Dankeschön für das Review, Foreign Language! :-)
Ich freu mich sehr über dein Interesse an dieser Story!
Von Manie, Hypomanie und Depression X
Die Luft war mit dem käseschweren Geruch überbackener Hackfleischbällchen aufgestockt, als Matthew in Richtung Küche schlurfte und sich an den Türrahmen lehnte, um den Esstisch zu überblicken, auf den seine Mutter soeben die proppevolle Auflaufform hievte. Teller, Gläser, Besteck, Servierten – alles lag liebevoll und wohl sortiert für vier Personen bereit. So als seien sie eine ganz normale Familie, in der der Vater den passenden Rotwein öffnete und die Mutter ihren ältesten Sohn auffordernd heranwinkte, damit dieser sich dazu gesellte. Ein Teil von etwas wurde, das es nüchtern betrachtet schon fast nicht mehr gab – oder warum waren von den vier Familienmitgliedern nur drei anwesend?
Schwerfällig drückte Matthew seine Schulter vom Türrahmen ab und fühlte sich müde, schwindelig. Ferngesteuert. Der Duft war zu deftig und füllte seinen Magen, bevor auch nur ein einziger Bissen hinein gewandert war. Er hatte keinen Hunger, aber das konnte er nicht so frei heraus sagen, denn das wäre seltsam, unnormal, und demnach inakzeptabel in einer intakten Familie, um deren Überleben sie sich alle redlich bemühten.
Lasch schob er seinen Stuhl zurück und sank aufs Sitzpolster, gerade noch rechtzeitig, bevor sein Kreislauf einen schwarzen, lichtdurchlässigen Schleier vor sein Sichtfeld zog. Die Küche verwandelte sich daraufhin in ein Sammelsurium von Wahrnehmungslöchern. Matthew holte tief Luft – ein oder zwei oder drei Mal; was machte das für einen Unterschied? – und ortete durch den Schleier hindurch die Gestalt seines Vater. Jener füllte das erste der beiden bauchigen Weingläser, wobei der edle Tropfen grell im Licht der Deckenlampen leuchtete. Die Farbintensität stach in Matthews trübe Augen, also wandte er den Blick schmerzerfüllt ab.
„..Matt. Matt?"
„Hm?" Der Hand an seiner Schulter war es zu verdanken, dass der Angesprochene von seinem leeren Teller aufsah und etwas entrückt der Miene seines Vaters begegnete. Hart seufzend stellte dieser die Weinflasche ab, den Kopf dabei enttäuscht schüttelnd.
„Der eine Sohn ist geistig abwesend, der andere taucht gar nicht erst auf...! Genau so stellt man sich ein Essen mit der Familie vor!" Seine Stimme rüttelte garstig am Gerüst seiner überstrapazierten Selbstbeherrschung und Matthew konnte nichts weiter tun, als sich ein entschuldigendes „Sorry, Dad" abzuverlangen, obwohl er den Vorwurf nicht mal spürte.
Er spürte so gut wie gar nichts mehr in den letzten Tagen.
Es war etwa eine Woche her, seit Alfred ihn für tot erklärt hatte. Eine Woche, in der das Gift in Matthews Körper zirkulierte und seine verheerende Wirkung entfaltete. Ihm nicht nur jegliches Zeitgefühl und sämtliche Lebensfreude raubte, sondern ihn obendrein auch noch entwässerte. Eine logische Konsequenz daraus war, dass er nicht weinen konnte. Er war so traurig, aber es kamen keine Tränen...
Heute nun war das neue Wochenende angebrochen, sie schrieben Samstagabend und die Küchenuhr zeigte kurz nach sieben. Matthew fehlten die Worte, um auszudrücken, was all das in ihm auslöste. Die Dinge um ihn herum nahmen ihren alltäglichen Lauf, doch er hatte permanent das Gefühl, neben sich zu stehen. Sich und alle Menschen bloß noch von außen zu beobachten, so als sei er gänzlich unbeteiligt am Film seines eigenen Lebens. Es war ein Film, in dem sein Vater soeben beschloss, dass es keinen Sinn machte, sich zu wiederholen und seine Mutter ihm wohlmeinend die Reisschale zuschob.
Trübselig entfaltete Matthew seine Servierte und legte sie auf seinen Schoß. Nach außen hin funktionierte er tadellos, wenngleich seine Reaktionen stets leicht verzögert stattfanden. So als würden sie aus einer anderen Welt übertragen werden. Die Verbindung war halt nicht die beste. In ihm drin stimmte etwas nicht. In ihm drin ging alles vor die Hunde. Aber keiner ahnte das. Keiner wunderte sich und keiner hielt es für nötig, ihn zum Arzt zu schicken, um diesen diagnostizieren zu lassen, dass Matthews Herz eine frappierende Ähnlichkeit mit einer Rosine aufwies. Gefühlt floss kein einziger Tropfen Blut mehr durch Matthews Körper; es war versiegt, ebenso wie die Tränen. Hirn und Adern wurden bloß noch vom Toxin beschlagnahmt.
Alfred hatte ihn krank gemacht – und Matthew verstand das nicht.
Warum besaß sein Zwillingsbruder nur so ungeheuer viel Macht über ihn? Es war, als hätte Alfred ihn dermaßen verseucht, dass Matthews Seele im Sinne der eigenen Sicherheit das Weite gesucht hatte. Wohin auch immer sie sich abgesetzt hatte, sie mochte nicht zurückkommen. Sie wollte nicht hier sein, in einem Haus, in dem nichts mehr stimmte. In dem Vater und Mutter erneut darüber diskutierten, wie sie Alfred noch zu Gehorsam erziehen könnten und wie unsinnig Hausarrest dabei war. Es machte sie mürbe. Die beiden wanderten allabendlichen mit Sorgenfalten auf der Stirn und Weingläsern in den Händen ins Wohnzimmer hinüber und schienen sich zu wünschen, ihr Sohn sei ein unliebsamer Klient, den man in absehbarer Zeit abstoßen konnte. Doch keine Chance. Alfred war das herzlose Herzstück einer Familie, die er in Dysfunktionalität stürzte. Seine Arroganz und sein Zorn sägten jäh an jedem emotionalen Standbein und kehrten das Schlechteste aus ihren Eltern heraus. Matthew wusste nicht, wann ihre Mutter zuletzt gelacht und wann ihr Vater zuletzt gescherzt hatte, wann sie zuletzt gemeinsam aus Essen waren oder in angenehmer Atmosphäre zusammen gesessen hatten. Sie ärgerten sich nur noch rund um die Uhr über das Fehlverhalten ihres einen Sohnes und waren insgeheim vermutlich heilfroh über jede Minute, die er nicht Zuhause war.
Die Frage nach den unerklärlichen Ursachen schien hinterm Horizont verschwunden wie eine Sonne, die sich nicht um den Anbruch eines neuen Tages scherte. Sie blieb fern. Jetzt gab es nur noch Kunstlicht und Kälte, die Matthews Rosinenherz mit Gefrierbrand überzogen. Unter diesen Umständen war es wahrlich kein Wunder, dass seine Seele geflohen war…
Großzügig verteilte Matthew einen Löffel Reis auf seinem Teller, glatt gestrichen wie ein körniger Teppich. Darüber legte er eine Schicht aus drei Hackfleischbällchen und massenhaft Tomatensoße; die fädenziehende Käsekruste sparte er bestmöglich aus. Der Salat in seinem Schälchen wirkte zwar aufgetürmt, doch zwischen den Blättern klaffte entsetzlich viel Hohlraum.
Matthew hatte keinen Hunger. Nicht mal Appetit.
Es begann schon morgens, sobald er seinen Wecker hörte und die Augen absichtlich nicht öffnete, denn mit geschlossenen Lidern konnte er sich bittersüß ausmalen, nicht allein im Bett zu liegen. Seine Tagträume im Dunkeln kreierten ob ihrer lebenslangen Erfahrung eine sehr reale Illusion von Alfreds Nähe. Sie war gutmütig und rücksichtsvoll, warm und einvernehmend; zuweilen auch etwas übereifrig oder zu anhänglich. Matthew war das aber egal, solange die Illusion nur gerne bei ihm war. Dieser Alfred sollte bitte wieder Realität sein. Er sollte zurückkommen.
Er sollte einen bitte, bitte wieder lieb haben...
Matthew träumte am Morgen und am Abend, die Augen zu, der Verstand wach. Zwischendurch überbrückte er die problematischen Stunden des Tages. Schleppte sich ohne Elan in die Küche, wo seine Mutter ihm eine Schale Müsli vor die Nase stellte („Du bist spät dran, Liebling. Geh früher schlafen, hm? Du siehst so müde aus."), aber alles, was von seinen Lippen perlte, war eine laue Bestätigung und ein fades Lächeln. Er war nicht müde. Er wollte nur nicht aufhören müssen zu tagträumen.
Allmorgendlich schöpfte seine Hand mechanisch Müsli aus der Schüssel, einen Löffel, halb voll, kauen, kauen, kauen, keinen Löffel, Überfliegen der Zeitung – seine Eltern waren so gut wie aus dem Haus –, ja klar, er dachte daran, gleich die Spülmaschine einzuschalten, rühren, einen weiteren Löffel aus der Schale schöpfen, sich vor aufgequollenen Haferflocken ekeln, bis heute Abend!, die Haustür fiel ins Schloss. Dann Schritte, neben ihm und hinter ihm, eine Schranktüre wurde aufgerissen: Wut.
„Moah, hat Mom schon wieder keine Waffeln gekauft?!" Die Schranktüre donnerte zu. Irgendwas anderes knisterte und schepperte und Matthew schüttelte den Kopf oder blieb still, denn von ihm wurde keine Antwort erwartet. Alfred preschte davon, nie an einer Konversation interessiert. Nie von Reue gekennzeichnet. Es war ihm scheißegal, was geschehen war. Für ihn waren es nur Worte gewesen. Worte an jemanden, den er nicht würdigte.
Das Müsli landete im Abfluss, gut durchgehäckselt, damit alle Haferflocken, Nüsse, Reiscrisps, Rosinen und Schokostücke einen feinen Brei ergaben, der nicht die Rohre verstopfte.
Matthew vermisste das Frühstück nicht. Weder geschmacklich, noch energietechnisch. Sein innerer Autopilot ließ ihn auch mit leerem Magen unfallfrei zur Schule fahren – doch dort nahm sein Unbehagen eine neue Form an, denn beim Anblick seiner Freunde und Klassenkameraden mutierte er zu seiner Kopie seines sonstigen Ichs.
Diesem Ich mangelte es absurderweise nicht an Überzeugungskraft. Es konnte lachen und lächeln und auf Unterhaltungen angemessen reagieren. Allerdings fehlte es ihm an Einfühlungsvermögen. Matthew konnte keine Empathie für seine Gesprächspartner aufbringen. Jedes Wort, das er verlor, erschien ihm hohl. Leer. Abgespult. Und dafür schämte er sich. Abgrundtief sogar. Es war, als würde er seine eigenen Freunde mutwillig belügen.
Hinzu kam, dass keiner von ihnen ahnte, wie hässlich sich das Familienleben bei den Jones' daheim zurzeit gestaltete. Matthew wollte zwar darüber reden, irgendwie, aber gleichzeitig wollte er es auch nicht, da es ihm zu verworren erschien. Wo sollte er anfangen und wo aufhören? Keiner seiner Freunde würde Verständnis dafür haben, dass Matthew sich plötzlich unvollständig fühlte ohne Alfred. Jeder würde ihm sagen „Vergiss den Idioten doch einfach!". Aber so funktionierte das nicht.
Gar nichts funktionierte, wenn man sich seelenlos und entzwei gerissen fühlte...
In seiner Verzweiflung war Matthew im Laufe der vergangenen Woche drei Mal in die Bibliothek gegangen während der Mittagspause. Stets unter dem Vorwand, noch etwas für ein Referat oder eine Hausaufgabe recherchieren zu wollen. Seine Freunde mochten bislang noch nichts von seiner depressiven Verstimmung bemerkt haben, aber Matthew befürchtete, dies könne sich jede Sekunde ändern. Beispielsweise beim Mittagessen, das er genauso verschmähte wie das Frühstück.
Die beiden Male, als er diese Woche gemeinsam mit seinen Freunden in die Cafeteria gegangen war, hatte er sein Essen kaum angerührt. Ein Mal ließ sich immer behaupten, es schmecke einem nicht. Beim zweiten Mal hatte er eh nur ein Sandwich gekauft und erzählt, nach der Schule mit seiner Mom verabredet zu sein und mit dieser noch etwas essen zu gehen. Niemand hatte das seltsam gefunden. Nur Matthews Hände hatten geschwitzt wie verrückt, ganze drei Minuten lang. Dann war es vorüber gewesen und sein Erinnerungsvermögen schmiegte sich wie ein böser Geist an ihn, Alfreds Worte schaurig schön in sein Ohr flüsternd:
Dich vergisst und übersieht doch eh jede Sau!
Anscheinend war es tatsächlich so...
Niemand sah ihn und niemand registrierte, dass es ihm schlecht ging. Warum auch? Wer war er denn schon?
Er war einer der Jones-Zwillinge. Er war Alfreds Bruder. Aber was, wenn Alfred sich mitunter nur deshalb so aufführte, weil er eben nicht so sein wollte wie Matthew? Weil er nicht unsichtbar werden wollte? Weil er nicht im Abseits verkümmern und verblassen wollte?
Konnte das sein? War Matthew für Alfreds Launen verantwortlich?
Matthew gelang es nicht, darüber ein objektives Urteil zu fällen. Die Gedanken hingen in seinem Hirngewebe wie überschüssige Eiweißablagerungen, die nicht entfernt werden konnten. Sie waren da. Unabhängig davon, was er tat oder nicht tat. Er konnte nicht anders reden, nicht lauter oder leiser werden. Er war nicht imstande, sich zu verändern. Er war nicht mal imstande, dies zu bedauern.
Letzten Endes war er sogar seelenlos für alle anderen Menschen noch immer er selbst – und das war gar nichts.
Die Erkenntnis schlug ihn nieder und hinterließ ihn ausgelaugt. Er war müde, ohne Schlaf zu wollen. Er wollte nur im Bett liegen, auf eine Seite gerollt, die Augen geschlossen und sich an der Illusion von brüderlicher Gesellschaft labend...
Vor zwei Tagen war Matthew eine der Speicherkarten von seiner Kamera durchgegangen und hatte sich die ganzen Fotos angesehen, die er an seinem Geburtstag und in den Tagen unmittelbar danach geschossen hatte. Die Eindrücke waren überwältigend und mästeten seine Melancholie, kramten jede geteilte Berührung und jeden Funken Wohlgesonnenheit wieder hervor. Allerdings war nichts von all dem stark genug, um Alfreds Worte zu relativieren. Keine Erinnerung vermochte es, Matthews Herz wieder mit Blut zu füllen.
Er fühlte sich alleine.
Er fühlte sich so alleine – und daran war er selbst schuld, denn er war, wie er war: unsichtbar und belanglos.
„Gleich sind's viertel nach! Wo bleibt denn dein Bruder schon wieder?"
„Eh...?" Verstört unterbrach Matthew die Vierteilung eines Hackfleischbällchens. Sein Hals war merkwürdig dörr und es war ihm unangenehm, seinem Vater in die Augen zu sehen.
„..keine Ahnung."
„Hat er denn nichts gesagt?"
„Nein."
„Sicher? Sagt er dir nicht sonst auch immer alles?"
Wenn Matthew sich nicht so blutleer fühlen würde, wäre er jetzt wohl geschmeichelt errötet. Stattdessen lächelte er seelenwund, den Kopf zaghaft schüttelnd und sich schuldig fühlend. Er bot keinen Anlass, um etwas gesagt zu bekommen. Dass sein Vater die Dinge so unverblümt zur Sprache brachte, musste an der Verschweißtheit im Sommer liegen. Matthew war es ja nie entgangen, das man ihnen zuweilen verwunderte Blicke zugeworfen hatte. Er und Alfred, sie waren als Pärchen aufgetreten. Anders als in Vorschultagen. Sie hatten eine Einheit gebildet, bestehend aus zwei elitären Mitgliedern, die sich nicht wie Kleinkinder durch den Garten jagten oder Regenwürmer ausbuddelten, sondern die Seite an Seite alles geteilt hatten. Die geflüstert und umeinander rum scharwenzelt waren, die stundenlang harmonisch im Zimmer nebeneinander auf dem Bett hatten liegen und lesen oder fern schauen können, während sie kuschelten. Sie hatten eine verdächtig lange Zeit rein gar nichts ohne den jeweils anderen unternommen und sämtliche Außenstehende mussten darin den perfekten Einklang zweier menschlicher Wesen gesehen haben. So viel Liebe, so viel Zuwendung, so viel Verständnis.
So viel versteckter Kummer.
Einmal waren sie vor dem Fernseher im Wohnzimmer eingeschlafen, auf der Couch liegend, eng aneinander geschmiegt, und Matthew hatte es gehört, als ihre Eltern heim gekommen waren. Aber er hatte nicht aufstehen wollen und sich nicht gerührt. Er war fix und alle davon gewesen, Alfred den liebenlangen Tag zu beaufsichtigen und ihn zu irgendeiner Aktivität zu animieren.
Unter der linken Hand hatte er Alfreds Schulterblatt durch den Stoff des dünnen Hoodies ertastet, während sich ihre Oberkörper im Takt der Atemzüge berührten. In Matthews Mund war noch der süß-saure Geschmack von Colaschnüren präsent gewesen, die sie vorhin beim Fernsehen genascht hatten, während ein scheuer Rest des Dufts von Alfreds Duschgel in seiner Nase kitzelte. Ihr Vater hatte eine Decke geholt und sie über ihnen ausgebreitet, woraufhin ihre Mutter etwas von „unsere zwei Süßen" wisperte. Die Stimme anerkennend und glücklich; dann hatte sie das Licht gelöscht und die beiden waren die Treppe hinauf verschwunden. Die Geräusche von liebenden Lippen hinter sich herziehend. Matthew hatte da gelegen und pflichtbewusst mit den Fingern über Alfreds Rücken gestreichelt.
Aber all das war nicht mehr – und Matthew wusste nicht, wie er je beichten sollte, dass es an ihm lag. Dass er seinem eigenen Bruder keinen Grund bot, zu bleiben. Dass Alfred Matthews fahlen Charakter verabscheute...
„Alles in Ordnung, Liebling?"
Matthew wollte im Boden versinken, da er nun auch noch in den Fokus seiner Mutter geriet. Seine Eltern sollten weggucken! Wenn er so unauffällig war, wieso starrten sie ihn dann plötzlich an? Hatte er Salat zwischen den Vorderzähnen? Oder klebte ihm ein Käserest im Mundwinkel? Oder-
Die Tür zwischen Küche und Garage schwang auf.
„Oh! Wie schön, dass du's auch noch einrichten konntest!" Ihr Vater, innerlich kochend und sein Weinglas schroff auf den Tisch donnernd.
„Ist es zu viel verlangt, zumindest ein oder zwei Mal die Woche pünktlich mit uns zu Abend zu essen!? Sieben Uhr! Ich hab's dir heute Mittag extra noch gesagt! Kannst du nicht wenigstens anrufen, wenn's später wird?!" Ihre Mutter, keinen Hehl aus ihrem Missmut machend.
„Es ist viertel nach sieben! Sorry, dass ihr keine Viertelstunde ohne mich überleben könnt! Außerdem gibt's doch eh nur so 'nen dämlichen Auflauf, den Mom mal wieder nach so 'ner Zeitschrift für irgendwelche Hausmütterchen gemacht hat!"
„Alfred, deine Mutter hat sich viel Mühe mit dem Essen gegeben und sie hat dir ausdrücklich gesagt, dass wir heute um sieben essen! Also setz dich jetzt hin und wehe, ich hör auch nur noch ein einziges freches Wort aus deinem Mund! Dann kannst du ohne Essen ins Bett gehen!"
„Was?! Aber-!"
„Kein aber! Setz dich!"
Die schwelende Wut hatte binnen weniger Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt. Die Luft erzählte von Nerven, die so empfindlich waren wie Nitroglycerin. Matthew für seinen Teil war fast ein bisschen dankbar, ob Alfreds Auftauchen aus dem elterlichen Fokus gerückt zu sein. In der Servierte auf seinem Schoß spürte er das Gewicht zweier Hackfleischbällchen und drei voller Gabeln Reis. Er konnte in Anwesenheit der Lautstärke, der Gereiztheit und der Feindseligkeit nicht essen. Also hatte er getan, was er sich in der letzten Woche angewöhnt hatte, wenn um ihn herum die Fetzen flogen: er schichtete das Essen um. In die Servierte, die er hinterher – weil er sich im Gegensatz zu anderen Leuten nicht zu fein war, um seine Sachen selbst wegzuräumen! – in den Mülleimer unter der Spüle schmiss, bevor er sein Geschirr ordentlich in der Maschine verstaute.
Alfred hatte wirklich Recht damit gehabt, dass alle Matthew übersahen.
Keiner merkte, dass er ewig vor seinem Teller hockte. Aber was machte das schon? Der Hunger würde bestimmt bald zu ihm zurückkehren. Morgen oder übermorgen oder sonst wann... Bis dahin durfte nur das Essen nicht stehen bleiben, denn den Teller aufmüpfig voll zu lassen, war etwas Rebellisches. Etwas Lautes. Das konnten sie nicht auch noch gebrauchen. Es gab nun wirklich genug Krach im Haus...
Der Stuhl zu Matthews rechten polterte und Geschirr knatschte, als Alfred sich den Teller mit Hackfleischbällchen voll schaufelte und innerlich so dreckig fluchte, dass Matthew es förmlich hören konnte. Unterm Tisch wippten Füße, überm Tisch brannte die Luft in den Augen, als sei sie mit Tränengas durchsetzt. Jeder hatte seine Geduld längst verloren. Matthew konnte nicht behaupten, dass seine Eltern für gewöhnlich so harsch reagierten. Früher war das nicht so gewesen. Da wurde diskutiert. Aber Diskutieren und Alfred schlossen sich mittlerweile gegenseitig aus. Deswegen gab es nur noch Lautstärke und Sanktionen. Jeden Tag aufs Neue schaukelte sich irgendwas hoch und irgendjemand schrie und jemand anders mischte sich ein.
Wieso machte Alfred alles kaputt? Warum musste er so schwierig sein?
Warum hatte er Matthew sagen müssen, wie er war? Hätte er es nicht für sich behalten können? Bestimmt hätte Matthew es irgendwann von selber gemerkt oder jemand anderem wäre es rausgerutscht. Alfred hätte sich doch einfach distanzieren können, ohne Matthew so weh zu tun...
Matthews Augenlider fielen zu. Dachte er. In Wahrheit war es wieder die erschöpfende Schwärze. Der feine Nebel, den er recht gerne mochte, weil dahinter alles so wunderbar weit entfernt wirkte und die Tagträume ihn behütend in die Arme schlossen.
„Habt ihr zwei Streit?"
Nein! Die Frage riss den Vorhang barsch beiseite. Matthews Aufmerksamkeit sprang panisch über die Tischplatte, derweil ihm blankes Entsetzen die Kehle zudrückte. Seine Mutter sah ihn sowohl kritisch als auch empathisch an. So als würde sie ihm die Hand tätscheln, während sie abwägend näher rutsche, um die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie witterte, dass hier etwas nicht stimmte.
Matthew wurde gleißend schlecht und kreidebleich.
Sein Bruder hingegen kaute wirsch auf Käsekruste und Hackfleisch herum.
„Was? Wer?", frug er dabei ignorant, mit Mutters ihr nichts anfangen könnend.
Das war schrecklich. Wie oft wollte Alfred noch zustechen, um Matthew tot zu wissen?
„..haben sie", analysierte ihr Vater die unangenehme Situation unterdessen zu Ende. Das Gesicht durchweg forsch, kaum bis gar nicht überrascht. So als sei es nur natürlich, dass Laut und Leise nicht mehr miteinander vereinbar waren.
Alfred schien immer noch nicht zu verstehen – und das war für Matthew definitiv das Allerschlimmste. Diese völlige Naivität, die nichts Absichtliches an sich hatte. Alfred stellte sich nicht dumm. Ihm war tatsächlich schleierhaft, was er verbrochen hatte – oder worauf er Matthew aufmerksam gemacht hatte. Je nach dem, wie man es eben sehen wollte.
Schulterzuckend stopfte sich Alfred das nächste Hackfleischbällchen in den Mund, wobei er die Hand hob und schnipsend auf die Cola zu Matthews linken deutete. „Matt, Coke!", lautete das dazugehörige Kommando aus vollem Mund.
Der ältere der Zwillinge blinzelte, von dem kaltschnäuzigen Befehlston wie geohrfeigt. Unmittelbar vor seiner Nase schwebte Alfreds Hand in der Luft wie ein Angelköder.
„Nicht in diesem Ton, junger Mann! Außerdem heißt das immer noch bitte", preschte eine eisige Welle Zurechtweisung von Mutters Tischseite aus herüber.
Matthew rührte sich nach wie vor nicht. Stattdessen verfolgte er, wie sich die Kaubewegungen seines Bruders aufgrund der Worte verlangsamten und sein Blick geradewegs über die Tischplatte flog wie ein präparierter Pfeil. Daran, seine Hand aus Matthews Sichtfeld zu nehmen, dachte er ja gar nicht. Stattdessen schnipste er abermals mit den Fingern.
Was passierte hier bloß? Atemlos ließ Matthew seine Gabel los und legte sie neben seinen Teller. Das hier, das war doch kein Familienessen! Das war ein Schlachtfeld! Alfred kam und zettelte aus heiterem Himmel einen Krieg nach dem nächsten an, Tag für Tag für Tag! Es wurde gefeuert und geschossen und es gab Verletzte, aber keine Gewinner. Es gab nicht mal einen triftigen Grund für all die Gefechte! Alfreds Ton versklavte sie alle und schien auch keinen Wert auf Friedenangebote zu legen. In ihm residierte lediglich pure Zerstörungslust.
Noch immer von Übelkeit geplagt, musste Matthew schwer schlucken. Sein Blick driftete dabei zu den Augen ihrer Mom hinüber: sie waren erbost und hart, aber hinter ihrem Groll, tief im Blau ihrer Iris, brütete noch etwas ganz anderes: Enttäuschung.
Kontrollierend wechselte Matthews Blick zu den Augen ihres Dads: und auch dort fand er, hinter maßlos tobendem Ärger, noch etwas anderes: Resignation.
Ihre Mutter war enttäuscht von dem Sohn, den sie selbst groß gezogen hatte, und ihr Vater war drauf und dran, diesen Sohn aufzugeben...
Matthew besaß nicht die Fähigkeit, in seinen eigenen Augen zu lesen, doch fest stand:
Sie alle, sie saßen hier und keiner konnte mehr mit Alfred umgehen.
Dass sie keine Familie mehr waren, sondern nur noch ein Trümmerhaufen, war nicht Matthews Verdienst. Er mochte ruhig, unauffällig und seelenlos sein, aber er war kein Zerstörer. Er hatte dieses Verbrechen hier nicht begangen und er ließ es sich auch nicht in die Schuhe schieben!
„Hör auf damit, Alfred." Die Worte waren zwar leise, dafür aber enorm präzise artikuliert und erst als Matthew sie ausgesprochen hatte, brachte er es erst fertig, seinen Bruder durchdringend anzugucken.
Dieser zog eine garstige Grimasse; seine Nasenflügel vibrierten dabei wie bei einem wilden Tier, das einem jede Sekunde ins Gesicht springen konnte.
„Womit?! Ich hab gesagt, du sollst mir die scheiß Cola-!"
„Nein!" Es knallte, als Matthew ruckartig aufsprang und mit den Knien gegen die Tischplatte stieß. Flaschen, Gläser, Messer, Gabeln, Löffel, Teller und die Blumenvase bemühten sich klirrend, ihr Gleichgewicht zu halten. „Nein, du kriegst die scheiß Cola nicht! Und nein! Du kannst nich' so mit uns reden! Wir sind nicht deine Lakaien! Wir sind deine Familie, verdammt! Mom und Dad und ich! Check's du's überhaupt noch!? Wir haben's nicht nötig, uns von dir terrorisieren zu lassen! Wenn du nich' mehr mein Bruder sein willst, okay, dann halt nicht! Hast du ja deutlich gemacht! Ich werd' dein ‚Fällt doch eh nich' auf, ob du da bist oder nicht!' sicher nie vergessen! Fuck you very much! Ich hoff nur, dass du auch noch daran denkst, wenn du dich das nächste Mal bei jemandem ausheulen musst und keiner da is', der dir Arschloch noch helfen will! Denn bei mir brauchst du dann nicht angekrochen kommen! Klar?!"
„Hast du sie noch alle?! Ich heul mich nich' aus! Das hab ich nie-!"
„Du hast zu deinem Bruder gesagt, es fällt nicht auf, ob er da ist oder nicht?!"
„Du entschuldigst dich sofort bei Matthew!"
„Und du schreist hier auch nicht rum, Matt! Wir sitzen immer noch beim Abendessen und hier wird auch keinem der Mittelfinger gezeigt und-!"
„Entschuldige dich, Alfred! Und zwar ein bisschen plötzlich!"
„Ihr könnt mich alle mal!"
„Sofort! Du hast deine Mutter gehört!"
Matthew klingelten die Ohren. Ihm war heiß und kalt und er wusste nicht, wer hier über Reis und Hackfleischbällchen hinweg wen anschrie oder was verlangte. Er wusste nur, dass er irgendwann im Verlauf der letzten Sätze seine Servierte unappetitlich auf seinen Teller gepfeffert und Alfred den Mittelfinger gezeigt hatte. Die Geste hatte er prompt zurück bekommen, woraufhin Matthew die Hand zur Faust geballt und sie auf die Tischplatte geschlagen hatte. Bei der Aktion war der Löffel aus der Auflaufform gescheppert und hatte rote Tomatensoße verspritzt. Der Wein in den bauchigen Gläsern schwappte bedrohlich, so als befände er sich bei Windstärke zehn auf hoher See. Ihre Mutter sah aus wie die leibhaftige Medusa und ihr Vater wie der tobende Stier, vor dem Matthew einst Angst gehabt hatte, aber vor dem er sich gerade kein bisschen fürchtete. Alfred, so rachsüchtig er einen auch von seinem Platz aus anfunkelte, war von ihnen allen noch der Ruhigste. Er war übermannt, aber deswegen nicht weniger tollwütig als sonst und wetterte demnach auch sofort wieder los.
„Wieso sollt' ich mich bei dem Wichser entschuldigen?! Ich hab nur die gottverdammte Wahrheit gesa-!"
„Es reicht jetzt!" Die Hand ihres Vaters schnellte hervor und ergriff wie eine Würgeschlange Besitz von Alfreds Oberarm, um ihn züchtigend durchzurütteln. Mit Wucht und ohne Rücksicht, wie Matthew zu Ohren kam, als sein Bruder wie ein getretener Hund aufjaulte. Keifen jagte von allen Seiten über den Tisch und Matthew merkte, wie ihm Luft in die Lungen strömte, wie er durchatmen konnte und wie sich der tonnenschwere Felsbrocken in seinem Magen zu zersetzen begann, als habe er eine ätzende Brausetablette geschluckt, die das massive Gestein auflöste.
Aber alle schrieen, nach wie vor:
Entschuldige dich! Ich hab nix gemacht! Wird's bald! Warum?! Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst..! Matthew ist dein Bruder! Du entschuldigst dich jetzt und auf der Stelle! Ich hasse euch! Entschuldige dich, Alfred! SOFORT!
Apathisch trat Matthew von dem Bermudadreieck aus Hass zurück, die Adern bis zum Bersten mit Adrenalin gefüllt, das seine zu Fäusten geballten Hände zittern ließ. Ihr Vater investierte so viel Kraft, dass Matthew befürchtete, gleich einen Knochen brechen zu hören. Und ihre Mutter...! Ihm fehlte jedwede Beschreibung dafür. Was sie ausstrahlte, war so unermesslich viel Abscheu. Abscheu für das, was Alfred gesagt hatte.
Sie tolerierte es nicht.
Irgendwas platzte in Matthews Kopf und Verständnis überflutete sein Hirn: Ihre Mutter tolerierte es absolut nicht, dass ihr eines Kind das andere für tot erklärte. Niemals. Nie. Und unter gar keinen Umständen.
Er würde fehlen. Er war unersetzbar.
Aus dem Gemenge am Tisch drang ein gurgelndes „..is' ja gut, is' ja gut! Es tut mir leid und jetzt lass mich endlich los!", zu dem Matthew nichts einfiel. Nichts außer ein verbittertes Kopfschütteln, denn keiner brauchte daher kommen und irgendeine Entschuldigung aus seinem Zwillingsbruder hinaus zwingen. Diese Worte hatten keinen Wert. Alfreds Augen wirkten nur wehleidig, weil er gerade Schmerzen erlitt, ansonsten war da aber keinerlei Schuldbewusstsein in ihm. Er war genauso egoistisch wie eh und je.
Es hatte keinen Sinn.
Alfred hatte kein Gewissen mehr und Matthew hatte keinen Bruder mehr. Dies zur Kenntnis nehmend, wandte sich Matthew ab und ignorierte den sich fortsetzenden Streit, bei dem seine Mutter mit wüsten Worten auf Alfred eindrosch und sein Vater die Standpauke lautstark wiederholte.
Eilig entfernte er sich aus der Küche und hastete die Stufen hinauf. Jemand brüllte ihm hinterher, er solle wiederkommen, aber er dachte ja gar nicht daran. Überhaupt schien da kein konkreter Gedanke mehr in ihm zu sein, als er seine Zimmertüre hinter sich zuschlug und sich dann auf seinen Sessel fallen ließ. Zwischen den Fingern das weiße Fell seines Stoffeisbären, der vorab den Platz in Anspruch genommen hatte.
Was passierte nur in diesem Haus?
Matthew fand keine Antwort, als er das eine Bein wie bei einem Schneidersitz anzog und das andere von sich streckte, sodass er den Oberkörper gegen die Rückenlehne fallen lassen konnte und Kumajiro an sich drückte.
Wann war er so wütend geworden?
Wann war überhaupt jeder so bestialisch wütend geworden? Es hätte nicht viel gefehlt und ihrem Vater wäre die Hand ausgerutscht. Das sollte Matthew vielleicht Angst machen. Vielleicht. Aber das tat es nicht. Nicht im geringsten. Denn Alfred hätte es verdient. Er hätte es verdient, endlich mal so dermaßen eins auf die Fresse zu kriegen, bis er seinen vorlauten Mund hielt!
Die Augen fest schließend, inhalierte Matthew tief. Was dachte er hier eigentlich? Verdient? Allen Ernstes?
Allen Ernstes...
Schlagen war kein pädagogisches Konzept und das würde es auch nie sein in diesem Haus. Aber Alfred beschwor Dämonen herauf, die sich gar nicht mehr bändigen ließen. Matthew hatte das Gefühl, innerlich lichterloh zu brennen. In seinem Bauch tanzten die paar Gabeln Reis wie Hexen bei der Walpurgisnacht ums Feuer. Er schwitzte und sein Puls raste wie bei einem Überholmanöver auf der Autobahn.
Ihre Mom... Ihr Gesicht... Ihr Forderung an Alfred, sich für das Gesagte umgehend zu entschuldigen...
Matthew war diesbezüglich sprachlos. So was hatte er nicht erwartet. Üblicherweise mischten sich ihre Eltern nicht in die Angelegenheiten ihrer Zwillinge ein, sondern vertraten die Ansicht, jeder der beiden könne alleine seinen Mann stehen und sie würden sich schon wieder zusammenraufen. Aber gerade eben? Da hatte ihre Mom sofort für ihn Partei ergriffen, obwohl Matthew nicht mal Alfreds ganze Scheußlichkeit zitiert hatte. Doch sie hatte den Schweregrad darin erkannt. Sie hatte gesehen, dass das nichts war, was sich mit ein bisschen Zank wieder ins Lot bringen lassen würde...
Berührt harrte Matthew aus, auf sein viel zu heftig pochendes Herz lauschend. Ein Stockwerk tiefer war das Krakeelen so weit in der Lautstärke herab gesunken, dass es nicht mehr zu hören war. Irgendwann trampelte jemand die Treppe hoch und weiter über den Flur, dann knallte eine Tür. Davon abgesehen, blieb es verhältnismäßig ruhig. Lediglich Regen meldete sich zu Wort und trommelte eifrig gegen die Fenster. Über die hellen Öhrchen von Kumajiro hinweg, starrte Matthew stumm in Richtung eines Fensters und realisierte, im Dunkeln zu sitzen. Die Bücher in seinem Regal bildeten eine Front schwarzer Blöcke, die die Seiten fletschten. Sein Handy, das auf dem Nachttisch lag, verlangte blinkend nach Strom. Der frühe Herbstabend wälzte eine schieferfarbene Finsternis ins Zimmer, in dem er vorhin kein Licht eingeschaltet hatte. Irgendwie vergessen...
Kumajiro roch nach Waschmittel und Matthew kam sich mit einem Male furchtbar erschöpft vor. Er hatte keine Energie mehr, um noch irgendwas zu tun oder sich aufs Neue seiner Familie zu stellen. Als er ein waghalsiges Klopfen vernahm, würdigte Matthew es mit wohl gewählter Missachtung. Es wiederholte sich nicht. Stattdessen wurde die Tür etwa eine halbe Minute später einen Spalt breit geöffnet und Flurlicht kletterte in Form eines scharfen Strahls über den Boden, bis es auf das Bücherregal traf und die Wand erklomm.
„Hey...", mogelte sich die sanfte Stimme seiner Mutter durch den Türspalt. „Darf ich reinkommen?"
Sein Nicken war sichtbar, also sparte sich Matthew alles weitere und sah lieber wieder aus dem Fenster. Ihm war kein bisschen nach Reden zumute, aber seine Mom hatte ihm eben beigestanden, also konnte er sie wohl schlecht abweisen...
Auf ihrem Weg durch den Raum knipste sie die Schreibtischlampe an, ehe sie sich am Fußende des Bettes niederließ, genau gegenüber des Sessels. Ihre eine Gesichtshälfte war vom Kunstlicht hart schattiert, die andere vom schlammigen Licht des Abends überzogen. Etwas ließ sie alt aussehen. Matthew erschreckte sich, als ihm diese Feststellung so recht bewusst wurde. Ihn hatten weder Falten noch graue Haare zu dem Ergebnis kommen lassen, denn beides suchte man bei seiner Mutter vergebens, aber sie wirkte ausgebrannt.
„Liebling", suchte sie einen Gesprächsauftakt, bei dem sie sich ein Stückchen vorbeugte, „wann hat dein Bruder das zu dir gesagt?"
„Letzte Woche." Sie mussten nicht darüber reden. Das war eine Sache zwischen ihm und Alfred und er brauchte eigentlich keinen Beistand... Matthew sandte genau diese Botschaft aus, als er hörbar ausatmete und seine Brille kurz zurecht rückte.
„Warum hast du nicht mit uns darüber gesprochen?"
Weil es so vieles gab, was einzig und allein zwischen ihm und Alfred existierte. Er und sein Bruder, sie waren ein Item in einem ganz persönlichen Kosmos. Etwas, das nun einmal zusammen gehörte und es tat Matthew unbeschreiblich weh, dass sie zersprungen waren. Dass irgendwas geschehen war, was sie zu trennen vermocht hatte.
Er wollte sich gar nicht mit, über oder durch Alfred definieren, aber die Wahrheit war: Matthew tat es. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wie sollte er das jemals abstellen? Das konnte doch niemand von ihm verlangen! Alfred war das Baby gewesen, das mit Matthew zusammen geboren worden war, nachdem sie gemeinsam im Mutterleib groß genug für die Welt geworden waren. Ihr Leben rankte umeinander und Matthew konnte zumindest jetzt einigermaßen deutlich sehen, dass es nicht sein Fehler war, der Alfred dazu veranlasst hatte, ihre innige Verbindung zu kappen. Nichtsdestotrotz erschloss sich Matthew der Anlass für Alfreds Entschluss nicht. Aber von allen Menschen auf der Welt müsste Matthew doch derjenige sein, der genau das am besten wusste. Nicht wahr?
Er hatte mit diesem Jungen im gleichen Fruchtwasser gelegen und er hatte sich mit ihm im Pfadfinderlager kalte Spaghetti mit Ketchup aus einer Metallschale geteilt. Er wusste, wie Alfreds Lippen schmeckten und wie seine Tränen rochen. Aber er konnte einfach keine Erklärung für Alfreds Entscheidungen und Verhalten finden. Er konnte mit diesem Menschen, der sein Zwillingsbruder war, nichts mehr anfangen. Er war ein Fremder.
„...Mom, das..das macht doch keinen Unterschied", brachte Matthew nach kurzem Abwägen schließlich bedrückt heraus. Denn ob man heute oder letzte Woche eine Entschuldigung aus Alfred heraus gepresst hätte, war für Matthew vollkommen irrelevant. Alfred war nicht mehr Alfred. Daran konnte nichts und niemand etwas ändern.
„Doch, das macht es. Dad und ich möchten so was wissen."
Wieso? Matthew kniff die Lippen zusammen; eine definitive Ablehnung. Er wollte niemanden in dem Kosmos haben, der sich zwischen Alfred und ihm auftat. Seine Mom war seine Mom, und sein Dad war sein Dad. Alfred war ihr Sohn, nicht ihr Zwilling. Die beiden hatten demnach ein grundlegend anderes Verhältnis zu Alfred. Das konnte man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Matthew wünschte nur, ihm würde es nicht so schwer fallen, sich von Alfred zu lösen. Wäre der Sommer nicht gewesen, dann würde es jetzt garantiert nicht so wehtun. Aber der Sommer war nun mal passiert und ihn noch mal aufzuwärmen, half keinem. Matthew am allerwenigsten, wie er meinte. Stattdessen musste er dringend versuchen, die Tagträume loszuwerden. Wenn er das schaffte, würde er sich ein bisschen besser fühlen. Nicht heil, aber zumindest wieder wie grob zusammen geklebt.
Seine Mutter schlug erwartungsvoll ein Bein über das andere und studierte ihn mit der Absicht, etwas von ihm zu erfahren, was er nicht preis geben wollte. Sie konnte das gut, ihn so angucken. Und er war irgendwie gut darin geworden, sie nicht mehr in das letzte Hinterzimmerchen seiner Gedanken eintreten zu lassen.
Wann hatte er diese Fähigkeit entwickelt?
Unter dem Einfluss von Alfreds Geheimnissen? Hatten sie sich in brüderlicher Manier gegenseitig dazu erzogen? Oder hatte Matthew es sich bloß abgeguckt? War Alfred nicht eigentlich viel besser darin, als stets jeder angenommen hatte? Denn Alfred hatte im Frühsommer fortwährend behauptet, es ginge ihm gut; und das bis zuletzt. Bis er mit Matthew alleine war.
Es ging ihm gut – und über diese Barriere hinweg hatte keiner so wirklich blicken können. Wie hatte er das geschafft und warum hatte er es für so bitter nötig gehalten?
Schlimmer noch: wieso schlug Matthew genau denselben Weg ein und kerkerte die Wahrheit ebenfalls ein?
Ein Seufzen lotste Matthews Augenmerk zurück zu seiner Mom, die die Hände auf dem Knie übereinander legte und zweifelsohne anerkannte, dass da ein beharrliches Schweigen um die Konflikte ihrer Söhne kreiste und die beiden auch alles daran setzten, dass es genau so blieb. Matthew begriff, dass sie es längst gewohnt war, auf Granit zu beißen und abgeblockt zu werden. Nicht von ihm – sondern von Alfred!
„Na schön", legte sie das Thema ratlos beiseite, um das nächste aufzugreifen. „Warum find ich dein halbes Abendessen in deiner Servierte?"
Ach das... Matthew zog den Kopf zwischen die Schultern. Wenn er eins nicht gewollt hatte, dann die Kochkünste seiner Mutter mit Füßen zu treten. Hadernd löste er eine Hand aus dem weichen Bärenfell und fuhr sich damit durchs Haar, die Strähnen vom Pony her nach hinten durchkämmend.
„Sorry, Mom. Du-du kochst großartig. Ehrlich! Es ist nur so, ich..." Hilflos zuckte Matthew mit den Achseln.
„Du kriegst nichts runter?"
„Ich hab einfach kein' Hunger."
„Vermutlich seit einer Woche?"
Sein reumütiger Biss auf die Unterlippe bestätigte ihren Verdacht. Sie nickte wohlbedacht, aber mit all dem absolut nicht zufrieden. Das konnte er ihren straff gezogenen Gesichtszügen ablesen.
„Ich versteh das ja. Ich krieg auch nichts runter, wenn ich furchtbar wütend bin", machte sie klar, bevor ihr Ton deutlich schärfer wurde. „Aber Liebling, eine Woche? Das geht so nicht. Das geht so überhaupt nicht."
„Ich mach's doch nich' absichtlich...!" Konnten sie bitte damit aufhören, sich übers Essen und Nichtessen zu unterhalten? Das war nicht Matthews Problem! Sein verfluchtes Problem saß im Zimmer gegenüber und sollte gar nicht so viel Einfluss auf sein Leben haben, dass es überhaupt zu so einem gewaltigen Problem werden konnte!
„Ich weiß. Trotzdem machst du's. Du bist die Woche über absichtlich spät aufgestanden, damit ich nicht sehe, dass du nicht frühstückst. So war das doch, nicht wahr?"
Woran lag es, dass sie ihn plötzlich so genau durchschaute? Dass sie ihn und so was Triviales wie ein ausgelassenes Frühstück bemerkte, obwohl das Ganze doch gar nicht von Belang war! Außerdem ging es ihm, was diesen Klumpen im Magen betraf, deutlich besser seit vorhin. Er hätte Alfred viel früher anschreien sollen. Es bekam Matthew einfach nicht, all diese komplizierten Sorgen und Gefühle allein zu wälzen und auf Alfreds Geheißen hin artig zu schweigen. So funktionierte weder er noch sein Leben. Er hätte im Sommer nie das Versprechen ablegen dürfen. Irgendwas war dadurch gewaltig aus den Fugen geraten...
„Dass Dinge einem auf den Magen schlagen, kann passieren. Und auch Streit ist was ganz Normales zwischen Menschen. Aber es gibt Grenzen, Liebling. Und wenn irgendwas, das dein Bruder sagt oder tut, dafür sorgt, dass du kaum noch essen kannst, dann brauchst du das nicht alleine ausfechten. Dann sollten wir das zusammen machen. Außerdem war das eben in der Küche auch nicht gerade die feine englische Art von dir."
„Ja, ich weiß, aber ich war einfach so wütend auf Al!"
„Natürlich warst du das. Das Wutsüppchen hast du ja auch eine Woche lang gekocht." Immerhin implizierte ihre Stimmlage, dass Matthew vollkommen zurecht sauer geworden war. Trotzdem, und darüber unterrichtete ihn der unbändige Ausdruck in ihren Augen, war es alles andere als nobel, Alfred das f-Wort und den Mittelfinger zu servieren.
Den Kopf in den Nacken legend, unterjochte Matthew das drängende Bedürfnis, sich zu entschuldigen. Er hatte sich oft genug entschuldigt und er hatte es eben haargenau so gemeint, wie er es gesagt hatte. Alfred war nicht der einzige, der harte Worte in den Mund nehmen konnte und dieser Terror in ihrer Familie gehörte ein für alle mal beendet! Ob Matthew das geschafft hatte, war allerdings fragwürdig...
Zumindest was seinen wutaufgeblähten Magen betraf, hatte er sich jedoch Abhilfe verschafft.
„Ich wünschte, ich wüsste, was in deinen Bruder gefahren ist-"
„Er is' verrückt."
„Matthew", ihre Ermahnung war schwach. „Dad und ich haben gerade noch mal ein paar sehr ernste Worte mit ihm gewechselt. Was sein Verhalten generell betrifft, und auch dir gegenüber."
„Ich will seine Entschuldigung nicht." Nicht unter den gegebenen Umständen und selbst wenn Alfred seine Attitüde irgendwann wieder ändern sollte, so konnte Matthew nicht abschätzen, wie er darauf reagieren würde. Alles in ihm schaukelte hin und her: ja, er wollte Alfred zurück – nein, die Worte ließen sich nicht ungeschehen machen – ja, er wünschte, er könnte einfach so darüber stehen – nein, das war ein Ding der Unmöglichkeit.
Er war so schwer verletzt...
Seine Mutter nickte kaum merklich und sah geschätzte fünf Sekunden lang so aus, als würde sie zu weinen beginnen. Matthew stockte daraufhin der Atem, während seine Mutter ein bisschen näher an die Bettkante heran rutschte, um sich vorzubeugen und ihm eine Hand an die linke Gesichtshälfte zu legen. Die Geste war heilsam und verpasste dem Toxin in ihm einen gehörigen Dämpfer. Mit ihren feingliedrigen Finger streichelte sie ihrem Sohn die Wange, ehe sie dazu überging, ihm ein paar Haarsträhnen hinters Ohr zu schieben.
„Penny's Pfannkuchenhaus?" Der Vorschlag kam wohlwollend daher.
„Jetzt?" Sie hatten doch gerade erst gegessen.
Dennoch nickte seine Mutter erneut.
„Ja, jetzt. Nur wir beide."
Matthew zögerte, die Miene seiner Mutter in Augenschein nehmend und den Eindruck gewinnend, er könne genauso gut in einen Spiegel schauen. Sie waren beide emotional bis auf die Knochen abgemagert. Er war nicht als einziger erschöpft. Wäre er zehn Jahre jünger, sie würde ihn einfach auf den Arm heben und aus diesem streitverseuchten Haus tragen, von dem sie selbst etwas Abstand brauchte...
„Du hast die Wahl, mein Großer", die Hand ließ von seinen Haaren ab und fuhr ein letztes Mal über seine Wange. „Entweder wir beide fahren jetzt irgendwo was essen oder du kommst mit runter und isst da was. Damit enden deine Auswahlmöglichkeiten dann aber auch. Verstanden? Überleg's dir in den nächsten zehn Minuten. Ich geh schon mal runter."
Wie lädiert erhob sich seine Mutter und schenkte ihm ein tapferes Lächeln, das sich nicht mit ihrem strikten Tonfall deckte. Die Nachricht war eindeutig: sie würde ihm keine weiteren Alternativen zur Wahl stellen. Das brauchte sie aber auch gar nicht...
Matthew betrachtete den hauchdünnen Lichtstrahl, der unter seiner geschlossenen Türe hindurchdrang und ließ den Kopf nach vorne fallen, bis er auf Kumajiros Stirn traf. Seine Augen wagte er nicht zu schließen, da er, nun wieder mit sich alleine, die übermächtige Sehnsucht durch den Raum spuken spürte, die ihm einen Tagtraum sondergleichen in Aussicht stellte.
Er sollte gehen, bevor seine Herzenswünsche ihn wieder in Gewahrsam nahmen...
Auf dem Weg zur Tür stolperte Matthew fast über seine eigenen Füße.
