Verlorene Kindheit
„Das ist also Godric's Hollow!"
„Ron! Verdammt nochmal, komm sofort unter den Umhang", fauchte Hermine und steckte ihren Kopf unter besagten Tarnumhang hervor. Harry verdrehte die Augen. „Komm sofort hier her!"
„Jahaaa", leierte Ron genervt und schlurfte zu der Stelle hin, wo Hermines Kopf etwas über eineinhalb Meter über dem Boden schwebte. „Meine Güte, Herms. Hier ist kein Schwein zu sehen. Schalt mal 'nen Gang runter, ja?"
„Einen Gang runterschalten? Ich soll einen Gang runterschalten? Sag mal, geht's noch? Voldemort läuft irgendwo dort draußen rum und du sagst mir allen Ernstes ich soll… tickst du noch sauber?", zischte Hermine und drehte sich ganz langsam mit funkelnden Augen Ron zu. „Wir sind im Krieg, falls du das noch nicht mitbekommen hast, Ronald!"
„Stell dich mal nicht so an, Hermine! Ich glaube wohl kaum, dass Du-Weißt-Schon-Wer hier gleich um die Ecke marschiert kommt, um etwas frische Luft zu schnappen."
„Hört ihr beide mal auf, euch andauernd zu streiten?", fuhr Harry sie beide an, als Hermine gerade zum Angriff ansetzte. „Wir sind hier, damit ich zum allerersten Mal in meinem Leben wissentlich meine Eltern besuchen kann und zu dem Haus gehen kann, wo ich eventuell meine Kindheit verbracht hätte, wäre sie nicht von einem mordlustigen Verrückten zerstört worden! Also bitte, um Merlins Willen, halten eure Klappe und vertragt euch wenigstens jetzt! Ich hab echt schon genug im Kopf, als dass ich auch noch mit euren ständigen Streitereien klar kommen kann oder will, kapiert?"
Hermine blinzelte Harry an und sah zu Ron hinüber, der keine zehn Zentimeter von ihr entfernt stand. „Ja, natürlich. 'Tschuldigung, Harry. Du hast Recht. Das war dumm von uns."
„Das war es allerdings. Wenn man mal die Tatsache ignoriert, dass hier hinter jeder Ecke ein Todesser stehen kann und ihr euch hier ein Schreiduell liefert. Wir haben nur vier Stunden Zeit und ich möchte diese vier Stunden sinnvoll nutzen. Bitte. Also lasst uns gehen." Mit diesen Worten drehte Harry sich auf dem Absatz um und machte sich in einem langsamen Tempo, damit keiner von ihnen den Tarnumhang verlor, auf den Weg zum Friedhofstor.
Das Tor war ebenso alt, wie der Friedhof an sich. Überwuchert mit verwelkten Rosenranken, quietschte es im leichten Wind, der durch das Dörfchen wehte. Sie mussten sehr aufpassen, dass der Tarnumhang sich nicht in den Dornen der Rosen verfang. Langsamen Tempos ging das Trio unter dem Umhang versteckt durch die Reihen der Grabsteine. Die älteren, die so aussahen, als ob sie beinahe auseinander fielen, waren achtlos kreuz und quer über dem Boden verteilt. Je tiefer sie jedoch in den Friedhof vordrangen, desto deutlicher wurde eine Organisation der Gräber sichtbar. Namen wie Johnsson oder Bell schossen ihnen ins Auge und ließen Platz für Vermutungen, dass dieses Dörfchen schon seit längerer Zeit Zaubererfamilien beherbergte, ebenfalls welche, die sie aus Hogwarts kannten oder zu kennen glaubten. Ab und zu blieben sie stehen, um einen Namen genauer zu lesen, gingen jedoch enttäuscht weiter, wenn sie nicht Potter sondern Pondsman oder Pollkins lasen.
Harry bemühte sich unter allen Umständen ruhig zu bleiben. Mit jedem Mal, das sie stehen blieben, weil einer von ihnen ein ‚P' oder sogar ein ‚Po' auf einen der Grabsteine auszumachen glaubte, wurde er nervöser. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust und er hatte das Gefühl langsam aber sicher etwas an Lungenvolumen einbüßen zu müssen.
Hermine drehte sich zu Harry, um ihn zu fragen, ob er vielleicht irgendwann von Sirius oder Remus gehört hatte, ob sie schon einmal das Grab von Lily und James Potter besucht hatten und somit nebenbei erwähnt hatten, wo ungefähr es zu finden war, als sie Harrys Mimik sah. Sie folgte den Weg seiner Augen und erblickte einen großen Grabstein aus reinstem Marmor ein paar Meter von ihnen entfernt. Sie blickte Harry an und nahm seine Hand in ihre. Er drehte sich zu ihr und sah ihr in die Augen. Grün in braun. Hermine hatte schon immer gefunden, dass Harry sein Herz jedem offen legte, den er kannte, ob er es merkte oder nicht. In diesen wunderschönen hellgrünen Augen konnte sie in diesem Moment eine Menge an Emotionen sehen, die ein ums andere Mal von einer weiteren abgelöst wurden. Es geschah so schnell, dass sie die einzelnen Emotionen nicht hätte benennen können, doch sie waren da. Doch eine blieb immer vorhanden. Angst. Harry Potter, der Auserwählte, der Junge, der überlebte und im Alter von etwas über einem Jahr den gar stärksten und angsteinflößendsten dunklen Zauberer der letzten fünf Dekaden zum Sturz gebracht hatte, hatte Angst. Doch vor ihr stand nicht der Auserwählte. Vor ihr stand Harry. Ein Junge, der gleich zum ersten Mal vor das Grab seiner Eltern treten würde. Und sie würde ihm bestehen.
Hermine nahm Harrys Hand in ihre und drückte sie leicht. Harry blickte hinunter und lächelte traurig. Hermine war für ihn da. Sie war immer für ihn da. Er musste das nicht alleine durchmachen.
Er nahm einen beruhigenden Atemzug und ging unsicher auf das Marmorgrab zu. Als er davor stand stockte ihm der Atem.
Hier ruhen
James Charlus Potter Lily Margret Potter
Geboren am
27. März 1960 30. Januar 1960
Gestorben am
31. Oktober 1981 31. Oktober 1981
Der letzte Feind, der besiegt werden wird, ist der Tod
„Der letzte Feind, der besiegt werden wird, ist der Tod", flüsterte Harry, als er auf das Grab seiner Eltern hinunterblickte.
„Über den Tod hinaus soll das heißen, nehme ich an", sagte Hermine leise und umfasste seinen Arm mit ihrer freien Hand.
Das ist es also, dachte Harry und blinzelte. Das Grab meiner Eltern. Er stand vor den sterblichen Überresten seiner Eltern, die jetzt wahrscheinlich nur noch Knochen waren, wenn überhaupt. Ohne jegliche Ahnung, dass ihr lebendiger Sohn nun vor ihnen stand, atmend, aus Fleisch und Blut, und sie in diesem Moment so sehr vermisste, dass er beinahe wünschte, er würde dort neben ihnen liegen. Vergraben in der kalten Erde mit ihnen an seiner Seite. Nein, in diesem Moment wünschte er sich das sogar von ganzem Herzen. Er wollte bei seinen Eltern sein. Physisch. Er wollte sie in seiner Nähe wissen.
Er zuckte zusammen, als er Hermines Hand an seinem Gesicht spürte. Bis zu diesem Moment hatte er nicht gemerkt, dass er weinte. Ron stand hinter Hermine, mit einem betretenen Gesichtsausdruck auf dem Gesicht und nickte ihm zu. Sie verstanden ihn nicht. Sie konnten ihn nicht verstehen. Wie auch? Sie hatten Familie, Ron hatte Geschwister, sie waren in einem zu Hause aufgewachsen, etwas, das Harry bis Hogwarts nicht kannte. Sie waren geliebt worden und hatten Geborgenheit erfahren, wie es sich anfühlte, gewollt zu werden. Er wurde noch nicht einmal akzeptiert. Er wurde sein Leben lang nur geduldet. Er war sich nicht sicher, ob es sich an seinem elften Geburtstag in der Zaubererwelt großartig geändert hatte. Immerhin verlangte jeder einzelne von ihnen, dass er endlich dem größten dunklen Magier ein Ende bereitete, obwohl er selbst es nicht wusste, ob er das konnte. Jeder verlangte von ihm bis zum Tod zu kämpfen, sich zu opfern für so viele Menschen, die für ihn namenslos waren und doch war die Zaubererwelt der Ort, wo er das erste Mal in seinem Leben Freunde hatte. Wo er das erste Mal in seinem Leben erfahren hatte, wie es sich anfühlte, gemocht zu werden.
Hogwarts, die Zaubererwelt war sein zu Hause und jeder, der ein solches hatte, machte alles, damit es nicht zu Schaden kommen würde. Und er würde das auch tun, ob nun jeder dies bereits von ihm verlangte, war egal. Er selbst hatte beschlossen, alles Menschenmögliche zu tun, um seinem zu Hause eine Zukunft zu geben. Mit ihm oder ohne ihm.
Harry lächelte seine Freunde an. „Danke, dass ihr hier seid", flüsterte er und wurde im nächsten Moment von Hermine in eine Umarmung gezogen. „Natürlich sind wir bei dir", flüsterte sie ihm ins Ohr und strich ihm durch die Haare. „Natürlich sind wir hier." Es wurde alles zu viel für Harry. Die Eindrücke des Dorfes, das Wissen, dass seine Eltern diese Straßen vor einigen Jahren lachend entlang gegangen sind, vielleicht sogar mit ihm im Kinderwagen, händehaltend, und nun tot vor ihm, brachten ihn dazu, etwas zu tun, was er sonst nie tat. Er ließ seine Tränen zu. Er ließ seine Trauer zu, seine unerträgliche Trauer über alles, was in seinem noch kurzen Leben passiert war. Er trauerte um den Verrat an seinen Eltern, um den Tod seiner Eltern, er trauerte um die Zwiespalt, die nach Halloween 1981 zwischen Remus und Sirius entstand. Aber vor allem trauerte er um seine verlorene Kindheit.
Sie standen in einander geschlungen da, was sich anfühlte wie Stunden. Harry wischte sich über die Augen und lächelte seinen beiden besten Freunden zu. So langsam sollten sie sich auf den Weg machen. Mit einem letzten Blick auf das Grab, auf das Ron einen Strauß Lilien gelegt hatte, als Harry in Hermines Armen weinte, sagte er „Bis bald, Mum, Dad. Ich vermisse euch." Und wandte sich um, schlang seinen linken Arm um Hermines Schultern, seinen rechten um Rons und gemeinsam verließen sie den Friedhof, um sich auf die Suche nach Harrys Elternhaus zu machen.
Auf der Straße angekommen wandten sie sich nach rechts den Weg runter, an der Kirche vorbei in die Dunkelheit, die nur von einigen wenigen altmodischen Straßenlaternen unterbrochen wurde. Nach einigen Minuten Stille sahen sie vor sich einen Platz, anscheinend der Kern des Dorfes Godric's Hollow. Der Platz war mit Holpersteinen gepflastert und wenn man von oben auf ihn hinunter geguckt hätte, so dachte Harry, wäre er das Zentrum einer Sonne gewesen, denn in regelmäßigen Abständen führten Straßen zu ihm, jeweils mit zwei Laternen umgeben. Zwischen den einzelnen Laternen und Straßen befanden sich elegant aussehende metallene Bänke, die alle zur Mitte des Platzes ausgerichtet waren. Dort stand ein altes Kriegerdenkmal. Ein Würfel, auf dem ein Mann mit Gewähr stand. Auf dem Würfel, so konnte man erkennen, waren Namen eingelassen. Wahrscheinlich die im Weltkrieg gefallenen britischen Soldaten, dachte Harry und wollte schon weitergehen, als Hermine plötzlich aufkeuchte und stehen blieb.
„Was ist?", fragte Ron leicht genervt und blickte zum Kriegerdenkmal, auf das Hermine mit einem zitternden Finger deutete und schluckte. Harry folgte ihren Blicken und sah mit vor Schock aufgerissenen Augen, dass es gar kein Kriegerdenkmal war. Vor ihm stand kein großer Steinwürfel mit eingravierten Namen. Nein, vor ihm stand das Abbild eines jungen Paares mit ihrem Kind auf dem Arm. Der Mann hatte einen Arm um die Hüfte der Frau geschlungen, den anderen um ihren Bauch. Die Frau war ihm etwas zugeneigt und trug einen kleinen Jungen auf dem Arm, welchen sie auf ihrer Hüfte abgestützt hatte, um dessen Gewicht besser balancieren zu können. Beide hatten ein stolzes Lächeln auf ihren Gesichtern. Harry blinzelte. Er kannte dieses Paar! Der Mann hatte zerzaustes Haar und eine runde Brille, die ihm schief auf der Nase saß. Er war etwas größer als die Frau, welche beinahe hüftlanges Haar hatte und ihn anlächelte.
„Harry!" Hermine zupfte an seinem Ärmel. „Sind das…"
„Meine Eltern", Harry konnte es nicht glauben. Dort vor ihm stand eine Statue von seinen Eltern und ihm selbst! Ein Denkmal an die wohl berühmteste Familie der letzten fünfzig Jahre, wenn nicht sogar noch mehr. Es war ein komisches Gefühl, sich dort in Stein gemeißelt zu sehen, selbst wenn er noch ein Kleinkind zu diesem Zeitpunkt war.
„Gehen wir weiter", flüsterte er und wandte sich von der Statue ab. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um, an der Stelle des Denkmals für die Potters stand nun wieder der Würfel mit den Namen. Es war eindeutig verzaubert.
Sie gingen eine der Straßen lang, Harry hatte sie willkürlich gewählt, da keuchte Hermine erneut auf.
„Was ist?", fragte Harry nervös, doch Hermine, wieder ungewöhnlich still, zeigte auf ein Haus am Ende der Straße, oder zumindest war es mal ein Haus gewesen. Dort hinten, am rechten Ende stand eine Ruine mit zugewuchertem Garten und sehr verfallen. Das Wetter hatte ihr übel zugespielt.
„Das sieht ja ziemlich mitgenommen aus. Als würde es beim nächsten Windhauch einstürzen", murmelte Ron und ging mit den anderen beiden auf das verfallene Haus zu.
Vor dem verrosteten Gartentor blieb das Trio stehen und ließ alles auf sich einwirken. Harrys Augen huschten über die Szenerie vor ihm. Ein Haus – sein Haus, verfallen, marode, mitgenommen, der einst schöne Garten zerstört. Die Natur hatte sich diesen Teil des Grundstückes bereits vollends zurückgeholt. Überall lagen Holzteile herum, die wohl, so bemerkte Harry mit einem Stechen im Magen, aus dem Loch im ersten Stock stammen mussten. Dort war es also geschehen. Dort hatte Voldemort versucht, ihn zu töten und war dabei beinahe selbst gestorben. Doch Harry reichte es nicht, sich das Haus nur von außen anzusehen. Er wollte hinein gehen. Er wollte sehen, wie es aussah, wie es einmal ausgesehen hatte, ob er sich an etwas erinnerte, ob er die Stellen, an denen seine Eltern gestorben waren, um ihn zu beschützen, erkannte. Er wollte wissen, ob irgendwelche Gegenstände sich noch in diesem Haus befanden – alte Fotos, Spielsachen, egal was.
Er streckte die Hand nach dem Tor aus und stieß es auf. Vor ihm stieg ein verwittertes Schild empor, auf dem viele Neugierige und Touristen Nachrichten hinterlassen hatten. Einige wünschten ihm Glück, andere hingegen hatten nur ihren Namen hinterlassen.
„Wow, ich will da auch was drauf schreiben", sagte Ron begeistert und zückte seinen Zauberstab.
„Sie hätten das Gedächtnisschild nicht beschmutzen sollen und du wirst das auch nicht tun, Ronald", fuhr Hermine Ron an und warf ihm einen mörderischen Blick zu.
„Warum das denn nicht? Wenn andere das gemacht haben, bin ich doch nicht der Erste! Außerdem muss ich das festhalten, dass ich an so einem coolen Ort war! Oh, man! Fred und George werden so neidisch sein! Keiner wird mir das glauben!"
Harry senkte seinen Kopf. Hatte Ron das gerade ernsthaft gesagt?
Hermine öffnete ihren Mund und schloss ihn wieder, öffnete ihn wieder, nur um ihn wieder zu schließen. Mit jedem Mal wurde sie röter im Gesicht. „Das ist der Ort, an dem Harrys Eltern ermordet wurden, Ronald Weasley", ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Das hier ist alles andere als cool! Hier hat Harry seine Familie verloren!" Ungläubig starrte sie Ron an und schüttelte ganz langsam den Kopf. „Ich glaub's einfach nicht."
Ron riss seine Augen auf. „Oh, verdammt! Oh, tut mir… oh, Merlin, Harry! Daran hab ich gar nicht… Oh, das tut mir leid!" Harry blickte Rons entsetztes Gesicht an.
„Sei froh, dass du so etwas vergessen kannst", und mit diesen Worten warf er den Tarnumhang ab und ging mit großen Schritten auf die angelehnte Haustür zu.
„Harry!" Hermine schlug Ron ein letztes Mal gegen den Kopf und eilte mit dem Tarnumhang im Arm Harry hinterher, der nun im Flur des Hauses stand und sich umsah.
Der Flur war komplett zerstört. Brandflecken an den Wänden, am Boden und einige an der verfärbten Decke konnten teilweise noch gut erkannt werden. Das Treppengeländer hatte anscheinend während des Kampfes, den sich James Potter mit Voldemort geliefert hatte, um Lily Zeit zur Flucht zu geben, Feuer gefangen. Es war nur noch halb vorhanden und die Ränder waren rußig und verbrannt. Daneben stand ein alter modernder Kinderwagen. Links war anscheinend die Küche gewesen. Die Theken waren noch gut zu erkennen, auch wenn das Fensterglas durch die Witterungen zersprungen und alle Oberflächen mit einer dicken Schicht Staub und Dreck überzogen waren. Der Weg zum Wohnzimmer war eingestürzt und Holzbalken waren halb in den Flur gefallen. Dort blieb Harrys Blick hängen. Er wusste, dass sein Dad dort gestorben war. Am Fuße der Treppe. Dort, wo die Holzbalken zum Teil die Treppe verbarrikadierten. Ob sie erst nach seinem Tod eingestürzt waren oder ob sein Vater von ihnen zu Boden gerissen wurde und dadurch in der Falle saß und Voldemorts Fluch hilflos ausgeliefert war?
„Oh, mein Gott!" Hermines entsetztes Flüstern wurde von einem leisen ernüchternden Stöhnen Rons begleitet.
Harry zwang sich den Blick von der Stelle abzuwenden, an der höchstwahrscheinlich vor fünfzehn Jahren sein Vater bei dem Versuch, ihm und seiner Mutter das Leben zu retten, gestorben war. Harry blickte zur Treppe. Diese Treppe ist Mum mit mir im Arm hochgelaufen, als er kam, dachte er und ging langsam auf sie zu. Er hoffte, sie war noch benutzbar und würde ihm erlauben, in den ersten Stock zu gelangen. Er ging sachte am Rand der Treppe entlang, Stufe für Stufe, bis er schließlich erleichtert im Flur ankam. Zu seiner linken befand sich ein Schlafzimmer. Vermutlich das Schlafzimmer seiner Eltern, nach dem großen Doppelbett zu urteilen. Farben konnte er nicht ausmachen. Die Schmutzschicht, die sich über die Jahre angesammelt hatte, war einfach zu dominant, doch nach den Möbeln zu urteilen und nach dem, was er sehen konnte trotz Staub und Dreck, war dieser Raum mal ein sehr geschmackvoll eingerichtetes Schlafzimmer gewesen. Er blickte nach rechts. Ein Badezimmer. Weiter den Flur entlang links war noch ein Schlafzimmer, ebenfalls mit einem großen Bett und einer Kommode, einem Schrank, einem Schreibtisch und Betttischchen. Ein Gästezimmer? Doch das Zimmer, wonach er gesucht hatte befand sich nun zu seiner rechten – sein altes Zimmer. Das erste, was ihm ins Auge fiel, als er in sein altes Kinderzimmer blickte, war, dass die entgegengesetzte Wand weggesprengt zu worden schien. Die Trümmer des Kinderbettes lagen davor. Überall im Zimmer waren Holzsplitter und Mauersteine verstreut, die anscheinend bei dem Rückprall des Fluches durch die dabei entstandene Explosion quer durch den Raum geschleudert worden waren. Rechts in der Ecke stand ein Regal mit was aussah wie Büchern und einigen Stofftieren drin, daneben lagen die Trümmer von einem kleinen Besen und schräg vor der Krippe waren Bruchstücke eines, wie es für Harry aussah, Schaukelstuhls zu erkennen.
„Krass", flüsterte Ron hinter ihm. Harry zuckte zusammen. Er hatte sie nicht kommen hören.
„Oh, Harry!" Hermine legte ihm eine Hand auf die Schulter, die er jedoch abstreifte und einen vorsichtigen Schritt ins Zimmer wagte.
„Sei vorsichtig!"
Harry hatte etwas in den Trümmern entdeckt. Etwas neben der Stelle, von der er wusste, dass dort seine tote Mutter nach dem Fluch zu Boden gesunken war. Er versuchte sich auf das unförmige Etwas unter den Holztrümmern zu konzentrieren. Es sah aus wie ein Stofftier in Form eines…Wolfes? Er kroch auf allen Vieren zu dem ehemaligen Kinderbett hin, hob einige Bretter beiseite und nahm das Plüschtier in die Hand. Es war kein Wolf, es war ein Hirsch.
Das nächste, was er mitbekam waren viele Dinge auf einmal. Hermines heller Aufschrei, Rons Ächzen und das Gefühl, buchstäblich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dann wurde alles schwarz.
