Von Manie, Hypomanie und Depression VIII

Durch Matthews Ohren grub sich ein Dröhnen, zwängte sich durch seine Gehörgänge und fraß sich durch alles, was dahinter lag. Es tat weh, einfach nur weh und löste unter seinen Sinnen den Katastrophenalarm aus. Ließ ihn aufwachen, aber die Augen geschlossen halten. Sie zu öffnen, war zu anstrengend, nein, eigentlich zu schmerzhaft.

Ein lautloses Stöhnen tropfte von seinen Lippen, derweil seine Auffassungsgabe seine momentane Lage einzusortieren versuchte. Dazu ließ er sich notgedrungen dazu hinreißen, nun doch ein Augenlid aufzustemmen. Blinzeln erfolgte. Dann sah sich der Jugendliche mit seinem Zimmer konfrontiert. Licht klatschte grob von der Deckenleuchte auf ihn herab. Er lag im Bett, auf seiner himbeerfarbenen Decke, bekleidet mit seinem pfefferminz-weiß gestreiften Shirt und der sommerlichen Dreiviertelhose. Draußen war die Nacht angebrochen und hauchte einen gekonnt gekühlten Gruß gegens Fensterglas. Der dünnen Dunkelheit nach zu urteilen, konnte es aber noch nicht all zu spät sein.

Irgendwas stimmte nicht.

Seine Möbel, sein Zimmer, sein Gefühlsleben, alles schien sich absurd in die Länge zu ziehen und ließ Matthew glauben, er müsse sich mit allen zehn Fingern am Bett festkrallen, um nicht hinunter zu kippen. Der Schwindel thronte direkt hinter seiner Stirn und tanzte auf einer stechenden Schmerzenswoge. Hier waren tückische Aktionspotentiale am Werk.

Das war nicht gut.

Das war ganz und gar nicht gut.

Wieso nur ging es ihm so schlecht? Der Zusammenstoß beim heutigen Training war doch eigentlich harmlos gewesen. Im ersten Moment hatte Matthew nicht mal registriert, dass sein Mitspieler in ihn prallte. Irgendwas hatte lediglich dumpf durch seinen Kopf gehallt; so als sei sein Hirn wie ein Pendel gegen den stabilen Schädelknochen gestoßen. Das war auch schon alles gewesen. Sie waren als konfuses Bündel aufs Eis geklatscht, primär irritiert.
Natürlich, das Ganze hatte auch ein wenig weh getan, aber eben nur so lange, wie der Gongschlag in Matthews Kopf nachhallte. Der Trainer war sogleich zu ihnen hinüber geeilt und hatte sie beide in Augenschein genommen. Jeden nach seinem Befinden gefragt und ihr Training, das regulär eh in knapp zehn Minuten vorbei gewesen wäre, frühzeitig für beendet erklärt.

Alles war in bester Ordnung gewesen. Matthew hatte sich geduscht, umgezogen und war dann mit dem Auto nach Hause gefahren. Der leicht drückende Kopfschmerz war zu diesem Zeitpunkt in den Hintergrund gerückt wie popduselige Radiomusik, die zwar da war, aber die man kaum zur Kenntnis nahm.

Das war jetzt anders.

Die Kopfschmerzen hatten eine ohrenbetäubende Lautstärke entwickelt und Matthew ahnte, was das zu bedeuten hatte – zumal ihm schlecht war. Die verzerrte Wahrnehmung bürdete ihm Übelkeit auf.

Er hatte sich vorhin nicht mal mit der Intention, überhaupt einzuschlafen, hingelegt. Er hatte nur kurz verschnaufen wollen, nachdem er mit Alfred zusammen die auf dem Rückweg mitgebrachte Bestellung von Burger King verputzt hatte. Die Sommerferien waren bald vorüber; Alfreds Klammern bestand noch, wenn auch in wesentlich subtilerer Form. Was das geteilte Bett betraf, so war es tatsächlich nur noch etwa jede zweite bis dritte Nacht ein Thema und auch die übrige Freizeit war kein reines Aneinanderkleben mehr. Seit ihrem Geburtstag schien sich Alfred schweren Herzens dazu zu zwingen, die Hände zu öffnen, anstatt sie – wenn auch nur im übertragenen Sinne – um seinen Zwillingsbruder zu schlingen.

Somit war es Matthew nicht nur möglich, ein Mal pro Woche zum Eishockeytraining zu fahren, sondern auch andere Verabredungen zu treffen. Nicht viele, nicht häufig, aber ab und zu war er nach dem Training noch mit einigen Teamkameraden etwas essen gegangen oder hatte sich anderweitig verabredet.
Um Alfred nicht ins kalte Wasser zu stoßen, hatte Matthew die Verabredungen stets frühzeitig angekündigt. So hatte sein Bruder die Möglichkeit, sich aufs Alleinsein einzustellen. Die Sonne auf seinem Handrücken mochte verblasst und davon gewaschen sein, aber ihre Strahlen waren Alfred warm und wohltätig in Erinnerung geblieben. Auf seinem Schreibtisch hatte sich wieder der Zeichenblock eingenistet, so als sei er kürzlich aus dem Winterschlaf erwacht und knistere verlangend nach den Händen, die seine Blätter frühlingsfrisch zu füllen fähig waren. Das heillose DVD-Chaos war beseitigt, die Regale aufgeräumt und die große Stoffflagge, die über Alfreds Bett an der Wand hing, verströmte den pudelwohlen Geruch von frisch gewaschener Wäsche. Drinnen, in Alfreds Gemüt und in Alfreds Zimmer, war es hell geworden. So als habe er die tristen Gardinen geöffnet, um Licht und Leben einkehren zu lassen.

Den Großteil seiner Zeit nutzte er mittlerweile also durchaus aktiv, allerdings vorlieblich im Haus. Das Hoch der Gefühle stellte in dieser Beziehung der Garten dar, mit dem Pool und der Terrasse, auf der Alfred ab und zu saß, zockte, Musik hörte, las oder mit dem Laptop auf dem Schoß die Weiten des world wide web durchforstete.

Hauptproblem war somit nicht länger die Verweigerung von Beschäftigung an sich, sondern der Mangel an Bezugspersonen. Aber es beunruhigte Matthew nicht mehr so enorm wie noch vor einigen Wochen, denn sein Bruder hatte einen erheblichen Anteil seiner einstigen Offenheit zurückgewonnen und kaum dass Matthew dies so recht realisiert hatte, war er an jenen Tagen, die für sie beide reserviert waren, absichtlich vor die Tür gegangen. Nicht in den Garten, sondern in den Park. Dort konnte Matthew einerseits seine neue Kamera ausprobieren – die er aber auch ungeniert in allen anderen Lebenslagen auspackte –, und andererseits bürgte der Park den Vorteil, dass sie sich in ein laufendes Volleyball-, Basketball- oder Fußballspiel einklinken konnten. Unter dem strahlendblauen Himmel und bei den blendenden Temperaturen war immer etwas los und die meisten Spieler hatten auch nichts dagegen, wenn man ihr Freizeitteam vorübergehend ergänzte.

Alfred hatte bei den ersten Malen, als Matthew ihn mit einer solchen Aktion quasi vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, zunächst etwas bedröppelt drein geschaut. So als habe man ihn auf eine Bühne geschubst und er kenne weder den Text noch das Stück. Der unangenehme Überraschungsmoment wurde dann von seinem Lächeln und der Tatsache, dass Matthew immerhin mitspielte, übertüncht und binnen weniger Minuten aklimatisierte sich Alfred und kam richtig in Schwung. So als müsse er endlich all die Energie verprassen, die sich in der langen Zeit, in der er lediglich im Haus rumgetigert war, angestaut hatte. Es machte ihm sichtlich Spaß, an der frischen Luft zu sein. Da zeigte sich junge Freude auf seinem Gesicht und enthusiastischer Glanz in seinen Augen; beides einer externen Quelle entspringend und sein abenteuerlustiges Wesen hervorlockend.

Wenn sie nach einem solchen Tag nach Hause gingen, sprach Alfred wieder haltlos schnell, schaute zum Himmel, schaute zu Matthew, schaute in die Welt und war so viel lebendiger, so viel lebensfreudiger, so viel normaler. So viel mehr er selbst – obwohl er noch latent vor Menschen zurückscheute. Auf eine Art, die er früher nie an sich gehabt hatte. Sein Grinsen war größer und schuf mehr Raum, um sich zu verstecken. Auch in den Momenten, als er sich eigentlich wohl fühlte, schien es, als habe Alfred dauerhaft etwas zu verbergen. Einen Gedanken, eine Idee, eine Ahnung. Irgendetwas, von dem Matthew keine Ahnung hatte und was Alfred ihm entweder nicht verraten wollte oder nicht verraten konnte.

Es gab noch immer zu viel Unbenanntes in seinem Leben.

Vielleicht war es genau das, was ihm aufs Herz schlug?

Matthew kam, was diese Angelegenheit betraf, nie zu einem schlüssigen Ergebnis. Erst recht nicht, wenn sich die Welt – so wie jetzt – schneller drehte, kaum dass er sich aufsetzte. Auf seiner Stirn stand Schweiß und kochte sein Inneres unbarmherzig gar. Seine Finger zitterten, sein Nacken war versteift, seine Atemzüge sprangen wie beim Hürdenlauf. Übelkeit in dieser Form war ihm bislang nur ein Mal begegnet und damals hatte er zusätzlich zwei Milchzähne verloren, weil ihm dieser blöde Sack aus dem gegnerischen Team mit eiskalter Absicht den Schläger gegen die Schläfe, die Wange und irgendwie auch gegen die Vorderzähne geknallt hatte. Matthew war damals ein dick eingepackter Junge mit Kurs auf Punktegewinn gewesen, der plötzlich sehr viel Hitze auf der Zunge verspürte. Widerlich metallisch schmeckende Hitze. Etwas hatte sich bröselig angefühlt, dort vorne, wo eigentlich seine Schneidezähne sein sollten, die ihm unerwartet auf der Zungenspitze lagen, während in seinem Kopf der Urknall stattfand.

Dann war ihm bewusst geworden, zu bluten. Es floss sturzbachgleich und unmanierlich seine Lippe und sein Kinn hinunter. Schwärze hatte ihn auf die Eisfläche plumpsen lassen; er wusste bis heute nicht, ob er bewusstlos geworden war. Wenn, dann höchstens für eine oder zwei Minuten. Da das aber wohl unwahrscheinlich war, verbuchte er den blanken Moment als Schockmoment, der immer noch angenehmer war als alles, was danach gekommen war:
Der bestialische Schwindel, die ihm den Kopf zu sprengen drohenden Schmerzen, seine abgebrochenen Milchzähne und das Krankenzimmer im Stadion. Neben ihm seine längst von der Tribüne gestürzten Eltern samt Alfred, welcher mit einem selbst gebastelten Plakat und angewiderter Faszination dabei zugesehen hatte, wie Matthew Blut und Zahntrümmer ausspuckte. Aber all das war halb so wild gewesen. Die Blutung hatte sogar verhältnismäßig schnell aufgehört. Was sich jedoch als verheerend entpuppte, war die leichte Gehirnerschütterung, die ihn die nächsten Tage ans Bett fesselte und trotz Medikamente so ziemlich alles erbrechen ließ, was er zu sich nahm.

Gehirnerschütterung also? Wegen eines so läppischen Zusammenstoß im Training? Matthew konnte es partout nicht fassen.
Die Ellbogen auf die Knie stützend, vergrub er sein weiß gewordenes Gesicht in den Handflächen. Seine Atemluft hüllte ihn in eine schwüle Wolke. Haarsträhnen, die für gewöhnlich leger an seinen Schläfen entlang fielen und seine Ohren halb versteckten, ragten zwischen seinen Fingern hervor. Vielleicht war es ja auch etwas ganz Anderes? Womöglich ein Infekt?

Nein. Es war vom Gefühl her genau wie damals. Er merkte regelrecht, wie sich sein Magen urplötzlich umstülpte. So als würde man ein Glas umdrehen, drängte alles in die falsche Richtung und Matthew kam bloß noch dazu, nach dem Papierkorb aus Plastik zu haschen, der neben seinem Bett unterm Schreibtisch stand.

Pommes mit Ketchup, Cola und der Crispy Chicken von Burger King kamen zuverlässig wieder zum Vorschein. Seine Magenmuskulatur benötigte drei Schwalle, um die spärlich anverdaute Menge, bestehend aus pampig-fettigen Stücken und Konzentratcola, ans Tageslicht zu befördern. Danach meldeten sich nur noch die grellscharfen Säfte zu Wort. In Matthews Ohren klingelte der veränderte Innendruck, aber ihm ging es besser. Nicht im Sinne von blendend besser, aber dieses barbarische Ziehen der Übelkeit war fürs erste verebbt. Seine Umwelt drehte sich allerdings nach wie vor munter weiter.

Das machte es zusätzlich schwer zu Alfred hinüber zu stolpern. Beide Zimmertüren waren geschlossen und der Weg kam Matthew gerade unvorstellbar weit vor. Ein paar Meter konnten ein wahrer Marathon sein, wenn man gesundheitlich nicht auf der Höhe war. Außer seinem Zwillingsbruder war zurzeit niemand sonst daheim. Ihre Eltern waren übers Wochenende zu Bekannten gefahren. Ein kleiner Erholungstrip, Abbau von Überstunden, vier Tage Ruhe vom stressigen Alltag. Matthew fand es ironisch, dass es wie immer war: Die zwei fuhren weg und ihre Jungs wurden krank. Es war schon so gewesen als sie noch in den Kindergarten gingen. Damals hatten die Windpocken zugeschlagen und ihre Eltern waren auf ihrem lang ersehnten Hawaiiurlaub gewesen. Dann war da die widerliche Magen-Darm-Grippe, als sie in der 2. Klasse waren und ihre Eltern diese komische Bildungsreise über die Halbinsel Yucatán absolvierten. Matthew fielen noch zig andere Beispiele ein, aber am schlimmsten war es eigentlich gewesen, als er zu Anfang der Sommerferien mit Alfred allein das Tief hatte durchstehen müssen.

Und jetzt? Jetzt ging es ihm auch alles andere als prächtig. Sich mit den Händen abstützend, hangelte sich Matthew entlang des Schreibtisches, dann an der Wand vorbei, bis er endlich seine Türe erreichte. Sein Bruder konnte noch gar nicht schlafen. Laut Radiowecker war es erst 23:16 Uhr. Matthew torkelte regelrecht über den Flur und fiel beinahe ins gegenüberliegende Zimmer, kaum dass er am Türknauf drehte.

Alfred saß in T-Shirt und Shorts auf seinem Bett, den Laptop vor sich, die dicken Kopfhörer auf den Ohren. Kein Wunder, dass er nichts gehört hatte. Matthew wusste nichts zu sagen, aber das brauchte er auch gar nicht. Sein Bruder verhedderte sich halb im Kabel, als er blitzartig die Kopfhörer abzog und gleichzeitig seinen Laptop beiseite schob und vom Bett aufsprang, nur um zu ihm hinüber zu hechten. Das war ein weiteres ungutes Zeichen: Matthew musste in etwa so erbärmlich aussehen, wie er sich fühlte...

„Oh Mann, was'n mit dir passiert?" Alfreds Arme kamen gerade recht, um Matthew vor einer Bekanntschaft mit dem Boden zu bewahren. Der Körper seines Zwillings schien sich binnen von Sekunden mit panischer Energie zu füllen, die aus allen Poren quoll und Matthew zum Bett geleitete. Nur zu gerne hätte er eine Erklärung abgegeben, aber sowohl Alfreds Nase als auch sein Mund waren schneller.
„Hast du etwa gekotzt?"

„Mhm", presste Matthew eine Bestätigung hervor und schluckte den derben Geschmack, der durch seine Mundhöhle geisterte, mühsam herab. Unter ihm sank die Matratze leicht ein. Ihm war elendig zumute, als sein Kopf auf das sonst so bequeme Kissen traf und sich die scheinbar abwechselnd nähernde und wieder federnd entfernende Zimmerdecke in sein Sichtfeld schob. Dann nahm das besorgte Gesicht seines Bruders den Platz ein.
„Matthie?"

„Gehtschonwieder..." Sein Magen war einigermaßen besänftigt und wunderbar leer, aber die Kopfschmerzen wollten auf Teufel komm raus nicht verschwinden. Matthew hob gleich beide Hände und legte sie leidig auf die Augenpartie. Alfred indes sog hörbar Luft ein, immer noch so viel Anspannung und Unruhe verbreitend wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm.
„Aber du bist weiß wie 'ne Wand, bro! Echt mal!"

„Ich hab in meinen Papierkorb gekotzt..." Das war garantiert keine Information, die Alfred unbedingt hatte erhalten wollen. Sein spitzes „Gross!" bestätigte es, ebenso wie seine tastende Erwiderung.
„Und der..der steht da jetzt noch? Also bei dir im Zimmer?"

Die Vorstellung an ein Nicken bereitete Matthew zusätzliche Schmerzen, also beließ er es bei einem weiteren zustimmenden Laut. Zeitgleich rutschten seine Finger von den geröteten Augen, in denen vor wenigen Minuten noch Tränen vom Erbrechen gestanden hatten. Die Welt um ihn herum zeigte sich anhaltend skurril und rühmte sich mit Unbehagen. Alfred hockte direkt neben ihm, eine Hand fest aufs Bett gestützt, die Beine allzeit bereit zum Aufstehen. Einer seiner Füße baumelte über der Bettkante, seine rechte Hand prüfte Matthews Stirn. Jener protestierte prompt:
„Nich'! Ich hab tierisch Kopfschmerzen...!" Sein Elend schindete genug Eindruck, um Alfred die Hand sofort zurückziehen zu lassen. Fast schien es ihm leid zu tun.
„Oh, okay. Na Fieber hast du jedenfalls nicht. Glaub ich..."

Matthew konnte beobachten, wie sein Zwilling einmal durchs ganze Zimmer schaute, so als würde an den Wänden geschrieben stehen, wie er sich verhalten sollte. Dann drückte er kurz aber liebevoll Matthews Oberarm und sprang mit einem „Bin gleich zurück!" vom Bett.

Matthew konnte nicht einschätzen, ob er das positiv oder negativ werten sollte, allerdings eilte sein Bruder über den Flur ins gegenüberliegende Zimmer. Wohl um so gut zu sein, den Inhalt des Papierkorbs ins Klo zu kippen. Freilich nicht ohne sich das T-Shirt über Mund und Nase zu ziehen. Alfred war pingelig was die Kotze anderer Menschen betraf. Das war wie mit Blut. Aus gewisser Entfernung und als Gag in Filmen oder Videospielen durfte es literweise spritzen, aber bitte nicht direkt neben ihm im Falle eines Notfalles.

Kraftlos suchte Matthew nach der Bettdecke und zog sie über sich, hüllte sich in den Stoff, in dem er zuletzt vor drei Nächten gelegen hatte und der nach Alfreds Duschgel roch. Zitronengras und Industriemännlichkeit suggerierten eine angenehme Frische, aber der vertraute Duft seines Bruders dominierte deutlich und löste in Matthew das Bedürfnis aus, sich dahinter verbarrikadieren zu wollen. Nur so lange, bis die Kopfschmerzen fort waren und es ihm wieder gut ging.

Es klappte jedoch nur bedingt im Laufe der nächsten zwei Minuten. Dann kam Alfreds zurück ins Zimmer gerannt, bewaffnet mit einem Putzeimer und einem Glas, das er auf dem Nachttisch abstellte, bevor er nach der Wasserflasche griff, die direkt neben der Colaflasche auf dem Boden stand. Ein Zischen ertönte, dann sprudelte das prickelnde Wasser ins Glas.
„Hier is' Wasser, falls du was trinken willst... Was soll ich dir denn noch holen? Wir haben so ziemlich alles da: Aspirin, Vomex, Iberogast, Pro-Symbioflor-"
„Ich brauch nix." Das Zeug würde ohnehin gleich wieder rauskommen. Matthew hatte deswegen keine Lust, es überhaupt erst zu schlucken. Gegen eine leichte Gehirnerschütterung ließ sich eben nicht sonderlich mehr tun als viel zu schlafen, sich gut auszuruhen und sämtliche Anstrengung zu vermeiden. Sein Magen würde sich in den nächsten Tagen beruhigen und dann wäre auch die Übelkeit passé.

Der Verschluss der Wasserflasche knirschte heulend auf, als Alfred sie deutlich fester als nötig zuschraubte.
„Klar brauchst du was!"

„Nein. Nur Ruhe."

Nur Ruhe?! Aber was, wenn's diese verdammte Magen-Darm-Geschichte ist, die gerade rumgeht?! Oder– oh shit! Was, wenn's 'ne Lebensmittelvergiftung ist!? Bestimmt war was mit den Burgern nich' in Ordnung, aber mir geht's eigentlich noch gut und-!"

„Alles okay. Es ist nur 'ne leichte Gehirnerschütterung. Die is' nich' ansteckend..."

Das schien Wirkung zu zeigen. Die willkommene Stille ließ Matthew tiefer im Bettzeug verschwinden. Ihm wurde erst bewusst, dass Alfred nicht beruhigt war, sondern vollkommen schockiert, als dieser seine grelle Stimme wiederfand.
„Gehirnerschütterung?!"

„Mhm..."

„Fuck! Wir müssen sofort ins Krankenhaus! Komm, steh auf! Ich fahr dich!"

„Nein." Matthew passte es ganz und gar nicht, dass da jemand Anstalten machte, ihm die kuschelige Decke wegzuziehen. Erstens war es ohne sie zu kalt, zweitens hatte er keine Energie für einen Kampf übrig.

„Aber du musst untersucht werden! Wie is' das überhaupt passiert?!" Alfred ließ Gnade vor Recht ergehen und hörte auf, brutal an der unschuldigen Decke zu zerren. Ächzend guckte Matthew seinen Zwillingsbruder an, der irgendwann käsig um die Nase geworden war. So verdammt viel Panik sah ihm gar nicht ähnlich...

„Training. Und die im Krankenhaus können da eh nich' viel machen."

„Nicht?" Es klang mehr als nur ungläubig. Alfreds Finger fuhren in rastloser Manier über das Bettlaken und die Decke, derweil er noch immer auf dem Boden kniete, neben dem Eimer und den Flaschen. Matthew begriff nicht, wie er im Vergleich dazu so ruhig bleiben konnte.

„Ne, die im Krankenhaus können mich höchstens 'ne Nacht zur Beobachtung da behalten, mich durchleuchten und mir 'ne Infusion legen. Und dann rufen sie Mom und Dad an, damit die her kommen und mich morgen wieder mit nach Hause nehmen. Also kann ich auch direkt hier bleiben."

„Ja aber was, wenn's schlimmer wird?"

„Wird's nicht." Hoffte Matthew zumindest, für sie beide. Gänzlich überzeugt wirkte er aber nicht.
Alfreds Augen waren nach wie vor mit Furcht aufgestockt. Ihm gefiel das hier überhaupt nicht. Seine Augenbrauen stürzten schließlich entschlossen herab und fusionierten mit den übrigen Konturen seines Gesichts, um ein Machtwort zu sprechen.
„Wir fahren trotzdem!"

Das würde so viele Umstände machen, für nichts und wieder nichts. Matthew zeigte seine Unwilligkeit, indem er die Augen erneut schloss und seine Umwelt komplett ausblendete. Krankenhaus würde bedeuten, er würde erst mal ewiglich da rumsitzen und warten müssen, bis alle akuten Notfälle abgearbeitet worden waren. Bis dahin würde er sein Dasein in einer proppevollen Notaufnahme fristen, gemeinsam mit seinen ätzenden Kopfschmerzen, einem fast schon hysterischen Alfred und anderen Patienten, die bluteten, kotzten, nervten, meckerten und ihre Bazillen großzügig verteilten. Zu guter letzt würde veranlasst werden, dass seine Eltern sofort herkämen. Das war alles Andere als Matthews Vorstellung eines ruhigen Freitagabends. Außerdem sah er keinen Sinn darin, all das über sich ergehen zu lassen, wenn er die Angelegenheit genauso gut Zuhause auskurieren konnte. Seine Entscheidung stand also fest.

„Nein."

„Doch!"

„Ich hab dich neulich auch nicht ins Krankenhaus gebracht, obwohl ich dachte, du stirbst. Also müssen wir mich jetzt auch nich' hinfahren. Mir geht's nicht so schlecht..."

Es wurde länger still im Zimmer als eben. Matthew wusste nicht, woran das lag. Er wusste nicht mal so recht, was er da für eine zähe Wortformation zur Welt gebracht hatte. Die Aussage wurde von dem Lärm hinter seiner Stirn absorbiert, sodass sie in seinen Ohren belanglos klang, aber ihre Auswirkung war gewaltig.

Es stand außer Frage, was er mit ‚neulich' meinte.

Alfred schwieg betreten. Auch dann noch, als er auf leisen Sohlen aufstand und reumütig wie ein verurteilter Verbrecher das Bett umrundete. Die scheue Geräuschkulisse ließ darauf schließen, dass er den Laptop sowie die Kopfhörer wegräumte. Dann kroch er behutsam aufs Bett, näher an seinen Zwillingsbruder heran, der den achtsamen Blick auf sich spürte.

„Der Eimer steht direkt neben dem Bett, okay? Nur für den Fall..." Alfred schien aus der Fassung gebracht, aber sein Körper strahlte Wärme aus, die Matthew überaus willkommen war. Affektiv drehte er sich deshalb zur Seite und seine Wahrnehmung purzelte hinterher, sich der wohligen Aura zuwendend. Womöglich war es offensichtlich, dass er fror, denn man legte ihm sogleich einen Arm um.

Besser.

So war es viel, viel besser. Matthew stieß mit der Nasenspitze gegen den Stoff von Alfreds T-Shirt und konzentrierte sich auf dessen regelmäßige Atemzüge, um sich von den Kopfschmerzen abzulenken. Nähe und Zuneigung schufen ein Zelt aus dicht gewobenem Wohlbefinden, in dem sein Bruder der Dreh- und Angelpunkt war.

Alles war okay.
Alles würde wieder gut werden. Matthew war da zuversichtlich, denn Alfred war hier bei ihm und er würde nicht weggehen. So wie auch Matthew nicht von Alfreds Seite gewichen war, als dieser ihn kürzlich so sehr gebraucht hatte.

Durch die Decke hindurch war sogar die leichte Streichelbewegung nachzuempfinden, die Alfreds Hand vollführte. Die Geste mogelte sich durch den Stoff, schmiegte sich katzengleich an Matthews Rücken und hatte etwas Zurückhaltendes an sich. Ebenso wie der federleichte Kuss, den er mit höchster Vorsicht aufs Haar gedrückt bekam. Beides besaß den Charakter einer scheuen Fee, die neugierig in den Raum linste, Gutes tun und ihren Feenstaub verteilen wollte, sich aber einfach nicht traute einzutreten. Ihr fehlte es an Tapferkeit, an Zuversicht, an Selbstsicherheit. Sie schien sich vor irgendetwas zu fürchten.

Das war nicht richtig.

Üblicherweise verhielt es sich doch so, dass wenn sich Alfred einmal für eine Sache entschieden hatte, er das Vorhaben auch mit vollem Einsatz verfolgte. Er hatte Matthews Wunsch, nicht ins Krankenhaus zu fahren, respektiert. Gewiss weil ihm klar geworden war, dass es tatsächlich unnötigen Aufwand mit sich brachte, die Notaufnahme aufzusuchen.
Wenn sie sich also dahingehend einig waren, wieso vermisste Matthew dann die gerade bitter nötige, absolute Selbstsicherheit seines Bruders? Wann war diese verborgene Befangenheit, die Alfred anderen Menschen gegenüber an den Tag legte, in ihr Verhältnis zueinander gesickert? Wann hatte sie sich zu einem festen Charakterzug entwickelt?

Wann war Alfred anders geworden?

Anfang des Jahres? Mit Beginn der Ferien? Oder schon davor?

Matthew konnte den genauen Zeitpunkt nicht bestimmen. Seine Hirnwindungen schienen verkalkt und ineinander verhakt. Der Schmerz hatte Straßensperren errichtet und gestattete den Gedanken kein Durchkommen. Betrübt schweigend lag Matthew in Alfreds Armen, auf Herz und Atem lauschend und Genesung herbei sehnend. Vermutlich war er nur zu krank, um Alfred richtig wahrzunehmen. Anders wollte und konnte sich Matthew das alles nicht erklären im Moment.