Author's Note: Hier das neue Kapitel! ^^ Nur eine kleine Anmerkung dazu: Von der Mitte des zweiten Absatzes bis dessen Ende hab ich 'Recognizer' von TRON: Legacy Soundtrack gehört, weil ich finde, dass es die Atmosphäre und die Gefühle in dieser Szene verdammt gut unterstreicht :) Vielleicht hilft es euch ja auch, sich besser in die Story einzufühlen ^^ ENJOY, PROGRAMS!


/Reintegration/

Als Susan die Tür zu ihrem Appartment öffnete, wurde ihr schwindelig. Ihr Versuch tief tief einzuatmen misslang.
Flynn stand von ihrer Couch auf. Er lächelte breit. "Susan...", sagte er und öffnete seine Arme.
Susan schnellte zu ihm und verpasste ihm eine kräftige Ohrfeige. Flynn sah ganz verdutzt drein, richtig geschockt. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und weinte jetzt los. Sie klammerte sich an ihn und heulte in seine Jacke rein.
Lange verharrten sie leise in dieser Umarmung.
Was war nur mit seiner Freundin los? Flynn war ganz perplex. Sie war doch so glücklich gewesen als sie sich gestern getrennt hatten. Da fiel es ihm ein: Er hatte ihr nicht vom Zeitunterschied erzählt.
Er umarmte Susan nun auch ganz fest und flüsterte: "Es tut mir Leid..."
"Was war denn los mit dir? Wieso hast du mich 50 Tage allein gelassen?", schniefte sie als sie sich leicht von ihm wegdrückte.
"Verdammt, ich hab dir nichts erzählt... Weißt du, hier drin läuft die Zeit viel schneller ab als draußen. Tatsächlich waren diese 50 Tage, von denen du sprichst, für mich nur 24 Stunden! Es tut mir so Leid..."
Susan sah ihn fassungslos an. "Oh...", hauchte sie. Und als sie verarbeitete, was er ihr gerade erklärt hatte, rief sie: "OH!", und umarmte ihn wieder.
"Es tut mir so Leid", wiederholte er.
"Nein, mir tut es Leid."
Er lachte. "Ach, die Ohrfeige war nicht so schlimm."
Sie blieb jedoch ernst. "Nein, die mein ich nicht, die hast du schon verdient für deine Vergesslichkeit. Ich meine, es tut mir Leid, dass ich es gemacht habe..."
"Was gemacht?"
"Die Kopie." Sie ließ ihn los und ging auf und ab. "Kev, ich..." Wieder rannen ihr dicke Tränen über die Wangen. "Ich gehöre hier nicht hin..."
Flynn legte seine Stirn in Falten. "Was redest du da?"
Susan seufzte. "In diesen 50 Tagen habe ich gemerkt, dass ein Programm auf keinen Fall Erinnerungen an eine andere Welt haben sollte, eine Welt, die mir besser gefällt, die so viel mehr zu bieten hat... Ja, zugegeben, ich habe noch nicht viel gesehen und dieser Club dort war einzigartig, aber ich..." Ihre Stimme versagte ihr. Unter Schluchzern brachte sie heraus: "Ich vermisse mein altes Leben!"
Flynn konnte es nicht fassen. Es war passiert. Wie er es ihr prophezeit hatte. Sie würde hier gefangen sein, hatte er gesagt. War es letztendlich doch ein Fehler gewesen sie zu retten? Nein! Das war es nicht. Sie lebte und das war alles was zählte.
Er umarmte sie wieder. "Susan, das..."
"Nein, ich bin nicht Susan! Ich bin nur eine billige Kopie von ihr!", heulte sie.
"Das ist Blödsinn, Mann!" Ihm kamen nun auch fast die Tränen. Seine Freundin in so einer Depression, einer Identitätskrise, zu sehen brach ihm beinahe das Herz. Er stieß sich leicht von ihr weg, um ihr in die Augen sehen und ihr Gesicht in seine Hände nehmen zu können. "Taten und Erinnerungen machen uns zu dem, der wir sind, nicht Blut. Du BIST Susan Gifford, meine beste Freundin..."
Susan lächelte leicht. Das hatte sie damals auch zu ihm gesagt, aber nun war sie sich nicht mehr so sicher. Doch, dass ihr Freund so hinter ihr stand, auch wenn sie nur eine Kopie war, richtete sie ein wenig auf.
Ein bisschen ruhiger, aber immer noch aufgeregt, lehnte sie sich an ihn und flüsterte: "Das ist trotzdem nicht meine Welt..."
Flynn lachte leise. "Dann hast du noch nicht viel gesehen."


Susan war im Aufzug.
Flynn hatte ihre Ausgangssperre aufgehoben und ihr erklärt, dass er ein Programm organisiert hatte, das ihr den Raster zeigen sollte. Er selbst würde in der Zwischenzeit mit CLU an seinem Werk noch weiter arbeiten, immerhin war es CLU's Aufgabe, das perfekte System zu erschaffen.
Doch für Susan war es das nicht. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie diesen Rundgang überhaupt wollte. Noch vor weniger als einem Millizyklus hatte sie sich selbst löschen wollen und jetzt? Sie hatte den Gedanken zwar beiseite geschoben, aber noch nicht ganz verworfen. Nur weil Flynn nun endlich hier war, hieß das noch lange nicht, dass sie sich hier wohler fühlen würde. Ihr war nämlich klar, dass ihr Freund bald wieder abreisen würde und dann wäre sie wieder 50 Tage allein. Höchst wahrscheinlich noch viel länger. Wenn Flynn sich nur eine Woche Zeit ließe, verginge hier schon fast ein ganzer Zyklus also ein Jahr. Und das in einer Welt, die sie nicht zu interessieren schien. Flynn hatte ihr vorhin versichert, dass sie begeistert sein würde, wenn sie erst einmal den Raster in seiner vollen Pracht gesehen hätte, doch Susan hatte da ihre Zweifel.
Als ein leises 'BLUM' signalisierte, dass sie das Erdgeschoss erreicht hatte, seufzte Susan. Das Programm, das ihr nun alles zeigen wollte, tat ihr jetzt schon Leid. Flynn hatte ihr erzählt, dass es sich freiwillig gemeldet hatte, und hatte dabei selbst etwas überrascht geklungen. Sie war sich sicher, dass es ihr total enthusiastisch entgegentreten würde und dann um so mehr enttäuscht sein würde, wenn sich Susan als völlig desinteressiert und unbeeindruckt entpuppen würde.
Nun war der Zeitpunkt gekommen. Sie sah zu Boden. Mit verschlossener Miene stieg sie aus dem Fahrstuhl. Sie schaute hoch ... und erstarrte.
Etwas weiter weg von ihr stand die weiße Gestalt aus dem Club und grinste sie an. Damit hatte Susan nicht gerechnet. Wie hatte Tron ihn nochmal genannt? Zuse. Das war's.
Sein Name war Zuse. Und er war der Besitzer des End Of Line Clubs. Als solcher hatte man sicher vieles zu erledigen. Warum also verschwendete er nun seine Zeit mit ihr?
Zaghaft ging sie zu ihm.
"Ha-Hallo...", murmelte Susan.
"Schön dich wiederzusehen, meine Liebe."
Sie schluckte und sah zu Boden.
"Hm..." Zuse musterte sie. "Was ist denn los? Du bist ja so verschwiegen, Kleines. Vorhin warst du viel gesprächiger!"
Sie konnte ihn nicht ansehen. Sie schämte sich wegen dem was im Club passiert war, der lautstarke Streit mit Tron.
"Es tut mir Leid, dass ich die Stimmung in deinem Club ruiniert hab..."
Zuse lachte. "Ach, ich bitte dich! Du hast überhaupt nichts ruiniert! Ganz im Gegenteil, es wurde erst richtig unterhaltsam."
Susan lächelte und sah ihn an. "Also..." Sie zappelte leicht nervös herum. "Du warst also das Programm, das sich dazu freiwillig gemeldet hat, mich rumzuführen..."
"Ganz genau der bin ich."
"Wieso hast du das getan?"
Er schmunzelte. "Wenn man mich mit nur einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es wohl... neugierig."
Susan runzelte die Stirn und lächelte verlegen. "Du machst das also aus Neugierde?"
Zuse nickte. "Mein Interesse an dir war zwar schon bei unserem netten Gespräch an der Bar geweckt, doch es wurde immens verstärkt, als Tron versucht hatte, dich wegzuschleppen. Nicht viele widersetzen sich dem starken Wächter des Systems."
Susan grinste. "Hast du aber auch."
"Wie sagtest du so schön, meine Teure, ich bin... anders." Es fühlte sich so an, als ob seine leuchtenden Augen sie durchbohrten. Doch es gefiel ihr. ER gefiel ihr.
"Außerdem...", fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. "...war ich wirklich beeindruckt, als ich erfuhr, dass du den Schöpfer höchst persönlich kennst und auch noch mit ihm befreundet bist." Er zog die Brauen in die Höhe und schaute sie durch zusammengekniffenen Augen an. "Wie kommt es dazu, wenn du behauptest, erst neu auf dem Raster zu sein, frag ich mich."
Susan's Blick wurde traurig. Sie musste unwillkürlich an die letzten 50 Tage denken und wie unglücklich sie hier war.
Zuse schien das zu merken und wechselte schnell das Thema. "Nun denn. Wir sind ja aus einem bestimmten Grund hier. Wollen wir uns langsam auf den Weg machen, Liebes?"
Er grinste breit und Susan lächelte auch leicht. Wie sie es sich gedacht hatte. Enthusiastisch. Sie fühlte sich jetzt schon schuldig diesem Programm gegenüber, doch es würde noch viel schlimmer werden, wenn er eine enttäuschte Miene aufsetzen würde. Aber sie konnte keine Begeisterung spielen. Er würde es bestimmt merken wenn sie nur so tat als würde ihr der Raster gefallen.
Nichtsdestotrotz folgte sie ihm nun in bis zu einer großen Kreuzung nicht weit von dem Aufzug. Wenn ihr schon nicht die Führung gefallen würde, dann wenigstens ihre Begleitung.
Plötzlich blieben sie stehen.
"Was ist los?", fragte Susan stirnrunzelnd.
"Wir sind da."
"Wo?"
"Beim Anlegeplatz."
"Anlegeplatz wof...?"
Auf einmal wehte Wind von oben. Susan schaute hoch und hielt sich die Hand schützend vor die Augen, denn irgendetwas schien hell auf sie herab. Eine Art blau leuchtendes Luftschiff landete direkt neben ihnen. Es war an der Seite offen und diese Seite war ihnen zugewandt. Wächterprogramme standen darin und warteten.
"Für unsere Mitfahgelegenheit.", rief Zuse über den Lärm hinweg und schlenderte zu dem Fahrzeug. Susan zögerte, lief ihm dann aber doch nach und sie stiegen gemeinsam ein.
Sie hatte gedacht, dass diese offene Seite sich hinter ihnen schließen würde, doch das tat sie nicht. Es zog sich lediglich so etwas wie eine schimmernde Lichtwand darüber. Das Luftschiff begann zu vibrieren und hob langsam ab.
Susan krallte sich an Zuse's Arm fest. Sie hatte ganz vergessen, dass sie Flugangst hatte und ein großes Loch wie diese offene Seite trug da nicht zum Guten bei.
Zuse schaute auf die Hände seiner Begleiterin, die sich jetzt immer mehr in seinen Arm vergruben, und zog überrascht die Brauen in die Höhe.
"Keine Sorge.", sagte er beruhigend und Susan sah ihm angsterfüllt in die hellen Augen. "Dir kann nichts passieren."
Susan nickte leicht, doch sie glaubte ihm nicht. Sie hatte panische Angst und im Moment war es ihr auch egal, wenn er es merkte. Sie wollte eigentlich sofort wieder runter, aber sie wusste, dass das jetzt nicht mehr ging. Es war eine Sache als ein Angsthase dazustehen, jedoch eine ganz andere, allen um sich herum den Spaß zu verderben. Also sagte sie nichts, schloss einfach nur die Augen und drückte sich weiterhin an Zuse.
Das Fluggerät flog immer höher. Susan hoffte so sehr, dass sie bald wieder landen würden, aber sie war sich sicher, dass das nicht passieren würde. Sie traute sich nicht einmal die Augen aufzumachen. Klar, neugierig war sie schon ein bisschen, was sie sehen könnte, aber ihre Furcht zu fallen vermieste ihr alles. Aber wieso hatte sie überhaupt Angst? Sie wollte doch eigentlich sowieso gelöscht werden.
Sie öffnete die Augen einen Spalt und sah auf den Boden. Doch sie drückte die Lider gleich wieder zusammen als sie sah, dass der Boden durchsichtig war und, dass sie nun schon echt hoch waren. Sie spürte, dass sie gar nicht mehr senkrecht flogen, sondern seitwärts.
"Susan?", hörte sie Zuse neben sich.
"Mhm?", brachte sie zittrig hervor.
"Sieh hin...", flüsterte er in ihr Ohr.
Susan öffnete langsam die Augen und sah ihn an. Er lächelte und deutete mit einem Kopfnicken zu der offenen Seite vor ihnen.
Sie schluckte. Doch sie tat es.
Langsam, sehr langsam, drehte sie ihren Kopf in die Richtung, in der er gezeigt hatte, und erstarrte.
Ihre Muskeln entspannten sich. Sie ließ Zuse los und ging mit offenem Mund näher zu der Öffnung. Sie konnte es nicht fassen.
Draußen waren gewaltige leuchtende Gebäude und dahinter eine weite Landschaft aus Stein und ein riesiger schillernder See. Überall flogen Luftschiffe wie ihres herum, aber nicht nur in blau. Nein, alles war bunt! Unter ihnen fuhren auch irgendwelche bunte Fahrzeuge herum und Programme spazierten durch die hell erleuchteten Straßen. Es war alles so belebt! Und, in weiter Ferne, strahlte ein helles Licht auf alles herab, heller als alles andere hier. Es war wunderschön. Diese Welt war wunderschön!
Tränen rannen über Susan's Wangen. So etwas hätte sie nie erwartet! Sie hatte den Raster ständig nur als Gefängnis wahrgenommen. Und nun? Es war das schönste, das sie je gesehen hatte...
"Atemberaubend, nicht wahr?", flüsterte Zuse neben ihr.
"Es ist unglaublich...", hauchte sie und lachte während sie weinte. Das erste ehrliche Lachen seit 50 Tagen.
Das erste Mal, seit sie hier auf dem Raster war, war sie wirklich glücklich.


Nachdem sie gelandet waren, flog das Schiff wieder weg und sie sahen ihm hinterher.
Susan war immer noch ganz aus dem Häuschen. Ihr Herz klopfte stark. Wie hatte sie je daran zweifeln können, dass Flynn eine wunderbare Welt erschaffen würde? Sie lächelte, während sie das kleine Lichtchen von Luftschiff am Himmel beobachtete.
Zuse seufzte. "Also dann..."
Susan's Lächeln verging. "Du gehst doch nicht etwa schon?", fragte sie erwartungsvoll.
"Nein, nein. WIR müssen gehen. Wir sind schon spät dran."
"Wohin gehen wir? Doch nicht wieder zurück? Ich muss noch so viel sehen!"
Zuse lachte. "Nein, wir gehen nicht wieder zurück. Noch nicht. Davor haben wir noch etwas anderes eingeplant und ich bin mir sicher, dass es dir gefallen wird."
Plötzlich donnerte es. Susan sah nach oben und schon benetzten kleine Regentropfen ihr Gesicht.
Sie lachte. "Wahnsinn!"
Sie sah rüber zu Zuse. Ruhig drehte er seinen Gehstock um und augenblicklich bildete sich mit einem Zischen ein Schirm an dessen oberer Spitze.
'Wahnsinn!', dachte sich Susan.
"Komm unter meinen Schirm, bevor du hier noch pitschnass wirst, meine Liebe."
Susan strahlte ihn an und hüpfte regelrecht zu ihm. Sie hakte sich bei ihm ein und sie gingen los.
"Also, wo gehen wir hin?", fragte sie. Vorhin, als sie noch nicht wusste, wie toll der Raster war, wäre sie noch skeptisch gewesen, wenn er ihr gesagt hätte, es würde ihr mit Bestimmtheit gefallen. Aber jetzt war sie richtig aufgeregt!
"Wirst du schon sehen..." Zuse schmunzelte. Susan sah ihm an, dass es ihn freute, wie gut ihr sein Zuhause gefiel.
"Ach, komm schon! Wenigstens einen Tipp!", schmollte sie gespielt.
Er lachte und schüttelte den Kopf. "Oh nein, du wirst doch wohl ein bisschen warten können!" Er sah ihr in die Augen. "Glaub mir, es lohnt sich!"


Die Arena war voll mit Programmen. Hunderte, vielleicht Tausende tummelten sich dort.
Susan war begeistert.
"Das sind aber viele!", sagte sie fassungslos, als sie von der Plattform ganz oben im Stadion auf die Menge herabblickte. Sie war sich richtig wichtig vorgekommen, als sie und Zuse vorhin zu dieser Lounge geführt worden sind. Nun konnte sie freudig alles überblicken, obwohl sie noch keinen Schimmer hatte, was hier eigentlich vonstatten ging.
"Ja, so gut wie jedes Programm, bemüht sich darum die nötigen Resourcen hierfür aufzubringen.", sagte Zuse und schaute zufrieden nach unten auf die anderen Programme.
Susan schaute ihn verschmitzt an. "Uuuund... Was genau ist hierfür?"
Zuse grinste ohne zu ihr zu schauen. "Du kannst es nicht erwarten, was?"
"Nein, kann ich nicht!", lachte sie.
"Nun..." Auf einmal jubelten alle in der Arena. Susan schaute nach unten. In der Mitte kamen plötzlich fliegende Plattformen, die wie Boxen aussahen, in die Höhe, in denen jeweils ein Programm stand. "... Das musst du auch nicht mehr lange..."
"Zuse?" Susan war nun so aufgeregt, dass sie es kaum mehr aushielt. "Was ist das?"
"Das sind die Spiele, meine Liebe."
"Was für Spiele?"
Zuse sah sie an und grinste. "Diskuskämpfe."
Schon fingen die Massen an zu rufen: "DISKUS! DISKUS! DISKUS!"
Und Susan machte leise mit. Zuse blieb still, grinste nur herab auf die Spieler, und klopfte mit seinem Gehstock auf den Boden bei jedem Stampfen der Menge.
"Initiiert Diskusduell", verkündete eine nette Frauenstimme.
Und dann ging es los.
Die Programme in den Boxen nahmen ihre Identitätsdisken von ihrem Rücken und schossen ihn scharf auf ihr Gegenüber. Dieser wich aus und der Diskus flog an die Wand, von wo er wie ein Flummi abprallte und wieder zurück genau in die Hand seines Besitzers. Die Menge raunte. Susan war sprachlos. Sie hätte sich nie gedacht, dass man mit dem Diskus etwas anderes anstellen könnte als Informationen zu speichern. Diese Programme da unten verwendeten ihn als Waffe! Unglaublich...
Plötzlich rannte der eine Spieler, auf den Susan ihre Aufmerksamkeit gerichtet hatte, rüber zu seinem Gegner, reagierte blitzschnell, als dieser ihn mit seinem Diskus bewarf und sprang auf ihn. Der Gegner fiel zu Boden und das Programm hielt ihm seinen Diskus an die Kehle.
"Spieler 3 gewinnt", verlautbarte die Stimme.
"JAAAA!", jubelte Susan und die anderen genauso.
Der Gewinner ging wieder in seine eigene Box zurück und die des Verlierers sank langsam zum Grund hinab, wo sich der Boden auftat und sie verschluckte. Die Box des Gewinners tauschte Platz, denn es hatte in der Zwischenzeit noch einen Sieg gegeben. Nun kämpften die Gewinner gegeneinander.
Mit der Zeit wurde es immer spannender, da die Teilnehmer weniger, aber auch tendenziell besser wurden. Susan ließ hier und da ein begeistertes "WOW" hören, oder ein "Ja, mach ihn fertig!" oder "Looooos! JAAA!". Sie krallte sich die ganze Zeit an der Brüstung fest und lehnte sich weit darüber.
Zuse hatte die ganze Zeit ein Auge auf sie. Es amüsierte ihn wie sie bei diesen Spielen aufging. Vorhin, als er sie abgeholt hatte, klang sie noch so geknickt, niedergeschlagen. Doch nun... tja. Sie jubelte lauter, als er je ein weibliches Programm jubeln hören hat.
Als die finale Runde angekündigt wurde, kreischte sie: "GIB'S IHM, VERDAMMT NOCH MAL, GIB'S IIIIIIIIHM!"
Zuse prustete los. Susan sah ihn etwas verblüfft an, verstand dann und sah verlegen weg. "Tut mir Leid..."
"Schon gut, Schätzchen, schon gut!", lachte er. "Es freut mich, dass es dich so mitreißt."
Susan grinste und widmete sich wieder den Spielen.
Diesmal dauerte es länger, aber letztendlich gewann der Spieler, der Susan am sympathischsten vorkam. Also schrie sie sich ihre Begeisterung von der Seele als er sich feiern ließ.
Mitten in ihrem Gejubel spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.
"Gehen wir langsam. Dann haben wir noch ein wenig Zeit zu reden, ja?", hörte sie Zuse's sanfte Stimme in ihr Ohr flüstern.
"Alles klar!", keuchte sie und sie verließen ihre Lounge.


Sie war völlig entspannt. Susan und Zuse saßen am Rand des Daches eines hohen Gebäudes. Die ständige Aufregung war einer tiefen inneren Ruhe gewichen und sie lächelte leicht. Sie war glücklich. Richtig glücklich! So hätte sie es sich nie erträumen lassen. Vor einem Millizyklus hatte sie noch vor, Flynn darum zu bitten sie zu löschen, weil sie einfach nicht mehr leben wollte, aber jetzt konnte sie nicht einmal mehr an eine Desynchronisation denken. Sie hat zu neuem Lebensmut gefunden und sie war froh darüber.
"Es ist so wunderschön hier...", hauchte Susan.
"Mhm.." Zuse nickte zustimmend.
Sie lachte und er schaute sie leicht stirnrunzelnd an. "Was ist?"
"Es ist nur..." Sie seufzte. "Ich bin so glücklich."
Zuse lächelte sanft. "Das freut mich."
Es kam zu einem Moment der Stille, doch da beide gerade sehr ruhig und entspannt waren, machte das nichts. Es war sogar angenehm.
Nach einer Weile sagte Susan leise: "Danke... Für alles.", und sah Zuse in die Augen.
"Hab ich gern gemacht, ganz ehrlich."
Er schwieg kurz fragte dann aber: "Susan? Ich bin immer noch neugierig darauf woher du Flynn kennst..."
In jeder anderen Situation hätte Susan nun wahrscheinlich aufgehört zu lächeln, doch sie fühlte sich so gut, dass ihr alles gar nicht mehr so schlimm vorkam. Sie zögerte zwar kurz, doch dann entschloss sie, sich ihm zu öffnen.
"Weißt du... Als ich gesagt habe, dass ich anders bin, meinte ich das ernst. Ich bin zwar ein Programm, aber eben kein gewöhnliches."
Zuse lauschte aufmerksam. Dieses Programm wurde immer interessanter für ihn.
"Flynn hat mich nicht geschrieben."
Er zog verwundert die Augenbrauen hoch, unterbrach sie jedoch nicht.
"Ich wurde in dem Sinne eigentlich gar nicht wirklich geschrieben. Es war so: Flynn hatte eine Freundin. Ihr Name war... Susan. Susan Gifford."
Sie sah Zuse an. Er schien richtig erstaunt zu sein.
"Diese Susan hatte eine Krankheit, Krebs."
"Sie wurde von einem Virus befallen?"
"Nein, Krebs ist eher so, wie wenn bestimmte Daten deines eigenen Systems zu Viren werden und dich dann von innen zerstören."
Er verzog das Gesicht. "Hört sich grauenvoll an. Woher weißt du das alles?"
"Dazu komme ich gleich. Naja, als Susan davon erfuhr, fasste sie einen Beschluss. Flynn hatte ihr davor vom Raster erzählt und wie toll er war. Daher drang sie, ohne Erlaubnis, ins System ein und erschuf eine exakte Kopie von sich selbst. Flynn selbst musste dieses Programm dann nur noch hochladen..."
Zuse war nahezu sprachlos. "Du bist... die Kopie eines Users?"
"Ganz genau."
"Also DAS ist beeindruckend!", lachte er. "Das muss ja unglaublich sein!"
"Um ehrlich zu sein ist es gar nicht so super wie du denkst." Sie sah ihn ernst an. "Ich habe die Erinnerungen eines Users in meinem Diskus gespeichert. Es sind nicht meine. 50 Tage lang hat Flynn mich in eine unterirdische Etage gesperrt und ich fing an zu glauben, dass der Raster schlecht ist, nicht meine Welt. Ich dachte, er bietet mir zu wenig, verstehst du?"
"Hm..." Zuse sah auf den Boden und überlegte kurz. "Ja, ja ich verstehe dich..."
"Mann, ich hatte sogar ernsthaft die Absicht, mich selbst zu löschen! Nur weil ich dachte, es sei ein Fehler gewesen, eine Kopie von mir zu erschaffen!" Susan biss sich auf die Zunge. "Es sei ein Fehler von Susan gewesen, eine Kopie von ihr zu erschaffen..."
Diesmal war die Stille unangenehm. Jetzt musste Susan, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte es nicht zu tun, weinen.
"Scheiße...", flüsterte sie und wischte sich die Tränen von den Wangen.
Wieder Stille. Nur leises Schluchzen ihrerseits war zu hören.
"Sieh mich an.", sagte Zuse nach einer halben Ewigkeit. Sie schaute auf. "Welchen Namen hast du mir bei unserer ersten Begegnung genannt?"
Zögerlich antwortete sie: "Susan."
"Du warst bei diesem Gespräch so selbstbewusst. Wieso denkst du jetzt du wärst nicht Susan? War sie denn so anders als du?"
Sie wusste die Antwort nicht. Eigentlich fühlten sich die Erinnerungen in ihrem Diskus an wie ihre, aber sie konnte den Gedanken, dass es einfach nicht ihre waren, nicht los werden. Wenn Susan, die echte Susan, noch am Leben wäre, würde sie nicht wollen, das jemand anderes ihre Erinnerungen hätte. Jedoch... war sie nicht am Leben. Sie war tot. Und die Kopie... war ein Teil ihrer selbst. Se war SIE. Der User Susan Gifford war tot, doch das Programm Susan Gifford lebte. Sie war mehr Susan, als sie es in den letzten Monaten im Krankenhaus gewesen ist. Sie hat ihren Geist geerbt, das Wissen über eine andere Welt, daher konnte es keiner leugnen. Sie war nicht aus Gleisch und Blut, aber was machte Susan nen zu dem was sie ist?
"Taten und Erinnerungen..."


Zyklus um Zyklus verging und Susan hatte sich hier fabelhaft eingelebt. Sie hatte gelernt, dass diese Zeitspannen zwischen Flynn's Besuchen gar nicht so lange waren. Denn sobald sie die Tatsache, dass es hier kein Alterslimit gab, verinnerlicht hatte, gewöhnte sie sich daran, die Zeit schien schneller zu vergehen und sie konnte ganz entspannt an alles heran gehen.
Jedes Mal, wenn Flynn kam brachte er ihr kleine Würfel, die sich als mp3 Musikdateien entpuppten. Sie müsste sie einfach nur auf den Computer ihrer Wohnung laden und schon wurden ihre vier Wände von den Klängen von Queen, CCR und vielen mehr erfüllt. Er erzählte ihr auch immer bis ins Detail, was draußen alles vor sich ging, damit sie auch über diese Welt immer up to date blieb.
Sie verbrachte viel Zeit im End Of Line Club und genoss jede Sekunde davon. Bei Zuse musste sie nie ihre Drinks bezahlen, aber nicht nur er spendierte ihr etwas. Seit sie sich selbst als Teil des Rasters akzeptiert hatte, akzeptierten sie auch die anderen Programme. Was nicht zuletzt auch daran lag, dass sie sich ein neues Outfit programmiert hatte: Ein schwarzes Outfit, so wie die meisten anderen Programme es trugen, mit weiß-blauer Schaltfarbe. Direkt unter ihrem Halsauschnitt war ein kleines nach unten zeigendes Dreieck, das von da an als ihr Schaltzeichen fungierte, so wie Tron's kleine Quadrate.
Der einzige Ort, wo sie noch mehr Zeit verbrachte als im End Of Line Club, war Tron's Trainingshalle, wo er ihr sowohl das Lightcycle fahren näher erläuterte - als sie das erste mal mit einem fahren durfte, hatte sie es zerstört, indem sie unabsichtlich in ihr eigenes Lichtband gerast war - als auch das Diskuskämpfen beibrachte. Und sie liebte beides! Aber das Kämpfen interessierte Susan sogar noch ein Stück mehr. Sie trainierte jeden Tag, mehrere Stunden. Es hatte lange gedauert bis sie erst einmal die richtige Anfangsposition inne hatte, doch da sie hier sowieso so viel Zeit hatte störte es sie kaum etwas langsamer zu Lernen. Sie ging total in dieser Sportart auf.
Sie war nun schon öfters zu den Spielen gegangen und war jedes Mal begeistert, wie wendig diese Kämpferprogramme waren. Aber nicht nur Diskuskampf gab es in der Game Arena zu betrachten. Auch andere Spiele, von denen ihr Flynn erzählt hatte, wurden hier abgehalten, doch für sie übertraf nichts das Diskuskämpfen.
Lightcyclerennen wurden dort aber nicht veranstaltet. Dafür gab es ein eigenes Feld und als Susan die Tribüne davon das erste Mal betrat, ist sie ganz hin und weg gewesen.
Aber eins war bei allen Spielen gleich: Auf Platz 1 der Ranglisten stand überall Tron. Er war der Champion in jeglicher Sportart auf dem Raster und Susan verstand auch wieso.
Bei ihrem ersten Mal als Zuschauer von den Lightcyclerennen hatte sie ihren Augen nicht trauen wollen. Tron fuhr so schnell und so flink, dass er die anderen in nur wenigen Minuten ausschalten konnte. Natürlich löschte er sie nicht. Er ließ sie lediglich von ihrem Gefährt fallen, indem er sie gegen das weiße Lichtband seines Bikes prallen ließ, so wie es damals Susan passiert war.

"Tron! Wie machst du das, Mann! Das ist unglaublich!", hatte sie ihn nach dem Spiel begrüßt.
Er lachte. "Viel Training. Außerdem hat man schon so einiges drauf als Wächterprogramm."
"Ich will das auch können!"
"Das wirst du bestimmt."

Aber auch durch ihr hartes Training wurde ihr bewusst, dass niemand jemals so gut werden würde wie Tron, schon gar nicht sie. Sie versuchte es dennoch und wurde wirklich immer besser. Manchmal half sie Tron sogar schon bei Vorfällen, in denen er als Wächter agieren musste.

Sie war so stolz, als sie gerade 2 hinterlistige Programme verfolgten, die sich im Laufen trennten.
"Du übernimmst den!", befahl ihr Tron, und bevor sie noch protestieren konnte, war er schon verschwunden.
"Na gut..."
Sie rannte so schnell sie konnte, doch den Abstand zu dem Programm konnte sie dadurch nicht verkleinern. Sie müsste sich etwas anderes ausdenken. Ein Lightcycle würde hier nichts nutzen, die Straßen dieser Nebenstadt waren zu eng. Doch ihr Diskus würde ihr bestimmt weiterhelfen. Im Laufen nahm sie ihn sich vom Rücken und schaute sich um. Perfekt! Genau vor ihnen war rechts an der Wand einer von den vielen System Abkopplungsschalter, den sie jetzt mit Blicken fixierte. Sie schleuderte ihren vibrierenden Diskus darauf. Plötzlich tat sich vor dem rennenden Programm eine orange Lichtwand auf und er bremste sich schnell ein. Als er sich umdrehen wollte, um zu sehen, ob ihm dieses Wächterprogramm immer noch auf den Fersen war, bekam er einen Tritt ins Gesicht und er flog kreischend zu Boden. Susan stand keuchend über ihm.
"Programm, du bist eine potenzielle Gefahr für den Raster. Du wirst zur Zentrale gebracht, zum Diskusscannen. Danach wird Systemadministrator CLU über dich entscheiden. Verstanden?", sagte Susan bedrohlich und versuchte mit Kräften ihr Keuchen vor Anstrengung zu unterdrücken.
Tron war dann gleich darauf mit dem anderen Programm gekommen und hatte sie aufs Höchste gelobt.
"Die geborene Wächterin!", stellte er lachend fest.