5. Schuljahr
Hermine riss die Haustür zum Grimmauld Platz Nr. 12 auf und machte sie schnell wieder hinter sich zu. Der Schnee und die Kälte des Winters sollten ruhig draußen bleiben. Übereilt zog sie ihren Mantel aus, warf ihn nur in eine Ecke, anstatt ihn ordentlich aufzuhängen, schlich sich am Portrait von Sirius' Mutter vorbei und stürmte dann in die Küche.
Obwohl es Zeit zum Abendessen war, saß nur Sirius dort und trank in aller Ruhe eine Tasse Tee, während Kreacher den Abwasch zu machen schien – obwohl es eher danach aussah, als würde er absichtlich alles dreckiger machen, als es sowieso schon war.
Als Sirius Hermine erblickte, verschwand seine Ruhe und er sprang auf. „Hermine?! Was machst du denn hier? Harry und Ron meinten, du seiest in Frankreich im Skiurlaub mit deinen Eltern."
„Ja, das war ich auch", sagte Hermine und sah sich um, als hoffte sie, noch jemanden zu entdecken. „Aber Ron hat mir geschrieben, was mit seinem Vater geschehen ist, und da bin ich sofort mittels eines Portschlüssels hierher gereist. Wie geht es Mr Weasley? Ist er schon überm Berg?"
Sirius musste erst einmal kurz blinzeln, um Hermines schnellen Wortschwall zu verstehen – er war diese Sprachgeschwindigkeit nicht gewohnt. „Ähm... Ja, ich glaube schon. Aber die anderen sind noch im Sankt Mungo Hospital und kommen wohl erst spät wieder. Dann wissen wir mehr."
Erleichtert setzte sich Hermine an den Kamin und wärmte sich auf. „Armer Mr Weasley, und das auch noch kurz vor Weihnachten…"
Auch Sirius ließ sich wieder nieder und trank weiter seinen Tee, während er nebenbei mit seinem Zauberstab auch Hermine eine Tasse eingoss und zu ihr schweben ließ.
„Danke", sagte sie und nahm die Tasse aus der Luft entgegen. Gedankenverloren nahm sie einen kleinen Schluck und starrte dann ins Feuer. „Ich kann es immer noch nicht fassen. Arthur hat Nachtschicht und wird von einer Schlange angegriffen...", sagte sie irgendwann leise. Dann wandte sie sich an Sirius: „Stimmt es, dass es Nagini war?"
„Wir gehen davon aus", erwiderte Sirius und sah plötzlich sehr ernst aus.
„Und... dass Harry den Angriff sehen konnte, und dann auch noch aus der Sicht der Schlange?" Hermine war unwohl bei dieser Frage, aber sie musste die Antwort wissen – Rons Brief war ein wenig kurz und konfus gewesen.
Sirius seufzte. „Ja, auch das scheint zu stimmen."
„Das kann nichts Gutes bedeuten", murmelte Hermine und Sirius nickte schwermütig.
Eine Weile blieb es still, nur das Knacken der Scheite im Kamin und Kreachers Tellerspülen war zu hören.
Irgendwann fragte Hermine: „Wer ist jetzt eigentlich alles hier?"
„Also die Familie Weasley natürlich", begann Sirius aufzuzählen. „Harry, ich, du seit neuestem. Dumbledore schaut abends manchmal vorbei, genauso Lupin. Ähm... Ja, das waren alle, denke ich. Ach nein." Hier fing er plötzlich an zu grinsen. „Schnievelus liegt krank oben im Bett."
„Professor Snape ist hier?!", fragte Hermine überrascht und hätte sich fast an ihrem Tee verschluckt.
„Ja, er kam heute Früh vorbei, als alle schon ins Krankenhaus gefahren sind, um einen Brief von Dumbledore zu überbringen. Er wollte danach eigentlich sofort wieder los, aber er fühlte sich nicht wohl und bat um ein Gästezimmer. Ich hab ihn nach ganz oben in die kleine Kammer geschickt und seitdem nicht mehr gesehen."
„Was!?", rief Hermine aufgebracht und sprang auf. „Du hast ihn krank nach oben geschickt und seitdem nicht mehr nach ihm gesehen?"
„Er ist alt genug, mit allem selbst klarzukommen", erwiderte Sirius nur und zuckte mit den Schultern.
„Ist dir vielleicht in den Sinn gekommen, dass er ziemlich krank sein muss, wenn er ausgerechnet in deinem Haus ein Zimmer benötigt, weil er nicht einmal mehr die Kraft hat, nach Hause zu apparieren?"
Man konnte Sirius ansehen, dass er daran nicht eine Sekunde lang gedacht hatte.
„Das kann doch nicht angehen!", meinte Hermine wütend und lief dann aus der Küche und die Treppen nach oben.
Sie war ganz wild vor Sorge, denn niemals hätte sich Professor Snape in dem Haus seines schlimmsten Feindes länger aufgehalten als unbedingt nötig. Es musste ihm folglich sehr schlecht gehen...
Atemlos stand Hermine nun vor der Tür zur kleinen Kammer im dritten Stock. Sie klopfte sofort leise an die Tür, doch niemand antwortete. Sie klopfte lauter, doch noch immer blieb alles still. Dann reichte es ihr und sie betrat die Kammer.
Es war wirklich sehr klein in dem Raum, das lag zum großen Teil an den Dachschrägen zu beiden Seiten. Zudem war es äußerst dunkel, da draußen schon finsterste Nacht herrschte und es im Zimmer keine einzige Lichtquelle gab, und Hermine brauchte erst einmal einen Augenblick, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Erst jetzt sah sie, was sich in der Mitte des Raumes befand: Ein Bett und in ihm lag Professor Snape und schien zu schlafen.
„Lumos", sagte sie – im Ordenshaus fiel es nicht auf, wenn Minderjährige zauberten – und näherte sich ihm vorsichtig. Sofort bemerkte sie an seinem verschwitzten aber äußerst blassen Gesicht, wie schlecht es um ihn stand...
„Professor Snape?", versuchte es Hermine höflich, doch keine Reaktion.
Sie versuchte es ein wenig lauter und brachte sogar den Mut auf, ihn an der Schulter zu schütteln, doch außer einem leichten Stöhnen blieb alles ruhig.
Eine lange, weiße Kerze stand neben seinem Bett auf dem Nachttisch. Hermine zündete sie mittels eines Zauberspruches an, doch das Licht, das die Kerze nun über das Zimmer und damit auch über Professor Snape legte, beunruhigte sie auf einmal: Es ließ Snape wie tot aussehen.
Erstarrt blickte Hermine ihren Professor an und die Vorstellung, er könnte wirklich sterben, erschreckte sie innerlich so sehr, dass es wehtat. Am Rande fragte sie sich, warum sie sein Tod so schmerzen würde, doch mittlerweile hatte ihr Bewusstsein wieder die Kontrolle übernommen und sie begann, einen Diagnosezauber, den sie in den vergangenen Osterferien, als sie aus Interesse Madam Pomfrey im Krankenflügel geholfen und dabei viel gelernt hatte, zu sprechen, der ihr Snapes Symptome anzeigte, sodass sie endlich reagieren konnte – sie hatte schon viel zu viel Zeit mit ihren eigenen Gedanken vergeudet!
Doch das Ergebnis irritierte sie: Laut dem Diagnosespruch war sein Körper unterkühlt, sein Kopf aber zu heiß, in seinem Blut befanden sich seltsame Stoffe und irgendetwas schien ihn in seinen Gedanken oder Träumen zu quälen.
Hermine war überfordert. Sie hatte mit einer Krankheit gerechnet, vielleicht sogar einer Zaubererkrankheit, wie den Magischen Masern oder so, dies hätte sie heilen können, Madame Pomfrey hatte ihr verschiedene Heilzauber beigebracht. Doch Snape schien eher einen oder sogar mehrere Flüche abbekommen zu haben – dies war weit über Hermines Handlungsmöglichkeiten. Daher stand für sie fest, dass er umgehend ins St. Mungos eingeliefert werden musste oder falls er dafür zu instabil war, wovon sie derzeit ausging, dass ein Heiler unbedingt herkommen musste!
Schnell sprach sie einen kleinen Wärmezauber über seinen Körper und beschwor einen kleinen Lappen hervor, den sie in das kalte Wasserbecken, das zum Waschen in der einen Ecke des Zimmerchens stand, eintauchte und vorsichtig auf seine Stirn legte.
Von ihm kam keinerlei Reaktion, was Hermine weiter beunruhigte.
In Windeseile rannte sie die Treppen hinunter in die Küche.
Sirius saß immer noch vor dem Kamin und starrte ins Feuer.
„Sirius", sagte Hermine so aufgeregt, dass der Angesprochene sofort aufsprang, als drohe Gefahr. „Sirius, wir müssen sofort einen Heiler aus dem St. Mungos holen!"
„Warum denn das?", fragte Sirius ernsthaft.
„Wegen Professor Snape natürlich!", erwiderte sie.
„Ach so", sagte Sirius nur und setzte sich wieder auf seinen Stuhl.
Hermine blinzelte ein paar Mal wegen dieser Ignoranz, bevor sie wütend wurde: „Geht's noch? Er ist wirklich ernsthaft krank! Wir brauchen einen Heiler!"
„Das geht nicht", sagte Sirius ruhig.
„Und warum nicht?", fauchte Hermine. Es fiel ihr schwer, nicht zu brüllen. Musste man ihm denn alles aus der Nase ziehen?
„Weil niemand Außenstehendes hier hinein darf. Wir befinden uns schließlich immer noch im Geheimquartier des Orden des Phönix."
Dies hatte so viel Logik, dass Hermine verzweifelte. Frustriert stieß sie einen unterdrückten Schrei aus, stampfte mit dem Fuß dabei auf den Boden, drehte sich auf der Stelle um und rannte all die Treppen wieder hoch. Atemlos kam sie in das dunkle Zimmer.
Snapes Zustand war unverändert.
Was mach ich nur mit dir?, dachte sie, während sie ihre Hand auf seine verschwitzte Stirn legte und das Gefühl hatte, sie wäre noch heißer geworden.
Die nächsten Stunden verbrachte sie ausschließlich damit, Snapes Stirn mit nassen Waschlappen zu kühlen, alle paar Minuten einen Diagnosezauber zu wirken – die sie nicht unbedingt beruhigten – und ihm ein wenig Flüssigkeit einzuflößen.
Die Zeit kroch langsam voran, sie schien nahezu endlos, und jedes Mal, wenn Hermine den Blick durch das kleine Fenster schweifen ließ, war der Mond wenn überhaupt nur ein winzig kleines Stück vorangeschritten. Die ganze Situation war zum Verrücktwerden, Hermine zweifelte an ihren eigenen Fähigkeiten und glaubte fest daran, dass Snape in Nullkommanichts gesund sein würde, wenn er nur ins St Mungos könnte – Heiler waren schließlich dafür ausgebildet, solche Dinge zu behandeln, selbst wenn es sich nicht um gewöhnliche Krankheiten, sondern schwere Flüche handelte. Aber wenn nicht...
Erschöpft setzte sich Hermine auf einen Stuhl neben Snapes Bett und betrachtete ihn im leichten Flammenschein der Kerze.
Er schien immer noch unter etwas zu leiden, denn er zuckte weiterhin leicht im Schlaf hin und her.
„Was ist nur mit dir geschehen?", flüsterte Hermine. Sie bemerkte nicht, dass sie ihn duzte. Sie fühlte sich durch seinen schwachen Zustand irgendwie mit ihm verbunden, als sei es nun ihre Pflicht, ihn zu beschützen und wieder gesund zu pflegen. Gedankenverloren strich sie ihm ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie bemerkte, wie er sich durch diese Berührung automatisch zu beruhigen schien, sein Atem wurde gleichmäßiger und seine Züge entspannten sich.
Von einer plötzlichen Idee geleitet, nahm sie vorsichtig seine Hand, hielt sie fest aber sanft in ihrer und begann, behutsam mit ihrem Daumen über seinen Handrücken zu streichen. Es tat seine Wirkung, denn Snape wurde ruhiger und ruhiger, bis er genauso normal schlief wie jemand, der gesund war.
Obwohl es recht leise an der Tür klopfte, schrak Hermine auf und ließ Snapes Hand los. Keine Sekunde zu früh, denn durch den Türspalt schob sich nun Harrys besorgter Kopf – er wäre ausgerastet, wenn er Hermine so gesehen hätte.
„Hey, Hermine", grüßte er und hatte den Anstand, leise zu sein.
„Hi, Harry", grüßte Hermine zurück. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, das von seinem erwidert wurde.
„Wie geht's ihm?", fragte Harry.
Hermine wusste, dass er das nur ihretwegen fragte. „Nicht besonders gut", antwortete sie traurig und sah wieder zu Snapes verschwitztem Gesicht, das sich nun, da Hermines Berührung verschwunden war, wieder anspannte. „Wie geht es Mr Weasley?", fragte sie.
„Na ja", wich Harry aus. „Er wird schon wieder. Mrs Weasley ist noch im Krankenhaus, die anderen sind unten bei Sirius in der Küche oder schon ins Bett gegangen."
„Wusstest du, dass Professor Snape hier schon seit heute Morgen liegt und sich niemand um ihn gekümmert hat?", fragte Hermine mit versucht unterdrücktem Vorwurf in der Stimme.
„Aber du weißt doch, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Sirius und Snape ist", versuchte Harry, seinen Patenonkel in Schutz zu nehmen.
Hermine sah ihn böse an. „Er könnte sterben", sagte sie. „Ich mache mir wirklich Sorgen, er ist von einem Fluch getroffen worden und wir können keinen Heiler holen." Fast kamen ihr die Tränen.
Wegen Snape? Das musste an ihrer Müdigkeit liegen... Obwohl... Hatte sie ihn nicht irgendwie immer gemocht? Auf eine sehr spezielle Weise, denn er war nicht unbedingt immer freundlich zu ihr gewesen, aber er hatte ihr damals so lieb im Schnee auf der Parkbank geholfen, das könnte sie nie vergessen. Oder später, als ihre Weihnachtsverhandlungen begannen, sie hatte ihn nie verabscheut wie die anderen Schüler. Er hatte sie gerade vor einem Jahr getröstet und ihr sogar ein Kompliment gemacht. Konnte es sein, dass sie einfach schon immer unter seine miese Fassade hatte blicken können, ausgelöst durch den Helfer in der Not, als sie gerade einmal fünf Jahre alt gewesen war, und ihn nun daher mit freundlicheren Augen sah als der Rest der Gesellschaft?
„Denkst du nicht, dass du ein wenig übertreibst?", fragte Harry vorsichtig.
Harrys Frage holte Hermine aus ihren Gedanken und sofort starrte sie ihn wieder böse an. „Nein, ich denke nicht, dass ich übertreibe", erwiderte sie bissig.
„Okay, okay", wehrte Harry sofort ab. „Ich bin eigentlich hier, um dich abzulösen, wenn du möchtest."
Hermines Blick wurde sofort vor Überraschung weicher. „Wirklich?", fragte sie nach, weil sie es nicht glauben konnte.
Harry zuckte nur mit den Schultern. „Du musst ja auch irgendwann mal schlafen", murmelte er. „Ich sag dir Bescheid, sobald etwas ist."
„Das ist lieb von dir", sagte Hermine lächelnd. Dann wurde sie wieder traurig: „Aber ich bleibe lieber hier. Ich kann sowieso nicht beruhigt schlafen, wenn ich nicht hier bin."
„Darf ich dich mal etwas fragen?"
„Jaah", erwiderte Hermine mit Vorsicht.
Harry schien die Frage unangenehm, dennoch stellte er sie sogleich: „Warum kümmerst du dich so um Snape?"
Hermine überlegte kurz, bevor sie antwortete: „Er ist krank und ich die einzige, die ihm zurzeit helfen kann. Er kann nicht ins St Mungos, Sirius will ihm nicht helfen und Mrs Weasley ist nicht da. Er hat nur mich und es liegt einfach nicht in meiner Natur, nicht jemandem zu helfen, der meine Hilfe benötigt."
Harry dachte darüber nach, bevor er leicht nickte und mit einem kleinen Lächeln sagte: „Ja, das passt zu dir."
Hermines Mundwinkel zuckten kurz nach oben und ein Moment der Stille entstand, bis Harry schließlich sagte: „Sooo, ich geh am besten mal wieder runter. Brauchst du noch irgendwas?"
Hermine schüttelte mit dem Kopf. „Nein, danke. Aber schickst du bitte Mrs Weasley hoch, sobald sie kommt?"
„Ja, mach ich." Und mit einem letzten aufmunternden Lächeln, verließ er das Zimmer und schloss leise hinter sich die Tür.
Hermine sah noch lange auf den Fleck, an dem Harry gerade noch gestanden hatte, und freute sich über den Freund, den sie hatte. Dann kehrte ihr Blick jedoch wieder zu dem schlafenden Snape zurück, der sich immer noch leicht hin und her wälzte. Langsam nahm sie wieder seine Hand und beobachtete ihn.
Binnen kürzester Zeit beruhigte er sich erneut und glitt in tieferen, entspannten Schlaf.
Hermine betrachtete ihn noch eine ganze Weile, immer in dem Gedanken, ob er nur wegen irgendeiner menschlichen Berührung ruhiger wurde oder ob er ihre, Hermines, Anwesenheit spüren konnte und deshalb so reagierte. Sie fragte sich, ob es für sie einen Unterschied machen würde. Bei ersterem empfand sie es als in Ordnung, da sie ihm helfen wollte, und wenn ihre Hand eine Linderung für ihn darstellte, warum nicht. Doch bei zweiterem wurde ihr warm, ihr Herzschlag beschleunigte sich und ihre Mundwinkel zogen sich unwillkürlich nach oben. Aber lag das nun an Snape selbst oder an der Tatsache, dass sich überhaupt irgendjemand so an ihr erfreute?
Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, ihre Fragen zu beantworten, doch sie war zu müde, um richtig denken zu können. Das Geräusch der flackernden Kerze und Snapes gleichmäßiger Atem waren so beruhigend, dass Hermine schon bald mit dem Kopf auf Snapes Bett einschlief.
Unten in der Küche waren Harry und Sirius inmitten einer kleinen Diskussion. Die anderen waren schon zu Bett gegangen.
„Aber dass sie so sauer auf mich ist, ist doch maßlos übertrieben, oder nicht?"
„Warum lässt du ihn denn auch da oben versauern, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen?", konterte Harry,
„Ja…", druckste Sirius herum. „Du weißt doch, dass er mir nicht so wichtig ist."
„Ja, aber sterben soll er doch auch nicht, oder?"
„Ja… Nein, natürlich nicht…", murmelte Sirius. „Aber ich kann trotzdem nicht verstehen, warum sie sich so um ihn sorgt? Ich mein, es handelt sich hier um Schnievelus."
„Hermine hat Snape noch nie so gehasst wie wir beide und noch so viele andere", beschwichtigte Harry. „Ich glaube, sie mag ihn sogar."
„Sie mag ihn?", rief Sirius. „Diese schmierige Fledermaus?" Er schüttelte sich einmal, als hätte er eine eklige Spinne gesehen.
„Aber Hermine hat sich doch schon immer für die von der Gesellschaft Verstoßenen eingesetzt. Denk doch nur an Belfer."
Da musste Sirius lachen. „Ja, ihre irrsinnige Idee, Hauselfen befreien zu wollen."
Auch Harry musste lächeln, doch er nahm seine Freundin auch in Schutz: „So ist sie eben, unsere liebe Hermine: immer voller Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt."
In dem Moment kam Mrs Weasley nach Hause und das Gelächter in der Küche verstummte sogleich. Sie sah müde und besorgt aus, als sie Harry und Sirius begrüßte.
„Und, Molly, wie geht es ihm?", fragte Sirius vorsichtig.
Mrs Weasley zuckte mit den Schultern. „Sie haben das Schlangengift aus seinem Körper bekommen. Jetzt müssen wir abwarten, ob sein Körper das gut wegsteckt. Aber die Heiler wirkten recht zuverlässig." Sie lächelte tapfer, doch man merkte, dass sie den Tränen nahe war.
„Ähm, Mrs Weasley?", sagte Harry behutsam.
„Ja, Harry Schatz", erwiderte Mrs Weasley und versuchte, ein freundliches Gesicht zu machen.
„Ich soll Ihnen etwas von Hermine sagen."
„Hermine? Ist sie nicht mit ihren Eltern in Frankreich?", fragte Mrs Weasley überrascht.
Harry wollte gerade antworten, als Sirius ihm zuvorkam: „Ron hat ihr einen Brief wegen Arthur geschickt. Da ist sie sofort hergekommen."
„Das ist aber lieb von ihr", sagte Mrs Weasley und brachte sogar ein kleines, ehrliches Lächeln zustande.
„Ja…", sagte Harry. Ihm war nicht wohl bei seiner beziehungsweise Hermines Bitte, aber sie musste nun einmal leider ausgesprochen werden. „Jedenfalls, Hermine bittet mich, Sie zu bitten, einmal nach oben zu kommen, um nach Snape zu sehen."
„Severus ist hier? Was ist mit ihm?", fragte Mrs Weasley überrascht.
„Er scheint arg krank zu sein", antwortete Harry. „Hermine glaubt, er wurde von einem Fluch getroffen."
„Ach, Gott, der Arme", rief Mrs Weasley ehrlich aus. „Ja, ich gehe sofort nach oben. Wo genau ist er denn untergekommen?"
„Im kleinen Kämmerchen im dritten Stock", sagte Harry. Dann fuhr er mit einer kleinen Entschuldigung fort: „Es tut mir Leid, dass das jetzt auch noch ist…"
Aber Mrs Weasley winkte ab. „Dann habe ich wenigstens etwas zu tun. Dieses Warten kann einen doch wahnsinnig machen." Und neuen Mutes stieg sie die Treppen hinauf.
Oben klopfte sie leise an die Tür. „Hermine? Severus?", flüsterte sie, doch niemand antwortete ihr. Nach einem weiteren ungehörten Klopfen trat sie schließlich ein.
In der kleinen Kammer sah sie ein Bild, dass sie nie für möglich gehalten hatte: Severus lag ruhig in seinem Bett, Hermine schlief mit dem Kopf auf seiner Matratze und hielt seine Hand. Kerzenschein flackerte auf ihren Gesichtern. Sie sahen so friedlich aus, dass Mrs Weasley sich schwor, nie jemandem davon zu erzählen. Niemand, der die beiden nicht gesehen hatte, würde die Situation verstehen. So still wie möglich betrat sie das Zimmer und fühlte Severus' Stirn. Sie wollte nicht, dass die beiden aufwachten, doch als sie einen Diagnosespruch aussprach, schreckte Hermine hoch.
„Alles ist gut, Liebes", beruhigte Mrs Weasley sie. „Harry hat mich hochgeschickt."
„Oh, Mrs Weasley!", platzte sie heraus und umarmte die Gute. „Wie geht es Ihrem Mann?"
Mrs Weasley seufzte. „Den Umständen entsprechend", sagte sie. „Aber er wird schon wieder." Sie machte eine kurze Pause, in der sie Snape ansah. „Jetzt müssen wir uns erst einmal um Severus kümmern."
„Ich denke, er ist von einem Fluch getroffen worden", sagte Hermine. Sie war selbst erstaunt wegen ihrer Ruhe, aber mit Mrs Weasley fühlte sie sich irgendwie sicherer.
Mrs Weasley seufzte wieder. „Ja, das denke ich leider auch. Aber es scheint kein besonders schwerer zu sein", beruhigte sie Hermine gleich, da diese ein überaus bekümmertes Gesicht machte. „Wir kriegen ihn schon wieder hin."
„Können sie ihm helfen?"
„Ich weiß es nicht, aber ich kann es zumindest versuchen. Ich benötige dafür aber deine Hilfe."
Sofort machte Hermine sich bereit. Entschlossen sah sie Mrs Weasley an, den Zauberstab fest in der Hand: „Packen wir's an."
Mrs Weasley erklärte Hermine den Doppelzauber, den sie plante.
Hermine brauchte ihn nur wenige Male zu üben, obwohl er recht kompliziert war. Aber die Aussicht auf Snapes Genesung verhalf ihr zu Höchstleistungen. Außerdem war sie nicht umsonst die klügste Hexe ihres Alters.
„Sehr gut", lobte Mrs Weasley. „Lass ihn uns jetzt an Severus verwenden."
Hermine und Mrs Weasley stellten sich zu beiden Seiten Snapes, erhoben ihre Zauberstäbe und sprachen gleichzeitig: „Vulnera tua sanantur. Animus tuus liberatur. Et robur vitae tuae redit." („Deine Wunden werden geheilt. Dein Geist wird befreit. Und deine Lebenskraft kehrt zurück.")
Aus den Zauberstäben stoben grüne Funken, die sich wie eine Decke über Snape legten, bevor sie wieder verschwanden.
„Und?", fragte Hermine nach einer Weile. „Hat es funktioniert?"
„Das wird sich zeigen", erwiderte Mrs Weasley. „Noch braucht sein Körper den Schlaf, um den Zauber aufnehmen zu können. Er wacht frühestens in ein paar Stunden auf."
Hermine nickte und sah zu ihrem Lehrer, der jetzt ganz ohne ihre Berührung entspannt zu schlafen schien. Aber wer wusste schon, was sich gerade in seinem Innern abspielte…?
„Du kannst nun ins Bett gehen", sagte Mrs Weasley. „Ich wache über ihn."
„Das ist sehr lieb von Ihnen", sagte Hermine. „Aber ich meinte vorhin schon zu Harry, dass ich sowieso nicht einschlafen kann, wenn ich nicht bei ihm bin."
Mrs Weasley nickte verständnisvoll. Sie überlegte, ob sie diese Aussage kommentieren sollte. Irgendetwas schien die beiden zu verbinden, was im Grunde genommen nichts Schlimmes war, aber auch wenn sie am Anfang so friedlich beieinander gewesen waren, war er immer noch ihr Lehrer! „Ist gut", sagte sie schließlich und ging langsam zur Tür. Kurz bevor sie sie schloss, sagte sie noch ernst: „Hermine?"
Hermines Kopf schoss herum. „Ja?"
„Sei vorsichtig."
Hermine wusste sofort, worauf sie anspielte, und erwiderte ebenso ernst: „Ich weiß."
Und Mrs Weasley verschwand aus der Kammer.
Nach dieser Warnung sah Hermine plötzlich mit gemischten Gefühlen auf Snape. Sie setzte sich natürlich wieder neben ihn auf den Stuhl, um „über ihn zu wachen", wie Mrs Weasley das so schön ausgedrückt hatte, aber auf einmal kam es ihr gar nicht mehr so natürlich vor, seine Hand zu halten. irgendwie traute sie sich nicht mehr. Zumal er sie anscheinend sowieso nicht mehr brauchte. Das tat ihr ein wenig weh, auch wenn sie sich sofort selbst dafür schalt. Es war doch nur gut, wenn es ihm anfing, besser zu gehen!
Verdammt! Was war denn nur los mit ihr? Das musste an ihrer Müdigkeit liegen, es gab sonst keine andere Erklärung dafür!
Über sich selbst zweifelnd sank sie wieder mit dem Kopf auf Snapes Matratze und schlief ein.
Sie erwachte erst viele Stunden später. Der Tag brach gerade an, ein paar Wintervögel zwitscherten, es schien sogar die Sonne. Als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, dass etwas an ihrer Hand war, das sie, noch ganz benommen, von sich schüttelte. Erst da realisierte sie, dass es sich um Snapes Hand hielt. Er hatte wohl im Schlaf nach ihrer gegriffen.
Jetzt tat es ihr Leid, dass sie sie einfach so abgeschüttelt hatte, aber einfach wieder nehmen, konnte sie sie auch nicht… Sie betrachtete ihren Professor und versuchte verzweifelt, das warme Gefühl, das die Idee, er habe unbewusst nach ihrer Hand gegriffen, in ihr hervorrief, zu verbergen. Doch es gelang nicht wirklich. Ihr Grinsen wurde immer breiter, bis sie alle Hemmungen über Bord warf, sich vorsichtig auf seine Matratze setzte und mutig seine Hand ergriff. Überglücklich wartete sie darauf, dass er aufwachte.
Doch das tat er nicht.
Seufzend beugte sie sich über ihn, um ihm wieder eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Eigentlich hatte sie dann zu dem winzigen Fenster in der Kammer gehen wollen, um es einen Spalt zu öffnen, um ein wenig frische Luft ins Zimmer zu lassen, doch sie verharrte in der Haltung und starrte Snape an. Er wirkte unglaublich friedlich in seinem Schlaf und sie fragte sich, warum er in wachem Zustand immer so unfreundlich und mürrisch war. Während sie ihn so betrachtete, musste sie unwillkürlich immer stärker lächeln. Und unbewusst kam sie Snapes Gesicht mit ihrem immer näher, bis sie schließlich die Augen schloss und sich ihre Lippen ganz sanft und vorsichtig auf seine Stirn legten.
Obwohl sie im ersten Moment äußerst erstaunt über ihr eigenes Verhalten war, musste sie doch zugeben, dass sich schon diese minimale Berührung gut und richtig anfühlte. Sie löste sich immer noch freudig von ihm, nur um ihm dann mit erschrockenen Augen in seine mittlerweile geöffneten zu starren…
„Miss Granger", sagte Snape mit seiner gewohnt dunklen Stimme, „es ist ja ganz nett, sie so dicht bei mir zu haben, aber ich wundere mich doch sehr über den Grund."
Erst da merkte Hermine, dass sie immer noch halb auf ihm war. So schnell sie konnte, rappelte sie sich von ihm und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. Verlegen sah sie mal auf den Boden, mal zu Snape, wobei letztere Blicke ausgesprochen kurz waren.
„Mögen Sie mir vielleicht einmal erklären, wo wir uns befinden und warum wir überhaupt hier sind?", wollte Snape von ihr wissen.
„Wir sind in London", begann Hermine leise. „Im Hauptquartier des Orden des Phönix um genau zu sein." Sie wartete auf seine Erinnerung, doch dem schien nicht so. „Sie sind gestern Morgen vorbeigekommen", versuchte sie, ihm auf die Sprünge zu helfen. „Sie überbrachten Sirius einen Brief von Professor Dumbledore. Anscheinend waren Sie zu krank, um nach Hogwarts zurückapparieren zu können. Sie baten um ein Zimmer und Sirius schickte Sie hier hoch, in dieses kleine Kämmerchen, in dem wir uns gerade befinden." Sie machte eine Pause, damit Snape sich orientieren konnte. „Ich habe Sie erst gestern Abend sozusagen gefunden. Mrs Weasley und ich haben uns die letzte Nacht um Sie gekümmert, ich habe versucht, Ihre Stirn mit nassen Lappen zu kühlen, und gemeinsam mit Mrs Weasley einen Heilspruch gewirkt. Und davon sind Sie jetzt aufgewacht."
Snape starrte einen Augenblick an die Decke, bevor sein Blick langsam zu Hermine herüberglitt. „Ich erinnere mich", sagte er. „Ich erinnere mich an alles", wobei er eine besondere Betonung bei dem Wort alles machte.
Hermine sah ihn mit großen Augen an. Dann fragte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen: „Mögen Sie mir verraten, was mit Ihnen geschehen war?"
Snape sah schweigend zum Fenster.
„Ich weiß, dass Sie von einem Fluch getroffen wurden", versuchte Hermine, ihm das Erklären einfacher zu machen.
Da sah er sie wieder an, doch anstelle einer richtigen Antwort sagte er nur: „Ich kann es Ihnen leider nicht verraten."
Klang er… traurig? Hermine hätte so gerne weitergefragt, doch sie wusste, dass Snape nicht nachgeben würde. Und anscheinend schien es ihn zu quälen und das wollte sie natürlich ganz und gar nicht!
Nach einem Moment des stillen Anstarrens, murmelte sie daher bloß: „Ich hole am besten mal Mrs Weasley."
„Miss Granger!", hielt Snape sie auf, bevor sie überhaut aufgestanden war.
„Ja?" Sie sah ihn mit klopfendem Herzen an.
Ganz langsam und vorsichtig, wie um sie nicht zu verschrecken, legte er seine Hand auf ihre, die schon die ganze Zeit unbeachtet auf der Matratze lag.
Hermine starrte ihn fassungslos an, doch nicht weil sie sein Benehmen als unerhört empfand, sondern weil sie solch eine Aktion nie für möglich gehalten hätte. Ebenso wie das Folgende:
„Danke", sagte Snape dann, strich noch einmal kurz mit seinem Daumen über ihren Handrücken, bevor er die Hand wieder losließ.
„Gern geschehen", war alles, was Hermine leise stammelnd zustandebrachte. Halb benommen stand sie dann doch auf und ging zur Tür. Erst da kam ihr ein kleiner schelmischer Gedanke: „Ach, Professor Snape?", sagte sie und drehte sich mit einem Lächeln zu ihm um.
„Jaah?", erwiderte Snape mit Vorsicht – er kannte diesen Gesichtsausdruck und er verhieß nichts Gutes.
„Fröhliche Weihnachten!", verkündete Hermines stolz und fing automatisch an zu kichern, denn einerseits war nun die ganze Last, die ganze Sorge um Snape hinter ihr und sie fühlte sich wie befreit, und andererseits machte ihr Professor ein solch herrliches Gesicht, dass sie nicht anders konnte, als verhalten zu lachen.
„Hatten wir nicht eine Abmachung?", fragte Snape streng.
„Aber Sir", erwiderte Hermine zwar ebenso ernst, wenn auch immer noch mit einem kleinen Lachen auf den Lippen. „Ich habe Ihnen das Leben gerettet, meinen Sie daher nicht, dass ich nun die Bedingungen für unseren Weihnachtsstreit festlegen darf?" Und ohne auf eine Antwort zu warten, verließ sie das kleine Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Snape konnte ihr nur kopfschüttelnd hintersehen, so wie er es schon so oft gemacht hatte, ehe er mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht und zufrieden mit sich selbst einschlief.
