6. Schuljahr

Hermine war auf der Flucht, aber nicht vor Flüchen schreienden Todessern, sondern vor einem arroganten und eingebildeten Widerling namens Cormac McLaggen, der sie gerade wieder unter dem Mistelzweig küssen wollte...

Sie hechtete über den kalten Korridor und blickte sich alle zwei Sekunden um, ob er ihr folgte. Doch alles war verlassen. Sie wollte aber trotzdem nicht auf dem offensichtlichen Weg zum Gryffindorturm gehen, falls er ihr auflauern könnte, und bog daher bald in eine Nische ab. Sie stand nun vor einem großen blau-weißen Wandteppich, auf dem ein Einhorn zu sehen war. Diesen zog sie ein Stück zur Seite, sodass sie durch das Loch dahinter in einen dunklen, schmalen Gang verschwinden konnte.

„Lumos", sagte sie und aus ihrem Zauberstab kam genügend Licht, dass sie in dem Gang nirgendwo gegenstieß. Nun konnte sie in normaler Geschwindigkeit gehen, denn sie war sich ziemlich sicher, dass diesen Geheimgang so gut wie niemand kannte. Sie hatte einmal auf Harrys Karte des Rumtreibers nach ihm gesucht, aber er war nicht einmal dort verzeichnet gewesen. Auch war sie hier noch nie jemandem begegnet und sie nutzte diesen Gang schon seit ihrem ersten Schuljahr, denn er stellte nicht nur eine beträchtliche Abkürzung zum Gryffindorturm dar, sondern hatte ihr schon so manches Mal als Versteck gedient, sei es, um zu lernen oder um ihre Tränen zu trocknen.

Was sie wieder zu der Sache mit Cormac brachte. Offiziell hatte sie gesagt, dass sie Cormac mitgebracht hatte, um Ron zu ärgern, aber das war nur die halbe Wahrheit. Natürlich nervte Ron mit seiner Lavender, aber nur, weil Hermine traurig war. Nicht wegen Ron, sondern weil er etwas hatte, dass sie niemals bekommen würde: Liebe. Er hatte seine Lavender, aber Hermine würde ihren Geliebten niemals bekommen, denn was vor einem Jahr noch eine vage Ahnung gewesen war, war mittlerweile zur sicheren Gewissheit geworden: Sie hatte sich in ihren Professor Severus Snape verliebt.

Sie wusste selbst nicht, ob sie sich nun freuen oder weinen sollte: Zum einen war er ihr nie verhasst gewesen, in gewisser Weise waren sie seit je her so etwas wie Freunde oder doch zumindest Verbündete gewesen, seit er ihr mit fünf Jahren auf dieser verschneiten Parkbank in London geholfen hatte, ihre Eltern wiederzufinden. Außerdem war er genial, seine Intelligenz verblüffte sie bisweilen immer wieder, und sie konnte ihn verstehen, wenn er manchmal das Gefühl hatte, er würde seine Zeit in Hogwarts verschwenden. Daher und weil sie wusste, dass er ein hartes und angespanntes Leben als Doppelspion führte, konnte sie seinen Frust und seine Unfreundlichkeit durchaus verstehen.

Des Weiteren hielt sie ihn für ziemlich mutig und stark. Viele nannten ihn einen Feigling und er hatte noch nie besonders kräftig ausgesehen, aber sie war der Meinung, dass er aufgrund seines Doppeldeals mit Voldemort und Dumbledore – den zwei mächtigsten Zauberern der Welt, die beide nicht eine Sekunde zögern würden, ihn umzubringen, wenn sie herausfänden, dass er für die andere Seite arbeiten würde – mehr Mut bewies als jeder andere in diesem Krieg. Ebenso sah sie ihn wegen seiner schnellen Flüche, die er immer präzise ausführte, als stark an. Er war eindeutig nicht zu unterschätzen, egal wie oft Harry noch behaupten würde, Snape sei eine schwache, leicht zu besiegende Figur. Das war absolut leichtsinnig!

Aber nichtsdestotrotz war er immer noch ihr Lehrer – verboten und zwanzig Jahre älter als sie... Und dass er sich überhaupt jemals auf Voldemort eingelassen hatte, sprach nicht gerade für ihn. Hermine glaubte nicht daran – oder wollte vielleicht auch einfach nicht daran glauben –, dass er von böser Natur war, aber dass er unter Voldemorts Einfluss grausame Dinge getan hatte oder vielleicht auch immer noch tat/tun musste, konnte sie sich sehr gut vorstellen. Schließlich war er nicht umsonst Todesser...

Ach, es war doch zum Verzweifeln! Es könnte doch sowieso nichts aus ihnen beiden werden, Lehrer und Todesser hin oder her, er mochte sie ganz einfach nicht! Klar, er war nicht gemein zu ihr – besonders nach letztem Jahr, als sie ihm vermutlich das Leben gerettet hatte, hatte er ihr keinen einzigen Hauspunkt mehr abgezogen, geschweige denn sie auch nur einmal unfreundlich angeschaut –, aber das Gegenteil war auch nicht geschehen. Ebenso wenig, wie er ihr nie übellaunig entgegengetreten war, war er auch nicht einmal freundlich zu ihr gewesen. Er hatte sich in einen Mantel aus Neutralität gehüllt. Hermine schloss daraus, dass er ihr so seine Dankbarkeit entgegenbrachte beziehungsweise kein schlechtes Gewissen haben wollte, wenn er sie weiterhin genauso piesacken würde wie den Rest der Klasse. Aber mögen konnte er sie ganz sicher nicht.

Doch obwohl sie dies wusste, handelte sie nicht dementsprechend. Sie hatte sich für heute besonders aufreizend gemacht. Natürlich war dies für eine Weihnachtsfeier nichts Unnormales, doch anders als sonst hatte sie beschlossen, ihre Haare offen und gestylt zu tragen und ein hübsches, rosafarbenes Kleid mit etwas weiterem Ausschnitt zu tragen. Falls er kommen würde... Oder falls er hörte, wie jemand über sie redete und sei es auch nur abfällig, weil es von Slytherins kommen würde. Deshalb war sie auch mit McLaggen und nicht mit Harry zur Feier gekommen. Bei Harry hätte er schließlich sofort gewusst, dass sie keinen Verehrer hatte, denn es war allgemeinbekannt, dass sie und Harry nur gute Freunde waren, aber wenn sie mit jemandem wie McLaggen kam, einem arroganten Frauenschwarm, machte sie das dann nicht um Einiges interessanter? Das war jedenfalls ihr Plan gewesen. Vielleicht würde er ja zumindest ein klein wenig so etwas wie eifersüchtig werden, wenn er erfuhr, dass sie mit einem Jungen ausging, und wenn er auch nur plötzlich bemerkte, dass ihm dieser Gedanke nicht gefiel...

Gleich, als sie Slughorns Weihnachtsfeier betreten hatte, hatte sie ihn gesehen – trotz der vielen Gäste, der bunten Behänge und flatternden Feen. Er stand in einer dunklen Ecke und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Wie immer trug er seine schwarze Alltagsrobe – warum sollte er sie denn auch wechseln, wenn er Weihnachten so sehr hasste? Aber warum war er dann überhaupt hier?

Sie war einen Moment stehengeblieben und hatte aus der Ferne zu ihm gesehen, doch es hatte nicht lange gedauert, bis er diesen Blick erwidert hatte. Sie hatten sich beide regungslos und schweigend angestarrt, bis McLaggen auf Hermine zugestürmt gekommen war, sie umarmt hatte und zum Buffet gezerrt hatte…

Plötzlich holte sie ein Geräusch aus ihren Erinnerungen. Sie war sich nicht ganz sicher, aber waren das etwa Schritte? Sie blieb stehen und lauschte. Ja, jetzt war es ganz eindeutig – jemand kam den Gang entlang. Dieser jemand kam aus der gleichen Richtung wie Hermine. Sie hatte auf einmal das beklemmende Gefühl, verfolgt zu werden. Panisch bei dem Gedanken, dass McLaggen ihr hinterherkam und sie hier mit ihm ganz alleine in diesem menschenverlassenen Gang sein würde, drehte sie sich um, murmelte „Nox" und begab sich in Verteidigungsposition.

Die Person näherte sich, ihre Schritte klangen zielstrebig, aber nicht hektisch.

Dann konnte Hermine Licht in einiger Entfernung entdecken. Also hatte diese Person wohl ebenfalls einen Lumos-Zauber ausgesprochen.

Auf einmal hörte Hermine, dass die Person stehen blieb. „Wer ist da?!", fragte sie, als nichts geschah, und versuchte, so gut es ging, ihre Furcht zu verstecken. „Zeig dich!"

„Sie sollten einen etwas höflicheren Ton anschlagen, wenn Sie kein Nachsitzen möchten, Miss Granger", antwortete Severus Snape und kam in Sichtweite. Er blieb ungefähr einen halben Meter vor ihr stehen und sah bedrohlich auf sie herab.

„Professor Snape? Was machen Sie denn hier? Sie können hier doch nicht so unheimlich umherschleichen! Haben Sie mich etwa verfolgt?", drückte Hermine mit einem schnellen, wütenden Wortschwall ihre Erleichterung aus.

„Sie haben Ihren Ton ja immer noch nicht geändert", bemerkte er streng.

„Entschuldigen Sie", erwiderte sie ruhig. „Es ist nur so, dass Sie mich erschreckt haben."

„Das tut mir Leid, das wollte ich nicht", sagte er ehrlich.

Hermine sah ihn mit einem kleinen Lächeln an und meinte: „Wie kommt es eigentlich, dass Sie nur an Weihnachten so freundlich gesinnt sind? Ich dachte, Sie mögen das Fest nicht?"

„Mag ich auch nicht", antwortete er, ohne die Miene zu verziehen.

„Aber…?", hakte sie nach.

„Aber das geht Sie nichts an", sagte er barsch.

„Okay, okay", erwiderte sie und hob beschwichtigend die Arme. „Also, haben Sie mich nun verfolgt?"

„Hätten Sie denn Angst vor mir, wenn ich die Frage bejahen würde?"

Da musste Hermine leise lachen. „Sie wissen doch, dass ich keine Angst vor Ihnen habe."

Da trat er einen weiteren Schritt nach vorn, sodass er nun nur wenige Zentimeter von ihr entfernt stand. „Und nun?", fragte er in seiner langsamen, bedrohlichen und dunklen Stimme.

Hermines Lachen erstarb. Ernst sah sie in seine Augen. „Nein, nie. Ich werde in Ihnen immer den lieben Zauberer sehen, der mir damals geholfen hat, meine Eltern wiederzufinden. Sie sind nicht böse, Sie würden nie jemandem etwas tun, wenn es sich vermeiden ließe."

Einen Augenblick sah er ihr nur aufmerksam in die Augen, wie um herauszufinden, ob sie log. Eine Mischung aus Misstrauen und Verletztheit war auf seinem Gesicht zu erkennen, als er leise fragte: „Denkst du das wirklich?"

Hermine nickte – und schloss dann blitzschnell den geringen Abstand zwischen ihnen und legte ihre Lippen auf seine.

Snape war zuerst wie erstarrt. Weit hatte er die Augen aufgerissen, doch als er begriff, was hier geschah, erwiderte er umgehend den Kuss…

XXXXX

„Was hast du damals eigentlich gedacht, als du mich da in London auf dieser Bank gesehen hast?", fragte Hermine ein paar Stunden später. Sie lag in seinem weichen Bett und kuschelte sich an ihn.

Sie hatten es aufgrund von Umwegen und Geheimgängen unbemerkt bis in seine Räume geschafft. Sie hatten sich in sein Wohnzimmer gesetzt, er hatte ihr Wein angeboten und sie hatte dankend angenommen. Sie hatten auf den Abend angestoßen und einen Schluck getrunken. Als Hermine noch am Überlegen war, wie sie den Kuss von eben wiederholen könnte, ohne dass es peinlich wäre, war er schon aufgestanden und vor sie getreten, hatte ihre Hände in seine genommen, sie sanft zu sich hochgezogen, ihr eine Haarsträhne hinters Ohr gestrichen und sie dann geküsst. Einfach so, ohne Hemmungen, vorsichtig und so lieb wie sie ihn immer in Erinnerung hatte. Es war danach für sie das Natürlichste von der Welt gewesen, sich von ihm in sein Schlafzimmer tragen zu lassen…

„Was ich gedacht habe?" Er lachte leise und drehte sich so, dass er sie sehen konnte. „Zuerst war ich natürlich verwundert. Was macht denn so ein kleines Mädchen hier draußen so ganz alleine? Dann dachte ich, das ginge mich nichts an und ich hätte Wichtigeres zu tun. Aber schließlich wurde mir klar, dass ich die Kleine nicht einfach sich selbst überlassen konnte. Und so bin ich zu dir gegangen und habe mich neben dich gesetzt. Und was dachtest du?"

Hermine stützte sich auf einen Ellbogen, sodass sie von oben auf sein Gesicht schauen konnte. „Als ich dich das erste Mal gesehen habe, musste ich kichern. Deine Roben sahen einfach zu fremdartig aus." Sie kicherte, fast so wie damals. „Aber dann bist du auf mich zugegangen und ich hatte schreckliche Angst. Meine Eltern hatten mir immer erzählt, dass ich mich bei fremden Personen in Acht nehmen sollte, und besonders bei in schwarz gekleideten Männern."

„Das heißt, es gab einmal einen Augenblick, in dem du dich vor mir gefürchtet hast?", fragte er ungläubig. „Das brauch ich schriftlich."

„Ha, ha" sagte sie und gab ihm lachend einen Kuss. „Ja, dein Anti-Kinder/Schüler-Schutz hat auch bei mir gewirkt – bis du mir von der Zauberei erzählt hast. Sie hat mich sofort fasziniert, auch wenn ich dir natürlich zuerst nicht glauben wollte."

„Natürlich", scherzte er.

„Aber diese bunten Funken, die plötzliche Wärme, die ich in mir fühlte, dieses weiße Reh – es war alles so wunderbar."

„Ja…", erinnerte er sich an den besagten Abend. „Ich habe dich von diesem Augenblick an sehr faszinierend gefunden. Du warst sehr reif für dein Alter und ziemlich intelligent."

„Ach, und heute nicht mehr?", fragte sie gespielt beleidigt.

„Doch, natürlich auch", erwiderte er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Sie lächelte. „Wow, von da an schon? Ich habe mich immer gefragt, ob ich dir vielleicht egal sei."

„Wieso denn das?"

Sie sah ihn böse von der Seite an.

„Ja, ja, ich weiß schon", wehrte er sofort ab. „Ich war nicht besonders nett zu dir."

„Das ist noch freundlich ausgedrückt. Weißt du eigentlich, wie viele Tränen ich deinetwegen vergossen habe?!"

„Das wollte ich nicht", sagte er ehrlich und strich ihr über die Wange.

Sie nahm seine Hand. „Aber warum hast du das überhaupt gemacht?"

„Aus Selbstschutz. Ich fing an, dich immer mehr zu mögen, und das ging natürlich nicht – es geht jetzt eigentlich auch nicht, aber ich habe den Kampf gegen mich selbst aufgegeben. Ich dachte mir immer vorher, wenn ich dich von mir halten würde, würde dieses Gefühl vielleicht verschwinden."

„Aber das tat es nicht?"

„Offensichtlich nicht", lachte er. „Außerdem hast du dich überhaupt nicht von mir abschrecken lassen und bist trotzdem immer wieder aufgetaucht. Zum Beispiel gleich in deinem ersten Schuljahr. Warum bist du eigentlich damals kurz vor den Ferien zu mir gekommen? Nur um mir Fröhliche Weihnachten zu wünschen?"

„Ich bin nun mal so höflich. Ich war zuerst beim Lehrerzimmer, um dort alle zu grüßen, aber als du nicht dort warst, bin ich zu deinem Büro gegangen." Sie zuckte mit den Schultern, als wolle sie sagen: Was ist schon dabei?

Er schüttelte nur mit dem Kopf. „Und ich dachte, du wolltest mich ärgern."

„Was, wieso das denn?", fragte sie bestürzt. „Das wollte ich nie! Ich wusste da doch noch gar nicht, dass du Weihnachten nicht magst."

„Stimmt, das habe ich dir erst an dem Abend gesagt. Und du hast es einfach ignoriert."

„Ich fand meine Idee mit dem Brief ein Jahr später gar nicht so schlecht", gestand sie grinsend.

„Ja, ja, ist ja schon gut."

„Hast du den eigentlich noch?"

„Deinen Brief? Oh, ja." Dann drehte er sich zu seinem Nachttisch, zog den Brief aus der obersten Schublade heraus und gab ihn Hermine. „Ich habe ihn mittlerweile so oft gelesen, dass ich ihn auswendig kann. Und jedes Mal, wenn ich ihn las, habe ich mich selbst verflucht…"

„Oh, Severus, nicht doch!", rief sie bestürzt.

„Du warst so verdammt jung…"

„Aber ich hatte damals auch schon etwas gefühlt. Und ich hatte immer gedacht: Er ist so verdammt alt…" Sie lachte.

„Du mochtest mich schon damals?", wollte er ungläubig wissen.

„Ach, Severus, ich habe dich schon immer gemocht. Weißt du noch damals, als mich der Vielsafttrank in eine Katze verwandelt hat?"

Snape konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ja, ich erinnere mich."

„Und weißt du auch, dass ich total verwundert war, dass du mich nicht ausgelacht hast?"

„Das war deine größte Sorge? Warum ich dich nicht auslache? Erstens, wenn ich dir nicht bald ein Gegenmittel gebracht hätte, wärst du vielleicht für immer eine Katze geblieben, und zweitens, sahst du selbst als Katze sehr faszinierend aus. Mir kam es gar nicht in den Sinn, dich auszulachen."

„Hast du mich deshalb nicht bei Madame Pomfrey verpetzt?"

„Ja, auch. Ich konnte doch nicht riskieren, dass meine Lieblingsschülerin von der Schule flog. Außerdem brauchte ich ja dieses Druckmittel, um dich für alle Zeiten zumindest an Weihnachten los zu sein." Nun grinste er schelmisch.

„Hat ja wunderbar geklappt", sagte Hermine ironisch.

„Ja, das stimmt. Aber das hatte es selbst damals schon nicht."

„Wie meinst du das?"

„Erinnerst du dich noch daran, wie du mich durchschaut hast, dass ich dir ein Angebot machen wollte?"

„Ähm… möglich."

„Jedenfalls hatte es mich sehr erstaunt, denn bis dahin hatte mich niemand durchschauen können – außer dir. Du warst die erste, die mich verstand, ohne vorher meine Gedanken gelesen zu haben."

„Das wusste ich nicht", sagte sie erstaunt.

„Woher auch?", meinte er.

„Aber ich weiß noch, dass wir uns sehr lange, ungewöhnlich lange, die Hand gegeben haben." Bei der Erinnerung musste sie lächeln und strich behutsam über Snapes Handrücken.

„Ja." Snape hatte die Augen geschlossen. „Es war das erste Mal, dass wir uns so berührt haben."

„Es war wunderschön", flüsterte Hermine.

„Das dachte ich auch", sagte Snape und öffnete wieder die Augen. „Und wegen dieses Gedankens hab ich mich am Abend betrunken, um mit mir selbst klar zu kommen. Hat nicht wirklich funktioniert…"

„Das darfst du nicht!", rief sie wieder und warf sich in seine Arme. „Du darfst dich nicht so fertig machen! Es ist alles in Ordnung."

Als er merkte, dass sie den Tränen nahe war, streichelte er ihr beruhigend über die Haare. „Erinnerst du dich noch an das Festessen in deinem dritten Schuljahr?", fragte er, um sie abzulenken.

Sie nickte. „Wie waren uns bei allem einig. Zum Beispiel, wie dämlich wir Professor Trelawneys Vorhersagen fanden. Du hast mich dauernd beobachtet. Das hatte mich gefreut aber auch beunruhigt, weil ich nicht wusste, ob du etwas Bestimmtes vorhattest."

„Das wollte ich nicht. Als du in die Große Halle kamst, musste ich plötzlich wieder an unser Erlebnis vor einem Jahr denken. Und danach konnte ich dich nicht mehr aus meinen Gedanken bekommen und musste immer wieder zu dir sehen."

„Weißt du noch, wie du den Geierhut aus dem Knallbonbon gezogen hast?", fragte sie dann und musste bei der Erinnerung lachen. Sie drehte sich wieder so, dass sie ihm ins Gesicht sehen konnte.

„Ja…", gab er zähneknirschend zu.

Da musste sie noch lauer lachen. „Apropos lachen", sagte sie, als sie sich wieder beruhigt hatte. „Warum warst du eigentlich so irritiert, als ich über deinen Spruch wegen Professor Trelawney lachen musste?"

„Es hatte vorher noch nie eine Schülerin wegen einer meiner Aussagen gelacht. Das war sehr ungewöhnlich."

„Ach so, ich dachte schon, ich hätte was falsch gemacht."

„Nein, überhaupt nicht. Du hattest mich nur überrascht."

„Das wird ja immer besser", sagte Hermine. „Erst bin ich die erste, die dich durchschaut, und dann auch noch die erste, die über deine Witze lacht. Ja, das gefällt mir. Kannst du bitte so weitermachen?"

„Du warst die erste Schülerin, der ich helfen wollte, und die erste, der ich ein Kompliment gemacht habe."

Jetzt sah sie ihn mit großen Augen verwundert an. „Wann?"

„In deinem vierten Schuljahr, als du weinend in der Kutsche draußen vor dem Weihnachtsball gesessen hast."

Sie nickte ernst, als sie sich erinnerte. „Du warst auf einmal so unglaublich freundlich", sagte sie. „Das ganze Jahr ignorierst du mich oder sagst so gemeine Sachen wie das mit den Biberzähnen, und dann plötzlich, als du mich mehr als verwundbar findest, möchtest du mir helfen. Ist dir bewusst, dass du mich in diesem Moment hättest loswerden können? Du hättest mich nur niedermachen zu müssen und ich hätte jede Hoffnung in dich verloren…"

Er seufzte. „Ja, im Nachhinein wurde mir das auch bewusst. Aber in dem Moment, in dem ich dich weinend sah, konnte ich nicht anders, als mich zu dir zu setzen und dich zu trösten. Zumindest wollte ich das, aber du hast es nicht zugelassen…"

„Ich weiß und es tut mir unglaublich Leid. Aber du hast mir auf einmal Angst gemacht, weil du so vollkommen anders warst als sonst. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte… Aber ich wollte auch nicht, dass du gehst!"

„Hast du mich deshalb am Arm zurückgehalten?", wollte er wissen.

„Das weißt du noch?"

„Ich weiß noch fast alles, was zwischen uns jemals vorgefallen ist", erwiderte er mit einem vorsichtigen Lächeln. „Ich weiß auch noch, wie bezaubernd du an diesem Abend aussahst."

„Meintest du etwa mich, als du gesagt hast: Sie sind hübsch?!"

Snape zog die Stirn kraus. „Wie war noch mal der Zusammenhang?"

„Ganz am Ende meintest du, du habest einen Unterschied an meinen Zähnen bemerkt, also, damals, als sie Bibergröße hatten. Und dann der Satz: Sie sind hübsch. Da wusste ich nicht, ob du nun die Zähne oder mich meintest, und fragen wollte ich dich natürlich auch nicht…"

Snape überlegte einen Augenblick, dann zuckte er mit den Schultern und meinte: „Vermutlich beides."

„Das zum Thema, du wüsstest noch alles, was zwischen uns vorgefallen ist", lachte Hermine.

Fast", betonte Snape. „Ich habe fast gesagt und nicht alles."

„Ja, ja, red dich nur raus", erwiderte sie weiterhin lachend.

„Aber an letztes Jahr kann ich mich trotz meines damaligen Zustandes sehr wohl erinnern", flüsterte er dann und Hermines Lachen verstummte sofort.

„Du kannst dir nicht vorstellen, was ich für Angst um dich hatte", erwiderte sie leise.

„Du hast mich gerettet – das ist es, was heute zählt."

„Nicht alleine, ohne Mrs. Weasleys Hilfe hätte ich das niemals geschafft und du wärst vermutlich…" Sie konnte den Satz nicht beenden. Tränen stiegen ihr bei der Erinnerung in die Augen.

Snape nahm sie fest in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Weißt du noch?", versuchte er, sie abzulenken.

„Ich wusste, dass du das bemerkt hast!", rief sie dann.

„Ich habe alles mitbekommen, mal mehr, mal weniger deutlich, aber deine Anwesenheit konnte ich immer spüren, und zwar nicht nur, wenn du meine Hand hieltst."

„Ich hatte gemerkt, dass du deutlich ruhiger schliefst, wenn ich das tat."

„Jaah…", seufzte er.

Sie drehte sich so, dass sie ihn ansehen konnte. „Was hattest du?"

„Ich kann es dir nicht sagen, du würdest hinterher anders von mir denken…"

„Severus, ich weiß, dass du ein Todesser bist", sprach sie die Wahrheit aus. „Aber auch, dass du auf unserer Seite stehst und als so eine Art Doppelspion zwischen Professor Dumbledore und Voldemort stehst."

Er sah sie verwundert an. „Woher?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich kann eins und eins zusammenzählen. Harry hat mir in unserem vierten Schuljahr von einer Erinnerung in Professor Dumbledores Denkarium erzählt, in der Igor Karkaroff dich als Todesser entlarven wollte. Doch Professor Dumbledore setzte sich für dich ein und erklärte, dass du schon lange für uns arbeiten würdest, während Karkaroff dies aber vehement bestritt. Danach beobachtete ich dich ganz genau und versuchte abzuwägen, auf welcher Seite du wirklich stehst. Du hast natürlich nicht viele Spuren hinterlassen, aber es war etwas in deinen Augen, wenn du mit Professor Dumbledore sprachst, dass mich davon überzeugte, dass du für ihn, für uns arbeitest."

Snape konnte sie nur entsetzt ansehen.

Sie strich ihm beruhigend über die Wange. „Das muss schrecklich sein, so zwischen den Stühlen zu stehen."

Snape sah nur zur Seite, wollte ihr nicht zeigen, wie sehr es ihn mitnahm.

„Aber egal, was geschieht, ich bin bei dir", versicherte sie ihm.

Er nickte nur und schien mit den Gedanken weit weg zu sein…

„Magst du mir nun erzählen, was für ein Fluch dich damals getroffen hat?", versuchte Hermine es nach ein paar Minuten noch einmal.

Zuerst dachte sie, er würde ihr wieder nicht antworten, doch dann erzählte er langsam.

„Ich war in einen Kampf geraten. Der Dunkle Lord hatte mich und ein paar andere Todesser losgeschickt, um einen anderen Schwarzmagier davon zu überzeugen, sich ihm anzuschließen. Normalerweise werde ich nie auf solche Streifzüge mitgenommen, um meine Identität zu bewahren und weiterhin Spion bleiben zu können. Aber der Schwarzmagier war ein alter Bekannte von mir und daher schien ich am geeignetsten zu sein, um mit ihm zu reden. Ich gab mir die größte Mühe, so zu tun, als würde ich ihn überzeugen, aber subtil ließ ich einfließen, dass es besser für ihn wäre, sich Voldemort nicht anzuschließen. Am Ende griff er uns urplötzlich an. Ich weiß selbst nicht genau, welche Flüche mich trafen, und welche ich abblocken konnte. Nur mit letzter Mühe konnten wir fliehen. Ich hatte noch genügend Zeit, zuerst Voldemort und dann Professor Dumbledore Bericht zu erstatten und den Brief an Sirius zu überliefern, bevor sich die Auswirkungen der Flüche bemerkbar machten. Und den Rest kennst du ja…"

Einen Moment blieb es still, bis Hermine es wagte zu fragen: „Ist es sehr schlimm, ein Todesser zu sein?"

Er seufzte. „Ich habe noch Glück mit meiner Position als Spion. Und die Tatsache, dass ich in der Okklumentik recht gut bewandert bin, hilft mir, gewisse Dinge im Verborgenen zu halten. Wäre dem nicht so, wäre ich schon lange getötet worden."

„Musst du auch vor Professor Dumbledore Dinge geheim halten?"

Jetzt lächelte er auf einmal.

Hermine sah ihn verwundert an.

„Es gibt nur eine Sache, die ich von Anfang an niemandem, weder Professor Dumbledore noch Voldemort, gezeigt habe und auch weiterhin nicht zeigen werde – auch wenn es manchmal schwerfällt."

„Und was?"

„Uns beide", lächelte er und gab ihr einen Kuss. „So, und nun möchte ich dich einmal etwas fragen."

„Okay", antwortete sie gespannt, denn seine Miene sah wirklich ernst aus.

„Warum zur Hölle hast du dich mit Cormac McLaggen eingelassen?!"

Im ersten Moment war Hermine viel zu verblüfft, um etwas sagen zu können – sie hatte Cormac schon wieder ganz vergessen. Dann gestand sie ein wenig rot werdend: „Ich wollte dich eifersüchtig machen…"

„Ach, tatsächlich?", fragte er erstaunt. „Nun, um ehrlich zu sein, ist dir das sogar geglückt."

„Echt?" Hermine sah ihn fassungslos an. „Wow, das hätte ich nicht gedacht."

„Ich habe dich gleich gesehen, als du den Raum betreten hattest", gestand nun Snape. „Und wenn ich mich nicht täusche, hattest du mich auch bemerkt, nicht wahr?"

„Ja", erwiderte sie und fügte lachend hinzu: „Auch wenn ich mich gefragt habe, warum du überhaupt freiwillig auf eine Weihnachtsfeier gehst."

„Ich habe lange überlegt, ob ich es tun sollte oder nicht – aber der Gedanke, ein Weihnachtsfest ganz ohne dich zu erleben, behagte mir irgendwie nicht."

„Da hat meine Pawlowsche Konditionierung ja bestens funktioniert", scherzte sie.

„Du hast das geplant?!", fragte er verwundert.

„Nein, natürlich nicht, das war nur Spaß", wehrte sie ab.

„Aber zutrauen würde ich es dir ja bei deiner Intelligenz." Er beugte sich wieder vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Sie grinste ihn nur glücklich verliebt an. Dann wurde sie wieder ernst. „Ich habe dich die ganze Zeit weiter versucht zu beobachten, bis du mit Draco rausgegangen bist."

„Ich habe auch versucht, dich im Auge zu behalten – schließlich musste ich doch wissen, ob du etwas von diesem arroganten McLaggen möchtest – nur, um feststellen zu dürfen, dass du ihn unter dem Mistelzweig stehen lässt." Er grinste bei der Erinnerung.

„Ich gebe zu, dies war nicht eine meiner besten Ideen…", murmelte sie, lächelte aber trotzdem weiter.

„Und als ich dann gesehen habe, wie du einen geheimen und dazu noch verbotenen Gang betratst, war ich einfach zu neugierig und musste dir folgen."

„Du hast mich ziemlich erschreckt."

„Das wollte ich nicht."

„Ich weiß."

„Woher kennst du überhaupt diesen Gang?", wollte er nun wissen.

„Ich weiß nicht, ich habe ihn zufällig in meinem ersten Schuljahr gefundnen und seitdem als Versteck und Zufluchtsort genutzt. Kanntest du ihn vorher?"

„Ja", erwiderte er und sah nachdenklich aus. „Er diente mir in meiner Schulzeit ebenfalls als – wie meintest du so schön – Versteck und Zufluchtsort…"

Wortlos nahm sie ihn fester in den Arm, strich ihm durchs Haar und vermittelte ihm so ein Gefühl von Trost, Geborgenheit und Verständnis. Er ließ alles ebenfalls wortlos geschehen und war ihr im Stillen sogar sehr dankbar dafür.

Nach einer Weile fragte sie: „Ist das hier das Ende?"

Er klang ebenso gefasst und traurig wie sie, als er erwiderte: „Ich hoffe nicht."

Das gab Hermine neuen Mut. „Wir werden nicht auffliegen, keine Sorge. Wir sind beide klug genug, uns zu treffen, ohne dass es jemand bemerkt."

„Deshalb mache ich mir keine Sorgen…"

„Weshalb dann?"

Er seufzte, rang nach Worten und flüsterte schließlich nur. „Es kann sein, dass bald etwas sehr Schlimmes passieren wird…"

Sofort spannte sich Hermine an, sah ihm ernst ins Gesicht und forderte: „Was? Was wird geschehen?"

Er sah, dass sie Angst hatte, aber er konnte sie nicht beruhigen. „Ich kann und möchte es dir nicht sagen, aber" – hier richtete er sich auf, sodass er ihr fest in die Augen sehen konnte, zum Zeichen, dass er nicht log – „du musst mir glauben, dass das Ganze seine Richtigkeit hat. Egal, wie schlimm es dir auch erscheinen mag, du darfst niemals daran zweifeln, dass ich auf eurer Seite kämpfe. Verstehst du? Niemals!"

Sie konnte nur nicken, da ihr die Tränen in die Augen gestiegen waren, als ihr bewusst wurde, dass er etwas Schreckliches für Voldemort tun musste.

Er drückte sie fest an sich. „Ich liebe dich, vergiss das bitte nie, ja?"

Sie nickte wieder und schmiegte sich eng an ihn.

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