Godric's Hollow

Nach seinem Gespräch mit Dumbledore vergingen die Tage wie im Flug und ehe er sich versah, war es auch schon der Tag, vor dem er sich gleichsam gefürchtet, aber auch gefreut hatte – Halloween.

Harry wachte wie immer vor seinen Zimmerkameraden auf. Der Uhr auf seinem Nachttisch zufolge war es halb sieben Uhr morgens.

Heute war Halloween. In etwas über drei Stunden würde er mit Hermine und Ron zu Dumbledores Büro gehen, bestückt mit dem Tarnumhang und warmen Mänteln, um zum Grab seiner Eltern zu apparieren. Dass nun der Tag gekommen war, konnte er immer noch nicht fassen. Die ganze letzte Woche über hatte er eine Art Vorfreude auf den 31. Oktober verspürt. Er war nervös gewesen, die Freude war jedoch größer. Er konnte es nicht wirklich beschreiben. Es war ein komisches Gefühl, das er so noch nie zuvor verspürt hatte. Klar, er war schon des Öfteren nervös gewesen. Er wäre dumm, wenn's nicht so wäre. Beachtete man mal die ganzen Situationen, in denen er sich unfreiwillig, leider jedoch allzu häufig befunden hatte, wäre es sehr naiv zu sagen, er wäre nicht nervös gewesen, als er dem Drachen entgegen gegangen war oder im ersten Schuljahr Quirrel. Doch das Gefühl, was er jetzt verspürte war nicht nur Vorfreude und Nervosität, es war Angst. Er hatte Angst davor, das Grab seiner Eltern nicht zu finden, Angst, nichts zu fühlen, wenn er davor stand. Immerhin konnte er sich nicht an seine Eltern erinnern. Einige Dinge wie das Gefühl geborgen zu sein oder einige Erinnerungsfetzen der Stimmen seiner Eltern, die hatte er, jedoch solche Sachen wie ihr Aussehen oder ihr Wesen kannte er nur aus Bildern und Geschichten. Er hatte Angst davor, was ihn erwarten würde, wenn er sein ehemaliges Haus sehen würde. War es in einem so schlimmen Zustand, dass es einzustürzen drohte? Oder konnte er hineingehen? Er wollte es von innen sehen. Vielleicht kamen ja Erinnerungen aus glücklichen Zeiten wieder?

Doch all das konnte er jetzt noch nicht beantworten und wollte es auch gar nicht. Denn das Wissen, dass er bald vor den Trümmern seiner Kindheit stehen sollte, war schon genug, als dass er mit noch mehr hätte fertig werden können.

Ächzend machte Harry sich auf den Weg ins Badezimmer. Eine lange, heiße Dusche würde ihm jetzt gut tun. Als er den Wasserhahn aufdrehte und das heiße Wasser auf seiner Haut spürte, beglückwünschte er sich insgeheim, ein Frühaufsteher zu sein, denn allein die Tatsache, dass er morgens eine heiße Dusche bekam, machte die Müdigkeit wett.

Frisch geduscht und fertig für den Tag – die Haare zu kämmen brachte eh nichts. Wieso scherte er sich eigentlich noch drum, die Bürste immer wieder mit nach Hogwarts zu nehmen? – betrat er um kurz vor acht wieder den Schlafsaal, in dem so langsam das Leben einkehrte. Ron grummelte, als seine nackten Füße den Steinfußboden berührten, Seamus war wie jeden Morgen auf der Suche nach seinen Socken, Dean war an ihm vorbei gelaufen mit einem erleichterten „Na endlich!" und Neville saß verpennt auf dem Bett in einem Schneidersitz und betrachtete die anderen, wie sie ihrer morgendlichen Routine nachgingen.

Kopfschüttelnd machte sich Harry auf den Weg in den Gemeinschaftsraum, in dem schon Hermine auf ihn wartete.

„Nervös?", begrüßte sie ihn und deutete auf dem Platz neben ihr.

„Ein bisschen", gab er zu und ließ sich neben ihr auf dem Sofa vor dem Kamin nieder.

„Es wird schon alles klappen. Wirst schon sehen. Wir sind ja bei dir", sie lächelte ihn an und legte ihre Hand auf seinen Arm. Von dort, wo sie ihn berührte verbreitete sich eine Wärme in seinem ganzen Körper aus und er begann, sich etwas zu entspannen. Keine konnte ihn so beruhigen, wie Hermine es ein ums andere Mal schaffte.

Er war echt froh, sie als Freundin zu haben und dankbar, dass sie und Ron sofort zugestimmt hatten, als er ihnen seinen Plan an dem Abend nach seinem Gespräch in Dumbledores Büro vorgestellt hatte.

Da bist du ja endlich", war das Erste, das er an jenem Nachmittag hörte, als er durch das Portraitloch kletterte.

Ron und Hermine saßen nebeneinander auf dem Sofa vor dem Feuer, Ron mit einem Quidditchmagazin in der Hand, Hermine mit ihren Hausaufgaben. Bei Rons Worten drehte sie sich um und legte ihr Pergament und Feder beiseite. Harry ging zum Kamin und ließ sich auf dem Sessel neben dem Sofa nieder.

Ich musste noch was mit Dumbledore besprechen", sagte er und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

Und was?", Hermine blickte ihn besorgt an. „Ich hoffe doch, du hast keine Schwierigkeiten."

Nein, nein, alles ist in Ordnung", versicherte ihr Harry. „Nein, ich wollte was mit ihm wegen Halloween besprechen und wollte euch nach eurer Meinung fragen."

Hau raus, man", Ron warf das Magazin auf den Boden vor sich und reckte sich. Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu, ignorierte ihn dann aber und wandte sich mit interessierter Miene wieder Harry zu.

Nun, ihr wisst ja, dass der Hogsmead-Ausflug für Halloween geplant ist und ich wollte…", weiter kam er nicht, denn Ron hatte ein fettes Grinsen aufgesetzt und schlug Harry auf die Schulter.

„…und du hast klargestellt, dass wir frei kriegen und nicht zum Unterricht müssen? Oh bitte, sag, dass das wahr ist! Ich hab keine Lust auf dieses übergroße Insekt am Donnerstag!"

Ich hab dir schon tausend Mal gesagt, Ronald, dass es total bekloppt war, Wahrsagen weiter zu belegen. Was bringt dir dieses Fach denn überhaupt? Trelawney ist eine Heuchlerin und Wahrsagen ist ein extrem schwammiger Ast der Magie. Selbst Professor Dumbledore ist der Meinung, dass…"

Hermine! Ich kann's jetzt auch nicht mehr ändern, okay?", erwiderte Ron genervt. „Ich brauchte noch ein Fach, um meine Stunden vollzubekommen und in Wahrsagen…"

„…kann man ganz einfach seine Note erschwindeln. Ja, ich weiß", sagte Hermine verächtlich. „Ich bin wirklich erleichtert, dass wenigstens einer von euch beiden genug Grips bewiesen hat und dieses sogenannte Fach abgewählt hat."

Ich bin auch froh, dass ich mir nicht mehr anhören muss, dass ich eigentlich schon tot sein müsste, aber das ist nicht das, worüber ich mit euch reden wollte! Wie gesagt, ich war bei Dumbledore, nicht um ihn wegen dem Unterricht auszufragen", Ron stöhnte enttäuscht auf, „sondern um ihn zu fragen, ob ich an Halloween zum Grab meiner Eltern gehen kann."

Oh, Harry!" Hermine blickte ihn mit einem traurigen Lächeln an. „Daran hab ich ja gar nicht gedacht! An deiner Stelle hätte ich auch keine Lust, an so einem Tag mit nach Hogsmead zu kommen. Das ist nur verständlich. Aber, Harry! Es ist unglaublich gefährlich jetzt nach Godric's Hollow zu gehen. Der Ort muss nur so von Todessern wimmeln. Immerhin ist Voldemort", Ron zuckte heftig zusammen, „dort fast gestorben und ihm muss klar sein, dass du irgendwann dorthin zurückkehren möchtest. Was hat Dumbledore denn dazu gesagt?"

Er meinte, es wäre unter einigen Sicherheitsvorkehrungen in Ordnung, dahin zu gehen. Deswegen wollte ich euch beide fragen, ob ihr vielleicht mitkommen möchtet."

Hermine strahlte ihn an. „Aber natürlich kommen wir mit! Nicht wahr, Ron?"

Harry lächelte bei der Erinnerung. Er hatte es zwar nicht zugeben wollen, aber er war sehr erleichtert, als Hermine und Ron zugestimmt hatten. Er war sich nicht sicher, ob er es alleine hätte schaffen können, ganz ohne moralischen Beistand. Er hatte echt Glück, sie als Freunde zu haben.

Ein paar Stunden später standen sie vor dem Wasserspeier zu Dumbledores Büro und gaben ihm das Passwort – „Pfefferminzmäuse". Die steinerne Treppe wand sich empor und ehe sie sich's versahen, klopfte Hermine schon kräftig gegen die Tür.

„Herein", kam die Antwort von innen und sie traten in das geräumige Büro des Schulleiters ein.

„Ah! Da sind Sie ja", Dumbledore trug einen lilafarbenen Umhang mit schwarzen, sich bewegenden Fledermäusen drauf. Mit seinen spitzen Schuhen und seinem strahlenden Lächeln sah er etwas wie ein verrückter Weihnachtsmann aus. Die Tatsache, dass er anscheinend einen Schnorchel in der Hand hielt, half nicht wirklich, den ersten Eindruck zu entkräften.

„Das hier", er wedelte mit dem Schnorchel in der Luft herum, „ist Ihr Notfallportschlüssel, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte, was ich allerdings weder hoffe noch annehme. Nun gut, ich nehme an, Mr. Potter hat Sie beide über den Plan aufgeklärt?" Dumbledore blickte ihnen über seine Halbmondbrille hinweg entgegen.

„Ja, Sir, das hat er", Hermine nahm Harrys Hand und drückte sie leicht.

„Sehr schön. Dann bitte ich Sie, mich fest am Arm zu halten, damit ich Sie nach Godric's Hollow bringen kann. Aber zunächst sollten sie den Portschlüssel sicher verstauen", er reichte Hermine den Schnorchel, die diesen sofort schrumpfte und in ihrer Jackentasche verstaute. „Um ihn zu aktivieren, müssen Sie ihn alle drei festhalten und alle das Passwort sagen. Dieses lautet ‚Rückzug'. Einfach zu merken. Und nicht vergessen, bleiben sie unter allen Umständen zusammen. Verstanden?" Sie nickten. „Nun denn, sind Sie bereit?"

Dumbledore streckte seine Arme aus und das Trio hielt sich an ihnen fest.

„Auf drei. Eins, zwei…" Harry spürte ein unangenehmes Ziehen am Bauchnabel und eher er sich's versah wurde er durch einen unsichtbaren Schlauch gezogen. Alles war schwarz um ihn herum, er konnte weder atmen noch sehen, doch als er gerade dachte, er müsste ersticken, stießen seine Füße auf harten Grund auf und kalte Luft nahm ihm erneut den Atem. Seine Knie gaben nach und er stürzte zu Boden. Als er sich ächzend wieder aufrappelte, war das Erste, was er sah eine alte Kirche, daneben ein noch älterer Friedhof.

Sie waren in Godric's Hollow.