Alles was bleibt, sind die Erinnerungen
Mary Potter blinzelte, als ihr die Sonne ins Gesicht schien. Wenn man sich nur auf die Sonne konzentrierte, hätte man denken können, es wäre nicht Ende Oktober, sondern mitten im Sommer. Beachtete man jedoch noch andere Sachen, als nur die Sonne, sah man das welke Laub auf dem Rasen der Ländereien, die kahlen Bäume, den eiskalten Wind, der die Äste der totaussehenden Bäume erzittern ließ und der trotz der Sonne graue Himmel. Es war Herbst.
Mary hatte nichts gegen Herbst. Sie mochte es, mit den Stiefeln das Laub vor sich herzuschieben. Sie war der Ansicht, dass die toten Blätter auf dem Boden der Schnee des Herbstes waren. Sie mochte diese Jahreszeit. Wäre da nur nicht Halloween.
Heute vor genau fünfzehn Jahren war ihr großer Bruder gestorben. Sie hatte ihn noch nicht einmal kennengelernt, denn sie war zu der Zeit noch nicht einmal geplant gewesen. Ihre Eltern hatten ihr viele Geschichten über Harry erzählt. Man mochte vielleicht denken, dass über ein gerade einmal eineinhalb Jahre altes Baby nicht wirklich große Geschichten existieren konnten und obwohl es im Prinzip so war, lohnte es sich jedes Mal ihren Eltern dabei zuzuhören und zuzusehen, wenn sie das Fotoalbum mit den Babyfotos aus Harrys altem Zimmer holten und ihr vom ersten Schluckauf bis zum ersten Wort alles erzählten, was so viele Jahre zuvor ihr Lebensinhalt gewesen ist. Selbst, wenn ein Baby keine großen Errungenschaften hatte leisten können, jedoch zu sehen, wie die Traurigkeit aus den Augen und Gesichtszügen ihrer Eltern wich, waren die Stunden der Erzählungen allen Male wert.
Jedes Jahr im Juli begannen ihre Eltern sich erneut Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Harry war am 31. Juli geboren wurden und jedes Jahr wünschten sich ihre Eltern, sich Gedanken um Geschenkideen machen zu können, wie groß die Party ausfallen würde und ob Harry vielleicht zu dieser Zeit, würde er noch leben, eine Freundin gehabt hätte.
Wenn Mary beim wöchentlichen Einkauf mitging, konnte sie um diese Jahreszeit immer sehen, wie ihre Mutter länger als normal in der Süßwarenabteilung stand, wie ihr Vater gedankenverloren auf ein Sportmagazin starrte… Doch Halloween war noch schlimmer als der 31. Juli. Halloween galt seit jeher als der Tag, an dem ihr Leben eine drastische Wendung hatte nehmen müssen, an dem einer ihrer besten Freunde ihr Vertrauen missbraucht hatte, was schließlich im Tod ihres einzigen Bruders geendet hatte.
Ihre Eltern hatten es sich zur Aufgabe gemacht, ihr klarzumachen, dass sie einen Bruder gehabt hatte. Überall standen Fotos von und mit ihm herum – Fotos von einer strahlenden Lily Potter mit ihrem neugeborenen Sohn auf dem Arm im Krankenhausbett, Fotos von einem hochroten James Potter, der versuchte, seinen Sohn in einen Hochstuhl zu setzen, Fotos von einem kleinen schwarzhaarigen Jungen, der lachend auf einem Spielzeugbesen quer durch das Wohnzimmer flog, ihr Dad auf seinen Fersen, im Hintergrund eine schreiende Mutter und ein lachender Patenonkel. Und Bilder von eben diesem kleinen Jungen mit schwarzen, wild abstehenden Haaren, großen, smaragdfarbenen Augen und einem breiten, zahnlosen Grinsen.
Obwohl Mary ihren Bruder nie persönlich gekannt hatte, hatte sie trotz allem das Gefühl, ihn gekannt zu haben und genau das war der Wunsch ihrer Eltern gewesen, so dachte sie sich. Die Erinnerung an dem ältesten Potter-Spross sollte nie verblassen, egal, wie schmerzhaft sie auch war.
Mary schlug die Decke beiseite und reckte sich. Heute würde ein anstrengender Tag werden. Sie hatte vor Beginn des Schuljahres mit Professor Dumbledore gesprochen, um ihn um einen freien Tag zu bitten. Normalerweise, so hatte er gesagt, würde er keine Ausnahmen machen, was Schüler anging, jedoch hatte er bereits mit ihren Eltern gesprochen und ihnen gesagt, sie könnte am heutigen Tage über das Flohnetzwerk nach Godric's Hollow reisen, um dort mit ihren Eltern das Grab ihres Bruders zu besuchen.
Mit einem lauten Gähnen machte Mary sich auf den Weg zum Badezimmer. Nach einer ausgiebigen Dusche, so beschloss sie, müsste sie wacher sein, als sie es im Moment war.
Keine ganze Stunde später fand sie sich frisch geduscht, satt und dick in ihrem Wintermantel gehüllt im Büro des Schulleiters. Sie nahm etwas Flohpulver vom Kaminsims, verabschiedete sich vom Schulleiter und verschwand mit einem lauten „Godric's Hollow, Krone's Unterschlupf" in den smaragdgrünen Flammen.
Im Wohnzimmer in Godric's Hollow warteten schon ihre Eltern auf sie. Als sie durch den Kamin gestolpert war, von James wieder auf die Beine gehoben wurde und sich vom Ruß befreit hatte, machten sie sich schweigend auf den Weg zum Friedhof neben der Kirche. Es war eine sehr alte Kirche, vielleicht aus dem dreizehnten Jahrhundert, der Friedhof jedoch wirkte noch älter. Die Grabsteine, die kreuz und quer in ihm verteilt lagen waren teilweise schon so verwittert, dass man mit Glück noch die Form der Grabmäler erkennen konnte. Bei einigen der neueren konnte man Namen sehen oder Sprüche, die Verwandte und Freunde dort hatten einmeißeln lassen. Je tiefer man in den Friedhof ging, desto ruhiger wurde es. Die Geräusche aus den einzelnen Geschäften, die es in Godric's Hollow gab, erstarben so langsam, die Vögel waren nicht mehr zu hören, ebenso wenig die Spaziergänger, die an der Kirche entlang kamen. Alles in allem wirkt hier alle tot, selbst wenn es lebt, dachte Mary griesgrämig und eilte ihren Eltern hinterher, die nun einige Reihen vor ihr stehen geblieben waren.
Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen und murmelte in einer weichen Stimme etwas dem Grabstein zu. Ihr Vater drehte sich um und deutete ihr mit einem traurigen Lächeln, näher zu kommen. Sie ging langsam auf den Marmorstein zu und schaute betreten auf dessen Inschrift.
Hier ruht
Harry James Potter
Geboren am 31. Juli 1980
Gestorben am 31. Oktober 1981
Du wirst immer geliebt werden
Harry, Mary blinzelte, ich weiß, ich hab dich nie kennengelernt, aber ich weiß, dass du ein toller Bruder gewesen wärst. Mum und Dad erzählen viel von dir. Immer, wenn sich Mum über Dad's Haare aufregt, weil weder er noch sie es je schaffen, dass sie mal das machen, was sie machen sollen, denke ich an ihre Geschichten zurück, in denen Dad freudestrahlend mir Bilder von einem kleinen, süßen Jungen mit Horrorhaaren gezeigt hat und mir stolz erzählt hat, dass du seine Haare geerbt hast. Ich durfte Mum nie erzählen, wie sehr ihn das immer gefreut hat. Ich glaube, insgeheim möchte er, dass weder Mum's Zauber – die echt gut sind, sag ich dir – oder ihre Tränke – die wahrscheinlich noch besser sind – je was an dem Chaos auf seinem Kopf etwas ändern. Ich glaube, selbst wenn er der erste von euch beiden mit solchen Haaren war, erinnert er sich nur noch stärker an dich, wenn er morgens in den Spiegel schaut. Du würdest ihm jetzt wohl erstaunlich ähnlich sehen. Ich glaube sogar, Mum hätte Schwierigkeiten, euch beide auseinander zu halten. Stell dir mal vor, was du dann alles hättest anstellen können und Dad hätte den Ärger deswegen bekommen! Mary lächelte durch ihre Tränen hindurch. Aber ich kann nur vermuten, wie es gewesen wäre, stimmt's? Vielleicht wärst du auch kein Rumtreiber geworden, sondern hättest es ertragen müssen, wenn ich dir die Schuld in die Schuhe geschoben hätte. Vielleicht hätten wir uns daraufhin dann gestritten und ich hätte dir verletzende Sachen an den Kopf geworfen, die mir hinterher total leid getan hätten. Aber wir hätten uns streiten können. Ich hätte einen Bruder gehabt.
James hatte den Arm um Lily gelegt und flüsterte ihr beruhigende Worte zu. Halloween war der schwerste Tag im Jahr. Das wusste er, er bereitete sich darauf vor, doch jedes Mal, so wirkte es, wenn er vor dem Grab seines Sohnes stand, brach seine ganze Welt um ihm herum zusammen. Die Trauer saß immer noch tief und der Verlust fühlte sich noch immer frisch an. Und so sehr er sich wünschte, dass der Schmerz nachließ, so sehr sollte er ihn auch spüren. Er war eine ständige Erinnerung an den Verlust und den Verrat, den sie erleben mussten und den Harry mit seinem Leben bezahlen musste. Er machte sich selbst unwahrscheinliche Vorwürfe, nicht an Wurmschwanz gedacht zu haben, als es hieß, im Orden gäbe es einen Spion. Er hatte es für unmöglich gehalten, dass einer seiner besten Freunde zu so etwas im Stande war.Oh, wie hatte er sich geirrt. Und er, James, hatte ihm auch noch in die Karten gespielt. Vor all diesen Jahren war er es gewesen, der Peter gebeten hatte, auf Harry aufzupassen, während er und Lily zu Dumbledore gegangen waren. Er war es gewesen, der Peter ins Haus eingeladen und ihm Harry praktisch in die Arme gelegt hatte, ihm die Verantwortung der Sicherheit Harrys übertragen hatte, wenn auch nur für ein paar Stunden, die sich später als ein paar zu viele Stunden rausgestellt hatten. Hätte er Dumbledore nicht einfach einen Patronus schicken können mit der Bitte, sie zu besuchen, um mit ihnen Geschäftliches zu besprechen? War das denn so schwer gewesen? So hätten sie nie Peter herüberholen müssen und hätten Harry nicht an einen größenwahnsinnigen, mordlustigen Irren verloren.
„Es tut mir leid, Harry", war alles, was er dieses Jahr zu seinem Sohn sagte.
Neben ihm schluchzte seine Frau auf und flüsterte dem Grab liebende Worte zu, genauso, wie es auf dem Grabstein stand. Harry wusste, so war sich James sicher, dass er geliebt wurde. Selbst, wenn sie ihm das nun nicht mehr persönlich sagen konnten, ihm zeigen konnten, so konnte James sich jedes Jahr für seinen Fehler bei seinem Sohn entschuldigen und um Vergebung bitten. Und irgendwann würde auch er seinen Seelenfrieden finden.
„Komm", sagte er leise und nahm Lily in den Arm. „Lasst uns nach Hause gehen."
Zu Hause angekommen, ging eine emotional ausgelaugte Lily Potter in den ersten Stock und schloss sich in dem Raum ein, der kaum betreten wurde. Er hatte die Aura eines Schreins, so fand Mary, eines heiligen Raumes, den man nicht mit alltäglichen Sachen verunreinigen durfte. Lily setzte sich in den Schaukelstuhl, der neben der Krippe stand, hob einen Stoffhirschen hoch und drückte ihn fest an sich. Wenn sie sich in dem Raum umgeblickt hatte, so hätte sie ihn so vorgefunden, wie er in jener Nacht gewesen wäre. Sie hatten im Andenken an ihren Sohn nichts an diesem Raum geändert. Selbst der Spielzeugbesen von Harry stand noch in der Ecke. Als Mary im richtigen Alter gewesen war, hatte sie einen eigenen bekommen. Harrys Sachen waren Harrys Sachen und sie wurden nicht weitergegeben. Selbst wenn es sich bei dem Kind um seine kleine Schwester handelte.
Lily atmete den Geruch des Stofftieres tief ein. Er roch schon seit langen Jahren nicht mehr nach ihrem Baby, doch sie bildete sich gerne den sauberen, lieblichen Geruch ihres Erstgeborenen ein. Er war für immer in ihr Gedächtnis gebrannt, da war sie sich sicher. Sie konnte noch wie am Tag seiner Geburt den Duft riechen, ihn mit dem lachenden Kind verbinden. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Sie würde Harry nie vergessen. Selbst wenn sie es wollte, würde sie es nicht können. Und darauf war sie stolz. Harry war und würde immer ein Teil der Familie bleiben, selbst, wenn er nicht körperlich anwesend war, so war er doch in ihren Gedanken und Herzen am leben.
Im Erdgeschoss saßen James und seine Tochter am Küchentisch. Beide hatten eine heiße Tasse Tee in den Händen und hingen ihren Gedanken nach.
Lily schloss sich immer länger in Harrys altem Zimmer ein. Sie litt immer mehr im Inneren und das gefiel James überhaupt nicht. Er litt genauso wie sie und das war ihr klar. Wieso verschloss sie sich so nach all den Jahren? Hatte sie die Befürchtung, abgewiesen zu werden, weil sie schon seit eineinhalb Jahrzehnten trauerten und dachte deshalb, sie müsste langsam darüber hinweg sein? Doch James konnte Fortschritte sehen. Im ersten Jahr hatten sie selbst Schwierigkeiten bei alltäglichen Dingen gehabt. Lily war spontan beim Abwasch in Tränen ausgebrochen, James hatte sich nicht in der Lage gefühlt, sie zu trösten, ihr Geborgenheit zu geben. Doch das hatte sich geändert. Sie hatten gelernt, ihren Schmerz zu teilen und einander erneut zu vertrauen. Ein Jahr später hatten sie eine zweite Chance glücklich zu werden. Ihre Tochter wurde geboren und James schwor sich, als er Mary Lillian Potter das erste Mal in den Armen hielt, dass er alles nur Erdenkliche tun werde, um nicht noch einen Grabstein aussuchen zu müssen. Nicht für seine Tochter!
Mary blickte in ihre Tasse mit nun kaltem Tee. Ihre Mutter hatte sich vor zwei Stunden in Harrys Zimmer verschanzt und sie hatte seitdem nicht mehr gehört. Der Raum im ersten Stock war ein guter Platz zum nachdenken, sie selbst war des Öfteren dort drin gewesen und ihr war klar, dass ihre Mutter jetzt ein wenig Zeit für sich brauchte, doch zwei Stunden waren doch genug Zeit, oder etwa nicht? Sie wollte nicht, dass sie sich einschloss – nicht nur in dem Zimmer, nein, auch innerlich. Das war nicht gut für sie. Sie würde krank werden.
Doch dann geschah etwas, was beide – Vater und Tochter – von den Stühlen riss und zur Treppe laufen ließ. Ein Knall, ein Schrei und dann Totenstille.
