4. Schuljahr
Hermine saß weinend in einer der verschneiten Kutschen, die weit verstreut vor dem Haupteingang der Schule standen und darauf warteten, dass ihre Besitzer vom Weihnachtsball zurückkehrten.
Dieser Abend war einer der schlimmsten in ihrem Leben gewesen. Sie hatte sich mit Ron gestritten. Nicht gezankt oder herumgeplänkelt, sondern wahrhaftig gestritten, so sehr, dass sie schließlich aus der Halle hinausgerannt war und sich in dieser Kutsche versteckt hatte. Nun empfand sie sich selbst und ihr Verhalten als erbärmlich.
Sie war so sehr mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Schluchzen beschäftigt, dass sie nicht bemerkte, wie sich von draußen eine schwarze Gestalt näherte.
Plötzlich wurde mit einem lauten Knall die Kutschentür aufgerissen und Professor Snape rief: „Sofort raus hier! Suchen Sie sich einen anderen Platz, um sich zu amüsieren!"
Erschrocken starrte Hermine ihn an.
„Miss Granger?", fragte er verwundert. „Was tun Sie hier? Und dann auch noch allein?" Erst da bemerkte er ihre Tränen. Sein Blick wurde unwillkürlich sanfter und er musste sich unwillkürlich eingestehen, dass die nassen Tränenspuren auf ihren Wangen durch ihr silbernes Glitzern eigenartig schön aussahen.
„Ich verstecke mich", erwiderte Hermine mit erstickter Stimme. Sie verfluchte sich selbst für diese Stimme – warum musste sie ausgerechnet vor ihm so schwach klingen. Er würde sie garantiert dafür auslachen…
Doch nichts dergleichen geschah. Zu ihrer Überraschung passierte eher das genaue Gegenteil.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?", fragte Snape ruhig.
Hermine starrte ihn für einen Moment mit großen Augen an, bevor sie nickte.
Er setzte sich ihr gegenüber und schloss die Kutschentür wieder.
Eine Weile herrschte Stille, in der beide sich nur ab und zu ansahen beziehungsweise sich heimlich beobachteten. Während sie sich schon fast panisch fragte, was zur Hölle er hier machte und warum er so nett war und ihr noch keine Punkte abgezogen hatte, kam er nicht darum, ihre Frisur und ihr Kleid zu bewundern und sich gleichzeitig zu fragen, warum sie geweint hatte.
Auf einmal holte er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und gab es ihr. „Verzeihen Sie mir, dass ich erst jetzt daran denke", murmelte er.
Hermine nahm es dankend an und wischte sich damit die Augen trocken. Ihre Verwirrtheit stieg, doch sie konnte keine der vielen Fragen in ihrem Kopf aussprechen.
„Nun gut", begann er schließlich. „Wenn Sie möchten, können Sie mir von Ihrem Problem berichten und ich kann versuchen, Ihnen zu helfen."
Hermine starrte ihn nun offen an. Irgendetwas stimmte hier doch nicht. „Warum?", fragte sie daher misstrauisch.
„Was warum?"
„Warum wollen Sie sich mit meinem Problem befassen?"
Snape dachte ernsthaft darüber nach. Ja, warum handelte er eigentlich so widersprüchlich zu seinem sonstigen Charakter? Er fand Antworten, doch die konnte er ihr nicht verraten: Dass er ihren Mut, ihre Furchtlosigkeit und ihre Intelligenz bewunderte. Dass er sie heute Abend überaus bezaubernd fand. Dass er sich irgendwie immer noch mit dem kleinen Mädchen unter der Laterne verbunden fühlte. Dass er sie irgendwie immer mehr als Frau denn als Schülerin ansah. Aber ganz auf die Wahrheit wollte er nicht verzichten, daher antwortete er: „Ich mag keine Tränen, sie lassen Frauen immer so schwach aussehen."
Das erstaunte Hermine nur noch mehr. Hatte Snape sie gerade eine Frau genannt? Damit war sie mit fünfzehn Jahren dort, wo andere mit fünfundzwanzig noch nicht waren. Unwillkürlich musste sie lächeln. „Es ist sehr lieb von Ihnen, dass Sie mir helfen wollen, aber ich denke, dass Sie sich weder mein Problem anhören wollen, noch irgendetwas daran ändern können."
Nun war Snape an der Reihe mit der Verwirrtheit – so hatte sie ihn doch schon einmal bezeichnet. War dies nur Zufall oder eine Anspielung auf damals? „Wir könnten es doch zumindest versuchen", erwiderte er ungewöhnlich freundlich.
Er hatte wir gesagt. Hermine begann langsam, schwindlig zu werden. „Professor, darf ich ehrlich zu Ihnen sein?"
„Ich bitte darum."
„Nun, Sie machen mir ein wenig Angst…"
„Inwiefern?"
„Sie sind gerade so unglaublich nett und freundlich. Nicht, dass ich mich nicht darüber freuen würde", warf sie schnell ein, als sie seinen leicht traurigen Blick bemerkte, „aber es ist so seltsam, weil Sie sonst eher das Gegenteil von dem sind…"
Er schwieg. Dann fing er an, abwesend zu nicken und dabei ab und zu leise über sich selbst zu lachen, sein Blick huschte durch die Kutsche, blieb ein paar Mal an Hermine hängen, nur um dann schnell weiterzuwandern. Plötzlich öffnete er die Kutschentür, sodass kalte Luft hereinströmte, und stieg aus der Kutsche. Zum Schluss drehte er sich noch einmal zu Hermine um und sagte mit leiser Stimme: „Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Angst gemacht habe, das soll nicht wieder vorkommen." Er wollte gehen, doch Hermine hielt ihn an der Schulter fest.
„Nein! So meinte ich das nicht!"
Er drehte sich um. „Wie dann?"
Darauf konnte sie nichts erwidern. Wie hatte sie es eigentlich gemeint? Nicht so, aber wie dann? Ihre Gedanken waren so konfus, dass sie nicht denken konnte.
Snape nickte wieder. „Es ist schon gut, Miss Granger. Ich bin ja selbst Schuld: Wenn man in der Öffentlichkeit immer so ist wie ich, ist es doch kein Wunder, wenn niemand mehr an ein privates Dasein glaubt, das sich von der sonstigen Erscheinung unterscheidet." Es sah so aus, als ob er noch etwas hinzufügen wollte, doch er brauchte mehrere Anläufe, bevor er schließlich sagte: „Und wenn ich Sie sowieso schon irritiert habe, dann kann ich Ihnen auch noch dieses sagen: Ich habe sehr wohl einen Unterschied an Ihren Zähnen bemerkt. Sie sind sehr hübsch." Und damit verschwand er nun wirklich, huschte schnell durch die Dunkelheit und war schon bald nicht einmal mehr zu hören.
Hermine saß eine Weile vollkommen regungslos da und sah ihm geschockt nach. Sie konnte nicht glauben, was gerade geschehen war: Nicht nur, dass der strengste und gemeinste Lehrer Hogwarts gerade überaus freundlich zu ihr gewesen war und sich ihr gegenüber sogar geöffnet hatte, um zu erzählen, was ihn verletzte, nein, er hatte sich auch noch indirekt für seine Aussage über ihre übergroßen durch Goyle verhexten Biberzähne entschuldigt und ihr gesagt, dass sie ihm so gefielen – oder hatte er den letzten Satz auf ihre ganze Person bezogen? Dieser Mann war ein größeres Rätsel als es jahrelang die Kammer des Schreckens gewesen war…
Hermine saß noch lange so in der Kutsche, spürte die Kälte aber gar nicht, bis sie irgendwann aufstand – ihre Gelenke knackten dabei ein wenig – und nahezu lethargisch in ihren Schlafsaal ging.
