Von Manie, Hypomanie und Depression IX

„Matt? Matt! Hey, bro, wach auf!"

Es war nicht zu ignorieren. Dieses zunächst sanfte, aber dann zunehmend penetranter werdende Rütteln an der Schulter verschwand einfach nicht. Matthew hatte es zunächst als Traumausuferung abgetan, doch je länger er es verspürte, desto mehr schärften sich seine Sinne und je mehr sich seine Sinne schärften, desto empfänglicher wurde er für den Realitätsgehalt der Situation. Den Kopf bis zum Anschlag mit Müdigkeit gefüllt, war er jedoch nicht imstande, sich sonderlich zu artikulieren. Sein Hirn schien den dafür notwendigen Bereich noch nicht wieder aus dem Stand-by Modus hochgefahren zu haben. Gleiches galt für die Windungen, die für sein Sehvermögen zuständig waren.

„...was'n los?", hievten sich die Worte schließlich bleischwer von seiner Zunge. Gleichzeitig rollte er vom Bauch auf die Seite, das Kopfkissen loslassend und zu seinem Wecker schielend. Die roten Zahlen waren nah genug, um klar und deutlich ohne Brille von ihm gelesen werden zu können.

04:02 Uhr

Draußen war ein düstergrauer Morgen zugange und trieb eine üppige Herde Wolken über den Himmel. Neben dem Bett stand Alfred, komplett angezogen und somit ein nachtgraues Bündel voller Tatendrang ergebend, das sich erneut zu seinem Bruder herabbeugte.
„Dude, ich hab uns 'nen Picknickkorb gepackt! Das wird so was von awesome! Los, steh auf!"

„...was? Wie-wieso Picknickkorb...?" Matthew war restlos überfordert, während sein Zwilling drauf und dran war, munter die Bettdecke von ihm runterzuziehen.

Was sollte der verfluchte Mist? Vor allem mitten in der Nacht!
Sich beherzt an die Decke krallend, leistete Matthew trägen, aber jähen Widerstand.

„Oh Matthie, come on!"

„Nee! Es-es is' vier Uhr! Gott...! Vier Uhr!" Matthew wünschte, er würde wütend klingen – oder zumindest grantig genug, um in Frieden gelassen zu werden –, aber aus ihm sprach lediglich die pure Fassungslosigkeit und verlieh jeder Silbe den Charakter einer kaputten Luftmatratze, die nutzlos am Boden lag.

„Yo! Wir kriegen den besten Platz! Hopp, hopp!"

Besten Platz? Was zur Hölle laberte Alfred da? Matthew stieg schon bei der Sache mit dem Picknick nicht durch. Das Thema war in letzter Zeit nie aufgekommen und er würde auch jetzt garantiert nicht für ein Picknick aufstehen, sondern seelenruhig weiterschlafen! Dies kenntlich machend, riss er abrupt an seiner Bettdecke, rollte sich wieder in den warmen Stoff ein und kullerte von Alfred weg, genau ans andere Ende des Bettes.

„Äh..? Matthie!?"

„Nein!" Das Wort dröhnte widerwillig aus dem Stoff. Draußen war das ebenmäßige und einen direkt zurück in den Schlaf lullende Pladdern von steten Regentropfen, die einvernehmlich gegen das Fensterglas klopften, zu vernehmen. Picknick im Regen würde das also geben. Aber nicht mit Matthew!

„Doch!" Hinter ihm sank der Futon deutlich ein, als sich Alfred überschwänglich hinauf plumpsen ließ und auf dem besten Weg war, seinem Bruder den letzten Nerv zu rauben. Um vier Uhr früh wahrlich nicht schwer.

„Steh auf!"

„Nee…!"

„Aber ich hab schon alles fertig und-!"

„Es is' vier Uhr morgens und es regnet! Außerdem haben wir nachher Schule und ohGottAlfrednein!" Hier gab es nichts zu diskutieren. Nicht mal etwas zu verhandeln! Matthew zog die Decke bis über die Ohren, sodass zumindest der akustische Protest, der nun auf ihn einprasselte, nur noch halb so laut war. Es gab keine Argumente, die ihn jetzt und bei diesem Wetter zu einem Picknick überreden konnten. Das konnte sich sein Zwilling abschminken!

Jener schien aber nicht in der Stimmung, um aufzugeben. Noch immer wie ein Wasserfall plappernd, schien das hier für ihn wie ein Spiel.
„..und wir nehmen Kumajiro mit! Haha! Wenn wir ihn in den Regen halten, dann verwandelt er sich! So als hätte er 'ne geheime Identität. Voll cool!"

Noch so eine Sache, die Matthew vollkommen schockiert hinterlassen hatte: Als er vor einigen Tagen nach Hause gekommen war, hatte ihn Alfred triumphierend angegrinst und verkündet, Kumajiro sei ein Superheld und könne ab heute die Farbe ändern.

„Farbe ändern?" Irgendwas an Alfreds aufgekratzter Art, mit der er den Bären hinterm Rücken hervor geholt hatte, hatte Matthew auf Anhieb missfallen. Sein Lieblingsstofftier sah jedoch auf den ersten Blick aus wie immer. Schneeweiß, so wie es sich gehörte. Matthew hatte den Eisbären skeptisch an sich genommen und von allen Seiten prüfend beäugt, während sein Bruder nach dem Blumensprayer langte, den er schon griffbereit auf der Fensterbank positioniert hatte, um im nächsten Moment Wasser über den armen Bären zu stäuben.

„Eh hey!"

„Siehst du?! Siehst du?!"

Wahrhaftig wurden vereinzelte Stellen, auf die das kalte Nass traf, orange. Alfred gluckste, eine Hand überheblich in die Seite gestemmt und zwei weitere Wasserstöße auf den Bären pumpend. Matthew entglitten sämtliche Gesichtszüge. Je mehr Wasser, desto mehr Konturen nahm die Farbe auf dem Bärenfell an. Sein treuer Kamerad sah aus wie ein maskiertes Glücksbärchi in Cowboystiefeln, mit vierblättrigem Kleeblatt auf dem Bauch, Schnauzbärtchen und Augenbinde!

„..was-was hast du mit Kumajiro gemacht?!"

„Magic Pencils!" Stolzer hatte Alfred selten etwas zum Besten gegeben, das Kinn gehoben und die Brust prahlend herausgestreckt.

Matthew hatte entsetzt der Mund offen gestanden. Lange. Vermutlich zu lange, weil das einer dieser Augenblicke war, in dem ihm einfach absolut gar nichts einfiel, obwohl er um jeden Preis etwas sagen wollte. Wie konnte sein Bruder hingehen und Kumajiro so was antun?! Oder sollte die Frage lauten: wie konnte sein Bruder hingehen und Matthew so was antun?

„Super, ne? Bei kaltem Wasser wird er überall da, wo ich ihn angemalt hab, orange. Und wenn du warmes Wasser nimmst, verfärbt er sich grün!"

„…ja, total super…" Anhaltend entgeistert, hatte Matthew sein Kuscheltier angestarrt, das einen leidigen Ausdruck in den schwarzen Knopfaugen zu beherbergen schien. Aber wer hätte auch ahnen können, dass Alfred über Nacht zu einer akuten Gefahr für den armen Bären mutieren würde? Wer hätte überhaupt ahnen können, dass Alfred seit Anfang des Schuljahres wieder so aufdrehte?

Im Prinzip war Matthew ja ganz froh darüber, dass sein Bruder keinerlei Probleme hatte, in der neuen Klasse Fuß zu fassen. Wirklich, da hatte er sich im Vorfeld offenbar ganz umsonst Sorgen gemacht. Alfred schien schon nach den ersten Schultagen wenig bis gar keine Scheu mehr zu haben, sich seinen neuen Mitschülern zuzuwenden – zumindest so weit Matthew das beurteilen konnte. Den Schluss zog er aus der rasanten Abnahme an WhatsApp-Nachrichten, die er während des Unterrichts erhielt. An den ersten Tagen hatte Alfred sich noch während jeder Stunde bei ihm gemeldet und Matthew hatte, von jeglichen Lehrern völlig unbemerkt, immer flink zurückgetippt.

Aber auch das hatte sich binnen des ersten Monats relativiert. Jetzt war Matthew zuweilen fast enttäuscht, wenn er zwischendurch und nach Schulschluss sein Handy checkte und kein einziges Lebenszeichen seines Geschwisterkindes vorfand. Er sollte das positiv werten. Der Sommer entfernte sich – und er schien Alfreds Klammern mitzunehmen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Matthew wünschte nur, mit den sinkenden Temperaturen würde auch seine Angewohnheit, sich ständig in Gedanken mit seinem Bruder zu beschäftigen, von Dannen ziehen...

Seit sie nicht mehr in der gleichen Stufe waren, gestaltete sich ihr gemeinsamer Schultag grundlegend anders. Der Blick nach links oder rechts war nun unfamiliär. Matthew ertappte sich häufig dabei, den Klassenraum insgeheim abzusuchen, weil er es sich im Laufe des turbulenten letzten Schuljahres quasi angewöhnt hatte. In jenen Tagen hatte er permanent ein Auge auf Alfred gehabt; aber jetzt war Alfred fort. Saß in einem anderen Klassenzimmer mit geschätzten 30 anderen Schülern und machte hoffentlich mehr als Arbeitsblätter zu bekritzeln oder bei Filmen wegzudämmern. Sämtliche Erinnerungen dieser Art waren alle noch da. Ganz gleich, welches Fach auf Matthews Stundenplan stand, ihm fiel zwangsläufig ein, wie sich Alfred im letzten Halbjahr in diesem Fach aufgeführt hatte. Falls er denn da gewesen war...

Jetzt konnte Matthew nicht mal mehr mit Sicherheit sagen, ob Alfred seine Hausaufgaben machte. Klar, ihre Eltern fragten so ziemlich jeden zweiten Abend danach, aber für Alfred schien das nicht von Belang zu sein. Es war Schule und er schien alles damit in Verbindung Stehende im Handumdrehen zu erledigen. So als habe er eine To-do-Liste vor sich und brenne förmlich darauf, einen Punkt nach dem nächsten abzuhaken:
Geschichte? – Ein Klacks!
Mathe? – Fix und fertig!
Bio? – Längst gelernt!
Englisch? – Ach, die paar Seiten! Na klar waren die gelesen worden und Notizen hatte er sich auch gemacht!

Alles in allem vermittelte Alfred den Eindruck, als habe er nie ein Problem mit dem Lernen gehabt, als sei das letzte Schuljahr nie passiert. Ihre Eltern waren darüber höchst erfreut – endlich nutzte der Junge wieder sein Potential und hatte die rebellische, pubertäre Phase hinter sich gelassen! –, doch Matthew konnte diese Freude irgendwie nicht teilen. Zwar kam ihm Alfreds Motivation nicht aufgesetzt vor, aber ihm erschloss sich partout nicht, wie die Sache mit der Schule letztes Jahr so ein Fiasko hatte sein können und ab diesem Schuljahr urplötzlich wieder reibungslos funktionierte. Was war denn damals nur mit Alfred geschehen? Was war in seinem Kopf vorgegangen?

Matthew gab es ungern zu, aber insgeheim traute er dem Frieden nicht und wartete regelrecht darauf, dass sein Zwillingsbruder wieder Schwierigkeiten bekommen würde. Dass er eventuell sogar fragen würde, ob Matthew ihm in diesem oder jenem Fach helfen könnte. Es passierte aber nicht und so weit Matthew es richtig sah, schwänzte Alfred auch nicht mehr den Unterricht.
Vielleicht, und dieser Gedanke tat irgendwie weh, lag es ja an ihrer Trennung? Womöglich fühlte sich Alfred bei seinen neuen Mitschülern wohler als in einer Klasse, in der er Matthews Observation im Nacken hatte und von Leuten umgeben war, die ihn kühl bis schneidend behandelten, weil er ihnen allen zum einen oder anderen Zeitpunkt ein paar Widerwärtigkeiten an den Kopf geknallt hatte? Konnte Abstand wahrlich solche Wunder bewirken und einen Jungen, der erst völlig am Boden zerstört war und nicht mal mehr sein Zimmer verlassen wollte, ehe er die Führung seines Bruders brauchte, um zurück ins Leben zu finden, wieder aufblühen zu lassen?

Vielleicht...
Vielleicht auch nicht...

Zugegebenermaßen beobachtete Matthew nicht nur die Gemütswandlung seines Bruders skeptisch, sondern auch das Verhalten der Lehrer. Es missfiel ihm. Bei einer Vielzahl der Lehrer hatte Matthew bereits im letzten und vorletzten Jahr Unterricht gehabt, und immer schon hatte es den ein oder anderen Lehrer gegeben, der ihn und Alfred chronisch verwechselte. Es lag nicht unbedingt an ihrer frappierenden Ähnlichkeit; es lag daran, dass sie sich überhaupt ähnlich sahen und den Titel Zwillinge trugen. Es passierte auch immer nur der Sorte Lehrer, die prinzipiell Schüler mit dem immergleichen falschen Namen ansprachen, weil sich das irgendwie verkehrt in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Doch nun schien es sich wahrlich zu häufen. Matthew war, abgesehen vom Kindergarten, selten so oft mit Alfreds Vornamen angesprochen worden wie seit Beginn dieses Schuljahres. Jetzt, da einer der Zwillinge fort war, schien es aus irgendeinem Grund noch schwieriger für viele Lehrer zu sein, sie auseinander zu halten. Häufig rätselrateten sie, was dann den Monolog „Du bist einer der Jones-Zwillinge, aber ich weiß nicht, welcher. Lass mich in die Klassenliste schauen..Ah, Matthew!" nach sich zog.

Was sollte das?

Wenn Matthew und Alfred nebeneinander saßen, war immer jedem Menschen, der sie halbwegs kannte, völlig klar, wer von ihnen wer war. Nur weil jetzt der Kontrast fehlte, verloren sie doch nicht ihre Farbe!
Irgendwie war das verstörend. Bis zu einem gewissen Grad auch verletzend. Nicht, dass Matthew es sich übermäßig zu Herzen nahm, aber inwieweit hing denn seine eigene Identität von seinem Bruder ab? Sie waren zwei Menschen! Zwei, verdammt! Die Thematik war überpräsent.

Alfred hingegen unterpräsent in Matthews Schultag, denn zu Gesicht bekam er seinen Bruder in all den Stunden kaum mehr. In der Regel fuhren sie zwar morgens gemeinsam zur Schule, allerdings trennten sich ihre Wege danach unweigerlich. Selbst in der Cafeteria fanden sie nicht mehr zusammen, da Alfred bei seinen neuen Klassenkameraden saß und Matthew nach wie vor bei ihrer alten Clique, in der definitiv niemand Wert auf Alfreds Gesellschaft legte. Häufig sichtete Matthew seinen Zwilling die ganze Mittagspause über nicht, weil die Schülermengen zu dieser aufrührerischen Zeit die Cafeteria beinahe zu sprengen drohten. Es war dem Zufall zu verdanken, wenn sie sich ab und zu auf dem Flur begegneten. Zu Beginn des Schuljahres schien sich Alfred gelegentlich noch an den Knotenpunkten zu postieren, um dann ein paar Worte mit Matthew zu wechseln. Doch die Tage waren so rasch vorüber gegangen wie die Tage, an denen sie in jeder Stunde Nachrichten ausgetauscht hatten.

Matthew hatte es sich deshalb schon fast zur Gewohnheit gemacht, Alfred an all jenen Tagen eine Nachricht zu schicken, wenn er bis zum Unterrichtsschluss mal wieder nichts von ihm gehört hatte und noch fürs Eishockeytraining blieb. Das war keine Kontrolle! Er wollte sich nur erkundigen, ob bei seinem Bruder alles okay war. Immerhin sahen sie sich nicht mal auf dem Heimweg! In dem Zusammenhang musste Matthew auch zugeben, dass er an diesen Tagen wesentlich lieber mit dem Auto zur Schule fuhr. Es war so viel praktischer, sich nach dem Training direkt in den Wagen setzen zu können, anstatt auf den nächsten Bus warten zu müssen. Es war ja dann ohnehin schon spät und wenn er an die sich schneller als die Kaninchen vermehrenden Hausaufgaben dachte, hatte es seine Vorzüge, rasch daheim zu sein. Alfred hatte auch nie in irgendeiner Weise mokiert, dass Matthew den Wagen nahm an diesen Tagen. Es kümmerte ihn einfach nicht...

Zwei Mal hatte Matthew seinen Bruder im Wagen wartend vorgefunden. Der Zweitschlüssel im Zündschloss und seine Stimme unbefangen die Musik im Radio begleitend, hatte er einen Skizzenblock auf den Knien balanciert und ihnen Kaffee besorgt. Die beiden großen Becher verströmten den Duft von Sirup, Sahne und gehaltvoller Milch. Alfreds Zeichnungen waren die Art Skizzen, die später mit Copic Markern coloriert wurden. Die technisch ausgeklügelten, die ihm persönlich am besten gefielen, übertrug er auch gerne auf Millimeterpapier. Akzente setzten dann lediglich die verschiedenen Bleistiftstärken.

Es war selten, dass Matthew noch einen Blick auf dieses Vorsichtige, dieses Zurückhaltende erhaschte, was sich immer irgendwo zwischen Alfreds Lachen und Schwatzen verschanzte. Es war da, aber es wollte sich nicht offenbaren. Es harrte lieber im Versteckten aus und Matthew musste gelegentlich an das Wochenende zurückdenken, als er mit der Gehirnerschütterung flach gelegen hatte. Sein Bruder war wie eine Glucke um ihn herum geschlichen, immer so viel mehr besorgt und so viel weniger versichernd als er es hätte sein sollen. Ständig hatte er Matthew gefragt, wie es ihm ging und ob er nicht etwas für ihn tun könnte. Im Blut eine fahrige Nervosität, die ihn nie vor Matthew hatte einschlafen und immer vor ihm wieder hatte aufwachen lassen. Nicht ein einziges Mal war es umgekehrt gewesen an diesem Wochenende; Alfred hatte einem Sicherheitsmann geglichen, der sich nicht gut genug informiert oder gar bewaffnet fühlte, um eventuellen Zwischenfällen gewachsen zu sein. In dem Moment, als das Auto ihrer Eltern in die Einfahrt fuhr und das Garagentor leise quietschte, schien Alfred ein Stein vom Herzen zu fallen.

Mittlerweile war die Vorsicht wie weggeblasen. Was auch immer in Alfred brütete, es erschloss sich Matthew nicht. Erst recht nicht um vier Uhr morgens!

Ein gedehntes Stöhnen verlierend, entschied er, dass Angriff die beste Verteidigung war und rollte sich schneller herum, als Alfred reagieren konnte. Die Decke als Puffer zwischen ihnen, pinnte Matthew allein mit seinem Gewicht und seiner puren Unwilligkeit, sich auch nur irgendeiner Weise zu regen, das zappelnde Bündel aufs Bett.

„Wir bleiben hier… 's regnet… und ich bin müde… also schlaf…!" Nichts lag Matthew ferner als ganze Sätze.

„Hey! Lass mich raus…! Ich bin nich' müde! Matthie!"

„Dumuss'müdesein." Die Schultern streckend und die Ellbogen absichtlich ausbreitend, investierte Matthew mehr Kraft, um seinen Bruder im Zaum zu halten. Den Kopf irgendwo auf Höhe von Alfreds Schlüsselbeinen, gestaltete sich das auch gar nicht mal all zu schwierig, immerhin verfügten sie über die gleiche Statur.

„Nope! Hab bis halb vier geschlafen!" Alfred verlor ein quengeliges Nörgeln, rangelte und wackelte, gab dann aber empört auf.

„Zu wenig." Eindeutig. Wie konnte Alfred bitte jetzt schon wieder wach sein? Und fit obendrein? Wenn Matthew es recht überdachte, war sein Geschwisterkind in den letzten zwei oder drei Wochen stets verdächtig früh auf den Beinen gewesen. Matthew hatte geglaubt, es hätte etwas damit zu tun, dass Alfred es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, schon vor dem Frühstück eine Runde joggen zu gehen. Offensichtlich steckte aber kein sorgfältig gestellter Wecker dahinter, sondern Alfred wurde ganz von selbst zu so einer unmenschlichen Zeit wach – und das obwohl er in den Sommerferien Schlafen zu seinem liebsten Hobby gekürt hatte.

Seltsam...

Wäre Matthew einen Ticken wacher, würde er sich darüber glatt den Kopf zermartern. Gerade dämmerte er aber gemütlich zurück in Richtung Schlaf. Zumindest bis Alfred erneut anfing zu reden. Eher unkoordiniert, wie so häufig in den letzten Tagen. Physikprojekt, Sterne, das Mädchen aus dem Coffeeshop, Sterne, sie war echt süß, noch mehr Sterne, ob sie ihn mochte?, wie bekam er das raus?, oh die Sterne, und wusste Matthew eigentlich, dass es Zwillingssterne gab? Auch Doppelsterne genannt? Und dass die zwei gravitativ aneinander gebunden waren?

„Miregal", war das einzige, was er gerade dafür übrig hatte. Alfred sah laut lachend darüber hinweg und versuchte, einen Arm zu befreien. Matthew konnte es haargenau spüren und haderte mit sich: es zulassen oder nicht? Ein freier Arm bedeutete schlussendlich doch nur einen Störfaktor mehr und er hatte keine Lust, sich jetzt mit dieser Aufgekratztheit rumzuplagen.
Selbst das rar gewordene, geteilte Bett war zuweilen auszehrend für ihn, weil Alfred viel zu viel quasselte oder feixte und einfach keine Grenze mehr zu kennen schien. Er rückte ständig nah, er küsste Matthew aus heiterem Himmel mit geschwinder Nichtigkeit und er war bei all dem furchtbar zappelig. Ein „Ich bin müde" wurde von ihm entweder überhört oder lediglich für zwei Minuten toleriert, ehe ihm siedend heiß etwas einfiel, das er Matthew und der Welt unbedingt mitteilen musste.

Matthew traute dieser erquickten Bedenkenlosigkeit seines Bruders nicht recht über den Weg. Alfred ging es augenscheinlich zwar gut, doch alles in allem war er mit dem Kopf in den Wolken unterwegs. Jagte einer neuen Idee nach der nächsten nach und war gar nicht mehr vernünftig zu fassen zu kriegen. Nicht, dass Matthew so was nicht schon kannte – sein Bruder war häufig eine wahre Fundgrube kurioser Einfälle –, aber es war eine regelrechte Herausforderung, damit umzugehen, ohne den Verstand zu verlieren.

Matthew mochte es einfach nicht, wenn er nach Hause kam und feststellte, dass sein Genie von Bruderherz irgendwas angestellt hatte. Erst recht nicht, wenn es mit dem wehrlosen Kumajiro zu tun hatte oder Alfred sich anderweitig an Matthews Kram verging. Matthew mochte es auch nicht, wenn Alfred stundenlange Gespräche verlangte, in denen Matthew in die Rolle eines nickenden Zuhörers gezwängt wurde. Allerdings schien Alfred gar nichts anderes mehr von ihm zu erwarten! Matthews Meinung perlte an der maßlosen Egozentrik seines Zwillingsbruders ab wie Wasser an wetterfester Kleidung; es drang nichts durch. Die Welt hatte eben nur einen Mittelpunkt – und dieser Mittelpunkt trug den Namen Alfred F. Jones.

Unter Matthews Körper ruckelte es; Alfred hatte seinen rechten Arm erfolgreich befreit und schüttelte ihn kräftig aus.
„Ugh! Fast eingeschlafen."

„Miregal..schlaf."

„Moah, Matt, du bist manchmal echt so was langweilig!"

„Miregal."

Die knappe Minute Stille, die sich übers Zimmer senkte, war nur die Ruhe vor dem Sturm. Matthew wog sich nicht mal halbwegs in Sicherheit, da fanden plötzlich fremde Finger Gefallen an seinen Haaren. Strichen zunächst hinüber, ganz friedlich und liebevoll, dann drehten sie jedoch unangekündigt gegen die Wuchsrichtung und zwirbelten ein paar Strähnen auf. Es ziepte. Matthew klagte per Laut und schnaubte frustriert.

„Nich'!"

Wie sollte man denn bitte bei so was schlafen? Wo waren nur all die Tage hin, als Alfred nichts weiter getan hatte als brav neben einem zu liegen und zu schlummern?

„Ach komm schon, bro! Wir wollten doch picknicken gehen!"

„Wir wollten gar nix! Lass mich endlich schlafen." Matthew hatte genug von dieser Albernheit und von diesem anstrengenden Menschen, der mit seinen Einfällen und Vorhaben hausierte und permanent Dinge anfing, ohne sie zu beenden, weil ihm fortwährend neue Geistesblitze dazwischen funkten. Schön und gut, dass Alfred in der neuen Klasse Anschluss gefunden hatte. Schön und gut, dass er sich unter Menschen wieder wohl fühlte. Schon und gut, dass er über beide Ohren verknallt war. Aber was sollte diese Sprunghaftigkeit? Woher nahm er die Energie, um vier Uhr früh irgendwas von the sun and the only one zu summ-singen?

Matthew litt still, beruhigt darüber, dass die Finger wenigstens seine Haare nicht länger piesackten, sondern wieder in wohl gesinnter Manier hindurch glitten. Das war gar nicht mal so unerträglich. Nein, eigentlich gefiel es ihm. Die meiste Zuwendung, die sie austauschten, war derzeit schnell und überstürzt; so wie sein Bruder eben war. Wenn Alfred ihn umarmte, war es, als reiße er Matthew zwei Sekunden lang an sich, in denen ihre Knochen aufeinander krachten und Matthew sämtliche Luft aus den Lungen gepresst wurde. Mit der Intensität schien Alfred die kurze Dauer wettmachen zu wollen. Er hatte keine Zeit, er war gedanklich schon wieder zehn Schritte in der Zukunft unterwegs. Matthew wusste nie, wie ihm geschah. Bevor er auf die Geste eingehen konnte, hatte man längst von ihm abgelassen. Seine Lungen entfalteten sich und ihm wurde klar, allein zu sein. So als habe man ihn fallen gelassen und er sei sehr hart aufgeschlagen.

Nach den intensiven Sommerwochen empfand Matthew ihr derzeitiges Verhältnis als seltsam kühl. Fast aneinander vorbei lebend, trotz der gelegentlich überschäumenden Zuwendung. Selbst jetzt, wo er den Körper seines Bruders unter sich atmen und mit dem Fuß tippeln fühlte, war es, als seien sie etliche Meter voneinander entfernt.

Wieso war Alfred nur so..lieblos?

Wahrscheinlich war das das falsche Wort, aber Matthew gefiel nicht, wie sich ihre Beziehung entwickelte. Sie war wie eine Geschichte, die all ihren Stil verlor. Den Sätzen wurde ihre Melodie entrissen. Wahllose Kommata ragten an sinnlosen Stellen empor. Zu viele Punkte. Und völlig falsch gewählte Adjektive versperrten die Sicht. Nichts war mehr lesbar. Die Suche nach einer Aussage vergebens.

Die Augenlider fest zukneifend, tat Matthew das einzige, was ihm in seiner Situation einfiel: er ignorierte es.


Bis es nicht mehr zu ignorieren war. Das dauerte circa zweieinhalb Wochen. Matthew führte zum wiederholten Male das schnurlose Haustelefon ans Ohr und ließ Alfreds Handynummer wählen. Wie auch all die Male zuvor, wurde er jedoch umgehend auf die Mailbox umgeleitet. Draußen zog pfeifender Wind durch die Bäume und Büsche und erinnerte ihn daran, dass sein Hals kratzte, weil er eine gefühlte Ewigkeit vor dem Kino gewartet hatte. Auf niemand geringeren als Alfred, mit dem er für die 20:00 Uhr Vorstellung verabredet gewesen war.

Aber Alfred war nicht gekommen und er ging auch nicht an sein Handy. Matthew hatte bis 20:30 Uhr vor dem Kinokomplex gestanden; die Karten längst gekauft. Keine Message von Alfred und keine Reaktion auf die Messages, die Matthew ihm Endes war Matthew nach Hause gefahren; in der Hoffnung, sein Bruder sei vielleicht dort. Doch dem war nicht so.

Von Alfred fehlte jede Spur. Es war wie so häufig in den letzten Tagen: Matthew hatte nicht den leisesten Schimmer, wo sich sein Zwilling rumtrieb. Alfred redete nicht darüber; er redete prinzipiell kaum noch mit Matthew. An ein geteiltes Bett war gar nicht zu denken! Matthew wollte nicht zu jemandem ins Bett kriechen, der schon beim Abendessen so aussah, als würde er am liebsten über den Tisch langen und seine ganze Familie ermorden.

Alfred war wütend. Matthew wusste zwar nicht, worüber, aber er war es. Sein Gesicht war eine permanente Grimasse und nur der Gipfel seiner schlechten Laune. Im Haus wurde morgens geschrieen, weil Alfred absichtlich trödelte („Kein' Bock!") und es ging abends genauso haltlos weiter, weil er zu spät zum Abendessen kam („Hört doch mal auf, alle so 'nen verdammten Stress zu machen!", „Ist doch wohl meine Sache, wo ich war!"). Häusliche Pflichten schienen unter seiner Würde zu sein („Häng du doch die scheiß Wäsche auf!", „Wenn du 'n Glas brauchst, mach die Spülmaschine doch selber leer! Ich trink eh immer aus der Flasche!") und eine Konversation mit ihm zu führen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Alfred war uneinsichtig und er war vor allem eines: aggressiv. Matthew konnte sich nur nicht erklären, wieso? Als er ein Mal den Versuch gestartet hatte, seinen Bruder auf sein scheußliches Benehmen anzusprechen, endete es damit, dass Alfred ihn aus dem Zimmer geschmissen hatte („Mit mir is' gar nix los! Mir geht's fucking-tastisch! Und jetzt verzieh dich gefälligst und nerv wen anders!").

Das Schlimmste waren nicht mal die Worte an sich, sondern der harsche Ton und der absolute Mangel an Reue. Es gab nur eine Weltanschauung und zwar Alfreds. Und diese war von selbstherrlichem Egoismus durchtränkt. Alfred fühlte sich hundertprozentig im Recht, wenn er sein benutztes Geschirr auf die Anrichte stellte und ihrer Mom sagte, sie solle es doch wegräumen. Schließlich sei sie die Frau im Haus. Warum er für solche Äußerungen mächtig Ärger kassierte und mal wieder auf sein Taschengeld verzichten durfte, war ihm schleierhaft.

Die Verabredung an diesem Abend hatte Matthew seinem Zwilling vermutlich nur aus dem Kreuz leiern können, weil dieser Interesse an dem Film hatte. Oder gehabt hatte...
Matthew wünschte, er wüsste, wo Alfred steckte. Es war bald Mitternacht und von ihm gab es weit und breit kein Lebenszeichen. Das war nicht gut. Das war ganz und gar nicht gut... Abgesehen von der unglücklichen „Verzieh dich und nerv wen anders!"-Unterhaltung war ihre Kommunikation zwar auf null geschrumpft, doch Matthew erschloss sich das alles nicht. Er bot keinen Anlass, um von Alfred gemieden zu werden. Wenn es daheim Streit gab, war das eigentlich eher eine Sache zwischen Alfred und ihren Eltern. Wieso sollte Alfred also seinen Frust an seinem Bruder auslassen? Ihm musste was passiert sein! Anders konnte sich Matthew Alfreds Nichterscheinen nicht erklären...

Das änderte sich, als er jemanden die Treppe hinauf trampeln hörte. Durch die angelehnte Zimmertür sichtete er gleich darauf den Menschen, um den er sich seit über drei Stunden wie verrückt Sorgen machte.

„Al!" Matthew stolperte zur Tür hinüber und stieß sie ganz auf.

„Was?", kam es geblafft und Matthew wollte so vieles sagen. Alfred anschreien, wo er denn gewesen sei und was passiert sei, ob es ihm gut ging und warum er sich nicht gemeldet hatte? Sein Herz klatschte die Worte mit wilden Schlägen gegen seine Rippen, an denen sie zermalmt abprallten und dann in Matthews empfindlichen Magen hinab stürzten.

„Wo-wo warst du?"

„Unterwegs."

„A-aber wir waren verabredet! Um acht! Fürs Kino!"

Nichts. Alfreds Miene war unempathisch, verständnislos und trumpfte mit einer Härte auf, die es nicht mochte, wenn man sie mit Worten traktierte, die ihm nicht in den Kram passten.
„Na und?"

Na und?

NA UND?

Alfred maßte es sich obendrein an, einfach an Matthew vorbei zu gehen. So als wäre die Sache damit gegessen. Über seiner Schulter baumelte noch seine Umhängetasche; er war also von der Schule aus nicht mal nach Hause gefahren. Stattdessen war er mal wieder stundenlang irgendwo rumgestreunt und jede Form der Erklärung war ihm lästig. Alfred F. Jones musste sich niemandem erklären. Seine Haltung und sein Betagen machten das unmissverständlich klar.

Aber für Matthew war rein gar nichts klar – von in Ordnung ganz zu schweigen. Sein Nacken fühlte sich von all der Angst der letzten Stunden wie zerbissen an und statt sich zu entschuldigen, latschte Alfred einfach in sein Zimmer. Als sei es das Normalste der Welt, den Menschen zu versetzen und zu Tode zu verängstigen, dem man bis vor kurzem noch auf Schritt und Tritt gefolgt war. Von dem man komplett abhängig gewesen war.

„Ich hab versucht dich anzurufen! Ich hab dir getextet! Wieso hast du nich' wenigstens geantwortet! Du hättest doch-!" Matthew war kaum auf die Türschwelle getreten, da schoss Alfred herum. War plötzlich bedrohlich nah und doch viel zu untangiert, um eine akute Gefahr darzustellen.
„Boah, jetzt piss dich doch nich' so an, Mann! Dich vergisst und übersieht doch eh jede Sau! Wieso sollt' ich's mir also merken, wenn wir 'ne beschissene Verabredung haben?! Fällt doch eh nich' auf, ob du da bist oder nich'! Ich hab dich zumindest nicht vermisst! Got it?! Great!"

Es krachte. Dann war die Türe zu.

Zu!

Das war Matthews einziger Gedanke.

Wie er von der Türschwelle in den Flur zurück gelangt war, konnte er nicht rekonstruieren. Er stand nur da, nicht blinzelnd und nicht fühlend. Alfred musste ihn geschubst haben. Nicht mit seinen Händen und nicht mit seiner Lautstärke. Er hatte Matthew mit einer Überdosis Verachtung vergiftet und die Wirkung war bereits in vollem Gange. Fraß jegliches Zeitgefühl und ließ Matthew paralysiert in sein eigenes Zimmer zurückschreiten. Er könnte hier liegen, hier stehen, hier sitzen und hier sterben – für Alfred würde das keinen Unterschied machen. Matthew war seinem Bruder vollkommen egal. Seine Stimme hatte es nicht nur so gesagt, sie hatte es auch so gemeint.