke. Mental bereitete sie sich schon auf alles vor. Sie wusste, dass gleich eine Schwester nach ihr sehen würde, schauen, ob sie schläft. Sie versuchte auch ihren Körper nicht schwach werden zu lassen. Sie zog jeden Muskel, von unten bis oben, einmal zusammen und ließ ihn dann wieder los.

Da hörte sie auch schon, wie die Türklinke langsam hinuntergezogen wurde. Sie schloss schnell ihre Augen. Sie hörte die Schwester kurz verharren und dann wie die Tür wieder zu ging. Susan grinste. Ihre Fingerspitzen kribbelten. Sie war aufgeregt und das verlieh ihr noch zusätzliche Kraft.

Sie setzte sich langsam auf und wartete, bis der Schwindel halbwegs weg war. Dann stieg sie leise aus dem Bett und tastete im Dunklen nach dem Stuhl genau vor ihr. Sie erreichte ihn und hielt sich für einen Augenblick daran fest, damit ihre Augen Zeit hätten, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Nach ein paar Sekunden sah sie schon wieder recht gut und sie ging langsam zum Fenster. Dort angekommen zog sie die Jalousie hoch und ließ das helle Laternenlicht in ihr Zimmer. Nun konnte sie alles sehen. Sie steuerte auf den anderen Stuhl in ihrem Zimmer zu, worauf das Kleid lag. Sie zog es schnell an und ging zur Tür. Sie drehte sich nocheinmal um.

Auf dem Nachttisch lagen zusammengefaltete Zettel. Sie hatte Alan und ein paar anderen einen Abschiedsbrief geschrieben, mitunter auch Sam. Doch sie hatte darauf geschrieben, dass er ihn erst lesen sollte wenn er älter war, ein Teenager oder so. Er würde es sonst alles nicht verstehen.

Gerade als sie die Klinke runterdrücken wollte, bemerkte sie links von sich einen Spiegel. Sie zögerte. Aber dann stellte sie sich doch noch schnell davor.

Was sie sah, gefiel ihr nicht. Ihre Rippen waren deutlich erkennbar auf ihrem Dekolleté, das Kleid passte ihr nicht mal mehr richtig. Sie hatte dunkle Schatten rund um den Augen und eingefallene Wangen. Ihre Beine waren auch sehr dünn. 'Ich seh aus wie ein Storch...', dachte Susan und musste fast über sich selbst lachen. Sie hatte nie Probleme mit ihrem Gewicht gehabt, brauchte nie eine Diät oder ähnliches halten um schlank zu bleiben. Das war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich selbst hässlich fand.

Sie schaute schnell weg und versuchte sich einfach daran zu erinnern, wie sie vorher ausgesehen hatte.

Sie ging zur Tür, holte tief Luft und drückte die Klinge hinunter.


"Hä?", sagte Flynn müde in den Hörer hinein.

Das Telefon hatte ihn sofort geweckt. Seit 2 Tagen, wurde er ständig vom Vorstand von ENCOM angerufen, was ihn davon abhielt Susan zu besuchen. Das und seine Angst, sie würde ihn nicht mehr sehen wollen oder nochmal um seine Hilfe bitten. Doch es war niemand von den nervigen Mitgliedern des Vorstands.

"Hi, Flynn. Tut mir Leid, dass ich dich so spät in der Nacht anrufe..."

Flynn stand auf und ging aus dem Schlafzimmer um Jordan nicht zu wecken.

"Ach, schon gut, Bradley. Ich bin's irgendwie schon gewohnt. Was gibt's denn, mein Freund?"

"Naja, ich wollte gerade nochmal in die Firma, weil ich was wichtiges dort vergessen habe. Aber finde meine Schlüssel nicht! Ich wollt nur fragen, ob du vielleicht mal kurz bei dir nachsehen könntest."

"Klar, mach ich sofort, Mann."

Flynn ging runter ins Wohnzimmer und suchte. Es vergingen ein paar Minuten, ohne, dass er Erfolg gehabt hatte. Während er weitersuchte, fragte er: "Hast du sie denn bei mir das letzte Mal gesehen?"

"Nein, ich glaube das letzte Mal hatte ich sie als ich zu Susan ins Krankenhaus Gefahren bin."

"Hm, vielleicht hast du sie ja irgendwo dort ver-" Er blieb abrupt stehen. Ihm stockte der Atem.

"Flynn?"

"Sag mal... Ist auf deinem Schlüsselbund auch der Ersatzschlüssel zur Spielehalle?"

"Äh... Ja. Wieso?" Flynn legte auf und sprintete los.


Susan stieg aus dem Taxi.

"Das macht 26$, Ma'am."

Sie sah in ihr Portemonnaie. Sie hatte nur 2 Hundertdollar Noten drin. 'Was soll's, ich fange sowieso nichts mehr damit an...' Sie nahm einen davon raus und gab ihn dem Taxifahrer.

"Stimmt so."

"Das sind 100 Dollar, Miss!"

"Ich weiß und ich sagte: Stimmt so."

Der Fahrer sah völlig verwirrt aus. "Da-Danke, Ma'am!"

"Schon gut..."

Sie wollte sich zum gehen wenden, doch der Fahrer fragte: "Wie heißen Sie, Miss? Nur damit ich in der Kirche für Sie beten kann."

Susan lächelte ihn an. "Susan Gifford."

"Danke nochmal, Miss Gifford!", sagte der freundliche Alte und fuhr los.

Sie freute sich jemanden so glücklich zu machen. Obwohl sie nicht an Gott glaubte, fand sie es dennoch nett, dass der Mann für sie beten wollte. Kam nur leider etwas zu spät.

Sie drehte sich um und betrachtete kurz Flynn's Spielehalle.

Ihr Plan hatte bis jetzt perfekt funktioniert. Wie sie es geplant hatte war niemand im Flur gewesen und sie konnte sich schnell aus dem Krankenhaus stehlen. Einmal kurz musste sie sich am Klo verstecken, doch dann ging es weiter. Sie hatte mehrmals eine Verschnaufpause einhalten und den Brechreiz unterdrücken müssen, doch letztendlich hatte sie es geschafft gehabt. Zum Glück waren vor dem Krankenhaus mehrere Taxis gestanden und sie hatte sich in das näheste geradezu reinfallen lassen vor Erschöpfung. Unter ihrem vielen keuchen konnte sie gerade noch "Flynn's Spielehalle" rausbringen können. Während der Fahrt hatte sich sich einigermaßen erholt und war dann um 0:45 dort gewesen.

Sie ging wackeligen Schrittes auf die Spielehalle zu. Sie holte die Schlüssel raus und sperrte das dicke Schloss beim Eingang auf. Sie musste sich kurz beim Gitter festhalten und tief durchatmen bevor sie die Kraft dazu gefunden hatte, die Tür aufzustoßen.

Drinnen war es stockfinster. Gerade mal das Licht von der Laterne draußen erhellte den Eingangsbereich. Da Susan nahezu jeden Tag in den letzten Jahren, natürlich ausgenommen der letzten Wochen im Krankenhaus, hier verbracht hatte, wusste sie nun auch, wo der Stromschalter war. Sie suchte ihn im Dunkeln und als sie ihn ertastet hatte, drückte sie ihn nach oben. Sofort gingen das Licht und die Automaten an und die Boxen fingen an Musik zu spielen. Susan lächelte und schloss für einen Moment ihre Augen. Endlich war sie wieder hier.

"...broken in two, two, two...", sang sie grinsend mit und machte sich auf den Weg den geheimen Eingang zu Flynn's unterirdischen Büro zu finden. Da sie sich hier sowieso schon gut auskannte, konnte sie einige Plätze ausschließen.

Sie suchte überall ... ohne Erfolg. Nach einer halben Stunde wollte sie schon fast aufgeben. Ihr Kräfte schwanden mit jeder Sekunde und sie konnte diesen verdammten Eingang nicht finden. Ihr rannte die Zeit davon.

Sie lehnte sich gegen eine Wand und atmete tief durch. Sie fühlte sich schon ziemlich erschöpft. Bald würde sie nicht mehr von alleine stehen können. Dann würde alles um sonst gewesen sein. Wie sie das hasste...

Verzweifelt und schweißgebadet sah sie sich um. Da fiel ihr was ins Auge.

Am Ende des Ganges stand ein einzelner Automat über dem groß die Aufschrift 'TRON' thronte. Susan lächelte leicht und ging darauf zu.

Sie sah auf den Automatenbildschirm. Kaum zu glauben, dass das da drin echt ist. Hatte Flynn sie vielleicht doch nur angelogen um sie aufzuheitern?

Susan dachte nach. Sie sah nochmal hoch. 'TRON', warst du echt?

Sie schaute wieder auf den Automaten und strich sachte über den Bildschirm. Plötzlich wurde ihr schwindelig und sie hielt sich fest. Sie ging einen Schritt, um sich an die rechte Seite des Automaten lehnen zu können.

Mit geschlossenen Augen atmete sie schnell ein und aus. Sie zwang sich zur Ruhe, doch es gelang ihr nicht. Sie schluchzte. Eine kleine Träne rann ihr über die Wange. Sie ballte ihre Rechte zur Faust und schlug nach hinten aus auf den Automaten. Auf einmal gab der nach und schob sich ein bisschen weg.

"Ups..."

Susan drehte sich um und wollte ihn wieder zurechtrücken. Doch als sie gerade die Hand auf ihn legte sah sie rechts von sich hinter dem Automaten einen Spalt Metall. Verdutzt schaute sie genauer hin.

"Nein, oder?" Ein weites Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Sie schob den Automaten vollends zur Seite und machte sich damit den Weg frei für eine Tür. "Gibt's ja nicht..."

Neue Energie durchströmte sie, doch sie wusste, dass das leider nicht lange anhalten würde. Sie müsste sich beeilen, sie dürfte jetzt auf keinen Fall Zeit vergeuden.

Sie öffnete die Tür und trat in einen dunklen Flur. Sie ging nach Gefühl einfach geradeaus und spürte schon die erste Treppe unter sich. Weiter vorne sah sie Licht. Sie ging langsam bis zum Ende der Treppe. Links war eine große Tür mit einem Schloss.

"Verdammt!" Dafür hatte Susan keinen Schlüssel. Aber sie war zu weit gekommen als jetzt aufzugeben.

Sie hastete nocheinmal hoch zur Halle, dann in Flynn's eigentliches Büro und holte sich dort eine Rohrzange aus der Abstellkammer. Das kostete sie alles sehr viel Kraft, auch die Zange runterzuschleppen, aber es gab nun kein zurück mehr.

Unten angekommen, nahm sie all ihre Kräfte zusammen und schlug auf das Schloss, das, zum Glück, sofort geknackt war.

Susan stieß die Tür auf.

Es war nur ein Raum. Er war völlig zugeräumt. Rechts ein großer Schreibtisch und viele Zettel und links irgendwelche Gerätschaften.

Susan ließ die Rohrzange fallen und ging hinein. Sie setzte sich sofort auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und atmete schwer. Aber nein! Sie konnte sich keine Verschnaufpause leisten, nicht jetzt.

Sie schaute auf den Schreibtisch und berührte die Platte. Plombier erschrak, weil plötzlich alles blinkte und ein Computerbildschirm unter all den Zetteln sichtbar wurde. Ja! Sie hat Flynn's Computer gefunden!

Sie machte sich gleich an die Arbeit. Es war einfach Kevin's Passwort herauszufinden, da sie ihn doch in und auswendig kannte. Aber was nun? We hieß das Teil nochmal, von dem er gesprochen hatte? Laser... Irgendetwas mit Laser... Lasercontrol?

\: find_Laserconrtol

\: LLLSDLasercontrol

Na gut, alles oder nichts.

\: bin/LLLLSDLasercontrol -ok

Aperture Clear? Yes No

Susan hielt die Luft an. Alles um sie herum war still. Sie schloss die Augen. "Bye, Welt..."

Yes - Enter

Plötzlich war alles hell erleuchtet, für eine Sekunde, und dann wurde es wieder schwarz.

Susan lag auf dem Boden und keuchte. Alles um sie herum drehte sich. Ihr war unglaublich schlecht, aber sie unterdrückte den Brechreiz. Ihre Gliedmaßen fühlten sich so schwach an, dass sie sich kaum bewegen konnte. Aber als sie endlich einen klaren Gedanken fassen konnte, dachte sie: 'Ich bin auf dem Raster.'

Sie öffnete die Augen. Alles um sie herum war dunkel. Nur ein kleines Fenster direkt vor ihr brachte etwas Licht herein. Es war immer noch das unterirdische Büro von Flynn, aber irgendetwas war anders.

Sie richtete sich mühsam auf. Augenblicklich wurde ihr noch elender. Doch sie ignorierte es. Sie musste endlich fertig werden. Also zog sie sich mit letzter Kraft auf den Stuhl zurück. Es erforderte mehrere Anläufe aber letztendlich schaffte sie es. Doch als sie die Tischplatte berührte, geschah nichts.

"Nein...", keuchte sie. "Nein, nein, wo ist der Bildschirm was...?"

Dann kam ihr ein Gedanke. 'Ich bin HINTER dem Bildschirm. Und ich bin ein User. Ich mache hier, was ich will...'

Es war wie in einem Traum. Wenn man sich der Tatsache bewusst war, dass es sein eigener Traum war, konnte man ihn steuern.

Nun würde sie diese Welt steuern. Susan dachte kurz nach und sah sich um. Sie holte tief Luft und probierte einfach mal etwas.

Sie stand auf und hockte sich auf den Boden. Mit geschlossenen Augen konzentrierte sie sich. Auf einmal leuchtete eine Scheibe vor ihr auf und sie sah ihr Spiegelbild. Sie berührte mit der rechten Hand die Scheibe. Dort wo ihre Fingerspitzen rasteten, leuchtete alles hell auf. In der oberen Ecke links erschien plötzlich eine Schrift:

New Program or copy?

"Kopieren...", krächzte Susan. Ein heftiger Schmerz durchzuckte sie und sie fing an zu husten. Plötzlich bemerkte sie aber, wie sich blaue Rechtecke auf ihren Füßen breitmachen und sich auf ihren ganzen Körper ausbreiteten. Es ertönte eine Frauenstimme: "Scan gestartet."

Susan hustete unterdessen immer weiter in ihre Hand und spürte wie diese von dem Blut ganz nass wurde. Nun war schon ihr ganzer Körper mit leuchtenden Rechtecken übersät. "Scan abgeschlossen. Upload wird gestartet."

Susan sah kurz auf und bemerkte, wie direkt vor ihr wieder die leuchtend blauen Rechtecke erschienen. Doch diesmal bildeten sie selbst ein Gerüst, das langsam die Form eines Menschen, der am Boden lag, annahm.

Es war wunderschön mitanzusehen.

Haut zog sich stückweise über den leuchtenden Körper aus Rechtecken und es entstand langsam ein neues Wesen. Doch nicht ganz neu. Die Frau, die da auf dem Boden lag sah genauso aus wie Susan.

Ihr selbst lief eine Träne über die Wange und dann schwanden ihr die Kräfte. Sie legte sich immer noch leicht hustend auf den Boden neben ihrem anderen Ich und atmete schwer.

"Upload abgeschlossen"

Susan lächelte leicht bevor sie wieder einen stechenden Schmerz empfand und plötzlich alles wieder hell wurde. Und von einer Sekunde auf die andere fand sie sich in Flynn's Büro in der realen Welt wieder, in Flynn's Armen.

"Susan! Geht's dir gut? Susan rede mit mir!"

Sie sah ihn durch halbgeschlossenen Lidern an. "Ich hab's geschafft...", krächzte sie.

"Was? Ich..."

"Kev..." Sie legte ihm eine Hand auf die Wange und flüsterte: "Ich liebe dich wie einen Bruder. Es tut mir Leid..."

Dann schloss sie ihre Augen ganz und ihre schnelle Atmung wurde langsamer. "Versprich mir, dass du mich rettest..."

"Ja, ich hab die Rettung schon gerufen! Sie sind gleich da, gib jetzt bloß nicht auf!"

"Nein, ich meine drinnen. Versprech's..."

"Ich versprech's! Ich verspreche dir alles! Nur bleib noch bei mir!"

Susan lächelte und atmete aus. Aber nicht wieder ein.