2. Schuljahr
Diese Weihnachtsferien würde Hermine nicht nach Hause fahren, sondern bei Harry und Ron in Hogwarts bleiben, um den Vielsafttrank zu nehmen und Draco Malfoy nachspionieren zu können. Es war alles vorbereitet, in ein paar Tagen war es endlich soweit und ihr Warten hatte ein Ende.
Am Weihnachtsmorgen stand Hermine früher auf als sonst. Sie sah nach dem Vielsafttrank, gab noch ein paar Florfliegen hinzu – und nickte zufrieden, da der Trank endlich fertig war.
Dann ging sie zurück in den Gryffindorturm und setzte sich an einen Tisch im Gemeinschaftsraum. Dieses Jahr waren nur die Weasleys, Harry und sie aus Gryffindor da geblieben und da die Jungs und Ginny noch schliefen, hatte sie absolute Ruhe. Sie holte sich ein Pergament hervor, eine Feder und ein Tintenfass und begann, einen ganz besonderen Brief zu schreiben.
Sehr geehrter Professor Snape,
ich wünsche Ihnen auch dieses Jahr Fröhliche Weihnachten. Keine Sorge, ich habe Ihre Bitte vom Vorjahr nicht vergessen und auch nicht Ihre Abneigung gegenüber Weihnachten im Allgemeinen, aber zum Ersten ist zu sagen, dass Sie mir nur verbaten, persönlich vorbeizukommen, und zum Zweiten, dass ich beschlossen habe, Ihnen auch gegen Ihren Willen die Freude an Weihnachten näherzubringen. Sie können sich selbstverständlich dagegen wehren, aber ich werde nicht aufgeben. Sie werden sich vielleicht wundern, warum alle solche Angst vor Ihnen haben, aber Ihre Drohgebärden spurlos an mir vorüberziehen. Ich kann Ihnen die Antwort geben: Egal, was Sie sagen oder tun, ich habe nur das Bild von Ihnen in meinem Kopf, wie Sie mir damals die Zauberei zeigten und mich zu meinen Eltern zurückbrachten. Ich weiß, dass Sie nicht wirklich böse oder gemein sind, sondern sich nur eine Wand aus Respekt vor Ihren Schülern aufbauen wollen. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass ich Sie nicht wegen Ihrer furchteinflößenden Art respektiere sondern wegen Ihres unendlich großen Wissens und der Kunst, mit der Sie einen Zaubertrank brauen.
Fröhliche Weihnachten,
Hermine Granger
PS: Wenn Sie vorhaben, mir wegen dieses Briefes Punkte abzuziehen, dann halte ich Sie nicht auf – Punktabzug für Gryffindor ist mir gleichgültig und wird mich ganz sicher nicht von meinem Vorhaben abhalten, Ihnen die Weihnachtsfreude näherzubringen. Außerdem ist dieser Brief mit einem Zauber verhext, sodass Sie die einzige Person sind, die ihn lesen kann – nur für den Fall…
Dann verhexte sie den Brief mit dem besagten Zauberspruch, ging zum Eulenturm hinauf und verschickte ihn. Ein wenig bange war ihr schon bei der Vorstellung, wie er vermutlich reagieren würde, aber einen Rückzieher würde sie deswegen trotzdem nicht machen. Sie hatte keine Angst vor ihm – und wenn er ihr den Rest des Jahres Nachsitzen aufdrücken würden!
Sie ging zurück in den Gryffindorturm, holte ihre Geschenke für Harry und Ron aus ihrem Zimmer und ging in den Schlafsaal der Jungen, um das Weihnachtsfest beginnen zu lassen.
Hermine saß auf einem Bett im Krankenflügel, da sie es doch tatsächlich geschafft hatte, sich in eine Katze zu verwandeln… Blödes Katzenhaar im Vielsafttrank… Sie schämte sich so sehr, doch wie Harry Recht behielt, hatte Madame Pomfrey ihnen ihre Ausrede, sie sei von einem fremden Fluch im Korridor getroffen worden, geglaubt. Aber sie hatte Harry und Ron sofort aus dem Krankenflügel geworfen und einen Hauselfen zu Professor Snape geschickt. Nun wartete Hermine auf dessen Ankunft – und wie er vielleicht auch auf den Brief reagieren würde…
„Poppy, du hast nach mir gerufen?", ertönte seine Stimme, als er den Krankenflügel betrat.
„Ja, Severus, es handelt sich um einen seltsamen Fluch", sagte sie, während sie zu Hermine gingen.
Als Snape Hermines katzengleiche Gestalt erblickte, wurden seine Augen groß und er starrte sie entsetzt an.
Hermine schaute verlegen zu Boden.
„Nun", begann Snape ernst und Hermine war erstaunt, keine Belustigung aus seiner Stimme zu hören. „Dann werde ich sogleich einen Gegentrank brauen."
Aus Neugier sah Hermine hoch in sein Gesicht und war überrascht, immer noch kein Amüsement in seinem Blick zu erkennen. Würde er nicht normalerweise über sie lachen, wenn ihr so etwas passiert war? Schließlich war die Ironie des Ganzen gerade für Severus Snape genial: seine klügste Schülerin wird von einem dämlichen Zauberspruch getroffen und in eine hässliche Katze verwandelt…
„Aber was hat sie denn?", fragte Madame Pomfrey besorgt. „Ich habe alle Analysezauber überprüft, die ich kannte, und keiner hat angeschlagen."
„Das ist nicht so wichtig", wehrte Snape ab.
Hermine schaute ihn verdutzt an. Wie konnte Snape denn einen Gegentrank brauen, wenn er nicht wusste, was sie hatte?!
Madame Pomfrey fragte so etwas Ähnliches. Doch Snape bat sie lediglich, den Raum zu verlassen, damit er allein mit Miss Granger reden könne, was sie schließlich auch tat, auch wenn ihr Blick eine Mischung aus Verwirrung und Wut zeigte.
Als Madame Pomfrey die Tür hinter sich verschlossen hatte und Snape sich nun Hermine zuwandte, klopfte ihr Herz unglaublich schnell. Warum um Himmels Willen wollte er mit ihr allein sprechen? Sie hatte keine Angst vor ihm, es war lediglich Unsicherheit und Nervosität vor dem Kommenden.
Snape ließ sie noch einen Augenblick zappeln, bevor er sagte: „Vielsafttrank, nicht wahr, Miss Granger?"
Hermines Augen weiteten sich einen Augenblick – und verrieten sie so.
„Das dachte ich mir", erwiderte Snape nur und ein kleines triumphierendes Grinsen erschien auf seinem Gesicht, bevor es sich vergrößerte und dabei nahezu diabolisch wurde.
Hermine kannte diesen Blick. „Was wollen Sie, Professor?", fragte sie trocken.
Sein Lächeln verblasste und seine Augen zogen sich zusammen. „Wieso denken Sie, dass ich etwas von Ihnen wollen würde?"
Hermine antwortete unbeirrt: „Immer wenn Sie jemanden so anschauen, haben Sie einen Plan. Sie wägen nur noch ab, ob er gelingen könnte oder nicht, bevor Sie zuschlagen."
Snape starrte sie an. Sie hatte ihn durchschaut – das hatte bisher noch niemand geschafft! Selbst Dumbledore hatte seine Schwierigkeiten damit. Aber sie hatte absolut Recht: Er hatte sich einen Plan ausgedacht…
„Also?", hakte Hermine ungeduldig nach.
„Nun gut, wie Sie wollen", begann er bedrohlich. „Ich braue Ihnen das Gegenmittel, sodass Sie wieder ein Mensch werden, und Sie geben im Gegenzug ihr Vorhaben auf, mir Weihnachten näherbringen zu wollen."
Hermine entglitten die Gesichtszüge. Was fiel ihm ein?! „Das dürfen Sie nicht!", rief sie empört.
„Ach? Und warum nicht?" Snape blieb gelassen und starrte sie weiterhin an. Unweigerlich bemerkte er, dass sie selbst als Katze eine gewisse Faszination ausstrahlte… Doch er verbannte schnell den Gedanken – schließlich bekam er gerade die Gelegenheit, sie für immer loszuwerden!
„Weil es Ihre Pflicht als Lehrer ist, uns Schülern zu helfen!"
„Gut, dann gehen Sie doch zu Professor Dumbledore und beschweren sich. Aber ich bin mir sicher, dass es ihm gar nicht gefallen wird zu erfahren, dass Sie eine Menge Schulregeln gebrochen haben, indem sie Vielsafttrank gebraut haben. Zumal ich weiß, dass Sie die Vorräte auch noch von mir gestohlen haben – auch ein Punkt über den wir noch sprechen müssen, Miss Granger…"
Hermine starrte ihn nur mit offenem Mund an. „Sie… Sie…", begann sie, doch ihr fiel kein passendes Schimpfwort ein.
Snape blieb unbeeindruckt. „Sparen Sie sich die Worte und schlagen Sie ein." Er hielt ihr seine Hand entgegen. „Oder möchten Sie für immer eine Katze bleiben? Mir ist das egal."
Hermine starrte ihn noch einen Augenblick an, bevor sie sich erhob, einen Schritt auf ihn zuging und wortlos mit ihrer Katzenfellhand seine normale, menschliche Hand ergriff und sie einmal fest schüttelte. Dann hätte sie die Hand eigentlich wieder loslassen müssen, aber aus irgendeinem Grund tat sie es nicht. Mit ihrer Katzenhand konnte sie viel deutlicher seine warme, weiche Haut spüren und diese Tatsache verwunderte sie derart, dass sie nicht im Stande war, seine Hand wieder loszulassen. Sie starrte nur auf die Hand und bemerkte nur ganz nebenbei, dass Snape seine Hand ebenfalls nicht aus ihrer zog…
Schließlich schaute sie zu ihm auf und sah ihm in die Augen. Sie sah Verwunderung darin, aber auch etwas, dass sie nicht recht zuordnen konnte. Wärme vielleicht?
Snape räusperte sich und der Zauber war verflogen. Er zog seine Hand zurück und murmelte, er wolle sich nun an den Gegentrank machen.
Hermine nickte nur benommen und setzte sich wieder auf das Krankenbett, während er den Krankenflügel verließ.
Beide hatten das Gefühl, dass etwas Seltsames vorgefallen war, das nicht in den normalen Schulalltag hineingehörte – nicht einmal, wenn es sich dabei um eine Schule für Hexerei und Zauberei handelte…
