Jetzt kommt ein etwas längeres Kapitel ;) Viel Spaß beim Lesen!
Zum ersten Mal in seinem Leben
„Harry! Komm schon! Wach auf", grummelnd drehte sich besagter junger Mann erneut um und drückte sein Gesicht ins Kissen. „Aufwachen. Ich weiß, dass du mich hören kannst", Hermine piekste ihm in die Seite und seufzte, als er verschlafen versuchte, ihr Hand wegzuschlagen. Das Bett war gerade so schön weich und warm! „Ron, nein! Ron, mach das nicht! Das ist…" Platsch!
Prustend wirbelte Harry herum und fiel mit einem lauten Aufprall auf den kalten Steinfußboden. „Das war unnötig, Ronald!"
Mit finsterer Miene wischte sich Harry seine nassen Haare aus dem Gesicht und funkelte seinen sogenannten besten Freund finster an. „Wofür war das denn?"
„Hermines ständiges ‚Harry, steh auf' hat mich halt leicht genervt und da du nicht aufstehen wolltest, dachte ich, ich nehm's halt selbst in die Hand", Ron schmunzelte den pitschnassen Harry an und reichte ihm eine Hand. „Komm, lass dich trocken machen. Hermine hat uns was Wichtiges zu erzählen."
Als Harry wieder in trockenen Sachen auf seinem nun wieder trockenen Bett saß, gesellte sich Ron zu Hermine, die beide mit ernster Miene ansah. Harry zog seine Augenbrauen hoch und schaute zu Ron hinüber, der nur mit den Schultern zuckte. „Also", begann Hermine, stand auf und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. „Wo, denkt ihr, sind wir gerade?"
„Öhm", Ron kratzte sich an der Nase. „Naja, den Betten nach zu urteilen wohl in einer Krankenstation oder?" Er starrte Hermine an. „Wieso?"
„Wir sind nicht nur in irgendeiner Krankenstation, wie sind im Krankenflügel in Hogwarts", sagte Hermine und blieb vor ihren beiden Freunden stehen, die sie anschauten, als hätte sie den Verstand verloren.
„Wahnsinn, Hermine! In Hogwarts. Wär ich jetzt irgendwie nicht drauf gekommen", Ron verdrehte die Augen und zwinkerte Harry zu. „Wo sollten wir denn sonst sein?"
„Nein, du verstehst mich nicht! Wir sind nicht in Hogwarts! Also, naja, irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht", Hermine biss sich auf die Lippe und überlegte. Wie erzählte man seinen Freunden, dass man durch Zeit und Raum gereist war, in einem anderen Universum gelandet war, wo man zumal noch tot war und gleich wahrscheinlich die vor fünfzehn Jahren verstorbenen Eltern ihres besten Freundes durch die Tür marschiert kamen? Sie schüttelte den Kopf. Ihre vom Sturz in Godric's Hollow verstaubten Haare hatten wieder ihre hellbraune Farbe angenommen, jedoch nicht ihre Form eines wohl gehüteten Krähennestes, sondern lagen immer noch kreuz und quer über ihrem Kopf. Wie sollte sie das Chaos wieder herrichten? Sie sah im Moment schlimmer aus als Harry, und das sagte schon was!
„Worauf willst du hinaus, Hermine?" Harry blickte sie ruhig an. Oh, Gott! Wie sollte sie ihm das beibringen? ‚Nun ja, Harry, wir sind in einem anderen Universum gelandet, warum kann ich dir auch nicht erklären, aber Dumbledore meinte, dass, sobald wir wach sind, was ja jetzt der Fall ist, deine Eltern dich gerne sehen wollten. Aber keine Bange, ich bin mir sicher, dass es keine Todesser sind. Sie leben wirklich!' Jap, klasse. Sie hatte absolut keinen blassen Schimmer, wie sie das den beiden vor ihr – und vor allem dem mit den schwarzen Haaren – beibringen sollte, ohne dass sie entweder als verrückt rüberkam, Harry in Ohnmacht fiel oder beide sie angriffen, in der Ansicht, ihre Hermine würde so einen Schwachsinn nicht von sich geben und es müsste sich um einen Betrüger handeln.
„'Mine?" Sie zuckte zusammen, als sie Harrys Hand auf ihrer Schulter merkte. Er war irgendwann in ihrer panischen Diskussion mit sich selbst aufgestanden und zu ihr hinübergegangen. Ron saß wie vor ein paar Minuten immer noch auf ihrem Bett und starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren.
Hermine räusperte sich und Harry lächelte ihr zaghaft zu. „Vielleicht solltest du dich setzen", murmelte sie ihm leise zu und beobachtete, wie er sich mit leicht verwirrter Miene wieder auf seinem Bett niederließ, nicht jedoch, ohne auf den Platz nehmen sich zu klopfen und sie näher zu bitten.
Mit einem Seufzen setzte sie sich neben Harry, schloss kurz die Augen und begann zu erzählen.
„Also, wenn man es zusammen fasst", sagte sie mit leicht zitternder Stimme, „sind wir in einer Art Parallelwelt, wo wir drei tot sind, unsere Eltern leben und Dumbledore bis jetzt noch keine Ahnung hat, ob wir je zurück nach Hause kommen." Sie blickte von Harry, der sie mit leicht geöffneten Mund anstarrte, zu Ron, der hochrot angelaufen war, und wieder zurück zu Harry.
Als nach einigen Minuten immer noch keiner der beiden etwas sagte, gewann ihre Nervosität die Überhand. „Und? Was sagt ihr?"
Ron war der Erste, die seine Fassung zurück gewann. Er blinzelte und sah verstohlen zu Harry hinüber, der sich immer noch nicht regte. „Naja, also für uns beide ändert sich ja nicht wirklich was, oder Hermine? Also ich meine, wir haben ja eine Familie zu Hause, also…", mit einem Blick zu Hermine brach er abrupt ab. Diese funkelte ihn böse an und deutete auf Harry.
Dieser merkte gar nicht, dass die anderen beiden sich unterhielten, er war viel zu sehr damit beschäftigt, seine konfusen und aufgeregten Gedanken unter Kontrolle zu bringen und zu ordnen. Hermine hatte gesagt, seine Eltern würden leben. Seine Eltern! Stimmte es? Oder war Hermine gerade noch so verwirrt, wie er es im Moment war? Nein, es musste stimmen. Sie meinte, Dumbledore hatte ihr alles erklärt, als er und Ron noch bewusstlos waren. Doch was hieß das alles für ihn? In seiner Welt, so komisch das auch klang, war er ohne Eltern aufgewachsen. Er hatte bei der Schwester seiner Mutter gelebt und die hatte sich nie groß um ihn gekümmert. Was sollte man sich schon um einen Freak kümmern. Als er jünger war hatte er sich immer vorgestellt, wie sein Leben wäre, wenn seine Eltern nicht Pettigrew, sondern Sirius als Geheimniswahrer genommen und behalten hätten. Vor Hogwarts hatten ihm seine Tante und sein Onkel bei Fragen über seine Eltern immer dasselbe als Antwort gegeben. ‚Deine Eltern waren Nichtsnutze! Sind in 'nem Autounfall gestorben und Recht so sag ich dir! Gesoffen hatten sie! Und jetzt stell keine Fragen mehr!' Er hatte es nie glauben können, dass seine Eltern ‚Nichtsnutze', wie Onkel Vernon es nannte, gewesen waren. Er hatte immer aus einem Bauchgefühl heraus gewusst, dass sie ihn geliebt hatten. Mit Hogwarts kam dann die Erklärung für ihren Tod und die Gewissheit, dass alles anders gewesen wäre, würden seine Eltern noch leben. Und hier, in dieser Welt, sollten sie noch am Leben sein! Wie es wohl war, Eltern zu haben? Er hatte Ron und Hermine immer deswegen beneidet – wegen einer Familie, wegen Eltern. Selbst, wenn er keine Geschwister hatte, so wie Hermine; er hätte alles darum gegeben, richtige Eltern zu haben, doch er musste ebenfalls einsehen, dass mit Magie nicht alles herbeigezaubert werden konnte.
Dumpf hörte er, wie Hermine Ron anfauchte. Er zuckte zusammen, als ihm eine warme Hand leicht über die Wange strich. Blinzelnd sah zu Hermine hinauf, die ihn mit einem traurigen Lächeln ansah. Er hinderte sie nicht daran, seine Tränen wegzuwischen. Er konnte sie eh nicht aufhalten – weder die Tränen, noch Hermine. Das war einfach alles viel zu viel für ihn. In dem einen Moment ging er durch sein komplett zerstörtes Elternhaus, durch das Haus, in dem er als Kleinkind gelebt hatte, in dem seine Eltern für ihn gestorben waren, sah die Stellen, an denen sie mit dem Todesfluch getroffen wurden und im nächsten wachte er auf und es wurde ihm gesagt, seine Eltern würden bald kommen, um ihn zu sehen. So sehr er sich auch freute, er schaffte es nicht, diese Freude vor seine Trauer zu stellen. Was, wenn sie ihn nicht mochten? Wenn das, was auch ihm durch die Dursleys geworden war ihnen nicht gefiel? Wenn sie ihn verstießen und er erneut ohne Familie zurückgelassen wurde. Das ist doch nichts Neues, dachte er niedergeschlagen. Ich habe keine Familie und werde wahrscheinlich auch nie eine haben. 'Freaks verdienen es nicht, geliebt zu werden', sagte eine Stimme in seinem Kopf, die verdächtig nach seinem Onkel klang.
„Wir sind bei dir, Harry", flüsterte Hermine ihm zu und nahm seine Hand in ihre. „Wir sind immer bei dir, vergiss das nicht!"
Im Büro des Schulleiters saß Albus Dumbledore hinter seinem Schreibtisch aus Massivholz und blickte auf seine Notizen, die er nach dem Gespräch mit Hermine Granger gemacht hatte. Ms. Granger hatte ihm, nachdem sie erneut das Bewusstsein wiedererlangt hatte, möglichst detailliert die Geschichte ihrer Dimension erläutert. Harrys Eltern waren gestorben, um ihn zu retten. Damit hätten sie eine uralte und starke Magie heraufbeschworen, die es möglich machte, Harry den Todesfluch überstehen zu lassen. ‚Die Magie liegt in seinem Blut', hatte Ms. Granger ihm gesagt. ‚Harry hat mir erzählt, das sei der Grund, warum er bei seiner Tante leben muss und nicht bei Professor Lupin.' Doch wie konnte ihm all das dabei helfen, die drei Jugendlichen wieder in ihre Welt zurück zu schicken, wenn dies überhaupt möglich war. Er hatte in all seinen Büchern nachgelesen und gehofft, auf etwas Nützliches zu stoßen, jedoch vergebens. Er strich sich nachdenklich über den Bart und sah erneut auf seine Notizen hinunter. Irgendwo musste doch ein Ansatzpunkt zu finden sein!
In diesem Moment züngelte das Feuer in seinem Kamin hellgrün auf und nach einander stolperten die Mitglieder der Familie Potter in sein Büro und überrieselten seine Notizen mit einem feinen Rußschleier.
„Entschuldige, Albus", sagte Lily und strich sich den Schmutz von den Klamotten. „Ich werde mich nie an diese Art zu reisen gewöhnen!"
„Meine Liebe", Dumbledore musterte sie amüsiert und trat näher, um die Potters zu begrüßen, „auch ich habe Jahrzehnte gebraucht, bis ich weniger Ruß an mir hatte, als im Kamin zu finden war." Er kicherte und wies zu seinem Schreibtisch. „Ich war gerade dabei, Ms. Grangers Erläuterungen durchzugehen. Es sind einige sehr interessante Geschehnisse dabei, doch ich befürchte, dafür ist nun nicht die Zeit", fügte er eilig hinzu, als er die Gesichter der Familie des Jungen vor sich sah, der einen Stockwerk weiter unten gerade wohl möglich den größten Schock seines Lebens verdaute.
„Wir sind nicht hergekommen, um zu plaudern, Albus", sagte James knapp und richtete sich auf. „Wir möchten Harry sehen."
„Selbstverständlich möchtet ihr das", Dumbledores Augen funkelten amüsiert. „Und ich möchte euch auch nicht weiter davon abhalten. Lasst mich nur kurz bei Madame Pomfrey nachfragen, ob die drei Neuankömmlinge bei Bewusstsein sind. Du weißt genauso gut wie ich, dass unsere liebe Poppy es ganz und gar nicht gerne sieht, wenn man ihren Patienten ihren wohlverdienten Schlaf raubt", er zwinkerte James zu und ging zu seinem Kamin hinüber, nahm etwas Flohpulver aus der Schale auf dem Sims, schmiss es ins Feuer und steckte seinen Kopf hinein, mit den Worten „Hogwarts, Krankenflügel, Pomfreys Büro".
Während Dumbledore vor dem Kamin hockte und mit der Schulkrankenschwester sprach, blickte Mary nervös zu ihren Eltern hinüber. Ihre Mutter umklammerte die Hand ihres Vaters, der leise mit ihr sprach. Sie zitterte leicht.
„Nun, Poppy sagt, sie sind wach", sagte Dumbledore, als er sich wieder aufrichtete. Lily wollte gerade James und ihre Tochter zur Tür ziehen, als der Schulleiter sie erneut zurückrief.
„Was denn noch?", fauchte sie den weisen Zauberer an und wirbelte herum. „Ich will endlich meinen Sohn sehen!"
„Und ich werde euch auch nicht daran hintern", antwortete Dumbledore gelassen und blickte sie über seine Halbmondbrille hinweg an. „Ich möchte euch nur nahe legen, mit Bedacht an die ganze Sache ranzugehen. Mr. Potter verarbeitet gerade die Nachricht, dass seine Eltern noch leben und dass er sogar eine Schwester hat", er zwinkerte Mary munter zu. „Es ist im Augenblick sehr viel für ihn und ich möchte euch bitten, das zu berücksichtigen." Mit diesen Worten wandte er sich erneut seinen Aufzeichnungen zu.
Sie konnten gehen. Und das taten sie, und wie sie das taten. Mit wehenden Haaren eilte Lily, gefolgt von ihrem Mann und ihrer Tochter die Gänge hinunter, um eine Ecke durch einen weiteren Gang, durch eine Tür, die vorgab, eine Mauer zu sein, bis sie schließlich vor den verschlossenen Flügeltüren der Krankenstation standen.
Hinter diesen Türen wartete ihr Sohn auf sie. Bei diesem Gedanken hielt ihre Hand auf der Türklinke inne. Ihr Sohn. Ihr lebender Sohn. Wie er wohl war? Ob er sie erkannte? Ob er so wie James in seinem Alter aussah? Schon als Baby konnte sie einige Merkmale erkennen, die er eindeutig von seinem Vater vererbt bekommen hatte – und das war nicht nur das schwarze chaotische Haar. Sie atmete tief und zitternd ein. Sie konnte das! Sie würde das schaffen.
James strich seiner zitternden Frau über die Haare. Sie hatte sich seit einigen Sekunden nicht mehr bewegt, stand einfach da, die Hand auf der Türklinke und versuchte sich mit tiefen Atemzügen zu beruhigen. Er wusste, wie schwer es für sie war, er fühlte genauso. Sie lebten jeden Tag mit den Erinnerungen, wie der kleine Körper ihres Sohnes still in seiner Krippe lag, kalt. Doch sie lebten weiter. Und wenn sie Glück hatten, lebte ab jetzt auch Harry mit ihnen. Langsam schob James Lilys Hand von der Klinke und drückte die Flügeltüren auf.
Im Krankenflügel lagen recht viele Schüler, die sich an Halloween einen Streich geliefert hatten. Die meisten gingen entsetzlich schief. Recht nah an der Tür lag ein Junge mit orangener Haut und lila Pusteln, neben ihm lag ein weiterer, dem Hörner aus der Stirn ragten.
Doch, das, was ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, war die Tür zu ihrer Linken. Sie führte in Madame Pomfreys Büro, hinter dem das zusätzliche Krankenzimmer lag. James ging voran, klopfte und trat ein. Die Krankenschwester schloss gerade die Tür zu dem Hinterzimmer, blickte auf und ging sofort auf sie zu. „Sie sind wach, jedoch alle sehr mitgenommen. Ihre Verletzungen sind größtenteils geheilt, einige Blutergüsse sind noch zu sehen, aber nichts Schlimmes. Ich habe das Bett von Mr. Potter etwas abgetrennt, damit ihr etwas Privatsphäre habt."
„Danke, Madame Pomfrey", sagte James leise und die Krankenschwester lächelte ihm zaghaft zu. „Ihr könnt reingehen."
Lily atmete tief durch, drückte James Hand und ging langsam auf die Tür zu, neben der Poppy mit einem aufmunternden Lächeln stand.
„Vielleicht sollte ich erst einmal hier draußen warten", meldete sich Mary und blieb stehen. „Ich glaube, es ist schon genug Aufregung, wenn er nur euch beide zu Gesicht bekommt."
James lächelte ihr dankbar zu und Lily küsste sie auf die Wange. „Danke, mein Schatz", flüsterte sie und wischte sich eine Träne von der Wange. „Wir rufen dich."
Mit diesen Worten drehte sich James zu der Tür um, klopfte einmal, drückte die Klinke hinunter und betrat den kleinen Raum.
Die drei Betten, die am Nachmittag dort an der Wand standen waren nun durch einen weißen Vorhang voneinander getrennt worden, um den Patienten und ihren Besuchern etwas Privatsphäre in dem engen Raum zu bieten. Auf dem linken Bett saß ein Junge – der Haarfarbe nach zu urteilen Ron Weasley – der sie mit offener Faszination und Mund anstarrte. In dem Bett neben ihm reichte gerade Hermine Granger über die Lücke zwischen ihrem und seinem Bett, um ihm gegen den Kopf zu schlagen.
„Oi!" Ron funkelte sie böse an, sie verdrehte nur genervt die Augen. „Ich finde, wir sollten mal eben zu Madame Pomfrey gehen. Ich glaube, wir beiden könnten etwas frische Luft vertragen."
„Aber ich will keine... Au!" Mit einem letzten Schlag gegen den Kopf nahm Hermine Ron beim Arm und zerrte ihn vom Bett. „Frische Luft wird dir gut tun, Ronald", fauchte sie und schleppte ihn aus dem kleinen Raum.
Schmunzelnd sah ihr James hinterher. Die beiden erinnerten ihn nur zu sehr an Sirius und Remus. Sirius war auch immer so begriffsstutzig gewesen und Remus hatte harte Maßnahmen ergreifen müssen. An der Tür drehte Hermine noch einmal um, lächelte ihnen schüchtern entgegen und schob Ron mit einem heftigen Ruck durch die Tür, die sie hinter ihm schloss.
Nun waren James, Lily und Harry allein im Zimmer. James merkte, wie das Zittern von Lilys Hand etwas nachließ und blickte auf. Vor ihm saß ein Junge mit pechschwarzen Haaren, die in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf abstanden. Schmunzelnd dachte er, wie bekannt ihm diese Haare vorkamen, da er sie jeden Morgen vor dem Spiegel versuchte, zu bändigen. Selbst ihr Spiegel sagte, es hätte keinen Sinn, Zeit damit zu verschwenden. Der Junge – Harry – war recht mager und wirkte beinahe zerbrechlich. Doch das, was ihn besonders in den Bann zog waren seine Augen – smaragdgrün, genau wie die seiner Mutter.
James schluckte und lächelte ihn unsicher an. „Hallo", sagte er zaghaft und zog Lily langsam, um Harry die Möglichkeit zu geben, zurückzuweisen, zu Hermines Bett.
Harry konnte es nicht fassen. Vor ihm standen seine Eltern! Er hatte Fotos von ihnen, doch in denen sahen sie etwas jünger aus. Diese Menschen, die vor ihm standen und ihn mit leuchtenden Augen ansahen waren älter. Sein Vater hatte dieselben hoffnungslosen Haare, wie er. Auch seine standen an den unmöglichsten Stellen ab, besonders an seinem Nacken, genau wie bei Harry. Er war groß, größer als er und als seine Mutter, athletisch gebaut und hatte eine leichte gesunde Bräune. Seine Augen waren ein warmes Haselnussbraun, mit leichten grünen und goldenen Akzenten, soweit er es von dieser Entfernung sehen konnte. Er blickte ihn mit so viel Liebe in den Augen an, dass Harry der Atem stockte. So hatte ihn noch nie jemand zuvor angesehen. Neben ihm stand seine Mutter, die langen feuerroten Haare fielen ihr über den Rücken. Sie war ebenfalls etwas größer als er, wenn auch nicht viel. Ihre Statur war zierlich und sie hatte ein liebevolles Lächeln auf den Lippen. Ihre Nase war mit hellen Sommersprossen gesprenkelt, die aufgrund der fehlenden Sonne zu dieser Jahreszeit wieder anfingen langsam zu verblassen. Ihre hellgrünen Augen strahlten so viel Zuneigung und Wunder aus, dass es ihm schwer fiel, sich von ihrem Anblick zu lösen. Diese Augen – seine Augen.
Durch die Fotos, die er von seinen Eltern besaß, wusste er, dass Leute wie Dumbledore, Sirius oder Remus nicht ohne Grund sagten, er würde seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten sein, aber es mit eigenen Augen so wahrhaftig zu sehen, war ein ganz anderes Gefühl, als Fotos von längst vergangenen Tagen anzuschauen.
Er hatte Eltern!
Lily wusste nicht, was sie sagen sollte. Harry sah genauso aus, wie sie es sich immer erträumt hatte. Er war das Ebenbild von James, mit der Ausnahme seiner Augen – ihre Augen. Seine Nase war etwas kürzer als die von James und im Großen und Ganzen war er viel dünner und kleiner als ihr Mann, doch sie bezweifelte, dass das an den Genen lag, sondern viel mehr an der Weise, wie er aufgewachsen war. Petunia würde ihr dafür noch Rechenschaft schulden! Selbst, wenn die Petunia, die sie kannte, sich seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr bei ihnen gemeldet hatte… Harry blickte sie mit großen Augen an, sie starrte zurück. Sie konnte es nicht fassen. Ihr Sohn! Er war so schön, so einmalig. Am liebsten würde sie ihm um den Hals fallen, doch sie wusste, Harry würde das wahrscheinlich nicht gut wegstecken. Immerhin hatte er bei sich zu Hause keine Eltern.
James fühlte sich nicht viel anders als seine Frau. Begierig sah er Harry an, merkte sich die Form seines Gesichtes, die Lage jedes Muttermals und Leberflecks, brannte das Aussehen seines Sohnes in sein Gedächtnis. Es war unglaublich, wie ähnlich er ihm sah. Der schüchterne und doch neugierige, ungläubige Blick, der ihm sein Sohn zuwarf, die unsichere Körperhaltung, die zitternden, nervösen Hände, einfach alles an ihm war wundervoll! Er wollte Harry diese Unsicherheit nehmen, er wollte irgendetwas sagen, doch was sagte man seinem Sohn, den man als letztes als kleines Baby gesehen hatte?
Harry blickte von seiner Mutter, die ihn begierig musterte, zu seinem Vater, der nicht weniger glücklich aussah. Er wollte etwas sagen, doch er wusste nicht was. Dies waren seine Eltern, doch er kannte sie nicht. Wie oft hatte er sich vorgestellt, wie es wäre, wieder mit ihnen vereint zu sein? Er hatte sich ausgemalt, wie sie sich weinend in den Armen lagen, einander zuflüsterten, wie sehr sie sich liebten und immer für einander da sein wollten, doch jetzt, als er tatsächlich in dieser Situation war, fehlten ihm die Worte. Für ihn waren es fremde Menschen, auch, wenn er sich so fühlte, als kannte er sie schon sein ganzes Leben lang.
Eine leise Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er drehte den Kopf ein wenig zu schnell seiner Mutter entgegen. Ou, das hörte sich nicht gut an, dachte Harry zerknirscht und rieb sich grummelnd den Nacken.
Seine Eltern kicherten.
„Alles in Ordnung?", fragte seine Mutter lächelnd und ging langsam auf sein Bett zu, wo sie sich mit einigem Abstand zu ihm niederließ.
Harry blickte seine Mutter an und spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. „Ähm, ja, alles in Ordnung", murmelte er und blickte in seinen Schoß hinunter, wo er die Hände ineinander schloss. „Passiert mir öfter", fügte er leise hinzu und lächelte ihnen schüchtern entgegen.
Seine Stimme! Lilys Lächeln wurde nur noch breiter.
„Das kenne ich", sagte sein Vater und blickte ihn schmunzelnd an. „Deine Mutter sagt immer, irgendwann werde ich ohne Kopf da stehen."
„Wenn du auch immer mit den Gedanken wo anders bist, brauchst du dich gar nicht zu wundern, dass du dich erschreckst, wenn jemand was sagt", sagte Lily gespielt ernst und zwinkerte ihrem Mann zu. „Selber schuld!"
„Muss wohl im Blut liegen", James fuhr sich durch seine Haare und machte sie dadurch noch unordentlicher. „Ich dachte, es gäbe nur einen Potterfluch."
„Du meinst, das Chaos auf euren Köpfen, was du Haare nennst?", Lily blickte abwechselnd zu James und zu Harry und schüttelte den Kopf. „Schande, so was."
Harry beobachtete, wie seine Eltern mit einander umgingen und sich ärgerten. Ja, er konnte verstehen, warum Sirius und Remus immer von den beiden geschwärmt hatten. So verschieden und doch ähnlich.
„Harry?", er wandte sich zu seinem Vater um, der ihn mit einem Lächeln ansah. „Ich hab gehört, dass deine Freundin Hermine dir alles erzählt hat? Also, wo du hier bist und all das?"
Harry atmete tief durch und nickte.
„Dann weißt du auch, dass da noch jemand ist, der dich gerne kennenlernen möchte?" James blickte zu seinem Sohn hinunter als dieser erneut langsam nickte.
„Möchtest du, dass ich sie reinhole? Sie war so aufgeregt, als wir ihr von dir erzählt haben und ich befürchte, dass sie inzwischen vor lauter Nervosität angefangen hat, Madame Pomfrey in den Wahnsinn zu treiben." In diesem Moment drang ein Knall aus dem anliegenden Büro, gefolgt von einem Aufschrei. „Oder sie hat es schon geschafft", fügte James mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu, ging zu Tür, öffnete sie und lugte in den Raum dahinter.
„Sie ist ein wenig hibbelig, wenn es darum geht, warten zu müssen", erklärte Lily als sie den Ausdruck auf Harrys Gesicht sah. „Obwohl sie diejenige war, die vorgeschlagen hat, zu warten."
Mit einem genervten „Na, endlich" von einer gestressten Madame Pomfrey trat ein Mädchen mit feuerroten Haaren und einem schüchternen Lächeln in den Raum, blieb vor Harry stehen, holte tief Luft und sagte „Hi! Ich bin Mary."
„Harry", er streckte Mary eine Hand entgegen, die sie wegschlug und ihm stattdessen um den Hals fiel. Dieser zuckte zusammen.
„Mary!" rief Lily entsetzt und zog sie von Harry herunter. „Um Gottes Willen, kannst du dich nicht mal zusammen reißen?"
„Sorry, Mum", Mary sah nicht wirklich so aus, als ob es ihr großartig leid täte. Sie wandte sich von ihrer Mutter ab, die sich mit einem Seufzen zu ihrem Mann gesellte, der grinsend an der Tür stand, und drehte sich wieder ihrem Bruder zu. „Spielst du Quidditch? Ich bin seit dem dritten Jahr dabei. Ich bin ein Jäger. Was hast du für einen Besen? Hast du überhaupt einen Besen?"
Harry musterte amüsiert, wie seine Schwester ihm Fragen über Fragen an den Kopf warf, ohne ihm großartig Zeit zum Antworten zu geben. Grinsend drehte er sich zu seinen Eltern um, die Arm in Arm neben der Tür standen und ihre Kinder liebevoll ansahen. James zwinkerte ihm zu und Lily verdrehte die Augen, als ob sie sagen wollte ‚Versuch sie zu ignorieren. Sie ist nur aufgeregt.'
Er hatte eine Familie, eine echte Familie, die ihn so akzeptierte, wie er war. Seine Mutter lächelte ihm zu, sein Vater blickte stolz auf ihn hinab und seine Schwester erzählte immer noch, wie sie es geschafft hatte, mit Hilfe von Freunden am Slytherintisch dampfenden Schleim zu verteilen, der erst erschien, wenn ein Slytherin etwas gegen Gryffindor dachte oder sagte. „Also warst du es doch!"
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er eine ungefähre Ahnung, was es hieß, akzeptiert zu werden. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er eine Familie. Zum ersten Mal in seinem Leben war er glücklich.
