Da, wo alles begann

„Schluck gefälligst bevor du sprichst", fauchte Hermine einen ihrer besten Freunde an. „Das ist echt widerlich!"

„Du bischt d'ch nu neidich", brummelte Ron um sein Essen herum.

„Wieso zum Teufel sollte ich auf das neidisch sein? Ich hab ja immerhin Manieren!"

Harry verdrehte genervt die Augen. Sie waren nun schon fast zwei ganze Monate wieder in Hogwarts und alles was die beiden zustande brachten war ein Streit nach dem anderen. Hermine wollte so langsam anfangen, sich auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten, Ron fand das schwachsinnig und sagte das auch. Streit. Hermine wollte, dass sie die Hausaufgaben sofort anfingen und nicht erst im letzten Moment, Ron war dagegen. Streit. Ron stopfte sich den Mund voll, Hermine warf ihm fehlende Tischmanieren vor. Streit.

„Hört doch endlich mal auf, euch die ganze Zeit anzumeckern", Harry seufzte.

„Ach, jetzt bist du auch noch auf seiner Seite, ja? Pff, war ja klar", sie funkelte Harry finster an. „Du kannst ihm auch mal deine Meinung zu seinen Tischmanieren sagen!"

„Hermine, es ist mir total egal, wie Ron isst, solange er mich nicht mit seinem angekauten Essen vollspuckt. Und nein, ich bin nicht immer auf Rons Seite! Tut mir doch mal einen Gefallen und vertragt euch mal ausnahmsweise für zehn Minuten am Stück, ja? Ist das denn zu viel verlangt?"

„Ich bin ja nicht derjenige, der hier immer anfängt rumzumeckern", erwiderte Ron und schob sich eine Bratwurst in den Mund. „Sie schagt ja imma, wasch ia nisch gefälld.."

„Schlucken, Ron!"

Ron wollte gerade zurück fauchen, als Albus Dumbledore sich erhob.

Dumbledore war der Schulleiter von Hogwarts, der Schule für Magie und Zauberei. Er war ein alter Mann mit langem, weißen Haar und einen ebenso weißen Vollbart. Seine hellblauen Augen funkelten amüsiert in die Menge der Schüler, auf die er nun hinabblickte.

„Ich habe eine Ankündigung zu machen", sagte er in einer ruhigen Stimme und lächelte der nun ruhigen Schülerschar zu. „Wie Sie vielleicht alle wissen, hat sich der Termin des nächsten Hogsmead-Wochenendes verschoben."

„Verschoben?", fragte Ron verdattert, nachdem er eine Portion Kartoffeln heruntergeschluckt hatte. „Wie, verschoben?"

„Wenn du mal ab und zu auf's Schwarze Brett schauen und dich informieren würdest, Ronald, wäre dir dieses Wissen schon vor zwei Wochen zuteil geworden", schnaubte Hermine und wandte sich wieder dem Schulleiter zu, der gerade dabei war die Gründe für den Terminwechsel bekannt zu geben.

„Hat die ihre Tage oder wieso ist sie immer so zickig?", Ron wandte sich Harry zu und blickte ihn mit einem fragenden Blick an.

„Ich bin mir sicher, dass sowas nicht zwei Monate geht, Ron", antwortete Harry.

„Psst", fuhr Hermine sie an und deutete nach vorne.

„…und da ich es geschafft habe, Mr. Filch davon zu überzeugen, dass ein neuer Hogsmead-Termin besser wäre, als eine gemeinsame Putzaktion, habe ich mich mit dem Kollegium zusammengesetzt und beschlossen, anstelle des kommenden Wochenendes den Donnerstag zu nehmen. Denn wie ich vermute, wäre es mal etwas anderes, an einem besonderen Tag in das kleine Dörfchen zu gehen. Ich bin mir sicher, Madame Rosmerta wird ihren wunderschönen Pub ganz dem Thema des Tages widmen und das sollte man nicht verpassen", Dumbledore schmunzelte und blickte sich in der Großen Halle um. „Nun denn, ich möchte Sie nicht länger aufhalten, diese köstlichen Speisen zu vertilgen!"

Mit diesen Worten setzte er sich wieder an den Lehrertisch und schaufelte sich einen Berg Rührei auf seinen goldenen Teller.

„Halloween in Hogsmead?", fragte Hermine verdutzt. „Das könnte interessant werden. Doch trotz allem verwirrt es mich ein wenig, dass Dumbledore beschlossen hat mitten in der Woche den Ausflug anzusetzen. Findet der dann abends statt oder haben wir dann frei?"

„Ich hoffe auf das letztere", murmelte Ron einem grinsenden Harry zu, der ihm aufrichtig beipflichtete. Hermine hingegen war ganz und gar nicht begeistert.

„Ihr solltet eure Ausbildung ernster nehmen, Jungs! Ein ganzer Tag ohne Unterricht! Was uns da alles an Lernzeit verloren geht! Oh Merlin, ich muss schon mal den Stoff durchgehen! Ich darf nicht hinterher hinken!" Und mit diesen Worten eilte sie aus der Großen Halle, immer noch wild vor sich hin murmelnd. Ihr Teller war noch voll.

„Was die immer mit ihrem Lernen hat", Ron schüttelte verständnislos den Kopf. „Und das gute Essen! Sie scheint lieber verhungern zu wollen als sich mal etwas zu entspannen", und schon stand Hermines Teller vor ihm und wurde leer gegessen.

Doch Harry hörte ihm nicht zu. Er hatte schon seit längerem vorgehabt, mit Dumbledore zu sprechen. Halloween war der Todestag seiner Eltern. Es war noch nie ein Tag großer Freude für ihn gewesen, selbst, als er noch nicht wusste, was am 31. Oktober 1981 genau passierte. Er hatte es schon immer im Gefühl gehabt, dass er jemandem Unrecht tat, wenn er sich auf diesen Tag freute.

Er blickte zum Lehrertisch hoch und sah, wie sich Dumbledore gerade daran machte, die Große Halle durch eine Hintertür zu verlassen. Schnell seinen Entschluss fassend stand Harry auf und eilte Dumbledore hinterher.

„Oi! Harry, dein Essen", hörte er Ron empört aufschreien, doch er ignorierte ihn und eilte durch die Hintertür in einen Gang, in dem er zuvor noch nie war.

Verdutzt blieb er stehen. Dumbledore schien auf ihn zu warten.

„Warum begleitest du mich nicht mit in mein Büro, Harry?", fragte er lächelnd, drehte sich um und machte ich den Weg entlang tiefer in ein Labyrinth aus Gängen, von denen Harry noch nicht gewusst hatte.

„Das hier ist eine Art Zusammenführung aller Geheimgänge der Lehrer", sagte Dumbledore, Harrys gewirrten Gesichtsausdruck begutachtend. „Hier kommt man nur mit dem richtigen Passwort rein und das ändert sich leider Gottes jeden Tag", seuftze er und ging an einer Kreuzung nach links.

Das würde erklären, warum ich sowas noch nie auf der Karte gesehen habe, dachte Harry und folgte seinem Schulleiter einige weitere Gänge entlang, bis sie vor dem Wasserspeier, der zu Dumbledores Büro führte, standen.

„Meines Wissens hat noch kein Schüler je diese Gänge gesehen. Zischende Zauberdrops."

Mit einem lauten Knarzen schob sich der Wasserspeier zur Seite und offenbarte eine steinerne Wendeltreppe.

Dumbledore führte ihn hoch in sein Büro und deutete auf einen alten, jedoch gemütlich aussehenden Chins-Lehnstuhl, der vor seinem massiven Schreibtisch positioniert war.

„Nun, Harry. Worüber wolltest du mit mir sprechen?", fragte ihn Dumbledore, als Harry sich auf dem Stuhl niederließ.

„Nun, Sir, wissen Sie…", wie sollte er das nur fragen, ohne zu wirken, als ob er eine Extrawurst verlangte? Er wollte doch einfach nur seine Eltern besuchen.

Dumbledore sah ihn geduldig über seine Fingerkuppen hinweg an, die er aneinander gelegt hatte.

„Sir, wie Sie wissen ist Donnerstag der Todestag meiner Eltern und ich wollte wissen, ob ich vielleicht.."

„Ob du vielleicht nach Godric's Hollow reisen und das Grab deiner Eltern besuchen könntest?", fragte Dumbledore mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen.

„Nun… ähm… ja, Sir", sagte Harry kleinlaut und blickte auf seine Hände hinunter. „Es ist nur so, Sir, dass ich noch nie an ihrem Grab war und ich weiß, dass es eigentlich ein Hogsmead-Ausflug sein soll, aber ich möchte echt gerne… also, ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn ich… nun ja, Sie wissen schon."

„Nun, Harry, du musst wissen, dass ich dein Anliegen verstehe und mir sehr zu Herzen nehme, jedoch birgt dieser Wunsch auch einige Risiken mit sich."

„Risiken, Sir?", Harry blickte von seinen Händen zu seinem alten Schulleiter hinauf und diesem in die Augen.

„Risiken, Harry. Recht große sogar. Wie du weißt ist Voldemort auf dem Vormarsch."

Harry senkte wieder seinen Kopf. Natürlich. Was sollte es auch sonst sein, dachte er ernüchternd. Derjenige, das Monster, was ihn von seinen Eltern getrennt hatte und sie nun auseinander hielt.

„Er möchte immer noch an dich rankommen, Harry. Wenn du nun also einfach nach Godric's Hollow marschieren würdest, ohne jeglichen Schutz, und er davon wissen sollte, dann wärst du in größter Gefahr. Das verstehst du doch sicher, oder?"

„Ja, Sir", murmelte er.

„Und ich bin mir sicher, dass du etwas dagegen hättest, wenn dich Leute aus dem Orden begleiten würden, habe ich Recht?"

„Ja, Sir."

„Und ich bin mir sicher, dass du weißt, dass ich nicht dein Leben auf's Spiel setzen möchte, mein Junge."

„Ja, Sir."

„Nun, wenn wir uns da einig sind…"

Enttäuscht erhob sich Harry und wandte dem Schulleister den Rücken zu. Einen Versuch war's wert, dachte er und machte sich auf den Weg zur Tür, als Dumbledore wieder sprach.

„Also, werden wir uns darüber einig sein, eine Möglichkeit zu finden, diesen Ausflug möglich zu machen."

„Sir?", Harry wirbelte herum und starrte Dumbledore aus großen Augen an. Hatte er gerade wirklich zugestimmt? Würde er endlich das Grab seiner Eltern sehen? Freude breitete sich in ihn aus.

„Du hast richtig gehört, Harry", Dumbledore schmunzelte ihn an und bat ihn erneut, sich zu setzen. „Die Frage ist nur, wie können wir deine Sicherheit gewährleisten, ohne dass ein Ordensmitglied dich begleitet", er strich sich gedankenverloren über den Bart.

Harry wagte es nicht zu atmen. Er würde seine Eltern sehen. Er würde mit ihnen sprechen können. Naja, jedenfalls in dem Ausmaß, wie man halt mit einem Grabstein eine Unterhaltung führen konnte, aber er war sich sicher, dass ihn seine Eltern sahen und ihm zuhören würden. Er könnte sein früheres Zuhause besuchen. Sehen, wo er, hätte es Voldemort nicht gegeben, aufgewachsen wäre. Er würde seinem altem Leben etwas näher kommen.

Dumbledore riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ich denke, es würde auf jeden Fall ein Portschlüssel gebraucht werden", murmelte er und ging zum Fenster hinüber. Er blickte auf die Ländereien von Hogwarts und ging alle Möglichkeiten durch.

Von einem Zauber, der Harry beschützen könnte, wusste er nicht. Er würde aber all seine Bücher noch einmal durchgehen, um diese Möglichkeit sicher auszuschließen oder, was er hoffte, zu widerlegen. Ein Portschlüssel wäre das Mindeste, was er organisieren müsste. Er müsste illegal herbeigeschafft werden. Das Ministerium durfte von Harrys Wunsch, nach Godric's Hollow zurückzukehren, sei es auch nur für einen Tag, nichts wissen. Er war sich sicher, dass Voldemort seine V-Leute im Ministerium positioniert hatte, die Frage war nur wo, in welchen Positionen. Hatten sie viel Macht? Wie viele Kontakte hatten sie innerhalb des Ministeriums? Dumbledore war sich sicher, dass, wenn das Ministerium davon erfahren würde, ebenso Voldemorts Leute davon wüssten und ihrem Lord sofort Bericht erstatten würden. Immerhin kam es nicht häufig vor, dass Harry Potter aus Hogwarts rauskam. Und das unbewacht. Auroren schieden damit auch aus. Doch so wichtig Harrys Sicherheit auch war, es musste einfach eine Möglichkeit geben, ihn ohne Leibwachen nach Hause gehen zu lassen. Er schuldete dem Jungen so viel. Nach all dem Leid, was er ihm aufgebürdet hatte, schuldete er ihm so viel.

Doch wie sollte er das anstellen? Portschlüssel konnte er herstellen, das war kein Problem. Vielleicht Vielsafttrank? Nein, das konnten selbst schwache Zauberer mit dem richtigen Aufspürzauber herausfinden. Und leider musste er zugeben, dass Voldemort keine Tunichtgute nach Godric's Hollow schicken würde, wenn er herausbekäme, dass der Junge, der sein Sturz sein wird, sich gerade dort aufhielt. Nein, Vielsafttrank war keine Option.

Die einzige Möglichkeit war der Tarnumhang von seinem Vater. Dumbledore wusste, dass es sich hierbei um keinen normalen Tarnumhang handelte. Kurz vor James' Tod hatte er diesen gebeten, ihm den Tarnumhang anzuvertrauen, der Umhang, der den Rumtreibern so viel Erfolg eingebracht hatte, ohne je erwischt zu werden. Als Dumbledore ihn in den Händen hatte, wusste er sofort, dass es kein normaler Umhang war. Klar, Tarnumhänge per se waren schwer zu bekommen, geschweige denn bezahlbar. Doch dieser? Er war etwas Besonderes. Das Material fühlte sich nicht so an wie das eines normalen Umhangs, der mit Unaufspürbarkeitszaubern und Unsichtbarkeitsgarn behandelt worden ist. Nein, dieser Stoff war wie Rauch. So zart, dass man ihn kaum spürte. So leicht, dass er dachte, er würde nur Luft in den Händen halten. Er war etwas ganz Einmaliges. Etwas, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter.

Die Potters waren eine der ältesten und bedeutendsten Zaubererfamilien seit den Großen Gründern. Dieser Umhang hatte erstaunlichen Wert, rein materiell und historisch gesehen, doch der magische Wert war viel gewaltiger. Es war ein Teil der Heiligtümer des Todes. Ein magisches Artefakt von solch großer Bedeutung, dass es beinahe ungeheuerlich erschien, dass die letzten paar Generationen, die es besaßen, den Umhang zum Streichespielen und Mitternachtsspaziergängen mit ihren Freundinnen benutzt hatten.

Doch dieser Umhang war die einzige Möglichkeit Harry wenigstens etwas Schutz zu bieten. Dazu einen Portschlüssel, damit er auch zurückkam. Und er würde nicht alleine gehen dürfen, doch das sollte sich als kein Problem darstellen. Wie er Harry kannte, würde er Ms. Granger und Mr. Weasley mitnehmen wollen.

Mit diesem Gedanken nickte er kurz und wandte sich zu seinem Schüler um, der immer noch mit großen Augen vor ihm saß und ihn beobachtete.

„Ich habe mich entschieden", sagte er und strich sich erneut über den Bart. „Du kannst nach Godric's Hollow gehen, jedoch nur unter ein paar Bedingungen."

Bei diesen Worten setzte sich Harry gerader hin. Was für Bedingungen? Würden Lehrer mitkommen? Oh, nein! Bitte nicht.

„Zu allererst möchte ich dich bitten, keinem Mitschüler oder Lehrer davon zu erzählen. Es hat höchste Priorität, dass dieses Wissen unter uns beiden bleibt. Ms. Granger und Mr. Weasley dürfen es erfahren", fügte er hinzu, als er Harrys Gesicht sah. „Ich bin ebenfalls dafür, dass dich deine Freunde begleiten."

„Ich hatte sowieso vor, sie zu fragen, Sir", pflichtete ihm Harry bei. Er würde nach Godric's Hollow gehen! Er würde nach Hause gehen! „Natürlich erst, nachdem ich Sie gefragt hätte", fügte er eilig hinzu.

„Sehr gut. Desweiteren möchte ich persönlich euch nach Godric's Hollow bringen. Ich habe die Möglichkeit aufgrund meines Amtes aus Hogwarts heraus zu apparieren und würde diesen Vorteil gerne zu Nutzen machen. Wäre das in Ordnung, Harry?"

„Natürlich, Sir!"

„Schön. Außerdem möchte ich, dass du deinen Tarnumhang mitnimmst und unter keinen Umständen diesen ablegst. Es kann sein, dass Voldemort trotz allem ein paar seiner Leute in Godric's Hollow patrouillieren lässt und ich möchte nicht, dass sie Wind davon bekommen, dass du dort bist."

„Selbstverständlich, Professor."

„Du bekommst ebenfalls einen Portschlüssel für den Notfall. Falls euch jemand verfolgt oder etwas Unvorhergesehenes passiert möchte ich, dass ihr ohne Fragen zu stellen diesen Portschlüssel aktiviert! Er wird euch hierher in mein Büro bringen. Es ist von großer Bedeutung, dass du das behältst, Harry!"

„Ja, Sir. Das werde ich."

„Gut. Nach vier Stunden werde ich euch am Eingangstor zum Friedhof wieder abholen. Seid pünktlich! Jede weitere Minute ohne Schutz ist gefährlich."

„Ja, Sir."

„In Ordnung. Du kannst nun gehen, Harry. Und vergiss nicht, niemand darf von eurem Halloweenausflug erfahren!"