Anmerkung: Mit gefiel die Kapitelaufteilung nicht. Also hab ich das erste Kapitel auf zwei Kapitel aufgeteilt. Nicht wundern ;-)
Von Manie, Hypomanie und Depression II
Matthew fühlte sich nicht nur wie ein Verräter, sondern obendrein auch noch wie ein Verbrecher. Er sollte das hier nicht tun, wirklich nicht, aber er tat es. Es widersprach zwar all seinen Prinzipien, doch er verfolgte seinen Bruder. Alfred und er, sie sollten gerade beide im Bus sitzen und in die Schule fahren. Alfred war auch in den vergangenen Tagen stets zeitig aufgestanden und mit Matthew zusammen aus dem Haus gegangen. Nur dann verlor sich seine Spur plötzlich und Matthew hatte nicht die geringste Ahnung, wo sein Bruder hin war. Es war, als habe er sich in Luft aufgelöst! In der Schule kreuzte er jedenfalls den ganzen Tag lang nicht auf.
Matthew wurde speiübel, wenn er an all die weiteren unentschuldigten Fehlstunden dachte, die sich zu Alfreds schlechten Noten hinzugesellten. Das Schuljahr war so gut wie vorbei und Alfred hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts getan, um seine Zensuren zu retten. Matthew hatte ihn ein paar Mal drauf hingewiesen, Andeutungen gemacht. Sogar das Angebot gestellt, mit Alfred für die letzte Runde Klausuren zu lernen. Aber Alfred hatte keine Motivation gezeigt und in den letzten Tagen kaum sein Zimmer verlassen.
Während er bis vor kurzem ständig unterwegs war, schien er nun mit dem Raum verwachsen. Die Vorhänge waren permanent zugezogen und das künstliche Licht vom Fernseher oder Computer zuckte durch die Dunkelheit. Keine bis zum Anschlag aufgedrehte Musik mehr. Zumindest davon blieb Matthew verschont. Doch das machte die Dinge nicht einfacher.
Alfred war genauso schwer zu fassen zu bekommen wie vor ein oder zwei Monaten noch. Während er in jenen Tagen um kein Wort verlegen war, schien ihm das Sprechen jetzt zu anstrengend. Matthew bekam in der Regel einen abweisenden Blick geschenkt, sonst nichts. Selbst beim gemeinsamen Abendessen mit ihren Eltern hing Alfred auf seinem Stuhl wie ein Schluck Wasser in der Kurve und kaute lieblos auf allem herum, was man ihm hinstellte. Falls ihre Eltern ihn etwas fragten, antwortete er regelrecht mechanisch.
Matthew hatte ihn nicht verpetzt. Aber die Zeugnisse rückten mit jedem Tag näher. Alfred würde es nicht schaffen. Matthew hatte bisher immer noch nicht herausgefunden, was so enorm wichtig war, dass sein Zwillingsbruder dafür sogar die Schule schwänzte. Deswegen bespitzelte er ihn nun.
Sich zurückfallen lassend, versteckte sich Matthew hinter den Passanten und beobachtete, wie Alfred träge den Bürgersteig entlang schlenderte. Die Kapuze seines Hoodies hatte er tief ins Gesicht gezogen, die Hände in den Taschen verstaut. Auf der Straße rauschte der rege New Yorker Morgenverkehr vorbei. Hupen und Hektik pressten die Atmosphäre in ein strenges Korsett, aus dem purer Stress quoll.
Alfred schien im Kreis zu laufen. Zumindest war Matthew sehr bald klar, dass der Weg, den sein Bruder nahm, ihn wieder nach Hause führte. Sollte das etwa bedeuten, Alfred war die letzten Tage nur aufgestanden, um seiner Familie weiszumachen, er ginge zur Schule?
Matthew musste vorsichtiger werden, als sie den deutlich ruhigeren Vorort erreichten. Sich hinter geparkten Autos versteckend, folgte er Alfred weiterhin aus größerer Entfernung. Tatsächlich steuerte er auf ihr Zuhause zu. Matthew sah ihn bald darauf in der Haustüre verschwinden, mehr wie ein schleichender Schatten als das Energiebündel, was ihn in den letzten Monaten aufs Übelste terrorisiert hatte.
Mit einem Seufzen beschloss Matthew, ihm leise ins Innere zu folgen. Seinen Schlüssel drehte er quasi geräuschlos herum und lauschte. Doch es schien fast so, als sei niemand da. Stille war in dem großen Haus konserviert.
Seine Schultasche abstellend, pellte sich Matthew aus seiner leichten Sommerjacke und schlüpfte aus den Schuhen, um anschließend die Treppe hinauf ins Obergeschoss zu nehmen. Irgendwas ließ ihn höchst wachsam bleiben. Vermutlich war es die pure Fassungslosigkeit.
Warum machte Alfred das? Was war nur in ihn gefahren?
Schlechte Noten waren eine Sache, aber er machte seit Tagen blau! Matthew wusste schon gar nicht mehr, wie er noch lügen sollte. Die Lehrer hatten erwähnt, dass kein Elternanruf gekommen sei, um Alfred zu entschuldigen. Auch kein Schreiben. Die Stunden blieben demnach unentschuldigt. Matthew solle das bitte Zuhause noch einmal unmissverständlich klar machen.
Matthew traute sich aber nicht. Bis vor kurzem hatte er Angst gehabt, Alfred würde dann komplett ausrasten und sie würden als ein sich prügelndes Knäuel auf dem Boden enden. Jetzt befürchtete Matthew, dass eine solche Nachricht seinen Bruder zerbrechen könne.
Alfred war so anders geworden. So beängstigend still und dünnhäutig...
Matthew lehnte das Ohr an Alfreds geschlossene Zimmertüre, doch konnte kein Geräusch vernehmen. Alfred hatte sich wohl wieder ins Bett gelegt, um zu schlafen. Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich...
Unwissend was er tun sollte, stand Matthew für einige Minuten reglos vor der Türe, ehe er langsam in sein Zimmer hinüber ging. Immer darauf achtend, sämtliche verräterischen Laute zu vermeiden. In seinem Zimmer nahm er auf dem bequemen Sessel Platz, der sich optimal zum Lesen und Zocken eignete. Jetzt jedoch galt Matthews Aufmerksamkeit seinem Smartphone.
Wo bist du? tippte er in das Chatprogramm ein und sendete die Frage kurzentschlossen an Alfred. Dann starrte er wartend auf sein Display hinab.
Es dauerte nur knapp eine Minute, dann zeigte ihm das Programm an, dass die Nachricht vom Empfänger gelesen wurde. Also war sein Bruder zumindest noch wach. Allerdings schrieb er nicht zurück.
Matthew wartete weiter, während er nervös mit den Zehen wackelte und ab und an zur Tür rübersah. So als würde diese sich einfach öffnen und Alfred, so wie Matthew ihn vor geraumer Zeit gekannt hatte, würde hereinspazieren. Sie würden reden und lachen und das Beste aus diesem Tag machen. Alles wäre irgendwie gut, ohne dass es die letzten Monate gegeben hatte.
Als ihm bewusst wurde, vergeblich auf eine Antwort zu hoffen, seufzte Matthew. Alfred wollte keinen Kontakt, kein Gespräch. Die Nachricht war nur ein Vorwand gewesen, was auch sonst? Aber wenn Alfred sich nicht mal die Mühe machte, auf eine simple Frage zu antworten, dann bezweifelte Matthew, dass es Sinn machte, jetzt zu ihm hinüber zu gehen...
Matthew entschied, es nachher trotzdem zu versuchen. All die Fehlstunden, all die schlechten Zensuren – so ging das nicht weiter! Wie konnte Alfred jeden verdammten Tag so tun, als wäre alles in bester Ordnung? Es war offensichtlich, dass ihn etwas belastete. Oder wieso bekam er den Hintern nicht mehr hoch? Selbst im Sportunterricht schien Alfred zuletzt jede Bewegung zu anstrengend; das entsprach so gar nicht seinem üblichen Wesen. Alfred war immer ein ambitionierter Sportler gewesen, vor allem Basketball und Baseball liebte er heiß und innig. Matthew stand ja hauptsächlich auf Eishockey, aber an der Garage war ein Basketballkorb befestigt und die Brüder hatten früher häufig abends noch ein paar Körbe geworfen. Jetzt wusste Matthew nicht mal mehr, wo der dazugehörige Ball abgeblieben war.
Matthew ließ genug Zeit verstreichen, bevor er sich aus dem Zimmer wagte und letztlich leise an der gegenüberliegenden Türe klopfte. Keine Antwort. Trotzdem drehte er langsam am Knauf und blinzelte dann ins Dunkle.
Die Luft sagte ihm, dass dringend ein Fenster geöffnet gehörte. Es war chaotisch wie eh und je und in dem großen Bett lag unter dem hohen Deckenberg ein Häufchen Elend, das normalerweise auf den Namen Alfred hörte.
„Alfie?" Matthew wagte sich weit genug in dem Raum, um eines der schwachen Lichter im Regal einzuschalten. Der Deckenberg raschelte kurz, als Alfred sich herumdrehte und mühevoll halb aufsetzte. Sein Haar war dermaßen zerzaust, als habe er die letzten zwei Stunden damit zugebracht, sich permanent von einer Seite auf die andere zu wälzen. Seine Augen waren verquollen und müde, mit schweren Lidern, an denen verklebte Wimpern hingen.
Er hatte geweint. Keine Sturzbäche, aber es waren definitiv Tränen geflossen.
Matthew wurde flau, als er zaghaft die Tür schloss und sich dann vor das Bett hockte, die Arme auf die Matratze stützend.
„Geht's dir nicht gut?"
Die blauen Augen seines Bruders wandten sich ertappt ab. Seine Lippen versuchten sich an einem Lächeln.
„Was machst'n du hier?"
„Du warst nicht in der Schule, also hab ich dir geschrieben. Als du nicht geantwortet hast, da dachte ich, vielleicht ist dir nich' gut und du bist wieder nach Hause gegangen." Es war geflunkert, aber absolut vertretbar in dieser Situation. Matthew wollte nicht austesten, wohin die Wahrheit führte.
Unter der Decke vollführte Alfred ein Schulterzucken und knetete seine Hände.
„Hab deine Nachricht nich' gesehen, sorry."
So einfach war das mit den Lügen. Trotzdem nickte Matthew. Das Wörtchen „sorry", welches er schon eine Ewigkeit nicht mehr von Alfred gehört hatte, übermannte ihn. All seine Versuche, mit seinem Zwillingsbruder Blickkontakt aufzubauen, scheiterten allerdings.
Eine Hand hebend, fühlte er dessen Stirn. Sie war zwar warm und Alfred entzog sich der Geste, aber Fieber konnte Matthew nicht diagnostizieren.
„Hast du Kopfschmerzen? Soll ich dir 'ne Tablette holen?"
„Bin nur müde..."
„Hast du nicht gut geschlafen?"
Alfred sparte sich die Antwort und rollte elanlos zurück auf die Seite, seinem Gesprächspartner bloß noch den Rücken präsentierend. Das war alarmierend. Alfred lag hier wie ein sterbendes Tier. Derselbe Alfred, der neulich noch problemlos Nächte durchgemacht hatte und nie Schlaf oder gar Ruhe gebraucht hatte.
Mit einem schweren Seufzen stand Matthew schließlich auf, streichelte einmal tröstend über den Rücken des Deckenbündels und verließ mit einem „Bin gleich wieder da" den Raum. Matthew bewegte sich noch immer lautlos, als er die Stufen hinab schritt und die Küche betrat. Die Sonne war mittlerweile schon kräftiger als heute früh; der Sommer war im Anmarsch und sogar der Pool im Garten konnte schon benutzt werden. Bloß dass Matthew nicht guten Gewissens an Vergnügen denken konnte, während sein Bruder wie ein Zombie vor sich hinvegetierte. Vielleicht hatte sich Alfred doch etwas eingefangen?
Zwei Tassen heiße Schokolade zubereitend, ließ sich der Blonde die Fakten durch den Kopf gehen. Nein, Alfred war nicht erkältet und er brütete auch nichts aus. Das war es nicht. Es war irgendwas Anderes, das wie ein tonnenschwerer Vorhang über seinem Gemüt hing. Aber was war es? Womöglich doch der ihn einholende Kummer? Die Sorgen über das verpatzte Schuljahr?
Matthew schnappte sich eine Tüte Mini-Marshmallows aus einem hohen Küchenschrank, ließ in jede Tasse ein paar der fluffigen Süßigkeiten fallen und machte sich anschließend auf den Weg zurück nach oben. Alfred hatte sich keinen Millimeter gerührt.
„Ich hab dir auch 'nen Kakao gemacht. Mit extra vielen Marshmallows drin." So wie Alfred es mochte, wenn er denn mal Kakao trank. Normalerweise kippte er sich im Sommer ja lieber Cola oder Limo rein. Natürlich mit Eis. Immer Eis.
„Kein Durst."
Matthew quittierte die fade Ablehnung mit noch mehr Herzschmerz und stellte die Tasse auf dem Nachttisch ab. Da Alfred sich auf die eine Bettseite gerollt hatte, bot das King Size Bett bei weitem genug Platz, damit Matthew sich ebenfalls hinauf setzen konnte. Im Schneidersitz betrachtete er seinen Zwillingsbruder, der bemüht die Lider geschlossen hielt. Alfred war müde, sehr müde – und sehr erschöpft. Aber er schien weder Schlaf noch Erholung zu finden. Die Decke verschlang ihn.
Mit einem Löffel drückte Matthew seine Marshmallows unter und guckte dabei zu, wie sich die weißen Süßigkeiten allmählich mit dunkler Schokolade voll sogen. In seiner Nase kredenzte der Duft der Schokolade und versuchte, gegen die abgestandene Luft und die tränenschwere Verzweiflung anzukommen. Süß gegen salzig. So ging das nicht. So ging das einfach nicht!
„Warum gehst du nicht zur Schule?"
„Bringt nix mehr... die Noten stehen doch schon."
„Ja, aber deine Fehlzeiten sind unentschuldigt! Mom und Dad kriegen einen Anfall, wenn die dein Zeugnis sehen."
„Kriegen sie so oder so..." Vor gar nicht all zu langer Zeit hätte dieser Satz noch aggressiv geklungen. Jetzt triefte er vor lauter Gleichgültigkeit, sodass Matthew zum Trost einen Marshmallow mit dem Löffel aus der Tasse fischte, kurz pustete und ihn dann in seinem Mund verschwinden ließ. Die Masse zerging ihm vorbildlich auf der Zunge.
„Ja, erst recht, wenn sie erfahren, dass du den ganzen Tag nur hier rumgelegen hast. Steh wenigstens auf." Die Intonation ließ den Satz einer Frage gleichkommen. Alfred schien sich noch weiter unter der Decke zusammen zu rollen. Sein Haar war so lang wie nie zuvor. Fast schon so lang wie Matthews, obwohl Alfred sie gar nicht so lang tragen mochte. Aber da er sich um nichts mehr kümmerte, hatte er auch schon ewig keinen Frisör mehr aufgesucht.
Das war traurig.
All das hier, was Matthew sah und was so nicht richtig war, war traurig...
„Ich sag ihnen nicht, dass du heute blau gemacht hast. Wir könnten 'ne DVD gucken?"
Die Erwiderung war unidentifizierbar, aber doch zweifelsohne eine Verneinung.
Matthew angelte sich einen weiteren Marshmallow aus seiner Tasse. Die nächsten Worte ließen ihn die Süße gänzlich vergessen:
„Warum bist du so traurig?"
„Ich bin nich' traurig", wies Alfred stumpf von sich. Dabei noch ein absurdes Gurgeln verlierend, das ein Lachen sein sollte.
Und wie traurig er war.
Er hatte sich in diese missliche Lage geritten, von der Matthew sich nicht vorstellen konnte, dass sie Alfred nicht tangierte. Selbst wenn er es abstritt. Alfred musste nicht nur das Schuljahr wiederholen, er hatte auch all seine Freunde verloren und würde vermutlich den ganzen Sommer über Hausarrest bekommen, wenn ihre Eltern sein Zeugnis samt der Hiobsbotschaft in die Hände bekamen. Matthew würde nicht ungestraft davon kommen, das war ihm schon klar. Er hatte zu lang die Klappe gehalten und Alfred nicht verpetzt. Er trug Mitschuld an all dem hier. Wenn er rechtzeitig etwas gesagt hätte, vielleicht hätten ihre Eltern Alfred dann dermaßen die Leviten gelesen, dass dieser die letzten Arbeiten nicht auch noch versiebt hätte. Vielleicht wäre alles noch mal haarscharf gut gegangen. Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht...
Die Matratze stieß ein feines Ächzen aus, als Matthew aufstand und in sein Zimmer watete, nur um gleich darauf mit einem überdimensionalen Stofftier wiederzukommen. Den großen Eisbären hatte er seit seiner Kindheit. Ein Kirmesgewinn. Sein Vater hatte den Eisbären für Matthew an einem Schießstand geschossen, während seine Mutter Alfred beaufsichtigte, der es geschafft hatte, in Windeseile so viel zu essen, dass ihm nach drei Runden Karussellfahren höllisch schlecht geworden war.
Nachdem der Eisbär gewonnen war, hatte die Familie sich auf Mutters Drängen hin auf den Heimweg gemacht. Die Zwillinge hatten auf der Rückbank gesessen, Alfred mit Spritzern von eingetrocknetem Erbrochenem auf dem leuchtend roten Oberteil. Zwischen ihnen der sie überragende Eisbär, an dem gleich beide Jungen kuschelnd einschliefen.
Matthew war so stolz auf das Tier. Es gab viel zu selten Momente, die ihm alleine mit seinem Vater gehörten. Aber als er neben ihm am Schießstand gestanden hatte und sein Vater einen Treffer nach dem nächsten erzielte, hatte sich Matthew wie im Himmel gefühlt. Erst recht, als sein Dad irgendwann das Gewehr zurückgab und Matthew hoch hob, um ihn zwischen den Preisen wählen zu lassen. Matthew hatte, einen Finger auf den Lippen, die Stofftiere, das Plastikspielzeug und die Gutscheine genauestens in Augenschein genommen. Der Bär musste es sein. Dieser riesige Eisbär mit dem Halstuch, auf dem Kumajiro stand.
„Der ist ja größer als du!", hatte sein Vater gelacht und sich vom Budenbesitzer den Bären aushändigen lassen. Seitdem hatte Kumajiro einen festen Platz in Matthews Leben. Er war kein Geschenk zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Er war etwas aus der Reihe. Ein Geschenk zu keinem besonderen Anlass, obwohl Matthew den Tag nie vergessen würde. Es war ein Moment gewesen, den er für sich hatte erleben dürfen. Nicht als Zwilling, mehr als Einzelkind. Manchmal war das, bei aller Liebe für seinen Bruder, von Nöten.
Alfred war sogar zu quengelig und schlecht gewesen, um eifersüchtig zu werden und ebenfalls ein Stofftier oder zumindest ein Eis zu verlangen. Dabei war er sonst immer derjenige, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit etwas zu erschnorren versuchte. Meist verloren ihre Eltern dann den Überblick, wer Alfred schon was gegeben hatte. Wenn ein verlorener Überblick und zu viele Karussellfahrten sich vereinten, kam dabei ein Tag wie dieser raus.
„Hier, ich hab dir Kumajiro mitgebracht." Matthew lehnte den Eisbären gegen das Kopfstück des Bettes. Wohl darauf Acht gebend, dass er Alfred nicht störte. „Falls du reden willst... er hört immer zu."
Es war okay, wenn Alfred den Eisbären vorerst behielt. Kumajiro verurteile nichts und niemanden und ließ sich auch nicht beleidigen. Außerdem war sein Fell erstaunlich saugfähig. Matthew beschlich der Verdacht, dies sei gerade wahrscheinlich die beste Eigenschaft des Eisbären.
Ende Teil 2
