Von Manie, Hypomanie und Depression VII
Aus dem Radio in der Küche dudelte leise Mutters liebste Countrysängerin, deren raue Stimme sich durch die Eingangshalle und weiter ins Wohnzimmer hinüber schlängelte. Bestens gelaunt umspülte sie Matthews Füße, als er durch die Terrassentür ins Haus schlüpfte. Sein Vormittag war ein Fest des Faulenzens gewesen, mit relativ spätem Aufstehen, Geschenke auspacken und anschließendem in der Sonne liegen und Kuchen essen. Seitdem war sein Magen mit Sahnecreme gefüllt und von Zucker versiegelt. Auf dem Teller in seiner Hand tummelten sich bloß noch ein paar mickrige Krümel sowie die fein säuberlich abgeleckte Gabel. Wenn Matthew eines in den kommenden Stunden nicht mehr haben würde, dann war es Hunger.
Einen letzten, prüfenden Blick auf die Terrasse werfend, zog er die Türe geräuschlos hinter sich zu. Der Junge auf der türkisblauen Liege war eingeschlafen, in den Ohren die Kopfhörer seines NintendoDS. Das Gerät war ihm von der Brust gerutscht und ruhte behaglich zwischen seinem Oberkörper und dem rechten Arm. Nach drei Stück Torte war Alfred vom Zuckerkoma überfallen und in einen festen Mittagsschlaf versetzt worden. Matthew hatte dafür vollstes Verständnis. Ihr Geburtstag trumpfte auch in diesem Jahr wieder mit wahren Essensmengen, hervorragendem Sonnenwetter und geflissentlicher Idylle auf. Leichter Wind, der den Julianfang gar nicht so ungnädig heiß erscheinen ließ, machte den Aufenthalt im Freien erst so richtig angenehm.
Matthew wünschte, die Geburtstagsparty wäre nicht ins Wasser gefallen. Weil er daran aber nichts mehr ändern konnte, ging er still in die Küche, wo seine Mutter gerade die Spülmaschine ausräumte. Sie hatte heute, im Gegensatz zum Vater der Zwillinge, frei und hatte es sich nicht nehmen lassen, ihre Jungs schon mit einem üppigen Frühstück zu mästen. Auf dem liebevoll dekorierten Tisch standen noch einige der geschlachteten Geschenkboxen. Die durchaus wetterempfindliche Torte blockierte ein ganzes Fach im Kühlschrank. Alles in allem war der Tag bisher gut gelaufen. Überhaupt lief es verhältnismäßig gut bei ihnen daheim, trotz des Kratzers in Vaters Wagentür und trotz Alfreds beharrlichem Klammern und Matthews nachgiebigem Klammern-Lassen.
Die Regelung, nur jede zweite Nacht im gleichen Bett zu schlafen, hatte sich in den letzten 14 Tagen bedauerlicherweise mehr schlecht als recht umsetzen lassen. Alfred hatte während der gesamten ersten Woche alleine kein Auge zu bekommen nachts. Anstatt sich jedoch wieder vor Matthews Bett einzuquartieren, hatte er sich tapfer die Nacht um die Ohren geschlagen – und lag dann, sobald Matthew tags drauf wach war, auf dessen Bett. Der tiefe, lang andauernde Schlaf, der ihn dann überfiel, war es, der Matthew von der rastlosen Nacht erzählte. Alfred selbst verriet nichts.
Glücklicherweise entspannte sich die Lage mit Anbruch der zweiten Woche allmählich. Unabhängig davon, hatte Alfred jedoch wenig begeistert auf das von seinem Bruder ins Leben gerufene Projekt namens „getrennte Freizeit" reagiert. Matthew hatte sich nämlich überlegt, wieder zum Eishockeytraining zu fahren. Zwar fand das Training während der Ferien nur ein Mal wöchentlich auf freiwilliger Basis statt, aber in den vergangenen Jahren hatte er es sich eigentlich nie entgehen lassen, außer wenn er im Urlaub gewesen war.
Matthews Milchkaffeeschale war noch gut zur Hälfte voll gewesen, als sie beide vorletzte Woche an der Küchenanrichte gesessen und gefrühstückt hatten. Draußen turnte ein flirrendes Juniende vorm Fenster herum, hatte weiches Licht geworfen und die Schatten der Brüder mit teigigen Konturen ausgestattet. Schweren Herzens hatte sich Matthew irgendwann geräuspert, die Finger gegen die Schale gepresst und sein Möglichstes getan, um dem „Ich geh diese Woche wieder zum Eishockey" einen harmlosen Charakter zu verleihen.
Vergeblich.
Alfred war die Milch vom Löffel getropft, mitten auf dem Weg zum Mund. Plitsch! Platsch! Bis der Löffel milchleer war und die beigebraunen Schoko-Karamell-Flakes einsam auf dem Metall klebten. Seine Hand schien nicht zu wissen, was sie tun sollte und anstatt den Löffel weiter aufwärts wandern zu lassen, war er enttäuscht in die Schüssel zurückgesunken. Es hatte geschätzte drei Sekunden zu lange gedauert, bis Alfred seine entglittenen Gesichtszüge wieder unter Kontrolle gebracht hatte. Obgleich er dann gelächelt und so getan hatte, als würde es ihm nichts ausmachen, so war ihnen doch beiden bewusst gewesen, dass es gelogen war. Dass Alfred, der die Füße lax an den Knöcheln überkreuzte, gar nichts mit diesen bruderlosen Stunden anzufangen wusste.
„Ich bin höchstens dreieinhalb Stunden weg. Lass uns doch, also..vielleicht sollten wir vorher was finden, was du in der Zeit machen kannst?"
„Ich kann dich hinfahren!"
Nein.
Matthew wusste, dass ihm dieser Gedankengang 1:1 an der Nasenspitze abgelesen werden konnte. Aber er wusste auch, dass sein Zwilling nicht so dumm war, wie er tat. Dass ihm bewusst war, genau solche Vorschläge unterlassen zu müssen. Sonst würde es nicht besser werden mit ihnen.
Das Nein ungesagt lassend, hatte Matthew hart geschwiegen und den dazugehörigen Blick in seinem Milchkaffee ertränkt. Alfred hatte indessen höchst appetitlos durch seine Flakes in der kakaobraunen Milch gerührt, schief gegrinst und ein „Es würde mir nix ausmachen. Echt nich'." nachgeschoben. Aber das war nicht der Punkt. Matthew konnte die Vorstellung, dass sein Bruder selbst während des Trainings am Spielfeldrand rumlungern würde, nicht ertragen.
„Mir aber..." Einen langen Arm machend, reckte sich Matthew nach dem in der Obstschale liegenden Kugelschreiber. Seiner Tonlage haftete nicht mal annähernd etwas Schroffes oder gar Abweisendes an, aber Alfred ruderte sogleich zurück.
„War eh nur 'n joke! Don't panic, ok?!" Selbst sein stumpfes Lachen machte den Moment nicht lustig. Es war kein Witz gewesen. Das hatte nicht nur Alfreds linker Mundwinkel verraten, der bei falschen Lächeln nie so hoch schnellte wie sein rechter, sondern auch seine plötzliche Aufbruchstimmung. „Ich bin dann mal duschen."
„Jetzt wart' doch mal..!"
Beinahe schwappte die Milch über den Rand der Müslischale, als Matthew seinen Bruder am Handgelenk zu fassen bekam und so dessen Flucht vereitelte. Alfred blieb unmittelbar neben seinem Stuhl stehen. Von der unvorhersehbaren Berührung irgendwo in der Herzgegend zu Stein erstarrt. Selbst seine Schüssel hatte er vorerst vergessen und schaute nun mit den müden Nachwehen seines Lächelns zu Boden. Klönend, entschuldigend, sich zu groß für all das hier wissend; vor allem aber Matthew nicht lästig sein wollend.
Jener seufzte frei heraus.
„Ich will nur, dass wir was für dich finden, was du dann machen kannst..." Denn die Aussicht, Alfred mit Zeit alleine zu lassen, die er nicht zu füllen wusste, war nach wie vor mehr als beunruhigend. Matthew mochte diese Aussicht nicht; sie versetzte seine Seele in eine ihm selbst nicht ganz plausible Alarmbereitschaft. Deswegen musste er Alfred beschäftigt wissen. Andernfalls würde er nicht fahren können.
Geschickt nutzte Matthew seinen Griff um Alfreds Handgelenk dazu, ihn ein Stückchen näher an sich heran zu dirigieren. Er roch noch nach Schlaf, nach Bettwäsche, nach ungekämmten Haaren und morgendlichem Faulenzen zwischen Kissen und Decke. Die Sonne schmiegte sich an sein Gesicht, floss über sein Nasenbein und fiel von seinen Wimpern auf seine Wangen. Sein Puls klopfte regelmäßig gegen Matthews Fingerspitzen. Alfred sah mit jedem Tag besser aus. Wenn nur sein Inneres seinem Äußeren folgen würde...
Eine weitere Geste genügte, um Alfreds Hand dezent anzuheben. Die Mine des Kugelschreibers klackte, bevor Matthew die Spitze auf den empfindlichen Handrücken treffen ließ und dort mit einfachen Strichen eine Sonne zum Leben erweckte.
„Du könntest doch zum Beispiel ins Kino gehen", Punkt, Punk, „oder ins Planetarium", Komma, Strich. „Oder ins Fitnessstudio, oder ins Schwimmbad..." Ein üppiger Kreis drum herum. „Du könntest aber auch mal wieder 'ne Runde durch den Park joggen? Arbeite doch an deiner Bestzeit. Hast du doch letzten Sommer auch gemacht." Strahlen. „Oder du zeichnest was? Oder du zockst halt..." Mehr Strahlen. „Oder du liest? Ich bin fast durch Winter in Maine durch; vielleicht gefällt dir das auch, liegt auf meinem Nachttisch." Noch mehr Strahlen. „Oder räum mal deine DVD Sammlung auf. Da findet man ja gar nix mehr! Hast du deinen tumblr eigentlich noch? Dann blog doch mal wieder! Oder du machst Mom und Dad 'ne Freude und streichst das Garagentor. Die Farbe blättert ganz unten rechts schon ab."
Mit jedem Satz hatte die kugelrunde Sonne weitere Strahlen geschenkt bekommen, bis sie Alfreds kompletten Handrücken ausfüllte. All die Perspektiven schienen Alfred zu beeindrucken; seine Augen waren konzentriert geweitet, so als falle ihm verblüfft ein, dass Matthew im Prinzip Recht hatte. Dass dies alles Türen waren, die ihm offen standen und hinter denen Wege lagen, die er getrost beschreiten konnte, bis sein Bruder vom Training zurück war.
Den Handrücken halb stolz, halb perplex betrachtend, war Alfreds linker Mundwinkel dem rechten in die Höhe gefolgt. Die Sonne überlebte die anschließende Dusche. Wohl weil jemand gut auf sie aufgepasst hatte.
Seither hatten sie die kurzzeitige Trennung zwei Mal problemlos überstanden. Matthew wollte sich auch gar nicht ausmalen, wie es alternativ hätte ausgehen können. Neben seine Mutter tretend, stellte er seinen benutzten Teller auf die Anrichte und wollte ihr beim Ausräumen der Spülmaschine behilflich sein. Doch er kam nicht mal dazu, nach einem der Gläser zu greifen, da ihn seine Mutter sogleich mit einem scharfen „Tss!" wegscheuchte.
„Heute doch nicht!", schüttelte sie ermahnend den Kopf, ehe sie an Matthew vorbei linste. Deutlich suchend, fast schon irritiert. „Wo hast du denn deinen kleinen Bruder gelassen?"
„Liegt auf der Terrasse und schläft wie ein Baby!"
„Was dir natürlich viel zu langweilig ist, so mitten am Tag. Das war ja schon immer so."
Nur aus Erzählungen wusste Matthew, dass er nicht zu der Sorte Babys gehört hatte, die gerne den ganzen Tag verschlief. Er war zwar relativ still gewesen, aber hatte sich im Gegensatz zu Alfred ungern ständige Nickerchen gegönnt. Alfred hatte in verlässlichen – und, nach Aussage beider Elternteile, definitiv zu kurzen – Abständen geschlafen, gegessen, gebrüllt und seine Energie verströmt, während Matthew reibungslos überall hin mitgenommen werden konnte. Bei ihm bestand nicht das Risiko, mitten im Supermarkt in lautes Geschrei auszubrechen. Er hatte stets alles und jeden mit forschem Interesse begutachtet. Jeden Menschen, jedes Tier, jedes Tun und jedes Machen seiner Umwelt.
Was ihn zum Weinen gebracht hatte, waren nicht Müdigkeit oder Hunger. Es war, wenn man ihn hinlegte, obwohl er nicht müde war und wenn man ihn füttern wollte, wenn er eben keinen Hunger hatte. Es gab Babyfotos von ihm und Alfred, auf denen Alfred halb eingerollt im Schmusedeckchen vor sich hin schlummerte, während Matthew verdutzt daneben lag und darüber staunte, dass die Welt sich munter weiterdrehte. So als sei er davon ausgegangen, sobald er oder überhaupt irgendjemand die Augen schließe, bleibe alles um ihn herum stehen.
Seine Mutter verstaute einen Topf in einem Küchenschrank und sortierte dann ein paar Gläser sowie Matthews Kuchenteller und die Gabel in die Maschine. Ihr mit einer Klammer am Hinterkopf hochgestecktes Haar hatte dieselbe Farbe wie das ihrer Söhne.
„So", ließ sie gedehnt verlauten, als sie die Maschine schloss und sich neben ihn an die Anrichte lehnte; zufrieden mit der pikobello aufgeräumten Küche. „Ich würde sagen, während dein Brüderchen munter vor sich hinschnarcht, können wir zwei ja mal eben ins Einkaufszentrum fahren."
„Jetzt?" Schlagartig überfiel Matthew eine ihm den Hals zuschnürende Panik. Er konnte doch nicht einfach wegfahren, ohne Alfred vorher Bescheid zu geben! Der würde sicher das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn er nachher wach wurde und weder seinen Bruder noch seine Mutter vorfand. Matthew wollte gar nicht dran denken. Das letzte, was er ertragen könnte, wäre ein erstickter Anruf von Alfred, der am liebsten durch die Leitung kriechen wollte, um bei ihm zu sein.
„Ja, jetzt. Na komm, hol deine Sachen und los geht's!"
„A-aber Alfred..!", brachte Matthew ziemlich blass gestikulierend hervor. Die Miene seiner Mutter verlor daraufhin etwas von ihrem spontanen Tatendrang. Sie legte den Kopf kritisch schief. In ihren Augen zeichnete sich etwas Undeutbares ab, das Matthew in den Schwitzkasten nahm.
„Dein Bruder hat drei Stück Torte gegessen. Bis er aus seinem Verdauungsschläfchen aufwacht, sind wir wahrscheinlich schon längst wieder zurück. Und falls er doch eher wach wird und sich langweilen sollte, kann er ja dieses neue Computerspiel spielen, was er unbedingt haben wollte. Ich verstehe zwar nicht, was an außerirdischen Killerviren so toll ist, aber..."
Darum ging es doch gar nicht! Matthew wünschte, er könnte seiner Mutter irgendwie begreiflich machen, was ihn in Wahrheit belastete. Nämlich dass Alfred Angst kriegen würde und Matthew das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Anstatt jedoch etwas zu sagen, schwieg er unbeholfen und biss sich, deutlich zu fest, auf die Unterlippe.
Es fiel auf.
„Liebling", argwöhnte seine Mutter plötzlich. „Ich erinnere dich nur ungern daran, aber ihr zwei seid nicht miteinander verwachsen...!"
Okay, es war also offensichtlich, dass sie derzeit regelrecht aneinander klebten. Wie auch nicht? Matthew hatte schon das ein oder andere Mal bemerkt, wie ihre Eltern ihnen einen skeptischen Blick zuwarfen, aber jeglichen Kommentar dezent für sich behielten. Ihnen war es lieber, ihre Söhne lebten in trauter Harmonie, als dass sie sich fortwährend ankeiften. Ihnen war es vor allem lieber, wenn Alfred artig Zuhause war und ihnen keine Sorgen bereitete.
Wüssten die beiden, was Matthew wusste, würden sie die Lage ganz anders beurteilen. Aber es war wie mit dem Eisberg, der die Titanic versenkt hatte: lediglich die Spitze ragte aus dem Wasser. Der verheerende Rest versteckte sich unter der Oberfläche und Matthew hatte versprochen, nichts zu verraten. Die Konsequenz daraus war nun, dass er dem Wunsch seiner Mutter nachkommen musste, damit diese nicht doch noch Verdacht schöpfte und ihn womöglich ins Kreuzverhör nahm.
Zustimmend nickend, verließ er also langsam die Küche, um sein Portemonnaie und sein Handy zu holen. Vermutlich brauchte seine Mom eh nur eine helfende Hand beim Wocheneinkauf und wo er schon mal frei verfügbar war, wollte sie das ausnutzen. Alfred klettete sich sonst immer sofort an Matthew dran. Trotzdem, Matthew konnte und wollte es nicht verantworten, dass Alfred gleich aus seinem Mittagsschlaf aufwachte und das Haus leer vorfand. Flink tippte er ihm deshalb eine kurze Nachricht, sendete sie aber erst in dem Moment, als er im Auto saß und sie von der Einfahrt auf die Straße abbogen.
Alles wirkte zunehmend leichter, je weiter sie sich vom Haus entfernten und Matthew aufging, vorerst mit seiner Mutter allein sein zu dürfen. Eine bruderfreie Zeit war angebrochen. Die Verantwortung hatte Matthew quasi Zuhause gelassen und es war nicht mal seine Schuld. Ihre Mutter hatte ihn immerhin überredet, nicht wahr? Ja. Alfred konnte ihm also überhaupt keinen Vorwurf machen. Matthew hatte schließlich gar keine andere Wahl gehabt, als sich dem Willen ihrer Mutter zu beugen.
Im Radio einen ansprechenden Sender suchend, hoffte er einfach, dass Alfred noch einige Zeit schlafen würde. Das wäre das Beste für alle Beteiligten. All zu lang würde Matthew ja auch nicht unterwegs sein. Zum Shoppen würde ihre Mutter ihn definitiv nicht zwingen; das hatte sie längst aufgegeben. Hätte sie eine Shoppingtour geplant, hätte sie ihren anderen Sohn mitgenommen. Wenn Alfred nämlich gut gelaunt war, ergaben die beiden ein perfektes Team, das über die nötige Ausdauer verfügte, um den liebenlangen Tag durch die Geschäfte zu flanieren. Matthew hatte immer schon nach der Hälfte eines solchen Tages das Gefühl, Plattfüße zu haben. Höflichkeit ließ ihn zwar durchhalten, Begeisterung suchte man bei ihm allerdings vergebens. Klamotten mussten ihm gefallen und passen; aber er wollte nicht ewige Stunden darauf verwetten, sie zu kaufen.
Ganz zu Matthews Erstaunen, steuerten sie jedoch vom Parkplatz aus nicht den Supermarkt an, sondern das gegenüberliegende Fachgeschäft für Elektroartikel.
„Suchst du was Bestimmtes?", fragte er, als ihm beim Betreten des Ladens die zu stark heruntergekühlte Luft in Empfang nahm. Vielleicht waren seiner Mom beim Joggen wieder mal die Kopfhörer kaputt gegangen. Sie war wirklich der einzige Mensch, den er kannte, der es schaffte, ständig Wackelkontakte zu fabrizieren.
Ihr Lächeln war verboten spitzbübisch, als sie ihn nun anfunkelte.
„Hast du dir schon überlegt, welche Kamera du haben möchtest?"
Wie vom Blitz getroffen, blieb Matthew mitten im Gang stehen. Er musste sich verhört haben. Die Fassungslosigkeit stand ihm quasi in Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben, während das Grinsen seiner Mutter immer breiter wurde und sie sich geschickt bei ihm unterhakte, um ihn weiter in Richtung der entsprechenden Abteilung zu geleiten.
„N-nein, ich-ich mein, ich krieg doch keine Kamera! Das ist doch viel zu teuer und-!"
„Ach was! Ich konnte deinen Dad leider nicht überreden, euch doch noch die Party zu erlauben. Du weißt ja, wie er ist, wenn er einmal ein Machtwort gesprochen hat. Da ist er sehr eigen. Aber wir wissen doch alle, dass du das mit dem Kratzer in seiner Autotür nicht gewesen bist..." Der leichte Tadel ließ Matthew rot anlaufen. Gut, er hatte wirklich schlecht gelogen damals, aber woher konnten die beiden sich da so sicher sein? Sie konnten doch nicht einfach davon ausgehen-?
Verdammt, wie dämlich war er eigentlich?!
„Alfie hat's euch gesagt!"
„Natürlich hat er das..." Die Stimme seiner Mutter spiegelte ihre Meinung zu all dem deutlich wider. Sie war nicht zufrieden damit, was passiert war. Nicht mit dem Kratzer, nicht mit Alfreds Schuld, nicht mit Matthews Lüge, nicht mit dem verschworenen Schweigen ihrer Zwillinge, aber auch nicht mit dem gecancelten Geburtstag. Vor allem hatte sie durchaus gesehen, dass sich etwas bei ihren Kindern geändert hatte. Alfreds Geständnis – und was immer er hinzugefügt hatte –, hatte sie und ihren Mann letzten Endes dazu bewegt, sich dafür zu entscheiden, Matthew eine neue Kamera zu kaufen. Die eher überschaubaren Geschenke heute früh sollten nur von der eigentlichen Überraschung ablenken. Wenn sich Matthew nicht ganz verkalkulierte, hatte da jemand freiwillig auf weitere Geschenke verzichtet, damit er ein so teures bekam.
Für geschätzte drei Sekunden wurde der Kloß in Matthews Hals so dick, dass ihm die Sicht verschwamm. Irgendwie hatte er angenommen, niemandem sei es so recht aufgefallen, dass er in den letzten Monaten in Punkto Aufmerksamkeit auf der Strecke geblieben war. Doch da hatte er sich getäuscht. Seine Eltern hatten vielleicht ihre letzten Nerven verloren, als Alfred diese schwierige, hyperaktive Phase durchlebt hatte und sie hatten es gut gefunden, sich nicht genauso ausgiebig mit ihrem anderen Sohn herumplagen zu müssen, aber sie hatten ihn deswegen nicht vergessen. Sie hatten sogar sehr genau mitbekommen, dass Matthew in gewisser Weise eine wichtige Stütze für Alfred war – auch wenn die beiden höchstwahrscheinlich dachten, es sei mehr ein Trösten als ein Tragen. In jedem Fall hatten sie realisiert, dass es ihn sehr viel Kraft, Zeit und Liebe kostete.
Seine Mom hatte sogar gespürt, dass er dringend etwas Abstand von seinem Bruder benötigte. Deswegen hatte sie unbedingt mit ihm allein fahren wollen. Sie würden nicht den Wocheneinkauf machen. Sie würden ihm jetzt eine Kamera aussuchen und dann eine wunderbar perfekte Gelegenheit finden, wo er sie austesten konnte, bevor sie ein Eis oder einen Pancake essen gingen und sich dann auf den Heimweg machten.
Alfred musste von all dem wissen. Vermutlich wäre er lieber mitgekommen, aber Matthew konnte sich vorstellen, dass sein Bruder in der gleichen Zwickmühle gelandet war wie auch er vorhin in der Küche. Also hatte er zustimmen müssen. Obwohl es ihm so schwer fiel und obwohl es bedeutete, dass er einige Stunden alleine ausharren musste, hatte er sich bereit erklärt, Matthew gehen zu lassen. Ausgerechnet heute. An ihrem Geburtstag.
