3. Schuljahr

Harry und Ron erhoben sich gleichzeitig vom Tisch und wollten gerade die Große Halle verlassen, als Professor Trelawneys schrille Stimme sie innehalten ließ, nur um sie zu fragen, wer von den beiden als allererstes aufgestanden sei, denn diesem würde nun großes Unheil widerfahren…

Genervt rollte Hermine mit den Augen – Wahrsagerei war so ein Schwachsinn – und bemerkte dabei den ebenfalls missmutigen Blick von Professor Snape –nicht zum ersten Mal an diesem Abend…

Sie hatte sich an die Abmachung gehalten und ihn, was Weihnachten betraf, vollkommen ignoriert, doch nach ihrem seltsamen Erlebnis mit ihm im vergangen Jahr achtete sie heute viel genauer auf ihn, als sie es normalerweise getan hätte. Direkt beim Eintreten der Großen Halle hatte sie sofort nach ihm gesucht und bei seinem Anblick erstaunt festgestellt, dass er sie beobachtete, nicht Harry, nicht Ron, sie. Auch wenn sein Gesicht ausdruckslos gewesen war, hatte es sie doch so sehr verwundert, dass sie sich auf kein Gespräch konzentrieren konnte, nur in ihren Bratkartoffeln umherstocherte, ohne wirklich etwas zu essen, und häufiger zu ihm hinüberschielte, als ihr lieb war. So blieben ihr all seine kleinen Reaktionen auf bestimmte Ereignisse nicht verborgen: Sein angewiderter Blick zum Beispiel, als er den Geierhut von Nevilles Oma aus einem Knallbonbon gezogen hatte. Als Hermine das gesehen hatte, hatte sie unwillkürlich schmunzeln müssen. Er hatte dies sofort bemerkt und sie strafend angefunkelt, sodass sie rot werdend schnell wieder auf ihren Teller gestarrt hatte… Oder wie man ihm jedes Mal, wenn Professor Trelawney eine ihrer ko(s)mischen Ansichten zu Tage brachte, ansehen konnte, wie dämlich er das Ganze fand. Genau wie sie.

„Kommst du, Hermine?", fragte Harry nun.

Was? Ach so. „Nein, ich muss noch Professor McGonagall etwas fragen."

„Okay." Die Jungs verließen den Saal.

Als Hermine aufschaute, bemerkte sie schon wieder Snapes Blick auf ihr, auch wenn er schnell wieder wegsah, doch sie meinte, ein kurzes, irritiertes Augenzukneifen gesehen zu haben… Äußerst merkwürdig…

Es dauerte noch eine Weile, bis Professor McGonagall sich erhob, und die Große Halle verließ.

Snape begleitete sie.

Hermine überlegte kurz, ob sie ihre Sorge trotzdem vortragen sollte oder besser nicht, entschied sich schließlich aber dafür. Sie stand auf und verließ ebenfalls die Große Halle.

„Professor McGonagall!", rief Hermine ihrer Lehrerin, die schon auf dem Flur war, nach und ging mit schnellen Schritten auf sie zu.

Die Professoren McGonagall und Snape blieben auf dem Flur stehen und drehten sich um.

„Miss Granger", begrüßte Professor McGonagall Hermine freundlich, als sie vor ihnen stand. „Ich wünsche Ihnen Fröhliche Weihnachten."

„Danke, Professor. Ich Ihnen auch." Unsicher huschte ihr Blick kurz zu Snape, der jedoch warnend eine Augenbraue hochzog. Hermine schwieg lieber.

„Was gibt es denn, Miss Granger?", fragte Professor McGonagall, die dieses Schweigen nicht nur bemerkt, sondern auch als seltsam empfunden hatte. Seit wann verstummte denn Hermine Granger vor Professor Snape? Sie galt schließlich als einzige Schülerin ihres Jahrganges, vielleicht sogar aller Schüler, die keine Angst vor ihm zu haben schien und ihn sogar im Gegenteil immer höflich, ja sogar freundlich behandelt hatte. Und diese Hermine Granger wünschte ihrem Professor kein Fröhliches Weihnachtsfest? Irgendetwas stimmte da nicht…

„Also, nun…", begann Hermine unsicher. „Ähm…"

„Miss Granger", warnte Snape.

Sie straffte die Schultern und sagte: „Harry hat einen Feuerblitz geschenkt bekommen, aber wir wissen nicht, von wem der stammen könnte, da er vollkommen kartenlos ankam. Und da dachte ich mir, dass Sirius Black ihn vielleicht geschickte haben könnte, um Harry so zu schaden." Angespannt sah sie ihre Professoren an und wartete auf deren Reaktion auf ihre gewagte These.

Professor McGonagall blinzelte nur ein paar Mal verdutzt, während Snape wütend murmelte: „Zuzutrauen wäre es Black jedenfalls. Sich so an Potter heranzuschleichen. Gar nicht dumm."

Snape kannte Black?

„Ich muss das mit Professor Dumbledore besprechen. Warten Sie hier bitte", sagte McGonagall irgendwann und war auch schon wieder in Richtung der Großen Halle verschwunden.

Da stand Hermine nun allein mit Snape auf dem kalten Steinflur. Eine unangenehme Stille breitete sich aus. „Sie kennen Sirius Black, Professor?", fragte sie daher.

Snape sah sie herablassend an. „Das geht Sie nichts an."

„Okay", wehrte sie sofort ab.

„Achten Sie auf ihren Ton, Miss Granger", fuhr er sie scharf an. „Sie haben eine viel zu lockere Zunge. Das könnte Ihnen eines Tages zum Verhängnis werden."

Daraufhin wusste Hermine nichts Gutes zu antworten – außer sie wollte Nachsitzen kassieren… Stattdessen entschied sie sich für einen Themenwechsel. „Ich empfand es übrigens als angenehm zu sehen, dass ich nicht die einzige in Hogwarts bin, die Wahrsagerei für ausgemachten Blödsinn hält."

Snape hatte seine Maske für eine Sekunde nicht unter Kontrolle und so konnte Hermine ein winzig kleines Schmunzeln entdecken. „Aber lassen Sie das lieber nicht Professor Trelawney hören", erwiderte er bewusst emotionslos, auch wenn er eine Spur Amüsement nicht aus seiner Stimmer verbannen konnte.

Das brachte Hermine zum Lachen. „Nein, besser nicht."

Snape starrte sie fassungslos an.

Hermine stoppte abrupt und blickte ihn besorgt an. „Was ist?"

„Sie haben gelacht", brachte Snape langsam und immer noch ein wenig irritiert hervor.

„War das denn schlimm?", fragte sie langsam, weil sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was sein Problem war.

„Nein, nein", wehrte er sofort ab. „Alles in Ordnung." Er wirkte immer noch ein wenig verdattert.

„Okay…", erwiderte sie, ebenfalls weiterhin verwirrt.

In diesem Moment kam Professor McGonagall zurück. „Professor Dumbledore ist ebenfalls der Meinung, dass ich mir den Feuerblitz einmal genauer ansehen sollte. Miss Granger, bitte begleiten Sie mich. Severus." Und damit ging sie mit Hermine zusammen zum Gryffindorturm.

Snape jedoch blieb noch einen Moment auf dem Flur stehen, schüttelte dann einmal mit dem Kopf, wie um ihn klar zu bekommen, und ging dann in die andere Richtung den Flur hinunter.

Immer noch waren seine Gedanken bei dem Gespräch mit Miss Granger…

„Severus, was irrst du denn hier so ziellos umher?", holte ihn eine laute, fröhliche Stimme aus seinen Gedanken.

„Albus, mir ist eben etwas sehr Seltsames geschehen." Dumbledore war vielleicht der einzige Mensch, dem Snape sich jemals so weit öffnen würde – aber nur, weil er durch seine Legilimens-Fähigkeiten sowieso mehr oder weniger alles aus Snapes Gehirn wusste…

„Was ist geschehen?", fragte Dumbledore sofort besorgt.

„Ich habe gerade eine Schülerin zum Lachen gebracht", gestand Snape und machte dabei ein Gesicht, als sei ihm ein Dementor begegnet.

Dumbledore brach in schallendes Gelächter aus, doch ein böser Blick von Snape beruhigte ihn wieder. „Ja, Miss Granger ist wirklich jemand ganz Besonderes", war alles, was er dazu sagen konnte.

Snape nickte nur noch abwesend…