Von Manie, Hypomanie und Depression VI

Irgendwann gegen zwei Uhr nachts war der Schlaf wie ein feines Seidentuch über Matthews Gemüt gefallen, zart und filigran. Sein Körper jedoch fühlte sich malträtiert an. So als habe er zu schwer getragen oder sei zu weit gelaufen. Als habe er zu wenig getrunken und zu viel Energie verprasst.

Alfred hatte nicht mehr geschrieben. Das war gut – hoffte Matthew zumindest.
Die Tatsache hatte ihn aber leider nicht besser einschlafen lassen. Sein Bewusstsein war komplett auf Alfreds Wohl gepolt; so viel zum Thema „auf den eigenen Zwillingsbruder fixiert sein". Bei Matthew war es im Grunde genommen beinahe genauso schlimm, wie er sich zähneknirschend hatte eingestehen müssen.

Aber wie hätte er das verhindern können?

Er hatte ihren Eltern, ganz wie versprochen, nichts von Alfreds barbarischem Tief erzählt. Ihnen nichts von seinem ständigen Weinen und seiner niedergeschlagenen Apathie gesagt. Er hatte alles selbst in die Hand genommen, weil er die Ausmaße nicht hatte abschätzen können. Jetzt mussten sie die Suppe eben gemeinsam auslöffeln.

Es war wahrlich kein Wunder, dass es so weh tat. Matthew war bewusst geworden, wie sehr er sich binnen der wenigen Wochen in diese Rolle als leitende Kraft gefügt hatte. Sie hatte ihn wachsen lassen – und sie hatte ihn zusammen schrumpfen lassen. Er hatte sich selbst nicht mehr persönlich entfaltet, sondern sich aufgeopfert, sich den Anforderungen angepasst. Dabei war er so viel mehr als ein Rettungshelfer. Er verzehrte sich nach seinem eigenen Leben und seinem eigenen Ich, an dem er arbeiten und scheitern und rumbasteln konnte, ohne von permanenter Rücksichtsnahme gefesselt zu sein.

Wenn Matthew zu dem Moment auf dem Sofa zurückkehren könnte, in dem er seinem Bruder versichert hatte, nichts zu verraten, würde er die Worte zurücknehmen. Nicht, weil er Alfred in den Rücken fallen wollte, aber wie ging es ihnen bitte jetzt? Alfred war zwar nicht mehr so schrecklich..ja, was? Deprimiert? Traurig? Aber Matthew machte es Angst, wie sich Alfreds ganzes Dasein auf ihn ausgerichtet hatte. Das hätte nicht passieren dürfen. Im Kindesalter war das etwas Anderes. Da wuchs man gemeinsam heran. Da waren solche Phasen für Zwillinge sicher das Normalste der Welt. Aber sie waren fast 17, also beinahe erwachsen! Wenn sie das Ganze nicht schleunigst ins Gleichgewicht gebracht bekamen, würde es vermutlich für den Rest ihres Lebens so bleiben.

Matthew merkte ja jetzt schon, wie schwer es ihm fiel, sich aus seinem relativ neuen, aber längst festgefahrenen Verhalten zu lösen. Es hatte ihn so viel Kraft gekostet, Alfred nicht zu antworten oder gar zu ihm rüberzugehen. Die Sorgen um seinen Zwilling machten ihn halb wahnsinnig!
Wenn es ihm also schon so verflucht schwer fiel, wie schwer musste es dann erst für Alfred sein, der sich zurzeit mit seinem ganzen Leben an Matthew festkrallte? Der nicht auf andere Menschen ausweichen konnte, weil da nur noch ihre Eltern zur Verfügung standen und genau denen wollte er sich nicht anvertrauen...

Zaghaft meldete sich Matthews Unterbewusstsein zu Wort und stupste sein Bewusstsein an, plädierte zugleich an sein Herz und ließ ihn die heimlichen Geräusche im Zimmer zur Kenntnis nehmen. Das lautlose Klappen der Türe, die gedämpften Schritte und schließlich das wispernde Knistern von Bettwäsche.

Noch bevor er die Augen geöffnet hatte, wusste Matthew, was hier vor sich ging. Das konnte doch nicht Alfreds Ernst sein. Bitte nicht! Matthew war dafür einfach nicht stark genug...

Im Halbdüsteren erkannte er, wie sich sein Bruder samt Decke und Kissen auf dem Boden vor dem Bett einnistete. Er roch latent salzig. Nicht nach Schweiß, sondern nach Tränen. Diese versteckten Tränen, die er seit dem totalen Tränenmeer immer bemüht heimlich geweint hatte, weil er anscheinend nicht fähig war, sie zu unterdrücken. Diese Tränen hatten sonst nie einen Namen gehabt. Waren einfach nur ein Zeugnis von Trauer und Verzweiflung gewesen. Jetzt waren sie ein Zeichen der Angst. Alfred hatte panische Angst davor, wie ein ausrangierter Wagon aufs Abstellgleis verfrachtet zu werden und dort von der Einsamkeit zerfressen zu werden. Andernfalls würde er jetzt nicht da unten liegen.

„Alfred..." Matthews Stimme brach heiser, ließ seinen Bruder aber sofort zusammen schrecken.

„Oh, sorry! Schlaf weiter. Ich wollt dich nich' wecken. Ich wollte nur..also..."

Ja, es war offensichtlich, was er wollte. Wie hatte er sich das vorgestellt? Hinlegen und dann auf gut Glück vor Matthew wach werden und zurück in sein eigenes Zimmer schleichen?!

Zu behaupten, all das hier bereite Matthew ein verdammt schlechtes Gewissen, wäre heillos untertrieben. Er war zu harsch gewesen. Er hätte sich kümmern müssen. Er konnte Alfred doch nicht einfach so anschnauzen und ihn auf Distanz setzen! Was war er nur für ein Mensch, seinem eigenen Bruder das anzutun? Er sah doch, wohin das führte und-

Stopp!

Er musste aufhören!
Er verlor sich schon wieder in dieser Welt, die sich einzig und allein um Alfreds Wohlergehen drehte. Er war sogar schon bis zur Bettkante gekrochen und konnte nun durch die fade Nacht hindurch das Gesicht seines Bruders erkennen. Sein weißes T-Shirt mit dem Printmotiv von Lady Liberty hing dezent schief und sein Blick flehte durchs Halbdunkle. Bat Matthew um Nachsicht, um Gnade.

Alfred wollte wenigstens geduldet werden.

Die Erkenntnis verschlug Matthew die Sprache. Irgendwas stimmte einfach nicht mit seinem Bruder! Matthew hätte es gerne genauer definiert, schon allein damit er selber wusste, womit er es zu tun hatte, aber es war genauso namenlos wie so vieles Andere, das binnen der letzten Monate auf den Plan getreten war. Am ehesten schien es noch so, als habe jemand oder etwas das Fundament von Alfreds einst gesundem Wesen gesprengt und er kraxele seither nur mehr über ein Trümmerfeld hinweg. Bei der Übung haschte er nach jedem Halt, den er finden konnte. Doch da gab es nur einen. Andernfalls hätte sich Alfreds Fixierung nie so stark ausgeprägt. Da war sich Matthew vollkommen sicher. Wenn Alfred sich selbst aus neutraler Distanz sehen könnte, würde er es postwendend verstehen. Aber Alfred konnte das nicht. Er schaffte das gerade einfach nicht. Der beste Beweis dafür war sein hauchdünnes Flüstern.

„Du...du willst, dass ich gehe. Oder?"

„Es wäre einfach besser..."

„...warum hasst du mich?"

„Ich hasse dich nicht!" Es kam genauso von Herzen wie die Worte heute Nachmittag, nur dass Alfred sich keinen Reim auf Matthews Verhalten machen konnte. Er blinzelte mit Augen, die glänzten und deren Lider nassen Getreidekörnern gleich aufquollen waren.
„Du hast mir aber vorhin nich' geantwortet, obwohl du meine Nachrichten gelesen hast! Und du hast heut Nachmittag gesagt, du willst Abstand. Aber eigentlich willst gar nicht mehr, dass ich überhaupt noch bei dir bin und-!" Alfred verstummte, als Matthews Hände nach vorne schnellten und sein Gesicht einfingen. Sie waren zu dicht beieinander. Die hysterische Atemluft wurde direkt von einem Körper auf den anderen übertragen, synchronisierte ihren Herzschlag und trocknete Matthews Kehle aus. Das dringend notwendige Vorhaben, Alfred die ganze Sache noch mal im Detail zu erklären, ging völlig unter, als jener in seiner blinden Verzweiflung die letzten Zentimeter zwischen ihnen überbrückte. Seine Lippen waren so hungrig und so verletzlich, dass sie Matthews Verstand auspusteten wie eine Kerzenflamme. Alfred küsste dermaßen beherzt, als ginge es um sein Leben. Als müsse er sein Gegenüber von etwas überzeugen. Von sich, von seinem Wert. Egal, wie er die Lippen legte, sie schrien in einem fort: bitte, bitte, bitte!

Es war schrecklich. Ganz, ganz schrecklich sogar.

Matthew konnte nicht mal sagen, warum er mit bleischwerem Herzen zurückküsste. Warum sich sein Körper auf all das einließ. Warum er bereit war, alles für seinen Bruder zu tun. Alfred konnte doch auch bestens leben ohne jemand anderem auf Schritt und Tritt zu folgen. Er war doch ein eigenständiges Wesen! Das hier war einfach nicht mehr normal für ihn. Es musste aufhören.

Matthew musste die Reißleine ziehen.

Die Hände von Alfreds Gesicht rutschen lassend, erreichten sie seine Schultern und schoben ihn dezent zurück. Langsam, nicht grob. Alfred hatte nichts falsch gemacht. Obwohl, darüber konnte man streiten...

Etwas außer Atem, deutete Matthew ein Kopfschütteln an. So liebevoll, dass es Alfred nicht verletzen konnte.
„Hör mal, du brauchst keine Angst haben. Ich hasse dich nicht und ich lass dich auch nicht fallen oder so was... Ich hab nichts dagegen, wenn du bei mir bist – aber nicht 24 Stunden am Tag. Das-das war doch sonst auch nich' so und das tut uns auch nicht gut... Al, ich will einfach nur, dass du du selbst bist und dass du mich mich selbst sein lässt. Das sind wir im Moment irgendwie gar nicht mehr..."

Die Schultern unter seinen Fingern rollten ein Stückchen nach vorne, als Alfred das Kinn senkte, auf die Decke und die Matratze zwischen ihnen hinab schaute und die Worte zu verarbeiten versuchte.
Zeit.
Das würde Zeit brauchen. Matthew wusste, dass das nicht von jetzt auf gleich funktionierte.

„Einigen wir uns auf jede zweite Nacht, okay?", bot er einen Kompromiss, mit dem sie leben könnten und der sie nicht krank machte. Getrennte Nächte waren dringend notwendig, wie Matthew fand und deswegen auf jeden Fall daran festhalten wollte. „Meinst du, du schaffst das?"

„Aber wieso denn überhaupt? Ich bin nich' so was wie fixiert! Das is' doch totaler Quatsch!" Es erschloss sich Alfred nicht recht. Oder es war ihm zu peinlich. Vermutlich gleich beides. Matthew hatte das befürchtet, verkniff sich aber sein Seufzen.

„Doch. Aber das ist nicht schlimm. Ich bin's zurzeit auch..." Das einzugestehen würde sich entweder als sehr gut oder extrem schlecht erweisen. Leider wurde das Matthew erst so richtig bewusst, als er sich selbst reden hörte. Trotzdem, er wollte nicht, dass sein Gegenüber sich schämte, selbst wenn die Worte ihn sicher nicht gänzlich davon befreiten.

Die Widerreden begrabend, schluckte Alfred hart und schwieg für einen unbestimmten Moment. Matthew indes registrierte erstmalig die fremde Hand auf seinem Oberarm. Wie lange sie schon dort ruhte, war ihm ungewiss, doch sie bebte leicht.
„Ich mein", suchte er wieder einen diplomatischen Anfang, „überleg doch mal: hättest du vor ein oder zwei Jahren jede Nacht neben mir schlafen wollen?"

„...nein." Die Antwort kam mit Verzögerung, aber sie kam. Das war schon mal gut, gut für sie beide. Matthew war auf dem richtigen Weg, selbst wenn er gerade nichts Anderes tun wollte, als seinem Bruder zu sagen, dass er zu ihm ins Bett kommen sollte und sie all das Gerede vergessen würden. Aber das war keine Lösung. Das würde auf Dauer nur zu viel, viel mehr Problemen führen. Es war schon ungünstig gewesen, heute Nachmittag die verbalen Krallen auszufahren und Alfred damit übers Herz zu kratzen. Wäre Matthew nicht so wütend gewesen, hätte er die ganze Angelegenheit glimpflicher anpacken können. Aber ihm waren ja auch erst durch diesen plötzlich auflodernden Zorn die Augen geöffnet worden.

„Na siehst du. Und hättest du mich vor ein oder zwei Jahren geküsst? Jeden Abend?"

Eine latente Anspannung befiel Alfreds Muskeln. Sein Gesicht war selbst im Mondlicht plötzlich grellrot.
„N-Nein!"

Auf Matthews Lippen schummelte sich ein feines, halb glückliches, halb trauriges Lächeln. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem ihnen auffiel, dass sie sich nicht erinnern konnten, wann sie sich zuletzt geküsst hatten, weil es außer Mode gekommen war – so wie das gemeinsame Schlafen –, ohne dass es ihnen noch in irgendeiner Form weh tat oder Kopfzerbrechen bereitete.

Die Stirn gegen die seines Zwillingsbruder fallen lassend, hob Matthew die Hand und legte sie auf die, die an seinem Oberarm lag. Alfreds Finger waren warm und liebenswert, genau wie sein Charakter. Mit dem Daumen strich Matthew langsam über den Handrücken, bis zu den Knöcheln und wieder zurück. Einmal war das Bellen des Hundes von nebenan zu hören. Abgesehen davon war die Nacht allerdings tadellos ruhig. Das Zittern wich allmählich aus Alfreds Körper, ebenso wie das Schamgefühl. In seinem Hirn klickten die Zahnrädchen ineinander und begannen zu verarbeiten, was Matthew ihnen zu verstehen aufgetragen hatte.

Jede zweite Nacht würden sie schaffen. Dann jede dritte, dann irgendwann ein Mal die Woche und dann würden sie bestimmt bald vergessen, dass sie noch eine wöchentliche Verabredung hatten und höchstens noch per Zufall nebeneinander einschlafen.

Als Matthew Anstalten machte, sich zurückzulehnen, ließ Alfred ihn ohne wenn und aber los. Dem einladenden Klopfen auf die Matratze folgte er trotzdem in Windeseile, nachdem er geschwind sein Bettzeug vom Boden aufgelesen hatte.

Sich auf den Rücken legend, wartete Matthew noch, bis sein Bruder eine angenehme Position gefunden hatte und das Bettzeug seine Anwesenheit totschwieg. Lediglich sein Atem wurde im Laufe der kommenden Minuten immer tiefer und gleichmäßiger. Irgendwann war Alfred schließlich wohlbehalten eingenickt. Erst als Matthew sich dessen sicher war, war er auch selbst in der Lage, wieder einzuschlafen.