Das Gleichgewicht der Natur
„Ah, Ms. Granger. Schön, dass sie bei Bewusstsein sind!" Albus Dumbledore trat in das Hinterzimmer des Krankenflügels und lächelte der immer noch recht mitgenommenen Hermine munter zu. „Wie geht es Ihnen, wenn ich fragen darf?"
„Ganz in Ordnung, Professor", antwortete das Mädchen und blickte Dumbledore dankbar an. „Es tut uns Leid, dass wir zur vereinbarten Zeit nicht am Friedhof waren, aber… ähm, Professor? Was ist das hier für ein Raum?" Verwirrt blickte sie sich um, erst jetzt merkte sie, dass sie nicht im normalen Krankenflügel war.
„Sie sind in einem Hinterzimmer zur Krankenstation. Ich habe mir die Freiheit genommen, Madame Pomfrey zu bitten, Sie hier, weit weg von neugierigen Blicken behandeln zu lassen." Hermine nickte langsam. „Danke, Sir."
„Keine Ursache", Dumbledores Augen funkelten amüsiert, als er die junge Frau vor ihm musterte. „Darf ich fragen, was genau Sie meinten mit dem vereinbarten Treffen?"
Hermine runzelte die Stirn. „Erinnern Sie sich nicht mehr, Sir? Sie haben uns doch gesagt, dass Sie uns nach ein paar Stunden wieder abholen würden. Harry wollte sein Elternhaus sehen, also sind wir dahin gegangen, aber der Boden ist eingestürzt. Wir müssen wohl das Bewusstsein verloren haben", sie blickte zur Seite und ihre Augen weiteten sich. „Sir! Wie geht es Ron und Harry? Wieso sind sie noch nicht wach?"
„Ganz mit der Ruhe, Ms. Granger. Alles ist in Ordnung. Die beiden jungen Herrschaften sind nur bewusstlos und müssten innerhalb der nächsten paar Stunden aufwachen. Aber, ich möchte Sie noch etwas fragen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Was genau sind die letzten Geschehnisse, an die Sie sich erinnern. Denken Sie genau nach. Sie meinten, der Boden in Mr. Potters Elternhaus wäre eingestürzt?"
„Ja, Sir. Sie haben uns in Godric's Hollow abgesetzt, damit Harry das Grab seiner Eltern besuchen konnte. Wir hatten danach noch etwas Zeit, also haben wir uns auf die Suche nach Harrys altem Haus gemacht. Wir sind hinein gegangen. Ich war dagegen, weil es doch recht marode und einsturzgefährdet aussah, aber es war ihm so wichtig! Nun ja, Harry ist die Treppe hinauf und recht zielstrebig auf ein Zimmer zugegangen. Das Mobiliar war kaum noch auszumachen, weil fast alles zerstört war. Ich nehme an, dass der abgeprallte Fluch das verursacht hat. Die ganze Wand und Teile des Daches fehlten. Harry schien etwas auf dem Boden gesehen zu haben, was ihn interessierte, denn er hat sich hingekniet und ist zu einer Stelle gekrochen. Das nächste, an was ich mich erinnere, ist, dass der morsche Boden nachgegeben hat und wir gestürzt sind. Danach weiß ich nur noch, dass ich aufgewacht bin und Madame Pomfrey meinte, ich solle mich nicht bewegen."
„Interessant", murmelte Dumbledore, der während Hermines Ausführungen aufgestanden und im Raum hin- und hergelaufen ist. „Durchaus interessant."
„Entschuldigen Sie, Sir, aber was ist interessant?" Hermine setzte sich auf und schaute zu ihrem Schulleiter hinüber.
„Nun, Ms. Granger, ich möchte Sie bitten, mich ausreden zu lassen, auch, wenn das, was ich Ihnen jetzt erklären werde etwas unverständlich und verwirrend für Sie klingen mag. Sie können natürlich nach meinen Ausführungen Fragen stellen", Dumbledore setzte sich wieder auf seinen Stuhl, wandte sich mit ruhiger Miene der anderen Hermine zu und fing an, zu erzählen.
„Nun, das hat sie doch ganz gut aufgenommen", sagte ein lächelnder Dumbledore und überließ der Krankenschwester eine erneut bewusstlose Hermine.
Zur selben Zeit saßen die Potters mit ihren beiden besten Freunden Remus Lupin und Sirius Black in Dumbledores Büro und diskutierten über das, was Lily und James soeben erfahren hatten.
„Eine andere Dimension, huh?", Sirius Black ließ sich in einen Stuhl fallen. „Und da ist er sich sicher?"
„Eben nicht! Er hat mehrmals darauf hingewiesen, dass das alles nur eine Vermutung ist, die rein auf Ideen beruht, aber Dumbledores Vermutungen beweisen sich nach einige Zeit normalerweise als richtig", James fuhr sich erschöpft mit einer Hand durch die Haare und schloss die Augen für einen Moment.
„Also liegt ein Stock unter uns euer toter Sohn?", Remus trat Sirius auf seinen Fuß und und warf ihm einen wütenden Blick zu.
„Sehr charmant, Tatze, aber ich glaube schon."
„Wow… das sind ja mal Neuigkeiten!"
Daraufhin folgte einige Minuten lang eine angespannte Stille. Jeder war in seinen Gedanken versunken. Keiner der vier Erwachsenen konnte es wahrhaben. Was für ein Mensch würde er sein? Lily und James hatten sich nach Harrys Geburt viele Gedanken gemacht. Sie hatten Pläne für Harry Erziehung geschmiedet, wann er seinen ersten Spielzeugbesen bekam – naja, den Plan hatte Sirius über den Haufen geworfen – wann er seinen ersten richtigen Besen bekam und ohne Aufsicht fliegen durfte, wo er fliegen durfte, was sie tun würden, wenn er in seine bockigen Jahre käme… All diese Pläne sind mit dem Mord an ihrem kleinen Kind zerstört worden. Mary war da etwas anders gewesen. Sie hatte erst recht spät Interesse an Quidditch gezeigt. Oh Merlin, Mary! Wie sollten sie Mary klar machen, dass ihr Bruder wieder lebte? Dass, obwohl das Grab Harrys nicht leer war ihr Bruder wieder in ihre Familie zurückgekehrt war? Gesund? Wie würde sie reagieren? Sie kannte nur Geschichten von ihm, als er noch ein Baby war. Sie alle kannten ihn nur als kleines Kind! Sie hatten keine Ahnung wie der beinahe erwachsene Harry war. Lily legte ihren Kopf in ihre Hände und versuchte ruhig zu bleiben. Er war ein sechzehn jähriger Zauberer, in einem Jahr würde er volljährig werden und sie hatten all diese Jahre verpasst! Wie war er aufgewachsen? Nun, ihr Gegenbild in Harrys Welt musste ihn ja aufwachsen gesehen haben. Das hieße, er würde zumindest sie und James kennen. Und sie beide mussten sich halt viermal so viel Mühe machen, ihn kennen zu lernen. Aber was, wenn ihr Selbst in Harrys Welt anders war als sie es in Wirklichkeit war. Von diesen ganzen verwirrenden Gedanken bekam sie langsam Kopfschmerzen. Hatte Madame Pomfrey nicht irgendetwas von Mangelernährung gesagt? Oh, Gott! Wenigstens einige Antworten zu diesen Fragen musste sie so schnell wie möglich bekommen, sonst würde sie bald den Verstand verlieren.
Mit diesem Gedanken sprang Lily auf, drehte sich auf den Fersen um, griff nach James Hand, der sie verdutzt ansah und marschierte wild entschlossen, ihren Sohn kennenzulernen auf die Tür zu, die aus Dumbledores Büro heraus führte, James hinter sich herziehend. Als sie ihren verwirrten Ehemann gerade aus der Tür heraus buchsieren wollte, wurde sie von einem breit lächelnden Albus Dumbledore aufgehalten, der ihr mit dem Satz „Alle drei sind noch immer, oder schon wieder, bewusstlos" den Wind aus den Segeln nahm. Blinzelnd sah sie den alten Zauberer vor sich an, als hätte dieser gerade verkündet er habe Severus Snape ein rosa Kleid vererbt.
„Stimmt es wirklich, Albus?" Lily drehte sich zu Remus um, der Dumbledore in die Augen sah. „Ist es wirklich Harry?"
„Harry und Hermine und Ron, ja. Ich habe Ms. Granger gebeten, mir die letzten Geschehnisse zu erläutern, an die sie sich erinnert und es hat mir zumindest die Antwort auf die Frage gegeben, wie sie in dem Zimmer landen konnten, wo Lily sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Natürlich die offensichtlichen Richtlinien des Schutzzaubers außen vor lassend, denn, seien wir mal ehrlich, wenn es sich bei dem einen jungen Mann um Harry handelt, und das ist nicht zu leugnen", fügte er eilig hinzu, als Sirius den Mund öffnete, um ihm mit einer Frage zu unterbrechen, „ so ist es eindeutig, dass er durch die auf Familienbande basierenden Schutzzauber ohne weitere Probleme hindurch kam. Er ist ja schließlich ein Mitglied dieser Familie", Dumbledore lächelte Lily und James an und wandte sich zu seinem Schreibtisch um. „Laut Ms. Granger waren die drei kurz vor dem Dimensionswechsel in eben diesem Raum, als der Boden einstürzte und sie das Bewusstsein verloren."
„Als der Boden einstürzte?", murmelte James und blickte Dumbledore mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Wieso soll denn der Boden einstürzen? Wenn wir in dem Haus leben, ist es doch nicht so marode, wie…"
„Genau das ist der Punkt James", sagte Dumbledore, nun wieder in einem großen Lehnsessel sitzend. „Genau das ist der Punkt, denn, wenn man Ms. Grangers Worten Glauben schenken darf, was meiner Meinung nach der Fall ist, hat in diesem Haus seit beinahe zwei Jahrzehnten keiner mehr gewohnt."
Als weder James noch Lily auf diese Aussage reagierten, bat Dumbledore Remus und Sirius die beiden aus ihrem Stupor herauszuholen und sie zu den beiden freien Stühlen zu führen.
„Es ist besser, wenn ihr beide sitzt, da ich euch jetzt den Grund für den Zustand eures Hauses nennen möchte."
James nahm Lilys Hand in ihre und lächelte ihr beruhigend zu.
„Laut Ms. Granger hat mein Ebenbild die drei an Halloween nach Godric's Hollow gebracht, damit Harry das Grab seiner Eltern besuchen konnte."
„Das Grab seiner… heißt das, Lily und James sind… sind tot?" Sirius starrte Dumbledore ungläubig an.
„In Harrys Welt, ja. In dieser ja ganz offensichtlich nicht", er zwinkerte den Betroffenen zu, die jedoch den Humor Dumbledores in diesem Moment nicht zu teilen vermochten.
Dumbledore räusperte sich und fuhr fort. „Ich habe euch beiden vor etwas über zwei Stunden meine Theorie dargelegt. Dass Menschen mehrere Wege mit mehreren folgenden Ereignissen zur Wahl haben; in jeder Sekunde ihres Lebens. Ich vermute, und ich bin mir relativ sicher nach dem, was Ms. Granger mir von ihrem Halloween 1981 erzählt hat, dass ihr beide einen anderen Weg an jenem Tag gegangen sein, oder genauer gesagt, dass ich einen anderen Weg gegangen bin, der eure weiteren Aktionen ebenfalls beeinflusst hat. Vor so vielen Jahren bekam ich eine Eule vom Ministerium und beschloss, euch sofort davon in Kenntnis zu setzen. Diese fatale Entscheidung hat euch dazu bewogen, Mr. Pettigrew als Harrys Aufpasser zu kontaktieren, welches zu unser aller Bedauern in Harrys Tod geendet hat. Doch in der Welt von Ms. Granger habe ich anscheinend beschlossen, euch beide nicht sofort zu konsultieren, denn ihr beide ward zugegen, als Voldemort beschloss, Harry zu ermorden. Ihr beide habt euer Leben für das von Harry gegeben. In der Hoffnung, Harry zu schützen, habt ihr euch beide geopfert. Durch dein Opfer, Lily, gestärkt von James', bekam Harry eine Art Schutzschild, wie Ms. Granger es ausdrückte, welches der Grund dafür war, dass der Todesfluch, welchen Voldemort nach eurem Tod auf den kleinen Harry schoss von diesem abprallte und Voldemorts Körper zerstörte. Harry kam mit einer Fluchwunde auf der Stirn davon, welche die Form eines Blitzes hat. Wie ihr seht, hat die Prophezeiung eine komplette Kehrtwendung in unserer Welt durchgemacht, verglichen mit der von Ms. Granger."
Das war alles zu viel für ihn. James hatte vor einiger Zeit die Augen geschlossen und konzentrierte sich vor allem auf Lilys Hand in seiner. Es war ein beruhigendes Gefühl, sie bei ihm zu spüren – war es immer schon gewesen, selbst, als Lily seine Gefühle noch nicht erwiderte. Alles, was er in diesem Moment machen wollte, war sich in sein großes Bett in Godric's Hollow zu legen, die Augen zu schließen und den Rest des Tages zu verschlafen. Seine Kopfschmerzen, die sich im Laufe der Ereignisse gebildet hatten, hatten Ausmaße angenommen, in denen er sie nicht mehr ignorieren konnte. Er würde zu Hause einen Schmerzlinderungstrank nehmen, oder, wenn es ihnen erlaubt war, Harry später noch zu sehen, Madame Pomfrey um einen solchen bitten. Bei dem Gedanken daran, Mary von den Geschehnissen zu erzählen, wurde ihm ganz anders zumute. Es schien ihm Monate her zu sein, dass sie allesamt nebeneinander vor Harry Grab standen und ihre Trauer aus sich hinaus ließen. Dass es erst diesen Morgen geschehen war, war für James unglaublich. Es war so viel in so kurzer Zeit passiert, dass ihm davon schwindelig wurde. Und Schwindel und Kopfschmerzen zugleich vertrugen sich nicht so gut.
Dumbledore redete und redete und schien gar nicht mehr damit aufzuhören. Lily sah zu James hinüber, der sich seit einigen Minuten nicht mehr gerührt hatte und sah, dass er die Augen geschlossen hatte und krampfhaft ihre Hand umklammerte. Sie strich ihm mit ihrer freien durch die Haare und küsste ihm auf die Wange. Er lächelte ihr müde zu. Sie wusste, wie er sich gerade fühlte. Noch an diesem Morgen hatten sie ihren Sohn auf dem Friedhof besucht, die Beerdigung vor ihrem inneren Auge erneut miterlebt und keine sechs Stunden später war er wieder bei ihnen – lebend, sechzehn Jahre alt und kein kleines Kind mehr. Doch er war ihr Sohn. Und er brauchte sie jetzt. Vor allem nach dem, was sie gerade von Dumbledore hörte. Sie waren nicht da, als er aufwuchs, als er seinen Hogwartsbrief bekam, das erste Mal in die Winkelgasse ging und seinen Zauberstab kaufte. Sie hatten so viel verpasst und es gab so viel nachzuholen.
„Doch zu allererst", sagte Dumbledore ruhig und räusperte sich. Lily und James zuckten zusammen und sahen ihren ehemaligen Schulleiter betreten an. Sirius grinste, Remus schüttelte nur leicht den Kopf. Mit einem Schmunzeln fuhr Dumbledore fort. „Zu allererst solltet ihr eure Tochter davon in Kenntnis setzen. Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, dass ihr Bruder zurückgekehrt ist. Ich werde mir währenddessen überleben, ob ich einen Weg finde, die drei wieder zurück in ihre Welt zu schicken."
„Was?", James sprang auf. „Nein! Das kannst du nicht… ich meine… Harry kann noch nicht… Nein! Wir haben ihn noch nicht einmal gesehen!", schrie James und funkelte den alten Mann vor ihm wütend an. „Sie können ihn nicht wieder zurück schicken!"
„Wir haben ihn doch gerade erst wieder!" Lily ging zum Schreibtisch hinüber und starrte Dumbledore direkt in die Augen. „Wehe, Sie nehmen uns unseren Sohn ein erneutes Mal weg!" Und mit diesen Worten stürmte sie zum Kamin, schmiss eine Hand voll Flohpulver in die Flammen, rief „Godric's Hollow, Krones Unterschlupf!" und verschwand mit einem letzten glühenden Blick zu Dumbledore in den wütend züngelnden Flammen. James folgte ihr ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen.
Dumbledore seufzte und sah zu Sirius und Remus hinüber. Sirius Miene war ähnlich der, die er zuvor auf dem Gesicht der panischen Mutter gesehen hatte, Remus begutachtete ihn abschätzend.
„Könntet ihr beide ihnen bitte ausrichten, dass ich keine Intentionen habe, ihnen ihren Sohn zu nehmen? Ich werde mich nur schlau machen. Vielleicht finde ich ja etwas, was ich jedoch bezweifle. Ich kenne keine Aufzeichnungen über eine solche Situation, also werde ich auch nicht so schnell einen Weg in die andere Welt finden. Jedenfalls nicht, ohne die Versionen von Mr. Weasley und Mr. Potter zu hören." Dumbledore nahm seine Halbmondbrille von seiner Nase und massierte sich die Schläfen. „Remus, wärst du so gütig und würdest mir Ms. Potter in mein Büro schicken? Ich werde ihr eine Woche frei geben. Falls sie Fragen stellt, sag einfach, ihre Eltern werden ihr alles erklären, sobald sie zu Hause ist."
„Natürlich, Albus", sagte Remus leise und ging mit raschen Schritten aus dem Büro.
„Und du, Sirius, vielleicht könntest du die beiden Potters beruhigen? Ich glaube nicht, dass sie mir jetzt großartig zuhören würden."
Sirius musterte ihn einige Sekunden stirnrunzelnd, zuckte dann mit den Schultern und wandte sich dem Kamin zu. „Ich hoffe, du stehst zu deinem Wort, Albus. Wenn sie Harry ein weiteres Mal verlieren, würde sie das zerstören. Und ich würde dann nicht unbedingt auf deiner Seite stehen." Mit einem Auflodern der Flammen war Sirius verschwunden.
Seufzend lehnte sich Albus Dumbledore in seinem Stuhl zurück und schaute in die noch unruhigen Flammen. „Wer hätte gedacht, dass das Gleichgewicht der Natur zu bewahren so schwer sein kann?"
