Von Manie, Hypomanie und Depression III
Draußen flimmerte die Hitze auf der breiten Straße, ließ die Luft köcheln und sorgte dafür, dass Matthew sein Haar zurücknahm, um es mit einem Gummi zu einem winzigen Zopf zu binden. Hauptsache sein Nacken war frei. Das war ihm bei diesen Temperaturen wichtig. Zumindest wenn er draußen war. Drinnen kühlte die Klimaanlage alles angenehm ab.
Das Wasser im Pool war traumhaft. Matthew hatte heute Vormittag bereits eine Runde gedreht, wohl wissend, dass Alfred noch schlief und es nicht mitbekam. Matthew fühlte sich grässlich, wenn er daran dachte, dass sein Bruder den nächsten Monat Hausarrest hatte. Draußen stand der Sommer in voller Blüte, alles schrie nach Schwimmen, Grillen und Eis essen, aber Alfred F. Jones hatte Hausarrest.
Matthew schämte sich, einen Fuß vor die Tür zu setzen und dabei auch noch Spaß zu haben. Ihre Eltern waren kein bisschen wütend auf ihn gewesen, nur auf Alfred. Gott, Matthew drehte sich jetzt noch der Magen um, wenn er an den Abend dachte, an dem ihre Eltern die frisch ausgehändigten Zeugnisse hatten sehen wollen.
Auf dem Küchentisch hatten ein Dutzend Schachteln eines chinesischen Restaurants gestanden, da ihre Mutter momentan die asiatische Küche wieder für sich entdeckt hatte. Sojasoße, Frühlingszwiebeln, Bambussprossen, gebratene Ente, Hähnchen süß-sauer; die vier Familienmitgliedern hatten eine ganze Palette an Gerichten zur Auswahl gehabt. Wobei es sich bei ihnen eh so verhielt, dass jeder in jede beliebige Box langte. Wer am geschicktesten mit den Essstäbchen umgehen konnte, war klar im Vorteil. In gewisser Weise führten die Eltern der Zwillinge beim Essen ihren pädagogischen Ansatz fort, der da lautete: Wenn du etwas willst, musst du auch was dafür tun. Solange sich Matthew erinnern konnte, hatten seine Eltern diese Philosophie vertreten.
Alfred hatte an diesem Abend kein bisschen besser ausgesehen als an den Abenden zuvor, obgleich er auf Matthews Drängen hin tatsächlich noch an einigen der letzten Tage in die Schule gegangen war. Doch er hätte es genauso gut sein lassen können. Wie ein Geist hatte er an seinem Pult gesessen, war gänzlich in seinen Klamotten versunken und hatte fast schon apathisch vor sich hingestarrt. Seine liebste Antwort war ein Schulterzucken oder ein leeres Lächeln gewesen. Als sie in seinem Lieblingsfach Physik einen Film geguckt hatten, war Alfred eingeschlafen. Er sah wirklich müde aus. Übermüdet – obwohl er jede freie Minute im Bett verbrachte.
Die Modepolizei in Gestalt einer handvoll aufgetakelter Tussen hatte lautstark über Alfred gelästert. Seine Haare waren immer noch nicht geschnitten. Schlimmer noch: sie fielen anders als bei Matthew und Alfred gab sich nicht die geringste Mühe, sie zu bändigen. Sie hingen mutlos in seinem kindlichen Gesicht.
Normalerweise war Alfred zu dieser Jahreszeit schon deutlich mehr gebräunt, einfach weil er sich sonst nach der Schule vorlieblich im Freien aufhielt. Matthews Teint war ihm in diesem Jahr voraus. Alfred sah, trotz seiner beachtlichen Statur, zu bleich aus, zu eingefallen. Er hatte vermutlich ein paar Kilo abgenommen, obwohl er den Kakao, den Matthew ihm ab und zu ins Zimmer brachte, immer austrank. Davon abgesehen konnte ihn Essen allerdings nicht begeistern. Genauso wie ihn nichts Anderes mehr begeistern konnte...
Die chinesischen Nudeln waren Matthew schwerfällig die Kehle runtergerutscht, dann war das Abendessen vorüber gewesen und die Jungs mussten die Zeugnisse holen. Alfred hatte ausgesehen wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde. Das Blatt in seinen Händen hatte unterschwellig gezittert. Sie wussten beide, jetzt würde es Ärger geben.
Matthew konnte sich daran erinnern, wie das Lächeln auf den Gesichtern seiner Eltern schock gefror, als Alfred das Zeugnis auf den Tisch legte. Das seines Bruders lag brav daneben. Es war als hätte man Himmel und Hölle in einen direkten Vergleich zueinander gestellt.
Dann begann das Geschrei. Entsetzen, Fassungslosigkeit und Vorwürfe prasselten auf die Küche nieder als sei ein Hagelsturm ausgebrochen. Matthew hatte die beiden noch nie so wütend erlebt. Noch nie.
Alfred hatte da gestanden, der ganze Körper ein beschämt ausgezehrtes Etwas, aus dem er am liebsten geflohen wäre. Seine Lippen brachten irgendwas Bedeutungsloses hervor. Schlechte Entschuldigungen, vergebliche Rechtfertigungen: Keine Konzentration, nicht wohl gefühlt, morgens zu müde gewesen.
Im Blau seiner Augen flackerte der Glanz von unterdrückten Tränen auf. Seine Eltern waren bis aufs Blut enttäuscht. Nicht weil er schlecht war, sondern weil er ihnen die Wahrheit so lange vorenthalten hatte. Dass er schlecht war, war ein anderer Punkt, der sie selbstverständlich auch nicht glücklich machte.
Selbst volle zwei Stunde nach dem Fiasko hatte Matthew sich noch taub gefühlt. Alfred war, kaum dass man ihn hatte gehen lassen, wortlos im Bett verschwunden, um zu weinen. Er war traurig.
Todtraurig.
Es war einfach nicht zu begreifen. Wieso hatte Alfred, der sonst immer Enthusiasmus und Stärke aufbrachte, plötzlich keine Energie mehr, um aufzustehen und sein Leben wieder in die Hand zu nehmen?
Matthew klappte das Buch zu, was er in der vergangenen Stunde zu lesen versucht hatte. Nach drei Anläufen war ihm klar geworden, es würde nicht klappen. Er lag in einem Liegestuhl auf der Terrasse, wunderbar im Schatten der gnädigen Abendsonne, welche ihren beißenden Mittagscharakter verloren hatte. Es war angenehm warm, aber die Geschehnisse der letzten Tage ließen ihn nicht los.
Ihre Eltern waren im Urlaub. Sie hatten den Urlaub bereits Anfang des Jahres gebucht und die Jungs hatten sich tierisch gefreut, mit 16 Jahren endlich mal knapp 2 ½ Wochen das Haus für sich alleine zu haben. Damals schien es das Großartigste auf dieser Welt; jetzt fühlte sich Matthew vollkommen überfordert. Ihre Eltern hatten ihn, wie er zu spät realisiert hatte, sehr wohl bestraft. Sie hatten ihm die Verantwortung übergeben. Er sollte darauf aufpassen, dass Alfred nicht gegen den Hausarrest verstieß und erst recht nichts Dummes anstellte. Das war ein Fulltime-Job. Ein extrem anstrengender Fulltime-Job sogar.
Weniger weil Matthew die unangenehme Verantwortung scheute, sondern vielmehr weil Alfred so schrecklich passiv war. Es war Matthew, der ihre Wäsche wusch, die Einkäufe machte, die Post reinholte und das Essen auf den Tisch stellte. Alfred nahm dies gar nicht recht zur Kenntnis. Er schien der Welt entrückt. Alles an ihm wirkte traurig. Die Emotion hatte ihn wie ein Kaugummi durchgekaut und danach rücksichtslos ausgespuckt.
Die Terrassentür hinter sich zuziehend, ging Matthew zurück ins Haus. Es war beinahe 19:30 Uhr, es war still und es war, als sei Matthew mutterseelenallein. Seine Sonnenbrille und das Buch auf einen Beistelltisch legend, lief er vom geräumigen Wohnzimmer aus in den Flur, der zum Eingangsbereich gehörte. Er wollte gerade auf die Treppe abbiegen, als ihm die Gestalt in der Küche auffiel. Alfred stand dort, durch die halb herunter gelassenen Jalousien spähend, und tat... nichts. Sein T-Shirt war das selbe wie am Vortag. Gleiches galt für die unifarbene Jogginghose. Die Falten bezeugten, dass er in den Klamotten geschlafen hatte.
Langsam näherte sich Matthew seinem Zwillingsbruder und stellte sich schließlich neben ihn, sodass Alfred ihm verwundert das Gesicht zuwandte. Seine Brille trug er, wie so häufig in letzter Zeit, nicht. Draußen gab es aber auch nichts Besonderes zu sehen. Außer den vom Gärtner ordentlich zurechtgestutzten und penibel bepflanzten Vorgarten, für den keiner der Brüder Interesse übrig hatte.
„Sollen wir uns was zu essen machen?" Ohne auf eine Antwort zu warten, holte Matthew bereits eine Rührschüssel hervor. Seine nächsten Griffe galten dem Kühlschrank sowie einem Vorratsschrank, aus denen er die passenden Zutaten für Pancakes zauberte.
Alfred musste irgendwann mit den Schultern gezuckt haben. Davon abgesehen gab er keine Regung von sich, sondern beobachtete für einige Minuten, wie Matthew einen Teig herstellte, der kurz darauf in der angeheizten Pfanne landete.
Matthew manövrierte den ersten, wunderbar saftig dicken Pancake aus der Pfanne auf einen Teller, als Alfred stumm den Raum verließ.
„Alfie? Hey...!" Enttäuscht sackten Matthews Schultern nach vorne. Er bereitete ihnen Frühstück, Mittagessen und Abendessen zu, aber Alfred würdigte es nicht mal! Es war frustrierend.
Was war bloß los? Warum zum Henker bekam er seine Zähne nicht auseinander? Wieso starrte er gelegentlich wie gebannt nach draußen, aber all seine Gesichtszüge wiesen darauf hin, dass ihm die Welt plötzlich Angst einjagte? Dass er sich höchstens noch im Bett ansatzweise sicher fühlte.
Der restliche Teig war schnell verbacken. Matthew richtete zwei Teller an; die übrigen Pancakes ließ er auf einem dritten Teller zurück. Für gleich, für später, für morgen. Pancakes konnte er eigentlich immer essen. Mit beiden Tellern in den Händen nahm er Alfreds Spur auf, die ins Wohnzimmer führte, wo er ausgestreckt auf der langen Ledercouch lag. Das Gesicht der Rückenlehne zugewandt. Kein Fernsehen, kein Radio. Nur pures Garnichts.
Die Teller verloren ein leises Klappern, als Matthew sie auf den edel gefertigten Wohnzimmertisch stellte und sich direkt neben seinem Bruder auf dem Sofa niederließ. Seine Hand legte sich auf Alfreds Schulter, der nur kurz blinzelte. Sein Atem war regelmäßig, aber gepresst.
„Wenn du rausgehen willst...", ließ Matthew anklingen, erzielte aber nichts. Himmel, er würde Alfred gehen lassen. Sofort! Nur damit es ihm endlich besser ging. Mochte ja sein, dass es ihren Eltern nicht auffiel oder diese annahmen, all das sei normal in ihrem Alter und Alfred sei geknickt wegen der Noten, aber so war es nicht! Es war etwas Anderes und es besorgte Matthew mittlerweile so dermaßen, dass es ihm selbst schon weh tat.
„Wir könnten ins Kino? Autokino von mir aus; und du fährst? Ich spendier das Popcorn, mit extra Butter." Dazu hätte Alfred vor rund einem halben Jahr niemals nein gesagt. Jetzt schienen die Worte bei ihm keine Freude, sondern nur noch mehr Kummer auszulösen. Seine Lippe bebte mit einem Male. So als sei etwas in seinem Inneren zersplittert und dringe unaufhaltsam nach außen.
Matthew hatte sich nach etwas Anderem gesehnt; danach, dass sein Bruder wieder Mimik und Charakter bekam. Dass da wieder Leben und Lächeln in ihn zurückkehrten. Doch das geschah nicht.
Ein Stückchen näher rutschend, beugte sich Matthew zu Alfred hinab, um die Arme dichter um ihn zu schließen. Sogar ihn zu berühren war anders geworden – und das hatte nichts mit ein paar Kilo Gewichtsverlust zu tun. Es hatte damit zu tun, dass Alfred unerwartet in die Umarmung kroch und das Gesicht in Matthews Bauch versteckte. Seine aus dem Ruder laufenden Atemzüge drangen im Nu durch den dünnen Stoff des leichten T-Shirts, in dem Matthew bis eben auf der Terrasse gelegen hatte. Jetzt schlug ihm Hitze entgegen. Feuchte Hitze. Alfreds Schultern, sein Rücken, sein Kreuz, sein ganzer Körper löste sich unter den Tränen auf, die leise anfingen und sich in verkrampften Schluchzern ihren Weg nach draußen bahnten.
Alfred weinte, aber er sagte nichts. Ganz so, als könne er gar nichts sagen, weil er nichts wusste. Weil er nichts erklären konnte.
Das war es also...
Während Matthews Hände in beruhigender Manier Trost spendeten, verstand er es. Alfred konnte nichts sagen, weil er nichts wusste. Er war traurig, antriebslos, verzweifelt und heulte wie ein kleines Kind, aber er wusste nicht, warum. Er war müde und fertig und appetitlos und kaputt, aber selbst wenn man ihm eine Pistole an den Kopf gehalten hätte, hätte er nicht sagen können, woran das lag. Er kannte die Antwort nicht. Er fühlte nur etwas, das so überdimensional groß war, dass er damit nicht zurecht kam...
Mit den Fingern durchkämmte Matthew die zu lang gewordenen Haare seines Bruders, der sich nicht umzudrehen wagte. Der schniefte und weinte und zitterte, aber zu große Angst hatte, dass er gefragt werden würde, was das hier sollte? Was überhaupt all das sollte, was er veranstaltete?
Matthew verschonte ihn mit Fragen und ignorierte, dass er die Tränennässe auf seinem Bauch spürte. Alfreds Kopf war warm. Zu viel Schlaf oder zu wenig, die enorme Aufregung, das entsetzliche Weinen, der Moment, die letzten Wochen. Höchstwahrscheinlich ein Zusammenwirken all dessen. Alfred weinte in letzter Zeit viel zu oft, immer alleine mit Kumajiro und nicht fähig, sich oder seinen Gefühle anderweitig Ausdruck zu verleihen. Er war ein zusammengeschrumpfter Junge, ein Überbleibsel eines kürzlich noch viel zu aufgeblasenen Egos. Beides war falsch und schien ihn entweder schmerzlich auseinander zu reißen oder brutal zusammen zu stauchen.
„Ist schon gut, schon gut...", flüsterte Matthew, als die Tränenwogen so weit abgeebbt waren, dass er sicher sein konnte, dass Alfred ihn hörte. Alles roch nach frischen Pancakes mit goldigem Ahornsirup (für Matthew) und Schokosauce (für Alfred). Alles war süß und buttrig, und doch widerlich versalzen. Alfred hatte so viel geweint...
Matthew war es wie eine Ewigkeit vorgekommen. Eine quälend lange Ewigkeit, in der er lediglich da gesessen und verzweifelt überlegt hatte, wie er seinen Eltern klar machen sollte, dass sie bitte ganz schnell nach Hause kommen mussten. Alfred war nicht gesund. Er würde sterben, wenn das so weiterging und Matthew würde vermutlich mitsterben, weil auch ihm längst alles weh tat. Weil er nichts ausrichten konnte und weil er zwar die gigantische Verzweiflung spürte, aber ihr keinen Namen geben konnte.
Was sollte er also ihrer Mutter sagen? Was ihrem Vater?
Das Licht im Raum veränderte sich mit der tiefer sinkenden Sonne. Das geschmeidige Spätabendgelb kletterte über die Designermöbel, die abstrakt schaurige Schatten warfen, und verabschiedete sich schlussendlich aus dem Wohnzimmer. Matthew sah betroffen dabei zu, wie es dunkler und dunkler wurde. In seinen Armen, auf seinem Schoß, schlief Alfred mit so verstopfter Nase, dass jeder Atemzug deutlich zu hören war. Die Stirn noch immer einen Ticken zu heiß, die Haare fettig und obendrein von Tränenwasser verklebt. Matthew strich sie ihm ganz vorsichtig aus dem Gesicht, wo sie an den klatschnassen Wangen und den zerkauten Lippen haften geblieben waren.
Nichts an all dem hier war attraktiv. Alles war falsch. Matthew betrachtete im Halbdüsteren die Fotos, die die Wände säumten. Groß und aufdringlich hingen sie alle dort in ihren schmalen Goldrahmen und prahlten mit Familienglück. Verglichen mit ihren Cousins und Cousinen, waren die Zwillinge immer hoch gewachsen gewesen. So wie ihr Vater, der in seiner Jugend auch die 1.90m mühelos erklommen hatte.
Es hatte gewiss nichts mit Eitelkeit zu tun, wenn Matthew sagte, Alfred und er seien süße Kinder gewesen. Niedliche Jungs, die das genau gewusst hatten und sich deswegen manchmal etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hatten. Sie waren mit dem Erwachsenwerden nicht hässlicher geworden. Sie hatten ein wunderbar aufrichtiges Gesicht von ihrer Mutter geerbt. Mit einem Lächeln, das über zahlreiche Facetten verfügte und eine höchst ansteckende Wirkung besaß. Alfred hatte es nie bemerkt, aber vor allem die Mädchen in den unteren Klassen wurden hochrot und kicherten aufgeregt, wenn er über den Gang der Schule lief und, gut gelaunt wie er einst war, munter und unbefangen jeden anlächelte. Seine positive Art nur zu gerne teilend.
Wo war all das nur hin?
Matthews Gedanken lagen brach, als sich der Körper auf seinem Schoß nach einigen Stunden wieder rührte. Der durch die verglaste Fensterfront fallende Mond machte mehr sichtbar als die Nacht verhüllte. Alfred stöhnte und rollte so herum, dass er geradewegs nach oben starrte. In Matthews Richtung, in Richtung Zimmerdecke. Am ehesten noch in Richtung Nichts. Matthews linker Arm war auf Alfreds Brust gerutscht. Die rechte Hand schob ihm wieder leicht verschwitztes Haar aus der Stirn. Alfred musste dringend duschen und sich die Zähne putzen. Noch dringender war jedoch, dass es ihm besser ging.
„Kopfweh..." Das heisere Krächzen überraschte Matthew nicht im Geringsten. Er nickte, indessen sich Alfreds Finger um seinen Arm schlossen als sei er ein Rettungsring.
„Alfie?"
„Hm?"
„Soll ich..ich mein, ich kann Mom und Dad anrufen und-"
„Nein!" Wie von der Tarantel gestochen wälzte Alfred den Schwermut von sich runter und setzte sich auf. In seinen Augen blitzte verdächtig viel Weiß hervor. Ein Zeichen der schieren Panik.
Matthew hob beschwichtigend die Hände. Sie waren sich noch immer so nah, dass er den tränenschweren Atem riechen konnte. Die Luft wirkte regelrecht klamm.
„Okay, ich dachte nur..."
„Nein, Matthie... ich-es..." Alfreds Versuch sich zu erklären erstarb und ließ die Geschwister in resignierender Stille zurück.
Matthew nickte schließlich; er würde niemanden anrufen. Ihre Eltern würden erwarten, dass wenn er von einem Notfall sprach, er Alfred zu einem Arzt brachte. In die Notaufnahme, wenn nötig. Aber wie sollte Matthew ihnen zu verstehen geben, dass Alfred keinen Unfall gehabt hatte? Das Auto war ganz, seine Knochen heil. Nur seine Seele nicht. Sein Herz blutete unsichtbar. Da konnte man keinen Verband drum binden und kein Pflaster drauf kleben.
„Sag ihnen bitte nichts, okay?" Alfreds Flehen war schüchtern. Untypisch verkrampft. So als sei es von vornherein vergeblich. Als hätte Matthew keinen Grund, um seinem Bruder diesen Wunsch zu erfüllen...
Eventuell musste Alfred gerade an all die Wochen zurückdenken, in denen er sich im Ton vergriffen hatte und Matthew auf die Füße getreten war. Es war schlimm gewesen, ja. Aber was konnte jemals so schlimm sein, dass es ihre innige Verbindung endgültig auszulöschen fähig wäre? Da fiel Matthew wirklich nichts ein. Er war nicht nachtragend. Zumindest dann nicht, wenn er Alfred in diesem namenlosen Zustand sah.
„Nein, mach ich nicht..." Samt einer leichten Bewegung griff Matthew nach dem Haargummi an seinem Hinterkopf, löste den Zopf und machte sich an Alfreds Haar zu schaffen.
„Nicht?", echote jener beinahe unhörbar. Es nicht glauben wollend oder könnend.
Matthew verlor eine empathische Verneinung, dann zog er das Haargummi von seinem Handgelenk und schlang es um das kleine, blonde Haarschwänzchen zwischen seinen Fingern. So würden die schmierigen Strähnen zumindest nicht mehr ständig in Alfreds Gesicht fallen.
Dafür fiel Alfreds Kopf nun auf die Schulter seines Bruders. Erleichterung. Durch und durch. Matthew bekam den untrüglichen Eindruck, Alfred wolle in ihm verschwinden. Einfach so nah heranrutschen, bis sie wieder eins wären. So wie vor vielen, vielen Jahren schon einmal, bevor die Zellteilung dazwischen gefunkt und entschieden hatte, dass es zwei von ihnen geben sollte. Nicht einen. Zwei. Und wenn einer nicht mehr konnte, war der andere für ihn da.
Leider fehlte Matthew ein Masterplan. Was sollte er tun? Was würde helfen? Wie ließ sich etwas Unverständliches bekämpfen?
Alles, was Matthew einfiel, war Alfreds Wange zu küssen und ihn danach ins Bett zu bringen, ihm vorher noch zwei Gabeln kalten Pancake reinzuzwängen und sich dann mit ihm hinzulegen, bis er schlief. Morgen würde er dafür sorgen, dass Alfred eine Dusche nahm und vielleicht, mit ganz viel Glück, würde er ihn irgendwann im Laufe des Tages dazu überreden können, keine Löcher mehr in die Luft zu starren, sondern mit ihm ins Auto zu steigen und irgendwas Schönes, Triviales zu tun. Er würde Alfred jedenfalls nicht aus den Augen lassen. Das war ihm schlicht und ergreifend zu gefährlich...
Ende Teil 3
