Von Manie, Hypomanie und Depression V
Das Geld war immer noch weg.
Matthew tat so, als hätte er es nicht bemerkt, aber jeden Morgen und jeden Abend griff er nach der kleinen Spardose, die als Buchstütze in seinem Regal stand und bis vor kurzem noch an die 40 Dollar beherbergte. Es war nicht so, als sei er blank. Er hatte Geld auf dem Konto. Bargeld war im Grunde out, außer wenn man online etwas bestellte, das direkt bei der Lieferung an der Tür bezahlt werden sollte. Hätte er dies nicht getan, hätte er vermutlich immer noch nicht mitbekommen, dass seine 40 Dollar fort waren.
Alfred hatte kein Wort dazu gesagt, aber es konnte nur er gewesen sein. Matthew war sich da vollkommen sicher. Seine Eltern kämen nicht im Traum auf den Gedanken, sich ungefragt an seiner Spardose zu bedienen. Erst recht nicht, ohne das Geld später wieder zurückzulegen. Die alles entscheidende Frage war nur, wann Alfred das Geld genommen hatte? Es musste definitiv schon länger her sein.
In den Wochen, in denen Alfred in seinem abgedunkelten Zimmer beinahe eingegangen war, hatte er kein Bargeld benötigt. In den anschließenden Wochen war er immerzu in Matthews Nähe gewesen, also wäre es aufgefallen, wenn Alfred das Geld ausgegeben hätte. Die einzig logische Schlussfolgerung war also, dass Alfred das Geld genommen hatte, lange bevor der schwierige Sommer über ihnen eingebrochen war. In der Zeit, als er getan und gelassen hatte, was immer er wollte. Seither musste das Geld fort sein. Und seither hatte Alfred wohl auch vergessen, es wieder zurück zu geben.
Matthew seufzte, als er die Spardose, einst ein Geschenk von seiner Patentante, wieder neben den Büchern im Regal platzierte. Zugegeben, sie war nicht mehr altersgemäß, aber sie erfüllte ihren Zweck. Nur dass das Geld eben verschwunden war und sofern er seinen Bruder nicht direkt auf die Angelegenheit ansprechen würde, würde er es wohl auch nie wieder sehen...
In dem Moment, als Matthew sich vom Regal abwandte, erschütterte plötzlich das gesamte Haus. Intuitiv zog der Jugendliche den Kopf zwischen die Schultern und kniff die Augenlider zu. Gleichzeitig machte sein Verstand die Quelle der Unruhe ausfindig: jemand hatte die Haustüre zugedonnert – und das nicht zu knapp!
„JUNGS!"
Es war ihr Vater. Ganz eindeutig. Die Stimme kläffte ohrenbetäubend laut durchs ganze Haus. Was um alles in der Welt war passiert?
Ahnungslos, aber in höchstem Maße alarmiert, drehte sich Matthew schleunigst herum und riss seine Zimmertüre auf. Sein Vater kam schnaufend die Treppen hoch und stand gleich darauf wie ein wütender Stier vor ihm. Matthew blieb die Spucke weg. Das Gesicht seines Vaters war puterrot und das hatte nichts mit der anhaltenden Hitze dort draußen zu tun. Vor dem Fenster mochte sich zwar der Hochsommers austoben, doch das waren sie alle gewöhnt. Es war also definitiv nicht der Anlass für die ungesunde Hautfarbe seines Vaters.
Verschreckt machte Matthew einen Schritt zurück und spürte den Türrahmen im Rücken. Die Augen seines Vaters hatten die Form zorniger Schlitze angenommen und waren alles andere als freundlich gestimmt.
Alfreds Türe schwang nun ebenfalls auf. Er schien nicht minder verwundert, doch der Blick, den sein Vater ihm entgegen schleuderte, ließ Matthew erblassen.
„Wer von euch ist gestern Abend mit meinem Wagen gefahren?"
Oh nein...
Matthew schwante Übles. Ihre Eltern waren gestern Abend unterwegs gewesen. Ein nettes Abendessen bei Freunden, bei dem auch ein guter Wein nicht gefehlt hatte. In weiser Voraussicht hatten sie deswegen ein Taxi genommen.
Matthew war mit dem eigenen Auto weg gewesen bzw. mit dem Auto, was ihm und Alfred gehörte und was sie voriges Jahr zum 16. Geburtstag geschenkt bekommen hatten. Während normale Teenager aus reichem Hause je ein eigenes Auto besaßen, hielten ihre Eltern es für sinnig, wenn die Zwillinge lernten, teure Geschenke zu würdigen. Wie sie den Gebrauchtwagen teilten, war ganz ihnen überlassen. Benzin und Versicherung mussten sie allerdings selber bezahlen. Dafür fiel ihr Taschengeld insgesamt etwas großzügiger aus.
All das war auch nie ein sonderliches Problem gewesen – abgesehen von der Zeit, als Alfred ungefragt ständig das Auto genommen und mit so gut wie leerem Tank wieder in die Garage gestellt hatte. Glücklicherweise war das schon seit längerem nicht mehr vorgekommen. Matthew konnte sich spontan nicht mal mehr daran erinnern, wann Alfred zuletzt alleine mit dem Auto unterwegs war. Sie waren eigentlich immer gemeinsam weg gewesen in jüngster Vergangenheit. Nur gestern Abend nicht.
Gestern Abend hatte sich Matthew schweren Herzens für ein paar Stunden von seinem Zwilling losgeeist, um sich in einem kleinen Kulturkino einen außerordentlich gut besprochenen französischen Film anzusehen. In der Schule belegte er Französisch mittlerweile im Erweiterungskurs. Vor ein paar Jahren hatten sie alle eine weitere Fremdsprache wählen dürfen. Während Alfred sich für Spanisch entschieden hatte, hatte Matthew Französisch gewählt und da er den Newsletter des Kinos abonniert hatte, war ihm der Film quasi direkt ins Auge gesprungen. Irgendetwas in ihm hatte plötzlich darauf gebrannt, sich ins Kino zu begeben. Nicht mit seinem Bruder zusammen, sondern alleine. Und dies war die perfekte Gelegenheit dazu. Eigentlich interessierte ihn der Film gar nicht so besonders. Doch je vehementer sein Zwilling ihn überreden wollte, ihn mitzunehmen, desto mehr Energie hatte Matthew darein investiert, es ihm auszureden.
Schlussendlich war Alfred allein Zuhause geblieben. Zumindest solange, bis Matthews Handy gebrummt und ihm per SMS verraten hatte, dass sich Alfred zu sehr langweilte und er deshalb noch mal „raus ging". Matthew hatte das nicht weiter beunruhigt – bis jetzt zumindest. Denn nun zählte er rasch eins und eins zusammen: Alfred war nicht „gegangen". Er hatte den Wagen genommen und Scheiße gebaut. Dem Gesichtsausdruck ihres Vaters nach zu urteilen, ziemlich große Scheiße sogar. Seine Halsschlager schien kurz vorm Platzen zu stehen.
„Wie-wieso fragst du?", presste Matthew halb stammelnd, halb fragend hervor. Er wollte es eigentlich gar nicht so genau wissen...
„Weil da so ein großer Kratzer auf der Fahrertür ist! Deswegen!" Ihr Vater brauchte gleich beide Hände, um das Ausmaß deutlich zu machen.
Matthew rutschte das Herz in die Hose. Alfred hingegen sah aus, als würde man ihn jeden Moment vierteilen.
Verdammt, wie hatte er das mit dem Kratzer schon wieder geschafft?
In Matthews Kopf leuchtete eine Warnlampe auf: rot und grell und ihn intuitiv einen Schritt auf seinen Vater zumachen lassend.
„Sorry, Dad! Ich..ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Es-es tut mir echt leid." Die gelogene Entschuldigung fiel Matthew so dermaßen schwer, als sei er wahrhaftig verantwortlich. Aber er wusste, wenn Alfred nach dem Malheur mit dem Zeugnis auch noch zugeben würde, den Kratzer ins Auto gefahren zu haben, würde er seines Lebtags nicht mehr glücklich werden! Seit sein schamloses Schwänzen ans Licht gekommen war, hatten ihre Eltern reichlich wenig Geduld mit Alfred. Sie hatten ihm unter vier Augen ein paar Sanktionen aufgebrummt, von denen Matthew offiziell nichts wusste. Aber er ahnte, dass es dabei mitunter um Alfreds Taschengeld und vermutlich auch um die anstehenden Geburtstagsgeschenke ging.
„Es tut dir also leid?!" Die Betonung ließ keinerlei Zweifel daran, dass ihr Vater Matthews Schuld ernstzunehmend infrage stellte.
Jener trat unterbewusst einen weiteren Schritt zurück, sodass der Türrahmen direkt auf seine Wirbelsäule drückte. Aus dem Augenwinkel war ersichtlich, dass Alfred sich auf die Zunge biss und seine Hände zu zittern begannen. Er haderte, ob er mit der Wahrheit herausrücken sollte. Matthew riet ihm per Seitenblick dringend davon ab und nickte mit eiserner Entschlossenheit.
„Ja, ich hab wohl zu nah an 'ner Wand geparkt. Die Straße war nicht so gut beleuchtet und ich hab nicht gesehen, dass der Kratzer so groß war... Es-es ist einfach dumm gelaufen. Tut mir leid!"
Die Entschuldigung schien den aufgebrachten Mann nur zusätzlich zu frustrieren. Er schnaubte und nahm dann seinen anderen Sohn ins Visier. Diesem gelang es nicht, den Blickkontakt guten Gewissens aufrecht zu erhalten.
„Ihr beide leistet euch verdammt viel in letzter Zeit!", knurrend stemmte ihr Vater die Hände in die stämmigen Seiten. „Aber wenn ihr meint, mit diesen ewigen Lügen oder diesem Verschweigen könne man alles regeln, dann könnt ihr übernächstes Wochenende mal ganz ausführlich darüber nachdenken!"
„Übernächstes Wochenende?!", wallte Alfreds Stimme auf. „Aber da is' doch-!"
„Nein, eure Geburtstagsparty ist gestrichen! Ladet eure Gäste wieder aus! Wenn ich auch nur einen von denen hier sehe, könnt ihr was erleben! Verstanden?! Und auswärts wird auch nicht gefeiert! Mit dem Geld lass ich die Tür neu lackieren! Ich bin wirklich enttäuscht von euch beiden!"
Im Zuge einer hilflosen Geste streckte Alfred die Hand aus, so als wolle er ihren Vater festhalten. Der hatte sich allerdings längst umgedreht und stampfte die Treppe wieder herunter. Eine jede Stufe schrie unter dem polternden Gewicht.
Matthew hatte immer noch das Gefühl, wie ein Schmetterling am Türrahmen fest gepinnt worden zu sein. Ihm schien jedwede Bodenhaftung entrissen. Dort, wo sein gestreiftes T-Shirt seine Haut von dem harten Holz trennte, war der Stoff durchgeschwitzt.
Was um alles in der Welt war hier gerade passiert? Ihr Vater hatte ihnen doch nicht wirklich die Geburtstagsparty gestrichen, oder?
Entsetzt bis zum Gehtnichtmehr starrte Matthew seinen Zwillingsbruder an, dem der Mund offen stand.
Matthew hatte das nicht erwartet. Wirklich nicht. Er hatte zwar damit gerechnet, dass ihr Vater ungeheuer wütend werden und ihn den Schaden bezahlen lassen würde, aber dass er die geplante Party cancelte, das hatte Matthew ihm im Leben nicht zugetraut. Die Party war doch die Gelegenheit, um alle, mit denen Matthew befreundet war und die Alfred die Freundschaft gekündigt hatten, herzulotsen. Sie hätten gemerkt, dass Alfred wieder völlig okay war und dann wäre alles wieder etwas mehr in Ordnung gewesen. Matthew hatte es so gut durchdacht.
Und nun? Sein Plan war wie eine Seifenblase geplatzt.
Der Schuldige? – Sein eigener Zwillingsbruder! Derjenige, dem er etwas Gutes hatte tun wollen!
Matthews Augenbrauen stürzten herab; eine Welle der Wut überflutete in Sekundenschnelle sein sanftes Gemüt. Er war verhältnismäßig lange nicht mehr sauer gewesen. Zumindest nicht in einem Ausmaße, das ihn aktiv-aggressiv statt passiv-aggressiv agieren ließ.
„Fick dich, du Arschloch! Echt mal!", schleuderte er Alfred an den Kopf, ehe er sich umdrehte und seine Zimmertüre zuknallte.
Es war ihm egal, warum sein Bruder gestern unterwegs war. Vor einiger Zeit hatte Matthew ihn ständig aufgefordert, doch mal wieder die Fühler ins Leben zu strecken. Aber er hatte Alfred garantiert nicht gesagt, er solle den Wagen ihres Vaters nehmen und Kratzer da rein fahren! Was bildete der Scheißkerl sich eigentlich ein?
Und warum maßte er es sich an, ihm jetzt auch noch ins Zimmer zu folgen? Er sollte Matthew aus den Augen gehen!
„Die Tür ist da, wo du reingekommen bist!" Er war nicht gut im Streiten. Nicht mal im Schreien. Kein Wunder, dass Alfred das meistens ignorierte und in den seltensten Fällen respektierte. Gerade machte er zwar einen enorm zerknirschten Eindruck, aber das hätte er sich überlegen sollen, bevor er ihnen mal wieder Ärger einbrockte. Gott, Matthew wollte seinen Bruder erwürgen und es kostete ihn all seine Selbstbeherrschung, ihn nicht mit Gewalt aus dem Zimmer zu jagen! Seine Muskeln bebten regelrecht und alles, was Alfred tat, war seltendämlich da zu stehen und leicht entschuldigende Gesten anzudeuten.
„Ich konnt' doch nich' wissen, dass er so austickt!"
„Nein! Überhaupt nicht!", bediente sich Matthew an Ironie, die selbst bei seinem Gegenüber klar und deutlich ankam.
Sollte es einen eigentlich freuen, dass Alfred genug bei Sinnen war, um wie ein getretener Hund auszusehen? Vermutlich war es besser, mit diesem Alfred zu streiten als mit dem, der einen jetzt ausgelacht hätte, weil man so doof war, für ihn den Kopf hinzuhalten.
„Wir..wir müssen doch nicht unbedingt feiern."
Das war jawohl der Gipfel!
„Du hast ja eh keine Freunde mehr, die du einladen kannst! Schon klar, dass es dir da natürlich scheißegal ist, ob du meinen Geburtstag ruinierst oder nicht!"
Wie gemein seine Anschuldigung war, begriff Matthew erst, als sein Zwillingsbruder zusammenzuckte. So als habe er ihm ernsthaft weh getan. Kein kleiner Tritt, keine schlichte Ohrfeige. Er hatte einen Volltreffer gelandet. Aber er war so furchtbar wütend! Einerseits weil Alfred die Sache mit den alten Freunden tatsächlich längst abgehakt hatte und andererseits, weil er durch diese Aktion mit dem Wagen erneut unter Beweis gestellt hatte, immer noch ein verfluchter Egoist zu sein, der nie über den Tellerrand seiner eigenen Bedürfnisse hinaussah!
Matthew hatte es satt. So unglaublich satt! Er hatte auch Geburtstag! Er hätte gern eine Party gehabt und jetzt musste er hingehen und all seinen Freunden wieder absagen, da Alfred wieder mal Mist gebaut hatte! Es war nicht fair! Es war verdammt noch mal nicht fair!
Außerdem hatte Matthew in den letzten Wochen sehr wohl kapiert, dass sie extrem aufeinander hingen. Es war nötig gewesen und es war vermutlich auch bis zu einem gewissen Grad natürlich für sie. Sie waren keine normalen Geschwister. Aber was Alfred machte, sprengte jeden Rahmen. Er orientierte sich immer noch vorlieblich an Matthew und er hielt ihre ‚gemeinsam in einem Bett schlafen'-Tradition samt Gute-Nacht-Kuss aufrecht. Er schaute sich gar nicht mehr nach anderen Menschen um. Er war fixiert. Auf Matthew.
Diesem fiel es wie Schuppen von den Augen. Am liebsten hätte er vor lauter Frustration seinen Schreibtisch zu Kleinholz verarbeitet. Er wusste immerhin, wie das war, wenn man auf seinen eigenen Zwillingsbruder fixiert war. Er erkannte es nur deswegen so deutlich bei Alfred, weil er es selbst schon durchgemacht hatte. Als sie damals von der Grundschule auf die weiterführende Schule gewechselt waren, war er vollkommen auf Alfred fixiert gewesen. Alle waren wesentlich größer gewesen und hatten sich nicht gescheut, Matthew auf dem Gang anzurempeln und ihn wie Luft zu behandeln. Er hatte sich so unsichtbar und so schlecht gefühlt, sobald Alfred mal nicht neben ihm stand, dass er ihm wie ein Schatten gefolgt war.
Alfred hatte es zunächst nicht all zu sehr gestört, aber irgendwann hatte er – ob nun absichtlich oder nicht – doch versucht, sich das ein oder andere mal abzukapseln. Matthew war dann panisch durch die Schule geeilt, nur um seinen Bruder zu suchen. Es war lächerlich, aber er hatte Angst gehabt. Er hatte schlichtweg nicht gewusst, wie er ohne Alfred in dieser neuen Umgebung überleben sollte. Alle schienen von Alfreds offener und verrückter Persönlichkeit angezogen, indessen Matthew mehr und mehr in den Hintergrund rückte und befürchtete, irgendwann im Nichts zu verschwinden.
Er hatte in jenen Tagen alles getan, um es seinem Bruder recht zu machen. Der Gedanke, es sich mit Alfred zu verscherzen und deswegen womöglich mutterseelenallein den Schulalltag bewältigen zu müssen, war so erschreckend gewesen...
Alfred machte im Moment exakt das selbe. Er klammerte sich an Matthew, der das Spielchen unbeabsichtigt munter mitgemacht und seinen Bruder somit in seinem Verhalten bestärkt hatte. Andernfalls würden sie jetzt nicht in dieser misslichen Lage stecken.
Entnervt aufstöhnend fuhr sich Matthew durchs Haar. Er hätte es früher erkennen müssen. Er hätte es viel früher erkennen müssen!
„Sorry, das war gerade nicht so gemeint..." Die Entschuldigung war, im Gegensatz zu der auf dem Flur, aufrichtiger Natur. Er wollte Alfred nicht wehtun, nie, und es tat nun mal weh, vom eigenen Zwillingsbruder mies behandelt und mit Worten fertig gemacht zu werden.
„Ähm, schon okay", mühte sich Alfred zu lächeln. Sein gesamtes Ich fiel jedoch in sich zusammen wie ein Soufflé. Seine spärlichen Worte waren der beste Beweis dafür, dass absolut gar nichts okay war.
Es war nicht okay, wie Matthew sich benahm und erst recht nicht, wie Alfred darauf reagierte. Er war verletzt, sie wussten es beide und Matthew sah obendrein, dass sie sich gegenseitig die Luft abschnürten. Sie hockten zu viel aufeinander. Es war ungesund, für jeden von ihnen. Alfred buckelte, so hoch waren seine Verlustängste gewachsen, und Matthew fauchte, so arg fühlte er sich in die Ecke gedrängt von dieser permanenten Nähe und dieser Erwartungshaltung, die auf ihm lasteten. Er hatte Alfred all die Wochen über ‚getragen', wenn man so wollte. Sich um ihn gekümmert und ihm geholfen, als einziger. Kein Wunder, dass Alfred sich auf ihn eingeschossen hatte und dass ihre gemeinsamen Tage mittlerweile so aussahen, dass Alfred immerfort etwas zu finden versuchte, was sie zusammen unternehmen konnten. Matthew konnte nicht mal in den Pool gehen, ohne sicher zu sein, dass Alfred spätestens nach fünf Minuten neben ihm paddelte.
Matthew brauchte dringend Luft zum Atmen...
Sich gestern Abend von Alfred loszueisen, war ihm unterbewusst wie ein Befreiungsschlag vorgekommen. Deswegen hatte es sich so gut angefühlt und deswegen war er auch so erpicht darauf gewesen, unbedingt allein ins Kino zu fahren. Jetzt verstand er sich selbst viel besser als noch vor knapp 24 Stunden.
„Nein, es ist nich' okay..." Erschöpft ließ Matthew die Hände vom Hinterkopf aus in den Nacken gleiten. „Ich glaub, es ist besser, wenn wir..na ja, wenn wir ein bisschen Abstand nehmen. Also, voneinander. Du verstehst schon..."
Alfreds Augen schienen anzuschwellen. Verlustängste. Genau wie Matthew vermutet hatte. Und das nicht zu knapp.
„Nein, Matthie, es tut mir leid! Ehrlich! Es tut mir so leid! Ich sag Dad, dass ich es war und dass er dich allein feiern lassen soll und-!"
„Nein, verdammt! Nein!" Fußstampfen.
Alfred wurde sofort mucksmäuschenstill.
„Das hat nix mit Dad zu tun! Das hat was mit uns zu tun! Damit, dass du total auf mich fixiert bist!" Es klang so gemein. Unter normalen Umständen hätte Matthew es niemals fertig gebracht, Alfred das ins Gesicht zu sagen. Aber er machte das alles hier schon viel zu lange mit. Er hatte nichts dagegen, mit seinem Bruder in einem Bett zu schlafen oder von diesem ab und zu einen Kuss zu bekommen. Aber er konnte nicht für sie beide voran gehen und Alfred den Weg weisen. Alfred war alt genug, seinen eigenen Weg zu gehen. Er war vor allem stark genug! Er musste sich nur wieder daran erinnern. Er konnte Menschen kennen lernen und Freunde finden und wieder ein Leben haben, anstatt sich einfach an Matthews Leben festzusaugen wie eine Zecke.
„Ich mein das nicht böse, Al... Es ist echt nicht böse gemeint. Okay? Hör zu, wir machen es einfach so: wir halten uns ein bisschen voneinander fern und jeder schläft wieder in seinem Bett. Das hilft sicher schon. Meinst du nicht?"
Alfreds Blick war auf den Boden gerichtet. Er stritt nicht mal zurück; da war kein Mut in ihm, um Matthew die Stirn zu bieten. Er sah aus wie früher, so beschämt wie an all jenen Morgen, als er hatte eingestehen müssen, ins Bett gemacht zu haben. Ihm war das hier furchtbar unangenehm. Matthew allerdings auch. Er probierte ja schon, sich freundlich auszudrücken. Aber er war so gereizt, so verdammt überreizt. Es würde nur schlimmer werden, wenn sie nicht sofort und auf der Stelle die Notbremse zogen. Matthew hatte keine Lust, bald derjenige zu sein, der seinen Bruder vor lauter Frust permanent attackierte. Das musste nicht sein. Das durfte nicht sein. Er wollte nicht zum Ekelpaket mutieren, nur weil sie ihre Beziehung nicht mehr ausbalanciert bekamen.
Trotzdem, es war schlimm. Alfreds enttäuscht-trauriges Gesicht war schlimm. Es war anders traurig als die teilnahmslose Miene, die er so lang zur Schau gestellt hatte. Jetzt schwang da ein Hauch Verletztheit mit, wie ihn nur ein Mensch verursachen konnte, den man von Herzen liebte.
Matthew kam sich wie das größte Scheusal auf Erden vor, als er abends ins Bett fiel, ein paar Seiten las und Alfreds Anblick noch immer nicht abschütteln konnte.
Seit heute Nachmittag hatten sie nicht mehr wirklich miteinander gesprochen. Matthew hatte sich an seinen Laptop gesetzt und seine Freunde ausgeladen. Es war peinlich, aber was hatte er bitte für eine Alternative gehabt? Danach war er zu niedergeschlagen gewesen, um sich in den Garten zu legen oder sonst was zu tun. Also hatte er die Zeit bis zum Abendessen im Internet verplempert.
Alfred hatte sich um ihn bemüht, klammheimlich, aber Matthew hatte es natürlich trotzdem sofort gemerkt. Es war die Art, wie Alfred die Pizzaschachtel so herum stellte, dass das größere Stück Matthew zugewandt war. Oder wie er ihm ganz selbstverständlich auch ein Glas Cola einschenkte und ihm ein Eis zum Nachtisch aus dem Tiefkühlfach mitbrachte. Es waren diese ganzen kleinen Dinge, mit denen er Matthews Liebe zurück zu gewinnen versuchte. Alfred begriff nicht, dass er sie gar nicht verloren hatte und auch nie verlieren würde...
Wie hatten sie es nur je so weit kommen lassen können?
Matthew legte sein Buch auf den Nachttisch, just in dem Moment als sein Handy summte. Er ahnte, von wem die Nachricht war, noch ehe er aufs Display schaute.
Was machst du gerade so?
Wie fadenscheinig...
Matthew ließ sich zurück ins Kissen fallen. Sein Bruder saß im Zimmer nebenan und kaute vermutlich gerade auf seiner Lippe herum, indessen er verzweifelt auf eine Antwort hoffte. Matthew schickte absichtlich nichts. Alfred musste da jetzt durch, so leid es Matthew auch tat.
Bist du noch sauer auf mich? Es tut mir leid! Ehrlich! Kann ich rüberkommen? Nur für heute Nacht. Ich versprech dir, ab morgen schlafen wir getrennt! Ja?
Die Nachricht tat noch viel mehr weh als Alfreds traurig-enttäuschtes Gesicht. Matthew wünschte, er hätte sie nicht gelesen. Sein Daumen schwebte abwägend über den digitalen Tasten. Konnte er es mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren, Alfred einfach so hängen zu lassen? Eigentlich doch nicht. Und trotzdem. Sie brauchten Distanz, nicht noch mehr Nähe.
Also: nicht antworten! Bloß nicht antworten! Matthew benötigte all seine Willenskraft, um das Handy wieder aus der Hand zu legen. Es war zu ihrem Besten. Alfred würde es angezeigt bekommen, wenn sein Bruder tippte – und das wäre ihr Untergang.
Stille Minuten reihten sich aneinander. Minuten, in denen der Blonde stumpf an seine Decke stierte und an ganz genau gar nichts zu denken versuchte. Erfolglos.
Das Bett war ungewohnt groß. Kalt. Kahl. Wie abgerodet. Bot offenbar zu viel Platz. Er vermisste Alfred. Die Wärme seines Körpers, das Flüstern seiner Stimme, die gewiefte Heimlichkeit im Dunkeln, das innige Vertrauen, was sie umschloss und niemand anderem Zutritt gewährte. Gleichzeitig konnte Matthew wieder durchatmen, ohne Alfred zu inhalieren. Er musste sich nicht kümmern, er musste nicht aufpassen. Es war sein eigenes Bett. Sein eigenes Zimmer. Seine eigene Freiheit.
Sein eigenes Wohlbefinden.
Auf dem Nachttisch summte es erneut.
Sorry :-(
schlaf gut
Es war scheußlich zu wissen, dass Alfred fast eine Viertelstunde gebraucht hatte, um zu realisieren, dass Matthew nicht nachgeben würde und dass er nicht hätte betteln kommen dürfen. Die abrupte Trennung ohne Aussicht auf Besserung war vielleicht keine so gute Idee gewesen...
Sich selbst rügend, drehte sich Matthew zum Fenster herum, sodass er in die helle Nacht spähen konnte. Er würde nicht schlafen können. Weniger, weil ihm Alfred fehlte, sondern vielmehr weil er wusste, dass Alfred ihn so bitterlich vermisste.
