Von Dreck, Hirschen und Krönchen
„Lily!" James rannte die Treppe hinauf in den ersten Stock, dicht gefolgt von seiner Tochter. Oben angelangt, spurtete er den Flur entlang und wandte sich nach rechts, zu dem Zimmer, in dem sich seine Frau befand. Sie war in dem Raum, sie stand vor dem Schaukelstuhl, den Plüschhirschen, Harrys Lieblingsspielzeug, in den Händen und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf den Boden vor ihr. Dort war ein Haufen Lumpen zu sehen – dreckiger Lumpen, die sich bewegten. Moment mal! James trat einen Schritt in den Raum und beugte sich vor. Das waren keine Lumpen! Jedenfalls nicht nur. Vor ihnen lagen übereinander gestapelt etwas, das aussah wie drei Personen, die Kleidung zerrissen und unheimlich schmutzig. Eine von ihnen hatte ein weiteres Kleidungsstück in der einen Hand, eine andere hatte etwas kleines, unförmiges in ihrer Linken. Die beiden unteren Personen wurden von einer weiteren zu Boden gedrückt.
„Dad? Wer sind diese Leute?", fragte Mary zaghaft, als sie die unbeweglichen Fremden auf dem Boden des Zimmers ihres verstorbenen Bruder musterte. „Sind die tot?"
James warf ihr einen Blick zu. „Haltet Abstand, ihr beide", sagte er zu den beiden Frauen in seiner Familie und wandte sich wieder den Unbekannten vor ihm zu. Die Hand der Person, die ein weiteres Kleidungsstück festhielt, zuckte leicht. Tot sind die drei auf keinen Fall, dachte er und ging langsam auf sie zu. Es handelte sich um drei Personen, so viel war schon klar. Doch wer waren sie? Was suchten sie hier? Wieso waren sie in diesem Zustand und das allerwichtigste, wieso in Merlins alter Unterhose waren sie in seinem Haus? Vorsichtig streckte er eine Hand nach ihnen aus, die andere umfasste sicherheitshalber fest seinen Zauberstab, den er auf die Fremden gerichtet hatte. Er legte vorsichtig seine Finger an den Hals der obersten Person und tastete nach einem Puls – schwach und unregelmäßig. Na, immerhin leben sie.
James richtete sich auf, deutete mit seinem Zauberstab auf den ersten unwillkommenen Besucher und murmelte „Wingardium Leviosa!" Sofort schwebte sie ein paar Zentimeter nach oben und wurde von James in den Flur geleitet, wo er sie auf dem Boden ablegte. „Lily? Kannst du mir einen Gefallen tun und bitte auf den da draußen Acht geben? Und guck nach einem Zauberstab. Wir möchten ja nicht, dass unser ungeladener Gast aufwacht und wild irgendwelche Zauber um sich schießt."
Mit immer noch geweiteten Augen nickte Lily leicht, zückte ihren Zauberstab, den sie immer in ihrer Hosentasche bei sich trug und ging in den Flur, um sich dort mit dem Zauberstab auf den Fremden zeigend zu positionieren. „Accio Zauberstab!" Kaum war der Zauberspruch ausgesprochen, flog ihr ein Stab aus Weidenholz entgegen. „James? Du solltest die anderen entwaffnen. Der hier hatte seinen Zauberstab dabei", rief sie ihrem Mann zu, der daraufhin zwei Zauberstäbe aus Stechpalmen- und Weinrebenholz in den Flur warf, die Lily sofort aufhob. Daraufhin schwebte eine weitere Person aus Harrys Zimmer heraus, ein Mädchen. James dirigierte sie neben den Jungen, der bereits im Flur lag.
„Das hier ist ein Junge und ein Mädchen", sagte Lily und wandte sich erneut Harrys Zimmer zu.
„Und das hier ist ebenfalls ein Junge", sagte James und blickte zu ihr auf.
„Was machen wir jetzt mit denen?", Mary trat aus einer Ecke des Kinderzimmers hervor und sah ihre Eltern erwartungsvoll an. „St. Mungos?"
„Nein, nicht St. Mungos", beschloss James und beäugte den Jungen, der noch immer vor Harrys Kinderbett lag. „Nein, ich denke, es ist das Beste, erst einmal Dumbledore Bescheid zu geben und sie dann vielleicht in den Krankenflügel nach Hogwarts zu bringen. Madame Pomfrey hat einen Extraraum hinter ihrem Büro, wo die besonders fiesen Fälle hinkommen. Vielleicht kann sie dort die drei hier behandeln? Die sehen ziemlich mitgenommen aus. Und wenn sie aufwachen, befragen wir sie, wie sie in unser Haus gekommen sind."
„James?", Lily kniete neben dem bewusstlosen Jungen, der zu ganz unterst gelegen hatte. „Schau mal."
„Was ist denn?", James blickte seine Frau fragend an. Sie hatte das unförmige, dreckige Etwas aus den Händen des Unbekannten genommen und betrachtete es mit ungläubiger Miene.
„Weißt du, was das ist?", flüsterte sie und deutete auf das Stück Dreck in ihrer Hand.
„Nein, was soll das schon sein? Ist bestimmt nur ein…"
„Schau genau hin!" Sie hielt ihm das Gebilde entgegen und blickte ihn mit großen Augen an. „Schau es dir genau an und sag mir, was du siehst!"
Seufzend nahm er das leichte Teil Lily ab und musterte es, Mary schaute über seine Schulter. Sie blickte verdattert drein. Ihre Augen huschten von dem Ding in James Hand zu dem Spielzeug auf dem Schaukelstuhl und wieder zurück. „Ist das…"
„Harrys Kuscheltier?", fragte Lily mit zitternder Stimme und sah ihre Tochter an. „Ja, das ist es."
„Es gibt's tausende von diesen Plüschtieren!" James schüttelte den Kopf und gab das Tier Lily zurück. „Jeder hätte es kaufen können."
„Das stimmt, aber guck es mal genauer an", James nahm ihr das Tier wieder aus der Hand und rückte seine Brille zurecht.
„Harrys Kuscheltier hat eine Widmung", flüsterte Lily und deutete auf besagtes Spielzeug auf dem Stuhl, welches sie dort hatte fallen lassen, als die drei Unbekannten vor ihr auftauchten. „Schau auf die Unterseite des Hirsches, James!"
Dort stand ‚Für unser kleines Krönchen'. Er runzelte die Stirn. Er kannte diesen Spruch. Das war der, den sie auf… Mary ging hinüber zu dem Schaukelstuhl, hob den Plüschhirschen auf und drehte ihn um. „'Für unser kleines Krönchen'", las sie vor und hielt es ihrem Vater hin. „Es ist derselbe Spruch!"
„Und dieselbe Schrift", seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Aber wie.."
„Wie es hier her kommt?", Lilys Augen waren von den vorherigen Stunden noch blutunterlaufen. „Ich weiß es nicht."
„Holen wir erst einmal Dumbledore", sagte James leicht unsicher und gab das dreckige Kuscheltier seiner Tochter. „Ich flohe ihn kurz an." Mit diesen Worten verschwand er aus dem Zimmer seines Sohnes, stieg über die beiden bewusstlosen Körper im Flur und eilte die Treppe hinunter ins Wohnzimmer zum Kamin.
Mary sah ihrem Vater stirnrunzelnd hinterher. Wenn sie nach den Reaktionen ihrer Eltern ging, nach der anscheinend unmöglichen Situation, dass sie in ihren Händen das übel mitgenommene Duplikat des Lieblingsspielzeuges ihres toten Bruders hielt und nach der Tatsache, dass aus heiterem Himmel drei wildfremde Personen genau in diesem Zimmer auftauchten, hieß das dann, dass…
Mary blickte zu ihrer Mutter, die sich von ihrer Stelle neben dem bewusstlosen Jungen nicht gerührt hatte. „Mum?", Lily blickte auf und sah ihre Tochter an, als ob sie erst jetzt bemerkte, dass sie nicht alleine war. „Was bedeutet das alles? Harrys Spielzeug, was übrigens extrem kaputt und alt aussieht, diese drei Menschen hier… was heißt das alles? Ist einer von denen", sie deutete wage mit ihrer Hand zu den Fremden im Flur, „heißt das, d-dass einer von denen Ha-…". Mary konnte den Satz nicht zu Ende bringen. Es war unmöglich, dass ihr Bruder zu ihnen zurückkam. Er war tot! Und das schon seit fünfzehn Jahren! Sie waren vor wenigen Stunden noch an seinem Grab gewesen. Und wieso hatten diese Fremden, wenn es überhaupt Fremde sind, Mary schüttelte den Kopf. Wieso hatten sie das Spielzeug ihres Bruders? Woher hatten sie es? Es lag doch dort auf dem Stuhl und doch hatte sie exakt den gleichen Hirsch in den Händen, nur in einem anderen materiellen Zustand.
Sie verstand gar nichts mehr. Vielleicht war es besser, so dachte Mary nüchtern, dass sie einfach wieder zurück nach Hogwarts gehen würde, sich dort ins Bett legen und einfach einige Tage nicht mehr auswachen sollte. Ja, vielleicht war das besser.
Aus dem Boden neben dem Jungen waren Lilys Gedanken in ähnliche Richtungen abgeschweift. Doch sie hatte Schwierigkeiten, sie in Worte zu fassen. Sollte diese Junge vor ihr vielleicht ihr vor langem verstorbener Sohn sein? Sie strich ihm durch die staubigen Haare. Nein, das war unmöglich. Wie sollte so etwas passieren? Leute konnten nicht einfach so mir nichts, dir nichts von den Toten auferstehen! Das war nicht möglich, selbst mit schwarzer Magie nicht. Man konnte das Universum nicht so ins Ungleichgewicht stürzen. Es war einfach schier unmöglich. Und doch, Lily nahm das Plüschtier vom Schaukelstuhl in ihre Hände und betrachtete es eingehend. Und doch befindet sich dieser Hirsch gerate in Marys Händen, dachte sie stirnrunzelnd und blickte wieder auf den Jungen hinab, der seine Augen geschlossen hatte und sehr blass aussah. Er brauchte medizinische Betreuung und das schnell! Vor einigen Minuten war er noch nicht so blass gewesen. James, wo bleibst du nur?, dachte Lily nervös und nahm die Hand des Jungen in die ihre.
Im Wohnzimmer stieg gerade ein besorgt aussehender Albus Dumbledore aus dem Kamin und in das gemütliche Wohnzimmer der Potters.
„Wo sind sie?", fragte er und blickte zur Wohnzimmertür hin, die zum Flur und somit auch zur Treppe in den ersten Stock führte.
„Oben, Albus. Lily und Mary sind bei ihnen." James ging zur Treppe und kletterte diese hinauf. „Ich saß mit Mary in der Küche nachdem wir Harrys Grab besucht haben und plötzlich haben wir einen lauten Knall und Lilys Schrei gehört. Sie sagte, sie wisse selbst nichts Genaues, da von jetzt auf gleich die drei Leute vor ihr auf einem Haufen auf dem Boden lagen. Ich weiß nicht, wie so etwas passieren konnte! Durch die Schutzzauber kommen nur Familienmitglieder oder Freunde der Familie – richtige Freunde der Familie", fügte er eilig hinzu, als sie am Treppenabsatz ankamen.
Dumbledore nickte kurz und ging zu dem Jungen und dem Mädchen hinüber, die nebeneinander im Flur lagen. „Ihr habt sie entwaffnet, nehme ich an?" Ohne auf James Antwort zu warten, kniete er sich neben dem Mädchen auf den Boden und inspizierte ihr Gesicht genau.
„Ja, natürlich", sagte James und griff nach den Zauberstäben, die Mary ihm reichte. „Diese hier hat Lily ihnen abgenommen."
„Sehr schön", sagte Dumbledore ohne auf die Stäbe zu schauen, die ihm hingehalten wurden. James runzelte irritiert die Stirn, zuckte dann mit den Schultern und beschloss, die Zauberstäbe der drei Eindringlinge sicher zu verwahren.
„Albus", meldete sich Lily, als James den Flur wieder entlang ging, um die Stäbe zu verstauen. „Albus, das Mädchen dort drüben und dieser Junge hatten beide etwas bei sich. Außer die Zauberstäbe, meine ich."
„Ach? Und um was handelt es sich dabei genau, meine Liebe?" Dumbledore blickte sie über seine Halbmondbrille hinweg an. Seine leuchtend blauen Augen funkelten.
„Das Mädchen hatte einen stark verschmutzten Umhang mit, den sie immer noch in der Hand hat und dieser junge Mann hier hatte das hier mit", sie reichte dem alten Schulleiter das Kuscheltier und blickte ihn verzweifelt an. „Was hat das zu bedeuten, Albus? Das ist.. war Harrys Lieblingskuscheltier. Und genau dasselbe liegt hinter ihnen auf dem Stuhl. Ich weiß nicht, was das zu sagen hat, Professor."
Dumbledore musterte das alte Kuscheltier in seinen Händen und blickte nach einigen Minuten wieder auf. „Das kann ich dir jetzt leider auch noch nicht sagen, meine Liebe, aber ich habe bereits eine Vermutung. Diese jedoch", fügte er zwinkernd hinzu, als Lily sich etwas gerader hinsetzte, „muss ich zunächst überprüfen. Das wirst du doch sicher verstehen, oder?"
Lily senkte den Kopf. „Ja, natürlich, Sir." In Dumbledores Gegenwart fiel es ihr nicht schwer wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Es war nur zu leicht, wieder den Eindruck zu haben, ein Schüler zu sein und seinem Schulleiter gegenüber zu stehen.
„Was machen wir nun mit ihnen, Albus?", James war zurück und kniete sich neben seine Frau auf den Boden. „Ich hatte gedacht, dass wir die drei vielleicht zur Sicherheit von Madame Pomfrey untersuchen lassen sollten. Von dem, was man unter all dem Schmutz sehen kann ist dieser Junge hier doch recht blass", er deutete auf den Jungen, dessen Hand Lily immer noch in der ihrigen hielt.
„Ja, Poppy wäre durchaus ein sehr guter nächster Schritt. Auch ich hätte das vorgeschlagen. St. Mungos ist einfach viel zu öffentlich, besonders wenn Familie Potter dort aufkreuzt", Dumbledore kicherte vergnügte und wandte sich Mary zu. „Was würden Sie dazu sagen, Ms. Potter, schon einmal vorzugehen und Madame Pomfrey von unserer baldigen Ankunft in Kenntnis zu setzen?"
„Öhm, okay, Professor", mit einem letzten Blick auf die drei jungen Leute im Zimmer ihres Bruders und im Flur machte sie sich auf den Weg ins Wohnzimmer, um mit den Worten „Hogwarts, Dumbledores Büro" in einem Meer grüner Flammen zu verschwinden.
Ein Stockwerk weiter oben berieten die drei Erwachsenen gerade, wie sie es am besten anstellen sollten, ohne dass ein Schüler mitbekam, dass drei Unbekannte nach Hogwarts in den Krankenflügel transportiert wurden. Sie kannten das Risiko, welches von ihnen ausgehen konnte, nicht, ganz zu schweigen davon, dass die ganze Schule und vielleicht sogar der Krankenflügel von Schülern nur so wimmeln musste. Das Festmahl würde jeden Moment enden, was hieß, dass ganz Hogwarts auf dem Weg in die passenden Gemeinschaftsräume war.
„Am besten, wir flohen zu mir ins Büro und von dort aus direkt in das Büro von Madam Pomfrey. So vermeiden wir einen großen Aufstand und die ganzen Fragen, die sonst garantiert von meinen wissensdurstigen Schülern gestellt würden", Dumbledore schmunzelte seinen beiden ehemaligen Schülern zu, zückte seinen Zauberstab und richtete ihn auf den Jungen, der bewusstlos vor Harrys altem Kinderbett lag. Mit einem kleinen Schlenker seines Zauberstabs erhob sich der Körper in die Lüfte und schwebte hinter einem vorausgehenden, leicht vor sich hin summenden Dumbledore her. Lily und James zückten ebenfalls ihre Zauberstäbe und kümmerten sich um die anderen beiden.
„Was bedeutet das alles, Schulleiter?", fragte die aufgebrachte Schulkrankenschwester, kaum, dass sie aus ihrem Kamin gestiegen waren. „Ms. Potter kam hier rein gestürmt und verlangte von mir, ihr in mein Büro zu folgen. Ich habe sie natürlich gleich in ihrem Gemeinschaftsraum geschickt. Aber ich habe dort draußen Patienten zu versorgen, Albus! Einige der Zweitklässler haben sich einen Duellkampf geliefert. Der eine hat auf der Stirn ein zusätzliches Ohr, was dem anderen ganz offensichtlich zu fehlen scheint. Ihre Freunde haben alle orangene Haut und sind mit lila Pusteln übersäht."
„Das, was Ms. Potter gesagt hat, hat schon alles seine Richtigkeit, mein liebe Poppy", sagte Dumbledore beruhigend und wies die Potters an, durch die Tür hinter Madame Pomfreys Schreibtisch zu gehen, die anscheinend zu dem zusätzlichen Behandlungsraum führte. „Wir haben ungewöhnlichen Besuch, der jedoch vom Schülerauge verschont bleiben sollte. Du kommst schon gleich wieder zu deinen Patienten, aber zunächst muss ich dich leider bitten, diese drei hier zu untersuchen und uns alles über sie zu erzählen, was du in Erfahrung bringen kannst."
Er trat zur Seite und ließ der Schulkrankenschwester freie Bahn auf das unbekannte Trio.
„Nun, sie sind ordentlich verschmutzt", sagte sie zerknirscht und hob ihren Zauberstab. „Ich werde zunächst ein paar Diagnosezauber über die laufen lassen, um zu sehen, ob ihre Gesundheit auf dem Spiel steht." Sie wirbelte in einer eleganten Schleife ihren Zauberstab einmal über jeden der bewusstlosen Körper, beschwor zu jedem Bett ein Blatt Pergament und eine Feder herauf, die sie an das Bettgestell befestigte und schaute zu, wie die Federn in unterschiedlichen Tempi über die Blatter huschten. Ab und zu las sie mit, was die eine Feder gerade schrieb, sonst überprüfte sie die Körper nach offensichtlichen Verletzungen und sprach weitere Diagnosezauber. Als die letzte Feder ihr gegen den Kopf schlug und verschwand, sammelte die Heilerin die Pergamente zusammen, schniefte einmal und blickte auf das erste Blatt in ihrer Hand, was ihr prompt zu Boden fiel.
„Das kann nicht…", sie hob mit einer zitternden Hand das Pergament wieder auf und blickte mit entsetzter und verwirrter Miene auf das gelbliche Blatt in ihren Händen. „Das kann nicht sein, das gibt es nicht", murmelte sie. Sie schien die restlichen Anwesenden komplett vergessen zu haben. „Das ist unmöglich", ihre Stimme wurde immer leiser und schneller. „Nein! Ich habe den Zauber ganz sicher richtig ausgeführt! Ich hab ihn schon so oft ausgeführt, dass ich ihn im schlafenden Zustand ausführen könnte! Aber wie…"
„Darf ich dich unterbrechen, Poppy?", fragte Dumbledore zaghaft und legte der aufgebrachten Hexe eine Hand auf die Schulter. „Was, wenn ich fragen darf, ist so ungewöhnlich?"
Madame Pomfrey starrte ihn an, blinzelte und blickte wieder zurück auf ihre Aufzeichnungen, die sie immer noch verkrampft in den Händen hielt. Sie blätterte sie ein ums andere Mal durch. Ihre Augen wurden bei jedem Mal größer und ihr Mund öffnete und schloss sich immer wieder.
Sie räusperte sich. „Nun, Albus. Ich kann dir sagen, was hier so ungewöhnlich ist", fiebste sie und räusperte sich erneut. „Diese drei jungen Leute sich alle tot."
Stille.
„Tot?", fragte James verdutzt, ging zu dem Mädchen hinüber und fühlte nach ihrem Puls. „Aber, sie hat einen Puls. Wenn auch etwas schwach, aber sie hat einen." Er blickte zu Dumbledore, der die drei Neulinge mit zusammengezogenen Brauen musterte. „Wenn ihr Herz schlägt, wie kann sie dann.."
„Was Madame Pomfrey damit meint", sagte Dumbledore ruhig, die Hand immer noch auf Madame Pomfreys Schulter, „ist, dass sie in unserer Welt tot sind."
Lily blickte verwirrt zum alten Schulleiter hin. James Mimik nach zu urteilen, fing er so langsam an, Sirius Äußerungen, die den Geisteszustand des alten Zauberers betrafen, zu glauben. „Ich sag's dir, man! Der Kerl ist verrückt. Genial; ich wäre ein vollkommender Idiot, wenn ich das leugnen würde, aber er hat sie einfach nicht mehr alle. Muss das Alter sein. Oh Merlin, heißt das, wir werden auch verrückt? Ich bin älter als du, Krone! Oh, vielleicht bin ich ja schon verrückt! Bin ich verrückt, Jamie?"
„Was soll das heißen, ‚in unserer Welt'?", Lily blickte von Professor Dumbledore zu Madame Pomfrey und wieder zurück. „Was meint ihr damit?"
„Ich werde es euch später erläutern, Lily", sagte Dumbledore immer noch den drei angeblich toten und doch irgendwie lebenden Leuten zugewandt. „Doch nun interessiert mich ihr Gesundheitszustand mehr. Poppy, wärst du so gut?"
„Aber natürlich, Albus", sagte sie und blickte mit großem Widerwillen wieder auf die Pergamente in ihren Händen. Sie versuchte die Namen, die über jedem Krankenbericht standen zu ignorieren. „Also, dieser junge Mann hier", sie deutete auf den Jungen, der im Haufen ganz zuoberst gelegen hatte, „ist eigentlich ganz gesund soweit. Er hat eine leichte Gehirnerschütterung, die noch sehr frisch ist. Außerdem hat er sich vor etwa drei Jahren das Beim gebrochen. Aber sonst ist nichts weiter auffällig. Das Mädchen", sie deutete auf die bewegungslose Gestalt, die im mittleren Bett lag, „ist ebenfalls bei recht guter Gesundheit. Bei ihr konnte ich auch eine Gehirnerschütterung feststellen, jedoch auch einen missratenen Körperwandlungsversuch, vermutlich vom Vielsafttrank, und etwas, was ich nicht ganz deuten kann. Ihre Körperfunktionen wurden aus irgendeinem Grund für mehrere Monate lahmgelegt. Ich habe allerdings keinen blassen Schimmer, wie das hätte passieren können und vor allem, wie sie das hätte überleben können. Nun, dieser junge Mann hier", sie deutete auf den zweiten Jungen, „hat eine etwas längere Krankengeschichte. Zahlreiche Knochenbrüche, einmal sogar der Verlust sämtlicher Knochen in einem Arm, sowie Gehirnerschütterungen etc etc. Ebenfalls Nahrungsmangel in seiner frühen Kindheit. Was jedoch besorgniserregend und meiner Meinung nach nicht verständlich ist, ist, dass er mit allen Unverzeihlichen Flüchen getroffen wurde. Und das teilweise mehrfach."
Dumbledores Blick fuhr abrupt zur Krankenschwester hin. „Alle Unverzeihlichen Flüche? Bist du dir da sicher, Poppy?"
„Ja, Albus. Einhundert Prozent."
„Interessant." Der weise Zauberer fuhr sich langsam über den langen Bart und blickte nachdenklich besagten Jungen an.
„Wie meist du das, Poppy?", fragte Lily verdattert und wandte den Blick von dem Jungen ab. „Soll das etwa heißen, dass dieser Junge den Todesfluch überlebt haben soll?"
„Genau das soll es heißen, Lily."
„Unmöglich", flüsterte James und alle Augen wandten sich ihm zu. „Unmöglich", sagte er erneut. „Niemand kann dem Todesfluch entkommen! Niemand! Deswegen heißt er ja auch ‚Der Todesfluch'. Es gibt keinen lebenden Menschen, der ihn am eigenen Leib gespürt hat und die Geschichte weitererzählen könnte!"
„Anscheinend doch, mein Junge. Der Beweis liegt hier in Form eines doch recht dünnen jungen Mannes vor uns."
Nach einer kurzen, angespannten Stille sprach Dumbledore erneut. „Kannst du uns die Namen der drei erstaunlichen jungen Menschen geben?"
„Das kann ich, natürlich. Aber ich muss euch vorwarnen. Besonders euch, Lily und James. Das wird eventuell ein Schock."
Lily schluckte und James nahm ihre Hand.
„Das hier", Poppy deutete auf den ersten Jungen, „ist Ronald Billius Weasley."
„Unmöglich! Ronald Weasley ist vor fünf Jahren bei dem Versuch gestorben, ein Mädchen vor einem Troll zu retten!"
„Das weiß ich, Lily. Ich war es, der die beiden als tot erklärt hat. Doch besagtes Mädchen liegt atmend neben ihm. Das hier ist Hermine Jane Granger." Lily schüttelte den Kopf. Wie konnte das sein? Sie waren doch tot!
„Und dieser junge Mann hier", seufzte Madame Pomfrey und deutete auf den Jungen, der angeblich den Todesfluch überlebt haben soll, „hört auf den Namen Harry James Potter."
