Von Manie, Hypomanie und Depression IV

Es war kurz nach Mitternacht, als Matthew den Motor abstellte, den Schlüssel zog und aus dem Wagen stieg. Die noch angenehm warme Sommerluft prägte die Nacht und hielt die Temperaturen auch zu dieser Zeit noch bei Laune. Der Blonde war ohne zu frieren bei offenem Verdeck und in einem kurzärmeligen Oberteil gefahren. Mit Fingern, die zur Radiomusik auf dem Lenkrad trommelten.

Die Party war toll gewesen, richtig lustig, mit vielen netten Leute, die er schon ein paar Tage länger nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Kurzum: er hätte problemlos noch länger dort bleiben können, hätte er nicht irgendwo im Hinterkopf gehabt, dass sein Bruder Zuhause saß. Der Monat Hausarrest war zwar endlich vorüber, aber der Gastgeber der Party – einst ein gemeinsamer Kumpel der Zwillinge – hatte ausdrücklich nur Matthew eingeladen.

Jener hatte bis kurz vor knapp überlegt, ob er überhaupt fahren sollte, sich dann aber dafür entschieden, da sein Bruder und sein Dad mit einem Jumboeimer Käsebällchen vor dem Fernseher versackt waren und die bedauernswerten Spieler auf der Mattscheibe entweder hitzig anfeuerten oder gnadenlos zur Schnecke machten. Wahrscheinlich wusste Alfred ganz genau, was Sache war. Er schlich zu viel um Matthew herum, um es nicht zu wissen. Aber Matthew hatte nicht den Mut gefunden, mit der Wahrheit rauszurücken, sondern hatte behauptet, jemand aus dem Eishockeyteam würde feiern – und mit den Leuten hatte Alfred nie sonderlich viel zu schaffen gehabt.

Außerdem ging es Alfred besser. Das war der eigentlich ausschlagende Punkt für Matthews Entscheidung gewesen. Alfred verbrachte nicht mehr alle 24 Stunden eines Tages im Bett. In diesen 2 ½ Wochen, die ihre Eltern im Urlaub waren, hatte Matthew es mit viel Mühe und Not geschafft, seinen Bruder jeden Tag ein bisschen mehr zum Leben zu animieren. Es hatte mit den kleinen Dingen angefangen: aufstehen, duschen, essen, zum Drive-In Schalter von McDonalds, Tacco Bells und Wendy's fahren. Ein Schritt nach dem anderen, bei denen Alfred jedoch lange Zeit über nie glücklich, sondern fortwährend apathisch gewirkt hatte.

Nichtsdestotrotz war auf lange Sicht irgendwas passiert. War die Aktivität langsam zurück in seinen Körper gekrochen und hatte schließlich auch seine fahlen Lippen und seine müden Augen wieder erklommen. Das Gespenst hatte Farbe bekommen.
Matthew konnte nicht beschreiben, wie froh ihn das machte. Mit bald 17 Jahren waren sie eigentlich beide schon sehr selbständig, doch dieses merkwürdig traurige Tief, in dem Alfred verschollen gewesen war, hatte die Dinge geändert. Es hatte sie beide als Menschen verändert und sie wieder mehr am Leben des jeweils anderen teilhaben lassen.

Nur dass Alfred kein besonders aufregendes Leben mehr hatte, erst recht nicht außerhalb des Hauses. Da Sommerferien waren, sahen sie niemanden regelmäßig in der Schule und Freunde riefen höchstens noch für Matthew an, ohne sich überhaupt nach Alfred zu erkundigen. Matthew hatte dafür Verständnis, aber sein Bruder war nicht mehr der aufgeblasene Egoist, als der er noch vor wenigen Monaten durch die Welt stolziert war.
Alfred war anders geworden. Irgendwie vorsichtiger, irgendwie befangener. Das Unerklärliche, was ihn so oft zum Weinen brachte, war noch nicht gänzlich fort. Ein Stück seines Schattens lag noch auf Alfred Gemüt und schien nur extrem langsam zu verblassen.

Er war viel anhänglicher als früher. Suchte viel mehr Bestätigung und Zuneigung bei Matthew, dem das zu Anfang Probleme bereitet hatte. Er war nie eine Person gewesen, an der andere Menschen sich vorlieblich orientierten. Dass Alfred damit begonnen hatte, hatte Matthew auf eine harte Probe gestellt. Von ihm wurde so viel mehr Eigeninitiative verlangt. Er hatte Entscheidungen für sie beide treffen müssen, selbst winzig kleine wie die Auswahl eines Films oder eines Videospiels. Alfred musste erst mal wieder davon überzeugt werden, an solchen Entscheidungen überhaupt aktiv teilhaben zu wollen. Endlose Tage lang war er ihnen mit Gleichgültigkeit begegnet. Wenn Matthew die Zügel nicht in die Hand genommen hätte, hätte Alfred eben nichts getan. Aber es war schwer jemanden zu stützen, der nicht mal einen Fuß vor den anderen setzen konnte.
Es war noch schwerer jemanden zum Laufen zu bewegen, wenn dieser jemand sich einzig und allein an bereits vorhandenen Fußspuren orientierte. Matthew ging für sie beide voran. Das war etwas, was er sich bis vor wenigen Monaten nie hätte träumen lassen.

Durch die Garage betrat er sein Elternhaus und lief über den Flur, vorbei an der Küche und einem Badezimmer, um in den Eingangsbereich und zur Treppe zu gelangen. Er hatte keine Angst mehr um seinen Bruder. Mittlerweile nicht. Diese Tagen waren vorüber. Gott sei Dank! Seit dem Abend, als Alfred in diese unkontrollierbaren Tränen ausgebrochen war, hatte Matthew ihn permanent beobachtet. Er hatte sogar wieder mit Alfred in einem Bett geschlafen, dabei war dieses gemeinsame Schlafen bei ihnen längst aus der Mode gekommen.

Eigentlich verwunderlich, denn als Kleinkinder hatten sie irgendwie nicht den Sinn in getrennten Betten gesehen. Ihre Eltern hatten ja auch ein gemeinsames Bett, also war für die Zwillinge glasklar gewesen, dass sie sich ebenfalls ein Bett teilten. Egal, ob der Tag zänkerisch oder harmonisch ausklang, letztlich hatten sie im selben Bett geschlafen. Sehr zum Leidwesen ihrer Eltern, die irgendwie versucht hatten, den beiden begreiflich zu machen, dass jeder von ihnen ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett hatte und nichts dagegen sprach, dieses auch zu benutzen.

Manchmal war Matthew nachts davon wach geworden, dass ein Elternteil ihn in sein Bett trug. Manchmal, weil jemand Alfred hoch hob und ins Nebenzimmer brachte.
Das war immer der Moment gewesen, in dem ihm mulmig zumute wurde.
Der Moment, in dem ihm bewusst wurde, alleine zu sein. Tagsüber hatte er keinerlei Probleme damit, aber nachts lehrte es ihn aus unerfindlichen Gründen das Fürchten. Anstelle von Alfreds Atem oder Stimme, seiner warmen Präsenz und seiner schützenden Nähe, waren da plötzlich fremdartige Geräusche, die Matthew vorher nie aufgefallen waren. Selbst normaler Regen gegen die Fensterscheibe kreierte eine ganz andere Atmosphäre, wenn man alleine im Bett lag. Ohne den Bruder, der doch neben einen gehörte...

Nicht mal sein dinosaurierförmiges Nachtlicht hatte Matthew dann großartig Trost spenden können. In den allermeisten Fällen hatte er verstört in seinem Bett gelegen, bis er entweder wieder einschlief oder es nicht mehr aushielt und zurück zu Alfred tapste. In manchen Nächten war Alfred schneller, immer mit dem Vermerk, dass Matthew ja ohne ihn Angst hätte. Merkwürdigerweise war in den Nächten, in denen man sie trennte und in denen sie auch bis zum Morgen getrennt blieben, jedes Mal Alfred derjenige, der ins Bett machte und sich ganz fürchterlich dafür schämte.

Getrenntes Schlafen funktionierte bei ihnen eigentlich erst, seit sie in der Grundschule gemeinsam im Sommercamp waren. Dort hatten sie in Stockbetten geschlafen und irgendwas hatte bei ihnen klick gemacht, aber das bedeutete nicht, dass es sie fortan störte, sich ein Bett zu teilen.
Gestört hätte es Matthew nur zu einer Zeit und diese Zeit war Teil der jüngsten Vergangenheit. Es war die Zeit, als Alfred ihn wie einen Fußabtreter behandelt hatte. Damals hätte ihn nichts und niemand dazu bringen können, mit seinem Bruder ein Bett zu teilen.

Die letzten Wochen über war das geteilte Bett wieder zu einer friedliche Angelegenheit geworden. Als hätten sie ein geheimes Abkommen unterzeichnet, endeten die Tage entweder in Alfreds King Size Bett oder auf Matthews breitem Futon. Unter den dünnen Sommerdecken pflegten sie dann zu liegen, zuweilen fernsehguckend oder aber Matthew las etwas vor. Genug Bücher gab es in ihrem Haus alle male und Alfred schlief nach einigen Seiten zuverlässig ein. Jeder Tag ohne Tränen war ein Erfolg. Jede Nacht, die er durchschlief, ein weiterer.

Alfred war eigentlich alles recht, was Matthew tat. Dieser zermarterte sich trotzdem das Hirn, ob er einen Wirtschaftskrimi oder einen Fantasyroman zur Hand nehmen sollte, ihnen diesen oder jenen Sender einstellen sollte. Alfreds bedingungslose Akzeptanz war Matthew unheimlich.
Wenn man es gewöhnt war, von klein auf mit seinem Geschwisterkind um die Fernbedienung zu streiten oder sich von diesem des öfteren hatte anhören müssen, wie langweilig das eigene Lieblingsbuch angeblich war, war eine so gravierende Veränderung nicht zu übersehen. Matthew sagte nur deshalb nichts, weil sein Bruder so ruhig und zufrieden wirkte, wenn er an einem gelehnt da lag oder dabei zusah, wie Matthew Fotos auf seinem instagram account hochlud.

Da Matthew jedoch kaum mehr unterwegs war, hatte er momentan reichlich wenig mit der Welt zu teilen. Er brauchte außerdem eine neue Kamera. Sein Smartphone war okay, im weitesten Sinne. Aber gewiss kein Ersatz für seine gute Kamera, die einfach nicht mehr richtig funktionierte. Sie war vermutlich zu alt und die Garantie war auch längst abgelaufen. Binnen des letzten Jahres hatte er sie zwei Mal zur Reparatur gebracht, aber sie war nicht mehr zu retten gewesen. Er spekulierte jetzt auf Geld zum Geburtstag und Geld zu Weihnachten. Es musste ein gutes Modell sein und ein solches bekam man eben nicht für lau. Ursprünglich hatte er auch mal mit dem Gedanken gespielt, sich einen Job in den Sommerferien zu suchen. Aber das Projekt war mehr oder weniger ins Wasser gefallen. Sein Fulltime-Job trug ja den Namen Alfred.

Unter dessen Türspalt drang weiches Licht hervor, als Matthew nun das Obergeschoss erreichte. Es wunderte ihn nicht. Licht war gut. Alfred blieb auch nicht mehr bis zum Morgengrauen wach. Vermutlich hatte er schlicht und ergreifend auf Matthews Rückkehr gewartet.

Ohne anzuklopfen, öffnete dieser langsam die Türe und linste ins Zimmer. Aufgeräumter, ordentlicher, besser durchlüftet. Ja, mit Alfred ging es bergauf. Nicht nur sein Zimmer sagte das, auch er selbst. Mit seinen Kopfhörern bewaffnet, stand Alfred in der Zimmermitte und bewegte sich zur Musik. Matthew entdeckte das iPhone in seiner rechter Hand, das die Klänge vorgab, denen sein Bruder intuitiv gehorchte.

Das war schön.

Ausgelassen, natürlich und einfach nur schön. Dieser Alfred hier glich wieder mehr dem Alfred, den Matthew lange gekannt hatte.

Plötzlich wünschte er sich, er wäre heute Abend nicht ohne ihn unterwegs gewesen. Er hätte ihn mitnehmen müssen. Das war doch irgendwie seine Pflicht, nicht wahr? Wie konnte er ihn nur zurücklassen? Es kam Matthew, nach diesen ungeheuer intensiven Wochen, fast wie Hochverrat vor, etwas ohne Alfred zu unternehmen...

Gänzlich in den Raum schlüpfend, lächelte er begrüßend übers ganze Gesicht. Alfred hatte ihn soeben entdeckt – und lächelte prompt zurück. Die Geschwister näherten sich wie auf Kommando einander an, Alfred in tanzenden, Matthew in lockeren Schritten.

„Hey~ey, da bist du ja endlich wieder! Wie war's?" Alfred zupfte eilig an einem der Ohrstöpsel, um ihn ungefragt seinem Gegenüber ins Ohr zu stopfen. Die Mischung aus Elektro und HipHop war laut, aber nicht zu laut und floss durch Matthews Muskeln wie gut portionierte Stromschläge. Dass Alfred ihn schon früher zurückerwartet hatte, machte die Schuldgefühle gewiss nicht besser.
„Sorry! Ich hab mich 'n bisschen verquatscht, sonst wär ich schon seit 'ner Stunde wieder hier. Aber es war echt ziemlich geil! Die Musik war der Hammer. Lars hat aufgelegt. Er hat was Neues gemixt. Warte!" In seine Gesäßtasche langend, förderte Matthew sein eigenes Handy zutage. Alfred schaltete automatisch, zog das Kabel der Kopfhörer aus seinem Telefon und stöpselte es bei Matthew ein. Dieser ließ die Musik auf einen Tastendruck hin beginnen.

Alfreds Körper wog schon mit dem Beat, sein Lächeln war allerdings durchwachsen bis melancholisch:
„Lars spielt gar kein Eishockey."

Die Erkenntnis, ein totaler Idiot zu sein, traf Matthew wie der Blitz. Wenn er schon mit Lügen sein Weggehen rechtfertigte, sollte er sich nicht hinterher verplappern. Sie wussten beide, dass Lars noch nie in seinem gesamten Leben einen Eishockeyschläger in der Hand gehalten hatte und genauso wenig mit den Jungs vom Eishockey zu tun hatte wie Alfred.

Matthew fehlten die Worte, indessen das merkwürdige Gemisch aus Trauer und Verständnis auf Alfreds Gesicht gnädig verschwand, weil er sich gänzlich auf die Musik einließ. Sein Haar, endlich wieder kürzer geschnitten, schloss sich der freiheitsliebenden Dynamik an.

„Tut mir leid, es-es war nur so, dass-"

„Jup, schon klar", unterbrach Alfred schnell den Versuch seines Bruders, sich zu rechtfertigen. Er wollte es sich nicht zu Herzen nehmen. Das sagte seine Stimme, das sagte sein Tanzstil. Trotzdem kam sich Matthew furchtbar schäbig vor.

„Nächstes Mal kommst du einfach wieder mit. Das geht sicher in Ordnung, wenn du dich entschuldigst."

Alfred sah kurzweilig auf seine Füße herab, die nicht still standen. Als sein Blick sich wieder hob, war eine zu große Verunsicherung darin zu lesen. Eine Kapitulation. Er wusste, er hatte es sich verscherzt. Wem wollte Matthew bitte noch etwas vormachen? Alfred kannte die Wahrheit: Sämtliche Leute waren, um es nett zu formulieren, tierisch angepisst von ihm. Das ließ sich nicht mit einer Entschuldigung kitten. Das waren Freundschaften gewesen, langjährige, gute Freundschaften, die Alfred binnen weniger Wochen in Grund und Boden gebrannt hatte mit seinem damaligen Feuereifer.

Unerwartet geriet Matthew ins Straucheln, als sich Alfreds warme Finger um sein Handgelenk schlangen und ihm wieder einen Rhythmus nahe brachten. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er definitiv keine Lust hatte, jetzt über dieses Thema zu sprechen. Es würde ihn nur wieder runterziehen.

Vielleicht wäre es ja wirklich das Beste, wenn Alfred einen Strich unter das letzte Schuljahr machte und nach den langen Sommerferien in der neuen Klasse von vorne anfing. Wenn sich Matthew den euphorischen Tanzstil seines Bruders so ansah, schien der nötige Optimismus dafür auch endlich wieder vorhanden. Alfred wusste sich zu bewegen. Er hampelte nicht, er wirkte nicht verkrampft. Ihm fehlte eine Party wie die, auf der Matthew den heutigen Abend verbracht hatte. Früher hatte Alfred immer getanzt und Matthew hatte es sich meist mit einem Getränk in der Hand amüsiert von der Seite angesehen. Dieses natürliche sich-einfach-gehen-lassen-können beherrschte er nicht so gut. Alfred hingegen schon. Matthew sog den lange verloren geglaubten Anblick regelrecht mit den Augen auf wie ein Schwamm das Wasser, so sehr hatte er ihn vermisst.

Dem auffordernden Charakter von Alfreds Bewegungen folgend, ließ sich Matthew in den Beat fallen und musste grinsen, als Alfred ihn unmissverständlich antanzte. Lasziv, sogar in gewissem Maße sexy, aber nicht anmachend. Der im Normalfall eingehaltene Anstandsabstand zwischen zwei Menschen galt bei ihnen sowieso nicht und jetzt noch viel weniger. Vermutlich wusste Alfred genauso wenig wie Matthew, was sein Körper machte, weil sie sich seit einer geschätzten Minute ohne Unterbrechung in die Augen sahen. Zwischen ihnen das wippende Kabel der Ohrstöpsel und die verrückt aufmuckende Musik.

Absichtlich hatte Alfred noch nie jemanden sexy angetanzt. Die Erkenntnis war Matthew schon häufig gekommen, wenn er seinem Bruder zugeschaut hatte, der zwar durchaus mit Mädchen tanzte, aber ihnen nicht auf einer eindeutig zweideutigen Ebene näher zu kommen wagte. Alfred war nicht unbedingt zu unschuldig dazu, eher noch im Prozess zu realisieren, dass es bestimmte Gesten, Blicke und Bewegungen gab, die mehr aussagten. Mehr forderten. Mehr boten.

Alfred war zu blind, um zu sehen, wenn ihm ein Mädchen schöne Augen machte. Er kapierte es einfach nicht. Er las nicht zwischen den Zeilen und beherrschte die Flirtsprache nicht. Es war ein jedes Mal furchtbar komisch, wie irritiert er blinzelte, wenn Matthew ihm zu verstehen gab, dass das Mädchen, was gerade enttäuscht abgezogen war, mit ihm zu flirten versucht hatte.

„Was gibt's 'n jetzt zu lachen?" Matthew schwappte Alfreds neugierige Stimme entgegen. Ihre Schultern streiften sich dann und wann, so dicht hatte die Musik sie bereits zusammendrängt. Die Nacht war so warm wie der Tag.

Das Grinsen noch immer im Mundwinkel, schüttelte Matthew den Kopf.
„Musste nur gerade an was denken."

„An was denn?"

Matthew schüttelte abermals den Kopf, woraufhin sein Bruder eine Schnute zog. Die Hände dem Beat entreißend, legte Alfred sie seinem Bruder auf die Schultern. Abgesehen davon, konnte jedoch keiner von ihnen das Tanzen aufgeben.

Saaag!"

Das Lächeln auf Matthews Lippen entfaltete sich zu voller Größe.
„Wie oft du früher nach'm Feiern gewinselt hast, dass dich wieder keine geküsst hat." Die Erinnerung malte ein perfektes Bild von Alfred, wie er die Hände in die Hosentaschen schob oder mit den Schnüren seines Hoodies spielte, während sie nach Hause spazierten. Die Sache mit dem verpassten Flirt partout nicht fassen könnend. Alfred konnte verdammt theatralisch sein, wenn auch nur für kurze Dauer.

Jetzt machte er ertappt große Augen und vergaß glatt die Füße zu bewegen. Trotz des künstlichen Lichts, war der dezente Rotstich auf seinen Wangen unübersehbar.
„Ich bin aber nich' ungeküsst!"

„Nicht?" Das war Matthew neu.

Sein Zwilling schob die Unterlippe vor, so wie ein Kind, das unbedingt Recht behalten wollte.
Jaa..wir ähm haben uns doch mal geküsst. Weißt du nich' mehr?" Die Frage war zerbrechlich, dünn und kam mit einem gehauchten Lachen daher, das die Unsicherheit mehr schlecht als recht kaschierte.

Natürlich erinnerte Matthew sich noch.
„Da waren wir wie alt? Zehn?!" Irgendwie hatte er vorhin eher an richtige Küsse gedacht. Nicht an das, was sie beide unter dem Einfluss kindlicher Neugierde ausprobiert hatten und eher in die Kategorie ‚Schmatzer' fiel.

„Trotzdem", beharrte Alfred. Die Augen klammernd. „Das zählt!"

„Äh..." Matthew hatte nicht beabsichtigt, seinen Bruder in eine Krise zu stürzen. Er hatte vorhin bloß nicht daran gedacht, dass Alfred die Sache mit dem Kuss so wichtig sein könnte. Vielleicht fehlte ihm der Horizont dafür, weil er den ersten richtigen Kuss längst hinter sich hatte – und da war Alfred definitiv nicht involviert gewesen!

Mit der Hand, die gerade nicht sein Handy festhielt, tätschelte Matthew seinem Bruder unbeholfen den linken Oberarm. Eine Geste, die deutlich sagte, dass es ihm leid tat, aber dieses kurze Küsschen vor knapp sieben Jahren ging nicht als Kuss durch.

Alfreds Gesichtszüge sackten ein Stück herab, als er die Botschaft entschlüsselte und den Kopf hängen ließ. Matthews Klopfen erstarb; ihm war es unangenehm, Alfred seiner Illusionen zu berauben. Der erste Remix endete mit einem lauten Aufgebaren, dann beanspruchte eine unpassende Ruhe ihre Ohren.
Genau in der Sekunde, als Matthew gerade etwas Aufbauendes sagen wollte – und nein, er wusste noch nicht, was –, hob sein Gegenüber den Blick. In den Augen eine lichterloh brennende Entschlossenheit, die sich mit dem nächsten Song in Matthews Bewusstsein sengte.
„Wir könnten ja einen richtigen draus machen. Nur so, weil ähm..." Weil Alfred es nicht ertrug, noch keinen richtigen Kuss gehabt zu haben. Schon klar.

Matthew wollte seufzen, seine Pupillen sprangen einmal zur Zimmerdecke hinauf, indessen er jede kleinste Regung der nun nervös wirkenden Finger auf seinen Schultern genauestens nachempfinden konnte. Hier war jemand aufgeregt, und das nicht zu knapp.

Als Matthew seinem Zwilling wieder ins Gesicht schaute, beugte dieser sich vor. Viel zu verkrampft. Es lief nie gut, wenn Alfred etwas auf Teufel komm raus wollte und dafür alle Hebel in Bewegung setzte. Seine Lippen trafen einen hart, traten aber sogleich den Rückzug wieder an. Alfred hatte definitiv keine Ahnung, wie er diese Sache anfassen sollte. Matthew frustrierte es beinahe; die fremden Lippen waren so rasch verschwunden, als wären sie nie da gewesen. Er hatte nichts gefühlt. Außer etwas drückend Warmes.

„Machst du nich' die Augen zu?", wurde er zudem gefragt. Alfred hoffte anscheinend auf einen filmreifen Kuss. In seinem Blick lag etwas, das leichtfüßig war und am Valentinstag sehnsüchtig allen verliebten Pärchen nachstellte. Nicht, dass er es zugeben würde, aber er war neidisch auf glückliche Pärchen. Etwas, das Matthew gelegentlich nachempfinden konnte. Er konnte sich bestens vorstellen, dass das Mädchen, was es jemals mit Alfred aushalten würde, zum Valentinstag unverhältnismäßig große Blumensträuße und herzförmige, pinke Pralinenschachteln geschenkt bekam, während er grinsend daneben stand und sich wie ein Schnitzel freute. Alfred brauchte Happy Ends. Selbst der beste Actionfilm hinterließ ihn unbefriedigt, wenn nicht zumindest eine platte, aber funktionierende Lovestory in den Plot eingewebt war. Matthew wusste nicht, wieso das so war. Allerdings wusste er auch nicht, warum die Horrorfilme, die er wie Cartoons konsumieren konnte, den ach so toughen Alfred immer vollkommen verstörten. No big deal here. Sie waren eben, wie sie waren.

Und zum jetzigen Zeitpunkt waren sie lächerlich. Hörbar ausatmend, ließ Matthew seine Hand, die eben erst zum Oberarmklopfen abkommandiert worden war, in Alfreds Nacken wandern. Dorthin, wo warme Haut und Haarspitzen ihr Zuhause hatten. Es war dringend nötig, dass Alfred sich ein bisschen locker machte. Die Berührung schien da ein guter Anfang. Matthew glaubte, die Hände auf seinen Schultern lösten ihren ungewollt angenommenen Klammergriff ein wenig.

Um die Lücke zwischen ihnen zu schließen, bedurfte es nicht viel. Er würde Alfreds Lippen küssend abtasten. Lang genug, bis dieser begriff, was man mit einem Mund anstellen konnte. Dann würde Matthew ihm heimlich die Initiative zuspielen und die Sache wäre aus der Welt.
So weit der Plan, der sich besser in die Tat umsetzen ließ, als Matthew angenommen hatte. Nach ein paar zurückhaltenden Sekunden wurde Alfred erstaunlich gut darin, auf die Lippenbewegungen angemessen zu reagieren und ihre Lippen in stetig leicht variierenden Winkeln zu verschmelzen. Seine Augen waren geschlossen, wie Matthew feststellte, als er einmal lauerte und nicht wirklich einen konkreten Gedanken für die Begebenheit übrig hatte.

Sein Zwillingsbruder schmeckte gemütlich warm und nach den Käsebällchen, die er heute Abend in rauen Mengen vor dem Fernseher verspeist hatte. Dass es so präzise zu identifizieren war, erklärte sich durch die Tatsache, dass Matthews Zunge ihren Weg in Alfreds Mundhöhle gefunden hatte. Eigentlich kein Teil des ursprünglichen Plans, wie er im Hinterkopf notierte. Es war mehr eine schlichte Reaktion auf das sanfte Vorgehen gewesen. Aber wenn sie schon auf dieser Stufe angelangt waren, lotste er die andere und durchaus neugierige Zunge gerne auch zu sich in den Mund hinüber.

Zeitgleich ließ Alfred die Hände aufwärts wandern, sodass sie Matthews Schultern passierten, seinen Hals erklommen und sein Gesicht umfassten. Die Daumen auf den Wangen, die restlichen Finger in den Strähnen am Hinterkopf. Das war ein astreiner Beweis dafür, dass Alfred anfing, Positionen zu suchen, die ihm gefielen und mit denen er sich wohl fühlte. Ziemlich wohl sogar, wie Matthew zu behaupten wagte und registrierte, wie ihm einer der Daumen zärtlich die Wange streichelte.

Insgesamt war Alfred immer noch etwas zu verspannt, etwas zu überambitioniert. Aber es fiel ihm mit jeder Sekunde, die verstrich, leichter, das richtige Verhältnis zu finden. Küssen war eben kein Wettkampf.

Insgeheim wunderte sich Matthew, ob auch er so verdächtig nach wohligem Nichts schmeckte? Einfach nur nach etwas Altbekanntem, das einen nicht sonderlich überraschen konnte. An und für sich war der Kuss zwar leidenschaftlich und mittlerweile bei weitem innig genug, um theoretisch nach mehr zu verlangen. Praktische fehlte jedoch eine wichtige Komponente: die des fremden Gegenübers, das genügend Anreiz bot, um es ausgiebiger erforschen zu wollen. Matthew hatte auf eine absurde Art und Weise das Gefühl, mit sich alleine zu sein. Alfred war zwar da und ihn zu küssen war angenehm, aber es erfüllte ihn nicht mit Sehnsucht. Von Erregung ganz zu schweigen.

Alfred würde noch staunen, wenn er seinen ersten richtigen Kuss von jemandem bekam, den er nicht schon sein ganzes Leben lang kannte.

Mit Hilfe einer leichten Drehung schummelte sich Matthew aus dem Kuss und brach ihren Lippenkontakt. Alfred versuchte ihn noch kurzweilig daran zu hindern, schien dann aber zu begreifen, dass es seinem Zwillingsbruder genügte. Seine Mundwinkel drifteten in ein himmelweites Lächeln ab, seine Augen strahlten, sein Gesicht war rosig und sein Geist voller Stolz. Wenn es nur immer so leicht wäre, Alfred glücklich zu machen, dann hätte Matthew die Methode schon vor ein paar Wochen eingeführt.

Stattdessen lächelte er zurück. Sich noch immer merkwürdig entrückt und mit sich alleine fühlend, obwohl da nach wie vor Hände an seinem Gesicht und in seinem Haar ruhten.

Vielleicht waren sie einander doch so nah gekommen, dass sich ihre Seelen vereint hatten. Vielleicht war all das hier genau deshalb so merkwürdig und beruhigend, so bedeutend unbedeutend.

„Das war gut! ...oder nich'?"

Es wäre noch besser, wenn sich Alfred wieder seiner einstigen Selbstsicherheit bedienen würde, anstatt einen erwartungsvoll anzustarren. Matthew hätte es gern gesagt, beließ es aber in Anbetracht der schwierigen letzten Wochen bei einem zuversichtlichen Nicken. Nicht, dass er es nachher noch zu verantworten hätte, wenn sein Bruder die nächste Krise schob...